DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Umjubelt:

MANON

Große Oper in der kleinen Stadt Krefeld

PR Krefeld am am 1.3.2014 (Aufführungsdauer 2 h 40 / eine Pause))

Was für ein grandioses Ensemble !

Endlich endlich endlich eine glaubwürdige Manon! Darauf haben wir über 100 Jahre gewartet ;-) Die gerade einmal 29-Jährige Sophie Witte bot nicht nur eine mehr als superbe Sangesleistung in der Titelpartie als Manon, die allerdings noch von ihrem geradezu herzzerreißendem Darstellungsvermögen überboten wurde - sondern sie war genau diese, am Anfang der Oper, noch (lt. Libretto) 16-jährige Manon Lescaut.

Da kommt eine weibliche Opern-Figur endlich einmal glaubwürdig herüber. Frau Witte verfügt über einen wirklich lyrischen, wunderschönen, auch im Fortissimo höhensicheren Sopran, wie wir ihn selten erleben; ein Glücksfall für Massenets "Manon", die wir ja auch heute noch meist (ähnlich wie die eigentlich noch jüngere Butterfly) an den Top-Häusern dieser Welt mit bejahrten Sopranistinnen besetzt sehen, die dem Altersdurchschnitt (*) ihres Publikums entsprechen oder ihn schon überschritten haben. Das reißt dann meist keinen vom Hocker oder erzeugt irgendeine Form von Gänsehaut, wie ich sie am Samstag ständig hatte. Ich würde Sophie Witte eine große Zukunft prophezeien, wenn sie sorgsam mit ihrer Stimme umgeht. Da wächst ein Weltstar heran. Selten habe ich mich in den letzten 40 Jahren mit solchen Spekulationen geirrt.

Noch etwas sehr Erfreuliches: Die Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach beweisen sich endlich erneut wieder als respektables Sprungbrett in die große Internationale Opernwelt. Die umsichtige und erfolgreiche Intendanz von Michael Grosse bringt das Gemeinschaftstheater qualitativ vorwärts und die umtriebig stetige Talentsuche von Operndirektor Andreas Wendholz zeitigt Erfolge. Nur mit solcher Qualität bringt man eine (Verzeiht mir Niederrheiner ! ;-) "Provinzbühne" endlich wieder überregional ins Gespräch. Ein toller, überzeugender Abend! Bravi per tutti!

Dabei sollte man aber auch die wunderbare Leistung des restlichen Ensembles, welches dieses schwierige Werk komplett aus den eigenen Reihen besetzen konnte, nicht übersehen: Was boten Walter Planté (Guillot), der Grandseigneur des Hauses, zusammen mit Andrew Nolen (Bretigny) für ein köstlich spätsonnenköniglich dekadentes Adelspaar. Und selten hörte man einen dermaßen markanten Vater wie Matthias Wippich, sowie einen Lescaut (Rafael Bruck) von solcher Präsenz und zielsicherer Intonation.

Für diese französische Oper einen sowohl in Statur und Alter, als auch stimmlicher Prägnanz passenden Sänger zu finden, gleicht sicherlich einer schon fast sisyphalen Suche in der globalen Opernwelt. Auch hier wurde man - welch weiterer Glücksgriff - fündig und hat zurecht Michael Siemon, ein blutjunges Tenortalent, sofort am Haus beschäftigt. Was ist dieser junge Sänger mit solch  optimalen Veranlagungen für eine Erwartung an die Zukunft? Auch er wird, davon bin ich überzeugt, gut beraten und geführt, seinen großen Weg auf die Weltopernbühne finden. Bravo!

Die Comprimarii: Debra Hays (Poussette), Gabriela Kuhn (Javotte) und Charlotte Reese (Rosette) krönen stimmlich, wie auch tänzerisch, dieses echte Gold-Ensemble. Mal wieder war auch der Chor (Ltg. Maria Benyumova) überzeugend präsent und sowohl stimmlich, als auch darstellerisch erfrischend gut disponiert; ein Opernchor von überregionalem Format - ein zu bewahrendes Kleinod.

