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PARSIFAL                    

Vorstellung am 4.11.12            (Premiere am 09.09.12)

Neues von Amfortas - Pilavachi kann mit dem Parsifal nicht viel anfangen

Anthony Pilavachi, hoch gelobt für seine Lübecker Ring-Inszenierung, versucht sich nun am Parsifal und kann damit offensichtlich nicht viel anfangen. Die Inszenierung des ersten Aufzugs war ganz akzeptabel, im zweiten origineller und daher besser, (aber es gab schon „Neues“), der dritte Aufzug gar von etlichen „Neuheiten“ durchzogen. Im inszenierten Vorspiel sollte ein Nahtod-Erlebnis gezeigt werden: Parsifal an Schläuchen, Strippen und Monitoren im Krankenbett einer Intensivstation. Dann sind da noch eine Frau und ein Kind mit langen blonden Haaren, womöglich seine Frau und sein kleiner Sohn oder aber Herzeleide und der kleine doppelnde Parsifal. Amfortas und Kundry sind auch zugegen. Die Familie wird vervollständigt durch Titurel im Rollstuhl. Das Herz hört auf zu schlagen, alles könnte zu Ende sein. Parsifal ist aber nicht tot, sondern macht sich einfach fort. Er wird erst zum Schwanenschuss wieder gebraucht. Der erste Aufzug spielt danach in einer Klinik; die Gralsritter sind Ärzte, die Knappen Krankenschwestern und Pfleger, welch letztere mit großer Langeweile auf Gurnemanz‘ (senile) Erzählungen reagieren. Die Kräuterhexe Kundry balgt sich mit den Schulmedizinern. Gurnemanz ist der Chef-Geistliche der Klinik. Der Ritterchor tritt auf wie eine Geheimgesellschaft mit Kapuzen, dabei wie Untote mit gekälkten Gesichtern. Generell ist das mit der Nerven(?)-Klinik ja nicht so abwegig, aber durchaus nicht neu. Zur Verwandlung öffnet sich die Hinterwand; es wird eine Säulenhalle sichtbar. Amfortas kämpft mit seinem siechen Vater, weigert sich, den Gral zu enthüllen. Schließlich muss er doch: er steht in einem Plantschbecken, wo er geknebelt wird und ihm die Pulsadern geöffnet werden. Den Gral trägt das Kind vom Prolog herbei. „Die Taube schwebt…“

Der zweite Aufzug ist interessanter und hübsch gemacht. Die Blumenmädchen in Weiß mit roten Gürteln oder Schärpen versuchen Parsifal in rote Seile einzuwickeln. Dabei tritt auch (natürlich stumm) Amfortas auf und versucht es noch einmal mit Kundry. (Er ist ein Heuchler und hat nichts gelernt.) Klingsor mit kleinen Mephistohörnchen ausgestattet kämpft nicht; er übergibt Parsifal ziemlich friedlich den Speer. Das Reich versinkt, indem die Chormädchen zu Boden sinken. Die Bühnenstrukturen sind die gleichen wie im ersten Bild des ersten Aufzugs.

Der dritte Aufzug ist innovativ. Die Klinik ist heruntergekommen, teilweise verfallen, alles verdreckt, die Ritter zerlumpt; so weit so gut, aber auch schon oft gesehen. Parsifal erscheint nun in Schwarz (vorher in Weiß) mit einem Jesus-Gesicht und Dornenkrone auf dem Haupt. Er hat eine Maschinenwaffe dabei, die er nach Gurnemanz‘ Protest ablegen muss. Er legt auch seine Dornenkrone ab, das Blut auf der Stirn wischt ihm Kundry ab. Der Speer liegt erstaunlicherweise schon vor seiner Ankunft auf der Bühne („Den heil’gen Speer, ich bring ihn Euch zurück.“?! Den hat wohl jemand anders schon vorher mitgebracht – vielleicht Amfortas? Oder er war gar nicht von Klingsor entwendet.) Nach der Verwandlung erlebt man auch bei Amfortas eine Wandlung: er legt sein weißes Gewand mit dem charakteristischen Blutfleck ab; darunter erscheint eine Zivilperson mit Cordhose und dunkelfarbigem Hemd wie aus einer Lübecker Schrebergartenkolonie. Amfortas hat gar keine nicht heilende Wunde – insofern wird auch der Speer gar nicht zur Heilung benötigt. „Titurel tragen wir her“: tönt es dann vom Chor; aber dessen Sarg stand aber schon lange auf der Bühne. Er wird geöffnet – was kommt heraus? das Grabtuch Christi… War Kundry schnell nach Turin geflogen und hatte es herbeigeschafft? Jesus/Parsifal war doch gar nicht tot! Titurel rollt immer noch im Rollstuhl herum. Zum Schluss erscheinen am Bühnenprospekt drei kitschige Engel um Kundry herum. Die hält den Gral hoch und bringt ihn nach vorn zur Rampe: Gral für alle. Was schon vielfach gemunkelt wurde, dass nämlich die Parsifal-Handlung ein Schmarrn ist, wird hier von Anthomy Pilavachi beglaubigt.

