DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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EIN MASKENBALL

TRAILER

Premiere in Krefeld am 14. Januar 2017

Erstaufführungspremiere am 11.9.2015 in Rheydt

Teilweise misslungene US-Adaptation

Die Premiere von Guiseppe Verdis „Ein Maskenball“ in Krefeld, der Opern-Schwester von Mönchengladbach, stand offensichtlich unter keinem guten Stern. Zum einen handelt es sich genau genommen nur um eine Wiederaufnahme in anderer „location“, der ganze Tross aus Kulissen, Orchester, Sänger und Chor inklusive Dirigent hatte mal gerade 25 km Ortswechsel hinter sich. Aber das ist schon in Ordnung so, jede Bühne liebt ihr eigenes Premieren-Publikum, mit dem sie feiern möchte. Von daher gesehen ist eine erneute Besprechung der Aufführung in Krefeld eigentlich entbehrlich, es sei denn, der Rezensent ist in Teilen ganz andere Meinung oder es hat einen Wechsel bei den Sängern gegeben.

Letzteres ist kurz vor der Premiere passiert; Michael Siemon, den Sänger des Ricardo, und auch seinen „Ersatzmann“, hatte eine üble Erkältung dahingerafft. Der im letzten Moment gefundene Waliser Timothy Richards, mittlerweile zum Haustenor der Komischen Oper Berlin arriviert und Gastsänger an so bedeutenden Bühnen wie der Semperoper oder der Oper in Köln, konnte glücklicherweise einspringen und die Aufführung retten. Er ist ein alter Bekannter des Hauses und war 2005/6 im italienischen und französischen Fach fest engagiert. 

Die weitgehend positiven Besprechungen der Premiere in Mönchengladbach in der Presse (so auch von Jochen Rüth im Opernfreund) konnten, was zumindest den ersten Teil der Aufführung angeht, nicht recht nachvollzogen werden. Das mag am späten Einstieg des Ricardo und einer gewissen Nervosität des Teams gelegen haben. Richards ist kein italienisch timbrierter Tenor, vielleicht ein wenig unbeweglich; aber seine Stimme sprach im Piano gut an, ist sehr präsent und wird differenziert eingesetzt. Gerade in den hohen Lagen prunkte Richards mit strahlenden Spitzentönen; man hörte ihm durchaus gerne zu. Johannes Schwärsky als sein Gegenspieler Renato verfügt über einen vollen und wohl klingenden Bass- Bariton, den er aber nur sehr eindimensional und vor allem in seiner großen Arie im dritten Akt eintönig laut einsetzt. Hayk Dèinyan und
Andrew Nohlen mimten und sangen die Verschwörer ganz prima.

Izabela Matula, welche in dieser Aufführung die Amelia, die von Ricardo begehrte Gemahlin Renatos, verkörpert, verfügt über einen auch in den Spitzentönen  sehr sicher geführten Sopran, aber auch sie singt zumindest in den ersten beiden Akten durchgängig zu gleichmäßig und zu laut. Man vermisst die lyrisch zarten Passagen. Das wurde aber in der zweiten Hälfte des Abends deutlich besser. Izabela Matula gelangen nun sehr anrührende Szenen voller Emotion und Verinnerlichung. Vielleicht hat  der Dirigent Mikkel Kütson ja  in der Pause noch die notwendige „Feinjustierung“ vorgenommen. Eva Maria Günschmann als Wahrsagerin Ulrica bringt ihren prächtigen, dunkel timbrierten Alt in einen sehr fragwürdigen Akt ein, für dessen Regie (Andreas Baesler) und auch für die alberne Verkleidung durch Caroline Dohmen sie nicht verantwortlich ist. Sehr erfreulich Sophie Witte als Oscar; ein properes Persönchen mit glockenhellem Sopran und gewinnendem Auftreten. Vielleicht kann man ihr albernes Tänzchen etwas reduzieren, Die kleineren Partien wurde von Shinyoung Yeo und Xianghu  Alexander Liu (Mitglied des Opernstudios) sehr ordentlich und rollengerecht gesungen und gespielt.

Leider konnte auch das Orchester nur teilweise überzeugen. Manche Wackeleien, oft zu lautes und schrilles Blech, Unsauberkeiten, schlechte Synchronisation mit der Bühne und ein unglückliches Violinsolo im letzten Akt führten immer wieder zu Stirnrunzeln. Symptomatisch dafür ist vielleicht der viel zu späte Knall nach dem Schuss auf Ricardo. Aber über das kann man alles hinwegsehen bzw. -hören, wenn denn auf der Bühne alles stimmen würde. Und da hakt es am meisten.

Die Verlegung der Handlung in das Oval Office des Weißen Hauses mag im ersten Akt ja stimmig sein (Bühne von Hermann Feuchter), aber auch nur dort. Die Zauberin Ulrika ihr Voodoo im selben Raum auf einem runden Tisch abspulen zu lassen und die versuchte Verführung von Amelia durch Ricardo, beide auf Knien und halb ausgezogen, vor einem elektrischen Stuhl und hinter einem schlichten Sichtschutz aus einer Kassenpraxis anstatt vor einem Galgen zu präsentieren, das tut schon weh (und vielleicht Ricardo auch an den Knien). Und warum mussten alle Protagonisten ständig auf sämtliche verfügbaren Tische hüpfen ?

Fast eine Lachnummer bot der recht ordentlich singende Chor (Maria Banyumova). Als Staatsbeamte im einheitlichen Trainingsanzug joggte er nach ausgiebigem Strechting im Gänsemarsch wieder raus oder präsentierte sich als Verschwörertruppe, alle mit gleicher Sonnenbrille, Schlapphut und Trenchcoat a la Kojak. Das kratzte alles schon arg an eine Persiflage, vor allem im Schlusstableau, wo der Chor mit Mickymaus-Masken und weißen Handschuhen im Hintergrund ein lustiges Tänzchen zum Besten gab, während es davor hochdramatisch um Liebe, Leben und Tod ging.  Verdi halt.

Ein Opernglück hat sich beim Rezensenten leider nicht eingestellt; auch das nicht ausverkaufte Haus reagierte nur zweimal mit Zwischenapplaus, aber mit reichlich Schlussbeifall.                                

Michael Cramer 16.1.2017

Fotos © Theater KR/MG / Stutte

 

Redaktions-P.S.

Etiam altera pars audiatur ;-)

Opernfreund-Kritiken der Erstpremiere in Rheydt

 

 

FRAU LUNA

Premiere 28.10.2016

Nette Einladung zur Reise auf den Mond

Als dritte Musiktheater-Premiere im Theater Krefeld stand nach den hervorragenden Inszenierungen von „Cavalleria rusticana / Gianni Schicchi“ und „Katja Kabanowa“ am Freitag, dem 28.10.2016 die Berliner Operette „Frau Luna“ von Paul Lincke als Übernahme aus Mönchengladbach auf dem Spielplan. Zur kleinen geschichtlichen Einordnung sei an dieser Stelle lediglich kurz auf den Bericht zur Premiere in Mönchengladbach aus dem März diesen Jahres verwiesen. Und um es vorweg zu nehmen, zum Glück hat sich das Stück wenig bis gar nicht verändert und es ist auch in Krefeld ein echter Genuss, sprichwörtlich eine (leider nur) rund zweistündige Erlebnisreise, welche wahrlich wie im Fluge vergeht.

Großen Anteil hieran hat Regisseur Ansgar Weigner, der an diesem Theater u. a. mit „Die Liebe zu den drei Orangen“ bereits seine Kreativität und sein Gespür für stimmige Inszenierungen unter Beweis stellen durfte. Auch mit „Frau Luna“ gelingt es ihm wieder, hervorragend den Nerv des Publikums zu treffen und hierbei erneut zu beweisen, dass sich Anspruch und gute Unterhaltung nicht gegenseitig ausschließen, sondern im Gegenteil perfekt ergänzen können. Wie schrieb Peter Bilsing bereits vor einem guten halben Jahr: „Charmanter, unterhaltsamer, flotter und beglückend freudvoll für alle Mitwirkenden und die Zuschauer inszeniert, sah ich selten eine Operette.“ Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

Schön auch, wenn sich ein Theater immer auf sein Ensemble verlassen kann, welches auch an diesem Abend einmal mehr sein Können unter Beweis stellen durfte. Allen voran Markus Heinrich, bei dem man sich als Zuschauer immer wieder freut, wenn er in einer entsprechend großen Rolle besetzt ist. Herrlich sein Berliner Dialekt, gesanglich wie immer hervorragend und voller Spielfreude, bravo. Gern gesehener Gast nach vielen Jahren am Gemeinschaftstheater auch immer wieder Kerstin Brix, die als Frau Pusebach für den ein oder anderen Lacher sorgt. Aber auch in allen anderen Rollen ist man bei dieser Operette sehr stark aufgestellt. Susanne Seefing als Marie, Hayk Dèinyan als Pannecke und Rafael Bruck als Lämmermeier können als „Berliner-Fraktion“ ebenso überzeugen wie Matthias Wippich als sechsarmiger Theophil, Gabriela Kuhn als Stella oder Michael Simon als Prinz Sternschnuppe auf Seiten der Mondbewohner.

Insbesondere die Rolle des Prinz Sternschnuppe bietet bei dieser Inszenierung einige nette Anspielungen, von gekauften akademischen Titeln, über „wichtige“ Autobiografien bis zur Skandalschlagzeile im Boulevardblatt ist alles vertreten. Abgerundet wird die Riege der Hauptdarsteller natürlich von Frau Luna persönlich, bei der Premiere besetzt von Janet Bartolova.

Gut einstudiert auch wieder der Chor des Hauses unter der Leitung von Maria Benyumova sowie die Niederrheinischen Symphoniker, die an diesem Abend von Alexander Steinnitz dirigiert hervorragend aufspielten. Mehr als nur erwähnenswert noch das Ballettensemble, die sehr gelungenen und detailverliebten Kostüme von Marlis Knoblauch und das nicht minder verzückende Bühnenbild von Jürgen Kirner.

Auch wenn die Spielzeit noch jung ist, mit diesen drei eingangs bereits erwähnten Produktionen die aktuell in Krefeld zu sehen sind, liegt man im Rennen um das „Opernhaus des Jahres“ ganz weit vorne. Das Publikum im nahezu ausverkauften Theater, auch dies ist bei Premieren längst nicht mehr immer und überall der Fall, zeigte sich auf jeden Fall begeistert und feierte Darsteller und Leistungsteam mit großem Beifall. So darf es gerne weitergehen und ein Besuch am Niederrhein sei jedem Leser wärmstens empfohlen. Und wenn dann quasi ganz nebenbei durch die „Bewegung für Jerechtigkeit und Liebe zwischen die Menschen“, kurz BJLM, als unterschwellige dafür aber mit bleibendem Eindruck verbreitete Botschaft noch vermittelte wird, dass „Habgier und Frieden aneinander ausschliessen“, dann zeigt Theater einmal mehr, wie unterhaltsam man solche Botschaften vermitteln kann. Großes Lob an alle (!) Beteiligten dieser Produktion.

Markus Lamers, 09.10.2016
Fotos: © M. Stutte

 

 

KATJA KABANOWA

Krefeld-Premiere am 16.10.16

Wovon wir träumen, ist Teil der Realität, in der wir leben

"Ein animierender Spielzeitausklang im Theater Mönchengladbach. Die furiose Premierenbegeisterung sollte sich herumsprechen und die Besucherauslastung der kommenden Vorstellungen steigern helfen" schrieb unser Kollege Christoph Zimmermann am 12.6.16 in seinem Finalsatz zu dieser Produktion, wobei man dankenswerter Weise die tolle Besetzung - ein wahrer Glücksfall ! - nicht beim Umzug nach Krefeld geändert hat.

 Weiter "Auch wer mit der Musik Leos Janaceks vertraut ist, mochte an diesem Abend so etwas wie eine Offenbarung erleben. Klänge von solch Suggestivkraft und Herzblut-Intensität werfen den Zuhörer einfach aus der Bahn." Auch hier muss ich einfach die Worte aus der Erstbesprechung übernehmen, was soll man mehr sagen, denn in der Tat spielen die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson auf einem derartigen Qualitätsniveau, daß man auch als alter Janacek-Liebhaber (mit allen Mackerras CDs im Regal) sich am Ende verblüfft die Ohren reibt. Wobei mir spontan ein alter aber genialer Werberspruch einfällt, der damals zur Einführung von 5-Kanal-Musik lautete "Ihre Ohren werden Augen machen!"

"Und dann gibt es auch noch Izabela Matula. ... Ihre Katja besitzt eine nochmals gesteigerte Intensität des Singens, wobei die sichere, leuchtende Höhe besonders nachhaltig beeindruckt. Fast möchte man für diese Wirkung Brünnhildes "Heil dir, Sonne, Heil dir, Licht“ (Anmerkung der Redaktion: aus Richard Wagner Siegfried) zitieren. Izabela Matulas Gesang wirkt freilich nie selbstzweckhaft, sondern macht auf beklemmende, erschütternde Weise das Schicksal einer Frau erlebbar, welche vergeblich Lebensglück und echte Liebe sucht, doch zuletzt keinen anderen Ausweg sieht als den Freitod." Glücklich ein jedes Theater, welches eine solch grandiose Sängerin hat - möchte ich noch ergänzen.

Doch glänzte an diesem Premierenabend auch die restliche Personnage, die für ein relativ kleines Stadttheater trefflich und wohltönend besetzt war. Satik Tumyan überzeugte als herrisch böse Kabanicha, glaubhaft Hayk Deinyan als Dikoj und Markus Heinrich als Wanja. Ganz großartig und als Muttersöhnchen sehr realitätsnah war Kairschan Scholdybajew. Besonders erwähnend loben möchte ich Eva Maria Günschmann (Barbara) und den großartigen Michael Siemon (Simon), der am Ende die höllischen und gefürchteten Höhen tadellos bewältigte.