Die Niederrheinischen Sinfoniker spielten nach der Pause wirklich traumhaft schön und GMD Mihkel Kütson führte sein Orchester stets umsichtig, sicher, sängerfreundlich und einfühlsam. Ein großes Massenetsches beseeltes Klangbild konnte sich, trotz karger Streicherbesetzung, besonders im Finale - wer hatte bei diesem ergreifenden Schluss keine Tränen in den Augen -  einstellen. Nur eine kleine kritische Anmerkung sei erlaubt: Bitte verehrte Musici! Die sogenannte "akademische Viertelstunde" kann für ein gutes Orchester nicht in Anspruch genommen werden. Über dreißig Minuten quasi Einspielzeit (!) bis sich die Gruppen vernünftig zusammengefunden haben, sind zuviel des Schlechten.

Nicht zuletzt die die Regie: François de Carpentries gehört zu den ganz wenigen Regisseuren, die mich noch nie enttäuscht haben. Wenn ich in der Vorankündigung seinen Namen lese, dann freut man sich als Kritiker auf diesen Abend. Und auch diesmal zeigte er sich mit seinem Team (Bühne Siegfried E. Mayer & Kostüme Karine Van Hercke) als meisterhafter Regisseur zeitgemäßen Musiktheaters, obwohl man das ganze Szenario mit traumhaften Rokoko-Perücken und zeitgemäßer Kostümierung zur Entstehungszeit, wie im Libretto vorgeschrieben (1850) spielen ließ. Eine Rarität in der heutigen zeit. Werktreuer geht nicht! Und noch etwas sticht ins Auge: werktreu in barocken Originalkostümen muss nicht gleich schlecht oder langweilig sein. Quod erat demonstrandum. Alles klappt, alles ist sinnfällig, überzeugende Chor- und Personenführung - kein Leerlauf dank gefühlvoller Kürzungen. Fazit: so muss, so sollte eine intelligente Regie sein. Was für eine Wohltat im deprimierenden Umfeld der szenischen Katastrophen- oder Langweilerabende der großen Konkurrenzhäuser im Umfeld.

Hallo Niederrheiner! Hallo NRW-Opernfreunde! Es gibt einen wirklich großen Opernabend zu vermelden: die vorbildliche Realisierung einer schwierig zu inszenierenden "Grande Opera"; noch dazu mit fabelhafte, unverbrauchten Sängern, die fast Unmögliches leisten. Ein hinreißender Musiktheaterabend - jede noch so weite Anreise wert.                      

Peter Bilsing / 3.2.14                                       Bilder (c) Matthias Stutte

 

* P.S.

der Alterdurchschnitt des Opernpublikums unserer Tage in den deutschsprachigen Ländern der EU liegt bei rund 60 Jahren; in manchen Häuser sogar darüber.

 

 

All you can Eat

DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

Besuchte Vorstellung: 18.12.2013 (Premiere in Mönchengladbach 31.05.13, in Krefeld am 13.10.13)

España por favor: Vergnügliches aus  einem spanischen Ferienhotel

 Die deutsche Spieloper des Biedermeier mit seinen romantischen Bezügen ist heute dem Publikum nicht mehr so leicht zu vermitteln. Otto Nicolai wird heute als Gründer der Wiener Philharmoniker (1842) vielfach mehr Gewicht beigemessen denn als Komponist. Musikkritiker würdigen seine Mittelrolle zwischen der deutschen Musiktradition und dem italienischen Belcanto. Von seinem kompositorischen Schaffen finden heute nur noch seine Lustigen Weiber von Windsor Beachtung, die aber völlig zu Recht in der Aufführungsfrequenz weit hinter denen des von Verdi als Falstaff vertonten gleichen Stoffs zurückbleiben. Sicher liegt das zum Teil auch an der eklektischen Musik von Nicolai, aber vor allem am schwächeren Libretto von Salomon Hermann Mosenthal im Vergleich zu Arrigo Boitos Einrichtung des Stoffs für Giuseppe Verdi, der in seinem Alterswerk zudem zu einem für ihn ganz neuen Musikstil gefunden hat. 

