I Capuleti e i Montecchi
Premiere am 26.01.2010 Opéra Royal de Wallonie, Lüttich,
Besuchte Vorstellung 5.02.2010
Stehtheater pur
Die
ORW spielt in dieser Spielzeit im „Palais Opéra“, während das alte Opernhaus
der längst fälligen Renovierung unterzogen wird. Palais Opéra ist ein
Euphemismus für ein Opernzelt in einem ziemlich heruntergekommenen
Stadtviertel. Komfortabel sind die schmalen Opernsessel nicht, und
Opernpuristen werden natürlich anmerken, dass der Geräuschpegel der
Lüftungsanlage von innen und des Straßenverkehrs von außen bis ins Mezzoforte
hineinwirkt. Ich konnte mich außerdem des Gefühls nicht erwehren, dass die
Sänger dezent verstärkt wurden. Aber immerhin: es wird während der
Renovierungsarbeiten Oper gespielt
Da
ein Opernzelt kaum über Bühnentechnik verfügt, wurde eine geeignete Produktion
aus Ravenna (2005) übernommen, die aber nicht nur fast ohne Bühnentechnik und
Requisiten auskam, sondern gleich auch noch ohne Personenregie. Regie bei der
Originaleinstudierung führte die Intendantin des Ravenna Festivals, Maria
Cristina Mazzavillani Muti, Ehefrau von Riccardo Muti.
Der
Bühnenprospekt bestand aus einer großen weißen Projektionsfläche, auf die das
Bühnenbild projiziert wurde. Damit das nicht zu einfach und eintönig wirkte,
wurde in immer häufigeren Wechsel die Szene verändert, meistens dramaturgisch
völlig unmotiviert auch inmitten von Arien oder Ensembles. Dazu wurden von oben
am vorderen Bühnenrand und in der Bühnenmitte als weitere Projektionsflächen
Stoffstreifen herabgerollt, wodurch eine brauchbare Raumgliederung erreicht
wurde. Für die Zuschauer in der vorderen Hälfte wirkte die Unschärfe der
Projektion allerdings ziemlich störend; hier hätte man mit mehr Pixeln arbeiten
müssen. Aber vielleicht gab es die 2005 noch nicht. Die Projektionen wurden
meistens rein illustrierend eingesetzt (Verona und Umgebung), dazu einige
Fantasieanimationen und nur ganz wenige Male assoziative Videos Gedanken und
Vorgänge unterstreichend. Diese Bilder umrahmten prinzipiell in geeigneter
Weise das sehr konventionelle, um nicht zu sagen langweilige Regiekonzept und
blieben immer weit weg von dem unsäglichen Videogeflimmer, mit dem deutsche
Jungregisseure häufig das Publikum verwirren. (Bühnenbild: Ezio Antonelli)
An
Requisiten wurden nur ab und an von den Seiten Treppen herangeschoben, auf
deren Podest einmal der Capellio thronte, ein andermal die Harfenistin mit
ihrem Arbeitsgerät zur Begleitung der Giulietta bei ihrer Auftrittsarie (sehr
schön!) und dann auch wieder einfach als erhobenes Podium für einen Stehgesang.
Der schien allerdings gepaart mit schwachen schauspielerischen Leistungen zum
Rückgrat der Regiearbeit erhoben. So spielen Amateure bei irgendwelchen
Burghofspielen! Die Sänger einzeln oder in einer Reihe parallel zum Bühnenrand
oder gar gleich an der Rampe; der Chor marschierte auf, stellte sich zum Singen
auf und latschte wieder ab, wenn er nicht noch zur Begleitung des nächsten
Ensembles gebraucht wurde. Mimik, Standardgestik und Bewegungsabläufe wirkten hölzern
und ungekonnt, Fechtszenen konnten als Karikatur derselben aufgefasst werden. Die
aufwändig prächtigen Kostüme im Renaissance-Stil (Alessandro Lai) waren schön
gemacht, aber unaufregend.