Aber die wenigsten gehen wohl wegen der spannenden und stringenten Handlung in den Parsifal, sondern wollen die unerreichte Musik des Stücks genießen. Da kommt man aber auch nur begrenzt auf seine Kosten. Brogli-Sacher dirigierte das Philharmonische Orchester der Stadt im ersten Akt etwas schleppend, dann zügiger, aber immer sehr vordergründig und meistens zu laut, was man bei ihm von anderen Dirigaten (Strauss) auch schon gewohnt war. „Zum Raum wird hier die Zeit“ wird nicht musikalisch umgesetzt: geringe Fallhöhe eines zu konkreten und geerdeten Dirigats, bei dem der Dirigent es zu viel krachen ließ. Dazu war die Streicherbesetzung zu dünn, so dass kein ausgewogener Klang zustande kam. Das Orchester hingegen intonierte vorzüglich.

Die Stimmen an diesem Abend waren überwiegend ordentlich, vor allem die tiefen Männerstimmen. Rund und wohltönend der Bass des weit reisenden Alexander Vassiliev, der in der Riesenpartie des Gurnemanz keine Ermüdungserscheinungen zeigte; sanft und kultiviert der Bariton von Gerard Quinn als Amfortas und mit kräftiger Härte Antonio Yangs Klingsor. Richard Decker gestaltete den Parsifal mit jugendlichem Heldentenor; nicht immer ganz höhenfest. Veronika Waldners Kundry überzeugte mehr durch ihre Bühnenpräsenz; stimmlich wirkte sie sehr dunkel und fiel mit flackernder Stimme ab. Bei den kleinen Rollen passte nicht alles. Patrick Buserts Tenor als dritter Knappe dünn und schwankend; der erste Gralsritter von Tomas Mysliwiec (Tenor aus dem Opernchor) ebenfalls ohne festen Stimmsitz. Aus den Blumenmädchen hörte man ein paar sehr gepresste Stimmchen durch. Ansonsten waren die Nebenrollen adäquat besetzt.

Das Haus war auf den besseren bis mittleren Plätzen ausverkauft, hinten auf den Rängen gab es noch genügend Platz. Riesiger Beifall; Parsifal in Lübeck kommt noch am 30.12., 27.01.,24.02., 17.03., 07.04 und 05.05.

Manfred Langer, 18.11.12                       Fotos von Oliver Fantitsch

 

 

PARSIFAL

Premiere: 02.09.12

Ein Fest der Stimmen!

Diese Szene zum Schluss brennt sich ein, hat geradezu magische Wirkung: Parsifal, jetzt der Erlöste, geht ins helle Licht, empfangen von übergroßen Engeln, das Ende seiner Reise, die zu Beginn eines großartigen Abends verstörend begann, Parsifal sterbend, angeschlossen an Maschinen, umgeben von trauernden Verwandten, die im Laufe der Handlung zu den bekannten Protagonisten der Oper werden. Fragt man sich anfänglich nach dem Sinn dieses Bildes, schliesst sich der Kreis der Handlung geradezu genial. Der Sarg des Titurel wird zu Siegfrieds Sarg, um den sich wieder seine Angehörigen scharen. Gaensehaut pur! Und ein Theatercoup allererster Guete!

