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http://www.theater-kr-mg.de/

 

 

 

DIE LUSTIGEN NIBELUNGEN

Krefelder Premiere am 21.10.12,          besuchte Aufführung am 06.11.12

Erinnerung an eine Rarität !

Es ist selten, dass man als Rezensent unbedingt noch einmal eine Aufführung wiedersehen möchte, doch mit Oscar Straus` selten gespielter Operette "Die lustigen Nibelungen" ging mir das so: denn Hinrich Horstkotte hatte in Personalunion als Regisseur, Bühnen-und Kostümbildner einfach eine hinreißende Inszenierung gemacht, die Kritik ist in unserem "Archiv" nachzulesen. Auf der Bühne tobt das wohldurchdachte Chaos von altdeutschem Schrebergarten, der Siebziger-Jahre-Show "Klimbim" und "Wagner goes Trash". Oscar Straus ist dazu eine wunderbar melodiöse Ohrwurm-Musik mit kabarettistischen Texten ganz in der Offenbach-Tradition eingefallen, die Darsteller und die musikalische Leistung können fast getreu von der älteren Rezension übernommen werden. Bernhard Hirtreiter rettet an diesem Abend als Siegfried die Vorstellung und fügt sich ausgezeichnet in das Ensemble und die detailreiche Produktion ein. Einziger Wermutstropfen: da die Mönchengladbacher Serie damals im Ausweich-quartier mit Gesangsverstärkung stattgefunden hatte, müßte in Krefeld manchmal beim Gesang mehr auf Stimmgebung und Textverständlichkeit geachtet werden.

Trotzdem sei allen Operettenfreunden und den nicht ganz so ernsten Wagnerianern diese Aufführung für einen vergnüglichen Abend abseits der ausgetretenen Repertoirepfade ans Herz gelegt.

Martin Freitag

 

 

MAZEPPA             

Russisches Herzblut

17.10.2012 / Bilder siehe weiter unten

Peter I. Tschaikowskys Oper "Mazeppa" gehört nicht zu den bekannten fünfzig Opern des Repertoires, um so schöner, wenn ein finanziell knapp dimensioniertes Haus wie die Bühnen Krefeld/Mönchengladbach die Saison damit eröffnet und, um es gleich vorwegzunehmen, solch eine grandiose Aufführung auf die Bretter stellt. Helen Malkowsky schlägt der schwierigen Dramaturgie des folkloristischen Ersten Aktes mit einer einfachen Idee ein echtes Schnippchen: der eingekerkerte Kotschubej erlebt die Vergangenheit als abstrusen Albtraum, der ihn in seine fatale Lage geführt hat. Doch Malkowskys Arbeit hat noch weitere Meriten, denn sie vertraut einfach der Musik, weniger Aktion auf der Bühne ist eben manchmal mehr, wenn sie mit gesteigerter Intensität einhergeht, wozu Kathrin-Susann Broses mit wenigen Zutaten veränderbares Bühnenbild seine Meriten hinzufügt. Es stört auch nicht wenn der Folkloreplunder mit zeitgenössischen Kostümen (Alexandra Tivig) einhergeht, sondern schärft den Blick auf die heutigen Möglichkeiten des Werkes, das jetzt immer noch in der Ukraine, als Beispiel, stattfinden könnte. Zumal die Szene dem Publikum die nötige Ruhe gibt, sich mit der unbekannten Tschaikowsky-Musik zu beschäftigen, ohne den Inhalt zu verflachen.

Auch musikalisch zieht Alexander Steinitz, der an diesem Abend die musi- kalische Leitung übernimmt, am selben Strang und dirigiert mit den enga- gierten Niederrheinischen Sinfonikern, einen emotional ausbalancierten Tschaikowsky, der die immer wieder überraschende Instrumentierung ins beste Licht stellt, und die reichlich vorhandenen Vorurteile dem Komponisten gegenüber trefflich widerlegt. Die Chöre des Hauses singen und agieren auf Augenhöhe.

