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Agrippina

Aufführung 07.11.2011     

(Premiere am 08.10.2011 in Dijon)

 Feminismus pur:  Wer ist das größere Luder: Poppea oder Agrippina ?

 Seit Lille, wo sich ein noch lebendiges flandrisches Erbe (Rijsel) mit der Pracht der französischen Bel Époque im versunkenen Industriezeitalter verbindet, 2004 europäische Kulturhauptstadt wurde und wieder aufpoliert wurde, ist diese Stadt unbedingt einen Besuch wert: eigenartig und einmalig! Für dieses Ereignis wurde auch die Oper wieder hergerichtet: ein Prachtbau mit großzügigen Eingangshallen und Foyers und einem schönen Saal im italienischen Stil mit guter Akustik. Für deutsche Verhältnisse ist es schwer verständlich, dass das Haus in pro Spielzeit neben dem Ballettprogramm nur vier Opernproduktionen für insgesamt etwa 20 Opernabende herausbringt, und das in der Metropolregion Lille mit 1,1 Millionen Einwohnern! (Oper Frankfurt, vergleichbares Einzugsgebiet: 160 Opernabende). Um die Produktionen zu finanzieren, müssen dann immer noch eine ganze Reihe von Mäzenen, Vereinen und staatlichen Fördertöpfen bearbeitet werden. Die Oper ist auch der Sitz des profilierten Barockorchesters „Le Concert d’Astrée“ unter der Leitung der dynamischen Emanuelle Haїm, was wohl ursächlich dafür ist, dass sich in dieser Spielzeit unter den vier Produktionen gleich zwei Barockopern befinden, beide in Koproduktion mit der Oper Dijon, so auch das frühe Meisterwerk Agrippina des 24-jährigen Händel, das 1709 in Venedig herausgekommen ist.

Fotos: © Gilles Abegg

Die gelungene Inszenierung von Jean-Yves Ruf stellt ganz auf den Antagonismus der beiden weiblichen Hauptfiguren ab, die mit ihrer ruchlosen Zielstrebigkeit alle männlichen Mitspieler mehr oder weniger der Lächerlichkeit preisgeben. Beide Damen erreichen ihr Ziel: die durchtriebene Agrippina kann bei ihrem Mann, dem einfältigen und amtsmüden Kaiser Claudio, durchsetzen, dass ihr naiver Sohn Nerone dessen Kaiserthron erhält, wodurch sie die Strippen zu ziehen gedenkt. Ottone, der siegreiche Held, von Claudio zu seinem Nachfolger bestimmt, will statt des Throns aber lieber die reizende Poppea, die aber auch von Kaiser Claudio begehrt wird. Sie, nicht Ottone, setzt mit ihren Gegenintrigen durch, dass sie zum Schluss zusammen kommen. Dann sind da noch zwei dümmliche Höflinge: Pallante und Narciso, die sich von Agrippina manipulieren lassen und, als sie das merken, sich noch tapsiger benehmen. Einzig Lesbo, der getreue Diener des Claudio, dient als spöttischer, aber ehrlicher Makler und bleibt außerhalb der Kombinen. Claudio ist zuletzt der Verlierer, muss er doch Agrippina behalten.

Laure Pichat hat für die Oper eine Bühne gebaut, die in den ersten Bildern so einfach wie konkret ist: einen relativ kahlen holzvertäfelten Raum. Einzelne Requisiten charakterisieren die Spielorte: ein Sofa im Salon der Agrippina, auf welchem sie ihre Pläne exponiert, im zweiten Bild (öffentlicher Raum) eine Treppe zu einem Thron, auf dem sie erst einmal selber Platz nimmt und im dritten Bild das Gemach der Poppea: ein Bett, auf welchem diese von ihrer Liebe zu Ottone träumt. Dass sie von vielen Männern begehrt wird, erschließt sich aus den vielen Kartengrüßen, die jeweils zusammen mit einem großen Strauß roter Rosen in ihr Gemach getragen werden. Es erscheint auch der hölzerne Claudio: etwas schüchtern bringt er bloß weiße Rosen. Der Triumphmarsch im zweiten Akt wird nur dadurch bebildert, dass Pauken und Trompeten auf der Bühne aufspielen. Danach wird das Bühnenbild zunehmend abstrakt, da verschiedene Räume nur noch durch das Ziehen von kettenartigen grauen Vorhängen geschaffen werden, hinter denen durch Beleuchtungseffekte auch eine konkrete Kulisse sichtbar gemacht werden kann. Dieses Setup wird  sehr versatil zum Versteck- und Verwirrspiel der einzelnen Personen genutzt, welches – meisterhaft inszeniert von Poppea - im Stil einer klassischen französischen Komödie zur Auflösung der ganzen Geschichte im letzten Bild führt. Claudia Jenatsch hat die zeitlos modernen Kostüme für die Produktion entworfen. Die beiden Höflinge sind als komische Figuren in identische schwarze Anzüge mit weißen Gamaschen gekleidet, nur Hemd, Kragen und Krawatte kontrastieren jeweils. Lesbo, ebenfalls in Schwarz, fällt durch seine hochgegelte Frisur auf und ist im Frack ebenfalls clownesk aufgestellt, Nerone in jugendlicher Freizeitkluft, Ottone in Khaki-Uniform und hohen Militärstiefeln. Die tückische Agrippina tritt zuerst in hochgeschlossenem langen schwarzem Kleid auf, während die niedlich-verführerische Poppea sich in Weiß auf ihrem Bett räkelt. Als die Oper zu Ende ist, haben beide ihre Farben getauscht: eine ist wie die andere. Der Depp Claudio ist in einen dunklen Trachtenanzug gekleidet: darunter nur Manschetten, Unterhemd, Chemisette und Hosenträger. Neben dem Sängeroktett hat der Regisseur noch stumme Schauspieler aufgeboten, die das Bild beleben: einen Eunuchen (eine androgyne Gestalt, die Poppea folgt wie die Geschwitz der Lulu, verkörpert von Arnaud Perron), einen Pagen, vor allem aber eine Bestie, ein Tier zwischen Hund und Menschenaffe, ganz virtuos gehopst von Cyril Casmèze, der in Gegenwart der Poppea mit Sprüngen, Gesten und Knurren jeweils darauf hinweist, dass sie wieder anders redet als denkt.

