DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
Scandalum medium auf dem Trockenen
Es
ist viel über die angebliche Skandalinszenierung von Michael von zur
Mühlen geschrieben worden. Nun, nachdem das Werk revidiert wurde, sah
ich am letzten Freitag die „bereinigte" Fassung. Die beiden Steine des
Anstoßes, die Videos der Kampfhundeattacke und das professionelle
Rindertöten wurden entfernt, der Rest ist geblieben. Und damit die
Frage, warum sich das Premierenpublikum so dermaßen echauffierte. Michael
von zur Mühlens Inszenierung ist eine reine unreflektierte
Zitatensammlung sämtlicher, auch noch von der internationalen
Fachpresse, oft hoch gelobter, Regiemanierismen der letzten 20 Jahre.
Angefangen von Videoeinspielungen (Gang und Gebe beim "Opernhaus des
Jahres" in Essen!), die finale Zerstörungsorgie (ob sinn- oder sinnlos
- jedenfalls seit 1978 einfallslos), das Baden mit Altöl und Blut aus
vollen Eimern (Gerade erst letztes Jahr wurde der Düsseldorfer MACBETH
zur Theaterinszenierung des Jahres gewählt!), sinnlosem Hemdausziehen
bis hin zur Pseudoerotik einer Stripperin (Siehe nur die ständigen
Unterwäsche-Orgien des hochgelobten Kusej - Provokation wie aus dem
Quelle-Katalog!). Man hat alles
irgendwie schon einmal gesehen oder davon gehört (und sich nicht
sonderlich darüber aufgeregt). Warum die Premiere zu einer
Massenhysterie führte, lässt sich nach der zweiten Vorstellung nicht
mehr nachvollziehen. Mittlerweile ist das Stück ein Publikumshit.
Wagner hält viel aus. Was sagt das Publikum erst, wenn 2012 ein
Fachmann für Fäkales und Ekeleregendes Intendant in Berlin wird.
Musikalisch
gewann die Vorstellung durch Wolfgang Brendels stets stimmigen und
hervorragend interpretierten Holländer, auch wenn man den Eindruck
erhielt, er fühle sich in dieser Inszenierung nicht ganz wohl. Er
bleibt auch weiterhin ein Führender in dieser Rolle. Überraschend gut
auch der Erik von Michael Baba. Edith Hallers Senta, beeindruckend im
Spiel und in der Stimme, wenngleich auch in den Höhen etwas zu
angestrengt, überzeugte auf der ganzen Linie. James Moellenhoffs, stets
eine sichere Bank in Leipzig, gab einen bestechenden Daland, genauso
wie Dan Karlström als Steuermann. Die Mary Susan Maclean blieb dagegen
etwas schwach. Bestechend gut, wie immer an diesem Haus der Chor der
Oper Leipzig unter Sören Eckhoff. Das Gewandhausorchester unter Leopold
Hager gab eine routinierte Vorstellung.
Soweit
so gut, dieser zweite Abend wurde dennoch mit viel Unruhe im Publikum
begleitet. Von zur Mühlens Interpretation des Holländerstoffes liegt
klar auf der Hand. Ins Hochhaus-Bühnenbild (siehe Essener Holländer!)
von Natascha von Steiger und in den Kostümen Dorothee Scheiffarths
expediert er seine Kapitalismuskritik (Es ist immer dieselbe alte
Geburtstagstorte und wer sie zum 22 Male ins Gesicht bekommt findet das
nicht mehr lustig, sondern nur noch langweilig - wie auch die
Zuschauer). Beruhigend: Es gibt keine Folterszenen wie bei Bieito. Dass
er dabei zu den an diversen großen Häusern erprobten Mitteln greift,
sei einem jungen Regisseur, der noch Kariere machen möchte, gestattet.
Man muß es sich ja nicht anschauen! Er zitiert die Welt der neuen
"großen" Regisseure; Bieito, Knabe, Koskie...wie sie auch alle heißen.
