DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Maskerade

Premiere am 12.05.12

Kostümball im dänischen Bettenlager

Es gibt Opern, die werden einfach zu wenig gespielt, so die heimliche, dänische Nationaloper "Maskerade" von Carl Nielsen, um so erfreulicher, daß sich gerade ein Haus wie Krefeld/Mönchengladbach den Spielplan mit solchen Raritäten schmückt. Nielsen ist eher durch seine Symphonien oder Konzerte bekannt, als durch seine zwei Opern, die erste biblische Oper "Saul und David" hat noch recht oratorienhafte Züge, um so überraschender der Coup mit der musikalischen Komödie "Maskerade", nach einem Lustspiel des "dänischen Goethe" Ludvig Holberg. Zu seiner Zeit und eigentlich auch noch 1906 (UA der Oper) ein amüsantes Spiel um die Freude am Leben und die Freiheit des Denkens, wirkt die Komödie heute etwas verstaubt, was jedoch auch einen eigenen Reiz ausmacht, deshalb hätte Aron Stiehl seine Inszenierung nicht unbedingt in die Jetztzeit bringen müssen, doch Jürgen Kirners Bühnenbild fängt in seiner leichten IKEA-Ästhetik alles wieder auf, da gibt es eine Sauna, die niedliche Einbauküche, Häuschen mit skandinavischem Charme und im Maskenball ein riesiges Bett, worin sich Dietlind Konolds poppigen Verkleideten austoben dürfen, ein Hummerballett von Robert North choreographiert bildet einen der optischen Höhepunkte. Stiehl selbst verkauft das Stück leider etwas anbiedernd billig, läßt viel ins Publikum singen und neigt zum unnötig derben Klamauk, während des Kostümfestes wird andauerndes Geschnaksel angedeutet, damit auch wirklich jedem klar wird´daß es rund um die, äh, Liebe (?) geht. Geschmacklos finde ich persönlich, daß man die Zuschauer auch noch zum Klatschmarsch animiert, das hat dann doch übelstes TV-Niveau. Die Handlung könnte einer Commedia dell´arte entstammen, der grobe Polterer, die lebensfrohe Alte, das Liebespaar, die gewitzten Dienerfiguren, alle Ingredenzien finden sich parat, um mit der wirbelnden, gestischen, inspirierten Musik eine Einheit zu bilden, da gibt es bezaubernde Ariosi und hübsche, leicht "dänisch" klingende Refraingesänge alles im Modus des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Graham Jackson weiß das mit den Niederrheinischen Sinfonikern sehr robust zu präsentieren, da würde man noch manchmal etwas Feinschliff vermissen, wenn man nicht durch die animierte Musik so abgelenkt würde. Die Oper ist ein echtes Ensemblestück, was in den vielen Partien gut über die Rampe kommt: an erster Stelle der feine, wie dominante Diener Henrik, der von Tobias Scharfenberger mit modulationsfähigem Bariton zum Dreh-und Angelpunkt des Abends wird. Der Polterer Jeronimus klingt von Hayk Deinyan an diesem Abend mit ungewohnt fahlem Bass, während Satik Tumyan als lebensfrohe Gattin Magdelone stimmlich wie optisch raumgreifend erscheint. Michael Siemons Tenor würde an manchen Stellen eine lyrischere Präsenz zu mehr vokaler Anmut verhelfen, doch er macht seine Sache insgesamt gut, an seiner Seite die immer jugendliche Debra Hays als Leonora. Walter Plantés Charaktertenor mit heftiger Bühnenpräsenz als lüsterner Papa Leonard. Markus Heinrich merkt man seine Indisposition als Diener Arv nicht an. Eva Maria Günschmann fällt als Zofe Pernille mit sattem Mezzo auf, wie Andrew Nolen mit jugendfrischem Bariton in alter Einstein-Maskierung. Matthias Wippich im roten Hummerkostüm gibt mit recht hausbackenem Charme den Spielleiter und singt mit recht pathetischem Opernton auch den Nachtwächter. Der Chor gibt, bis auf einen kleinen Wackler im Maskenball, eine ausgefeilte Leistung voller Spielfreude, das Ballett tanzt mit viel Verve zu Nielsen grandioser, beschwingter Musik.

Die Premierenzuschauer waren von dem unbekannten Werk mit seiner süffigen Musik sichtlich überrascht, das Unterhaltungskonzept des Regisseurs ging ebenfalls auf, so kann man wirklich von einem rauschenden Premierenjubel schreiben.