Der
musikalische Teil der Aufführung stand auf hohem Niveau. Chor und
Sängerdarsteller waren nicht durch irgendwelche Schauspielerei von der Musik abgelenkt
und standen meistens in engem Blickkontakt zum Dirigenten mit dem auf
Parketthöhe sitzenden Orchester. Somit waren Bühne und Orchester bestens
koordiniert. Luciano Acocelli führte das Orchester sicher: schmissig die Tuttis
und einfühlsam die Solobegleitungen der Arien. Maurizio Lo Piccolo überzeugte
mit stimmgewaltigem Bass als
Opernbösewicht Capellio, Luciano Montanaro mit warmer geschmeidiger
Stimme als Frate Lorenzo. Aldo Caputo konnte als Tebaldo nicht voll überzeugen,
zu eng in den Höhen und spielerisch ungelenk. Für die erkrankte Laura
Polverelli war kurzfristig Sabina Willeit als Romeo eingesprungen. Sie brachte
mit wunderbar klarer Aussprache einen vollen, kernigen, aber nicht immer
eleganten Mezzo, was insbesondere in den Duetten neben dem Star des Abends,
Patrizia Ciofi, als Gulietta deutlich wurde. Patrizia Ciofi, das war Belcanto
vom Feinsten: sie sang mit klarem warmen Sopran von hoher Geschmeidigkeit und
Beweglichkeit. Als einzige unternahm sie mit ihrer zierlichen Figur auch
darstellerisch etwas und spielte eine zerbrechliche Giulietta. Diese
Interpretation schien mir geradezu eine Kopie ihrer Lucia aus Lyon 2006 zu
sein, sogar die Ausstaffierung war sehr ähnlich. Überhaupt weist die
Personenkonstellation deutliche Parallelen zur Lucia di Lammermoor auf.
Wenn man sich hier und da mal
von den Strapazen des deutschen Regietheaters erholen will, dann bieten sich
schon Besuche bei unseren westlichen Nachbarn an, aber man muss dabei auch
manchen Bühnenstaub in Kauf nehmen. Diese Produktion aber könnte als Indiz
dienen, dass in Italien die Opernregie vor sechzig Jahren eingefroren worden
ist. Das Werk selbst hat in der Qualität einen deutlichen Abstand zu den
häufiger gespielten Werken von Bellini. Schon das Libretto ist ziemlich flach,
und die Musik stellenweise stereotyp und floskelhaft. Sollte das Werk Tiefen
enthalten, ist es weder dem Dirigenten noch der Regie gelungen, diese sichtbar
oder hörbar zu machen
Manfred Langer
ARIADNE AUF NAXOS
Die
unvergleichliche Zerbinetta" - Richard Strauss: Ariadne auf Naxos -
Opera Royal de Wallonie, Liege, 27.1.2009 (Premiere: 25.1.2009)
Ist
der reiche Mann in Wien wirklich so "besessen" und wirklich so
geschmacklos, wie einem Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in
ihrer "Ariadne auf Naxos" vorgaukeln möchten? Im Interieur Bruno
Schwengels für die derzeitige Produktion an der Opera Royal de Wallonie
kommen einem da leichte Zweifel. Man(n) ist à jour zur Zeit der
Uraufführung: Erlesene ästhetische Goldfäden auf edlem elfenbeinernen
Grund der Tapeten und filigrane Beleuchtungskörper zeugen von feinster
Arbeit der Wiener Werkstätten an der Secession und der Jubel nach der
gestrigen Lütticher Aufführung sollte dem Manne auch Recht geben für
ausgeklügeltn Kunstverstand, das Tragische und das Heitere in nobler
Symbiose vereint zu sehen.
Der
ehemalige Sänger Laurence Dale geht in seiner Arbeit recht frech aber
durchaus erfrischend mit der Vorlage um, ohne modernistisch wirken zu
wollen. Das ungeschriebene "Ariadne"-Gesetz, daß sich die "Großmächtige
Prinzessin" mit Beginn der Harlekinade divenhaft beleidigt in ihre
Höhle verkriechen soll untergräbt er spitzbübisch, indem er Ariadne
durchaus mal aufmerksam den gar nicht so unintelligenten Ausführungen
"so über die Männer im Allgemeinen" lauschen läßt und die griechische
Prinzessin kann darob herzhaft lachen und auch einmal befreit im
Walzertakt über die Bühne schweben, was nicht heißt, daß sie Sekunden
später wieder in ihre Trauerlethargie verfällt. Von RS und Hvh so gewiß
nicht vorgesehen ist sicher auch die sich anbahnende knisternde Liaison
zwischen Komponist und Zerbinetta, die der Sängerregisseur in einem
vielsagenden Blick enden läßt, worauf sich der Vorhang schließt.
Laurence
Dales Inszenierung und da merkt man den Sänger läßt seinen Kollegen
Freiräume, läßt sie frei bewegen ohne sie in ein einengendes Korsett zu
zwingen, das Ergebnis ist eine erfrischende munter dahinsprudelnde
Aufführung, die schon im Vorspiel eine soghafte spannungsgeladene Verve
entwickelt.
