DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Copyright: Peter Klier

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Scandalum medium auf dem Trockenen

Es ist viel über die angebliche Skandalinszenierung von Michael von zur Mühlen geschrieben worden. Nun, nachdem das Werk revidiert wurde, sah ich am letzten Freitag die „bereinigte" Fassung. Die beiden Steine des Anstoßes, die Videos der Kampfhundeattacke und das professionelle Rindertöten wurden entfernt, der Rest ist geblieben. Und damit die Frage, warum sich das Premierenpublikum so dermaßen echauffierte. Michael von zur Mühlens Inszenierung ist eine reine unreflektierte Zitatensammlung sämtlicher, auch noch von der internationalen Fachpresse, oft hoch gelobter, Regiemanierismen der letzten 20 Jahre. Angefangen von Videoeinspielungen (Gang und Gebe beim "Opernhaus des Jahres" in Essen!), die finale Zerstörungsorgie (ob sinn- oder sinnlos - jedenfalls seit 1978 einfallslos), das Baden mit Altöl und Blut aus vollen Eimern (Gerade erst letztes Jahr wurde der Düsseldorfer MACBETH zur Theaterinszenierung des Jahres gewählt!), sinnlosem Hemdausziehen bis hin zur Pseudoerotik einer Stripperin (Siehe nur die ständigen Unterwäsche-Orgien des hochgelobten Kusej  - Provokation wie aus dem Quelle-Katalog!).  Man hat alles irgendwie schon einmal gesehen oder davon gehört (und sich nicht sonderlich darüber aufgeregt). Warum die Premiere zu einer Massenhysterie führte, lässt sich nach der zweiten Vorstellung nicht mehr nachvollziehen. Mittlerweile ist das Stück ein Publikumshit. Wagner hält viel aus. Was sagt das Publikum erst, wenn 2012 ein Fachmann für Fäkales und Ekeleregendes Intendant in Berlin wird.

 

 

Musikalisch gewann die Vorstellung durch Wolfgang Brendels stets stimmigen und hervorragend interpretierten Holländer, auch wenn man den Eindruck erhielt, er fühle sich in dieser Inszenierung nicht ganz wohl. Er bleibt auch weiterhin ein Führender in dieser Rolle. Überraschend gut auch der Erik von Michael Baba. Edith Hallers Senta, beeindruckend im Spiel und in der Stimme, wenngleich auch in den Höhen etwas zu angestrengt, überzeugte auf der ganzen Linie. James Moellenhoffs, stets eine sichere Bank in Leipzig, gab einen bestechenden Daland, genauso wie Dan Karlström als Steuermann. Die Mary Susan Maclean blieb dagegen etwas schwach. Bestechend gut, wie immer an diesem Haus der Chor der Oper Leipzig unter Sören Eckhoff. Das Gewandhausorchester unter Leopold Hager gab eine routinierte Vorstellung.

 

Soweit so gut, dieser zweite Abend wurde dennoch mit viel Unruhe im Publikum begleitet. Von zur Mühlens Interpretation des Holländerstoffes liegt klar auf der Hand. Ins Hochhaus-Bühnenbild (siehe Essener Holländer!) von Natascha von Steiger und in den Kostümen Dorothee Scheiffarths expediert er seine Kapitalismuskritik (Es ist immer dieselbe alte Geburtstagstorte und wer sie zum 22 Male ins Gesicht bekommt findet das nicht mehr lustig, sondern nur noch langweilig - wie auch die Zuschauer). Beruhigend: Es gibt keine Folterszenen wie bei Bieito. Dass er dabei zu den an diversen großen Häusern erprobten Mitteln greift, sei einem jungen Regisseur, der noch Kariere machen möchte, gestattet. Man muß es sich ja nicht anschauen! Er zitiert die Welt der neuen "großen" Regisseure; Bieito, Knabe, Koskie...wie sie auch alle heißen.

