Eine arg unterkühlte
„Entführung“
Alle Bilder: Theater Lübeck
Generationen von Regisseuren haben in Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ in erster Linie den Lobpreis auf edle Menschlichkeit – auf den Edelmenschen, den „guten Türken“ Bassa Selim – gesehen. Ein Pathos, vor dem der Regisseur Wolf Widder der letzten Neuinzsenierung dieser Spielzeit am Lübecker Musiktheater zurückschreckt. Und der überdies die in der Handlung angelegten Partnerprobleme der vier jungen Europäer herausarbeiten möchte. Und so legt er denn die Geschichte als „Theater auf dem Theater“ an. Ein Gutsbesitzer der Rokokkozeit hat sich eine wandernde Theatertruppe ins Haus geholt. Die soll ihm die „Entführung“ vorspielen. Und er übernimmt die Rolle des Bassa Selim.

Eine Idee, die weder neu noch originell ist. Und die Mozart, vor allem aber dieser Insznierung arg schlecht bekommt. Und so kommt denn das doch eigentlich fröhliche Spiel sehr unterkühlt über die Rampe – und zum Teil auch aus dem Orchestergraben. Um es vorweg zu sagen: Das Premierenpublikum hat sich daran nicht gestört. Erst zaghafte Versuche, dann immer lebhafterer Szenenbeifall und lang anhaltender herzlicher Schlussapplaus.
Am wenigsten zu Recht kommt an diesem Abend mit den Intentionen des Regisseurs der Darsteller des Belmonte Daniel Szeili. Sein Spiel ist arg hölzern. Hinzu kommen stimmliche Probleme. Streckenweise presst er Töne und Text. Erst in dem doch arg unsinnigen Duett über die Freuden des gemeinsamen Sterbens lebt er auf. Von diesem Sänger sind wir entschieden Besseres gewohnt. Die Lustigkeit des Patrick Busert als Pedrillo ist aufgesetzt, und auch er kann nicht zufrieden stellen. Das eigentliche Erlebnis dieses Abends ist Martin Blasius als Osmin. Mit schön geführter Stimme weiß er die Möglichkeiten seiner Rolle trefflich auszuloten. Ein Erlebnis auch die Stimmen der beiden Frauen: Lea-ann Dunbar als Konstanze und Jeanette Wernecke als Blonde.