Knackpunkt
ein jeden "Ariadne" ist weniger die namensgebende Protagonistin, als
ihr "heiterer" Widerpart Zerbinetta. Seit der Uraufführungsbesetzung
mit der unerreichten Maria Ivogün haben sich etliche Koloratursoprane
dieser mörderischen aber dankbaren Rolle angnommen, über erna Berger,
Hilde Güden, Rita Streich Sylvia Geszty über Edita Gruberova bishin zu
Marlis Petersen. Die junge Österreicherin Daniela Fally ist auf dem
besten Wege in die Phalanx der großen Vorgängerinnen vorzustoßen, ja
sich dort einen Spitzenplatz zu sichern. Schon ihr erster
Auftrittstriller läßt aufhorchen und läßt einen in spannungsvoller
Erwartung auf Großartiges bei der Arie hoffen und sie sollte das
Auditorium nicht enttäuschen. In makelloser stupender glasklarer
Brillanz ihrer Koloraturkaskaden vollbringt sie das schier Unfaßbare,
daß man bei ihr nahezu jedes Wort versteht. Vielleicht hätte Strauss,
hätte er die Fally gekannt, um seinen Dichterfürsten zu necken, noch
ein paar mehr Verzierungen eingebaut, damit man HvH's Text gar nicht
verstünde ... Dabei spielt die Fally mit einem von der ersten Sekunde
an für sie einnehmenden Charme und befreit diese Partie wohltuend von
der puppigen Zwitschermaschine, die Zerbinetta der Fally ist ein
ernstzunehmendes Menschenkind aus Fleisch und Blut, was sie wohl auch
für den Komponisten begehrenswert erscheinen läßt. Diesen gibt der
Mezzostar der ROW Giuseppina Piunti mit großem fast schon zu
dramatischen Aplomb, was zwar der Exaltiertheit dier Figur
entgegenkommt aber leider auf Kosten der belcantistischen Gesangslinie
geht. Vor allem die Höhen wirken bei der Piunti diesmal seltsam Spitz
und an ihrer deutschen Aussprache sollte die Künstlerin auch noch ein
wenig feilen. Wie man den Hofmannsthalschen Text mit näselnder
Soigniertheit als hohlen Zynismus gepaart mit der Überheblichkeit des
Unverstandes präsentieren kann, stellte Martin Turba als Haushofmeister
unter Beweis. Genervt ob dieser Chuzbe hatte sich der Musiklehrer daran
gewaltig seine Zähne auszubeißen. Olivier Zwarg lieferte eine feine
Studie des unverstandenen Künstlers. Mit einem wohltimbrierten Bariton
gesegnet, der entfernt an Paul Schöffler gemahnt. Zwargs Auftritt
geriet so zu einem der Höhepunkte des Abends, nur sollte er noch ein
wenig mehr Gewicht auf seine Phrasierung legen, die Wirkung wäre noch
frappanter als das sich Verlassen auf ein Dauerforte. Cristiano
Cremonini als Tanzmeister durfte in der Dale-Rgie eine köstliche
Bejart-Parodie abliefern, von aufmunternder Frische unterstützt von
seinem "Corps": Enrico Casari - Brighella, Pietro Picone - Scaramuccio,
Lorenzo Muzzi - Truffaldin und den alle überstrahlenden Harlekin aus
der noblen Kavaliersbaritonkehle von Roger Joakim.
Monique
McDonald ruft als Primadonna so etliche Diven vor dem geistigen Auge
ab, köstlich ihre gespielten Ohnmachtsanfälle mit Schnappatmung. Als
Ariadne war sie ganz Tragödin und sang ihren Part mit berückend
balsamischer Kantilene die im Schlußduett in strahlender Emphase
kulminierte. Ihren Partner gab Janez Lotric im Vorspiel als köstlichen
tumben Tenor, der offensichtlich an Verdauungsstörungen litt. Als
Bacchus sang er die mörderische Partie mit einem leicht nasal
eingefärbten aber makellos in der Maske sitzenden Tenor. Die
Schlußapotheose gelang beiden zum krönenden Abschluß.
Dem
dramatischen Impetus der Regie entsprach das feinsinnige aber packend
erfrischende Dirigat von Patrick Davin, der das Orchestre de l'Opera de
Wallonie zu einem äußerst inspirierten und duftigen Spiel animierte.
Nach
der Arabella vor wenigen Spielzeiten und der jetzigen Ariadne empfiehlt
sich die ORW allmählich als ein Geheimtipp unter den
Richard-Struass-Theatern.
Dirk Altenaer
LE ROI D´YS (Eduardo Lalo)
- 5.4.2008
Von Schleusen und Wetterumschwüngen.
