LULU
8. Dezember 2010
Eine schrille Groteske:
Lulu als Zirkusnummer in
Herheims üblicher Überbebilderung
Wenn man des Dänischen
einigermaßen mächtig ist wenn man dazu noch genau hinschaut, dann kann man aus dem
Programmheft im Kleingedruckten entnehmen, dass die Oper mit dem dritten Akt in
der 2008 von Eberhard Kloke erstellten Form gegeben würde. Weil aber die
Entzifferung des dänischen Programmheftes mühsam ist und man das meist ohnehin
erst im Nachhinein in Angriff nimmt, erlebt man im dritten Aufzug eine
ordentliche Überraschung: eine ungewohnte Instrumentierung, die sich in ihrer provokanten Schrille kräftig von der
schon wohltuend bekannten von Cerha abhebt. Die Pariser Salonszene ist mit
abrupten Schnitten versehen, da Kloke, die im Bergschen Particell verbliebenen
Lücken nicht instrumentiert hat: Dazu verwendet er über weite Strecken als
Begleitung nur eine Bühnenmusik aus Akkordeon, Klavier und Geige und knüpft so
an den Bänkelgesang-Stil der 20er Jahre an. Die Wedekind übernommene
Drehorgelmelodie wird aufgewertet. Die Londoner Schlussszene ist wesentlich
kürzer geraten. Die deutsche Erstaufführung der Kloke-Fassung ist für den 13.
Juni 2011 am Theater Erfurt geplant. Die Herheim-Inszenierung geht erst einmal
nach Oslo zur Den Norske Opera und wird in der kommenden Spielzeit von der
Semperoper übernommen.
Herheims Inszenierung ist
ein grell bunter Overkill von Bildern und Bewegung, deren Sinn sich nicht immer
erschließt. Er hat das Geschehen in einem riesigen Zirkuszelt angesiedelt, über
dessen Spitze in Leuchtbuchstabe der Name LULU schwebt: es wird also Lulu
gegeben. Innerhalb des Zelts ist eine kleine klassische Theaterbühne mit rotem
Vorhang zu sehen; darüber prangt wie am königlichen Schauspielhaus in
Kopenhagen der Spruch „Ej blot til lyst“, was so viel heißen soll: „Hier geht
es nicht nur um Unterhaltung“ (hat mir mein Sitznachbar erklärt!). Dieses
kleine Theaterportal ist um 180° drehbar, dahinter erscheint ein
Schmierentheater, zu welchem im Halbrund eine aus rohen senkrechten Bretten
gezimmerte zu beiden Seiten gestellt wird. Dieses Bühnenbilds von Heike Scheele
ist in seiner Imagination, Versalität und Technik ein Meisterwerk. Gesine Völlm
besorgte die phantasievollen Kostüme, die die Hauptdarsteller im Stil der 20er
kleiden; dazu aber die Nebenrollen und die allzeit präsente Clownerie schrill
und grotesk darstellen. Mit Alexander Meier-Dörzenbach für die Dramaturgie
hatte Herheim sein gesamtes Leitungsteam komplett zur Hand.
Beim Prolog des Zirkusdirektors
beginnt vor der riesigen halbtransparenten Silhouette des Zirkuszelts, das sich öffnet, den Blick auf das kleine Theater
freigibt, dessen Vorhang sich öffnet: Lulu steht im Evastrikot im Bühnenprospekt als
Eva inmitten eines Rousseau-Gemäldes, aus dem sie heraustritt, ihre Silhouette
als Loch zurücklässt und dem Zirkusdirektor einen Apfel überreicht. Dann dreht
sich die Bühne im Zelt; es wird als Maleratelier das Schmierentheater sichtbar;
an den Wänden hängen die Bilder der Tiere, die der Direktor eingangs
beschrieben hatte; Lulu im weißen Clownskostüm auf einem Hocker, der
normalerweise für Raubtiere verwendet wird, der Maler an der Staffelei, aus der
ebenjene Silhouette ausgespart ist. Die Szene wie alle weiteren wird von sechs
Clowns begleitet, die oben auf einer Rampe stehen und das Geschehen beobachten,
die Akteure anfeuern mit gebärdenreichen
rhythmischen Tanz anfeuern und so auch jeden Fortgang der Handlung
feiern, so auch die bedauerlichen Todesfälle. So wird der Handlungskern in einen
surreal anmutenden maskenhaften Rahmen gestellt, Kontrast zwischen dem
Lächerlichen und dem Erhabenen.