Der
Holländer ist genauso wie Daland und seine Mannen (Und schon seit
Jahren der Oberboss Wotan!) ein gebeutelter Banker/Börsianer - immerhin
nachvollziehbar, denn die Skrupellosigkeit mit der er seine Tochter für
Bares verscherbelt erinnert doch irgendwie an die Hatchfond-Manager,
die unsere Welt verkauften - rücksichtslos, emotionslos, lieblos. Die
Damen in der „Spinnstube“ tragen schlecht kopiertes Chanel und ziehen
sich auch gerne mal zu Zöpfen gefochtene Strumpfhosen aufs Köpfchen und
zerstückeln irgendwelche blutige Fleischwaren. (In der hochgelobten
Essener "Turandot" zerreißen und fressen die Choristen die ratlosen
Quiz-Teilnehmer). Senta tränkt
die vorher ausgezogenen Hemden des Herrenchores in einem Eimer voller
Blut und zieht sie dann noch an. Dann mit Blut bekleckert, geht sie mal
schnell Duschen, Erik folgt ihr nach und singt dann die ganze Zeit im
nassen Unterhemd - ob Wäscherei-Syndrom, Menstruations-Kunst oder
einfach nur Schwachsinn, dem abgeklärtem Opernkritiker heutiger Tage
entlockt sowas nur ein dezentes Augenbrauen-Raufziehen a la Mr. Spock.
Das
Liebesduett zwischen Senta und Holländer ist nicht inszeniert; die
Beiden sitzen sich gegenüber (wie Elsa und Lohengrin beim hochgerühmten
Kölner Brandauer-Lohengrin) und singen sich einfach nur an,
inszenatorische Einfallslosigekitgewinnt oder der Versuch einfach nur
schlichte Innigkeit darzustellen. Beim
Verlobungsfest im dritten Akt versucht sich der Steuermann darin die
bereitwillig auf dem Boden liegenden Chordamen in einem
faschingsmäßigen Matrosen Outfit zu beglücken. Er schafft aber nur
drei. Oswald Kolle läßt grüßen - na der alte Wagner war ja auch kein
Frauenverächter! Honi soit, qui mal y pense! Die
Holländermannschaft verdient ihr Geld wahrscheinlich als
Unterhosenmodels und zerstört im Videoclip zunächst die Oper, und
danach die Galeria Kaufhof. Zu guter Letzt wird auch noch ein Autowrack
vor der Oper in Brand gesetzt, wahrscheinlich um die Unruhen in Paris
oder Athen zu zitieren. Wir Opernfreunde schauen ja sonst keine
Nachrichten! Geil, wenn sich die Zuschauer dann aufregen. "So werde ich
berühmt! So werde ich berühmt! Bald bin ich berühmt!!" wird sich der
Regisseur permanent selbst bei diesen Szenen eingeredet haben.
Warum
die Theaterleitung sich dazu hinreißen ließ, ein "künstlerisches" Werk
nach der Premiere zu beschneiden, bleibt immer noch fraglich. Hat denn
niemand von Dresen (Konwitschny!) gelernt. Der Inszenierungsprozess
zieht sich doch über längere Zeit hin, von den ersten
Konzeptionsgesprächen (meist schon 1 Jahr vorher!) bis hin zur
eigentlichen, meist sechswöchigen Probezeit, in der alle Einspielungen,
Requisiten, Kostüme usw. vorgestellt und erprobt werden bis hin zur
Stellprobe, Kostümprobe, Hauptprobe, Generalprobe - war da die
Intendanz auf Traumschiffurlaub? So
so stellt sich die Frage: hätte die Reaktion des Publikums nicht
vorhergesehen werden können, und hätte man nicht im Vorfeld eingreifen
müssen? Oder sollte gar der Schock für billige Publicity geplant in
Kauf genommen werden?
Was
bleibt ist der schale Nachgeschmack eines unvollständigen Werkes, dem
die beiden einzigen simplen Aussagen. 1. „Esst kein Fleisch“ und 2.