Die Sänger und der von Joseph Feigl einstudierte Chor agieren in einem arg verwirrenden Bühnenbild, für das – neben den Kostümen – Katja Lebelt verantwortlich zeichnet. Dem Programmheft zufolge will der Gastdirigent Jochem Höchstenbach auch musikalisch Neues bieten. Dazu kommt er kaum - st er doch vollauf damit beschäftigt, das Geschehen auf der Bühne und seinen Klangkörpere zusammen zu halten.
Fazit: Nicht immer das Neue das Bessere
Horst Schinzel
Der Ring des Polykrates / Das geheime Königreich zum 3.)
Premiere am 2.3.12,
besuchte Aufführung am 30.03.12
Wo wohnt das Glück?
So könnte man den Zusammenhang der beiden Einakter am Lübecker Theater übertiteln: Erich Wolfgang Korngold komponierte seine Ehekomödie "Der Ring des Polykrates" im Alter von siebzehn Jahren in einer Zeit, in der die Schiller-Balladen, wie die den Titel gebende, noch zum allgemeinen Bildungsgut gehörten. In der klassischen Zeit gelingt Hofkapellmeister Arndt mit seiner geliebten Frau Laura einfach alles, als der sehnlich vermisste Freund, leider durch unglückliche Umstände verbittert, ihn warnt die Götter durch so viel Glück nicht herauszufordern, ein Opfer (respektive seine Ehe mit Laura) durch eine Probe zu spenden, führt es letztendlich dazu selbst als Opfer ausgeschlossen zu werden. Ein feines Sujet mit gediegenem Humor und einer ausgefeilten Musik, eine echte Entdeckung. Hugo Mallet als Arndt ist mit unglaublich höhensicherem Tenor eine echte Entdeckung für das lyrisch-heldische Zwischenfach, trotz scheußlicher Perücke gelingt ein sympathisches Rollenporträt, das von Ausrine Stundyte als Laura mit leicht herbem, doch farblich interessantem Sopran einen passenden Gegenpart erhält. Antonio Yangs tiefer Bariton passt zum "Unglücks-Vogel" betitelten Freund bestens, sowie Anne Ellersiek und Daniel Szeili mit leichterem Sopran und Tenor (Zofe Lieschen und Adlatus Döblinger), dem hohen Paar ein erfreuliches Buffo-Pendant stellen. Tiziano Santis Spiegelkammer bildet keine passende szenische Kammer für die traulich häusliche Geschichte, die in den Kostümen der Entstehungszeit von Marco Idini, die von Franco Ripa di Meana in ihren Feinheiten nicht ausgeschöpft wird und auf zu leichter Flamme vor sich hin köchelt.
Ernst Kreneks Einakter "Das geheime Königreich" bietet dem Regisseur besseres Augenfutter, denn die mythische Handlung um einen König in Revolutionszeiten, der seinen persönlichen Frieden in der Natur findet, bietet mit der ehrgeizigen Königin, sowie dem Gegensatz Palast und Wald einigen Reiz, doch auch hier wird leider nur an der Oberfläche gegründelt. Antonio Yang darf als König jetzt das volle Potential seines mächtigen Bassbaritons ausschöpfen, dem mit Gerard Quinn als Narr ein ungemein charismatischer Darsteller von hoher, vokaler Potenz beigesellt wird. Zuzana Markova mit schwindelerregenden Koloraturen ist als Königin eine veritable Zwitschermaschine. Hyo Jong Kim weiß seine tenorale Leuchtkraft als Rebell bestens ins Licht zu stellen, wie Anne Ellersiek, Therese Faulkner, Wioletta Hebrowska als Hofdamen, Andreas Haller und Daniel Szeili als Revolutionäre und Tomasz Mysliwiec als Wächter, sowie der Chor das hohe vokale Niveau des Lübecker Hauses unterstreichen.
Das Philharmonische Orchester der Hansestadt unter dem aufmerksamen Anton Marik weiß beide Kompositionen in ihren jeweiligen Unterschieden hervorragend darzustellen, den Korngold in seinem rauschhaften Aufschwellen mit den liebevollen, klassischen Zitaten von Haydn und Kuhlau, sowie den expressiven, harschenen Ton Kreneks, der erst zum Ende zu einem betörend melodischen Ausklingen findet.
Martin Freitag
Der Ring des Polykrates/ Das geheime Königreich
Premiere: 2.03.12 - zweite Kritik
Erneuter Triumph in Lübeck!
Betrachtet man sich einmal die Musikgeschichte in der Bundesrepublik, dann gibt es einen einschneidenden Knick nach dem 2. Weltkrieg, der äußerst verwunderlich ist. All die wundervollen Komponisten, die von den Nazis den Stempel „Entartete Musik“ aufgedrückt bekamen, also Zemlinsky, Korngold, Krenek, Schreker und so weiter, wurden nicht rehabilitiert, sondern im Gegenteil von den noch immer in Machtpositionen sitzenden Nazis weiter geächtet und klein gehalten. Es wird immer gerne von einer Renaissance dieser Genies geredet, die so ab 1980 begann, (John Dew in Bielefeld und, unvergessen für norddeutsche Opernfreaks, Frau Harms am Opernhaus Kiel), doch bleiben Aufführungen eher selten, auch grosse Opernhäuser vernachlässigen diese Komponisten, die von Opernfreunden nie vergessen wurden, sträflich.
Und wenn dann ein Stadttheater, das ohnehin laufend mit Etatkürzungen konfrontiert wird, einen Doppelabend mit zwei, der Mehrheit völlig unbekannten Opern, zeigt, ist das eine Leistung, die nicht genug zu würdigen ist. Jetzt geschehen am Theater Lübeck, das in Zusammenarbeit mit dem renommierten Festival Valle della Itria in Martina Franca (Apulien) „Der Ring des Polykrates“ von Erich Wolfgang Korngold und „Das geheime Königreich“ von Ernst Krenek zeigte. Allein schon dafür meinen Respekt und ein ganz, ganz lautes „Bravo“!
Diese Paarung an sich ist interessant, da die Musik sich nicht ähnelt, hier der melodisch- walzerselige Korngold (mit 17 Jahren komponierte er diese Oper, und alles, was später seine Meisterschaft auszeichnet, ist im Ansatz voll da. Unverkennbar klingt da schon „Die tote Stadt“ durch, manchmal hört man schon das Liebesduett aus „Die Kathrin“) und im Gegensatz dazu die brutal- atonale Färbung der Krenek- Oper. Man fragt sich leicht deprimiert, was aus diesen Komponisten, aus der ganzen deutschen Musik, ohne die Nazis geworden wäre.
Auch wenn sich damals die Anhänger von Korngold und Krenek fast feindlich gegenüberstanden, eint sie, und das ist schon Ironie des Schicksals, dass beide im 3. Reich verboten wurden und ihre Aechtung bis heute anhält. Wobei Korngold 1934 noch freiwillig nach Hollywood reiste, weil er der Einladung Max Reinhardts folgte, die Filmusik zu „A midsummer night's dream“ zu arrangieren. Krenek folgte 1937, allerdings nicht freiwillig, Grund war der Anschluss Oesterreichs ans Deutsche Reich.
Die „Ring-Oper“ trägt den selben Titel wie Schillers Ballade, in der es um einen Tyrannen geht, der sein Glück nicht fassen kann und auf Anraten eine Freundes besagten Ring opfert.
Die Oper hingegen handelt von einem jungen Ehepaar, glücklich verheiratet, finanziell unabhängig und ,was den Mann betrifft, gerade zum Hofkapellmeister befördert. Störfeuer kommt von einem Gast, dem alten Freund des Haussherrn, der soviel Glück und Harmonie nicht ertraegt.
Der Regisseur Franco Ripa di Meana und sein Bühnenbildner Tiziano Santi betonen nicht das kleinbürgerliche Idyll, sondern legen den Focus auf die Neidattacken, denen sich der junge Korngold allzu oft ausgesetzt sah, was ja auch wunderbar zur Handlung passt. Sie verlegen die Handlung in eine Art Arena mit Spiegeln.
Stimmlich wieder ein grosses Abend in Lübeck! Ausrine Stundyte und Hugo Mallet, ein junger englischer Tenor und Gast am Stadttheater, sind eine Idealbesetzung für das Hofkapellmeister- Ehepaar. Die so leicht daher kommende Partitur birgt diverse Fallstricke, doch beide gehen geradezu in ihren Rollen auf. Wie viel Spass man beim Singen haben kann, demonstrieren eindringlich Anne Ellersiek (Lieschen) und Daniel Szeili (Florian). Antonio Yang als missguenstiger Peter rundet das herrvorragende Ensemble ab.
In der Pause wird der Zuschauerraum geschlossen, wegen aufwendiger Umbauten.
Nach Korngolds einschmeichelnden Walzeranklängen nun Expressionismus pur! Im „geheimen Koenigreich“ hat ein Potentat genug von der Macht, soll der Narr die Krone tragen! Doch da gibt es ja noch seine machtgierige Gattin und zwei Rebellen, die auch so ihre Absichten haben.
Die Entdeckung des Abends ist Zuzana Markova, eine junge Sopranistin aus Prag,die die Königin derart atemberaubend singt, dass allein für sie jede Anreise nach Lübeck lohnt. Wieder einmal wird bestätigt, welch glückliches Händchen GMD Roman Brogli- Sacher in der Sängerauswahl hat. Frau Markova beeindruckt mit schier unglaublichen Koloraturen.
König (Antonio Yang) und Narr ( Gerard Quinn) singen, wie immer, auf hohem Niveau, besonders erwähnenswert ihre völlige Textverständlichkeit.
Eine Luxusbesetzung sind die 3 Damen mit Anne Ellersiek, Wioletta Hebrowska und Therese Fauser.
Die Lübecker Philharmoniker wurden von dem österreichischen Dirigenten Anton Marik durch diese so unterschiedlichen Partituren geführt und er erweist seinen zwei Landsleuten alle Ehre. Perfekt die Feinabstimmung Graben/ Bühne, schmelzender Klang bei Korngold, packende Lautmalerei bei Krenek.
Ein wundervoller Opernabend, der noch lange nachhallt und wieder einmal hat das Theater Lübeck seine herausragende Stellung in Norddeutschland unter Beweis gestellt und grossen Nachbarhaeusern gezeigt, wie es gehen sollte!
Claus Brandt
DER RING DES POLYKRATES
Zuzana Marková - In Lübeck ging ein neuer Stern am Opernhimmel auf
Die Namen der Komponisten Erich Wolfgang Korngold (1897 –1957und Ernst Krenek (1900 1991) sagen dem heutigen Musikfreund kaum mehr etwas. Ihr gemeinsames Schicksal war, dass während der NS-Diktatur ihrer jüdischen Herkunft halber in die USA emigrieren mussten. So geriet ihr hoffnungsvoll begonnenes Opernschaffen im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit. Das gilt sowohl für Korngolds „Die tote Stadt“ wie für Kreneks „Johnny spielt auf“- eine anfänglich sehr beachtete Jazz-Oper. Immerhin hat sich Korngold als Filmkomponist in Hollywood einen Namen gemacht. Sein früher Tod war Ursache, dass dies in Europa wenig beachtet worden ist.