Schön, daß sich am Ende die Regisseurin Helen Malkowsky (einst Oberspielleiterin in Nürnberg, dann Operndirektorin in Bielefeld und jetzt Hausregisseurin am wunderbaren Opernhaus von Chemnitz) trotz 2.Premiere auch noch persönlich zeigte; Dinge, die man heuer eigentlich nur noch an solch sympathisch netten, kleinen bis mittleren Opern-Häusern erlebt.

Last but not least sei noch der vorzüglich einstudierte Chor (Ltg. Maria Benyumova) erwähnt, dessen damen und Herren - wie immer - nicht nur gesanglich, sondern auch darstellerisch Bemerkenswertes boten.

Fazit: Großes hochspannendes und ergreifendes Musiktheater, welches die regionalen Grenzen der vielgeschmähten "Provinz" weit sprengt und auch von weither Anreisenden als dringlicher Opernfreund-Tipp ans Herz gelegt werden muss.

P.S: Liebe Niederrheiner und rechtsrheinischen Opernfreunde, sowie Janacek-Freunde aus der restlichen Republik! Daß die Premiere nur zu 60 Prozent verkauft war, schiebe ich auf die Herbstferien. Aber danach sollte es für Euch Pflicht und Ehre sein, diese tolle Produktion, die sich auch auf einem hohen musikalischen Niveau bewegt, unbedingt zu besuchen. Janacek ist ganz ganz fabelhaft zu rezipierende, teils ergreifend spätromantische Musik!

Tempus fugit

Die etwas mehr als 1,5 Stunden (ohne Pause) sind so spannend, daß man nicht einmal - auch als Janacek-Novice, deren viele um mich herum saßen - auf die Uhr schaut. Ein wirklich faszinierendes Stück Musiktheater mit ans Herz gehender Musik. Bitte hinfahren!!

Peter Bilsing 16.10.16

Bilder (c) Theater Krefeld / Stutte

 

OPERNFREUND-CD-TIPP

"Das Maß der Dinge" an Janacek-Gesamtaufnahmen

 

 

CAVALLERIA RUSTICANA/ GIANNI SCHICCHI

Premiere: 17. September 2016      

Besuchte Zweitaufführung: 7. Oktober 2016

TRAILER

Einen Einakter-Abend zu konzipieren, ist reizvoll, aber nicht ganz leicht. Soll man Stücke der gleichen Entstehungszeit wählen, auf Stoffkontrast setzen oder Handlungsparallelen betonen? Puccini hat bei „Il Trittico“ ein authentisches Konzept freilich bereits vorgegeben. Der “Stein des Anstoßes“ dabei ist allerdings immer wieder das Mittelstück „Suor Angelica“, eine kitschgefährdete Oper, dazu wirkungsbeengt nur mit Frauenstimmen besetzt. Schwer in den Griff zu bekommen. Nach Meinung des Rezensenten ist dies Christine Mielitz 2010 in Dortmund indes exemplarisch gelungen. Es geht also. Die Düsseldorfer Rheinopern-Produktion von Dietrich Hilsdorf 2003 wurde nicht gesehen.

Für das Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach, welches jetzt „Schicchi“ mit „Cavalleria“ kombinierte, kam „Il Trittico“ nicht mehr infrage, wurde doch „Suor Angelica“ 2011 doch schon mit „Le Villi“ zusammengespannt. Als Zweiteiler hätte sich „Schicchi“ mit „Tabarro“ angeboten, wie anderswo häufiger geschehen. Aber man dachte ehrgeiziger. Von der Dramaturgin des Hauses scheint die Idee freilich nicht ausgegangen zu sein, sonst hätte sie sich im Programmheft geäußert. Vielleicht gab es eine Empfehlung von Opernintendant Andreas Wendholz, welcher 2011 noch als Dramaturg wirkte.

Die Frage ist so oder so: überzeugendes Konzept – ja oder nein? Blutiges Verismodrama, gefolgt von einer als Satyrspiel zu verstehenden Musikkomödie, das kann man als locker gefügtes Konstrukt unschwer akzeptieren. Karine Van Hercke stellt im Programmheft indes Überlegungen an und  Beziehungen her, dass einem als Leser der Kopf nur so raucht. All ihre Querverweise (komprimiert nicht angemessen darstellbar) mögen für sich genommen zwar stimmig sein, bieten für die beiden Opern jedoch kaum ein wirklich vertiefendes Verständnis. Dass Turiddu als „glühender Verfechter der neu aufkeimenden faschistischen Bewegung“ und Alfio als Kommunist gesehen wird, akzentuiert Mascagnis „Cavalleria rusticana“ bestenfalls beiläufig. Dass Puccinis Buoso Donati als erpresserischer Verwandter von Mamma Lucia zu Geld kam und in „Gianni Schicchi“ ein erkleckliches Erbe hinterlässt, schließt nicht wirklich eine Informationslücke und stellt auch keine zwingende Handlungsbrücke dar. Die konstruierte Generationenabfolge („Schicchi“ spielt 35 Jahre nach „Cavalleria“) nimmt man ebenso zur Kenntnis wie familiäre Neuorientierungen (Lucia und Turiddu Donati, Alfio und Lola Schicchi in „“Cavalleria“), ohne daraus wirklich Gewinn ziehen zu können.

Eindrucksvoll prägt sich bei „Cavalleria“ zunächst einmal das komplett schwarze Bühnenbild vonSIEGFRIED E. MAYER ein: hohe Rückwand mit hell erleuchteter Marienstatue als Blickfang, davor auf Stühlen sitzend die müden Männer des Dorfes, welche – wie ihre Frauen auch – an nichts anderem mehr festklammern können als an religiösen Ritualen. Vergreist sind sie alle und tapsen herum, als seien sie gleichzeitig mit Parkinson und Demenz geschlagen. Im Libretto heißt es allerdings an einer Stelle „Ihr Schönen“. Freilich: auch eine jüngere Gemeinschaft kann bigott sein und würde eine entehrte“ Santuzza ebenfalls aus ihren Reihen verstoßen (Osterchor mit riesiger Bänderkrone). In dem Film „Alexis Sorbas“ (er war kürzlich im deutschen Fernsehen wieder mal zu sehen) wird das beispielsweise auf besonders niederschmetternde Weise gezeigt. Der Auftritt eines kinderhaften Engelchens zu Beginn und beim „Intermezzo sinfonico“ und andere figurale Erinnerungskonstellationen prägen die assoziativ durchsetzte Inszenierung von FRANCOIS DE CARPENTRIES Immer wieder.

Allerdings sorgt der Regisseur auch für zwischenmenschliche Hinweise. Sie werten beispielsweise den sonst meist einseitig als Hallodri gezeichneten Turiddu auf. Auch wenn er Santuzza immer wieder, sich mit Wein Mut antrinkend, entwürdigend behandelt, ist die alte Zuneigung doch nicht ganz verschwunden, und das zu erwartende Kind lässt ihn sogar regelrecht fürsorglich reagieren. Diesen etwas zerlumpten Charakter macht MICHAEL WADE LEE, mit fester Strahlkraft singend, ausgesprochen glaubhaft.

JANET BARTOLOVA ist (in der gesehenen Zweitaufführung) eine vokal weitgehend standfeste Santuzza (Eva-Maria Günschmann war in der Premiere zu erleben) und spielt ihre Partie mit starker dramatischer Präsenz. Die Bulgarin ist langjähriges Ensemblemitglied des Gemeinschaftstheaters Krefeld/Mönchengladbach (seit 1994/95) und war vor einigen Jahren so frei, sowohl Norma als auch Adalgisa in einer Produktion der Bellini-Oper zu gestalten.

Besondere Sympathien gelten stets (es darf auf „Schicchi“ vorgegriffen werden) DEBRA HAYS. Mittlerweile ist sie mit 25 Jahren noch länger als ihre Kollegin am Haus und nach wie vor  eine voll präsente und theaterblütig pulsierende Sängerdarstellerin, jetzt als Nella. Von den „Cav“-Sängern ist noch IZABELA MATULA nachzutragen, diesmal eine laszive Lola sowie als wackere Lucia SATIK TUMYAN, die mit ihren Registerbrüchen später bei der Zita besser durchkommt, JOHANNES SCHWÄRSKY gibt mit natürlicher Männlichkeit und baritonal ausladend den „Händler“ Alfio, welcher von Buosi Donati am Schluss erstochen wird. Der von MARIA BENYUMOVA einstudierte Chor singt und agiert (zitternd, wie vorgeschrieben) ausgesprochen eindrucksvoll.

Als Schicchi steht Schwärsky dann sozusagen von den Toten wieder auf und schließt im Finale den ebenfalls ins Leben zurück kehrenden Buosi Donati in die Arme. Was der stumm agierende TOBIAS FORSTREUTER zuvor an drastischer Agonie bietet und als Leiche durch die Szene gewirbelt wird, gehört zu den wahrhaft lachtreibenden Szenen in Carpentiers putzmunterer Inszenierung

Der Bühnenboden ist jetzt bunt gestreift, die verbliebenen Wände sind kitschig tapeziert; ein Riesenbild zeigt das blühende Florenz. Wird man bei Carpentiers „Cavalleria“-Arbeit nicht so ganz glücklich, kann man sich über seine lustvolle und auf eine burleske Spitze getriebene Puccini-Regie nur unbändig vergnügen. Unter seiner Anleitung werden Sänger zu Komödianten wie noch nie zuvor erlebt.

So gibt HAYK DÈINYAN auf gloriose Weise einen alterstrotteligen Simone, den er bis in den Schlussapplaus hinein spielen darf. KAIRSCHAN SCHOLDYBAJEW hatte, wenn die Erinnerung nicht täuscht, bislang noch nie Gelegenheit, eine so wilde Hummel wie den Krefelder Gherardo zu spielen; er macht das köstlich. Besonderes Lob auch für GABRIELA KUHN (Ciesca),  MATTHIAS WIPPICH(Betto),und RAFAEL BRUCK (Marco). Selbst die Kleinstpartien sind ausgesprochen typenwitzig besetzt: DAE JIN KIM (Spineloccio), BONDO GOGIA (Amantio), YASUYUKI TOKI (Pinellino) undBERNHARD SCHMITT (Guccio).

MICHAEL SIEMON (Rinuccio) ist mit seinem feschen Tenor ein feuriger Langhaar-Lover, undSOPHIE WITTES Lauretta erfreut mit luxuriösem Sopran und Modelfigur. Nach ihrem „O mio babbino caro“ erfreulicherweise (!) mal kein störender Zwischenbeifall. Johannes Schwärsky zeigt sich in der Titelrolle stimmlich und komödiantisch raumfüllend. MIHKEL KÜTSON realisiert mit denNIEDERRHEINISCHEN SINFONIKERN Mascagnis Verismo-Schmelz und –glut ebenso überzeugend wie Puccinis rabiaten Komödienton. Für den „Schicchi“ drei Sterne!

Christoph Zimmermann 8.10.16

Bilder (c) M. Stutte

 

 

Cavalleria Rusticana / Gianni Schicchi

Premiere am 17.9.2016

Schöner kann ein Opernabend nicht sein...

Vorwort: Zu den beeindruckendsten Inszenierungen der Cavalleria zählt für mich immer noch die Produktion der damals noch so genannten "Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach" - nicht nur aufgrund der Traumbesetzung (Rachael Tovey und Lado Ataneli), sondern auch wegen der spektakulären Inszenierung (Bühne: Wagenknecht / Regie: Münstermann), wo während der Ouvertüre im Gleichklang von Musik und einsamer nächtlicher Straße - genau passend zum Crescendo des Orchesters - ein Auto explodiert und sich zeitlupenmässig in den Bühnenhimmel erhebt, wobei das Wrack später weiterhin bedrohlich über der Szenerie schwebt.

Es war damals eine "Sternstunde des Musiktheaters" - eine Inszenierung mit Bildern, die man auch 20 Jahre später nicht vergessen hat, wie den meisten langweiligen Opernkrempel, denen man sich als Kritiker Jahr für Jahr - schon fast sado maso mässig - unterziehen muss. Und hier möchte ich auch gleich eine Lanze für die kleineren Häuser brechen, für die das Theater Krefeld Mönchengladbach (wie man sich heute nennt) geradezu exemplarisch steht: Seit über 40 Jahren gehe ich, auch heute noch immer gerne, in Vorstellungen dieses Gemeinschaftstheaters, weil hier munteres, lebensnahes (Verismo anno 2016), spannendes, sowie unterhaltsames MUSIKTHEATER in kontinuierlich relativ gleichbleibender Qualität und Form geboten wird. Das war über fast ein halbes Jahrhundert - egal unter welchem Intendanten - immer Aushängeschild dieser schönen Opern-Häuser am Niederrhein.

Als eine "Sternstunde des Musiktheaters" würde ich auch den gestrigen Abend bewerten, der ganz unter dem Sinnbild jenes Maskenbildes des dramatischen Theaters der zwei Gesichter der antiken Musen (Melpomenes weinende Maske und die lachende Maske ihrer Schwester Thalia) stand.

Nicht der übliche Doppelabend "Cavalleria / Bajazzo" war angesagt, sondern nach dem Trauerspiel über die "Sizilianische Bauernehre" platzierte man die Komödie "Gianni Schicchi" und ich nehme es gleich vorweg: Schöner kann ein Opernabend nicht sein...

Es gibt erfreulicher Weise diese beglückenden Abende, wo einfach alles stimmt; die Sänger präsentieren sich in Hochform, der Chor singt nicht nur überzeugend, sondern ist von faszinierender Darstellungskraft, die Inszenierung ist so bewegend spannend wie unterhaltsam, das Orchester spielt als hätte man es frisch aus der Mailänder Scala eingeflogen und auch das Bühnenbild ist so stimmig düster im ersten, wie im zweiten Teil ganz köstlich bunt und kitschig passend (Sonderbeifall und herzliches Lachen im Publikum).

Herrlich! - ein Abend für den wir gleich zu Anfang der Saison schon unseren heißbegehrten OPERNFREUND STERN verleihen, denn besser kann sich heutiges Musiktheater nicht präsentieren.