„Kapitalismus ist Böse“ nicht reichen um einen bleibenden Eindruck zu
hinterlassen. In Erinnerung bleibt zusätzlich das peinliche Gerangel
und Getue um die weitere „Spielbarkeit“ des Stücks. Absetzen oder
spielen kann es doch nur heißen - kein Zuschauer ist gezwungen da
herein zu gehen. Alles andere ist dilettatischer Aktionismus! Mit den
sogenannten "Nachbesserungen" haben sich die Oper Leipzig und deren
Führung keinen echten Gefallen getan.
Aus
einem Skandal wurde nur eine Provinzposse. Wieder sprang einer als
Tiger los und landete als Wischmopp. Warum - zum Teufel - glaubt
eigentlich jeder, der heute auf die Oper losgelassen wird, er käme mit
so einem Zeug weiter. (Ja, ja... ich weiß, Alexander von Pfeil ließ
zwei nigelnagelneue Porsche in seinem TRISTAN (wars in Augsburg?)
aufeinanderknallen, denn mehr war ihm nicht eingefallen zu dem
Liebesmythos) und nun - trallallala ! - ist
er Oberspielleiter in Berlin. Übrigens: diese Porschecrasherei hat mir
(Bil) persönlich mehr Seelenunheil zugefügt, als dieser blöde
Kampfhundfilm - immerhin hätten meine Katzen sich wenigstens darüber
gefreut.
Wie
schön wäre es doch einmal, wenn die Jungregisseure ebenso viel Zeit und
Energie - wie sie in ihre kruden Phantasien investieren - in das
Studium von Musik und echter Regiekunst investieren würden.
Alexander Hauer / Peter Bilsing
AIDA
– am 01.11.08
Es
war ein feuchtkalter 1. November und die Wellen schlugen am Ende sehr
heftig. Das Publikum war gespalten, die Buhs waren in der Überzahl und
die Bühne genoss diesen zweifelhaften Erfolg. Die Rede ist von Verdis
Aida in der Interpretation durch Peter Konwitschny. Schon im Vorfeld
erklärte er, dass er auf jeden Pharaonenkitsch verzichten wolle. Gut
so, das hat er in den 90ern auch schon in Meiningen gemacht und ein
Werk wie Aida ist stark genug, dass es solche Veränderungen erträgt.
Konsequent spielt die gesamte Oper in einem weißen, klaustrophobischem
Einheitsbühnenbild, mit Sofa inklusive rotem Samtüberwurf (BB: Jörg
Kossdorff). Die Wände weisen eine Gitterstruktur auf, die an Gehege und
Gefängnisse gemahnen. Die Kostüme von Michaela Mayer-Michnay sind
keiner bestimmten Zeit verpflichtet und gefällig. Dann erzählt
Konwitschny Verdis Aida. Er hält sich strikt an den Erzählfluss,
erfindet nichts dazu, lässt nichts weg. Aber wie kam es dann zu dieser
Unzufriedenheit des Premierenpublikums? Denn es war doch eine sehr
konservative Inszenierung.
Radames,
Carlo Ventre, bespricht zusammen mit dem Oberpriester Ramfis (Danilo
Rigosa), die aktuelle Kriegssituation. Die Äthiopier haben Ägypten
angegriffen und der junge Kriegsherr soll es richten. Für die Sklavin
Aida, im Dienstmädchenkleidchen: Sylvie Valayre, will er siegen. Und
damit beginnt das Dilemma, denn Radames wird auch noch von der
Königstochter Amneris (schön anzuschauen und stimmlich gut: Natascha
Petrinsky) begehrt, die in Aida ihre Rivalin erkennt. Diese klassische
Dreierkombination ist seit Beginn der Menschheit bekannt und führt
immer zu Ärgernissen. Radames zieht, nachdem er in einer rituellen
Handlung und Geschlechtsverkehr mit einer Priesterin(die beste
Damenstimme des Abends: Viktorija Kaminskaite) auf den Krieg
eingeschworen wurde, in die Schlacht. Amneris tischt ihrer „Freundin“
Aida eine Lüge auf, Radames sei tot. Dies führt zum Liebesgeständnis
Aidas und Amneris glaubt schon durch ihre exponierte Stellung die
Sklavin ausstechen zu können.
