DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Slowenisches Nationaltheater / SNG Opera in Balet Ljubljana (Laibach)

 

http://www.opera.si/


Zwei Aufführungen im prachtvoll restaurierten Opernhaus

„Nabucco“ und die Rarität „Gorenjski slavček“

Sechs Spielzeiten lang waren Künstler und Publikum auf Ausweichquartiere angewiesen - so lange dauerte die Renovierung des 120 Jahre alten Hauptgebäudes und die Errichtung des Zubaus. Seit 2008 war die Eröffnung immer wieder verschoben worden. Der damalige Direktor der Oper Laibach bei der Wiedereröffnung: „Ich kann sagen, dass es für unser Haus sehr schwierig war, weil diese immer wiederkehrenden Verschiebungen unserem Haus sehr große Probleme bereitet haben. Auf dem organisatorischen, dem künstlerischen und dem finanziellem Gebiet. Die Investition lief über das Kulturministerium, die Kosten beliefen sich auf 43 Millionen Euro“.

Vor allem die lange Bauzeit ließ die Kosten explodieren, zwei Baufirmen gingen während der Umbauzeit in Konkurs, fünf Kulturminister in Pension. Neben dem stilgerecht restaurierten Zuschauerraum mit 550 Sitzplätzen gibt es nun einen modernen Zubau zum historischen Gebäude mit einem vergrößerten Orchesterraum und der dadurch verbesserten Akustik, aber auch mit den notwendigen Neben-  und Probenräumen.

Das Opernhaus von Ljubljana wurde ursprünglich  in den Jahren 1890/92 als damaliges Landestheater im Neorenaissance-Stil nach Plänen der tschechischen Architekten Jan V. Hrasky und Anton Hruby errichtet. Für die Renovierung wurde im Jahre 2004  ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben. Der Sieger, das niederländische Büro Neutelings Riedijk, wurde dann gemeinsam mit dem österreichischen Ingenieursbüro Vasko+Partner mit dem Umbauprojekt beauftragt.

Im Dezember 2011 war es dann endlich soweit -  die Oper in Ljubljana wurde mit einer großen Gala offiziell wiedereröffnet. Seither wird sie regelmäßig mit Opern- und Ballettaufführungen bespielt. Für große Werke wird allerdings weiterhin der mehr als doppelt so große Saal des Kulturzentrums Cankarjev Dom (benannt nach dem slowenischen Dichter Ivan Cankar) genutzt – siehe dazu den Opernfreund-Bericht vom März 2012.

Auch die Saison 2012/ 13 wurde mit der Premiere des „Fliegenden Holländer“ im Cankarjev Dom eröffnet. Die beiden diesmal besuchten  und im Folgenden besprochenen Aufführungen fanden hingegen im prachtvoll restaurierten Opernhaus statt, das zweifellos den Besuch lohnt.

  

Nabucco

Premiere: 2.2.2012,

besuchte Vorstellung: 20.3.2013 

Es sei gleich vorweg gesagt: Diese Oper mit ihren großen Chor- und Ensembleszenen passt eigentlich nicht in dieses kleine Haus – und wenn man es schon hier aufführt, dann wäre kammermusikalisches Musizieren angesagt. Und das erlebte man nicht – alle sangen aus Leibeskräften, als gelte es die Arena von Verona zu füllen!

Im ausverkauften Haus ging es an diesem Abend  aber vor allem um die Verabschiedung eines langjährigen Ensemblemitglieds – der Sopranistin Milena Morača. Das eindrucksvolle Verzeichnis der von ihr gesungenen Partien reicht von der Königin der Nacht über alle Rollen des dramatischen italienischen Fachs bis zum Komponisten in der Ariadne. Und die Partie der Abigaille erfordert wahrlich einen weiten Stimmumfang vom Mezzobereich bis zum hohen dramatischen Sopranregister. Morača bewältigte diese Anforderungen sehr gut und mit großer Intensität – aber wie bei allen anderen Solisten: weniger Druck und weniger Fortissimo wäre mehr gewesen. Zweifellos wird sie in einzelnen Rollen weiterhin auf der Bühne stehen, aber die Rechtslage in Slowenien sieht für fixangestellte Solisten eine unverrückbare Altersgrenze vor – daher diese Abschiedsvorstellung als ständiges Ensemblemitglied.

Ihre Partner waren an diesem Abend wohl bewusst gewählt: auch sie alle sehr erfahrene und langjährige Mitglieder des Laibacher Hauses.