Frau Reich, Frau Fluth

Im Programmheft wird erwähnt, dass einer der Gründe des Theaters Mönchen-Gladbach/Krefeld zur Aufnahme der Oper in den Spielplan gewesen ist, dass man derzeit im Ensemble die geeigneten Interpreten bei der Hand habe. Das sei unbestritten (s.u.), aber es reicht wohl zur Begründung der Programmierung nicht aus. Denn Tatsache ist auch, dass das Regietheater bei der deutschen Spieloper zu wenige Ansatzpunkte zur Psychologisierung (d.h. allerdings häufig einfach nur Dekonstruktion) oder einer neuen Innensicht des Stoffs gefunden hat. Der Regisseur Andreas Baesler sucht diesen Ansatz gar nicht erst, sondern schafft, damit das Publikum sich nicht langweile, eine originelle Außensicht des Stücks. „Komisch-fantastische“ Oper in drei Akten nennt Nicolai sein Werk. das „Fantastische“ bleibt bei Baesler zwar auf der Strecke (Hernes Eiche wird nun eine Zimmerpalme, noch besser wäre ein Gummibaum gewesen...), aber mit dem Komisch-Komödiantischen kommt der Zuschauer voll auf seine Kosten. 

Gruppenbild mit John Falstaff

Baesler verlegt die Handlung aus der Themsestadt Windsor in ein Hotel Windsor irgendwo nach Spanien in eine deutsche Urlaubskolonie, wobei der Name des Hotels ein Zugeständnis ans Libretto ist, denn Engländer zeigen sich von diesem Hotel nicht angezogen. Dafür aber ein Haufen von deutschen Pauschaltouristen einer nicht allzu weit zurückliegenden Gegenwart, die in Kleidung so bunt wie in ihrer Amüsierlust groß ist. Der zieht mit Getöse in das Hotel ein. Alle können auch schon ein paar Brocken Spanisch und wissen, dass man dem Personal herablassend auf die Schultern klopft. Falstaff, ein sich unwiderstehlich fühlender Endfünfziger, war schon vorher angereist; in der Lobby schläft er gerade seinen Rausch aus. Damit alles passt, haben der Regisseur und die Dramaturgin Ulrike Aistleitner eine neue Dialogfassung erarbeitet, die zusammen mit dem Bühnengeschehen dem aufgedrehten, aber dennoch etwas spießigen deutschen Urlaubsvolk einen gutmütig-ironischen Spiegel vorhält. Da braucht man sich kaum noch am Text zu reiben und kann eine vergnügliche und unterhaltsame Komödie in Szene setzen – Ähnlichkeiten zur Fortsetzungsreihe einer Fernseh-Soap sind rein zufällig.  

Die Ruhe vor dem (Herne-)Sturm

Das passende prächtige und detailverliebte Bühnenbild dazu hat Harald B. Thor entworfen. Aus einer kleinen Hotelhalle mit Rezeption und Bar („Hernes Eiche“), einer Sitzgruppe und ein paar Zimmerpflanzen hat man durch eine Fensterflucht Ausblick nach hinten auf eine Terrasse neben dem Schwimmteich und ein paar bewaldete Hügel. Auf der zweiten Etage befindet sich die Zimmerflucht des Dreisternehotels im Geschmack der 70er Jahre. Zum Szenenwechsel wird seitlich eine Hotelzimmersuite hereingeschoben. Das Volk und die Darsteller tummeln sich in den bunten abwechslungsreichen Kostümen von Tanja Hofmann. Die Ehepaare Fluth und Reich, letzteres mit dem Töchterchen, der „holden Anna“, sind auch unter den Urlaubsgästen, die Verehrer Dr. Cajus und (Junker) Spärlich sind ebenfalls mitgereist. (Sir) John Falstaff ist nicht auf Geld aus, sondern eher auf sexuelles Vergnügen. Fenton ist der Tennislehrer des Etablissements und hat sich auch in die deutsche Touri-Tochter verliebt. Der notorische Wäschekorb ist ein rollbarer Wagen mit de Bettwäsche des Hotels. Mit diesem Konzept kann die Regie jederzeit mit aus dem Alltag gegriffenen zusätzliche Figuren die Handlung aufmischen. Es sind alle Zutaten für einen abwechslungsreichen Abend gegeben, in dem die Handlung völlig stimmig und mit vielen spritzigen Regieeinfällen ablaufen kann, Albernheiten nicht ausgeschlossen. Der Abend kulminiert in der fulminanten Szene bei der Herne-Eiche, die Baesler als spätabendliches Gästeamüsement (Ringelpietz mit Anfassen) und Wahl der Miss Hotel inszeniert. Wenn man selbst nie in Spanien Inklusiv-Urlaub macht, ist das besonders amüsant, wenn aber doch, dann kann es durch die gut beobachteten Szenen zu Wiederkennung kommen. Alles in allem eine sehr gelungene Regiearbeit! Das quirlige Bühnengeschehen entschädigt zudem für einige Längen in der Partitur; auf über drei Stunden Gesamtzeit kommt der Abend.  