Dabei haben beide Komponisten in den Zwanziger Jahren Kurzopern geschaffen, die es durchaus wert sind, auf die Bühnen zurück zu kehren. Dies zeigt eine reizvolle Neuproduktion des „Der Ring des Polykrates“ und „Das geheime Königreich“, die das Theater Lübeck im vergangenen Herbst zusammen mit dem „Festival della Valle d’Itri in Martina Franca im italienischen Apulien herausgebracht hat. Diese Einstudierung hatte jetzt im Lübecker Haus ihre Premiere. Und wurde zu einem großen musikalischen Erlebnis. Sicher sind vor allem Korngolds Dissonanzen gewöhnungsbedürftig, aber wenn sie so charmant gespielt und gesungen werden, wie an diesem Abend, können sie durchaus gefallen. Kreneks jazzige Karikatur eines Umsturzes in einem imaginären Königreich stellt an die Sänger enorme Anforderungen. Vor allem an die Sängerin der Königin, in der die erst vierundzwanzigjährige tschechische Sopranistin Zusana Marková dem Lübecker Publikum vorstellte. Und dies mit einer kaum glaublichen Bravourleistung geradezu unglaublicher Koloraturen. Die junge Sängerin wirkt bislang vor allem im italienischen Raum. Ihr ist eine große Karriere auch auf dem deutschsprachigen Theater vorauszusagen.

Alle Bilder sind von Jochen Quast
Gleiches gilt für den jungen englischen Gast Hugo Mallet als Hofkapellmeister im Ring des Polykrates“. Er beeindruckt an diesem Abend nicht zuletzt durch seine saubere deutsche Aussprache. Ihm steht Ausrine Stundyte als seine Frau glänzend zur Seite. Großartig auch Anne Ellersiek , Daniel Szeili und Antonio Yang in beiden Einaktern wobei Yang eine geradezu groteske Sterbeszene auf die Bühne bringen muss.
Wie überhaupt Franco Ripa di Meana eine überaus fantasievolle Einstudierung in das recht verwirrende Bühnenbild von Tiziano Santi stellt. Dagegen passen die Kostüme von Marco Idini zumindest beim „Ring des Polykrates“ nicht zu der Zeit, in der das Stück spielt. Anton Marik hat das Philharmonische Orchester sehr gut im Griff, während einige Solisten erkennbar sehr an seiner Taktgebung hängen. Den wenig geforderten Chor hat Joseph Feigl präzise einstudiert.
Das Premierenpublikum ist begeistert und feiert alle Mitwirkenden lang und ausgiebig. Schade, dass diese gelungene Produktion nicht in die nächste Sielzeit übernommen werden soll.
Horst Schinzel
Nächste aufführungen
11. März, 16 Uhr, 30. März, 5. April ,jeweils 19.30 Uhr.
La vida breve &
Cavalleria Rusticana
zum 2.)
Besuchte Vorstellung: 21.1.2012
Nach diesem Abend fragt man sich, warum bisher niemand auf die Idee kam, Manuel de Fallas „La vida breve“ mit Mascagnis „Cavalleria rusticana“ zu verbinden. Beide Opern erzählen fast die gleiche Geschichte um Liebe, Hass, Eifersucht und Tod. Und doch sind sie musikalisch völlig unterschiedlich, auf der einen Seite de Fallas Seelenzustände auslotende, teils brutale spanische Musik, auf der anderen Seite die plakativ- eingängigen Melodien von Mascagni.