Die Cavalleria spielt im deprimierend monochromen Ambiente eines alten italienischen traditionellen Dorfes in den 30er Jahren, welches nur noch überwiegend alten gramgebeugten Bewohnern in so traditionellen Kirchenritualen Halt bietet; die Jungen sind ausgewandert; wohin auch immer. Die wenigen übrig gebliebenen Nichtgreise werden schnell zu Opfern der schlimmen Tradition von Kirche, Mafia und Blutrache. Ein deprimierendes Bild, welches sich in den fast tränenrührenden Klängen der Mascagnischen Musik auch wieder findet. Und wenn Turridu und Santuzza zu den Klängen des herzzerreissend schön, mit wunderbar viel Rubato gespielten Intermezzos (für mich eines der Musikjuwelen der Operngeschichte) auf leeren Bühne einen kindlichen Engel in eine Art Trugbild, vorbeischreiten sehen - dann hatten viele im Publikum so feuchte Augen, wie beim Suizid von Puccinis Madama Butterfly. Dafür gehen wir in die Oper - dafür lieben wir diese tolle Musikgattung ein Leben lang!

Im zweiten Teil des Abends wird nun die am Boden liegende Seele des Opernbesuchers, wie die des Kritikers ;-) wieder aufgeheitert, denn was uns da Siegfried E. Mayer als Bühnenbild hingezaubert hat, ist ein kitschiger Alptraum aus den 60ern, der nicht nur realitätsnah ist, sondern auch alle Klichées der Zeit vielfältig zitiert; ob Blümchentapete oder Streifenteppich der übergangslos sogar die Wand herauf sich rankt. Gleiches Muster im Morgenmantel des toten Buoso, dessen Leichnam fast optisch verschwindet (Mimikri) als man ihn vorübergehend an die Wand stellt. Zum Brüllen ist der riesige Matratzenstapel auf dem das anfangs noch lebende Familienoberhaupt (mit grandios pantomimischer Boshaftigkeit gespielt von Christoph Mühlen) wie die Prinzessin auf der Erbse thront und die auf sein Ende wartende Verwandschaft zu Tode nervt, bis sie sein Ende beschleunigen.

Allein die Szene, als man die Leiche loswerden will, erinnert nicht nur an Hitchcocks "Immer ärger mit Harry", sondern könnte auch einem Blake Edwards Film entliehen sein. Wobei die Regie von Francois De Carpentries (traumhafte Kostüme: Karine van Hercke) ohnehin ihre Liebe zum cineastischen Bildern nie verleugnet, denn auch in der Cavalleria finden sich Anspielungen an Fellinis "La Strada und dem damaligen Zeitgeist des großen italienischen Kinos.

Last but not least die ergreifenden Sänger: Eva Maria Günschman (Santuzza) ist an diesem Abend ebenso ein Glücksfall wie Michael Wade Lee (Turridu), Johannes Schwärski (Alfio später Schichi) und Izabela Matula (Lola) - Verismo-Gesang vom Feinstern, dabei absolut höhensicher in den teils höllischen Partien. So muss große italienische Oper klingen, wobei Chor und Orchester unter der engagierten Leitung GMD Mihel Kütson großartig aufspielen.

"Gianni Schicchi" ist eine Teamwork-Opera, wobei hier das Theater Krefeld alles aufbot, was man an tollen Künstlern und "All-Stars" noch im Ensemble hatte.

Die sprichwörtliche Spielfreude zeichnet alle aus, denn diese "schrecklich nette Familie" (ich hebe hier niemanden heraus, denn so eine tolle Inszenierung klappt nur, wenn das  ganze Team stimmig harmoniert) war ein Dreamteam angefangen von der großen Rolle des Schicchi bis zum skurrilen Notar. Alle haben gleichermaßen Teil am OPERNFREUND STERN, den wir auch für diese Produktion verleihen. Bravo! Bravi! Bravissimo!

Peter Bilsing 18.9.16

Fotos (c) Theater Krefeld Möcnhengladbach / Matthias Stutte

 

P.S. 25-jähriges Dienstjubiläum

DER OPERNFREUND gratuliert besonders Publikumsliebling Debra Hayes zu ihrem 25. Bühnenjubiläum an den Vereinigten Bühnen. Wenn ich sie als "ominpräsente Rampensau" bezeichne, wird sie nicht böse sein, denn das ist ein wunderbarer theatralischer Fachbegriff ;-) ! Ich habe sie in diesem Vierteljahrhundert immer bewundert, denn egal wo, was und in welchen Inszenierungen sie auftrat, sie hat mich nie enttäuscht. Und sie ist immer noch so springlebendig und gesanglich top wie 1991. Grosse Gratulation, liebe Debra. Glücklich ein jedes Theater, das solche Künstler in seinem Ensemble hat.                                                            P.B.

 

 

KREFELDER RENNBAHN

 

Live-Event am 28. August 2016 auf der Krefelder Rennbahn

Das Cabinet des Dr. Caligari

Hinreißender Abend

Als "Film- und Konzertereignis der besonderen Art" kündigte die Pressestelle des Theaters Krefeld Mönchengladbach die Präsentation des Films "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1921) auf der Krefelder Rennbahn an. Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich kann dies als alter Konzert- und Filmkritiker nur dreimal unterstreichen !!!

Selten kann man so begeistert über ein Kulturereignis berichten. Was war das für ein toller, hochspannender Abend in geradezu begnadet schöner Sommer-Atmosphäre da am Sonntag (2.Tag), denn im Gegensatz zur Premiere des Vortages war der Himmel klar und es war trocken und nicht zu warm. Dann wird diese herrlich gelegene alte Rennbahn zum geradezu idyllischen Kinostelldichein der wirklich besonderen Art. Sehr schade, daß nur gerade einmal die Hälfte der überdachten Zuschauer-Tribüne besetzt war.

Liebe Krefelder Musik- und Kinofreunde, was ist, was war los mit Euch? Wo ward ihr an diesem Abend? Meine Güte - was habt Ihr da verpasst!

Da bietet Euch das SWK-Open-Air-Kino in Zusammenarbeit mit den großartigen Niederrheinischen Sinfonikern einen Filmabend der Extraklasse - ein wirkliches EVENT - und keiner geht hin...

Was der Besucher hier für faire 39 Euro mit LIVE-ORCHESTERMUSIK geboten bekam war einmalig und ist leider unwiederholbar. Ich habe selten so eine stimmiges Gesamtbild von Wetter, Film und Livemusik erlebt, auch und weil eben die quasi neue (2010) wunderbar komponierte Filmmusik von Stéphane Fromageot die hochspannenden Bilder kongenial begleitete; in Perfektion von den Krefelder Musici unter dem großartigen Andreas Fellner realisiert.

Das Orchester ist direkt neben der Leinwand in eine zehnmal zwölf Meter große und überdachte Bühne platziert und erklingt akustisch durchaus konzert-atmosphärisch akzeptabel.

Filmkenner wissen über diesen Meilenstein der Filmgeschichte - jenem großen expressionistischen Stummfilmklassiker von Robert Wiene, der hier in der akribisch und liebevoll restaurierten Langfassung (in sagenhaften 4 K Bild für Bild digital überarbeitet!) vorlag, Bescheid. Wer sich für mehr Informationen interessiert, sollte den hervorragenden Artikel in Wikipedia lesen, aus dem ich mir einzelne Zitate erspare, denn er ist in Gänze absolut informativ und lesenswert.

Stephane Fromagèot ist, da selber studierter Kapellmeister, ein ausgewiesener Fachmann und Musikkenner; nicht nur in der Klassik-Szene der 20-er Jahre, denn nicht nur die hinreißenden Anspielungen an, pars pro toto Korngold, Schreker, Ravel, Zemlinsky oder Bartok sind unüberhörbar, sondern auch der große Bernard Herrmann klingt mit seinen Hitchcock-Filmmusiken durch.

Dabei ist die Musik die ideale Spannungsergänzung zum Film - was Filmmusik ohnehin eigentlich immer sein sollte. Man wird regelrecht in die Geschichte hineingezogen und vergisst fast Raum und Zeit. Und das alles ohne digitalen mehrkanaligen Surround-Sound der heutigen Tage. Der Film wirkt überhaupt nicht mehr stumm, sondern hier ersetzt Musik jede Sprache, jedes Wort - man vermisst keinen Text, da auch die Zwischentitel künstlerisch auf bravouröse Weise gestaltet sind. Was für ein Erlebnis!

Peter Bilsing 30.8.16

Bilder: Krefelder-Rennclub.de / SWK-Open-Air-Kino / Theater Krefeld M. Stutte

 

P.S. Maldito

Wie schön wäre es gewesen und hätte diesen Abend perfekt gemacht, böte man auch in der Gastronomie des Umfelds adäquate Qualität. Doch was dort offeriert wurde, spottet jeder Beschreibung und entwertet das Wort "Gastronomie" zur Farce.

Schnöder Bratwurstverkauf aus einem kleinen Campinganhänger, in welchem sich drei nette, aber erkennbar inkompetente, weil völlig überforderte Damen auf die Füße traten und nach Bezahlung (dann erhielt man ein Nümmerchen wie auf der Behörde) per Zuruf quer über den Platz ihre Kunden zum Essenabholen aufforderten. Kollege Zerban beschreibt es noch genauer.

Würde man das wirklich miese Angebot mit Schulnoten bewerten, käme man als Lehrer um eine "7" kaum herum: Teil angekokelte semi-gewürzte Pommes, ein halbkalter Hamburger (mit Krautsalat in einer schuhputzcrème-großen an Aldiware erinnernden flachen Plastikdose mit Deckel) rund eine ungeschnittene immerhin gebräunte Bratwurst zierten unsere Papp-Teller. Immerhin brauchte man jene Bratwurst nicht in die nackte Hand zu nehmen, denn es lag ein wunderschöner organgener Plastik-Pommes-Aufpicker von 6 cm Länge dabei...

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Zweite Premierenbesprechung vom 7. November 2015

Der Einsatz von Video-Technik in der Oper scheint sich zu einem neuen Trend zu entwickeln. Das berühmteste Beispiel dürfte Barrie Koskys Berliner „Zauberflöte“ zu sein, die mittlerweile auch nach Los Angeles, Minneapolis, Barcelona, Madrid, Helsinki exportiert wurde. Als echter Spezialist in diesem Genre hat sich aber der ehemalige Tenor Kobie van Rensburg etabliert. Bisher arbeitet er nur an mittleren Häusern wie Chemnitz, Passau, Münster oder Krefeld/Mönchengladbach. Mit der Zeit dürfe sich aber herumsprechen, wie virtuos van Rensburg das Spiel der Akteure mit Video-Projektionen verbindet. Jüngstes Beispiel ist sein Krefelder „Barbier“.

In den vergangenen Jahren der Regisseur den Einsatz der Technik immer weiterentwickelt, sodass er Rossinis Evergreen auch mit verschiedenen Techniken erzählt. Zum einen nutzt er projizierte Bühnenbilder. Im „Barbier“ kommt dies vor allem in größeren Ensembleszenen zu Einsatz, die im Freien spielen. Blitzschnell entsteht so ein Straßenzug, in dem sich Darsteller bewegen.

Die modernere Variante ist dann das Abfilmen des Spiels der Akteure in einer Blue-Box. Die Bilder werden live auf eine Leinwand übertragen und in einen Raum versetzt und mit weiteren bewegten Bildern kombiniert. So werde die Szenen zwischen Figaro und Rosina zu Telefonaten, bei denen er sich in seinem Frisiersalon befindet, während sie im heimischen Wohnzimmer sitzt.

Die Inszenierung wird dadurch so abwechslungsreich, dass man gar nicht weiß, wo man gerade hinschauen soll. Für zusätzlichen Witz sorgen auch die ins Jugendjargon übersetzten Übertitel, die mit in das Bühnenbild integriert werden. Schriftbild und Bewegung der Texte drücken zudem die Stimmung der Figuren aus.

Kapellmeister Andeas Fellner dirigiert die Oper mit dezenter Dynamik, setzt nicht auf übertriebene Effekte, wodurch sich der Humor der Partitur aber besonders gut entfalten kann. Der Gesang steht hier ganz im Zentrum.

Der junge Tenor Levy Sekgapane wird vom Krefelder groß gefeiert: Die Stimme ist schlank, leicht und beweglich, verfügt aber über wenig Farbe. Das ermöglicht dem Tenor aber fließende Übergänge in die Kopfstimme, sodass keine Probleme in der Höhe auftreten. Für eine Karriere an den großen Häusern, muss die Stimme aber noch etwas reifen.

Optisch ist Sophie Witte sowieso eine Idealbesetzung für die keck-pfiffige Rosina. Witte singt die Partie aber auch sehr schön. Die Koloraturen schnurrt sie locker herunter und lässt ihren Sopran in der Höhe glitzern. Mit vollem Bariton und viel Spielwitz gibt Rafael Bruck den eitlen Figaro.

Etwas enttäuschend sind die Basspartien besetzt: Hayk Dèinyan als Bartolo klingt blass und in den rasanten Abschnitten kommt er nicht immer mit. Andrew Nolen als Basilio hat eine schöne Stimme, verfügt aber nicht über die notwendige Energie, um in der Verleumdungsarie richtig auftrumpfen zu können.

Man kann diesem furiosen Krefelder „Barbier“ nur wünschen, dass ihm das gleiche Schicksal wiederfährt wie der Berliner „Zauberflöte“, nämlich dass sich sein Erfolg schnell herumspricht und er an vielen Theatern weltweit gespielt wird.

Rudolf Hermes 11.11.15

Bilder siehe unten!

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA       

Premiere am 7. November 2015

Über- und Bühnentexte im Kidsjargon

Am Schluss stand das Haus Kopf. Wohl noch nie ist am Theater Krefeld / Mönchengladbach über eine Aufführung ein solcher Jubelsturm herein gebrochen wie jetzt bei Rossinis „Barbier“. Euphorie im Zuschauersaal war schon vorher spürbar und kulminierte noch vor dem Finale bei einer zusätzlichen Almaviva-Nummer, über die sich das Programmheft übrigens ausschweigt. Es dürfte sich aber um „Cassa di più resistere“ handeln. Diese Arie hat Rossini für den Tenor Manuel Garcia geschrieben, der sie aber offenbar nie gesungen hat. Teile von ihr gingen in Cenerentolas „Nacqui all‘affanno“ ein.

