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Gesegnet mit einem dunklen, weinroten Mezzo
Leila Pfister

Wissen die Nürnberger überhaupt, wen sie da bislang in eher „kleineren“ Rollen erlebt haben, obwohl die Magdalene in Wagners „Meistersingern“ zu den großen „Nebenrollen“ gehört? Bislang – denn einige der nächsten Partien, die Leila Pfister in naher Zukunft am Nürnberger Staatstheater gestalten wird, gehören zum Schönsten, was die Opernwelt zu bieten hat: die Dorabella (in „Così fan tutte“), die Carmen, eine „Lieblingspartie“, natürlich.

Nürnberg MEISTERSINGER - Copyright aller Bilder; Ludwig Olah
„Ich lerne bei jeder Vorstellung neue Seiten einer Figur kennen, die im Vorfeld vielleicht nicht einmal aufgedeckt wurden, sich aber aus der Musik und den Situationen ergeben. Es ist schön, so einen 'Lernprozess' mit einer Figur mitzumachen. So bleibt man lebendig.“ Wer derart spricht, muss noch kein guter Opernsänger und -spieler sein – aber wer Leila Pfister in der allseits hochgelobten, auch auf DVD vorliegenden „Meistersinger“-Produktion der Nürnberger Spielzeit 2011/12 erlebt hat, zweifelt nicht daran, dass die Theorie der Praxis gehorcht.

Leila Pfisters dunkel grundierter Mezzosopran ist wie geschaffen für Partien wie die Magdalene, der die junge, in Basel geborene und in Zürich und Bern ausgebildete Sängerin zu einem eindringlichen Rollenprofil verhalf. Es hat Gründe, denn Leila Pfister hat nicht allein ihre Stimme trainiert. Dies ist – auch wenn auf den Bühnen inzwischen viele schauspielerisch hochbegabte Sänger auf den Opernbühnen stehen – keine Selbstverständlichkeit. Immerhin ein Jahr lang besuchte sie das Schauspiel-Grundstudium an der Zürcher Theaterhochschule Zürich; nicht weniger wichtig war die Zeit, die sie in ihre Tanz- und Körperausbildung steckte. Man spürt's, wenn man sie nur abgehen sieht. Kommt hinzu ein hervorragendes Lehrpersonal: „Meisterkurse u.a. bei Pierre Boulez, Christoph Prégardien, Irwin Gage, Brigitte Fassbaender, Hartmut Höll und Mitsuko Shirai“, der Eintrag in der Vita zitiert wahrlich keine kleinen Namen. „Außerdem wirkte sie“, liest man, „bei Filmmusik und Hörspiel (Radio DRS), aber auch als Sprecherin bei Filmsynchronisation mit“. Man könnte sich darunter einige „Mucken“ vorstellen, mit denen sich eine junge Studentin ein Zubrot verdiente. Von heute aus gesehen waren auch dies die Bausteine einer facettenreichen Berufspraxis.

Waren es zunächst auch eher „schwierige“ Frauen, mit denen sie in ihrer ersten Nürnberger Spielzeit debütierte, so darf man gespannt sein, wie Leila Pfister ihre anderen Opernmenschen - nach der genau gezeichneten Magdalene, der Mary im „Fliegenden Holländer“ und der Flora in „La Traviata“ - gestalten wird. Ihre Interessen belegen, dass sie auch etwas Anderes als die „herkömmlichen“ Rollen schätzt, unter denen die Hauptrolle in der „Cenerentola“ und Miss Quickly in ihrem ersten Aachener Engagement (2009-2011) herausragen. Leila Pfister hat genaue Vorstellungen von all diesen Figuren, also von den Partien, die auch im Falle Richard Wagners, nach einem klugen Wort seiner Witwe, niemals klein sind. Sie fragt: Welches genaue Verhältnis haben sie zu ihren Partnern? Wo steht etwa die Magdalene - als „Amme“ für heutige Begriffe nicht definiert - im Kreis der Meistersinger? Hat sie sich den Lehrjungen David, der ihr intellektuell eindeutig unterlegen ist, vielleicht geangelt, um in der Hierarchie der Stadt Nürnberg wenigstens eine Stufe höher zu rücken (denn einen Meister wird sie ja nicht bekommen)? Und erklärt sich, so der Betrachter, nicht ihr seltsam gespanntes Verhältnis zu eben jenem David aus diesem kalkulierten Schritt? Selbst die Mary, die selten als Figur mit einer eigenständigen Geschichte inszeniert und wahrgenommen wird, bekommt in Nürnberg ein Innenleben und einen Hintergrund geschenkt, auch dank der stark psychologisierenden Regie Helen Malkowskys, die der denkenden Sängerin sehr entgegen kommt. „Vielleicht“, so Leila Pfister, „war sie auch einmal ein Opfer des Holländers“. Nebenbei: manchmal entstehen gute Effekte auch durch simple Bühnenpannen – wozu der Abgang Marys zu den Worten „Ich spinne fort“ gehört. Den Vorschlag, die schöne Absurdität dieses „Fortspinnens“ doch beizubehalten, findet Leila Pfister nicht übel. Und sonst? Eine CD (bei Amazon für nur 13,99 Euro)