Der Holländer ist genauso wie Daland und seine Mannen (Und schon seit Jahren der Oberboss Wotan!) ein gebeutelter Banker/Börsianer - immerhin nachvollziehbar, denn die Skrupellosigkeit mit der er seine Tochter für Bares verscherbelt erinnert doch irgendwie an die Hatchfond-Manager, die unsere Welt verkauften - rücksichtslos, emotionslos, lieblos. Die Damen in der „Spinnstube“ tragen schlecht kopiertes Chanel und ziehen sich auch gerne mal zu Zöpfen gefochtene Strumpfhosen aufs Köpfchen und zerstückeln irgendwelche blutige Fleischwaren. (In der hochgelobten Essener "Turandot" zerreißen und fressen die Choristen die ratlosen Quiz-Teilnehmer). Senta tränkt die vorher ausgezogenen Hemden des Herrenchores in einem Eimer voller Blut und zieht sie dann noch an. Dann mit Blut bekleckert, geht sie mal schnell Duschen, Erik folgt ihr nach und singt dann die ganze Zeit im nassen Unterhemd - ob Wäscherei-Syndrom, Menstruations-Kunst oder einfach nur Schwachsinn, dem abgeklärtem Opernkritiker heutiger Tage entlockt sowas nur ein dezentes Augenbrauen-Raufziehen a la Mr. Spock.

Das Liebesduett zwischen Senta und Holländer ist nicht inszeniert; die Beiden sitzen sich gegenüber (wie Elsa und Lohengrin beim hochgerühmten Kölner Brandauer-Lohengrin) und singen sich einfach nur an, inszenatorische Einfallslosigekitgewinnt oder der Versuch einfach nur schlichte Innigkeit darzustellen. Beim Verlobungsfest im dritten Akt versucht sich der Steuermann darin die bereitwillig auf dem Boden liegenden Chordamen in einem faschingsmäßigen Matrosen Outfit zu beglücken. Er schafft aber nur drei. Oswald Kolle läßt grüßen - na der alte Wagner war ja auch kein Frauenverächter! Honi soit, qui mal y pense! Die Holländermannschaft verdient ihr Geld wahrscheinlich als Unterhosenmodels und zerstört im Videoclip zunächst die Oper, und danach die Galeria Kaufhof. Zu guter Letzt wird auch noch ein Autowrack vor der Oper in Brand gesetzt, wahrscheinlich um die Unruhen in Paris oder Athen zu zitieren. Wir Opernfreunde schauen ja sonst keine Nachrichten! Geil, wenn sich die Zuschauer dann aufregen. "So werde ich berühmt! So werde ich berühmt! Bald bin ich berühmt!!" wird sich der Regisseur permanent selbst bei diesen Szenen eingeredet haben.

 

Warum die Theaterleitung sich dazu hinreißen ließ, ein "künstlerisches" Werk nach der Premiere zu beschneiden, bleibt immer noch fraglich. Hat denn niemand von Dresen (Konwitschny!) gelernt. Der Inszenierungsprozess zieht sich doch über längere Zeit hin, von den ersten Konzeptionsgesprächen (meist schon 1 Jahr vorher!) bis hin zur eigentlichen, meist sechswöchigen Probezeit, in der alle Einspielungen, Requisiten, Kostüme usw. vorgestellt und erprobt werden bis hin zur Stellprobe, Kostümprobe, Hauptprobe, Generalprobe - war da die Intendanz auf Traumschiffurlaub? So so stellt sich die Frage: hätte die Reaktion des Publikums nicht vorhergesehen werden können, und hätte man nicht im Vorfeld eingreifen müssen? Oder sollte gar der Schock für billige Publicity geplant in Kauf genommen werden?

 

 

Was bleibt ist der schale Nachgeschmack eines unvollständigen Werkes, dem die beiden einzigen simplen Aussagen. 1. „Esst kein Fleisch“ und 2. „Kapitalismus ist Böse“ nicht reichen um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. In Erinnerung bleibt zusätzlich das peinliche Gerangel und Getue um die weitere „Spielbarkeit“ des Stücks. Absetzen oder spielen kann es doch nur heißen - kein Zuschauer ist gezwungen da herein zu gehen. Alles andere ist dilettatischer Aktionismus! Mit den sogenannten "Nachbesserungen" haben sich die Oper Leipzig und deren Führung keinen echten Gefallen getan.