Copyright: Theater Lübeck / La Vida Breve
Das Theater Lübeck hat ein komplett italienisches Inszenierungsteam an die Trave geholt, Rosetta Cucchi Regie, Tiziano Santi Bühne und Claudia Pernigotti Kostüme. Ein wahrer Glücksgriff, denn so spannend und schlüssig erzählt hat man beide Werke selten gesehen.
„La vida breve“ spielt im ersten Teil in einem Slumviertel, brutale Gewalt und Hoffnungslosigkeit regieren, da liegt es auf der Hand, dass die junge Salud diesem Elend entfliehen möchte. Der zweite Teil, nach dem wundervollen Intermezzo, spielt in einem vornehmen Bankettsaal, die Gesellschaft feiert die standesgemässe Hochzeit von Paco, Saluds Geliebten. Grösser kann der Kontrast nicht sein! Ein beeindruckender Theatercoup zum Schluss: Die Slumbewohner stürmen die Hochzeit, Saluds Onkel zerreist den grossen Vorhang und gibt den Blick frei auf die Armensiedlung.
Kein pittoreskes sizilianisches Dörfchen bei der „Cavalleria“, sondern harte Arbeit und Not pur in einem Salzbergwerk. Zu den Klängen der Ouvertüre schickt eine Mutter schweren Herzens ihren kleinen Sohn ins Bergwerk, einen grossen Eimer schleppend. Das macht von vornherein klar: Rosetta Cucchi geht es nicht um italienische Postkartenidylle, der musikalische Verismo findet geniale Ergänzung in den Bühnenbildern. Am Schluss der Oper, wenn Turiddu von Alfio getötet wird, erscheint die Mutter mit dem Sohn wieder im Salzstollen und es wird klar, dass es sich um Mama Lucia und Turiddu handelt, Metapher für die Mutterliebe. Eine überragende Regiearbeit, psychologisch ausgefeilt und handwerklich perfekt umgesetzt.
Stimmlich gehörte ihr der Abend, der jungen litauischen Sopranistin Ausrine Stundyte, Ensemblemitglied in Lübeck, ein Glücksgriff ohnegleichen! Was sie bot, war nicht nur Weltklasse, das war das Aufleben grosser Sängerinnenlegenden, darstellerisch geradezu verstörend in der Intensität und mühelos alle schwierigen Klippen der Partien meisternd. Schonungslos ihr Einsatz, ihr angedunkelter Sopran überstrahlte mühelos das Orchester, sie war Salud, das verzweifelte Mädchen aus dem Slum, sie machte Santuzza lebendig, leidenschaftlich und explosiv. Eine Spitzenleistung, wie man sie an „grossen“ Opernhäusern schon lange nicht mehr hört! Ich befürchte, dass diese Ausnahmesängerin nicht mehr allzu lange in Lübeck zu halten ist.
Glänzende Leistungen auch beim Rest des Ensembles: Veronika Waldner als Großmutter/ Mama Lucia mit wunderbar geführtem Mezzo, die Rolle der verhärmten Mama Lucia gelang ihr wundervoll.
Da war es von der Regie gewollt, dass die männliche Hauptrolle (Paco/ Turiddu) eher in den Hintergrund treten musste. Dmitry Golovnin, als einziger Sänger nicht zum Ensemble gehörend, machte das Beste aus dieser Vorgabe, sein Spiel war eindringlich und er glänzte gerade in den Duetten Santuzza/ Turiddu. Wioletta Hebrowska, noch wunderbar in Erinnerung als Octavian, jetzt mit glockenreinem Sopran als sündige Lola, Gerard Quinn als Onkel Sarvaor/ Alfio, in, das muss man einfach sagen, gewohnter Qualität. Ein Sonderlob gebührt Steffen Kubach, der den Sänger in „La vida breve“ gab, wahrlich keine leichte Partie, er interpretierte die spanischen Lieder elegant und mühelos.
Ein Sonderlob gebührt dem Lübecker Opernchor, der in beiden Stücken stark gefordert wurde und es eindringlich schaffte, die Gesetzlosen und die arme Landbevölkerung darzustellen. GMD Roman Brogli- Sacher, der in Lübeck geradezu Unwahrscheinliches leistet, beflügelte seine Philharmoniker wieder einmal zu Höchstleistungen, das spanisch- italienische Feuer auf der Bühne wurde im Orchestergraben ebenfalls gezündet. Ein Höhepunkt das wundervolle Intermezzo in der „Cavalleria“.
Ein Abend, an dem man schwer beeindruckt das Theater verlässt!
Claus Brandt
CAVALLERIA RUSTICANA
Ein recht ungewöhnlicher Doppel-Opernabend in der Lübecker Oper: Mascagnis(1863- 1945) populäre „Cavalleria Rusticana“ diesmal nicht mit dem „Bajazzo“ verbunden, sondern mit einem kaum bekannten Werk des Spaniers Manuel de Fall (1876 – 1946) – auf Französisch 1913 uraufgeführt – „La vida breve“- Das kurze Leben. Beiden Musikschöpfungen gemein ist, dass sie für Wettbewerbe entstanden. Beide gelten als „veristisch“ und beide haben Probleme zwischen unterpriviligierten Teilen der Gesellschaft und den besseren Kreisen zum Sujet. Der spanische Komponist versteht es noch besser als sein italienischer Kollege, Spannung aufzubauen und bis zum Schluss durchzuhalten. Dazu trägt auch seine geradezu brutale Musik wesentlich bei. Bei Mascagni kann man dagegen über .arge Längen nicht hinweg sehen – zumal in dieser Inszenierung, für die sich Lübeck mit der Italienerin Rosetta Cucchi eine Fachfrau für Folklore und südliches Flair geholt hat. Die hat ihr Team mit Tiziano Santi (Bühnenbild) und Claudia Pernigotti (Kostüme) mitgebracht.