Anna Reich, Dr. Cajus, Herr Reich

Zur Tiefe neigt der Abend auch musikalisch nicht. Denn die Partitur des schon mit 39 Jahren verstorbenen Otto Nicolai, der ganz zu Recht als Wanderer zwischen den Welten der italienischen Belcanto-Oper und der deutschen Musik geführt wird, hat einen freundlich leichten Duktus, in welchen Nicolai, der im Hauptberuf Dirigent war, eine Reihe von Einflüssen verarbeitet hat: von den italienischen Belcantisten, von Beethoven, Weber und Mendelssohn. Interessant ist, dass diese Musik der guten Laune dem späteren (wesentlich einfacheren, aber ebenso inspirierten) Operettenstil von Johann Strauß schon ein Vierteljahrhundert vorausgreift. So vermittelten es jedenfalls die gut aufgelegten und schwungvoll aufspielenden Niederrheinischen Sinfoniker unter der Stabführung von Alexander Steinitz, erstem Kapellmeister am Theater Krefeld-Mönchengladbach. Die Ouvertüre klang noch ein wenig schwammig, aber im Verlauf kam das Dirigat inspiriert und griffiger daher und folgte den differenzierten Anforderungen der Partitur von romantischem Hornklang, pfiffigen Toneffekten und rasanten „Rossini“-Passagen. Klangschön und präzise agierte der von Maria Benyumura und Ursula Stigloher einstudierte Chor des Theaters.  

Chor

Das neunköpfige Solistenensemble des Theaters bewegte sich durchweg auf geschlossen hohem Niveau, so dass sich Einzelkritiken fast erübrigen würden. Hervorzuheben bleibt aber Matthias Wippich als Falstaff, der weniger mit seiner Leibesfülle als mit seiner stattlichen hochgewachsenen Gestalt die Aufmerksamkeit auf sich zog. Bauch war in Baeslers Lesart auch gar nicht angezeigt (anders als beim Verdi-Falstaff, wo dem Bauch eine der Hauptrollen zugedacht ist). Wippich begeisterte mit seinem Spiel und seinem bis in die Tiefe kräftigen runden Bass. Debra Hays gab eine schauspielerisch wie gesanglich sehr bewegliche Frau Fluth. Ihr leicht ansprechender Sopran glitzerte in der Höhe und überzeugte mit den leicht geführten Koloraturen. In der Rolle ihrer Freundin Frau Reich setzte Susanne Seefing ihren sehr gefälligen, schlanken und hellen Mezzo ein. Rafael Bruck polterte mit seinem kernigen Bariton überzeugend als der eifersüchtige Herr Fluth herum; die wesentlich kleinere Rolle des Herrn Reich gab Andrew Nolen mit festem kernigem Bassbariton. Vom Opernstudio Niederrhein stieß Andrey Nevyantsev als Fenton zum Ensemble und gefiel mit seinem gut geführten, bronzenen Tenormaterial, in einigen Höhen aber noch etwas bemüht klingend. Ebenfalls vom Opernstudio kommend sang Lisa Katerina Zimmermann die Anna Reich. Zwar gefiel ihr kräftiger dramatischer Ansatz stimmlich, der war aber nicht unbedingt rollentypisch. Die beiden komödiantischen Figuren waren mit Gereon Grundmanns Bass als Dr. Cajus und Markus Heinrichs hellem Tenor als Junker Spärlich adäquat vertreten.  