Martin Freitag

Bilder folgen

 

 

NORMA

Besuchte Premiere am 03.12.11
Liebe in Zeiten der Unterdrückung

Erfreulich ist die Renaissance der Werke Vincenzo Bellinis zu nennen, so konnte man sich am 3.Dezember 2011 entscheiden, die Premieren der "Norma" in Dortmund, oder wie gemacht, in Krefeld zu erleben. Die Krefelder Premiere ist eine Übernahme der Inszenierung von Thomas Wünsch am Pfalztheater Kaiserslautern, das Konzept vielleicht schon besprochen, nichtsdestotrotz: Wünsch greift auf die probate Verlegung der Handlung in die Dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück, ob die "Gallier" Insassen eines Ghettos oder "lediglich" von den Nazis/Römern okkupierte Franzosen sind, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen.

Die Bilder und schlichten Kostüme von Heiko Mönnich erinnern an den poetischen Neorealismus des italienischen Films oder erinnern an französische Nachkriegsfotographien, auch wenn die Wände des Bühnenbildes einen Backsteinrealismus gerieren, läßt der schwarze Hintergrund das Zeichen "Kulisse" deutlich zu. Leider fällt die Personenregie Wünschs recht bieder und hölzern aus, viel antiquierte Operngestaltung; der Chor steht oder verfällt in Kollektivgestik. Zumal der Regisseur durch unnötige Zwischenvorhänge immer wieder den Fluß der Handlung unterbricht.

 Rein gesanglich ist Bellinis "Norma" so etwas wie die Königsdisziplin des Belcanto, mit Barbara Dobranska konnte man eine charismatische Sängerin für die Titelpartie gewinnen, deren schöner, individuell gefärbter Sopran in allen Lagen gut klingt, wenngleich sie die leichte Neigung zu tiefer Intonation besitzt, und für meine Meinung, für das Krefelder Haus manches Mal mit zuviel Volumen singt. Mit Janet Bartolova, die alternierend auch die Norma übernehmen wird, hatte sie am Premierenabend eine passend dramatische Adalgisa an ihrer Seite, freilich schmälert ein unschönes Höhenvibrato den Gesamteindruck. Kairschan Scholdybajew wurde nach der Pause als indisponiert angesagt, was man von Beginn hören konnte, doch erfreut der Tenor als Pollione mit einem istinktiven Gespür für die Bedürfnisse des Belcantogesanges, man muß dem Künstler großen Respekt dafür zollen, sich angeschlagen dennoch mit solcher Verve in die leicht heldentenorale Partie zu werfen. Andrew Nolen überzeugte mit stilistisch wohlklingendem Bass als Oroveso, wurde von Orchester- und Chorkollektiv zugedeckt. Hyun Ouk Chos Flavio gefiel solide, mehr als Lilia Tripodis leicht schartige, szenisch aufgewertete Clotilde.

 Andreas Fellner dirigierte einen sehr dramatischen und robusten Bellini, der die Sänger zu mehr Volumen zwang. Die Partitur bietet mehr Raffinesse auf, als man am Premierenabend hören durfte. Zumal die Niederrheinischen Sinfoniker in der Oper gerade keine Hochphase haben, wie neulich beim "Figaro" einige Unkonzentiertheiten und unnötige Schludereien, obwohl das Flötensolo der "Casta Diva" und das Cellosolo zu Beginn des zweiten Aktes mit viel Emotion erklangen. Die Chöre, szenisch unterfordert, sorgten doch für nötige Subtilität der Priesterszenen, wie Dramatik im "Guerra"-Chor.
 
Insgesamt jedoch eine stürmisch umjubelte Premiere, besonders Gast Barbara Dobranska wurde frenetisch für ihre emotionale Darbietung gefeiert.

Martin Freitag

P.S. Besonderer Dank an Matthias Stutte für die eindrucksvollen Bilder.