Marko Kobal war ein stimmlich solider Nabucco, Juan Vasle gelang die lyrische Zaccaria-Szene „Vieni, o Levita“ recht schön, allerdings fehlte ihm speziell in den großen Stretta-Passagen das nötige stimmliche Gewicht und auch darstellerisch blieb er zu unbedeutend.

Fenena war Norina Radovan – nach ihrem Rollenverzeichnis bisher ein hoher Koloratursopran (Despina, Zerbinetta), der sich nun offenbar mit abgedunkelter Stimme in ein neues Fach begibt. Auch der Ismaele von Jure Kušar, seit über 20 Jahren im Hausensemble, ist wohl den jugendlichen Tenorpartien schon deutlich entwachsen.

Solide die Nebenrollen – stimmschön, wenn auch nicht immer sehr präzis der Chor.

Das Orchester unter Igor Švara leitete den Abend mit einem schön und ausgewogen musizierten Vorspiel ein – je weiter der Abend fortschritt, umso mehr verfiel auch das Orchester in eine recht undifferenzierte Einheitslautstärke. Der deutsche Regisseur und Bühnenbildner Detlef Sölter präsentierte eine stimmungsvoll ausgeleuchtete Szene, in der sich alle in althergebrachten Operngesten bewegten. Packendes und zeitgemäßes Musiktheater war nicht zu erleben. Es war ein recht biederer Repertoireabend, der nach dem Schlussbeifall mit Reden, Blumen und Geschenken an die Abschied nehmende Sopranistin auf offener Bühne endete.

Ganz anders und wesentlich positiver mein Eindruck am nächsten Abend:

 

 

Gorenjski slavček

(Die Oberkrainer Nachtigall)

Premiere: 13.3.2013, besuchte Vorstellung: 21.3.2013) 

Wer unter den deutschen Opernfreunden kennt schon diese Oper von Anton Foerster??

Das Österreichische Biographische Lexikon liefert uns seine Lebensdaten : 1837 bis 1926 – Näheres siehe unter http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_F/Foerster_Anton_1837_1926.xml

Anton Foerster war ein echtes Kind der Habsburger Monarchie. Geboren im heutigen Tschechien kam er in jungen Jahren nach Laibach und war hier über 40 Jahre Regens Chori am Dom, Lehrer, Organist, Autor und Komponist - er „hob die slowenische Musik, die sich erst im Entwicklungsstadium befand, auf eine hohe künstlerische Stufe“.

Seine „Oberkrainer Nachtigall“ war zunächst als Operette konzipiert und wurde von einer Kommission unter dem Vorsitz von Friedrich Smetana für Musik und Libretto ausgezeichnet. Die Uraufführung fand in Laibach im Jahre 1872 statt. Später überarbeitete Foerster sein Werk, ersetzte die gesprochenen Passagen durch Rezitative und komponierte weitere Teile dazu. Als Oper wurde das Werk erstmals 1896 aufgeführt. In Slowenien hat sich das Werk auf den Bühnen gehalten – in Ljubljana gab es zuletzt 1953 und 1996 Aufführungen. Die Neuproduktion wurde diesmal  zu Eröffnung der „Tage der slowenischen Musik“ auf den Spielplan gesetzt.

Bevor ich nun auf Werk und Aufführung näher eingehe, muss doch ein wenig  zu der Landschaft gesagt werden, in der das Stück spielt:

Die Markgrafschaft Krain ist ein uralter Kulturraum, der sich südlich an Kärnten anschließt – seit Jahrhunderten ein Schnittpunkt deutscher und slowenischer Kultur. Der nördlichste Teil von Krain heißt Gorenjska  bzw. auf deutsch Oberkrain. Der Leser wird nun vielleicht sofort an Slavko Avsenik und seine weltweit bekannte Oberkrainer Volksmusik denken.