So
etwas nennt man Theaterlogik: Mit dem verhängnisvollen Öffnen der
Schleuse, die die Stadt Ys vor den Ozeangewalten schützt, schlägt das
Wetter um:
Unter
Donner und Blitz flüchten die Bewohner just an den Ort des Schreckens,
wo sich gar niedlich auszunehmende Trockeneiskaskaden Bahn brachen, die
weitaus weniger bedrohlich wirkten als der niederprasselnde Regen.
Zugegeben,
Edoardo Lalos hierzulande recht unbekannte Oper "Le Roi d'Ys", die auf
eine bretonische Sage zurückgeht, ist auch nicht gerade einfach zu
inszenieren. So gesehen lieferte Jean-Louis Pichon in seiner
Gemeinaschaftsarbeit für St.Etienne und der Opera Royal de Wallonie
eine grundsolide Arbeit, die sich allerdings recht naiv am Plot
entlanghangelt, unterstützt vom zwar stimmungsvollen Bühnenbild von
Alexander Heyraud, das aber auf die Dauer mit seinen Pappmachée
Granitfelsen etwas ermüdend wirkt. Sollten die Kostüme von Frederic
Pineau die Arbeit von Regisseur und Bühnenbildner ironisch brechen?
Mir
kamen sie in ihrer Mischung aus Belle epoque und Biedermeier (Einwohner
von Ys, allesamt moosgrün - nun ja feucht genug ist es in dieser Gegend
ja wohl ...) und den
leicht
antikisierenden roten Armeeuniformen des Heeres um Karnac, vor, als
solle hier nicht eine Oper, sondern eher ein Fantasy-Streifen
ausstaffiert werden. Genug der Beckmesserei, man sollte froh genug sein
diesem Werk einmal begegnen zu dürfen und musikalisch schlug sich die
Dernière der Lütticher Aufführungsserie recht achtbar.
Bei
dem sehr forschen Dirigat von Patrick Davin, der eine ordentliche
Kapellmeister-Arbeit im besten Sinne ablieferte, gingen einige
Feinheiten der Partitur verloren, was allerdings auch auf die heikle
Akustik des Hauses zurückzuführen ist. Das Orchestre de l'Opera Royal
de Wallonie schlug sich wacker und recht laut. An die feine filigrane
Referenz-Aufnahme unter Andre Cluytens durfte da kaum gedacht werden.
Schade, denn das recht homogene Ensemble dürfte zur Zeit wohl das Ideal
der Verkörperung der Lalo'schen Partitur sein.
Mylio,
der junge strahlende Held, dessen schmachtende Romanze "Viens, ma bien
aimee" eine der zündensten Opern-Wunschkonzert-Schlager ist und vor dem
selbst ein Tino Rossi nicht scheute, war in der Kehle des jungen
Sebastien Gueze trefflich aufgehoben, nicht nur seine Clarte war
bewundernswert auch bewältigte er mühelos die Höhen-Klippen und die
dramatischen Ausbrüche seines Parts. Ihm zur Seite gefiel Guylaine
Girard als Rozenn, mit strahlend jugendlich frischem Sopran.
Im
Mittelpunkt des "französisch-bretonischen Lohengrins" steht allerdings
das dunkle Paar: Rozenns dunkle Schwester (natürlich unglücklich
verliebt in Mylio) wurde in Lüttich zum umjubelten Erfolg der am Beginn
einer großen Karriere stehenden Giuseppina Piunti. Hier wächst ein
dramatischer Mezzosopran der Extraklasse heran: Pastose Tiefen,
stupende Höhen. eine üppig strömende Tessitura, so sang sie sich nicht
nur in die Herzen des Publikums sondern umgarnte auch ihren zuvor
verstoßenen Gatten, den Finsterling Karnac.
Diesen
zeichnete Werner van Mechelen mit kernig virilem Bariton, leider von
der Regie ziemlich stiefmütterlich behandelt. Eric-Martin Bonnet als
verzeihender König, ließ seinen edlen Baß verströmen, während Leonard
Graus als Erscheinung des Lokalheiligen Saint Carentin unter der
knarzenden Lautsprechanlage zu leiden hatte. In der "Heerrufer-Rolle"
des Jahel machte Marc Tissons mit wohltimbrierten Bariton auf sich
aufmerksam.
Weniger
von der Regie (meist in Gruppenauftritten) als musikalisch gefordert,
lieferten die Choeurs de l'Opera de Wallonie in der Einstudierung von
Edouard Rasquin Grundsolides.Trotz der leichten Einschränkungen kein
verlorener Abend und Lalos Sagenoper hätte auch eine Chance im
Repertoire unserer Opernhäuser verdient.
Dirk Altenaer