Copyright aller Produktionsbilder: Oper Lübeck / La Vida Breve
Der Italienerin sind großartige Massenszenen gelungen, während ihre Personenführung vor allem in der Mascagni-Oper doch hier und da der Nachbesserung bedarf. Vor allem aber – bei aller Schönheit der Musik – täten der „Cavalleria“ kräftige Striche doch gut. Die Bühne zeigt im „Kurzen Leben“ Ruinen, in denen Zigeuner – Gitanos – hausen, während Mascagnis Werk in einer Salzsiederei auf Sizilien spielt. Hier das Gitano-Weib Salud, das von einem reichen jungen Mann aus der Stadt verführt wird, dort dort der Bauer Turridu, der zwischen seiner einstigen Verlobten Lola und seiner jetzigen Freundin Santuzza schwankt. Die Handlungen sind spannend und nachzuvollziehen.
Getragen wird der Doppelabend durch die herrlichen Stimmen der Lübecker Ensemble-Mitglieder: Ausrine Stundyte als Salut und Santuzza, Wioletta Hebrowska als Carmela und Lola, Dmitry Golovnin als Paco und Turridu, Gerard Quinn als Onkel Savaor und Alfio. Alle beeindrucken stimmlich wie durch die Gestaltung ihrer durchaus schwierigen Rollen. Die übrigen Ensemble-Mitglieder fügen sich nahtlos ein - in „La vida breve“ beeindrucken überdies das von Martina Wüst choreografisierte Tanzpaar Michaela Meyer und Michael Schnizler und Steffen Kubach in den Rollen des Sängers und des Manuel.

Als musikalischer Leiter hat Roman Brogli-Sacher den großen Apparat – das Orchester ist im ersten Teil verstärkt – gut im Griff. Leider ist sein Klangkörper viel zu laut und droht die Sänger auf weite Strecken zu überdecken. Hier muss der GMD noch kräftig nacharbeiten, sich vielleicht auch etwas um südliche Leichte bemühen. Das Premierenpublikum ist sichtlich beeindruckt. Immer wieder brandet Szenenbeifall auf, und der Schlussbefall ist lang und herzlich.
Horst Schinzel
Weitere Aufführungen
21. Janaur, 19.30 Uhr, 5. Februar, 16 Uhr, 17. Februar, 19.30 Uhr
La Traviata
Besuchte Vorstellung: 17.12.11
Sängerfest an der Trave!
Was ist nicht schon alles über Verdis „La Traviata“ geschrieben worden, wie viel Inszenierungen mit extrem unterschiedlichen Regieansätzen hat man schon gesehen! Mittlerweile ist dieser Geniestreich 158 Jahre alt, der Misserfolg bei der Premiere im Teatro La Fenice in Venedig Schnee von gestern,was bleibt ist das zutiefst Menschliche in Musik und Handlung. Und genau diesen Aspekt arbeitet der Regisseur Gregor Lütje in seiner Inszenierung am Stadttheater Lübeck kristallklar heraus.
Dazu braucht es kein bombastisches Bühnenbild, wichtig sind die inneren Spannungen zwischen den handelnden Personen, eine grosse Treppe mit Spiegeln, im 2. Akt eine Wand voller riesiger roter Rosen, die aber bald einen Riss bekommt ( Bühne: Stefan Heinrichs, Kostüme: Constanze Schuster) , fertig sind die Zutaten für ein perfektes Drama , das aber von hervorragenden Sängern/innen getragen werden muss.
Und gesungen wird in Lübeck zum Dahinknien schön, Taschentuchalarm inklusive!
Die Amerikanerin Lea-ann Dunbar, die ihre Ausbildung in Lübeck abschloss, ist eine Idealbesetzung, wie man sie auch an grossen Häusern selten hört. Ihr glockenreiner Sopran meistert die leisen Passagen mit Gefühl,dann extrem kraftvoll in den dunkelsten Momenten der Violetta. Allein für diese Sängerin lohnt die Reise nach Lübeck! Am Ende der Oper erhebt sie sich vom Totenbett und schreitet in einen gleissenden Lichtstrahl, ein Moment mit Mut zum Kitsch, ein Moment mit Gänsehauteffekt! Eine absolute Ausnahmesängerin, um die sich jedes grosse Haus reissen muesste!
Aber da sind ja noch die Männer! Der junge Rame Lahaj, Idealverkörperung des Alfredo, sieht nicht nur blendend aus, er singt auch so! Schon bei den Eutiner Festspielen wusste er als Alfredo zu gefallen, jetzt toppt er diese Leistung noch. Man braucht kein Prophet zu sein, um diesen jungen Künstler eine grosse Karriere voraussagen zu koennen.
Gerard Quinn, Liebling in Lübeck und dem Publikum aus unzähligen Rollen bekannt, überrascht an diesem Abend! Man weiss um seine Qualitäten, doch eine derart intensive Rollengestaltung, stimmlich alle Facetten dieser schwierigen Partitur ausleuchtend, zeigt ihn in einer ungewöhnlich reifen Leistung
Der Chor, wie nicht anders erwartet, von Joseph Feigl glänzend präpariert, zeigte einmal mehr seine Klasse.
Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck wurde vom Gastdirigenten und Verdi- Kenner Gianluca Martinengihi geführt. Atemberaubend die grossen Ausbrüche, ideal die Feinabstimmung zwischen Graben und Buehne. Italianita pur an der Trave!
Claus Brandt
MY FAIR LADY
Grosskariertes Vergnügen - very british
Premiere: 18.11.11
Eine Neuinszenierung des unvergänglichen Musical- Klassikers „My fair Lady“ birgt immer die Gefahr, die Verfilmung von 1964 mit Audrey Hephburn und Rex Harrison zu kopieren. Diesen Fehler begeht der Regisseur Juergen Poeckel, der in Lübeck schon mit „Madama Butterfly“ und „Anatevka“ begeisterte, nun ganz und gar nicht. Er und seine Ausstatterin Andrea Hölzl schaffen vielmehr eine schmissige Revue, ein Feuerwerk von Einfällen und herrlichen Bühnenbildern. Schon bei der Ouvertüre wird Old England wie aus dem Bilderbuch auf die Bühne gebracht und sorgt für die ersten Lacher: Rote Telefonzelle, Bobby, Mr. Bean wankt unverkennbar vorbei,ein Untoter und Elton John stimmen die Zuschauer/innen auf das ein, was kommt:

Copyright aller Produktionsbilder: Theater Lübeck / Lutz Rößler
Blitzschnelle Wechsel des Bühnenbildes,eben noch eine Strasse in London, jetzt die Wohnung von Prof. Higgins, alles im Burberry- Look kariert, Kissen, Kleidung, Wände, Kamin, alles! Wenn Eliza Doolittle in diesem Haus auftaucht, wird sie sofort in, na, Sie ahnen es schon, Burberry- Kostüm gesteckt. Der Underdog, Elizas Vater (ganz grossartig in Spiel und Gesang Hannes Gastinger, ein Gast aus Wien) trägt eine rote Müllmannuniform, aber auch nach dem Geldregen durch Higgins ist sein schicker Anzug immer noch müllmannrot!
Vielleicht eine der besten Szenen: Der Rennplatz in Ascot. Die englische, versnobte Gesellschaft ist liebevoll- bösartig ausgestattet, Mr. Bean taucht wieder auf, Elton John mit Ehemann statt Pferden laufen vier Herrn in Smoking und roten Socken, mal vorwärts, mal rückwärts über die Zielgeraden, Höhepunkt ist Elizas berühmte Anfeuerung:“ Lauf, sonst blas ich dir Pfeffer in'n A...!“

Musiziert wird, wie nicht anders zu erwarten in Lübeck, auf höchstem Niveau. Ludwig Pflanz dirigiert die Philharmoniker mit Schmiss und Schwung. Was auch zu erwarten war und worauf sich seine zahlreichen Fans schon gefreut hatten: Steffen Kubach, Bariton in vielen anspruchsvollen Opernpartien und Lübecker Publikumsliebling, als Prof. Higgins. Er spielt nicht den Higgins, er ist es! Sein schauspielerisches Talent (wohl gemerkt,als Opernsänger!) ist umwerfend, stimmlich ist diese Partie für ihn natürlich keine Herausforderung, aber sein „Kann denn eine Frau nicht sein wie ein Mann?“ muss man gehört haben.

Ihm ebenbürtig Katharina Schutza als Eliza, die den Wandel von der rotzigen Göre zur attraktiven Frau, die auch Higgings betört, ganz ergreifend spielt. Ihre Stimme ist eine Klasse für sich. Alle anderen Rollen sind ebenfall sehr gut besetzt, zum Beispiel Patrick Busert als Freddy Eynsford- Hill.
Das Publikum war hin und weg und spendete frenetischen Applaus für eine erfrischend freche, neue Sichtweise auf die alte „My fair Lady“!
Hinfahren!
Claus Brandt
Geheimnisvolle Jugendoper in Lübeck: Wer ist der Vampir?
DER VAMPIR
Schon lange vor dem „Dracula“ Roman von Bram Stoker war das Vampir-Thema im deutschsprachigen Raum bekannt und beliebt. Eine der ältesten Bühnenbearbeitungen ist die romantische Oper „Der Vampir“ des heute vergessenen Komponisten Heinrich Marschner (1795 – 1861). Der Zufall will es, dass gleich zwei Theater in der Region sich dieses Musikwerkes angenommen haben. Ende dieses Monats bringen die ausgrabungserfahrene „Hamburger Kammeroper“ eine Neufassung in der Bearbeitung von Barbara Haass heraus. Und in Lübeck die auf Jugendmusiktheater spezialisierte „Taschenoper“
Deren Prinzipale Margrit Dürr und Julian Metzger haben diese romantische Oper für junge Zuhörer bearbeitet. Diese Bearbeitung ist jetzt im „Jungen Studio“des Lübecker Theaters in einer Einstudierung von Sascha Mink unter der Musikalischen Leitung von Carl Augustin und in der Ausstattung von Katia Diegmann herausgekommen.