Ja, richtig – genau dort am südlichen Alpenrand, wo Slavko Avsenik (etwa 100 Jahre nach Foerster)  geboren wurde - dort  spielt dieses Werk! Wer sich intensiver mit Krain beschäftigen möchte, der sei als erste Information verwiesen auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Krain

Aber vor allem: Krain ist unbedingt eine Urlaubsreise wert – eben ist an der Universität Klagenfurt ein wunderbares Buch über Krain erschienen:

http://www.unikum.ac.at/BUCH_WEITE_FI/DWS_PDF_FI/das_weites_suchen_001-112.pdf

Aber zurück zu unserer Oper: Es ging Foerster darum, die slowenische Volksmusik in einer Oper zu verarbeiten – und das ist ihm tatsächlich ausgezeichnet gelungen. Er hat eine Volksoper auf hohem musikalischem Niveau geschaffen, für die es in der deutschen Musiktheaterkultur kein vergleichbares Gegenstück gibt. Von seinem Ansatz her ist das Stück wohl am ehesten Smetanas Verkaufter Braut verwandt. Natürlich ist Foersters Musik in ihrer (spätromantischen) Zeit verhaftet – aber sie ist eigenständig, kompositorisch sehr sauber gearbeitet (wie schon Smetana betonte) und sie ist es sicher wert, immer wieder aufgeführt zu werden.

Damit aber das heutige Publikum daran Gefallen finden kann und damit es nicht nur eine museale Darbietung bleibt, braucht das Werk eine unserer Zeit adäquate szenische Umsetzung. Und diese ist dem Regisseur der Neuproduktion und seinem Ausstattungsteam hervorragend gelungen!

Der erfahrene Regisseur für Kinder-und Jugendtheater Vito Taufer lässt das Stück in einer naiv-bunten Szenerie mit verschiebbaren Bäumen und Häusern spielen (Bühne: Samo Lapajne, Kostüme: Barbara Podlogar). Er schafft perfekt die Balance zwischen naturalistischem Spiel und augenzwinkernder Distanz. Dazu hat er ein ausgezeichnetes und spielfreudiges Ensemble, das auch stimmlich sehr respektabel ist.

Worum geht es im Stück: Franjo (Tenor) kommt zurück in sein Dorf und liebt die sangesfreudige Minka (Sopran), ein einfaches Bauernmädchen armer Eltern. In die Idylle bricht der französische Bariton Chansonette, der Minka in die große weite Welt mitnehmen und sie zum Gesangsstar machen möchte. Letztlich geht aber alles gut aus – Minka und Franjo bleiben im Dorf und  heiraten in einem großen Dorffest mit viel Chor und mit schuhplattelnden Balletttänzern.

Im Mittelpunkt der Aufführung  steht die gerade erst dem Studium entwachsene Sopranistin Irma Mihelic. Sie singt die dankbare Rolle mit einer in allen Lagen ausgeglichenen Stimme und sicheren runden Spitzentönen ausgezeichnet und spielt mit natürlichem Charme. Ich habe sie schon als Studentin mit sehr guten Leistungen gehört – da zeichnet sich eine schöne Karriere ab.

Franjo ist Matjaž Stopinšek - und wie es der Zufall will: auch ihn habe ich schon in seiner Studienzeit vor über 15 Jahren in kleineren Bufforollen gehört. Inzwischen ist er ins erste Fach aufgestiegen und hat seinen angenehm klingenden Tenor sehr schön ausgebaut. Er sollte sich allerdings hüten, zu viel Druck zu geben – dann verliert die Stimme die ihr eigene sympathische lyrische Farbe und droht, ein wenig steif zu werden. Auch er spielt charmant und einnehmend. Der baritonale Gegenspieler ist Slavko Savinšek mit etwas schmaler Stimme und verbesserungsfähigem Französisch – aber insgesamt im Rahmen dieser Spieloper durchaus ausreichend - und elegant im Spiel. Auch alle  kleineren Rollen – unter ihnen  Mirjam Kalin, Nina Dominko und dem exzellenten Spieltenor Andrej Debevec - sind  wirklich gut und rollendeckend besetzt. Der Zaccaria des Vortags, Juan Vasle, ist hier als Wirt ideal besetzt .

Das Orchester stand an diesem Abend wohl nicht unter der Leitung des Nabucco-Dirigents des Vorabends Igor Švara, wie der abendliche Besetzungszettel auswies. Nach den Fotos auf der Homepage der Laibacher Oper gehe ich davon aus, dass Marko Gašperšič am Pult war. Wie auch immer:

Das Orchester spielte konzentriert mit schönen Soli – der Kontakt zwischen Orchester und Bühne und die Balance waren sehr gut – man merkte wohltuend die Probenarbeit für die erst eine Woche zurückliegende Premiere.