Das uneinheitliche Liebespaar ist einfach hervorragend: Johannes Schwärsky in der Titelpartie muss man sich merken, denn der saftige Bassbariton mit der leuchtend emotionalen Höhe straft stimmlich das Alter des Kosaken-hauptmanns Lügen und singt beste italienische Kantilene in russischer Ausprägung. Die junge Maria wird vom neuen Sopran des Hauses gegeben: Izabela Matula sieht nicht nur apart aus, sondern gefällt mit leicht metal-lischem Sopran ganz eigener Farbe, hervorragend für das jugendlich-leicht dramatische Sopranfach, das ins wunderbare Piano zurückgenommene Wiegenlied des Schlusses berührt zutiefst. Mit Hayk Deinyans glutvoller Interpretation und Satik Tumyans emotionaler Darstellung des Elternpaares Kotschubej werden die leicht stimmlichen Mängel absolut aufgewogen. Carsten Süss`Tenor erobert sich mit dem Jugendfreund Andrej drama-tischeres Fach, als von ihm gewohnt, beeindruckt durch flexiblen Wandel, kommt mit zuviel Druck in der Stimme im letzten Akt jedoch auch an seine Grenzen. Mit Matthias Wippich (Orlik), Kairschan Scholdybajew (Iskra) und Andrey Nevyantsev als betrunkenem Kosaken sind die kleineren Partien effektvoll und auf sehr hohem Niveau besetzt.

Die dreieinviertel Stunden russisch gesungene Oper vergeht fast zu schnell und hinterlässt ein begeistertes Publikum, das von dem unbekannten Werk und der grandiosen Vorstellung überrascht und hingerissen ist, für den Kritiker die bislang gelungenste und mitreißenste Aufführung der Saison. Also eigentlich ein Muss für die Opernfreunde der näheren und durchaus weiteren Umgebung.

Martin Freitag

 

 

 

MAZEPPA

Premiere Krefeld am 22.9.2012

Gelungener Saisonstart - Großer Opernabend

Leider fristen durchaus gelungene und schöne Opern von Peter Tschai-kowsky, wie "Die Jungfrau von Orlean","Die Zauberin", "Jolanthe", "Wakula der Schmied" oder "Der Wojedwode" immer noch ein tristes Dasein im Schatten der Ignoranz unserer allmächtigen Theaterintendanten; dafür werden wir mit Onegins und Pique Damen überschüttet.

MAZEPPA - ebenfalls selten zu finden auf den Opernspielplänen der Welt - wird in dieser Saison überraschenderweise gleich an mehreren Häusern gespielt - so auch an den Vereinigten Bühnen in Krefeld/Mönchengladbach. Dass man mit Helen Malkowsky - ihr PARSIFAL aus Kassel ist uns noch in bester Erinnerung - gleich eines der größten Regietalente unserer Zeit für die die Produktion verpflichtet hatte, versprach viel. Und, um es gleich vorwegzunehmen, es wurde ein ganz großer Opernabend - Musiktheater vom Besten! Und es war in der Tat die herausragende Regie, welche das (nicht ohne Grund) so selten gespielte Werk dramaturgisch zu einer grandiosen Dichte führte und das mutige und dem Neuem sehr aufgeschlossene Krefelder Premieren-Publikum drei Stunden unter großer Spannung zusammen hielt.

Die famos gestaltete Einheits-Bühne von Kathrin-Susann Brose bot nicht nur eine zeitlose Spielfläche, welche sich vielfältig gestalten und verändern ließ, sondern beeindruckte durch stark assoziative Bilder, von der Hinterhofsiedlung, über sterile Verwaltungszimmer bis hin zum Gefängnis und dem finalen Trümmerfeld, und imaginierte auch eine enorme szenische Geschlossenheit. Quasi als szenisches Leitmotiv der ersten Akte gab es eine im Eisernen Vorhang fixierte simple Gefängnis-Folterzelle. Gott sei Dank wurde dies Szenario dann nicht allzu plakativ blutig ausgestaltet, dennoch ging die fürchterliche, eher "zeitgemäß" realistische CIA-Stromfolter doch stark unter die Haut. Die Kostüme von Alexandra Tivig waren zeitlos passend und sehr genau auf die verschiedenen Typen zugeschnitten und über die Akte wandelbar; exemplarisch nachzuvollziehen bei Maria. Ein dickes Lob in diesem Zusammenhang mal wieder der (warum eigentlich?) unbenannten Maskenabteilung des Hauses.