 

 

Josef Süß

besuchte Aufführung am 6.11.11

Selten genug werden zeitgenössische Opern nachgespielt, bei Detlev Glanerts "Joseph Süß" (UA Bremen 1999) handelt es sich schon um die fünfte Neuinszenierung dieses Werkes, die jetzt in einer Übernahme auf die Krefelder Bühne gelangt ist. Für die Vereinigten Bühnen Krefeld/Mönchengladbach handelt es sich schon um eine kleine Glanert-Folge innerhalb von zehn Jahren, nach "Der Spiegel des großen Kaisers" und "Scherz, List, Satire und tiefere Bedeutung" jetzt also die dritte Oper des Komponisten. Nachvollziehbar, denn Glanert schreibt in bester Tradition seines Lehrers Hans Werner Henzes eine moderne Musik, die emotional stark nachvollziehbar ist, und scheut auch nicht den einen oder anderen Schönklang. Vorlage ist Lion Feuchtwangers großer Roman "Jud Süß", von der Nazipropaganda zu einem scheußlichen, antisemitischen Hetzfilm mißbraucht. Joseph Süßkind Oppenheimers Aufstieg als Berater und Bankier des württembergischen Herzog, wie dessen infamen Prozeß und Hinrichtung als Thema habend.

Copyright: Wir danken Mathias Stutte (0172-2569952) für die tollen Bilder

In knapp eineinhalb Stunden und dreizehn Szenen vollzieht sich das Drama, in Krefeld schlüssigerweise ohne Pause gespielt. Sieben Szenen, die letzten Stunden Oppenheimers im Kerker bis zu seiner Hinrichtung, umrahmen Episoden aus dessen Leben, jede Kerkerszene beginnt mit dem Geräusch einer zufallenden Tür und immer schneller tropfendem Wasser als Metapher des verrinnendem Lebens, dazwischen gewaltige Chorszenen, historische Zitate der barocken Originalzeit über ironischen Umgang mittels des Baus eines Opernhauses.

Jan-Richard Kehl will alle Aspekte der Oper ausschöpfen, so findet man sich als Zuschauer zwischen den Protagonisten und dem aufstachelnden Chor wieder, dem gefangenen Oppenheimer auf der Bühne gegenüber, doch vertraut der Regisseur zu wenig Glanerts charismatischer Musik und erschöpft die Aktion in einer Überbilderung, die Darsteller werden die Bühne hinaufgejagt und wieder zurück, Frank Hänigs schlichte Bühne gerät in ein übermäßiges Rotieren, mittels aktuellen Schlagzeilen und Börsenkursen soll dem Finanzier eine Jetzt-Getriebenheit versehen werden, was in einfach zuviel optischen "Input" endet, Hänigs Kostüme passen in ihrer Heutigkeit gut.

Musikalisch läßt es Kenneth Duryea am Pult der sorgsam aufspielenden Niederrheinischen Sinfoniker ordentlich krachen, da wäre weniger Lautstärke und mehr Differenzierung dienlicher. Von den Sängern habe ich persönlich einen etwas ambivalenten Eindruck, bei der tonverstärkten Auführung im Rheydter Ausweichquartiers während des Umbaus war zu rechnen, doch daß ich auch im Krefelder Haus teilweise solch einen akustischen Eindruck hatte, irritierte. Igor Gavrilov sang und spielte die Titelpartie mit üppigem Bariton, eine emphatischere Interpretation könnte ich mir noch denken, auch an der Sprache besteht noch Besserungsbedarf. Grandios als vokaler Fürst des Abends Christoph Erpenbeck, der dem württembergischen Herzog enormes Profil und nötige, unsympathische Macho-Allüren verlieh. Tobias Scharfenberger als Rabbi Magus blieb da, der Rolle entsprechend, unauffälliger. Mit wohllautendem, doch auch gesanglich recht gleichförmigem Alt Eva Maria Günschmann als Oppenheimers Tochter Naemi. Debra Hays wie immer ein enormer Aktivposten des Ensembles, als Primadonna Graziella mit koloraturgeläufigen Barockeskapaden, schuf auch in dieser recht oberflächlichen Partie ein feines Charakterbild.

Isabelle Razawi als Geliebte Magdalena kann man getrost als Juwel der zeitgenössischen Oper bezeichnen, mit schöner Sopranfarbe schuf sie auch schauspielerisch ein interessantes Profil. Walter Plante als Süß´Gegenspieler Weissensee schuf bis zu passend schneidenden Tönen hin eine echte Charakterpartie. Tobias Wessler unterstützt in mehreren Rollen in notiertem Sprechen das Ensemble als Schauspieler. Die Chöre und Statisterie hatten mit engagiertem Einsatz keinen kleinen Anteil am Abend.

Martin Freitag

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com