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ARMIDE

(Gluck)

Premiere 28.02 2014

Die Sopranistin Sabina Martin begeistert als „Armide"

Der Komponist Christoph Willibald Gluck (1714 -1787) gilt in der Musikgeschichte als Reformator. Für diesen Ruf hat er mit „Orfeo ed Euridice“ den Grund gelegt- ein Werk, das bis heute gelegentlich auf den Spielplänen auftaucht. Weit erfolgreicher war er freilich zu seinen Lebzeiten - und darüber hinaus -  mit der französischen Oper „Armide“, die er 1777 auf einen Text herausgebracht hatte, den zuvor bereits der Hofkomponist Lully bearbeitet hatte. Und die deutsche Erstaufführung hat 1823 niemand anders als Richard Wagner in Dresden dirigiert.

Die Märchengeschichte von der sarazenischen Zauberin, die sich wider ihren Willen in einen christlichen Kreuzritter verliebt, geht auf ein Vers-Epos von Torquato Tasso „Das befreite Jerusalem“ aus dem Jahre 1574 zurück. Der Stoff hat offenbar die Musiker sehr bewegt. Wie Lübecks Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein im Programmheft berichtet, sind mindestens dreiunddreißig Musikwerke überliefert – das letzte 1903 von Antonin Dvorak.

In Lübeck hat der hier wohl bekannte Regisseur Michael Wallner diese Märchengeschichte in Szene gesetzt. Zwar stehen ihm nicht jene Effekte zur Verfügung, mit denen die Barockoper die Zeitgenossen beeindruckt hat. Sieht man davon ab, dass er die Sängerin Wioletta Hebrowska in der Rolle des „Hass“ in den Bühnenhimmel entschweben lässt. Und er hat ein geheimnisvolles Kind (Martha von Götz) „erfunden“, das letztlich von Armide umgebracht wird, bevor sie sich selbst entleibt.

Die feenhafte Handlung vollzieht sich außer mit vielen Lichteffekten und einigen Videos vor allem auf einem fast schwebenden Rundsteg, der sich über die Bühne zieht. In der Rolle der „Armide“ wird die freischaffende Sängerin Sabina Martin zum besonderen  Erlebnis dieses Abends. Mit großer volltönender Stimme, die auch in den hohen Lagen nie forciert klingt, kämpft sie gegen ihre Liebe zum Ritter Renaud. Den bietet der neu zum Ensemble gehörende Daniel Jenz nicht minder eindrucksvoll und elegant. Steffen Kubach und Jonghoon You als die „Kollegen“ Ubalde und Dänischer Ritter sind mit ihren Rundschilden mehr oder minder Spottbilder des Rittertums. Eindrucksvoll auch Gerard Quinn als König Hidraot, Marc McConnell als Ritter Artemidore und die Damen Steinunn Soffia Skjenstad, Evmorfia Metaxaki und Leonor Amaral in ihren Rollen als Phénice, Sidonie und Dämon, Sehr geheimnisvoll der von Joseph Feigl einstudierte Choi in den Kostümen vonTanja Liebermann.

Am Pult steht mit Christoph Spering ein Fachmann für historische Aufführungen. Der lässt das Philharmonische Orchester sehr klar- mitunter auch sehr laut! - aufspielen. Den Musikern gilt fast ganz seine Aufmerksamkeit – gut, dass Sänger und Chor recht einsatzsicher sind.

Das Premierenpublikum ist sicht- und hörbar beeindruckt und feiert alle Mitwirkenden begeistert. Ein einzelner Buh-Ruf gegen die Regie war wohl mehr ein Scherz.

Horst Schinzel 01.03.2014                                         Fotos Jochen Quast

 

 

 

 

 

DON CARLO

PR 8.11.13

Lübeck bietet sechste Fassung 

Von Verdis düsterer Oper „Don Carlo“ existieren fünf Fassungen. Seit diesem Freitag eine sechste. In Lübeck wurde für die Premiere in der Inszenierung von Sandra Leupold – die sich erstmals mit diesem Werk auseinandergesetzt  und den Lübecker Musikfreunden eine höchst ungewöhnliche Regierkonzeption vorgestellt hat – eine Fassung erarbeitet, in die zwei wichtige Szenen aufgenommen worden sind, die der Komponist vor dar Uraufführung in Paris ausgeschieden hatte. Eine Neuerung, die dem Werk gut bekommen ist. W i e Sandra Leupold allerdings diese Oper in das düstere Bühnenbild von Stefan Heinrich mit den historisierende Kostümen von Jessica Rockstroh gestellt hat, ist zumindest gewöhnungsbedürftig.

Wichtigster Bestandteil dieser Einstudierung ist ein großes Loch im Bühnenboden, in das die Mitwirkenden ab- und aufsteigen. Gitter umschließen es. Auffallend die fahlgeschminkten Gesichter mit hohem Ansatz der Perücken. Über weite Strecken agieren die Sänger statutarisch. Höhepunkt ist das Quartett Philipp, Posa, Elisabeth und Eboli. Die Sänger stehen in diesem Loch und nur die Oberkörper ragen heraus.

Auch ist der König viel zu jugendlich in seiner Maske. In der Arie „Sie hat mich nie geleibt“ besingt er dazu im Gegensatz sein graues Haar. Auf anderen Seite sind der Regisseurin im Autodafé und in der Rebellionsszene großartige Volksszenen (Choreinstudierung Joseph Feigl) gelungen. Ein seltsamer Anachronismus ist es allerdings, wenn Posa zweimal ansetzt, sich eine Zigarette anzuzünden.