Welch ein glücklicher Mensch er durch seine Verbindung mit Rosina doch sei, lässt Almaviva mit waghalsigen Koloraturen wissen. LEVY SEKGAPANE wiederum dürfte über seinen Erfolg beim Publikum glücklich sein, welches ihn in der Premiere feierte wie einen Popstar. Den jungen farbigen Südafrikaner hat KOBIE VAN RENSBURG, sein Gesangslehrer und selber Südafrikaner, mit ins Krefelder Ensemble gebracht. Ab 2015/16 wird er dem Jungen Ensemble der Dresdner Semperoper angehören. Für den Almaviva besitzt er die geforderte Agilität des „canto fiorito“ und bewältigt hohe und höchste Töne wie nichts (irgendwann einmal wird er sicher den Tonio in Donizettis „Regimentstochter“ verkörpern). Noch klingt die Stimme etwas schmal, aber nicht unangenehm: Doch wäre es schön, wenn das Timbre auf Dauer eine größere Weichheit hinzu gewinnen würde. Wunderbar die Bühnenpräsenz des liebenswerten Sängers.

So flott und sprudelnd ANDREAS FELLNER die NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKER Rossinis quirlige Musik auch spielen lässt (bei leichten Schwachstellen hier und da): hohe Erwartungen waren vor allem auf den Regisseur gerichtet. Kobie van Rensburg dürfte seine Sängerkarriere inzwischen abgeschlossen haben, macht nunmehr andere Dinge – wie eben Regieführen. In Krefeld/ Mönchengladbach hat er bislang Mozarts „Figaro“ und „Giovanni“ herausgebracht und dabei mit seiner speziellen Videotechnik entzückt. Auch beim „Barbier“ werden die sich aufblätternden oder auch schon mal zerstäubenden Übertitel ins Geschehen einbezogen, selbst wenn sie diesmal nicht so mäandernd über die Bühne flitzen wie bei den Mozart-Opern.

Ein wirkliches Szenenbild gib es nicht mehr. Rensburg und STEVEN KOOP lassen das Geschehen mit einer Livekamera einfangen, bei extremer Nähe der Sänger immer wieder auch in Großaufnahme. All das wird auf einen rückwärtigen, hoch hängenden Prospekt geworfen und mit Interieur- und Outdoor-Bildern nach dem Prinzip des Prager Schwarzen Theaters gemischt. Das ergibt witzige Verdoppelungen des realen Bühnenspiels. Manchmal könnte man ein Zuviel des Guten empfinden, etwa gleich bei der Ouvertüre, die dazu dient, Rossini höchstpersönlich in kulinarische Aktion treten zu lassen. Die Titeleinblendungen von „Aureliano in Palmira“ und „Elisabetta d’Inghilterra“ zeigen bei dieser Gelegenheit andererseits, dass hinter all den Verrücktheiten eine profunde Werkkenntnis steckt: die Ouvertüren sind nämlich komplett identisch.

Wie bereits angemerkt: in Kobie van Rensburgs Inszenierung bleiben Aktion und Zeit niemals stehen, und die Übertitel sorgen für ständigen Wirbel. Man sollte sie auch bei Kenntnis des Geschehens unbedingt verfolgen, denn sie übersetzen den Librettotext in eine flotte Young-Generation-Sprache. Es fallen Worte wie Flachzange, Arschgeige oder auch Shitstorm. So kalauernd kann eine Regie sicher nicht bei jedem Werk verfahren. Dem „Barbier“ jedoch wird nicht nur kein Schaden zugefügt, sondern er profitiert von all diesen Keckheiten.

Im Übrigen sind andere „Barbier“-Inszenierungen in jüngerer Zeit ähnlich flott verfahren, etwa die von Philipp Himmelmann 2013 in Bonn oder jüngst die von Axel Köhler in Graz. Der ehemalige Counter beweist wie auch Rensburg (oder – bei „Cenerentola“ gerade wieder – Brigitte Fassbaender), dass eine verdienstvolle Sängerkarriere eine nicht minder imponierende Fortsetzung erfahren kann. Wenn das Theater Krefeld/Mönchengladbach weitere Pläne mit Kobie van Rensburg haben sollte (was zu wünschen wäre), sollte man dem Regisseur aber auch mal Gelegenheit zu einer „ernsten“ Oper geben.

Dass die Partie der Rosina nicht historisch streng mit einem Mezzo besetzt ist, rechtfertigt Rensburgs gänzlich unakademische Arbeit durchaus. SOPHIE WITTE macht mit ihrem glasglockenklaren, beweglichen und höhensicheren Sopran einen anderen, aber trefflichen Typ aus dem Rossini-Girl. Schlank und fesch sieht sie auch noch aus. Dies gilt auch für RAFAEL BRUCK in der Titelpartie. Ein köstlicher Hallodri, der seine (vermutlich mit „Figaros geilem Gel“ gepflegte) Schmachtlocke sorgsam in Schuss hält, gelenkig als Darsteller, baritonal unbeschwert (bei leichter Anstrengung in extremer Höhenlage). Aus dem Basilio macht ANDREW NOLEN einen schwarz-priesterlichen Dämon und lässt dabei seine virile Stimme schon mal ironisierend in Kellerbereiche abdriften. Der bewährte, vielseitige HAYK DÈINYAN gibt den Bartolo reichlich bekloppt, um es im Jargon  der Übertitel zu formulieren. Last not least. DEBRA HAYS, als Soubrette und lyrischer Sopran seit 1991 zum Ensemble gehörend, spielte im „Figaro“ die Marcellina und ist jetzt folgerichtig die Berta im „Barbier“. Ihre Arie serviert sie, im Arm eine Weinflasche aus der Klospülung, mit vitalem Despina-Charme und lässt sich ein paar zusätzliche Höhen-Staccati nicht entgehen.

Christoph Zimmermann 8.11.15

Bilder: Theater Krefeld / Stutte


Das schreiben unsere Kollegen

Der hippeste Barbier weit und breit

ONLINE MUSIK MAGAZIN

 

PETER GRIMES

Krefelder Premiere: 26. September 2015

besuchte Vorstellung: 23. Oktober 2015

Die Opern Benjamin Brittens etablieren sich auf den Spielplänen mittlerweile zu echten Klassikern. In NRW läuft in Gelsenkirchen „Ein Sommernachtstraum“, in Köln folgt „The Rape of Lucrezia“, in Bielefeld „Death in Venice“ und in Krefeld ist „Peter Grimes“ als Übernahme aus Mönchengladbach zu sehen.

Das Team um Regisseur Roman Hovenbitzer hat sich eine Menge interessanter Gedanken über das Stück gemacht, wie im Programmheft von Ulrike Aistleitner zu lesen ist. Beispielsweise wird der Autor George Crabbe, von dem die Verserzählung „The Borough“ stammt, welche die Vorlage der Oper ist, immer wieder als Figur erwähnt, die aber nie persönlich erscheint. Außerdem hat das Team bemerkt, dass einige Stellen der Komposition „marionettenhaft-mechanisch“ klingen.

Aus diesen Erkenntnissen entstand die Idee, Crabbe als Puppenspieler durch das Stück führen zu lassen. Die Umsetzung dieser guten Idee gelingt jedoch nicht schlüssig. Als Crabbe ist Christoph Mühlen mit zynischem Grinsen fast dauerpräsent, doch sind die sonstigen Darsteller weder als Puppen kostümiert, noch bewegen sie sich so.

Das führt dazu, dass Puppenspieler Crabbe in der ansonsten starken Aufführung wie ein Fremdkörper wirkt und man sich als Zuschauer, der das Programmheft noch nicht studiert hat, immer wieder fragt: „Was soll das denn?“

Die Personenführung Hovenbitzers, der die Geschichte Peter Grimes als die eines Außenseiters zeichnet, gelingt nämlich sehr eindringlich und spannungsvoll. Dazu macht der geschlossene Bühnenraum von Roy Spahn alle Figuren zu Gefangenen einer unbarmherzigen Gesellschaft. Gleichzeitig gelingen beeindruckende Videoeinspielungen, die das Stück wieder ans Meer holen.

Beachtlich ist die sängerische Leistung: Heiko Börner singt mit heldischen Aufschwüngen den Peter Grimes, zeigt aber auch die Zerrissenheit der Figur. Izabela Matula ist eine großartige Ellen Orford, die sich selbstbewusst gegen die engstirnige Dorfgemeinschaft behauptet. Mit breit strömendem Wotan-Bariton gibt Johannes Schwärsky den Balstrode.

Geradezu phänomenal ist der von Maria Benyumova einstudierte Chor und Extrachor des Theater Krefeld und Mönchengladbach. Mit stimmlicher Wucht und darstellerischer Überzeugungskraft zeigen die Damen und Herren, dass „Peter Grimes“ ein Werk in der Tradition großer Choropern ist.

Auch GMD Mihkel Kütson zeigt viel Gespür für den typischen Britten-Klang. Am Pult der Niederrheinischen Sinfoniker dirigiert er eine atmosphärisch dichte Aufführung, in der man sowohl den Wohlklang der Musik genießen, als auch die Tragik der Geschichte miterleben kann. Dabei ist man immer wieder begeistert, welch eine tolle Theatermusik Britten komponiert hat.

Ein großes Kompliment verdient auch das Krefelder Publikum: Das Theater ist sehr gut besucht, das Publikum folgt der Aufführung sehr konzentriert und am Ende gibt es begeisterten Applaus.

Der nächste „Peter Grimes“ in RW lässt sich übrigens nicht lange auf sich warten: Im April 2016 wird Tilman Knabe das Stück in Dortmund inszenieren.

Rudolf Hermes 26.10.15

Fotos Manthias Stutte / Theater Krefeld

 

 

Saisonauftakt 2015/16 der Niederrheinischen Sinfoniker

DAS PHANTOM DER OPER

Stummfilm mit toller Livemusik auf Rennbahn Krefeld am 14.8.15

Cooler Open-Air-Saisonstart der Niederrheinischen Sinfoniker auf der Pferde-Rennbahn

www.swk-openairkino.de/

Der Stummfilm-Klassiker von 1925 ist Legende - nicht nur wegen seines Hauptdarstellers Lon Chaney, denn keiner konnte je besser gequälte und groteske Figuren darstellen wie der "Mann mit den 1000 Gesichtern". Auch sein Glöckner von Notre Dame (1923) ist nur noch mit Charles Laughton (1939) vergleichbar, trotz unzähliger späterer Farb-Remakes. Schon deshalb war die Ausgrabung und Restaurierung dieses fabelhaften Films vom renommierten Regisseur Carl Laemmle eine Großtat.

Nur Wenige wissen, daß Gaston Leroux´s Fortsetzungsroman Le Fantome de L´opera schon 1908 in der französischen Zeitung Le Gaulois erschienen ist, und eben nicht von Andrew Lloyd Webber erfunden wurde. Peinlich überflüssiger Weise erscheint bald sogar die leidige Musicalfortsetzung (Das Phantom 2 - Liebe stirbt nie) - man glaubt es kaum...

Doch kommen wir zurück zu einem nicht nur qualitativ, sondern auch künstlerisch ausgesprochen hoch zu bewertenden Open-Air-Abend, was nicht nur am tollen Film lag, sondern auch an der phänomenalen Leistung der Niederrheinischen Sinfoniker unter der souverän engagierten Leitung von Kapellmeister Andreas Fellner, wobei umfangreiche Tontechnik für einen fast konzertsaal-reifen Klang à la Bregenzer Festspiele sorgte. Das Orchester saß unter einem extra Zelt direkt neben der großen aufblasbaren Kinoleinwand (ca. 10 x 13 Meter). Die Zuschauer waren auf der überdachten Haupttribüne der Rennbahn ebenso regengeschützt platziert - ein sehr gelungenes Konzept von Klang und stimmungsvollem Ambiente, besonders vor der abends besonders malerischen Kulisse der Krefelder Rennbahn. Die in der Ferne sichtbaren Gewitterblitze unterstützen noch die teils gruselige Stimmung des Films.

Die aus dem Jahre 1996 stammende wunderbar spätromantische Filmmusik vom US Komponisten Carl Davis - ein anerkannter Fachmann für die klassische Nachvertonung von großen Stummfilmen, immerhin mit dem British Academy Film Award ausgezeichnet und grammy-nominiert - ist ein köstliches wohlgelungenes Konglomerat wohldosierter Reminiszenzen an Berlioz, Wagner, Gounod und diverse andere große Komponisten der Klassik. Diese Musikkomposition ist schon wieder so gut, daß ich sie für durchaus konzertfähig halte. Darüber hinaus klingt dieser Riesen-Orchesterapparat natürlich ganz anders, als die vor 100 Jahren in den großen Lichtspielhäusern gebräuchliche Kinoorgel, https://de.wikipedia.org/wiki/Kinoorgel worauf überwiegend zu den Bildern Töne und Geräusche improvisiert wurden.

Nach dem letzten Ton - zeitgleich mit dem projizierten Wort Ende (Fine) auf der Leinwand - sprang das Publikum förmlich von den Sitzen auf; es brach ein Jubel los, wie ihn die überraschten Musiker wohl selten im Theater oder beim Konzert erlebt hatten. Das Publikum war begeistert und feierten Dirigent und Musiker mit nicht enden wollenden Standing Ovations überschwänglich; eine gerechte Würdigung.

Was für ein superbe Idee und was für ein beglückender Erfolg war dieser heuer ganz ungewöhnliche Saisonstart für das Krefelder Theater. Und das hier außergewöhnlich engagiert und konzentriert arbeitende Orchesterkollektiv (Bild unten) hat damit sicherlich viele neue Freunde auch aus dem Bereich der Nichtklassik gewonnen.

Glückwunsch an die PR-Abteilung der Vereinigten Bühnen für diesen großartig gelungenen Theater-Coup. Das sollte Tradition werden in Zukunft; das Repertoire an geeigneten Filmen ist riesengroß. Vielleicht schafft es dann auch der überall fast krakenhaft omnipräsente "NRW-Staatssender" WDR auch einmal endlich (!) so etwas Tolles zu übertragen.