Kommen wir gleich zu den vorzüglichen Leistungen der Protagonisten, die sich voll auf das kühne Regiekonzept einließen; allen voran Gast Johannes Schwärsky, der als Mazeppa nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch an die Grenzen des Leistbaren ging. Selten sah man in Krefeld eine so eindrucksvolle Leistung in den letzten Jahren. Ihm stand gestern das hauseigene Potenzial in nichts nach - allen voran die neu verpflichtete Isabella Matula, eine Option für die Zukunft (!) und der langjährige Publikumsliebling und famose Bass Hayk Dèinyan; eine Stimme, wie geschaffen für die großen russischen Partien mit seiner ans Herz gehenden Wärme und tiefen Emotionalität. Carsten Süß (Andrej) bot den nötigen tenoralen Schmelz und Matthias Wippich (Orlik) war ein Bösewicht mit durchaus differenzierter Charakterisierung - fabelhaft. Auch die Comprimarii, Satik Tymyan (Ehefrau) Kairschan Scholdybajew (Iskra) und Jerzy Gurzynski), überzeugten. Insgesamt ein tolles Ensemble welches von einem zupackenden Dirigenten, Mihkel Kütson, stets sicher, sangesfreundlich und mit Empathie durch die russischen Klangwelten geleitet wurde.

Der neue GMD erwies sich als stimmungs-sicherer Tschaikowsky-Dirigent, der nicht nur das kolossale Schlachtgemälde (eine leicht umgewandelte 1812 Ouvertüre) des Zwischenspiels 2./3. Akt con fuoco und fulminant mit den Niederrheinischen Sinfonikern abfeuerte, sondern auch die leisen, stillen (so ungemein beeindruckenden) lyrischen Passagen, vor allem im dritten Akt, ergreifend erblühen ließ. Die nicht unwichtige und schwierige Rolle des Chores wurde von den Krefelder Damen und Herren (immerhin in der Originalsprache) vorbildlich bewältigt (Chor: Maria Benyumova).

Besser, vielversprechender, spannender und interessanter kann eine Opern-saison kaum beginnen. Weiter so! Hoffentlich folgt das Publikum. Ein großer Opernabend am Niederrhein.

Peter Bilsing / 23.9.2012


 

 