Inszeniert hat das, immer ganz dicht an der Handlung, immer Wagner fast wörtlich nehmend, ohne auch nur eine Sekunde altmodisch zu wirken, Anthony Pilavachi, der Lübeck schon den umjubelten „Ring“ bescherte und der nun mit dem Klassik- Echo 2012 ausgezeichnet wurde. Welch tolle Auszeichnung für das Stadttheater!

Das Bühnenbild von Tatjana Ivschina kennt nur zwei Farben, weiß und rot. Und darin entwickelt sich ein packendes Drama, alles wie ein intimes Kammerspiel inszeniert. Schonungslos und brutal wird Amfortas von seinem Vater Titurel zum Gral geschickt, eine herrische Handbewegung reicht, man versteht jetzt endlich , warum Amfortas, wie Wagner es ja explizit schildert, vor der Gralsenthuellung zurueckschreckt: Amfortas wird von den Gralsrittern geknebelt, in den Brunnen gezerrt und die Handgelenke werden ihm aufgeritzt. Eine Szene von derart beklemmender Intensität, dass einem der Atem stockt. Wenn Amfortas dann zusammenbricht, blutig ins Wasser sinkt, seiner Würde beraubt, ist das ein Theatermoment, wie man ihn nicht alle Tage sieht. Aber genau mit dieser verächtlichen, herrischen Handbewegung des Vaters verweigert Amfortas auch die Hilfe von Parsifal, genauso arrogant wie sein Vater, ganz Gralsritter und Herrenmensch!

Im zweiten Akt versuchen die Blumenmädchen, Parsifal zu verführen, gefesselt an rote Bänder, willenlos Klingsor ausgeliefert, auch das ein beeindruckendes Bild! Aber dieser zweite Akt gehört ihnen, Klingsor und Kundry, Antonio Yang und Ausrine Stundyte! Ich wage zu behaupten, dass ihr Auftritt zur Zeit weltweit unerreicht ist! Man ist schier fassunglos über diese Stimmen, diese Intensität der Darstellung! Ist Kundry anfänglich noch die Verführerin in roter Abendrobe, reichen Kleinigkeiten wie verschmierter Lippenstift und wirres Haar bei Parsifals Ablehnung, um ihr Scheitern zu verdeutlichen. Schon nach dem 2. Aufzug Ovationen für diese Ausnahmekünstler!

Der Gurnemanz von Albert Pesendorfer bietet eine Leistung, die man sie auch an grossen Häusern selten hört! Wie er, diese für mich Hauptrolle im „Parsifal“ anging, war schier unglaublich und Weltklasse! Gerard Quinn als Amfortas, schauspielerisch verstörend intensiv und sängerisch eine Glanzleistung! Dazu Richard Decker als Titelfigur, ein Heldentenor aus dem Bilderbuch! Jede Phrase sass, wunderbar wusste er seinen Tenor abzudunkeln, im dritten Akt mit Dornenkrone und langem Haar, gezeichnet und verwzeifelt von den Anstrengungen, gelang Decker eine Interpretation von allererster Güte. Man ist einfach fassungslos, wie das Stadttheater Luebeck so ein Ensemble zusammenstellen kann!

GMD Roman Brogli- Sacher ging die Partitur fast gewagt expressionistisch an, breitete einen Klangteppich aus, auf dem die Sänger und Sängerinnen sich sichtbar wohl fühlten. Bei Kundrys Taufe schwelgte das Orchester geradezu in Wagnerklängen! Der Chor, wie immer glänzend einstudiert von Joseph Feigl, hatte auch darstellerisch viel zu leisten, anfänglich als unheimliche weisse Gralsritter, dann im 3. Akt als geschundene, verwundete Zombies.

Der tosende Schlussapplaus wollte nicht enden, Dank des Publikums an alle Kuenstler für einen Ausnahmeabend! Und das muss noch gesagt werden: Im August sah ich in Bayreuth „Parsifal“, unbestritten eine grossartige Inszenierung, aber saengerisch kann Bayreuth mit Luebeck nicht mithalten!

Claus Brandt

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com