Äußerlichkeiten, über die man diskutieren kann. Musikalisch ist dieser Abend ein großartiges Erlebnis. Der neue Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri steht zum ersten Mal am Pult einer Opernaufführung. Herausragend, was er aus dem Philharmonischen Orchester herausholt. So klar und unbeschwert hat man das Orchester selten gehört. Vor allem dämpft der neue GMD die Lautstärke. Nie werden die Sänger übertönt. Und diese Sänger – gleich ob Gäste oder Mitglieder des Ensembles – sind von herausragender Qualität. Die Argentinierin Carla Filipcic Holm – ihr Deutschland-Debüt – und die Serbin Sanja Anastasia als Elisabeth von Valois und Prinzessin Eboli beeindrucken durch ihre gewaltigen Stimmen und deren Schönheit. Deren Stimmführung ist übersaus eindrucksvoll. Nie ermüden sie an diesem langen Abend. Ihre Gegenspieler sind der georgische Bass Shavleg Armasi als Philipp, der durch sein Engagement in Kiel in der Region wohl bekannte Yoonki Baek als Den Carlo und das Ensemblemitglied Gerard Quinn als Marquis Posa. Besonders eindrucksvoll der neu verpflichtete Bass Taras Konoshchenko als greiser Großinquisitor. Evmorfia Metaxaki gibt die Stimme vom Himmel – leider wird ihr Auftritt durch Probleme mit Seilen beeinträchtigt.

Das Premierenpublikum ist mehr als beeindruckt. Es geizt nicht mit Szenenbeifall und feiert nach Schluss alle Beteiligten stürmisch.

Horst Schinzel / 9.11.13                                           Fotos Oliver Fantitsch

 

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

20.10.13

Weltklasse in Lübeck!

Nach dem Hamburger Tristan hatte ich mir eigentlich vorgenommen, in naechster Zeit diese Oper nicht wieder anzuschauen. Die ausgelegten Fallstricke sind reichlich vorhanden, sei es eine unbefriedigende Besetzung ( was bei den Moerderpartien schnell passiert), eine verquast- ueberintellektuelle Inszenierung oder ein polterndes Orchester. Aber Luebeck lockte mit Anthony Pilavachi, der dem Haus einen genialen Ring bescherte und der Rueckkehr des alten Indendanten und Ex-GMD, Roman Brogli- Sacher.

Die Erwartungen waren hoch, wurden aber nicht enttaeuscht. Leicht macht es Pilavachi seinem Publikum nicht: Buehnenbild und Kostueme (Tatjana Ivschina ) sind im19. Jahrhundert angesiedelt, man erblickt eine hocherschaftliche Villa, also kein Schiff, sondern Wagner und Mathilde Wesendonck in ihrem Zuericher Gartenhaus. Pilavachi laesst diese unerfuellte Liebesbeziehung Revue passieren, dabei vermischen sich die Charaktere, aus Matilde wird Isolde, aus Richard Tristan. Ganz zum Schluss, im 3. Akt ( das herrschaftliche Haus ist verfallen, Blaetter wehen herein) wird klar, dass Tristan (oder Wagner?) all das getraeumt hat, die Vergangenheit heraufbeschworen hat. Das ist handwerklich perfekt umgesetzt, die Lichtregie beeindruckend. Ein wirklich grosser Moment dann zum Schluss: Der Vorhang senkt sich, oeffnet sich langsam wieder und Isolde, bisher immer in ihrem Brautkleid zu sehen, steht mit Brangaene auf der Buehne, schwarz gekleidet, in Trauer. Ein immens beeindruckendes Ende, das noch einmal ueberdeutlich die herausragende Qualitaet dieser packenden Inszenierung betont.

Gesungen wird auf atemberaubendem Niveau, anfangen muss man mit Edith Haller, die in Luebeck ihr Rollendebuet ablieferte, und was fuer eins! International braucht sie keinen Vergleich zu scheuen, jedes grosse Haus koennte sich ueber so eine Isolde freuen. Ganz egal, ob Spitzentoene oder dramatischer Ausbruch, jeder Ton sitzt und wird intensiviert durch die schauspielerische Ausstrahlung. Positiv zu erwaehnen ist die absolute Textverstaendlichkeit. Allein fuer Frau Haller lohnt der Weg an die Trave, aber ebenfalls rundum begeisternd ist Wioletta Hebrowska als Brangaene. Frau Hebrowska gehoert zum Luebecker Ensemble und hat bisher in jeder Rolle ueberzeugt, aber ihre Brangaene geraet zum persoenlichen Triumph! Es ist fast nicht zu glauben, wie wunderbar man die Brangaene singen kann!

Neben diesen zwei Frauen, nach denen sich jedes grosse Opernhaus reissen muesste, haben es die Maenner extrem schwer, da sie quasi an die Wand gesungen werden! Jeffrey Dowd, der fuer die Premiere vorgesehen war, wegen Krankheit aber absagte, nun also in seinem Luebeck- Debüt. Er sang die anspruchsvolle Rolle sehr kultiviert, im ersten Akt eher verhalten, doch steigerte sich immens im 3. Akt und vermittelte das Leid des verwundeten Tristan sehr intensiv. Beim Sclussapplaus wurde er bejubelt und man merkte ihm an, welch Stein ihm vom Herzen fiel.

Einen Kurwenal der Sonderklasse bot Michael Vier, ein Bariton wie aus dem Bilderbuch, wuchtig, kraeftig, dabei nie polternd. Eine absolute Spitzenleistung! Aufhorchen liess auch Daniel Jenz, neu im Luebecker Ensemble, der sehr kultiviert den Hirten sang. Martin Blasius als Koenig Marke war erkaeltet, er spielte die Rolle nur und aus der Loge sang Andreas Haller, den Lbeckern bestens bekannt als langjaehriges Ensemblemitglied und mittlerweile in Rente   

Was die Luebecker Symphoniker in den vergangenen Spielzeiten mit Roman Brogli-Sacher gezaubert haben, gerade bei Wagner, hat sich herumgesprochen, und die hohen Erwartungen wurden nicht enttaeuscht. Hier wurde Wagner nicht weihevoll zelebriert, sondern erfrischend munter angepackt. Riesenjubel fuer den Ex- GMD und Riesenjubel eines Publikums, das einen Ausnahmeabend erlebte. 

Wer mit dieser Oper so seine Schwierigkeiten hat, sollte unbedingt nach Luebeck fahren, der Weg lohnt sich!

Claus Brandt                                                (Bilder siehe unten)

 

 

TRISTAN UND ISOLDE 

PR am 7. Oktober 2013

etwas glanzlos...