Peter Bilsing 16.8.15

Bilder: Universal, SWK, Theater Krefeld

 

Interessante weiterer Links für Filmfans

Trailer (3,15 min)

verständlicher Weise ohne Ton

Der gesamte Stumm-Film (1,46 h)

hier allerdings mit höchst langweiliger Musik und in grottenhafter Qualität

Il fantasma d´el opera (1,47 h)

Originalfilm mit Kino-Orgelbegleitung (Italienische Version)

Carl Laemle Remembers (6,46 min)

wunderbares Erinnerungs-Video zum Film von seiner Tochter Carla

Universally Me (12,31 min)

Interview mit Carla Laemmle - herrliche historische Bilder, aber dümmliche Fragerin

 

 

DER ROSENKAVALIER

Besuchte Premiere am 21.09.14

Hatten die Bühnen im Ruhrgebiet und näheren Umfeld im Juni den 150. Geburtstag von Richard Strauss so ziemlich vergessen, so wird das in der neuen Spielzeit gründlich nachgeholt. Krefeld beginnt den Reigen von drei Strauss-Premieren innerhalb einer Woche mit dem wohl beliebtesten Werk des Duos Strauss/Hofmannsthal dem "Rosenkavalier". Mascha Pörzgen gelingt eine sehr ausgewogene Regie, die sowohl das buffoneske, wie das philosophische des Werkes miteinander verknüpft. Das ein "Rosenkavalier" in aller barocken Opulenz auf die Bühne gehieft wird, wie in der sagenhaften Inszenierung Otto Schenks am Münchner Nationaltheater, kann sich kein Theater mehr leisten; so findet sich auch Frank Fellmanns Ausstattung im Spagat zwischen der Entstehungszeit von 1911 und der barocken Ansiedlung des Sujets. Die Zeit, eines der Hofmannsthalschen Hauptthemen wird bereits durch eine riesige Sonnenuhr und andere Zeitmesser zum Vorspiel ins Bildgeschehen gebracht, ehe sich der Raum für das Schlafzimmer mitsamt Lever-Outrage weitet. Bei Faninals wird der Raum, sicher auch dem Gebot der Sparsamkeit wegen, verengt, während das Beisl an billige Praterbuden und ihre rummelhafte Kulissenfaktur erinnert. Die Kostüme bewegen sich spielerisch durch Rokoko, über frühes Zwanzigstes Jahrhundert bis zur heutigen Stilmischung. Der dritte Akt zeigt leider auch in Pörzgens Spielführung die BIlligkeit drastischer Komödiantik, die Mariandl-Szenen werden etwas schenkelklopfend verschenkt, die große Ensembleszene mit Ochsens Flucht gerät nicht überzeugend. Doch insgesamt überwiegen die positiven Eindrücke bei der Regie.

Beachtenswert ist die Tatsache, daß ein so den Sparzwängen unterworfenes Haus wie die Bühnen Krefeld/ Mönchengladbach so ein riesiges Personenaufgebot wie im "Rosenkavalier", bis auf zwei Ausnahmen auf so gelungenem Niveau aus dem hauseigenen Ensemble und Chor besetzen können.  Ausnahmen sind zum einen: Lydia Easley als  Marschallin, vielleicht keine Stimme mit ganz großem Volumen, doch macht sie es durch schönes Soprantimbre in allen Lagen und vor allem durch eine sehr ergreifende, feinsinnige Interpretation mehr als wett. Und der eher ordentliche Faninal von Hans Christoph Begemann, der seine großen Momente in den outrierenden Eskapaden des zweiten Aktes hat.
Ansonsten alles Haussänger: Matthias Wippich als Ochs auf Lerchenau hat hier eine seiner besten Partien gefunden, bringt er zum einen die geforderte jugendliche Ausstrahlung mit, wie eine Stimmfrische, die lediglich in den ganz hohen Tönen an ihre Grenzen gerät, was wenig für eine Partie mit so einer weit gespannten Tessitur bedeutet. Besonders erfreulich seine österreichisch eingefärbte Sprachinterpretation. Eva Maria Günschmann zeigt als Oktavian ebenso elegant schlanke Figur, wie sie die stimmliche Leidenschaftlichkeit für den jungen Mann mitbringt, ein sehr gelungenes Rollendebut, der sich von Akt zu Akt steigernden Mezzosopranistin. Sophie Witte ließ sich in der Partie ihrer Namensvetterin indisponiert ansagen, überzeugte jedoch durch lyrische Unschuld und intelligentes Gestalten der wichtigen Stellen und leichte Zurücknahme der nicht ganz so wichtigen, da wird man bei Gesundung noch viel begeisterter sein.

Die kleineren Partien ebenfalls sehr beachtlich, so zum Beispiel einmal gesunden Sopranglanz versprühende Debra Hays in der oft nur leidlich gesungenen Leitmetzerinpartie. Das komödiantische Duo von Janet Bartolova und Markus Schneider als Annina uns Valzaccchi. Hayk Deinyan in der Doppelrolle von Notar und Polizeikommissar. Der blattgoldartig abblätternde Tenorglanz von Kairschan Scholdybajew in der exponierten Rolle des Sängers. So wie eigentlich alle Solisten und Chorsolisten mit viel Liebe kleine Glanzpunkte in den anvertrauten Aufgaben entwickeln konnten.

Musikalisch gelang ein von den Niederrheinischen Sinfonikern ein weitgehend schlackenloses Spiel in den verantwortungsbewußten Handen des GMD Mihkel Kütsons, der sich teilweise recht gediegener Tempi bediente, was im Zeitmonolog der Marschallin zu wundervollen Momenten führte, in spielerischen Szenen manchmal zu leichten Stockungen, die sicherlich in Folgeaufführungen behoben werden können. Kütson läßt gelegentlich eine dominante Führung vermissen, was bei den Sängern zu leichter Verwirrung in den Strukturen führt (Rosenüberreichung!). Ansonsten gerät gerade die dynamische Regelung der Lautstärken ausgezeichnet. Insgesamt eine sehr gelungene Premiere, die das Publikum zu langen Beifallsbekundungen und einigen Bravorufen begeisterte.

Martin Freitag 24.09.14

  

 

DER ROSENKAVALIER

Premiere: 21. September 2014

  Wenn im Vorspiel Violinen und Hörner in Terzenseligkeit nahezu verglühen, betritt eine nicht näher identifizierbare Person die rechte Seitenbühne und wirft einen Schatten auf die getäfelte Rückwand von  FRANK FELLMANNs Ausstattung. Dieser Moment besitzt ein Art Mahncharakter für die Fürstin, die sich – leichter Sinn hin, leichter Sinn her – an einem Punkte ihres Lebens befindet, welcher Endzeitgedanken aufkommen lässt. Die Marschallin ist von jeher eine kluge, gefühlvolle, aber unsentimentale Frau, welche die Dinge des Seins immer auch nüchtern betrachtet. Gegen Schmerzen der Seele ist sie deswegen aber nicht gefeit, der Gedanke an die vergehende Zeit greift ihr oft genug ans Herz. „Manchmal steh‘ ich auf, mitten in der Nacht, und lass‘ die Uhren alle steh‘n.“ In die Bühnenrückwand einmontiert ist ein Emblem mit einer Figurengruppe à trois, ein Spazierstock wird zum Perpendikel, der äußere Rand zeigt die Stundeziffern einer Uhr. Ein schönes, sinnfälliges Bildsymbol.

 Die äußere Erscheinung von Marschallin und Octavian addiert sich in Krefeld – stärker als bislang anderswo erlebt – der szenischen Deutung hinzu. EVA MARIA GÜNSCHMANN gibt einen hochgewachsenen, schlanken Jüngling, impulsiv, voll drängender Gefühle und singt mit einer wunderbar ausgeglichenen Stimme voller Leuchtkraft. Nach ihrem Adriano eine neue  Figur voll feurigen Lebens. Die Marschallin von LYDIA EASLEY (exzellente Diktion trotz minimaler Amerikanismen hier und da) wartet mit höhensicherem, lyrisch-schlankem Gesang auf, dem es zur rechten Zeit („wenn eine Sach‘ ein End‘ hat“) an markantem Nachdruck nicht fehlt. Durch ihre leicht junonische Figur wirkt die Sängerin etwas reifer als üblich, ihre Liaison mit Octavian hat solcherart  etwas von einer Mutter-Sohn-Beziehung. Dennoch versteht es die Sängerin, Charme und Liebesfähigkeit der Figur ohne falsche Gestik über die Rampe zu bringen. Dass ihr die Regisseurin MASCHA PÖRZGEN im 3. Akt nur einen konventionellen Abgang zugesteht (ohne beispielsweise nochmal auf den Schatten zu Beginn anzuspielen), empfindet man freilich als kleines Defizit. Die Schlusssequenz mit ihrem „Geht ruhig heim, das Spiel ist aus“-Gestus, nimmt man als Zuschauer durchaus an, sinniert aber sofort über eine überzeugendere Lösung.

 Insgesamt hat das szenische Konzept Mascha Pörzgens aber viel für sich. Die Regisseurin unterlässt es, die mit drastischem Humor, manchmal sogar Klamauk nicht sparende, im Kern aber wehmütige Handlung in irgendein modernistisches Ambiente zu zwingen, Die Kostüme siedeln sie in die Nähe der Entstehungszeit der Oper an. Das Zeremoniell der Rosenüberreichung, früher oft mit leerem Pomp auf die Bühne gebracht, wirkt in Krefeld wie ein Bilderbuchzitat. Auf einem mit Knospen bedeckten, geschrägten Spielpodest wird Octavian auf die Szene geschoben, nachdem die Wände des etwas engen Faninal-Palais‘ mit ihren protzig goldenen Gravuren über die Erhebung des Hausbesitzers in den Adelsstand auseinander gefahren sind. Im 1. Akt genügt ein von links unten nach rechts oben hereingezogener Raumprospekt, um die Szene vom Marschallin-Boudoir in das Empfangszimmer zu verwandeln. Die etwas skurrilen Lever-Besucher werden per Bühnenhydraulik herein gehievt, erwachen aus ihrer Spielzeugstarre zum Leben. Der „Sänger“ (KAIRSCHAN SCHOLDYBAJEW mit imposantem Tenorschmelz) mutiert sogar zu einer Aufziehpuppe à la Olympia.

 Das Finalbild wirkt wie ein Sammelsurium ausgelagerter Dekorationsteile. Zuletzt verschwinden die Kulissen, das Anfangsbild schiebt sich wieder herein. Und da hätte, wie gesagt, inszenatorisch stärker ergänzt werden dürfen. Dennoch ist die Aufführung reich an Menschenbeobachtung, bietet angemessene Situationsstimmungen. Dafür sorgt nicht wenig auch die Konturierung des Ochs, in Gestalt von MATTHIAS WIPPICH ein Schwerenöter im besten Mannesalter, unsympathisch, aber nicht wirklich widerwärtig In dieser Figur hat der spiellaunige und sprach-idiomatische Sänger fraglos seine bislang beste Rolle am Haus gefunden. Wie das arme Hascherl SOPHIE heißt auch die Sängerin dieser Partie mit Vornamen so (weiter: WITTE), tapfer und tonschön eine Erkältung überspielend. HANS CHRISTOPH BEGEMANN ist ein rechter Gockel von Faninal, DEBRA HAYS, Ensemblemitglied seit über zwei Jahrzehnten, als köstliche Leitmetzerin mal wieder eine vollgriffig umrissene Figur. Positiv zu ergänzen sind JANET BARTOLOVA (Annina) und MARKUS HEINRICH (Valzacchi). Auch in Kleinpartien (z.T. aus dem Chor besetzt) gibt es gute Stimmen zu hören.

  Last not least haben die NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKER einen an Höhepunkten reichen Abend. Es wird blitzsauber und mit seidigem Ton gespielt, der Klangkörper wird unter dem estnischen GMD MIKHEL KÜTSON zu einem echten musikalischen Sprachrohr. Der Beifall des Premierenpublikums geriet enorm enthusiastisch.

 

22.9. 14 Christoph Zimmermann

Dank für die schönen Bilder an Matthias Stutte

 

 

 

 

NEUER SPIELPLAN 2014/15

Nur fünf echte Opernpremieren bei zwei Häusern

Welch ein trauriges Bild

Richard Strauss Der Rosenkavalier

nach Louis Spohr Die Schöne und das Biest

Jacques Offenbach Hoffmanns Erzählungen

Rupert Holmes Das Geheimnis des Edwin Drood

Benjamin Britten Peter Grimes

Weiteres

 

 

DON GIOVANNI

Besuchte Aufführung am 14.05.14

(Premiere am 10.05.14)

Verfilmtes Nachtstück

Schon vor drei Jahren hatte der Sänger und Regisseur Kobie van Rensburg an den Vereinigten Bühnen Krefeld/Mönchengladbach einen selten lebendigen, sehr erfolgreichen Mozart-Figaro auf die Bretter gestellt, so hatte man ihn für die Neuinszenierung des "Don Giovanni" wieder eingeladen. Das Ergebnis kann sich ebenfalls sehen lassen: Schon beim "Figaro" wurden die Projektionen von Lorenzo da Pontes genialem Libretto gleich Sprechblasen über die handelnden Personen direkt ins Bühnenbild integriert, was einen gleichsam filmischen Ablauf des Geschehens erfordert, im "Giovanni" wird der "Film Noir" zum Thema. Rensburg arbeitet mit seinen Ausstattern, Dorothee Schumacher und Lutz Kemper, auf das ebgste zusammen, denn der filmische Ablauf wird direkt auf die Bühnenelemente projeziert, ebenso müssen die Sänger genauestens auf den Ablauf achten, denn wenn im Film ein Fenster geöffnet wird,muß die Aktion dazu auf den Punkt erfolgen. Ganz toll gelingt wieder die Personenführung, die Figuren werden menschlich absolut erfahrbar, witzige Ideen bereichern die Handlung, statt sich in den Vordergrund zu drängen, das Ganze stets auf sehr musikalischer Ebene. Gerade die schnellen Ortswechsel werden brilliant gelöst, das Ambiente des New Yorks der zwanziger Jahre passt mit seinen geschmackvollen Kostümen hervorragend. Freilich gerät manches etwas dunkel, da wird der "Film Noir" zu sehr mit wenig Licht, statt mit pessimistischer Sicht verwechselt, die Projezierungen des Textes auf den dunklen Hintergrund sind nicht immer vorteilhaft. Doch das Positive der Szene überwiegt bei weitem, zum Finale mit Höllenfahrt wird sogar mit einer, wie ich finde, sehr gelungenen Pointe aufgewartet, die hier jedoch nicht verraten wird.