Der Abend war nur mäßig besucht. Auffallend war die quasi Nicht-Anwesenheit jeglichen jungen Publikums. Der Beifall der Anwesenden für die gelungene Produktion war indes lang anhaltend und herzlich. Nun noch am 21.12.13, am 21. und 31.01.14 sowie am 14.02. und 11.03.14 

Manfred Langer, 20.12.2013                                          Fotos: Matthias Stutte

 

 

 

Musiktheater-Premieren

der Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach / Saisonvorschau
 

Giuseppe Verdi
Stiffelio
Premiere am 28.9.2013 im Theater Mönchengladbach
Premiere im Theater Krefeld 2014/15

Otto Nicolai
Die lustigen Weiber von Windsor
Premiere am 13.10.2013 im Theater Krefeld

Richard Wagner
Rienzi
Premiere am 20.10.2013 im Theater Mönchengladbach

Frederick Loewe
My Fair Lady
Premiere am 17.11.2013 im Theater Mönchengladbach
Premiere im Theater Krefeld 2014/15

Johann Strauß
Die Fledermaus
Premiere am 30.11.2013 im Theater Krefeld

Peter Tschaikowsky
Mazeppa
Premiere am 19.1.2014 im Theater Mönchengladbach

Joe DiPietro, Jimmy Roberts
I Love You, You’re Perfect,
Now Change

Premiere am 19.1.2014 in der Fabrik Heeder, Krefeld

Jules Massenet
Manon
Premiere am 1.3.2014 im Theater Krefeld
Premiere im Theater Mönchengladbach 2014/15

Franz Lehár
Das Land des Lächelns
Premiere am 13.4.2014 im Theater Mönchengladbach

Wolfgang A. Mozart
Don Giovanni
Premiere am 10.5.2014 im Theater Krefeld
Premiere im Theater Mönchengladbach 2014/15

 

 

RIENZI

Premiere am 9. März 2013

Rienzi for President

Eindrucksvolle entschlackte und überzeugende Produktion zum Wagnerjahr

"Da kann der Wagner doch nichts dafür" votierten 80 % der Antworten auf eine Internet-Umfrage der Westdeutschen Zeitung, ob man Hitlers Lieblingsoper, das monströse Frühwerk des knapp Dreißigjährigen und von ihm selbst später als "Jugendsünde" und "Schreihals" bezeichnet, überhaupt noch spielen solle.

Hitler scheint aber in der zweiten Hälfte der Oper regelmäßig eingenickt zu sein und nur den Aufstieg, nicht aber das fatale Ende des Rienzi und damit auch seinen eigenen drohenden Untergang nicht mitbekommen zu haben. Der nach dem Krieg verständlicherweise nur sehr selten gespielten Oper, die bis heute nicht auf dem Grünen Hügel angekommen ist, klebt natürlich schon der NSDAP-Makel. Die Alten unter uns erinnern sich an die obligate Rienzi-Ouvertüre zum Reichsparteitag. Die Oper Krefeld ist stolz, das einzige deutsche Haus zu sein, welches Rienzi im Wagner-Jahr szenisch neu herausgebracht hat - und wie!

Und vor allem weit weg von der Originalzeit, vom Faschismus und erst recht vom NS-Geruch. Letzteren hatten jüngere Inszenierungen nicht ausräumen können, insbesondere die Berliner Aufführung von Philipp Stölzel sparte nicht mit Parallelen zu Rhetorik und Ritualen der Nazis.

Ganz anders der Regisseur Matthias Oldag in seiner jüngsten Produktion in Krefeld. Sein "Rienzi" spielt in in der Jetzt-Zeit, in einem imaginären politischen Raum mit moderner Kommunikation und kritischer Presse, aber auch in totalitärem Habitus der Protagonisten und mit einer gehörigen Portion süffisanter Anspielungen auf politische Praktiken wie in den USA.

Im ersten Akt sind die Rückwand und der Boden voll von Pressetexten, so über revolutionäre Vorgänge in der Ukraine und in Damaskus. Über Letzteren zieht sich ein grell roter gezackter tiefer Spalt, Trennungs-Symbol vielleicht für Nord- und Südkorea, für Moslems und Christen, für den Adel und das Proletariat aber auch vielleicht Symbol eines Aktienkurses der sich stets rasch wandelnden Welt.

Rienzi, der den Kampf verfeindeter adeliger Familien schlichtet, wird nach einem Wahlkampf amerikanischer Art mit Namensschildern des Kandidaten sowie "Wacht auf" und "Empört Euch"-Postern gewählt. Der weiß gekleidete Chor beim Staatsbankett an großen runden Tischen entspricht ganz dem Klischee religiöser Gruppierungen.