Die Lübecker Oper hat seit Mitte der Neunziger Jahre mit dem Projekt „Wagner trifft Mann“ große künstlerische und finanzielle Erfolge errungen. An die soll in dieser Spielzeit angeknüpft werden. Unter anderem mir Wagners Oper „Tristan und Isolde“. Bei der Premiere an diesem Sonntag hakte es denn doch arg. Irgendwie fehle der letzte Glanz.

Das fing damit an, dass Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein vor den Vorhang treten musste, um zu verkünden, dass der für die Premiere in der Titelrolle vorgesehene Amerikaner Jeffrey Dowd erkrankt sei. An seiner Stelle übernehme der als Zweitbesetzung angekündigte und in Lübeck bereits wohl bekannt Richard Decker die Rolle. Der Beifall des Premierenpublikums zeigte, dass dies eine sehr willkommene Änderung war. Und auch sonst war das Auditorium mit den sängerischen und musikalischen Leistungen dieses Abends sehr zufrieden.

Das kann jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass der in Lübeck und darüber hinaus in Norddeutschland wohl bekannte Regisseur Anthony Pilavachi an seine großartigen Leistungen in der Vergangenheit diesmal nicht anknüpfen kann. Seine statuarische Personenführung in dieser Einstudierung – mit der er sich erstmals überhaupt an dieses Werk gewagt hat – ist schlicht langweilig. Der Regisseur stellt seine – großartigen – Sänger auf die Bühne und es geschieht weitgehend nichts. 

Pilavachi hat im Vorfeld der Premiere verlauten lassen, dass er dass Werk in den Kontext der persönlichen Verhältnisse Wagners zur Entstehungszeit stellen wolle. Seine Einstudierung ist in großbürgerlichen Wohnverhältnissen des späten Biedermeier angesiedelt (Bühnenbild und Kostüme Tatjana Ivschina). Seine Figuren sind dieser Zeit entsprechend - einschließlich „Vatermörder“ – gekleidet.

Die Personenführung fällt diesmal weitgehend aus. Etwa im Ersten Aufzug, wenn zwischen dem Vorzeigen des Kopfes des von Tristan erschlagenen Ritters Morold und dem Einnehmen des Siegestranks die Südtirolerin Edith Haller als Isolde und Ensemblemitglied Wioletta Hebrowska als Brangäne sechzig Minuten mit einander herrlich singen, aber sich dazu kaum bewegen. Dass eine bewegtere Darstellung schwierig zu gestalten ist, sei gern zugegeben.

Wagner nennt sein Werk „Handlung“, aber irgendwie ist das Pilavachi entgangen Und das ist schade. Denn er hat ein weitgehend aus Gästen zusammen gesetztes Ensemble zur Verfügung, das jeder Staatsoper Ehre machen würde. Edith Haller überzeugt in ihrem Lübeck- und Rollen-Debüt mit einer großen und wohl geführten Stimme, die auch in den hohen Lagen den Scharfen vermeidet. Wioletta Hebrowska bezeugt einmal mehr die wunderbare Entwicklung, die sie in Lübeck genommen hat.

Der in Lübeck bereits bekannte Bassist Martin Blasius als König Marke gefällt auch diesmal mit seiner sonoren Stimme. Die Rollen des Kurwenal und des Melot sind mit dem Gast Michael Vier und mit Jonghoon You aus dem Opernelitestudio gut besetzt. Den Chor hat einmal mehr Joseph Feigl einstudiert.

Für die musikalische Leitung ist Roman Brogli-Sacher an seine langjährige Wirkungsstätte zurückgekehrt. Er führt das Orchester zu einer Klangfülle, die Wagner angemessen ist. Das Premierenpublikum ist hörbar beeindruckt und dankt mit lang anhaltendem Beifall.

Weitere Aufführungen am 20. und 27. Oktober , jeweils 16 Uhr

Horst Schinzel                                                  Fotos Jochen Quast

 

 

 

Zum Hundertsten:

Eine Kammeroper für Willy Brandt

7. September 2013

Im kommenden Dezember wäre Lübecks großer proletarischer Sohn Herbert Frahm -. der sich später den nom de guerre Willy Brandt gab- hundert Jahre alt geworden. Anlass für das Lübecker Theater, bei dem an der Trave wohl bekannten Autor und Regisseur Michael Wallner ein Theaterstück in Auftrag zu geben Der Leiter der Bühnenmusik Willy Daum hat dazu eine Art Kammeroper geschrieben – mit einer langen reinen Gesangspassage im Stil des Barocks. „Willy Brandt – die ersten 100 Jahre“ erlebte an diesem Freitag im Großen Haus eine begeistert aufgenommene Uraufführung.

Willy Brandt ist sicherlich für ein Theaterstück ein schwieriger Held. Wallner verschweigt nicht seine vielen negativen Seiten – seine Frauengeschichten, die fatale Neigung zum Alkohol, seine Depressionen, seine Probleme mit den Kindern. Der von seinem damaligen Minister Wischnewski überlieferte – und auch auf die Bühne gebrachte – Spruch „Willy, aufstehen, wir müssen regieren“ ist bezeichnend. Wallner zeigt einen zerrissenen Politiker in seiner Zeit – mit seinen Erfolgen –köstlich die Szene, wenn Brandt in Erfurt von DDR-Bürger n gefeiert wird -, seinen Niederlagen. Dafür muss das zehnköpfige Ensemble achtundzwanzig Rollen übernehmen. Der Opernchor – von Joseph Feigl einstudiert- stellt das Volk und die Zeitgenossen.

Andreas Hutzel i s t Willy. Zwar hat er keinerlei Ähnlichkeit - und auch die Maske tut eben so wie bei den anderen Rollen nichts, um daran etwas zu ändern -, aber er hat viele Eigenheiten übernommen – etwa die Bewegungen, die knarzige Stimme. Seine dunklen Seiten zeigt überaus gelenkig Sara Wortmann als "die Dunkelheit“. Robert Brandt gibt eine köstliche Karikatur von Herbert Wehner mit ewig dampfender Pfeife. Susanne Höhne zeigt eine immer mehr sich entfernende Rut Brandt. Alle übrigen Darsteller treten in einer Vielzahl von Rollen überzeugend auf.