MASKERADE

Premiere am 12.05.12

Kostümball im dänischen Bettenlager

Es gibt Opern, die werden einfach zu wenig gespielt, so die heimliche, dänische Nationaloper "Maskerade" von Carl Nielsen, um so erfreulicher, daß sich gerade ein Haus wie Krefeld/Mönchengladbach den Spielplan mit solchen Raritäten schmückt. Nielsen ist eher durch seine Symphonien oder Konzerte bekannt, als durch seine zwei Opern, die erste biblische Oper "Saul und David" hat noch recht oratorienhafte Züge, um so überraschender der Coup mit der musikalischen Komödie "Maskerade", nach einem Lustspiel des "dänischen Goethe" Ludvig Holberg. Zu seiner Zeit und eigentlich auch noch 1906 (UA der Oper) ein amüsantes Spiel um die Freude am Leben und die Freiheit des Denkens, wirkt die Komödie heute etwas verstaubt, was jedoch auch einen eigenen Reiz ausmacht, deshalb hätte Aron Stiehl seine Insze-nierung nicht unbedingt in die Jetztzeit bringen müssen, doch Jürgen Kirners Bühnenbild fängt in seiner leichten IKEA-Ästhetik alles wieder auf, da gibt es eine Sauna, die niedliche Einbauküche, Häuschen mit skandina-vischem Charme und im Maskenball ein riesiges Bett, worin sich Dietlind Konolds poppigen Verkleideten austoben dürfen, ein Hummerballett von Robert North choreographiert bildet einen der optischen Höhepunkte. Stiehl selbst verkauft das Stück leider etwas anbiedernd billig, läßt viel ins Publi- kum singen und neigt zum unnötig derben Klamauk, während des Kostüm- festes wird andauerndes Geschnaksel angedeutet, damit auch wirklich jedem klar wird´daß es rund um die, äh, Liebe (?) geht. Geschmacklos finde ich persönlich, daß man die Zuschauer auch noch zum Klatschmarsch animiert, das hat dann doch übelstes TV-Niveau. Die Handlung könnte einer Com- media dell´arte entstammen, der grobe Polterer, die lebensfrohe Alte, das Liebespaar, die gewitzten Dienerfiguren, alle Ingredenzien finden sich parat, um mit der wirbelnden, gestischen, inspirierten Musik eine Einheit zu bilden, da gibt es bezaubernde Ariosi und hübsche, leicht "dänisch" klingende Refraingesänge alles im Modus des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Graham Jackson weiß das mit den Niederrheinischen Sinfonikern sehr robust zu präsentieren, da würde man noch manchmal etwas Feinschliff vermissen, wenn man nicht durch die animierte Musik so abgelenkt würde. Die Oper ist ein echtes Ensemblestück, was in den vielen Partien gut über die Rampe kommt: an erster Stelle der feine, wie dominante Diener Henrik, der von Tobias Scharfenberger mit modulationsfähigem Bariton zum Dreh-und Angelpunkt des Abends wird. Der Polterer Jeronimus klingt von Hayk Deinyan an diesem Abend mit ungewohnt fahlem Bass, während Satik Tumyan als lebensfrohe Gattin Magdelone stimmlich wie optisch raumgrei- fend erscheint. Michael Siemons Tenor würde an manchen Stellen eine lyrischere Präsenz zu mehr vokaler Anmut verhelfen, doch er macht seine Sache insgesamt gut, an seiner Seite die immer jugendliche Debra Hays als Leonora. Walter Plantés Charaktertenor mit heftiger Bühnenpräsenz als lüsterner Papa Leonard. Markus Heinrich merkt man seine Indisposition als Diener Arv nicht an. Eva Maria Günschmann fällt als Zofe Pernille mit sattem Mezzo auf, wie Andrew Nolen mit jugendfrischem Bariton in alter Einstein-Maskierung. Matthias Wippich im roten Hummerkostüm gibt mit recht haus- backenem Charme den Spielleiter und singt mit recht pathetischem Opern- ton auch den Nachtwächter. Der Chor gibt, bis auf einen kleinen Wackler im Maskenball, eine ausgefeilte Leistung voller Spielfreude, das Ballett tanzt mit viel Verve zu Nielsen grandioser, beschwingter Musik.

Die Premierenzuschauer waren von dem unbekannten Werk mit seiner süffigen Musik sichtlich überrascht, das Unterhaltungskonzept des Regis- seurs ging ebenfalls auf, so kann man wirklich von einem rauschenden Premierenjubel schreiben.

Martin Freitag

 

 

NORMA

Besuchte Premiere am 03.12.11
 

Liebe in Zeiten der Unterdrückung

Erfreulich ist die Renaissance der Werke Vincenzo Bellinis zu nennen, so konnte man sich am 3.Dezember 2011 entscheiden, die Premieren der "Norma" in Dortmund, oder wie gemacht, in Krefeld zu erleben. Die Krefelder Premiere ist eine Übernahme der Inszenierung von Thomas Wünsch am Pfalztheater Kaiserslautern, das Konzept vielleicht schon besprochen, nichtsdestotrotz: Wünsch greift auf die probate Verlegung der Handlung in die Dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, ob die "Gallier" Insassen eines Ghettos oder "lediglich" von den Nazis/Römern okkupierte Franzosen sind, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen.