Zum Wahlkampf, aber auch zu den Kampf- und Mordszenen, erscheinen Videos auf einer halb durchlässige Leinwand, sowohl von aktuellen Kriesszenarien mit Flugzeugen und Panzern, aber auch mit Verletzten und Flüchtlingsströmen, wie auch direkt vom Live-Geschehen auf der Bühne; sogar Obama und Putin lassen grüßen - eine nachdrückliche Verstärkung der Konflikte, die in ihrer Länge allerdings etwas nervte.

Matthias Oldag, Thomas Gruber (Bühne) und Henrike Bromber (Kostüme) haben viele packende Bilder auf die Bühne gestellt, etwa wie die Zusammenkunft des Adels in einem Vorstandsbüro mit einer fallenden DAX-Kurve an der Wand, die Erscheinung der Untoten beim Te Deum, den Umsturz der riesigen grell roten Rienzi-Buchstaben und die Szene, wo es der wahnsinnig gewordene Held es nicht mal mehr schafft, seinen Namen aus den herumliegenden Buchstaben zusammenzusetzen.

Besonders eindrucksvoll ist der Schluss: Rienzi singt sein Gebet "Allmächtiger Vater" aller Macht und ihrer Insignien beraubt nur noch im Nachthemd, eine Pappkrone auf dem Kopf. Er sinkt leblos zu Boden, und wird vom Volk, welches aus dem Zuschauerraum strömt, mit den Buchstaben beworfen und mit Benzin angezündet, zusammen mit seiner Schwester, die sich weigert, ihn zu verlassen. Wie beim Popkonzert zünden alle ihre Feuerzeuge, ein riesiges rotes Tuch flattert aus dem Off, und von der Seite schieben sich die entmachteten Adligen wieder in Vordergrund. Schon eine Szene mit vielen Rückenschauern.

Die Oper, ursprünglich auf 6 Stunden konzipiert und einstens sogar als Zweiteiler angedacht, wurde mit kräftigen Strichen versehen, insbesondere in den musikalisch weniger wertvollen Massenszenen, ohne die wesentlichen Elemente zu vernachlässigen. Rienzi war von Wagner in der Tradition der französischen Grand Opera angelegt worden, auch hier hat man in Krefeld in der Ausstattung kräftig reduziert.

Geblieben ist natürlich kein Kammerspiel, was bei der opulenten Musik auch gar nicht möglich wäre, aber schon die entmythologisierte und eindrucksvolle Darstellung eines Menschen, der Verantwortung auf sich nimmt, eine Regierung neu zu ordnen. Ein Mensch, der seine Emotionen hat, der Fehler begeht und daran untergeht. Eine alltägliche Szene leider auch in unserer Zeit, wenn „die Revolution ihre Kinder frisst“.

Auch musikalisch war Allerfeinstes zu vernehmen; vorweg die bestens aufgelegten Niederrheinischen Sinfoniker unter dem GMD Mihkel Kütson. Unter seinem umsichtigen Dirigat blühte die vielschichtige Musik spannungsreich und differenziert, vehement und mit gelegentlichen Anklang an Verdi aus dem Graben auf, ohne jedoch zu lärmen; gelegentlicher Zwischenapplaus wurde rasch überspielt.

Das war Wagner-Feeling vom Feinsten und für ein Haus dieser Größe ein riesiger Erfolg. Emotionen, Lyrik und Pathos hielt Kütson geschickt in der Waage, hatte auch einen wachen Blick auf seine ausgezeichneten und viel beschäftigten Bläser, auf die Sänger und den großen Chor (Einstudierung Maria Benyumova). Dieser klang nicht nur präzise und prachtvoll, sondern stellte mit seinen vielschichtigen Aktionen auf der Bühne einen wesentlichen Teil der Inszenierung dar. Auch die reichlich beschäftigten Statisterie sei hier lobend erwähnt.

Carsten Süss (Rienzi) hatte am Premierenabend wohl nicht seinen besten Tag. Wenn auch auf seinem Weg zum Machtuntergang schauspielerisch absolut überzeugend, liess seine Stimme doch einige Wünsche offen. Im ersten Akt durchaus noch strahlend und mit müheloser Höhe wurde sie zunehmend forcierter und matter, so dass in der Pause Diskussionen aufkamen, ob Süss diese schwierige Partie durchstehen würde. Nun, das klappte dann auch, mit durchaus noch vielen achtbaren Passagen.