Dass das Lübecker Schauspielensemble singen kann, hat es in der Vergangenheit vielfach bewiesen. Willy Daum mit seiner kleinen Combo gibt ihnen dazu vielfach Gelegenheit. Seine Musik ist eindringlich und macht schon so den Abend zu m Erlebnis. Mittelpunkt des minmalistischen Bühnenbilds von Heinz Hauser ist ein Drehstuhl. Die Kostüme von Tanja Liebermann entsprechen den Zeitverhältnissen.

Im Publikum erfreulich viel junge Menschen. Gerade denen hat die Aufführung sehr gefallen.

Horst Schinzel        Fotos : Michael Wallner / Klaus Mittelstädt / Thorsten Wulff

 

 

 

 

THAÏS   

am 17.5.13             zweite Kritik

Der Heilige und das Freudenmädchen

Ausgrabungen vergessener Musikwerke sind immer problematisch. Das gilt auch für die Oper „Thais“ – ihr  Schöpfer spricht von Comédie-lyrique – des französischen Komponisten Jules Massenet (1842 – 1912). Massenet hat die reichlich verworrene Geschichte von dem Heiligen und dem Freudenmädchen in herrliche Musik gekleidet. Aber die Handlung im spät-antiken Nordafrika kann Heutige kaum erwärmen. Da ist der fromme Mönch Athanael (Gerard Quinn) erschüttert von den gesellschaftlichen Zuständen in seiner Geburtsstadt Alexandria. Dort feiern die Einwohner Orgien, allen voran die Chefin des bedeutendsten Freudenhauses Thais (Lea-Ann Dunbar). Der Mönch, der selbst ein heiligmäßiges Leben anstrebt, fühlt sich berufen, Thais aus ihrem in seinen Augen sündhaften Leben heraus zu führen. Thais empfindet selbst ihr bisheriges Leben als schaal und leer und willigt ein, dem Mönch in ein Wüstenkloster zu folgen. Dies gegen den Widerstand der Bürger von Alexandria.

Die Wanderung ist durch die Wüste ist beschwerlich, aber schließlich findet die Kurtisane Zuflucht bei Mutter La Charmeuse (Steinum Skenstad). Athanael aber hat sich in Thais verliebt und seine seelische Ruhe verloren. Nach einer Aussprache mit seinem Prior sucht er nach Thais in deren Kloster. Er findet se im Sterben liegend. Vergeblich versucht er, sie für sich zu gewinnen. Sie stirbt im Frieden mit Gott. Das alles erzählt Lübecks früherer Intendant Marc Adam breit, aber arg unterkühlt.

Der berühmte Funke springt auf das durchaus aufnahmebereite Premierenpublikum nicht über. Dabei sind Marc Adam in der minimalistischen Ausstattung von Roy Spahn und in den Kostümen vom Pierre Albert großartige Massenszenen gelungen. Einer der Gründe, dass die Geschichte so wenig bewegt, mag sein, dass für das zur Oper gehörende Ballett in Lübeck keine Truppe zur Verfügung steht. Videoszenen müssen es ersetzen.

Dabei hat der Regisseur vor in den großartig singenden Gerard Quinn und Lea-Ann Dunbar Sänger zur Verfügung, die über rund 160 Minuten hinweg Eindrucksvolles leisten. Sie spielen allerdings meist sehr statuarisch. Das gilt weitgehend auch für Goròar Thór Cortes als alexandrinischen Bürger Niclas, Anne Ellersiek und Wioletta Hebrowka als vergnügungssüchtige Bürgerinnen und Steinunn Skjenstadt als Äbtissin La Charmeuse.

Sie alle gefallen mit ihrem Singen. Joseph Feigl hat seinen verstärkten Chor gut einstudiert, und das Orchester spielt unter der Leitung des jungen Dirigenten Daniel Inball subtil Leider erneut gelegentlich viel zu laut. Und die Bläser haben an einigen Stellen Intonisationsprobleme. Dennoch: Nach einigem sehr gemäßigten Szenenbeifall bleibt der am Schluss sehr verhalten. "Gefeiert" – wie es ein Kollege der Lübecker Lokalpresse erlebt haben will – werden weder Inszenierung noch Mitwirkende..

Horst Schinzel                                         Fotos: Oliver Fantitsch

 

 

 

THAÏS

17.05.13 Premiere

Sensationelle Ausgrabung am Theater Lübeck
 
Man muss schon einen sehr ausführlichen Opernführer haben, um etwas über „Thais“ von Jules Massenet zu erfahren. Nur die „Meditation“ aus dem 2. Akt dürfte jedem Musikfreund hinlänglich bekannt sein. Das es sich aber lohnt, diese Oper auszugraben, hat das Theater Lübeck jetzt mit Nachdruck bewiesen.

Auf den ersten Blick erscheint die Handlung sehr fernab von heutigen Problemen und auch etwas wirr. Bei näherer Betrachtung, speziell auch gefördert durch die intelligente Inszenierung, offenbart sich die Aktualität. Irgendwann im 5. Jahrhundert nach Christus in Alexandria: Thais ist eine sogenannte Liebesdienerin, die in ihren Gebeten die Göttin Venus um ewige Jugend anfleht. Der Mönch Athanael, zutiefst abgestoßen von dem sündigen Treiben, versucht, die junge Frau zu bekehren, was ihm tatsächlich gelingt. Thais, schon lange von der Oberflächlichkeit ihres Lebens angewidert, tritt in ein Kloster ein. Hier sucht  Athanael sie kurz vor ihrem Tod auf, rasend vor Liebe zu Thais, die aber mittlerweile  eine andere, ätherische Ebene erreicht hat. Sie stirbt, ohne das Athanael zu ihr durchdringen kann.