Copyright: Theater Lübeck
Um es vorweg zu sagen: Es ist ein glänzender Erfolg. Das Premierenpublikum ist begeistert. Dabei haben die Bearbeiter gravierend Hand an das Stück gelegt. Das Personal ist auf vier Sängerinnen und Sänger verkürzt und die Begleitung einer kleinen Combo anvertraut. Die Handlung ist neu erfunden und in eine Halloween-Party verlegt. Die hat die Partyqueen Lucy organisiert. Diese Partie singt Lidwina Wurth aufgedreht und sehr erotisch. Ist sie etwa auch mit dem Teufel im Bunde? Nur von Margrit Dürrs Emmy ist man eigentlich sicher, dass sie es nicht ist. Und was ist mit dem Edgar des Henning Kothe und dem Drake des Titus Witt? Geheimnisvoll sind beide, sehr verdächtig und undurchsichtig. Fast bis zum Schluss bleibt offen, wer hier nun wirklich der Vampir ist.
Deutlich wird: Marschner hat herrliche Musik geschaffen: Zu schade, um vergessen zu werden. Und Lidwina Wurth versteht es großartig, ihr Publikum in das Bühnengeschehen mit einzubeziehen. Eine Aufführung auf hohem Niveau. Den Sponsoren, die dies ermöglicht haben, gebührt Dank.
Horst Schinzel
Weitere Aufführungen 30. Oktober, 11 und 16 Uhr.
Die lustige Witwe
Nur mäßig entstaubt
Auch wenn Lübecks Operettenfans begeistert sind: Ob der vielseitige Künstler- Schauspieler, Literat, auch durchaus erfahrener Regisseur - Michael Wallner gut beraten war, sich Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ anzunehmen und für diesen Abend sogar noch die Choreografie zu liefern, muss nach der Premiere im Lübecker Theater sehr hinterfragt werden. Zumal er auch noch ausgesprochen Pech hat: Der Sänger der wichtigen Rolle des Camille de Rossillon Patrick Busert fällt aus. Wallner übernimmt den Part selbst. Weil er nicht auch noch singen kann, hilft Hauke Möller von der Prozseniumsloge aus. Wallner zeigt als liebestoller, aber irgendwie doch hilfloser Junge eine beachtliche Leistung und weiß auch synchron zum Gesang die Lippen zu bewegen. Das ist sehr beachtlich.

Copyright alle Bilder: Oliver Fantitsch
Das lässt sich von seiner Einstudierung leider nicht sagen. Die bleibt über weite Strecken hausbacken, wenn nicht gar hölzern. Erst im letzten Bild kommt so etwas wie Demi-Mond-Stimmung auf. Etwa mit der Vilja-Szene weiß Wallner als Choreograf überhaupt nichts anzufangen. Wobei natürlich die Möglichkeiten bescheiden sind. Mangels eines Balletts muss der Chor tanzen. Dazu kommen sechs Tänzerinnen als Grisetten unter dem Dance Captain Katja Grzam. Das reicht für Lehár eigentlich nicht aus.
Problematisch ist auch, dass eigentlich der Text auf weite Strecken umgeschrieben werden müsste: Die Betonung des Vaterlandes, der Spott auf die Beamten, die Verneinung der Frauenrechte passen einfach nicht mehr in unsere Zeit. Es ist bedenklich, wie Lehár und seine Librettisten Victor Léon und Leo Stein die Rolle der Frau als Lustobjekt betonen.

Dabei hat Wallner zu Beginn eine hübsche Idee, wenn er die pontevedrinische Gesellschaft sich in einem Krematorium versammeln lässt, wo der Sarg mit Hanna Glawaris just verstorbenem Gatten dem Feuer übergeben wird. Was deren Reichtum erklärt. In der Rolle der betuchten Witwe glänzt an diesem die Amerikanerin Patricia Andress, die nicht nur liebreizend aussieht, sondern auch zu spielen und zu singen versteht. Als sittsame Diplomatengattin Valencienne stellt sich Rebekka Reister als neues Mitglied des Opernelite-Studios vor und weckt beachtliche Erwartungen für die Zukunft. Daniel Szeili weiß die Möglichkeiten seiner Rolle als Danilo Danilowitsch gut zu nutzen. Steffen Kubach bietet das Zerrbild eines Gesandten.

In dem minimalistischen Bühnenbild von Heinz Hauser tummeln sich in den bunten Kostümen von Tanja Liebermann ein kopfreiches Ensemble und der von Joseph Feigl wieder einmal gut einstudierte Chor. Lübecks Operettenfreunde sind begeistert und feiern die Rückkehr der Operette in die Beckergrube lang und anhaltend
Horst Schinzel
Nächste Vorstellungen: 23. Oktober, 16 Uhr, 30. Oktober ,18 Uhr
La Traviata
Die Begegnung mit großartigen Stimmen, aber auch mit einem Regiekonzept, das das Menschliche in diesem Musikwerk in den Vorstergrund stellt gegenüber dem Gesellschafts- und Sittengemälde, als das Verdis Oper „La Traviata“ häufig dargestellt wird- das lässt die zweite Premiere dieser Spielzeit der Lübecker Oper zu einem eindrucksvollen Erlebnis werden Den Bosnier Rame Lahaj lernten wir bereits vor einem Jahr bei den „Eutiner Festspielen“ Seither hat er sich sängerisch wie darstellerisch großartig entwickelt und begeistert als Alfredo Germont das Lübecker Premierenpublikum. An seiner Seite die an der Lübecker Musikhochschule ausgebildete Lee-ann Dunbar als Violetta Valéry. Ihr kraftvoller Sopran meistert die Schwierigkeiten dieser Rolle scheinbar mühelos. Ihr ausdrucksvolles Spiel erschüttert zu tiefst. Neben diesen Beiden glänzt Gerard Quinn als Giorgio Germont in seiner wohl reifsten Leistung seiner bisherigen Lübecker Zeit.