Auch der Chor – von der köstlichen einleitenden Bauernhymne an Gorenjska/Oberkrain über die ebenso köstlichen Feuerwehrmänner und die spielfreudigen solistischen Mägde bis zum finalen Höhepunkt des großen Hochzeitsfestes, bei dem einzelne Choristen heitere „G’stanzeln“ (wie man in Österreich sagt) auf das Brautpaar vortrugen – leistete ebenso wie die erst am Schluss sich dazugesellende Balletttruppe einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg. Alle ernteten verdienten Applaus des wiederum vollen Hauses.

Alles in allem: Eine wirklich wohlgelungene Produktion, die ideal besetzt war und sehr gut in den Rahmen dieses wunderbaren Hauses passte, in dem man sich Mozart- und Barockopern wünschte.

Hermann Becke

 

PS

Damit für den Leser in deutschen Opernlanden nicht der Eindruck entsteht, Musiktheater  in Ljubljana/Laibach  beschränke sich nur auf Verdi-Repertoire und slowenische Spieloper des 19.Jhrhunderts zwei Hinweise:

Im April gibt es im wunderschönen Opernhaus  Aufführungen der Laibacher Musikakademie von Monteverdis Orfeo – siehe:

http://www.opera.si/sl/program/predstava/ostalo/orfej/?d=340 

Und zu Monteverdi passend: der slowenische Rundfunk RTV Slovenjia produziert eine hörenswerte CD-Reihe unter dem Titel „Dotiki“ (Berührungen) mit der Gegenüberstellung von alter und neuer Musik. Als Beispiel sei auf die CD mit der slowenischen Mezzosopranistin BARBARA JERNEJČIČ FÜRST verwiesen, bei der Ausschnitte aus Monteverdis „Incoronazione“ mit Werken von Berio, Globokar und aktuellen slowenischen Komponistinnen konfrontiert werden – siehe (bzw. höre!):                             

http://zkpprodaja.si21.com/en/Resna_glasba/BARBARA_JERNEJCIC_FRST_DOTIKI/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Črne maske“ (Schwarze Masken)

von Marij Kogoj

Vorstellung am 6.3.2012


Wer der Opernfreunde im deutschen Sprachraum kennt den slowenischen Komponisten Marij Kogoj und sein Oper „Schwarze Masken“ ??

Ich wußte jedenfalls gar nichts und bin durch die Ankündigungen der europäischen Kulturhauptstadt 2012 Maribor/Marburg auf diese Rarität aufmerksam geworden. Und ich habe ein außergewöhnliches Werk in einer ausgezeichneten Aufführung kennengelernt!

Das wird nun zweifellos ein längerer Bericht – aber ich garantiere dem geduldigen Leser: Es lohnt sich unbedingt, sich mit Werk, Aufführung - und natürlich auch mit der Stadt Laibach - zu beschäftigen!

Also der Reihe nach:

Zum Komponisten Marij Kogoj:

Er entstammt jener unvergleichlichen altösterreichischen Kulturmischung („mishmash“ existiert im Triestinischen als lebendige Vokabel !) – als Slowene geboren 1892 im italienischenTriest, 1914 bis 1917 Studium in Wien bei Ernst Schreker und Arnold Schönberg, nach dem ersten Weltkrieg Musikschriftsteller und Korrepetitor an der Laibacher Oper, ungeheuer beliebter Komponist in den Zwanzigerjahren, gestorben in geistiger Umnachtung im Jahre 1956 in Laibach.

Kogojs Musiksprache ist auch „mishmash“ - eine Mischung von Elementen der Spätromantik, atonaler Musik und frei-schwebender Tonalität. Verhältnismäßig viele seiner Lieder, Chorstücke und musiktheoretischen Aufsätze blieben unvollendet, nicht zuletzt deshalb, weil seine Krankheit sehr schnell voranschritt. Zu Ehren des Komponisten wird auch heute noch in Slowenien alljährlich das internationale Musikfestival »Kogojevi dnevi« veranstaltet.