Nun ist es das große Verdienst des Regisseurs Marc Adam ( von 2000 bis 2007 Intendant in Lübeck),  in der Handlung der Oper aktuelle heutige Probleme ( religiöser Wahn, Fanatismus) aufzuspüren und sie geschickt und packend umzusetzen. Sehr eindrucksvoll das Bühnenbild von Roy Spahn: Ein drehbarer Gitterkasten, der allein durch die wunderbare Lichtregie enorm wirkungsvoll ist.
Am Pult des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck stand ein junger Gast- Dirigent, Daniel Inbal, Sohn des großen Dirigenten Eliahu Inbal. Er sorgte für ungetrübtes Opernglück an diesem wundervollen Abend. Der erste Akt war von einer entspannten, ruhigen Gelassenheit geprägt, fast meditativ legte sich der Klangteppich über das  Publikum, um dann geradezu explosionsartig in der Schönheit der Partitur zu schwelgen.

Sehr gespannt war man auf die Interpretin der Titelrolle, Lea-ann Dunbar, die in Lübeck als Violetta begeisterte. Sie schaffte es mit großer schauspielerischer Intenstität ,den Wandel  von der Hure zur Heiligen glaubhaft zu machen, dabei lag ihr die extreme Höhe der Partitur sehr und die extremen Spitzentöne bereiteten ihr keinerlei Mühe. Ovationen vom Publikum für eine  beglückende Leistung!
Den Athanael verkörperte Gerard Quinn, Lübecker Urgestein und gewohnt perfekt, in Darstellung und Gesang. Eine Entdeckung gab es bei der kleineren Rolle des Nicias, gesungen von Gardar Thor Cortes aus Island. Ein perfekt geführter Tenor mit Schmelz in der Stimme, den man gerne in größeren Rollen hören möchte.
Anne Ellersiek als Kurtisane und Wioletta Hebrowska als Äbtissin waren Luxusbesetzungen für diese Nebenrollen. Auch ein Verdienst der Ensemble- Pflege am Theater Lübeck.

Eine Opernausgrabung, für die sich jeder Weg lohnt. Begeisterter Beifall des Publikums war der Lohn für einen rundum gelungenen Opernabend.

Claus Brandt                                            Fotos: Oliver Fantitsch
 

 

DIE TOTE STADT               

Besuchte Aufführung am 25.04.13     (Premiere am 05.04.13)   3. Kritik

Beispielhaftes Kennenlernen


Auch wenn Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" immer öfter in den Spielplänen auftaucht, ist dieser Opernthriller von 1920 dem großen Publikum ein relativ unbekanntes Werk; so ist die beispielhaft konventionelle Inszenierung von Dieter Kaegi am Theater Lübeck vielleicht kein Meilenstein innerhalb der Werkinterpretation, doch bestens geeignet den Zuschauern die Oper ans Herz zu legen. Kaegi gelingt es die Freudsche Traumhandlung des Witwers Paul ausgezeichnet über die realistische Folie von Anfang und Ende zu ziehen, Bruno Schwengels Ausstattung in der ausgezeichneten Beleuchtung von Falk Hampel läßt die einzelnen Bilder, den Innenraum von Pauls Wohnung mit den Außenbildern von Brügge, sich beispielhaft surreal überblenden, so daß die manchmal verwirrenden Wechselspiele von Realität und Phantasie immer gut erkennbar bleiben.
Der große Verdienst der Aufführung besteht vor allem in der ausgezeichneten Besetzung der äußerst schwierigen Hauptpartien: Der manisch trauernde Paul ist in seiner extrem hohem Tessitur für jeden Tenor eine echte Herausforderung und in der hysterischen Anlage des psychologischen Rollenprofils eine szenische Herausforderung, Richard Decker schmeißt sich ohne Wenn und Aber in diese vokale Achterbahnfahrt und bindet lyrische Momente mit den bis ins dramatisch reichenden Aufschwüngen, freilich merkt man an einigen Stellen die Beanspruchung der Stimmbänder, doch allein die hohe musikalische Bewältigung der Partie verdient größten Respekt, da fällt das schauspielerische Engagement zugunsten eines Dirigentenkontaktes deutlich ab. Anders wiederum Ausrine Stundyte in der Doppelrolle der leichtlebigen Tänzerin Marietta und des Geistes der toten Marie, die junge Sopranistin verbindet stimmlichen Ausdruck auf das Vorteilhafteste mit ihrer großen Bühnenpräsenz, ihr gelingt der Spagat der kurzen, ernsthaften Phrasen der Verstorbenen mit der realistischen, jungen Frau, die in den Traumsequenzen von sinnlicher Erotik geprägt schon dämonische Züge annimmt. Das unverwechselbare bronzene Timbre geht bis in die extremen, gleißenden Höhen; eine wirklich außerordentliche Leistung. Mit wunderbar sonorem Bariton von gediegener Diktion singt Antonio Yang die Doppelrolle des Fritz/Frank, ohne in die Kitschfalle des Ohrwurms "Mein Sehnen, mein Wähnen" zu geraten. Wioletta Hebrowskas Brigitta steht nach einer leichten Anlaufschwierigkeit ebenso auf dieser Höhe. Steinunn Skjenstad, Anne Ellersiek, Daniel Szeili , Tomasz Mysliwiec, wie der szenisch prägnante David Winzer-Mozes, halten in den kleineren Partien des Künstlerquintetts eben dieses Niveau. Chor und Kinderchor geben auch ihr Bestes.
Die große Schwierigkeit gerade bei Korngolds Musik liegt in der delikaten Akustik des Lübecker Hauses, da fallen einzelne Orchesterstimmen immer wieder mal heraus, ohne sich in den instrumentierten Gesamtklang einzubinden. Brian Schembri arbeitet vom Pult zwar sehr am Puls der Sänger, es gelingt ihm und dem Philharmonischen Orchester jedoch nicht immer, die rechte Klangbalance zu wahren, da kommt manche Stelle der Partiturdoch etwas knalliger als nötig herüber.
Insgesamt jedoch ein überdurchschnittlicher Abend in einem vollbesetzten Lübecker Haus mitten in der Woche, der dem Publikum ein ungewohntes Werk sehr ans Herz legte, daher großer, berechtigter Applaus für alle Beteiligten.

Martin Freitag

 

 

 

DIE TOTE STADT            

Premiere am  5.4.2013              zum 2.)

Triumph eines Meisterwerks!