Solch eine Inszenierung kann jedoch auch nur mit einem ausgezeichneten Ensemble gelingen, mit sängern, die sich als Darsteller und nicht lediglich als Tonproduzenten verstehen, einem Ensemble wie es in Krefeld aufgeboten wird: Mit Martin-Jan Nijhof erlebt man einen attraktiven, agilen Giovanni, dessen Bariton durch sinnliche Viriltät besticht, sei es als despotischer Autokrat mit vokalem Anspruch oder raunendem Verführer wie in der Serenade; Nijhof kann mit allen Nuancen aufwarten. Andrew Nolen steht ihm als Leporello mit manchmal aufrührerischem Habitus, mal mit devoter Servilität zur Seite, manchmal gerät sein vokales Profil jedoch etwas nachlässig. Ein Clou der Vorstellung ist der erfundenen zweite Diener "Django", Andrew Maginley ist eigentlich weder Sänger , noch Darsteller, sondern Musiker, trotzdem fügt er sich prima in die Szene ein. "Django" trägt einen Gitarrenkasten mit sich und begleitet natürlich mit Laute und Mandoline nicht nur das Ständchen, sondern übernimmt auch manche Aufgabe des Continuo, was der Aufführung zusätzliche Lebendigkeit verleiht.

Elena Sancho Pereg ist ein bezaubernde Donna Anna von mädchenhafter Erscheinung und stählerner Seele, dazu passt ihr gut fokussierter Sopran mit interessant metallener Höhe hervorragend. Debra Hays gestaltet als reife Frau die Donna Elvira gerade durch ihre sensible Komödiantik zu einem glaubhaften Charakter. Susanne Seefings zerlina gefällt durch sinnliche Erotik ohne je frivol zu wirken, freilich klingen die Höhen ihres Sopranes etwas gefährdet, vor allem bei "Batti,batti", dann kommt es auch zu leichten Defiziten in der Intonation. Matthias Wippich als kerniger Masetto schöpft aus dem Vollen seines Bassbaritons und übernimmt auch Teile des "Komturs". In der ersten Szene wird dieser von Bondo Gogia effektvoll gesungen.

Alexander Steinitz liefert zu diesem "Film" den lebendigen "Mozart-Soundtrack", ohne einer historisch informierten oder romantischen Interpretation hinterherzuhechten, freilich machen seine manchmal etwas willkürlichen Temporückungen, den Sängern Schwierigkeiten, so daß es zu einigen Wacklern zwischen Graben und Bühne kommt, die jedoch schnell wieder eingefangen werden. Die Niederrheinischen Sinfoniker bleiben stets flexibel hinter ihrem Dirigenten und absolvieren den Orchesterpart mit großer Aufmerksamkeit, ebenso wie der Chor.

Mit dem "Don Giovanni" hat Krefeld/ Mönchengladbach auf jeden Fall wieder eine sehr attraktive Mozart-Produktion im Repertoire, die hervorragend beim Publikum ankommt und sich in ihrer verständlichen Modernität bestens dazu eignet gerade junge zuschauer für die Oper zu gewinnen. Musikalisch klingt vielleicht nicht alles perfekt, was jedoch marginal bleibt, denn hier entsteht echtes, glutvolles Musiktheater. Eine Fahrt nach Krefeld lohnt.

Martin Freitag 22.4.14

 

 

DON GIOVANNI

Premiere am 10.Mai 2014

Im Oktober 2011 schlug die Inszenierung von „Le nozze di Figaro“ durch KOBIE VAN RENSBURG am Theater Mönchengladbach nachgerade wie eine Bombe ein. So burlesk und auf moderne Weise komödiantisch aufgefrischt hatte man Mozarts Opera buffa bislang kaum gesehen. Der südafrikanische Regisseur ist als Tenor vor allem mit Barockrepertoire (oft unter der Stabführung von René Jacobs) und Mozart-Partien (2006 Idomeneo an der Met) bekannt geworden, wirkte 2005 aber auch bei einer Produktion von Wagners “Holländer“ beim Westdeutschen Rundfunk Köln mit (Cappella Coloniensis unter Bruno Weil). Wie weit er als jetzt Mittvierziger seine Sängerkarriere noch ausübt, ist nicht verlässlich bekannt. Seine Inszenierungen seit 2006 (Monteverdis „L’Orfeo“ mit gleichzeitiger Übernahme der Titelpartie in Halle) oder 2002 (so das Krefelder Programmheft) zeigen allerdings, dass er nicht nur mal eben die Fronten wechselt, sondern mit einer sehr eigenen Handschrift diese neue Tätigkeit vielleicht einmal zur einzigen machen wird, ähnlich wie Brigitte Fassbaender.

 Auch bei „Don Giovanni“ bestimmen Videos das Visuelle der Aufführung. Van Rensburgs Ausstatter (DOROTHEE SCHUMACHER, LUTZ KEMPER), die u.a. schon für seine Monteverdi-Trilogie in Passau verantwortlich zeichneten, stellen vor allem Leinwände zur Verfügung, welche mit entsprechenden Projektionen perspektivisch weit greifende und „stehende“ Raume ermöglichen, aber auch mäandernde Dekorationen wie ein riesiges Treppenhaus zeigen, wenn Donna Anna von Giovannis nächtlichem Eindringen in ihr Schlafgemach berichtet. Eine Autofahrt (Giovanni mit seinen Kumpanen auf der Flucht nach dem Komtur-Mord) war schon im „Figaro“ zu sehen und macht neuerlichen Effekt.

 Auf dekorative Weise werden auch Übertitel eingesetzt, und zwar in „Sprechblasenmethode“. Die Texte (köstlich flapsig eingedeutscht) laufen nicht als Spruchband am Zuschauerauge hochoben am Bühnenportal vorbei, sondern sind essentieller Teil des Bühnenbildes. Sie springen mal von oben nach unten, mal von links nach rechts, umkreisen sich und lösen sich auch schon mal in Splittern auf. Manchmal bekommt man nicht alles mit, der Methode wohnt also eine Gefahr von Überfülle inne – aber die Idee bleibt äußerst attraktiv. Ob mit ihr jugendliche Besucher noch stärker für die Oper erwärmt werden? Der Versuch ist es auf alle Fälle wert. Die bisherigen Regiearbeiten von Kobie van Rensburg galten Sujets mit komödiantischem Einschlag. Jetzt wäre natürlich interessant zu testen, ob sich diese Surtitle-Prinzip auch bei Seria-Stoffen und Ähnlichem bewährt. Die Benutzung von Video, wie von Rensburg betrieben, kann aber in jedem Falle als visuelle Bereicherung nur willkommen geheißen werden. Das Krefelder Premierenpublikum reagierte jedenfalls neuerlich enthusiastisch. Mit ähnlich Mitteln verfuhr übrigens vor einem halben Jahr in Dortmund Kay Voges überaus glücklich, als er mit Wagners “Tannhäuser“ sein Operndebüt gab.

 Historisches Ambiente gibt es im Krefelder „Giovanni“ natürlich nicht, der Maskenauftritt bei Giovannis Fest ist bestenfalls als „Zitat“ zu sehen. In die meist dunkel gehaltene Bilderwelt der Inszenierung spielt der “Film noir“ der vierziger und fünfziger Jahre hinein, das Handlungsmilieu ist im Amerika der Dreißiger angesiedelt, als „die Wertvorstellungen nach dem Ersten Weltkrieg unter die Lupe genommen wurden“ (Rensburg). Dieser Interpretation muss man nicht unbedingt folgen, und dass der Librettist da Ponte in New York starb, ist wohl kaum mehr als eine biografische Marginalie. Rein optisch macht sich die gewählte Bühnenlandschaft aber ausgesprochen gut.

 Wie nun aber steht es mit Mozarts Titelhelden? Wer ist er, welche gesellschaftliche Funktion kommt ihm zu? Die Bildsequenzen zur Ouvertüre zeigen eindeutig: Giovanni gilt bei Frauen als Objekt von allerhöchster Begehrlichkeit, bei Männern als Feindfigur in einem „wohlanständigen“ Lebensentwurf, für den bei Mozart namentlich Don Ottavio steht. Der schlitzohrige Leporello und der tumbe Masetto sind eher neutrale Anpassertypen. Differenzierter verhält es sich bei den Damen. Donna Anna zeigt bei Rensburg im Schlussteil ihrer Szene „Crudel“, dass auch in ihr erotisch Einiges lodert. Zerlina besteht (auf charmante Weise) sowieso nur aus Erotik, Donna Elvira womöglich noch mehr. Rensburg beschneidet die tragischen Dimensionen dieser Figur vielleicht zu sehr, macht aus der emotional brodelnden Lady ein etwas zickiges Weibsbild. Legitimiert wird dies ein wenig dadurch, dass in Krefeld die von Mozart für Wien nachkomponierte Arie „In quali eccessi“ entfällt, wie nota bene auch Ottavios „Dalla sua pace“. Diese (keineswegs zwingende) Entscheidung kompensiert der Regisseur nach der Pause witzig mit einer Szene, in welcher „Django, stummer Diener im Dienste Don Giovannis“, eine Schellackplatte mit eben diesen Titeln abnudelt. Django ist eine nette Hinzuerfindung für’s Personarium, er greift mit seiner Gitarre hier und da in die Rezitativbegleitung ein und klimpert auch die Mandoline beim Ständchen seines Herrn.

 Giovanni, um nochmal auf ihn zurückzukommen, bedeutet einen vehementen Stachel im Fleisch einer gutbürgerlichen Gesellschaft, die gelernt hat, Triebhaftigkeit im Zaume zu halten. Entspricht das der Natur des Menschen? Mozarts Oper wirft da einige Fragen auf, Kobie van Rensburg verstärkt sie auf inszenatorisch intelligente Weise. Dennoch lässt er am Schluss Konventionen siegen. Die von Giovanni „Geschädigten“ betrieben eine gemeinsame Vendetta. Masetto wird als Kontur verkleidet (entsprechend verschmelzen sich die Partien auch vokal) und sorgt selbst bei dem coolen Giovanni für Angst und Schrecken. Der Chor tritt hinzu und intoniert (statt des Gesangs der Höllengeister) das „Dies irae“ aus Mozarts „Requiem“. Ein gewagter, aber legitim wirkender Werkeingriff, dramatisch ungemein suggestiv. Der Dur-Schluss gerät dann freilich zur kaschierenden Tea-Party. Polizisten, welche nach dem Rechten sehen, werden beruhigt und sogar unverhohlen mit Geld bestochen. Kobie van Rensburgs Konzept ist unterhaltsam, gibt aber intellektuell auch nachhaltig zu denken auf. Eine bestechende Mixtur.

 Ohne den als Sänger wie als Bühnenerscheinung höchst attraktiven  Niederländer MARTIN-JAN NIJHOF würde der Aufführung das Zentrum fehlen. Er ist Don Giovanni. Auch ANDREW NOLEN wäre in der Titelpartie vorstellbar. Indem er Leporello übernimmt und diesem seine markante Stimme leiht, wirkt die Figur aufgewertet, auch wenn das Servile damit etwas eingeebnet ist. Vokal wirkt die als Donna Elvira engagiert spielende DEBRA HAYS etwas kleinformatig. Dafür ist die gertenschlanke SOPHIE WITTE eine in jeder Hinsicht ausgekochte Zerlina. In ELENA SANCHO PEREG begegnet einer ebenso lyrischen wie dramatisch vitalen Donna Anna; letzter Belcanto-Schliff wird sich noch einstellen. Mit dem Masetto macht Matthias Wippich gute Figur, als „Komtur“ stößt er sängerisch an Grenzen. MICHAEL SIEMON verkörpert den Ottavio mit tenoraler Grandezza. Unbedingt ist noch der vielseitig agierende ANDREW MAGINLEY als „Django“ zu erwähnen. Für einen eloquenten Mozart-Klang sorgt mit den NIEDERRHEINISCHEN SINFONIKERN der erste Kapellmeister des Hauses, ALEXANDER STEINITZ. Nach Wagners „Rienzi“ ist dieser “Giovanni“ ein neuer, bedeutsamer  Höhepunkt in der aktuellen Geschichte des Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach.

Christoph Zimmermann 11.5.14

Bilder: Stutte / Theater Krefeld

 

Red. Anmerkung

Leider sind die Sprechblasentexte vom Balkon aus überwiegend, weil viel zu dunkel projeziert, zu 80 Prozent nicht lesbar. Bil

  

MANON

Große Oper in der kleinen Stadt Krefeld

PR Krefeld am am 1.3.2014 (Aufführungsdauer 2 h 40 / eine Pause))

Was für ein grandioses Ensemble !

 

Endlich endlich endlich eine glaubwürdige Manon! Darauf haben wir über 100 Jahre gewartet ;-) Die gerade einmal 29-Jährige

Sophie Witte bot nicht nur eine mehr als superbe Sangesleistung in der Titelpartie als Manon, die allerdings noch von ihrem geradezu herzzerreißendem Darstellungsvermögen überboten wurde - sondern sie war genau diese, am Anfang der Oper, noch (lt. Libretto) 16-jährige Manon Lescaut.