Das wirkt makaber und wird
in der Wirkung noch dadurch verstärkt, dass die jeweiligen Opfer nach ihrem
Ableben an einen seitlich stehen Schminktisch gebracht werden, zu Clowns
umgeschminkt werden und sich dann dem Totentanz der restlichen Clowns zuzugesellen.
Im Verlauf werden die weiteren Szenen jeweils durch raffinierte Variationen des
großen Zirkuszelts und des kleinen Theaters glaubhaft gemacht. Die Theatergarderobe
liegt folgerichtig hinter dem kleinen Theater, die Garderobiere verehrt Lulu
abgöttisch; das Publikum im Tanztheater wird druch den geöffneten Vorhang
sichtbar: es sind die Clowns. Die Skandalszene wird somit für das Opernpublikum
sichtbar. Zum Salon des Dr. Schön wird der Raum am weitesten geöffnet. Überall
stehen hohe Lulu-Portraits aus ihren verschiedenen Schaffensphasen; hinter
ihnen die Clowns, die sich nun mit den Bildern bewegen, schließlich
hervortreten, um das Ende des Dr. Schön zu beklatschen. Die filmische
Überbrückung zwischen Szene 1 und 2 im zweiten Aufzug ist ersatzlos gestrichen,
was der
Der dramaturgischen
Stringenz sehr schadet. So gibt es kein Zeitintervall zwischen der Festnahme
von Lulu nach dem Mord an Dr. Schön durch zwei als Polizisten auftretende Clowns
und ihrer Rückkehr aus dem Gefängnis; hier etwas abseitig dargestellt als das
Vorschieben eines angestrahlten hellen Skeletts, hinter dem Lulu kaum sichtbar
wird. Das Skelett wird in ein Brautkleid gesteckt, während es von Alwa liebkost
wird. Vor der Abreise nach Paris steigt der Schigolch, der hier als eine Art
Dämon auftritt, schräg in die Luft auf. Alwa hat die ganze Zeit über an
„seiner“ Oper weiter geschrieben. In einen schlecht sitzenden Anzug gezwängt ist
er in Outfit und Maske deutlich an Alban Berg angenähert. In der Oper wirkt er
als Loser, der sich gegen seinen dominanten Vater nicht emanzipieren kann. Zu
Beginn des dritten Akts steht er als Dirigent vor den Clowns, die hier ein
Bühnenorchester simulieren. Die Musik kommt aber glücklicherweise aus dem
Graben. Der Theatersaal wird zum Pariser Salon, in welchem sich eine Groteske
abspielt, die von der Dramaturgie völlig abhebt. Zum letzten Bild wandeln sich
die Clowns in fast reglose Voyeure mit Schirm und Melone im englischen Regen und
betrachten das auf der kleinen Bühne
(„Ej blot til lyst“) angesiedelte fürchterliche Geschehen Die
Champagner-Flasche des Professors dient dem Neger zum Erschlagen von Alwa; Lulu wird von den Regenschirmen der
Menge hingemacht , während sich Jack der Geschwitz „annimmt“.
Lulu ist in dieser Inszenierung
von Anfang an Täterin, die den Maler verführt, dem Medizinalrat – kaum das er
tot ist – den Ehering abzieht, ebenso wie später dem Maler und Dir Schön, um
ihn wie in einem Reigen immer sinnvoll weiter verwendet. Der Tod des Malers
führt zu keinem Wimpernzucken bei ihr; ihren eigenen Abstieg scheint sie gar
nicht wahrzunehmen. Die Vernichtung des Dr. Schön betreibt sie kaltblütig.
Dessen tragischer Niedergang vom souveränen Geschäftsmann und Regisseur zu
einem Häuflein Elend ist drastisch dargestellt. Die Geschwitz und der Maler
bleiben farblos, die Nebenfiguren sind grell überzeichnet.