Zu seinem Hauptwerk „Schwarze Masken“:

Darüber informiert die Marburger Oper auf ihrer Homepage:

„Die Geschichte und das Libretto der Oper Schwarze Masken entstammen aus dem gleichnamigen symbolischen und allegorischen Drama von Leonid Andrejew (einem russischen Autor unter dem Einfluß von Schopenhauer, Tolstoi und Dostojewski) in der Übersetzung von Josip Vidmar ( der übrigens nach dem 2.Weltkrieg unter Tito maßgeblich das slowenische Kulturleben beeinflußte und mit 98 Jahren erst 1992 starb)

Der Protagonist Lorenzo, Herzog di Spadaro, befiehlt, einen Maskenball auf seinem Schloss vorzubereiten, obwohl ihm bewusst ist, dass auch nicht geladene schwarze Masken, die vom Licht angelockt werden, kommen werden. Nach einer Reihe von grotesken Begegnungen mit maskierten Gästen, geladen oder nicht, wird Lorenzo immer mehr zerrüttet und psychisch gespalten. Nachdem er den Teufel herbeiruft, erkennt er seine finstere Vergangenheit und stellt fest, dass er kein Nachkomme des früheren Herzog di Spadaro, sondern eines Stallknechts und der Herzogin sei. Im Zweikampf mit seinem Doppelgänger stirbt Lorenzo. Die Geschichte setzt sich mit der Aufbahrung und danach mit einer erneuten Veranstaltung des Maskenballs fort. Dort erlebt man den psychisch vollkommen besinnungslosen Lorenzo, der nicht einmal seine Frau Francesca mehr erkennt. Die Geschichte endet mit der vollständigen Zerstörung des Schlosses durch ein vom Hofnarr Ecco entfachtes Feuer.“

Zur Produktion:

Die vierte Inszenierung der Oper (nach der Uraufführung im Jahre 1929 gab es in Laibach weitere Inszenierungen in den Jahren 1957 und 1990) entstand in einer Koproduktion der beiden slowenischen Opernhäuser „Opera in Balet SNG Maribor“ und „SNG Opera in balet Ljubljana“und der Europäischen Kulturhauptstadt Maribor 2012. Die Produktion beruht auf der revidierten Fassung der Partitur, die der slowenische Dirigent Uroš Lajovic vorbereitete. Diese neue Fassung ist das Resultat einer fast zwanzigjährigen Arbeit von Gal Hartman, eines Notenstechers aus Laibach. Der Regisseur der Vorstellung ist Janez Burger, ein anerkannter slowenischer Filmemacher, der für seine Arbeit zahlreiche Preise erhielt. Das Bühnenbild bereitete das künstlerische Kollektiv NUMEN mit Ivana Radenović vor, die Kostüme stammen vom international anerkannten Kostümbildner und Modedesigner Alan Hranitelj. Die Premiere der Produktion fand im Jänner 2012 zur Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres in Marburg statt, mit März ist die Produktion nun nach Laibach übersiedelt.

Zum Aufführungsort:

Auch dieser ist höchst bemerkens-und berichtenswert. Das Kulturzentrum Cangarjev Dom (benannt nach dem slowenischen Dichter Ivan Cangar) ist wahrscheinlich Laibachs größtes Investitionsabenteuer im kulturellen Bereich des vorigen Jahrhunderts. Der Bau begann 1978 mit dem ersten Saal und wurde modulartig bis 1984 mit weiteren Veranstaltungs- uns Ausstellungsräumen erweitert. Im Gallus-Saal (benannt nach dem aus Laibach stammenden Renaissancekomponisten Jacobus Gallus = Jacob Handl) fand die Aufführung der Schwarzen Masken statt. Das ist ein modernst ausgestatteter Saal mit rund 1400 Plätzen – es lohnt sich, ihn sich auf der Homepage (samt 360°-Panorama!) anzuschauen: http://www.cd-cc.si/default.cfm?Jezik=En&Kat=0405

Und wie habe ich als jemand, der sich zwar in der (spärlich vorhandenen) Literatur vorzubereiten versucht, aber noch nie einen Ton der Musik von Marij Kogoj gehört hatte, die Aufführung erlebt ??

Es ist ein dreistündiges Monsterwerk – großes Orchester samt Klavier, Celesta, Orgel, Mandoline und reichem Schlaginstrumentarium dazu Bühnenorchester, großer Chor, Ballett und eine etwa dreißigköpfige Solistenschar. Werk und szenische Umsetzung sind für mich zu einem überzeugendem Ganzen, zu einem optischen und akustischen Alptraum zusammengewachsen. Sehr hilfreich war die ausgezeichnete Übertitelung (neben slowenisch Gott sei Dank auch englisch). So konnte man dem ausdrucksstarken Text sehr gut folgen. Die Musik Kogojs ist durch üppige, aber nie die Stimmen überwuchernde Orchestrierung gekennzeichnet – große Bögen erlebt man nicht, eher eine Vielzahl von kleinen melodischen Motiven, die sich immer wieder im Gesamten verlieren. Das Irreale, Zerbrechende und Wahnhafte vermittelt sich sehr intensiv – großartig verstärkt und unterstützt durch Bühnenbild und Kostüme. Um nur ein Beispiel konkret zu nennen: der schwarzglänzende Bühnenboden spiegelt alle Aktionen - als Lorenzo auf seinen Doppelgänger trifft, sieht man gleichsam vier Lorenzos…..