Copyright aller Bilder: Torsten Wulff
Lee-ann Dunbar (36) ist Amerikanerin und hat nach ihrem Studium in den USA ihre Ausbildung bei Professor Binge in Lübeck abgeschlossen. Erste Engagements haben sie nach Hildesheim und Krefeld geführt. Ihr Lübeck-Debüt lässt Großes erwarten. Rame Lahaj (28) hat in Tirana / Albanien studiert und ist bislang außer in Eutin in Dortmund und Budapest aufgetreten.
Der frei schaffende Regisseur Gregor Lütje hebt in seinem Lübeck-Debüt die menschlichen Seiten dieser Rollen hervor. Auf der von Stefan Heinrichs entworfenen Bühne – die eigentlich nur eine große Treppe zwischen Spiegeln zeigt – und in den Kostümen von Constanze Schuster sind ihm herrliche Massenszenen mit dem von Joseph Feigl präzise einstudierten Chor und der von Maria Feigl geleisteten Statisterie gelungen. Hier wird das Paris vor 175 Jahren lebendig. Woran auch die übrigen Sänger Veronika Waldner, Therese Fauser, Enrico-Adrian Radu, Hyo-Jong Kim, Hyeon-Juni Yeoum, Johan Hyunbong Choi, Andreas Haller und Hilli Eschenberg großen Anteil haben.

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck wird von dem Verdi-Spezialisten Gianluca Martinenghi geleitet. Ihm gelingt die Feinabstimmung zwischen dem großen Apparat und den Musikern ohne große Schwierigkeiten. So schwelgt der Abend in Verdis wohl tönender Musik. Ein musikalisches Drama voll höchster Spannung, das das Premierenpublikum immer wieder zu Szenenbeifall hinreißt. Es hätte am Schluss sicher noch länger geklatscht, wäre der Vorhang nicht sehr schnell geschlossen worden.
Horst Schinzel
Der Rosenkavalier
4.09.11
Erneute Sternstunde in Lübeck
Da hat Lübeck ein Luxusproblem: Wie soll es denn, bitteschön, nach so einem Start weitergehen? Soll das getoppt werden? Aber, da bin ich zuversichtlich, die Lübecker werden es richten! Der Reihe nach: Ueber den „Rosenkavalier“ von Richard Strauss ist schon derart viel geschrieben und sinniert worden, dass an dieser Stelle eine Inhaltsangabe entbehrlich scheint. Den Saisonauftakt hat Anthony Pilavachi inszeniert, der dem Theater Lübeck einen wunderbaren, international beachteten „Ring“ bescherte und nun in gleicher, genialer Weise diese Komödie für Musik auf die Bühne brachte.

Copyright aller Bilder: Theater Lübeck / Jochen Quast
Es handelt sich, auf den ersten Blick, um eine konventionelle Inszenierung, die Bühnenbilder und Kostüme extrem opulent, doch bei genauerem Hinsehen entdeckt man die Brüche, die so wundervoll zur Handlung passen. Das Geniale ist einerseits die fast südländische Leichtigkeit dieser Oper, die eindrucksvoll gezeigt wird, andererseits sind Melancholie und Abschiedsschmerz allgegenwärtig. Und natürlich die Zeit, Dreh- und Angelpunkt dieser Oper, deutlich gemacht durch eine riesige Uhr, die immer wieder auftaucht.
Das Damen- Trio ist komplett aus dem eigenen Ensemble besetzt und es wurde eine Weltklasse- Leistung geboten. Und das ist keine ?bertreibung. Es ist beglückend für jeden Opernfreund, dass man überwältigt wird von derart herrlichen Stimmen, gepaart mit Gefühl und Ausdruck. Das Schlussterzett, ohnehin ein Höhepunkt der Opernliteratur, geriet in Lübeck unvergesslich, nur „gestört“ vom Taschentuchalarm im gerührtem Publikum.

Ausrine Stundyte als junge Marschallin spielte und sang derart himmlisch, dass jedes Opernhaus in Metropolen glücklich sein dürfte, so eine Ausnahme- Sängerin im Ensemble zu haben. Wieder einmal machte sie deutlich, wozu Oper fähig sein kann!
Anne Ellersiek als Sophie und Wioletta Hebrowska standen ihr in nichts nach. Frau Ellersiek verkörperte die Sophie jung und ungestüm, ihre wundervolle Stimme meisterte jede noch so hohe Klippe der Partitur. Draufgängerisch und frech Wioletta Hebrowska als Octavian, sie schien alle Fäden in der hand zu haben. Ihr herrlicher Mezzo passte wunderschön zum leicht abgedunkelten Sopran der Marschallin. Noch einmal: Eine Leistung, wie ich sie in den vielen meiner „Rosenkavaliere“ bisher noch nicht gehört habe.

Als Gast Runi Brattaberg, der dem Ochs Stimme und Statur gab, ohne ihn als Knallchargen zu zeigen. Bis in die kleinsten Nebenrollen alles perfekt besetzt, verdient Hyo Jong Kim als Tenor ein Sonderlob. Sein Auftritt als Engel, in grelles Licht getaucht, geriet zu einem der vielen Höhepunkte eines unvergesslichen Abends.
GMD Roman Brogli- Sacher dirigierte sein Philharmonisches Orchester gewohnt souverän und auf hohem Niveau. Mir gefiel besonders, wie er die Walzer dirigierte: Leicht morbid, ein Schwanengesang auf eine vergangene Zeit.
20 Minuten tobender Applaus, Zustimmung für Regie und Musik, ein beglückender Abend. Opernfreunde, fahrt nach Lübeck!
Claus Brandt