Endlich! Endlich sieht man in Nordeutschland wieder einmal eines der vielen verkannten Meisterwerke der Opernliteratur:

Und wenn in Zeiten knapper Kassen und Sparzwaengen ein Stadttheater diese Oper bringt, verdient das schon an sich Hochachtung. Das Theater Lübeck hat in den vergangenen Spielzeiten immer wunderbare, dem breiten Publikum eher unbekannte Sachen ausgegraben, in der letzten Saison schon einmal Korngold, „Der Ring des Polykrates“, gepaart mit Kreneks „Das geheime Königreich“.

Und wieder einmal stellt sich die Frage, warum gerade eine so wundervolle Oper in der Versenkung verschwand, erst von den Nazis und dann von Nachkriegsdeutschland geächtet. Vielleicht war die Zeit nicht reif für Korngold, sondern eher für musikalisches Tralala von Alt-Nazis.

Dabei stimmt hier alles, angefangen bei der kühnen Handlungsmixtur aus Traum und Wirklichkeit, dieser morbiden Grundstimmung, einerseits psychologisch ausgefeilt, andererseits dekadent überhöht, hin bis zur packenden Musik, die verstört, betört und sprachlos macht. Ich kann dieses ganze Gerede von Aehnlichkeiten mit Puccini und Strauss schon lange nicht mehr hören und behaupte einfach, heute ist diese Musik eigenständiger, moderner und aktueller als je zuvor. Und welche Oper des 20. Jahrhunderts hat denn schon zwei echte Schlager, zwei Ohrwürmer?

Korngold hat mit seinen 23 Jahren und dieser Oper die Tür geschlossen für die Opern vor ihm und die Tür weit geöffnet für alles Neue, was da kommen sollte. Atemberaubend ist die Vorstellung, was aus Deutschlands Musik geworden wäre ohne Hitlers „Kultursaeuberungen“!

Kurz zur Handlung: Paul lebt in einer Traumwelt nach dem Tod seiner Frau Marie. Das Zimmer, in dem er ein Haarteil der Verstorbenen aufbewahrt, nennt er „Kirche des Gewesenen“. Zufällig trifft er in Brügge die Tänzerin Marietta, die Marie, rein aeusserlich, total gleicht. Wirklichkeit und Traum vermischen sich, er erliegt den Verführungskünsten von Marietta, schnell wird aus dem Traum ein Albtraum,in dem er Marietta erdrosselt, wacht dann auf und erkennt:“ Ein Traum hat mir den Traum zerstört!“. Marietta erscheint noch einmal bei Paul, der sie aber ignoriert und beschliesst, Brügge, die tote Stadt, zu verlassen. 

Der Regisseur Dieter Kaegi, der in Lübeck schon eine wunderbare „Aida“ inszenierte,und sein Ausstatter Bruno Schwengl vollbringen das Kunststück, die Oper total werkgetreu, jeder Intention des Librettos folgend, auf die Bühne zu bringen, ohne dabei altmodisch zu wirken, im Gegenteil! Die einzelnen Rollenprofile sind psychologisch fein gezeichnet, die Personenführung zeugt von perfektem Handwerk. Ein paar Gesten reichen, schon weiss man, dass die Haushälterin Brigitta schwer verliebt in Paul ist. Es sind diese „Kleinigkeiten“, die die Inszenierung so interessant machen. Einfach und enorm wirkungsvoll: Beim Schlager „Glück, das mir verblieb“ schliesst sich der grosse Vorhang, der Focus richtet sich nur auf Marietta und Paul, ein Moment, der sich einbrennt. Genau so gelungen und visuell eindrucksvoll der gesamte 2. Akt und die Marien- Prozession, die mit voller Wucht in Pauls Wohnzimmer einbricht. Der Schluss bleibt offen: Zwar will Paul Brügge verlassen, doch er kommt zurück, starrt gedankenverloren auf Maries Bild.

Das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck mit Brian Schembri als Gastdirigenten liess die Partitur zu voller Schönheit aufbluehen, das Prelude zum 2. Akt mit den gewaltigen Glockenklaengen geriet zur Demonstration der Klasse dieses Klangkoerpers. Schembri betonte das italienische der Musik geradezu sinnlich, scheute sich aber auch nicht vor massiven Klangballungen und machte so deutlich, wie modern die Partitur ist. Und wie punktgenau komponierte Korngold auf die Handlung, quasi jede Gefühlsregung der Hauptpersonen wird musikalisch untermauert.

Ja, und dann die Sänger! Leicht macht es Korngold hier niemandem, die Partien des Paul und der Marietta sind enorm anspruchsvoll, ebenso die der Haushaelterin Brigitta. Ich habe bisher drei Inszenierungen der „Toten Stadt“ gesehen und jedes Mal gab es ein Haar in der Suppe, entweder eine der Hauptpartien schwach oder die Nebenrollen eher schludrig besetzt. Das war in Lübeck total anders! Und das bei nur einem Gastsänger!

Ausrine Stundyte als Marietta war schauspielerisch, wie in all ihren Rollen, enorm ausdrucksstark, sie lebte diese Figur mit all der offenen Erotik, sie genoss jede Sekunde des Auftritts. Die Partitur verlangt enorme Ausdauer, Gefühl und sehr hohe Spitzentöne, all das bot Frau Stundyte in Perfektion! Eine absolute Ausnahmeleistung, die das Publikum begeistert feierte! Richard Decker, in Lübeck noch als Siegfried und Parsifal in bester Erinnerung, stemmte die enorm schwierige Partie des Paul kraftvoll und ohne Ermüdung, im 3. Akt lief er zu Hochform auf, überstrahlte das Orchester. Das bereits erwähnte Duett der beiden Sänger im 1. Akt sorgte für Gänsehaut pur! Antonio Yang ist einer der Lübecker Publikumslieblinge, mittlerweile singt er auch an der Staatsoper Hamburg und spätestens nach diesem Abend müssten sich alle grossen Häuser nach diesem Sänger reissen! Er sang Frank, Pauls Freund, und den Pierrot Fritz. „Mein Sehen, mein Wähnen“ war ein weiterer „Knaller“ des Abends, perfekte Stimmführung, psychologische Durchdringung und geradezu mühelose Bewältigung der schwierigen Arie. Sein Lohn: Ein Beifallsorkan ohnegleichen!