Anlässlich
des Sieges feiern der König, stimmlich wie immer hervorragend James
Moellenhof, Ramfis und Amneris den Sieg. In ausgelassener Stimmung
vergreifen sich Vater und Priester auch ein wenig am Töchterchen, die
es aber gar nicht so Übel nimmt. Erst als Aida dazu stößt wird ihnen
das Treiben bewusst und man will es vor dem Hauspersonal gerne
vertuschen. Radames kehrt zurück, auch bei ihm hat der Krieg Spuren
hinterlassen. Er verlangt die Vorführung der Gefangenen und darauf die
Freilassung der Äthiopier. Durch Solidarisierung des ägyptischen Volkes
mit den Gefangenen scheinen die Machtverhältnisse zu wanken. Man
beschließt einen Kompromiss. Bis auf Aida und ihren Vater Amonasro
(Paolo Gavanelli) dürfen alle nach Hause, und Radames bekommt für seine
Dienste am ägyptischen Volk Amneris. Am Ende sitzen alle mit lustigen
Faschingshütchen auf dem Sofa und freuen sich.
Nach
der Pause, vor deutlich gelichteten Zuschauerreihen, sucht Amneris am
Vorabend der Hochzeit nochmals Rat bei Ramfis, während Aida von ihrem
Vater angehalten wird, bei Radames die zukünftigen Kriegspläne zu
erfragen. Im Liebestaumel verrät er die Pläne und wird von Ramfis und
Amneris überrascht. Aida und Amonasro entkommen. Radames, ganz der edle
Offizier, stellt sich. Beim Verhör verweigert er die Aussage, Amneris
versucht ihn nochmals für sich zu gewinnen, vergeblich. Radames wird
bei lebendigem Leib eingemauert.
In
seine Todesgruft hat sich Aida geschlichen, sie will zusammen mit dem
Geliebten sterben. Auch Amneris befindet sich darin und reißt mit einem
Schwert die weißen Papierwände ein. Dahinter eine
Lifestream-Kameraprojektion des Leipziger Bahnhofs. Radames und Aida
verlassen die vor ihnen kauernde Amneris in Richtung Leipzig Hbf. Aber
der Zug ist wahrscheinlich schon abgefahren. Zu den sehr
unitalienischen Klängen des Gewandhausorchesters unter Axel Kober
bleiben sie nur als Schatten vor der Projektion stehen.
Nun
soweit die Handlung. Aber was störte daran jetzt wirklich? Vor rund 15
Jahren hatte die Meiniger Inszenierung fast Kultcharakter. Haben sich
die Sehgewohnheiten so dermaßen geändert, war das Provinzpublikum in
Meiningen damals aufgeschlossener als die Großstädter heute?
Konwitschny erlaubt sich keine Ferkeleien auf der Bühne, alles bleibt
stets jugendfrei, selbst Amneris’ verzweifelte Masturbationsversuche,
ist aber in der Absicht eindeutig. Seine Aida ist konservativ. Es kann
nicht daran liegen, dass es statt dem Triumphmarsch nur eine kleine,
peinliche Siegesfeier gab. Es kann auch nicht daran liegen, dass Verdis
Aida als Kammerspiel inszeniert wurde. Seine Personenführung ist
klassisch und eindeutig. Trotzdem berührt sie nicht. Das mag einerseits
daran liegen, dass Axel Kober nicht unbedingt der Spezialist fürs
Italienische ist, die Stimmen in den großen Rollen nicht den
Erwartungen an das Haus entsprachen, andererseits aber vielleicht der
Wunsch auf Seiten des Publikums nach traditionellen Inszenierungen
besteht.
Nun
denn, das Regieteam genoss die Buhs, man feierte die Ignoranz des
verbliebenen Publikums, man gratulierte sich gegenseitig. Für die
Interessierten gibt es am 7. und 8. 11. ein zweitägiges Operseminar,
das dem geneigten Zuschauer Konwitschnys Welt näher bringen wird.
Dadurch wird die Oper wieder zum Ereignis für eine elitäre Minderheit,
denn wer kann sich schon zwei Tage auf einen Opernbesuch vorbereiten?
Ein Schritt zurück ins wilhelminische
Zeitalter?
Alexander Hauer