Bei der musikalischen
Darbietung bot sich ein gemischtes Bild. Michael Boder bot mit der weitestgehend
perfekt aufspielenden königlichen Kapelle ein lucides, streckenweise aber auch
grelles Dirigat. Überzeugend die Gestaltungskraft von den kammermusikalisch
geprägten Szenen bis zu den gewaltig instrumentierten Tutti. Das war vom
Feinsten. Anders dagegen die Sänger. Alwa und der Maler (Johnny van Hal und
Peter Lodahl) wetteiferten um schmale Höhen. Die Lulu der Gisela Stille fiel
zwar durch blendende Bühnenpräsenz auf, aber ihre Höhen waren schrill und
klangen verzerrt. Dazu kam, dass sie auch in der Mittellage nicht
textverständlich singen konnte. Randi Stene gab die Gräfin Geschwitz mit zarter
kleiner Stimme ohne Durchschlagskraft. Darstellerisch hatte sie keine
Ausstrahlung. Stimmlich überzeugend dagegen der Dr. Schön / Jack the Ripper von
Johan Reuter. Sein wohltönender Bassbariton mit guter Sprachverständlichkeit
korrespondierte mit seinem Auftreten „zu seinen besseren Zeiten“. Magne
Fremmderlid sang den Dompteur, Theaterdirektor und Athleten mit kräftigem Bass mit
passender Statur und gut textverständlich. Sten Byriel hatte in seiner bizarren
etwas Mephistophelisches, wozu sein etwas trockener, kerniger Bass bestens
passte.
Die Vorstellung war sehr gut
besucht (Abonnenten); aber einige hundert Zuschauer verschwanden schon während
der ersten Pause. Der Rest spendete reichlichen Beifall. Freunde der
Herheimschen Inszenierungen sollten sich um Karten für die Aufführungen dieser
Produktion in der Semperoper 2011/2012 -
hoffentlich in besserer Besetzung – bemühen.
Manfred
Langer
Tristan und
Isolde
7.12.2010
Nicht viel Neues bei Stig Fogh Andersens Tristan in
Kopenhagen
Stig
Andersen, der auch den Tristan gab, präsentiert die Oper in einem
Einheitsbühnenbild von Steffen Aarfing. Während man im ersten Aufzug auf den
ersten Blick noch meinen konnte, es handle sich um das Innere eines Schiffs, so
suggerierten doch der zweite und dritte Aufzug, dass man sich in einem Gefängnis
im Stil der Postmoderne befindet. Der ziemlich weit vorne befindliche
Bühnenabschluss besteht aus einer großen hellgrauen Mauer aus sauber behauenen Steinen, davor in drei
Ebenen eine Stahlstellage mit Laufstegen und Geländer, verbunden jeweils durch
eine Stahltreppe parallel zur Hinterwand verlaufend. In der Mitte der Bühne
befindet sich eine hohe Mauerscheibe mit einem Rundbogen auf dem Erdgeschoss
und zwei großen kreisförmigen Öffnungen vor den beiden oberen Etagen. In dieser
Kulisse kann das Spiel durchaus glaubwürdig ablaufen.
Von
der zweiten Etage singt der junge Seemann herunter und betrachtet dann während
des ganzen Aufzugs das Geschehen. Brangäne befindet sich mit Isolde unten,
Tristan mit Kurwenal auf dem Laufsteg der ersten Etage. Alle Personen sind in moderne
hellgraue Kostüme gekleidet, die Damen mit schwarzen Leggings (Kostüme: Bob
Katzenelson). Kurwenal ist einarmig dargestellt. Im zweiten Aufzug treten
Tristan und Isolde mit königlichen Übergewändern auf, Isolde mit Krone. Das
Geschehen wird durch farbige Projektionen auf die hellgraue Kulisse
eindrucksvoll unterlegt. Beim „Sink hernieder“ erscheinen fahl violette Bäume,
beim zweiten Wachtgesang „schon weicht dem Tag die Nacht“ erscheint dahinter
schmutzig-gelbliches Morgenrot; beim Eindringen Melots und Markes (in dunkler
Hose und hellgrauer Strickweste) ist es blassblauer Tag geworden. Im dritten
Aufzug erscheinen Projektionen des Meeres zu den passenden Textstellen. --- Die
Personenregie ist über die ganze Oper hinweg ziemlich spärlich, die wenigen