Wioletta Hebrowska war eine Luxusbesetzung als Brigitta. Ich habe diverse CD's der toten Stadt, niemand singt diese Partie so schön und stimmgewaltig wie Frau Hebrowska. Auch ein Erfolg der klugen Personalpolitik von Herrn Brogli- Sacher. Besondere Erwähnung verdient Daniel Szeili, der den Victorin sehr stimmgewaltig und überzeugend sang. Der Lübecker Chor war von Joseph Feigl bestens präpariert und wie gewohnt auch schauspielerisch sehr präsent.

Ein, ohne Uebertreibung, Triumph für das Theater Lübeck und wieder einmal der Beweis für die enorme Leistungsstärke „kleinerer“ Häuser!

Claus Brandt                                                  Bilder: Lutz Rößler

 

CD-Tipp Eine echte Kultaufnahme!

Die wirklich legendäre Aufnahme mit Kollo (besser hat er nie gesungen!) Volle Empfehlung, die muß man als Korngold-Fan wirklich haben.      PB

 

 

 

DIE TOTE STADT

Premiere am 5.4.2013

Trauerarbeit als Opernstoff

Das ist wirklich schwere Kost, die der Komponist Erich Wolfgang Korngold (1897 – 1957) den Opernfreunden in seinem fast hundert Jahre alten Werk „Die tote Stadt“ vorstellt: Trauerarbeit als Opernstoff. Diese tiefenpsychologisch angelegte Studie darüber war 1920 auf dem Musiktheater neu und wurde begeistert aufgenommen. Neuartig für diese Zeit auch die Musik. Die ist ungemein farbig, und in ihr liegt eine ungeheure Spannung. Vor allem, wenn sie so durchsichtig musiziert wird wie an diesem Freitagabend in der Lübecker Oper unter der Leitung des hier noch nicht bekannten jungen Dirigenten Brian Schembri. Leider allerdings auch viel zu laut. Auf weite Strecken haben die Solisten Mühe, gegen den Krach aus dem Orchestergraben anzusingen. Eine starke Reduzierung wäre entschieden anzuraten.

Die Oper erzählt die Geschichte von dem Witwer Paul, der seit fünf Jahren über seine verstorbene Frau Marie trauert. Seine seelische Verfassung wird verglichen mit dem Niedergang Brügges, wo nur noch prächtige Fassaden vom Glanz der alten Hansestadt zeugen. Bis in dieses private Heiligtum eine Schar wandernder Schauspieler hereinbricht – ihnen voran die schöne Marietta. Sie gleicht der Verstorbenen, und Paul verliebt sich in sie. Ohne sich einzugestehen, dass er nicht die Tänzerin, sondern das Ebenbild seiner einstigen Frau sucht. Aber gibt es diese Marietta wirklich? Das Ganze ist die Fiktion eines überreizten Gehirns. Als Paul diese Tänzerin erwürgt, erwacht er aus seinen Träumen. Manetta lebt und zieht mit der Wandertruppe weiter. Was aber wird aus Paul?

Für die Umsetzung dies schwierigen Thema hat der in Lübeck bereits bekannte Schweizer Regisseur Dieter Kaegi großartige Sänger zur Verfügung. Der hier ebenfalls schon bekannte Richard Decker und Ausrine Stundyte sind über 2 ½ Stunden hinweg überaus präsent und bewältigen ihre schwierigen Partien glänzend. Wioletta Hebrowska ist die Haushälterin Brigitta, Antonio Yang der Freund Frank. Mit Steinunn Skjenstad und Oksana Pollani sind zwei Mitglieder des Internationalen Opernelitestudios zu erleben. In weiteren Rollen gefallen Daniel Szeili, Tomasz Mysliwiec und David Winer-Mozes.

Dem Regisseur sind zusammen mit dem für die Ausstattung zuständigen Bruno Schwengl wunderschöne Bilder gelungen. Herrlich die Gauklerszene im zweiten Bild, eindrucksvoll die Heilig-Blutprozession mit dem von Joseph Feigl einstudierten Chor und dem von Gudrun Schröder geleiteten Kinder- und Jugendchor Vocalino und der Musik- und Kunstschule. Ein Abend, der begeistert gefeiert wird.

Horst Schinzel                                                             Fotos: Lutz Roeßler

 

 

 

 

G. Verdi

MACBETTO                                  

Premiere am 11.1.2013                  2. Kritik

Ein Knaller - optisch und musikalisch!

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich verbinde mit einigen Opern ganz spezielle Ereignisse, Erinnerungen. Verdis „Macbetto“ war eine meiner ersten Opern, die ich szenisch sah, der Eindruck war bleibend. Seitdem gehört dieses Meisterwerk zu meinen Lieblingsopern und umso erfreuter war ich, dieses Juwel am Theater Lübeck zu erleben. Das bewährte rein italienische Team (Alberto Triola Regie, Tiziano Santi Bühne und Manuel Pedretti Kostüme), die in Lübeck eine intelligente „Carmen“ auf die Bühne brachten, schufen nun eine neue, interessante Sichtweite speziell auf Lady Macbeth. Sie ist, bekanntermassen, süchtig nach Macht, geht dabei über Leichen. Neu an Triolas Sichtweise ist, dass hier die eiskalte Lady sich nach Nachwuchs verzehrt, alles in dieser Inszenierung ist focussiert auf Kinder. Das einfache Volk sorgt fleissig für den Erhalt der Menschheit, doch in der Oberschicht sieht es eher düster aus. Konsequent daher nur, dass die Hexen sich in Hebammen verwandeln.

