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MARIA STUARDA
Aufführung 10.12.2011
Donizettis Meisterwerk war bei der Uraufführung am 30. Dezember 1835 am Teatro alla Scala in Mailand kein Erfolg beschieden weil sowohl Maria Malibran in der Titelrolle als auch Giacinta Puzzi Tosa als Elisabetta völlig indisponiert waren und die Uraufführung endete in einem Fiasko. Donizetti zog sich erbittert von der Scala zurück und sein Meisterwerk geriet, abgesehen von kleineren Aufführungen in Lissabon, Oporto und Neapel 1865, in völlige Vergessenheit. Es dauerte dann bis 1958 als die Wiederaufführung in Bergamo diesem Belcantojuwel seinen gebührenden Platz im Opernrepertoire bescherte. Der Librettist Giuseppe Bardari reduzierte den Personenkanon aus dem gleichnamigen Schauspiel von Friedrich von Schiller auf gerade 6 Personen, was zu einer in dramaturgischer Hinsicht ungemeinen Konzentration der Handlung beitrug.
Noch vor Beginn der Aufführung in Linz steht Martin Vraný, ein Mitglied des Balletts, vor dem Vorhang, wie erstarrt. Er ist auch die meiste Zeit über auf der Bühne, ein stummer Begleiter, der immer wieder die Stufen hinauf- und hinabsteigt und dessen Bedeutung sich erst im letzten Tableau herausstellt. Es ist der Tod, Memento alles Lebenden, der als stiller Betrachter, auf seinen finalen Auftritt wartet, den er graziöse vollführt. Es ist nicht der mittelalterliche Sensenmann, so ein Bild würde auch zu dem gut durchdachten wie handwerklich meisterhaft vorgeführten Regiekonzept von Olivier Tambosi gar nicht passen. Die Bühne von Bernhard Rehn besteht aus einer breiten, sich nach oben verjüngenden Treppe aus Metall. Der Treppenabsatz ist durchbrochen, sodass der Chor des Landestheaters Linz durch die Öffnungen singen kann. Schemenhaft erkennt man lediglich einzelne Gesichter, es ist das namenlose Heer Gefallener aus einem kriegszerrütteten England und Schottland. Auch das führt zu einer äußersten Konzentration auf das Seelendrama und den Kampf der beiden Königinnen. Die Seitenwände dieser Treppe sind drehbar. Die eine Seite ist schwarz, die andere mit einer Spiegelfolie überzogen. Sie dienen einerseits zum Auf- und Abtritt, andererseits markieren sie auch die private wie öffentliche Szene, etwa wenn Maria zur Hinrichtung schreitet, dann wird dieser Augenblick durch die mehrfache Spiegelung „öffentlich“. Während der Ouvertüre steigt nun eine weiß gekleidete Maria langsam die Treppe hinauf, während Elisabetta in schwarzer eleganter Robe, langsam von oben herunter schreitet. In der Mitte der Treppe hängt ein rotes Kostüm, äußeres Zeichen der beiden Monarchinnen. Und beide Rivalinnen sind auch fast während der ganzen Oper auf der Bühne präsent.

Copyright: Armin Bardel
Den Höhepunkt findet die Oper in der Auseinandersetzung von Maria und Elisabetta, beide sind nun mit einem schlichten weißen Unterkleid gewandet, erinnern in dieser Aufmachung natürlich an Lucia di Lammermoor, schließlich ist ja beiden ohnehin ein Hauch von Wahnsinn eigen, und legen schließlich, als Zeichen ihrer Königswürde, die rote Robe an, wobei diese Farbe natürlich auch als Signalfarbe aufzufassen ist. Hass und Wut, Zorn und Zerstörung als negative Assoziationen verbinden sich in ihr gleichzeitig mit den positiven wie Lebensfreude, Glück, Liebe und Wärme. Beide sind bis zum Äußersten entschlossen, beide schrecken vor einem Mord nicht zurück. Geradezu genial wirkt da die Demütigung Marias durch Elisabeth, wenn sie diese an den Haaren die Treppe hinauf zerrt. Aber das Auf- und Abschreiten auf dieser Treppe dient dem Regisseur gleichzeitig auch als Gradmesser für die jeweilige Überlegenheit der beiden Königinnen. Nun sitzen sie einander ebenbürtig auf der gleichen Stufe gegenüber und Elisabeth rächt sich für die erlittenen Demütigungen, indem sie sich jäh auf Elisabeth stürzt und sie zu erwürgen versucht. Ein solcher Angriff auf ein regierendes Staatsoberhaupt im elisabethanischen Zeitalter, historisch betrachtet der Vorwurf des Hochverrats, hat folgerichtig den Tod der Attentäterin zur Folge. Und ihr Geliebter Leicester muss dieser Hinrichtung beiwohnen. Das ist die Rache einer verschmähten Königin, die sich nunmehr kalkweiß vor den Augen des Publikums und während der Hinrichtung (1587) schminkt, um als jungfräuliche Königin, weiß und kalt, zu einer Elfenbeinstatue erstarrt, die Geschicke Großbritanniens für die nächsten 16 Jahre zu lenken. Das sind unzweifelhaft sehr starke Bilder, die den Zuschauer erschauern lassen.