Die Bilder und schlichten Kostüme von Heiko Mönnich erinnern an den poetischen Neorealismus des italienischen Films oder erinnern an französische Nachkriegsfotographien, auch wenn die Wände des Bühnenbildes einen Backsteinrealismus gerieren, läßt der schwarze Hintergrund das Zeichen "Kulisse" deutlich zu. Leider fällt die Personenregie Wünschs recht bieder und hölzern aus, viel antiquierte Operngestaltung; der Chor steht oder verfällt in Kollektivgestik. Zumal der Regisseur durch unnötige Zwischenvorhänge immer wieder den Fluß der Handlung unterbricht.
 
Rein gesanglich ist Bellinis "Norma" so etwas wie die Königsdisziplin des Belcanto, mit Barbara Dobranska konnte man eine charismatische Sängerin für die Titelpartie gewinnen, deren schöner, individuell gefärbter Sopran in allen Lagen gut klingt, wenngleich sie die leichte Neigung zu tiefer Intonation besitzt, und für meine Meinung, für das Krefelder Haus manches Mal mit zuviel Volumen singt. Mit Janet Bartolova, die alternierend auch die Norma übernehmen wird, hatte sie am Premierenabend eine passend dramatische Adalgisa an ihrer Seite, freilich schmälert ein unschönes Höhenvibrato den Gesamteindruck. Kairschan Scholdybajew wurde nach der Pause als indisponiert angesagt, was man von Beginn hören konnte, doch erfreut der Tenor als Pollione mit einem istinktiven Gespür für die Bedürfnisse des Belcantogesanges, man muß dem Künstler großen Respekt dafür zollen, sich angeschlagen dennoch mit solcher Verve in die leicht heldentenorale Partie zu werfen. Andrew Nolen überzeugte mit stilistisch wohlklingendem Bass als Oroveso, wurde von Orchester- und Chorkollektiv zugedeckt. Hyun Ouk Chos Flavio gefiel solide, mehr als Lilia Tripodis leicht schartige, szenisch aufgewertete Clotilde.
 
Andreas Fellner dirigierte einen sehr dramatischen und robusten Bellini, der die Sänger zu mehr Volumen zwang. Die Partitur bietet mehr Raffinesse auf, als man am Premierenabend hören durfte. Zumal die Niederrheinischen Sinfoniker in der Oper gerade keine Hochphase haben, wie neulich beim "Figaro" einige Unkonzentiertheiten und unnötige Schludereien, obwohl das Flötensolo der "Casta Diva" und das Cellosolo zu Beginn des zweiten Aktes mit viel Emotion erklangen. Die Chöre, szenisch unterfordert, sorgten doch für nötige Subtilität der Priesterszenen, wie Dramatik im "Guerra"-Chor.
 
Insgesamt jedoch eine stürmisch umjubelte Premiere, besonders Gast Barbara Dobranska wurde frenetisch für ihre emotionale Darbietung gefeiert.
 
Martin Freitag

 

 

 

JOSEPH SÜSS

besuchte Aufführung am 6.11.11

Selten genug werden zeitgenössische Opern nachgespielt, bei Detlev Glanerts "Joseph Süß" (UA Bremen 1999) handelt es sich schon um die fünfte Neuinszenierung dieses Werkes, die jetzt in einer Übernahme auf die Krefelder Bühne gelangt ist. Für die Vereinigten Bühnen Krefeld/Mön-chengladbach handelt es sich schon um eine kleine Glanert-Folge innerhalb von zehn Jahren, nach "Der Spiegel des großen Kaisers" und "Scherz, List, Satire und tiefere Bedeutung" jetzt also die dritte Oper des Komponisten. Nachvollziehbar, denn Glanert schreibt in bester Tradition seines Lehrers Hans Werner Henzes eine moderne Musik, die emotional stark nachvoll-ziehbar ist, und scheut auch nicht den einen oder anderen Schönklang. Vorlage ist Lion Feuchtwangers großer Roman "Jud Süß", von der Nazi- propaganda zu einem scheußlichen, antisemitischen Hetzfilm mißbraucht. Joseph Süßkind Oppenheimers Aufstieg als Berater und Bankier des württembergischen Herzog, wie dessen infamen Prozeß und Hinrichtung als Thema habend.