http://www.amazon.de/Songs-New-Era-Leila-Pfister/dp/B003D8OA2U/ref=sr_1_cc_1?s=aps&ie=UTF8&qid=1329919914&sr=1-1-catcorr
mit Liedern Schönbergs, Debussys und Honeggers („Songs of a new era“ bei Oehms Classics), eine zweite mit seltenen spanischen Stücken zeugt ebenso für ihre weit gespannten musikalischen Meriten wie ihr intensives Engagement in Sache Neuer Musik wie mit dem „ensemble für neue musik zürich“
http://www.ensemble.ch/
oder dem „Ensemble Zora“, das sich, auch auf internationalen Festivals, der Neuen Musik verschrieben hat.

http://ensemblezora.ch/home
Man sieht: Fachidiotie steht Leila Pfister ganz und gar nicht. In der Saison 13/14 wird sie wieder, in der Tonhalle Zürich, einen Liederabend geben: mit Hartmut Höll, der sie schon einmal auf dem Podium begleitete. Viel Zeit für Aktivitäten außerhalb der Nürnberger Oper wird kaum bleiben. Eine Rolle wie die der Hedwige in Rossinis „Guillaume Tell“, darin ein wenig Verdis Fora vergleichbar, mag nicht viele Solostellen haben, doch im Ensemble hat Leila Pfister genug zu tun – und die Rolle der Marquise in Donizettis „Regimentstochter“ zählt gleichfalls nicht zu den Petitessen der Operngeschichte. In Nürnberg herrscht, so betrachtet, Vollbeschäftigung für die Sängerin, die niemals „nur“ sang: sie unterrichtete u.a. am Zürcher Konservatorium und an der Musikhochschule Luzern – allerdings in der Jazzabteilung, was ein bezeichnendes Licht auf ihre Vielseitigkeit wirft. Was sie sonst machen würde? „Vielleicht malen, oder...“
Dass sie Finalistin und Preisträgerin mehrerer renommierter Gesangswettwerbe, etwa des Concours International Nadia et Lili Boulanger Paris 2007, war, dass sie in der Berliner Philharmonie und der Liederhalle Stuttgart auftrat, versteht sich angesichts ihrer stimmlich-dramatischen Qualitäten fast von selbst – aber wichtiger bleibt die Intelligenz und Unverwechselbarkeit, mit der sie selbst „kleinen“ Rollen (demnächst etwa der kaum zu unterschätzenden 3. Magd in „Elektra“) zum Leben verhilft, wenn sie nicht gerade Carmen oder Dorabella sein wird. „Glück“, so hat sie kürzlich für den Fragebogen im Journal des Nürnberger Staatstheaters geschrieben, „Glück bedeutet für mich, in einem freudvollen Zustand zu leben.“ Eine einfache wie komplexe Antwort.
Für den Nürnberger Opernbesucher ist es zur Zeit ein Glück, Leila Pfister in „kleinen“ wie bedeutenden Rollen zu erleben – vielleicht auch einmal, das wäre auch so eine Wunschpartie, als Charlotte in Jules Massenets „Werther“. Was nicht ist, kann ja noch werden – und vorstellen kann man sich Pfisters mögliche Charlotte, gesegnet mit einem dunklen, weinroten Mezzo, ausgesprochen gut.
Frank Piontek
Redaktion: Peter Bilsing