Aus einem Skandal wurde nur eine Provinzposse. Wieder sprang einer als Tiger los und landete als Wischmopp. Warum - zum Teufel - glaubt eigentlich jeder, der heute auf die Oper losgelassen wird, er käme mit so einem Zeug weiter. (Ja, ja... ich weiß, Alexander von Pfeil ließ zwei nigelnagelneue Porsche in seinem TRISTAN (wars in Augsburg?) aufeinanderknallen, denn mehr war ihm nicht eingefallen zu dem Liebesmythos) und nun - trallallala ! - ist er Oberspielleiter in Berlin. Übrigens: diese Porschecrasherei hat mir (Bil) persönlich mehr Seelenunheil zugefügt, als dieser blöde Kampfhundfilm - immerhin hätten meine Katzen sich wenigstens darüber gefreut.

Wie schön wäre es doch einmal, wenn die Jungregisseure ebenso viel Zeit und Energie - wie sie in ihre kruden Phantasien investieren - in das Studium von Musik und echter Regiekunst investieren würden.

Alexander Hauer / Peter Bilsing

 

 

AIDA

– am  01.11.08

  Es war ein feuchtkalter 1. November und die Wellen schlugen am Ende sehr heftig. Das Publikum war gespalten, die Buhs waren in der Überzahl und die Bühne genoss diesen zweifelhaften Erfolg. Die Rede ist von Verdis Aida in der Interpretation durch Peter Konwitschny. Schon im Vorfeld erklärte er, dass er auf jeden Pharaonenkitsch verzichten wolle. Gut so, das hat er in den 90ern auch schon in Meiningen gemacht und ein Werk wie Aida ist stark genug, dass es solche Veränderungen erträgt. Konsequent spielt die gesamte Oper in einem weißen, klaustrophobischem Einheitsbühnenbild, mit Sofa inklusive rotem Samtüberwurf (BB: Jörg Kossdorff). Die Wände weisen eine Gitterstruktur auf, die an Gehege und Gefängnisse gemahnen. Die Kostüme von Michaela Mayer-Michnay sind keiner bestimmten Zeit verpflichtet und gefällig. Dann erzählt Konwitschny Verdis Aida. Er hält sich strikt an den Erzählfluss, erfindet nichts dazu, lässt nichts weg. Aber wie kam es dann zu dieser Unzufriedenheit des Premierenpublikums? Denn es war doch eine sehr konservative Inszenierung.

Radames, Carlo Ventre, bespricht zusammen mit dem Oberpriester Ramfis (Danilo Rigosa), die aktuelle Kriegssituation. Die Äthiopier haben Ägypten angegriffen und der junge Kriegsherr soll es richten. Für die Sklavin Aida, im Dienstmädchenkleidchen: Sylvie Valayre, will er siegen. Und damit beginnt das Dilemma, denn Radames wird auch noch von der Königstochter Amneris (schön anzuschauen und stimmlich gut: Natascha Petrinsky) begehrt, die in Aida ihre Rivalin erkennt. Diese klassische Dreierkombination ist seit Beginn der Menschheit bekannt und führt immer zu Ärgernissen. Radames zieht, nachdem er in einer rituellen Handlung und Geschlechtsverkehr mit einer Priesterin(die beste Damenstimme des Abends: Viktorija Kaminskaite) auf den Krieg eingeschworen wurde, in die Schlacht. Amneris tischt ihrer „Freundin“ Aida eine Lüge auf, Radames sei tot. Dies führt zum Liebesgeständnis Aidas und Amneris glaubt schon durch ihre exponierte Stellung die Sklavin ausstechen zu können.