 

Da kommt eine weibliche Opern-Figur endlich einmal glaubwürdig herüber. Frau Witte verfügt über einen wirklich lyrischen, wunderschönen, auch im Fortissimo höhensicheren Sopran, wie wir ihn selten erleben; ein Glücksfall für Massenets "Manon", die wir ja auch heute noch meist (ähnlich wie die eigentlich noch jüngere Butterfly) an den Top-Häusern dieser Welt mit bejahrten Sopranistinnen besetzt sehen, die dem Altersdurchschnitt (*) ihres Publikums entsprechen oder ihn schon überschritten haben. Das reißt dann meist keinen vom Hocker oder erzeugt irgendeine Form von Gänsehaut, wie ich sie am Samstag ständig hatte. Ich würde Sophie Witte eine große Zukunft prophezeien, wenn sie sorgsam mit ihrer Stimme umgeht. Da wächst ein Weltstar heran. Selten habe ich mich in den letzten 40 Jahren mit solchen Spekulationen geirrt.

Noch etwas sehr Erfreuliches: Die Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach beweisen sich endlich erneut wieder als respektables Sprungbrett in die große Internationale Opernwelt. Die umsichtige und erfolgreiche Intendanz von Michael Grosse bringt das Gemeinschaftstheater qualitativ vorwärts und die umtriebig stetige Talentsuche von Operndirektor Andreas Wendholz zeitigt Erfolge. Nur mit solcher Qualität bringt man eine (Verzeiht mir Niederrheiner ! ;-) "Provinzbühne" endlich wieder überregional ins Gespräch. Ein toller, überzeugender Abend! Bravi per tutti!

Dabei sollte man aber auch die wunderbare Leistung des restlichen Ensembles, welches dieses schwierige Werk komplett aus den eigenen Reihen besetzen konnte, nicht übersehen: Was boten Walter Planté (Guillot), der Grandseigneur des Hauses, zusammen mit Andrew Nolen (Bretigny) für ein köstlich spätsonnenköniglich dekadentes Adelspaar. Und selten hörte man einen dermaßen markanten Vater wie Matthias Wippich, sowie einen Lescaut (Rafael Bruck) von solcher Präsenz und zielsicherer Intonation.

Für diese französische Oper einen sowohl in Statur und Alter, als auch stimmlicher Prägnanz passenden Sänger zu finden, gleicht sicherlich einer schon fast sisyphalen Suche in der globalen Opernwelt. Auch hier wurde man - welch weiterer Glücksgriff - fündig und hat zurecht Michael Siemon, ein blutjunges Tenortalent, sofort am Haus beschäftigt. Was ist dieser junge Sänger mit solch  optimalen Veranlagungen für eine Erwartung an die Zukunft? Auch er wird, davon bin ich überzeugt, gut beraten und geführt, seinen großen Weg auf die Weltopernbühne finden. Bravo!

Die Comprimarii: Debra Hays (Poussette), Gabriela Kuhn (Javotte) und Charlotte Reese (Rosette) krönen stimmlich, wie auch tänzerisch, dieses echte Gold-Ensemble. Mal wieder war auch der Chor (Ltg. Maria Benyumova) überzeugend präsent und sowohl stimmlich, als auch darstellerisch erfrischend gut disponiert; ein Opernchor von überregionalem Format - ein zu bewahrendes Kleinod.

Die Niederrheinischen Sinfoniker spielten nach der Pause wirklich traumhaft schön und GMD Mihkel Kütson führte sein Orchester stets umsichtig, sicher, sängerfreundlich und einfühlsam. Ein großes Massenetsches beseeltes Klangbild konnte sich, trotz karger Streicherbesetzung, besonders im Finale - wer hatte bei diesem ergreifenden Schluss keine Tränen in den Augen -  einstellen. Nur eine kleine kritische Anmerkung sei erlaubt: Bitte verehrte Musici! Die sogenannte "akademische Viertelstunde" kann für ein gutes Orchester nicht in Anspruch genommen werden. Über dreißig Minuten quasi Einspielzeit (!) bis sich die Gruppen vernünftig zusammengefunden haben, sind zuviel des Schlechten.

Nicht zuletzt die die Regie: François de Carpentries gehört zu den ganz wenigen Regisseuren, die mich noch nie enttäuscht haben. Wenn ich in der Vorankündigung seinen Namen lese, dann freut man sich als Kritiker auf diesen Abend. Und auch diesmal zeigte er sich mit seinem Team (Bühne Siegfried E. Mayer & Kostüme Karine Van Hercke) als meisterhafter Regisseur zeitgemäßen Musiktheaters, obwohl man das ganze Szenario mit traumhaften Rokoko-Perücken und zeitgemäßer Kostümierung zur Entstehungszeit, wie im Libretto vorgeschrieben (1850) spielen ließ. Eine Rarität in der heutigen zeit. Werktreuer geht nicht! Und noch etwas sticht ins Auge: werktreu in barocken Originalkostümen muss nicht gleich schlecht oder langweilig sein. Quod erat demonstrandum. Alles klappt, alles ist sinnfällig, überzeugende Chor- und Personenführung - kein Leerlauf dank gefühlvoller Kürzungen. Fazit: so muss, so sollte eine intelligente Regie sein. Was für eine Wohltat im deprimierenden Umfeld der szenischen Katastrophen- oder Langweilerabende der großen Konkurrenzhäuser im Umfeld.

Hallo Niederrheiner! Hallo NRW-Opernfreunde! Es gibt einen wirklich großen Opernabend zu vermelden: die vorbildliche Realisierung einer schwierig zu inszenierenden "Grande Opera"; noch dazu mit fabelhafte, unverbrauchten Sängern, die fast Unmögliches leisten. Ein hinreißender Musiktheaterabend - jede noch so weite Anreise wert.                      

Peter Bilsing / 3.2.14                                       Bilder (c) Matthias Stutte

 

* P.S.

der Alterdurchschnitt des Opernpublikums unserer Tage in den deutschsprachigen Ländern der EU liegt bei rund 60 Jahren; in manchen Häuser sogar darüber.

 

 

All you can Eat

DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

Besuchte Vorstellung: 18.12.2013 (Premiere in Mönchengladbach 31.05.13, in Krefeld am 13.10.13)

España por favor: Vergnügliches aus  einem spanischen Ferienhotel

 Die deutsche Spieloper des Biedermeier mit seinen romantischen Bezügen ist heute dem Publikum nicht mehr so leicht zu vermitteln. Otto Nicolai wird heute als Gründer der Wiener Philharmoniker (1842) vielfach mehr Gewicht beigemessen denn als Komponist. Musikkritiker würdigen seine Mittelrolle zwischen der deutschen Musiktradition und dem italienischen Belcanto. Von seinem kompositorischen Schaffen finden heute nur noch seine Lustigen Weiber von Windsor Beachtung, die aber völlig zu Recht in der Aufführungsfrequenz weit hinter denen des von Verdi als Falstaff vertonten gleichen Stoffs zurückbleiben. Sicher liegt das zum Teil auch an der eklektischen Musik von Nicolai, aber vor allem am schwächeren Libretto von Salomon Hermann Mosenthal im Vergleich zu Arrigo Boitos Einrichtung des Stoffs für Giuseppe Verdi, der in seinem Alterswerk zudem zu einem für ihn ganz neuen Musikstil gefunden hat. 

Frau Reich, Frau Fluth

Im Programmheft wird erwähnt, dass einer der Gründe des Theaters Mönchen-Gladbach/Krefeld zur Aufnahme der Oper in den Spielplan gewesen ist, dass man derzeit im Ensemble die geeigneten Interpreten bei der Hand habe. Das sei unbestritten (s.u.), aber es reicht wohl zur Begründung der Programmierung nicht aus. Denn Tatsache ist auch, dass das Regietheater bei der deutschen Spieloper zu wenige Ansatzpunkte zur Psychologisierung (d.h. allerdings häufig einfach nur Dekonstruktion) oder einer neuen Innensicht des Stoffs gefunden hat. Der Regisseur Andreas Baesler sucht diesen Ansatz gar nicht erst, sondern schafft, damit das Publikum sich nicht langweile, eine originelle Außensicht des Stücks. „Komisch-fantastische“ Oper in drei Akten nennt Nicolai sein Werk. das „Fantastische“ bleibt bei Baesler zwar auf der Strecke (Hernes Eiche wird nun eine Zimmerpalme, noch besser wäre ein Gummibaum gewesen...), aber mit dem Komisch-Komödiantischen kommt der Zuschauer voll auf seine Kosten. 

Gruppenbild mit John Falstaff

Baesler verlegt die Handlung aus der Themsestadt Windsor in ein Hotel Windsor irgendwo nach Spanien in eine deutsche Urlaubskolonie, wobei der Name des Hotels ein Zugeständnis ans Libretto ist, denn Engländer zeigen sich von diesem Hotel nicht angezogen. Dafür aber ein Haufen von deutschen Pauschaltouristen einer nicht allzu weit zurückliegenden Gegenwart, die in Kleidung so bunt wie in ihrer Amüsierlust groß ist. Der zieht mit Getöse in das Hotel ein. Alle können auch schon ein paar Brocken Spanisch und wissen, dass man dem Personal herablassend auf die Schultern klopft. Falstaff, ein sich unwiderstehlich fühlender Endfünfziger, war schon vorher angereist; in der Lobby schläft er gerade seinen Rausch aus. Damit alles passt, haben der Regisseur und die Dramaturgin Ulrike Aistleitner eine neue Dialogfassung erarbeitet, die zusammen mit dem Bühnengeschehen dem aufgedrehten, aber dennoch etwas spießigen deutschen Urlaubsvolk einen gutmütig-ironischen Spiegel vorhält. Da braucht man sich kaum noch am Text zu reiben und kann eine vergnügliche und unterhaltsame Komödie in Szene setzen – Ähnlichkeiten zur Fortsetzungsreihe einer Fernseh-Soap sind rein zufällig.  

Die Ruhe vor dem (Herne-)Sturm

Das passende prächtige und detailverliebte Bühnenbild dazu hat Harald B. Thor entworfen. Aus einer kleinen Hotelhalle mit Rezeption und Bar („Hernes Eiche“), einer Sitzgruppe und ein paar Zimmerpflanzen hat man durch eine Fensterflucht Ausblick nach hinten auf eine Terrasse neben dem Schwimmteich und ein paar bewaldete Hügel. Auf der zweiten Etage befindet sich die Zimmerflucht des Dreisternehotels im Geschmack der 70er Jahre. Zum Szenenwechsel wird seitlich eine Hotelzimmersuite hereingeschoben. Das Volk und die Darsteller tummeln sich in den bunten abwechslungsreichen Kostümen von Tanja Hofmann. Die Ehepaare Fluth und Reich, letzteres mit dem Töchterchen, der „holden Anna“, sind auch unter den Urlaubsgästen, die Verehrer Dr. Cajus und (Junker) Spärlich sind ebenfalls mitgereist. (Sir) John Falstaff ist nicht auf Geld aus, sondern eher auf sexuelles Vergnügen. Fenton ist der Tennislehrer des Etablissements und hat sich auch in die deutsche Touri-Tochter verliebt. Der notorische Wäschekorb ist ein rollbarer Wagen mit de Bettwäsche des Hotels. Mit diesem Konzept kann die Regie jederzeit mit aus dem Alltag gegriffenen zusätzliche Figuren die Handlung aufmischen. Es sind alle Zutaten für einen abwechslungsreichen Abend gegeben, in dem die Handlung völlig stimmig und mit vielen spritzigen Regieeinfällen ablaufen kann, Albernheiten nicht ausgeschlossen. Der Abend kulminiert in der fulminanten Szene bei der Herne-Eiche, die Baesler als spätabendliches Gästeamüsement (Ringelpietz mit Anfassen) und Wahl der Miss Hotel inszeniert. Wenn man selbst nie in Spanien Inklusiv-Urlaub macht, ist das besonders amüsant, wenn aber doch, dann kann es durch die gut beobachteten Szenen zu Wiederkennung kommen. Alles in allem eine sehr gelungene Regiearbeit! Das quirlige Bühnengeschehen entschädigt zudem für einige Längen in der Partitur; auf über drei Stunden Gesamtzeit kommt der Abend.  

Anna Reich, Dr. Cajus, Herr Reich

Zur Tiefe neigt der Abend auch musikalisch nicht. Denn die Partitur des schon mit 39 Jahren verstorbenen Otto Nicolai, der ganz zu Recht als Wanderer zwischen den Welten der italienischen Belcanto-Oper und der deutschen Musik geführt wird, hat einen freundlich leichten Duktus, in welchen Nicolai, der im Hauptberuf Dirigent war, eine Reihe von Einflüssen verarbeitet hat: von den italienischen Belcantisten, von Beethoven, Weber und Mendelssohn. Interessant ist, dass diese Musik der guten Laune dem späteren (wesentlich einfacheren, aber ebenso inspirierten) Operettenstil von Johann Strauß schon ein Vierteljahrhundert vorausgreift. So vermittelten es jedenfalls die gut aufgelegten und schwungvoll aufspielenden Niederrheinischen Sinfoniker unter der Stabführung von Alexander Steinitz, erstem Kapellmeister am Theater Krefeld-Mönchengladbach. Die Ouvertüre klang noch ein wenig schwammig, aber im Verlauf kam das Dirigat inspiriert und griffiger daher und folgte den differenzierten Anforderungen der Partitur von romantischem Hornklang, pfiffigen Toneffekten und rasanten „Rossini“-Passagen. Klangschön und präzise agierte der von Maria Benyumura und Ursula Stigloher einstudierte Chor des Theaters.  