In knapp eineinhalb Stunden und dreizehn Szenen vollzieht sich das Drama, in Krefeld schlüssigerweise ohne Pause gespielt. Sieben Szenen, die letzten Stunden Oppenheimers im Kerker bis zu seiner Hinrichtung, umrahmen Episoden aus dessen Leben, jede Kerkerszene beginnt mit dem Geräusch einer zufallenden Tür und immer schneller tropfendem Wasser als Metapher des verrinnendem Lebens, dazwischen gewaltige Chorszenen, historische Zitate der barocken Originalzeit über ironischen Umgang mittels des Baus eines Opernhauses.

Jan-Richard Kehl will alle Aspekte der Oper ausschöpfen, so findet man sich als Zuschauer zwischen den Protagonisten und dem aufstachelnden Chor wieder, dem gefangenen Oppenheimer auf der Bühne gegenüber, doch vertraut der Regisseur zu wenig Glanerts charismatischer Musik und erschöpft die Aktion in einer Überbilderung, die Darsteller werden die Bühne hinaufgejagt und wieder zurück, Frank Hänigs schlichte Bühne gerät in ein übermäßiges Rotieren, mittels aktuellen Schlagzeilen und Börsenkursen soll dem Finanzier eine Jetzt-Getriebenheit versehen werden, was in einfach zuviel optischen "Input" endet, Hänigs Kostüme passen in ihrer Heutigkeit gut.

Musikalisch läßt es Kenneth Duryea am Pult der sorgsam aufspielenden Niederrheinischen Sinfoniker ordentlich krachen, da wäre weniger Lautstärke und mehr Differenzierung dienlicher. Von den Sängern habe ich persönlich einen etwas ambivalenten Eindruck, bei der tonverstärkten Auführung im Rheydter Ausweichquartiers während des Umbaus war zu rechnen, doch daß ich auch im Krefelder Haus teilweise solch einen akustischen Eindruck hatte, irritierte. Igor Gavrilov sang und spielte die Titelpartie mit üppigem Bariton, eine emphatischere Interpretation könnte ich mir noch denken, auch an der Sprache besteht noch Besserungsbedarf. Grandios als vokaler Fürst des Abends Christoph Erpenbeck, der dem württembergischen Herzog enormes Profil und nötige, unsympathische Macho-Allüren verlieh. Tobias Scharfen-berger als Rabbi Magus blieb da, der Rolle entsprechend, unauffälliger. Mit wohllautendem, doch auch gesanglich recht gleich-förmigem Alt Eva Maria Günschmann als Oppenheimers Tochter Naemi. Debra Hays wie immer ein enormer Aktivposten des Ensembles, als Primadonna Graziella mit kolora-turgeläufigen Barockeskapaden, schuf auch in dieser recht oberflächlichen Partie ein feines Charakterbild.

Isabelle Razawi als Geliebte Magdalena kann man getrost als Juwel der zeitgenössischen Oper bezeichnen, mit schöner Sopranfarbe schuf sie auch schauspielerisch ein interessantes Profil. Walter Plante als Süß´Gegenspieler Weissensee schuf bis zu passend schneidenden Tönen hin eine echte Charakterpartie. Tobias Wessler unterstützt in mehreren Rollen in notiertem Sprechen das Ensemble als Schauspieler. Die Chöre und Statisterie hatten mit engagiertem Einsatz keinen kleinen Anteil am Abend.

Martin Freitag

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com