Anlässlich des Sieges feiern der König, stimmlich wie immer hervorragend James Moellenhof, Ramfis und Amneris den Sieg. In ausgelassener Stimmung vergreifen sich Vater und Priester auch ein wenig am Töchterchen, die es aber gar nicht so Übel nimmt. Erst als Aida dazu stößt wird ihnen das Treiben bewusst und man will es vor dem Hauspersonal gerne vertuschen. Radames kehrt zurück, auch bei ihm hat der Krieg Spuren hinterlassen. Er verlangt die Vorführung der Gefangenen und darauf die Freilassung der Äthiopier. Durch Solidarisierung des ägyptischen Volkes mit den Gefangenen scheinen die Machtverhältnisse zu wanken. Man beschließt einen Kompromiss. Bis auf Aida und ihren Vater Amonasro (Paolo Gavanelli) dürfen alle nach Hause, und Radames bekommt für seine Dienste am ägyptischen Volk Amneris. Am Ende sitzen alle mit lustigen Faschingshütchen auf dem Sofa und freuen sich.

Nach der Pause, vor deutlich gelichteten Zuschauerreihen, sucht Amneris am Vorabend der Hochzeit  nochmals Rat bei Ramfis, während Aida von ihrem Vater angehalten wird, bei Radames die zukünftigen Kriegspläne zu erfragen. Im Liebestaumel verrät er die Pläne und wird von Ramfis und Amneris überrascht. Aida und Amonasro entkommen. Radames, ganz der edle Offizier, stellt sich. Beim Verhör verweigert er die Aussage, Amneris versucht ihn nochmals für sich zu gewinnen, vergeblich. Radames wird bei lebendigem Leib eingemauert.

In seine Todesgruft hat sich Aida geschlichen, sie will zusammen mit dem Geliebten sterben. Auch Amneris befindet sich darin und reißt mit einem Schwert die weißen Papierwände ein. Dahinter eine Lifestream-Kameraprojektion des Leipziger Bahnhofs. Radames und Aida verlassen die vor ihnen kauernde Amneris in Richtung Leipzig Hbf. Aber der Zug ist wahrscheinlich schon abgefahren. Zu den sehr unitalienischen Klängen des Gewandhausorchesters unter Axel Kober bleiben sie nur als Schatten vor der Projektion stehen.

Nun soweit die Handlung. Aber was störte daran jetzt wirklich? Vor rund 15 Jahren hatte die Meiniger Inszenierung fast Kultcharakter. Haben sich die Sehgewohnheiten so dermaßen geändert, war das Provinzpublikum in Meiningen damals aufgeschlossener als die Großstädter heute? Konwitschny erlaubt sich keine Ferkeleien auf der Bühne, alles bleibt stets jugendfrei, selbst Amneris’ verzweifelte Masturbationsversuche, ist aber in der Absicht eindeutig. Seine Aida ist konservativ. Es kann nicht daran liegen, dass es statt dem Triumphmarsch nur eine kleine, peinliche Siegesfeier gab. Es kann auch nicht daran liegen, dass Verdis Aida als Kammerspiel inszeniert wurde. Seine Personenführung ist klassisch und eindeutig. Trotzdem berührt sie nicht. Das mag einerseits daran liegen, dass Axel Kober nicht unbedingt der Spezialist fürs Italienische ist, die Stimmen in den großen Rollen nicht den Erwartungen an das Haus entsprachen, andererseits aber vielleicht der Wunsch auf Seiten des Publikums nach traditionellen Inszenierungen besteht.

Nun denn, das Regieteam genoss die Buhs, man feierte die Ignoranz des verbliebenen Publikums, man gratulierte sich gegenseitig. Für die Interessierten gibt es am 7. und 8. 11. ein zweitägiges Operseminar, das dem geneigten Zuschauer Konwitschnys Welt näher bringen wird. Dadurch wird die Oper wieder zum Ereignis für eine elitäre Minderheit, denn wer kann sich schon zwei Tage auf einen Opernbesuch vorbereiten? Ein Schritt zurück ins wilhelminische Zeitalter?                                     

Alexander Hauer

 

 

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