Chor

Das neunköpfige Solistenensemble des Theaters bewegte sich durchweg auf geschlossen hohem Niveau, so dass sich Einzelkritiken fast erübrigen würden. Hervorzuheben bleibt aber Matthias Wippich als Falstaff, der weniger mit seiner Leibesfülle als mit seiner stattlichen hochgewachsenen Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich zog. Bauch war in Baeslers Lesart auch gar nicht angezeigt (anders als beim Verdi-Falstaff, wo dem Bauch eine der Hauptrollen zugedacht ist). Wippich begeisterte mit seinem Spiel und seinem bis in die Tiefe kräftigen runden Bass. Debra Hays gab eine schauspielerisch wie gesanglich sehr bewegliche Frau Fluth. Ihr leicht ansprechender Sopran glitzerte in der Höhe und überzeugte mit den leicht geführten Koloraturen. In der Rolle ihrer Freundin Frau Reich setzte Susanne Seefing ihren sehr gefälligen, schlanken und hellen Mezzo ein. Rafael Bruck polterte mit seinem kernigen Bariton überzeugend als der eifersüchtige Herr Fluth herum; die wesentlich kleinere Rolle des Herrn Reich gab Andrew Nolen mit festem kernigem Bassbariton. Vom Opernstudio Niederrhein stieß Andrey Nevyantsev als Fenton zum Ensemble und gefiel mit seinem gut geführten, bronzenen Tenormaterial, in einigen Höhen aber noch etwas bemüht klingend. Ebenfalls vom Opernstudio kommend sang Lisa Katerina Zimmermann die Anna Reich. Zwar gefiel ihr kräftiger dramatischer Ansatz stimmlich, der war aber nicht unbedingt rollentypisch. Die beiden komödiantischen Figuren waren mit Gereon Grundmanns Bass als Dr. Cajus und Markus Heinrichs hellem Tenor als Junker Spärlich adäquat vertreten.  

Der Abend war nur mäßig besucht. Auffallend war die quasi Nicht-Anwesenheit jeglichen jungen Publikums. Der Beifall der Anwesenden für die gelungene Produktion war indes lang anhaltend und herzlich. Nun noch am 21.12.13, am 21. und 31.01.14 sowie am 14.02. und 11.03.14 

Manfred Langer, 20.12.2013                                          Fotos: Matthias Stutte

 

 

 

Musiktheater-Premieren

der Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach / Saisonvorschau
 

Giuseppe Verdi
Stiffelio
Premiere am 28.9.2013 im Theater Mönchengladbach
Premiere im Theater Krefeld 2014/15

Otto Nicolai
Die lustigen Weiber von Windsor
Premiere am 13.10.2013 im Theater Krefeld

Richard Wagner
Rienzi
Premiere am 20.10.2013 im Theater Mönchengladbach

Frederick Loewe
My Fair Lady
Premiere am 17.11.2013 im Theater Mönchengladbach
Premiere im Theater Krefeld 2014/15

Johann Strauß
Die Fledermaus
Premiere am 30.11.2013 im Theater Krefeld

Peter Tschaikowsky
Mazeppa
Premiere am 19.1.2014 im Theater Mönchengladbach

Joe DiPietro, Jimmy Roberts
I Love You, You’re Perfect,
Now Change

Premiere am 19.1.2014 in der Fabrik Heeder, Krefeld

Jules Massenet
Manon
Premiere am 1.3.2014 im Theater Krefeld
Premiere im Theater Mönchengladbach 2014/15

Franz Lehár
Das Land des Lächelns
Premiere am 13.4.2014 im Theater Mönchengladbach

Wolfgang A. Mozart
Don Giovanni
Premiere am 10.5.2014 im Theater Krefeld
Premiere im Theater Mönchengladbach 2014/15

 

 

RIENZI

Premiere am 9. März 2013

Rienzi for President

Eindrucksvolle entschlackte und überzeugende Produktion zum Wagnerjahr

"Da kann der Wagner doch nichts dafür" votierten 80 % der Antworten auf eine Internet-Umfrage der Westdeutschen Zeitung, ob man Hitlers Lieblingsoper, das monströse Frühwerk des knapp Dreißigjährigen und von ihm selbst später als "Jugendsünde" und "Schreihals" bezeichnet, überhaupt noch spielen solle.

Hitler scheint aber in der zweiten Hälfte der Oper regelmäßig eingenickt zu sein und nur den Aufstieg, nicht aber das fatale Ende des Rienzi und damit auch seinen eigenen drohenden Untergang nicht mitbekommen zu haben. Der nach dem Krieg verständlicherweise nur sehr selten gespielten Oper, die bis heute nicht auf dem Grünen Hügel angekommen ist, klebt natürlich schon der NSDAP-Makel. Die Alten unter uns erinnern sich an die obligate Rienzi-Ouvertüre zum Reichsparteitag. Die Oper Krefeld ist stolz, das einzige deutsche Haus zu sein, welches Rienzi im Wagner-Jahr szenisch neu herausgebracht hat - und wie!

Und vor allem weit weg von der Originalzeit, vom Faschismus und erst recht vom NS-Geruch. Letzteren hatten jüngere Inszenierungen nicht ausräumen können, insbesondere die Berliner Aufführung von Philipp Stölzel sparte nicht mit Parallelen zu Rhetorik und Ritualen der Nazis.

Ganz anders der Regisseur Matthias Oldag in seiner jüngsten Produktion in Krefeld. Sein "Rienzi" spielt in in der Jetzt-Zeit, in einem imaginären politischen Raum mit moderner Kommunikation und kritischer Presse, aber auch in totalitärem Habitus der Protagonisten und mit einer gehörigen Portion süffisanter Anspielungen auf politische Praktiken wie in den USA.

Im ersten Akt sind die Rückwand und der Boden voll von Pressetexten, so über revolutionäre Vorgänge in der Ukraine und in Damaskus. Über Letzteren zieht sich ein grell roter gezackter tiefer Spalt, Trennungs-Symbol vielleicht für Nord- und Südkorea, für Moslems und Christen, für den Adel und das Proletariat aber auch vielleicht Symbol eines Aktienkurses der sich stets rasch wandelnden Welt.

Rienzi, der den Kampf verfeindeter adeliger Familien schlichtet, wird nach einem Wahlkampf amerikanischer Art mit Namensschildern des Kandidaten sowie "Wacht auf" und "Empört Euch"-Postern gewählt. Der weiß gekleidete Chor beim Staatsbankett an großen runden Tischen entspricht ganz dem Klischee religiöser Gruppierungen.

Zum Wahlkampf, aber auch zu den Kampf- und Mordszenen, erscheinen Videos auf einer halb durchlässige Leinwand, sowohl von aktuellen Kriesszenarien mit Flugzeugen und Panzern, aber auch mit Verletzten und Flüchtlingsströmen, wie auch direkt vom Live-Geschehen auf der Bühne; sogar Obama und Putin lassen grüßen - eine nachdrückliche Verstärkung der Konflikte, die in ihrer Länge allerdings etwas nervte.

Matthias Oldag, Thomas Gruber (Bühne) und Henrike Bromber (Kostüme) haben viele packende Bilder auf die Bühne gestellt, etwa wie die Zusammenkunft des Adels in einem Vorstandsbüro mit einer fallenden DAX-Kurve an der Wand, die Erscheinung der Untoten beim Te Deum, den Umsturz der riesigen grell roten Rienzi-Buchstaben und die Szene, wo es der wahnsinnig gewordene Held es nicht mal mehr schafft, seinen Namen aus den herumliegenden Buchstaben zusammenzusetzen.

Besonders eindrucksvoll ist der Schluss: Rienzi singt sein Gebet "Allmächtiger Vater" aller Macht und ihrer Insignien beraubt nur noch im Nachthemd, eine Pappkrone auf dem Kopf. Er sinkt leblos zu Boden, und wird vom Volk, welches aus dem Zuschauerraum strömt, mit den Buchstaben beworfen und mit Benzin angezündet, zusammen mit seiner Schwester, die sich weigert, ihn zu verlassen. Wie beim Popkonzert zünden alle ihre Feuerzeuge, ein riesiges rotes Tuch flattert aus dem Off, und von der Seite schieben sich die entmachteten Adligen wieder in Vordergrund. Schon eine Szene mit vielen Rückenschauern.

Die Oper, ursprünglich auf 6 Stunden konzipiert und einstens sogar als Zweiteiler angedacht, wurde mit kräftigen Strichen versehen, insbesondere in den musikalisch weniger wertvollen Massenszenen, ohne die wesentlichen Elemente zu vernachlässigen. Rienzi war von Wagner in der Tradition der französischen Grand Opera angelegt worden, auch hier hat man in Krefeld in der Ausstattung kräftig reduziert.

Geblieben ist natürlich kein Kammerspiel, was bei der opulenten Musik auch gar nicht möglich wäre, aber schon die entmythologisierte und eindrucksvolle Darstellung eines Menschen, der Verantwortung auf sich nimmt, eine Regierung neu zu ordnen. Ein Mensch, der seine Emotionen hat, der Fehler begeht und daran untergeht. Eine alltägliche Szene leider auch in unserer Zeit, wenn „die Revolution ihre Kinder frisst“.

Auch musikalisch war Allerfeinstes zu vernehmen; vorweg die bestens aufgelegten Niederrheinischen Sinfoniker unter dem GMD Mihkel Kütson. Unter seinem umsichtigen Dirigat blühte die vielschichtige Musik spannungsreich und differenziert, vehement und mit gelegentlichen Anklang an Verdi aus dem Graben auf, ohne jedoch zu lärmen; gelegentlicher Zwischenapplaus wurde rasch überspielt.

Das war Wagner-Feeling vom Feinsten und für ein Haus dieser Größe ein riesiger Erfolg. Emotionen, Lyrik und Pathos hielt Kütson geschickt in der Waage, hatte auch einen wachen Blick auf seine ausgezeichneten und viel beschäftigten Bläser, auf die Sänger und den großen Chor (Einstudierung Maria Benyumova). Dieser klang nicht nur präzise und prachtvoll, sondern stellte mit seinen vielschichtigen Aktionen auf der Bühne einen wesentlichen Teil der Inszenierung dar. Auch die reichlich beschäftigten Statisterie sei hier lobend erwähnt.

Carsten Süss (Rienzi) hatte am Premierenabend wohl nicht seinen besten Tag. Wenn auch auf seinem Weg zum Machtuntergang schauspielerisch absolut überzeugend, liess seine Stimme doch einige Wünsche offen. Im ersten Akt durchaus noch strahlend und mit müheloser Höhe wurde sie zunehmend forcierter und matter, so dass in der Pause Diskussionen aufkamen, ob Süss diese schwierige Partie durchstehen würde. Nun, das klappte dann auch, mit durchaus noch vielen achtbaren Passagen.

Anne Preuß, frisch aus dem Opernstudio Lübeck, absolvierte die Rolle der Irene meisterlich; ihr gebührt ein besonderes Kompliment für die Bewältigung der vertrackten Koloraturen. Die Sängerpalme des Abends gehört Eva Maria Günschmann in der Hosenrolle des Adriano; sie überzeugte mit ihrem blühenden und ausdrucksstarken Mezzo nicht nur stimmlich, sondern vermochte auch ihren Konflikt zwischen der Hingabe zu ihrem Geliebten und den Familienbanden hinreißend darzustellen. Aber auch die Herren standen nicht zurück. Hayk Dèinyan und Andrew Nohlen verkörpern die Oberhäupter der Adelsfamilien stimmlich und darstellerisch ausgezeichnet, ebenso wie Matthias Wippich, Walter Plantè und Thomas Peter in den kleineren Rollen erfreuten.

Dieser „Rienzi“ dürfte zweifellos eine der besten Produktionen der Theaterehe Mönchengladbach/Krefeld sein. So empfand auch das Publikum. Der stehende, jubelnde Applaus im vollbesetzten Haus wollte kein Ende nehmen. Zu Recht!

Michael Cramer                      Dank an Matthias Stutte für die tollen Bilder

 

DAS LAND DES LÄCHELNS

Besuchte Premiere am 08.12.12

Kaum getrübte Operettenfreude

Die Theater in Krefeld/Mönchengladbach sind im näheren Ruhrgebiet diese Saison das Mekka der Operettenfeunde, so gab es, neben den Wiederaufnahmen von "Die Fledermaus" und "Die lustigen Nibelungen", in der Vorweihnachtszeit eine Neuinszenierung von Franz Lehàrs lange nicht in der Gegend gespieltem "Land des Lächelns". Im Großen und Ganzen darf Jakob Peters-Messers Regie als gelungen betrachtet werden, die Dialoge sind zwar radikal gekürzt, doch das Stück wird auf diese Weise sehr auf die musikalischen Nummern verknappt schlüssig dargeboten.

Markus Meyer hat für den Wiener Akt zwar eine etwas düstere, an ein gediegenes Bestattungsinstitut erinnerndes Bühnenbild entworfen, auch die Wiener Gesellschaft aus manisch maskierten Herren und angejahrten Witwen reißt das nicht heraus; doch der chinesische Akt erfreut das Auge mit großer Farbenpracht, Akrobatik, sowie Feuer- und Bändertänzen. Die Hofintrige ist auf die gespenstige "letzte Kaiserin von China" von Rosemarie Weber beschränkt. Dann folgt die tränenselige Trennung bis zu Sou-Chongs "Immer nur lächeln".

Nur den Dialogen würde man doch etwas mehr Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit wünschen. Doch das Wichtige ist ohnehin die Musik mit Fritz Löhner-Bedas unsterblicher Operettenlyrik. Janet Bartolova ist als Lisa schon im Reiteranzug des ersten Aktes eine sehr attraktive Erscheinung, ihre etwas ausufernden Höhen hält sie gesanglich meistens gut in Balance. Michael Siemon ist in der Tauber-Partie des Sou-Chong ein sehr junger Tenor, dessen lyrische Qualität vor allem in der liedhaften Gestaltung seiner Rolle zum Tragen kommen, die tiefen, baritonhaften Passagen (eine Spezialität Taubers) klingen manchmal ein wenig flach. Das "leichte" Paar ist mit Gabriela Kuhn als Mi und Carlos Petruzziello als Gustl stimmlich wie typenhaft passend und attraktiv besetzt.

Die Chöre spielen engagiert und singen den interessanten Chorpart sehr ausdrucksvoll. Alexander Steinitz sorgt mit den sehr sicher aufspielenden Niederrheinischen Sinfonikern für einen etwas breiten "Kinosound" und deckt die Sänger mit der großen Orchesterbesetzung nie zu, sicherlich findet er in den folgenden Aufführungen noch zu den feineren Nuancen, die Lehárs Musik zu bieten hat. Insgesamt haben wir eine Produktion vor uns, die noch vielen Menschen Freude machen wird. Das Premierenpublikum feierte seine Künstler jedenfalls mit großer Begeisterung.

Martin Freitag                                                Bilder: Matthias Stutte

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich ohne Bilder unten auf der Seite Krefeld unseres Archivs.

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