Szenen mit dramatischem Gehalt gelingen nicht. Ein kleiner verfremdender
„Einfall“: während des Vorspiels zum dritten Aufzug gehen Protagonisten als
einfache Menschen auf die Bühne und kleiden sich dann dort ein; z.B. versteckt
Kurwenal wieder einen seiner Arme unter dem Kittel… Zum Schluss wird es sehr
statisch bis zum Rampengesang. Tristan, Melot und Kurwenal liegen nach ihrem
Tod als leere Gewänder anstelle der Leichen auf der Bühnen, während die aus den
Kostümen geschlüpften Darsteller zusammen mit dem anderen Personal regungslos
auf der Bühne stehen und Isolde bei ihrem Schlussgesang zuschauen. Dabei werden
aus der Kulisse einige schmale Wandelemente nach oben herausgezogen: das
Gefängnis hat sich geöffnet…
Cornelius
Meister leitete „Det Kongelige Kapel“ zu Höchstleistungen an. Er begann das
Vorspiel sehr zart und filigran mit
einem etwas zu breiten Tempo, arbeitete dann aber eine ungeheure Steigerung
heraus, ehe das Vorspiel versank. Es folgte ein sehr emotionales Dirigat bis
fast zur Exaltation; mit den sehr konzentriert spielenden Bläsern wurden
fantastische Farben gezaubert: Die Perfektion des Orchesters reichte vom
mysteriösen Posaunenspiel im Pianissimo bis
zu den aufwühlenden Bass-Tremoli und der satten Streichergrundierung. Den
kleinen Chor stellte der Dirigent auf den 4. Balkon, was einen schönen
Raumklang erzeugt (und was soll ein Seemannschor in einem Gefängnis?). Der
Hörnerschall wurde im Umgang des 2. Balkons mit Echo aus dem Graben gespielt.
Leider misslang hier die Synchronisation für die nur der Bildschirm eines
Klapprechners zur Verfügung stand.
Die
Sänger präsentierten sich auf hohem Niveau bis auf einen allerdings sehr
störenden Teil-Ausfall. Eva Johansson gab die Isolde mit einer betörenden
Mittellage mit großer Durchschlagskraft und leicht erklommenen strahlenden
Höhen und perfekter Artikulation. Bis auf den Schlussgesang, wo ihr das (an
diesem Abend?) nicht gelang: versungen! Sie
agierte völlig eindimensional mit schwacher Intonation, verzerrten Höhen und immer
wieder angeschleiften Tönen. Schade, denn das ist der letzte Eindruck der Oper.
Stig Andersen schonte sich in den beiden ersten Aufzügen ganz offensichtlich
und wirkte dabei neben der Johansson etwas blass. Im dritten Aufzug spielte er
aber seine sängerischen und darstellerischen Stärken aus mit viel Kraft bis zum
Ende. Gitta-Maria Sjöberg gab eine famose Brangäne: sie sang ihre Rolle lyrisch
in aller Schönheit aus. Wegen ihres nicht sehr großen Volumens half ihr hier
und da der Dirigent. Auch sie wurde von der Isolde in der Durchschlagskraft
ausgestochen. Mit mächtigem Bassbariton präsentierte sich John Lundgren als
Kurwenal, dabei nicht besonders kultiviert, passend für die Rolle des
Haudegens. Peter Steen Andersen aus dem Opernchor war als der kleine finstere
Fiesling Melot schwarz ausstaffiert und sang die Rolle mit kernigem festem
Bass. Das Glanzlicht der Besetzung stellte Stephen Milling als König Marke dar:
seiner stattliche Statur entsprach sein mächtiger strömender Bass
Das
Interesse des dänischen Publikums an Wagner reicht offensichtlich nicht aus, um
bei einer Wiederaufnahme das große Haus zu füllen, es blieb halb leer. Und von
denen die kamen, hatten viele offensichtlich kein Interesse an der Musik, denn
die Geräuschentwicklung im Saal war teilweise unerträglich. Dabei ertönt in
Kopenhagen vorm Eintritt des Dirigenten in den Graben ein unschönes akustisches
Warnsignal: bitte, leibe Leute, seid jetzt mal ruhig. Es half nichts. Der
Beifall am Ende war aber ungemein herzlich.
Manfred
Langer