Bewunderswert die stimmliche Durchhaltekraft von Jože Vidic als Hauptfigur Lorenzo. Er steht praktisch ununterbrochen auf der Bühne und gestaltet die Partie mit seinem metallischen Bariton überzeugend. Zurecht ist er beim Schlußapplaus der umjubelte Mittelpunkt. Alle anderen (mittleren und kleinen) Rollen sind gut bis ausgezeichnet besetzt. Drei seien besonders erwähnt: der polternde Baß von Saša Čano, der markante Tenor von

Dejan Maksimiljan Vrbančič und der zarte (manchmal an seine Grenzen stoßende) Sopran von Andreja Zakonjšek Krt. Der erfahrene Dirigent Uroš Lajovic hielt das riesige Ensemble mit merklichem Engagement ausgezeichnet und mit großer Rücksicht auf die Stimmen zusammen – der Zuhörer wird in Bann geschlagen und in den Alptraum hineingezogen.

Das Haus war praktisch ausverkauft – man sah ein offensichtlich sehr interessiertes Publikum (darunter viel Jugend), das mit lebhaftem Beifall und Bravorufen dankte.

Schade, dass es das Werk bisher nicht auf Tonträger gibt – es wäre sehr verdienstvoll, könnte die derzeitige Produktion auf CD, vielleicht sogar auf DVD dokumentiert werden. Wer einen akustischen Eindruck von Kogoj gewinnen will, dem kann ich zwei Hiweise geben: 

° ein Andante für Violoncello und Klavier findet sich auf:

http://www.amazon.de/Schostakowitsch-Kogoj-Schnittk-Milos-Mlejnik/dp/B0000ARNE7/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1331206997&sr=8-1

° sämtliche Werke für Violine und Klavier:

http://www.amazon.de/Marij-Kogoj-Musica-Violino-Pianoforte/dp/B001R574GA/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1331206997&sr=8-2

Und letztlich gibt es bereits eine Gesamtaufnahme aller Lieder von Marij Kogoj mit der slowenischen Mezzosopranistin Barbara Jernejcic-Fürst – siehe:

http://www.mkartin-allegro.net/de/artisten/barbara-jernejcic-furst-3/

Allerdings ist diese CD bisher nur in Slowenien erhältlich – siehe dazu:

http://www.hartman.si/Izdelek_3206598_MARIJ_KOGOJ_CD_-_SAMOSPEVI.aspx

Und dann muß ich am Schluß ganz einfach noch einen touristischen Hinweis anschließen.

Laibach ist eine Reise wert!

Das was im Klappentext des empfehlenswerten Buchs „Ljubljana - die jugendliche Stadt am Fluß“ zu lesen ist, stimmt ganz einfach:

„Ljubljana – ein neuer Fixstern am Himmel der Städtereisen…Die dynamische Stadt lockt immer mehr, auch internationale, Gäste an. Diese erwartet eine gelungene Mischung aus mediterranem Flair, alpenländischer Gemütlichkeit und – natürlich – den Spuren der k.u.k. Monarchie. Die von Plecniks Architektur geprägte Perle an der Ljubljanica bietet kulturelle Highlights der Spitzenklasse“ – siehe: http://styriaregional.styriabooks.at/article/2743

Es gibt übrigens durchaus auch kulinarische Highlights in einer Vielzahl von hervorragenden Lokalen – nicht versäumen sollte man die tradtionelle slowenische Spezialität „gibanica“

 

eine in neun Schichten aufgetürmte Speise mit Mohn, Nüssen, Äpfel und Topfen/Quark zwischen Blättern von Mürbteig und Strudelteig – diesmal genossen im urigen und traditionsreichen „Sokol“ (= Falke) – siehe:

http://www.gostilna-sokol.com/index.php?lang=ge

Hermann Becke

Bildercopyright liegt bei: SNG Opera in balet Ljubljana

 

 

 

 

 

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