Dennis Russell Davies passte sein Dirigat einfühlsam dieser kammerspielhaften Inszenierung am Pult des Bruckner Orchesters Linz an, was letztendes aber auch den Sängern zu Gute kam. Christiane Boesiger, noch in sehr guter Erinnerung als Eva in den Meistersingern, bestach in der Titelrolle durch perlende Koloraturen, die sie mit scheinbarer Leichtigkeit bis in die anspruchsvollsten Höhen darbot. Sie hat auch eine warme, voll klingende Mittellage und vermag die zartesten Pianissimophrasen noch textverständlich zu intonieren. Darstellerisch blieb sie dieser Königin, die immerhin vor ihrer Einkerkerung 25 Jahre als Maria I., Königin von Schottland, die Geschicke ihres Landes, wenn auch wenig erfolgreich, gelenkt hatte, nichts an Würde schuldig.
Katerina Hebelkova war eine annähernd gleichwertige Elisabetta. Darstellerisch stand sie ihrer Kollegin in nichts nach. Bei ihrer Stimmführung schlich sich aber vor der Pause manchmal eine unschöne scharfe Höhe ein, die sich aber im Verlauf des Abends hörbar besserte. Vielleicht war es ja nur die Nervosität der Premiere. Nach der Pause tritt sie ebenfalls für einen kurzen Moment in einem grauen Hosenanzug auf. Mit diesem männlichen Outfit soll es ihr wohl leichter fallen, sich der lästigen schottischen Königin ein- für allemal durch eine Unterschrift unter das Todesurteil, das sie bereits in einem Aktenkoffer mit sich trägt, zu entledigen.
Uniform gekleidet (Kostüme: Carla Caminati) erschienen die drei Männer Cecil, Talbot und Leicester, alle mit Anzug und glänzendem Aktenkoffer ausgestattet, fast wie Mafiosi. Und intrigiert wird ja allemal in dieser Oper. Da wäre einmal der schleimige Bösewicht Lord Guglielmo Cecil, der Elisabetta stets einzuflößen trachtet, Maria doch endlich beseitigen zu lassen. Als solcher glänzte wieder einmal mehr der Kitzbühler Bariton Martin Achrainer, der sein beeindruckendes gestalterisches Talent immer wieder in „schrägen“ und „bösen“ Rollen überwältigend zum Einsatz bringt. Sein kräftiger warmer, erdverbundener Bariton war in den Terzetten und finalen Aktschlüssen wohltuend vernehmbar, aber auch mit seiner großen Arie im dritten Akt nach der Pause, „Ah! perchè così improvviso“, bestach er durch äußerst saubere Phrasierung.
Linz hat aber auch in Jacques le Roux als Roberto, Conte di Leicester, den Geliebten Marias, einen hervorragenden und höhensicheren Tenor für diese anspruchsvolle Partie zur Verfügung.
Für die Rolle des Beichtvaters Giorgio Talbot, Conte di Shrewsbury, verzichtete man in Linz auf einen Bass und vertraute sie dem Bariton Seho Chang an, der im letzten Bild berührend sang.
Als Marias Vertraute Anna Kennedy ergänzte Danuta Moskalik rollen- wie stimmengerecht.
Wie groß der Applaus dieser Produktion war, vermag der Rezensent nicht zu beurteilen, da er nach dem Ende der Vorstellung den Zug heim nach Wien im Dauerlauf noch erreichen musste. Wie immer gilt bei einer solchen interpretierenden Sichtweise aber, dass die musikalische Seite jedenfalls sehr überzeugend war, über die Inszenierung kann man geteilter Auffassung sein. Historisierende Kostüme hätten zu diesem Konzept jedenfalls keineswegs gepasst, das hat mit kolportierten Sparmaßnahmen wohl weniger zu tun.
Harald Lacina