Anne Preuß, frisch aus dem Opernstudio Lübeck, absolvierte die Rolle der Irene meisterlich; ihr gebührt ein besonderes Kompliment für die Bewältigung der vertrackten Koloraturen. Die Sängerpalme des Abends gehört Eva Maria Günschmann in der Hosenrolle des Adriano; sie überzeugte mit ihrem blühenden und ausdrucksstarken Mezzo nicht nur stimmlich, sondern vermochte auch ihren Konflikt zwischen der Hingabe zu ihrem Geliebten und den Familienbanden hinreißend darzustellen. Aber auch die Herren standen nicht zurück. Hayk Dèinyan und Andrew Nohlen verkörpern die Oberhäupter der Adelsfamilien stimmlich und darstellerisch ausgezeichnet, ebenso wie Matthias Wippich, Walter Plantè und Thomas Peter in den kleineren Rollen erfreuten.

Dieser „Rienzi“ dürfte zweifellos eine der besten Produktionen der Theaterehe Mönchengladbach/Krefeld sein. So empfand auch das Publikum. Der stehende, jubelnde Applaus im vollbesetzten Haus wollte kein Ende nehmen. Zu Recht!

Michael Cramer                      Dank an Matthias Stutte für die tollen Bilder

 

DAS LAND DES LÄCHELNS

Besuchte Premiere am 08.12.12

Kaum getrübte Operettenfreude

Die Theater in Krefeld/Mönchengladbach sind im näheren Ruhrgebiet diese Saison das Mekka der Operettenfeunde, so gab es, neben den Wiederaufnahmen von "Die Fledermaus" und "Die lustigen Nibelungen", in der Vorweihnachtszeit eine Neuinszenierung von Franz Lehàrs lange nicht in der Gegend gespieltem "Land des Lächelns". Im Großen und Ganzen darf Jakob Peters-Messers Regie als gelungen betrachtet werden, die Dialoge sind zwar radikal gekürzt, doch das Stück wird auf diese Weise sehr auf die musikalischen Nummern verknappt schlüssig dargeboten.

Markus Meyer hat für den Wiener Akt zwar eine etwas düstere, an ein gediegenes Bestattungsinstitut erinnerndes Bühnenbild entworfen, auch die Wiener Gesellschaft aus manisch maskierten Herren und angejahrten Witwen reißt das nicht heraus; doch der chinesische Akt erfreut das Auge mit großer Farbenpracht, Akrobatik, sowie Feuer- und Bändertänzen. Die Hofintrige ist auf die gespenstige "letzte Kaiserin von China" von Rosemarie Weber beschränkt. Dann folgt die tränenselige Trennung bis zu Sou-Chongs "Immer nur lächeln".

Nur den Dialogen würde man doch etwas mehr Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit wünschen. Doch das Wichtige ist ohnehin die Musik mit Fritz Löhner-Bedas unsterblicher Operettenlyrik. Janet Bartolova ist als Lisa schon im Reiteranzug des ersten Aktes eine sehr attraktive Erscheinung, ihre etwas ausufernden Höhen hält sie gesanglich meistens gut in Balance. Michael Siemon ist in der Tauber-Partie des Sou-Chong ein sehr junger Tenor, dessen lyrische Qualität vor allem in der liedhaften Gestaltung seiner Rolle zum Tragen kommen, die tiefen, baritonhaften Passagen (eine Spezialität Taubers) klingen manchmal ein wenig flach. Das "leichte" Paar ist mit Gabriela Kuhn als Mi und Carlos Petruzziello als Gustl stimmlich wie typenhaft passend und attraktiv besetzt.

Die Chöre spielen engagiert und singen den interessanten Chorpart sehr ausdrucksvoll. Alexander Steinitz sorgt mit den sehr sicher aufspielenden Niederrheinischen Sinfonikern für einen etwas breiten "Kinosound" und deckt die Sänger mit der großen Orchesterbesetzung nie zu, sicherlich findet er in den folgenden Aufführungen noch zu den feineren Nuancen, die Lehárs Musik zu bieten hat. Insgesamt haben wir eine Produktion vor uns, die noch vielen Menschen Freude machen wird. Das Premierenpublikum feierte seine Künstler jedenfalls mit großer Begeisterung.

Martin Freitag                                                Bilder: Matthias Stutte

 

Besprechungen älterer Aufführungen befinden sich ohne Bilder unten auf der Seite Krefeld unseres Archivs.

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com