Jean-Yves Ruf findet einen durchgängig ironisch-komödiantischen Inszenierungsstil für diese seine erste Barock-Oper ohne Ulk und Klamauk oder aufgesetzten Jux. Die gut charakterisierten Figuren werden gut geführt. Sie haben darstellerisch und musikalisch noch nicht die Tiefe, die Händel später mit Rodelinda oder Alcina erreichen sollte, und sind auch nicht ganz so klar durchgezeichnet oder in Gut und Böse unterschieden; eigentlich sind sie alle Sympathieträger. Man verliert nie den Handlungsfaden, der der Zeit entsprechend in die Rezitative gelegt ist, und kann dabei den musikalischen Reiz der Arien voll genießen. Viele der musikalischen Ideen in Agrippina stammen aus früheren Werken Händels oder auch von Kollegen. Emanuelle Haїm und ihr „Le Concert d’Astrée“ fassen die Partitur mit sprühender Spielfreude an: das ist Händel, der drei Stunden Wohlgefühl erzeugt, wobei Inspiration und Expressivität vor der ultimativen Präzision kommen: ein kleiner Schuss Unschärfe erhöht die Lebendigkeit und lässt keine Trockenheit aufkommen. Die Tempi sind spritzig.

Für die Aufführungen in Dijon und Lille wurde ein jugendliches, aber hochkarätiges internationales Sängerensemble engagiert, das auf homogen hohem Niveau agierte. Als Agrippina bezauberte die Amerikanerin Alexandra Coku das Publikum mit gut geführtem höhen- und koloraturfestem Sopran und hinreißendem Spiel. Mit der Arie "Pensieri, voi mi tormentate", die etwas aus dem Duktus des Opernkontexts fällt, schafft sie einen gelungenen Abstecher ins Dramatische. Ihre Gegenspielerin Poppea wurde von der erst 30-jährigen bulgarischen Sopranistein Sonya Yoncheva verkörpert, die über einschmeichelnd schönes Stimmmaterial, aber nicht über Transparenz und Klarheit einer Barocksängerin verfügt; dabei besonders reizvoll ihre Bühnenpräsenz. Die Kroatin Renata Pokupic in der Hosenrolle des Nerone überzeugte durch frisches Spiel und ihren schön grundierten Mezzo. Der britische Bass Alastair Miles musste zunächst etwas steif wirken, schöpfte aber im Verlauf das komödiantische Potential der Rolle voll aus, auch sängerisch, als er so tat, als könne er einen tiefen Ton nicht erreichen. Sein kräftiger Bass kam immer schön durch. Das Buffopaar Pallante und Narciso wurde mit kernigem tiefen Bariton von Riccardo Novaro (Italien) bzw. von dem französischen Counter Pascal Bertin gesungen, der als Barockspezialist diese Rolle sehr virtuos gestaltete. Die Rolle des Ottone gab der englische Counter Tim Mead mit fein austarierten lyrischen Linien. Für den Lesbo war Jean-Gabriel Saint Martin aufgeboten, ein agiler französischer Bassbariton mit klarer Diktion und schönem Volumen.

Das war schön durchmusizierter Händel vom Feinsten in einer kongenialen Inszenierung. Großer Beifall aus dem voll besetzten Haus. So gut wird man die Agrippina nicht so bald wieder sehen.

Manfred Langer

 

 


 

 

 

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