Das Plus dieser Inszenierung ist das plakative Bebildern, Momentaufnahmen, die sich dem Zuschauer regelrecht einbrennen. Gänsehaut pur, wenn Macbeth zum Schluss allein und gescheitert auf der Bühne steht, mit einer riesigen roten Schärpe. Sämtliche Partien dieser Oper stellen hohe Anforderungen an die Sänger, musikalisch und schauspielerisch war die Besetzung ein Volltreffer. Allesandra Rezza, Gast aus Italien, beherrschte die Bühne von Anfang an. Sie ist eine Idealbesetzung, ihr geht es nicht nur um Schöngesang, sie ist die wahnsinnige Furie, die verzweifelte Königin. Jede Geste sass, mit ungeheuerlicher Intensität schleuderte sie dem Publikum die Rolle geradezu um die Ohren! Als Macbeth brillierte Gerard Quinn. Das Lübecker Publikum weiss eh, was es an diesem Ausnahme- Bariton hat, seine Klasse zeigt sich darin, dass er jedesmal wieder überrascht, immer noch eine Schippe drauf packen kann. Grossartig sein zögerliches Herantasten an den König, dabei immer total textverständlich. Für ihn und Frau Rezza zum recht Ovationen des begeisterten Publikums.

Der Macduff wurde von Dimitriy Golovnin gesungen, gern gesehener Gast in Lübeck. Was er aus dieser eher kleinen Rolle machte, war hörenswert! Höhensicher und kraftvoll meisterte er die Partie. Joseph Feigl war für den Chor zuständig und erntete ganz zu recht Sonderbeifall. Am Pult stand erstmalig ein junger Italiener, Matteo Beltrami, und entfachte Italianita at it's best! Man konnte beim verlassen des Theaters kaum glauben, dass man sich im winterlichen Lübeck befand, die Musik klang nach Verona!

Alles in allem eine diskussionswürdige, hochintelligente Inszenierung, die an keiner Stelle die Oper zerstört und ein Ensemble zum Dahinknien!

Claus Brandt                                            Bilder: Oper Lübeck / Jochen Quast

  

 

 

MACBETTO

Premiere am 12. Januar 2013

Neuinszenierung als tiefenpsychologische Studie

Der Gastregisseur Alberto Triola – an der Trave bereits durch eine hinreißende Carmen–Inszenierung ausgewiesen – hat seine Einstudierung von Verdis vor rund 130 Jahren entstandener Oper „Macbetto“ in der zweiten Fassung von 1865 als tiefenpsychologische Studie angelegt. Diese Konzeption hat den Vorzug, zum einen recht bemerkenswert zu sein, zum anderen das Konzept dieses Musikwerkes nicht sonderlich zu stören.

Nach Triola wird Macbetto zum Massenmörder, weil seine Ehe mit der Lady kinderlos bleibt; zum einen, weil der Usurpator nicht zeugungsfähig ist, zum anderen, weil die Lady aus psychosomatischen Gründen keine Kinder bekommen kann. Aus einer ehebrecherischen Beziehung mit Banquo hat sie einen Bastard, der zu Beginn der Aufführung ums Leben kommt, was weder sie noch Macbetto sonderlich aufregt. Äußerlich drückt sich Triolas Regierkonzert in der Ausstattung der Hexen aus: Die werden zu Hebammen und Krankenschwestern in Nonnentracht.

Zu einem großen Ereignis wird dieser Abend bei der Premiere an diesem Freitag im weitgehend nur angedeuteten Bühnenbild von Tiziano Santi und den Kostümen von Manuel Pedretti; durch die großen Stimmen von Gerard Quinn als Macbetto und der international erfahrenen Sopranistin Alessandra Rezzo. Beide leisten über drei Stunden hinweg Großartiges gesanglich wie darstellerisch. Als Macduff beeindruckt Dmitry Golovnin.

In weiteren Rollen gefallen Martin Blasius, Wioletta Hebrowska, Tomasz Myliwiec, Johan Hyunbong Choi und Youn-Soo Rau. Großartiges leistet der von Joseph Feigl einstudierte Chor.

Weit weniger gefallen kann die musikalische Leitung des Gastdirigenten Matteo Beltrami. Das Philharmonische Orchester kommt über weitere Strecken viel zu laut aus dem Graben. Oft haben Solisten und Chor Mühe, dagegen an zu singen. Der Maestro sollte seine Musiker um Etliches dämpfen….

Das Premierenpublikum – darunter erfreulich viele junge Besucher – ist hörbar beeindruckt. Nach vielem Szenenbeifall gibt es jubelnden Schlussbeifall, der alle Beteiligten einschließt.

Horst Schinzel                                           Foto: Jochen Quast

 

 

 

SIEGFRIED für Kinder

Die Nibelungen gegen den Strich gebürstet

23.11.2012

Junge Mensche an klassische Musik heranzuführen, ist zweifellos eine der vornehmsten Aufgaben unserer Musiktheater. In Lübeck hat sich die von Margrit Dürr und Julian Metzger 2005 gegründete „Taschenoper“ dieser Aufgabe – mit Erfolg! – angenommen. Jetzt hatte am Theater Lübeck deren neue Produktion „Siegfried für Kinder“ sehr frei nach Richard Wagner Premiere. Die beiden Prinzipale haben dazu Wagners „Ring“, der im Original um die fünfzehn Stunden dauert, auf rund hundert Minuten eingedampft und auch kräftig Hand an die Handlung gelegt. Die folgt weit mehr der ursprünglichen Sage als des Altmeisters aus Bayreuth tiefsinniger Dichtung. Überraschend: Am Ende bekommen sich Brünnhilde und Siegfried, wobei sich Brünnhilde des unseligen Ringes annimmt. Vieles bleibt in dieser Neufassung angedeutet. Vor allem hat sie starke Züge der Commedia dell’Arte. Der Loge des Henning Kothe ist die lustige Figur und nimmt Kinder mit auf die Bühne, die Tücher als das Feuer um den Brünnhilden-Felsen schwenken und Gunthers hochzeit mit Winkelenten begleiten müssen.

Wie es überhaupt auf der Bühne in der Inszenierung von Sascha Mink und der Ausstattung von Katia Diegmann bunt zugeht. Der Siegfried des Thomas Andersson zieht mit dem Schwert Nothung in die Welt, um Abenteuer zu erleben. Und dazu gibt ihm das Spiel reichlich Gelegenheit, Julian Metzger hat Wagners Musik für die von Christoph Gottlob geleitete „Lemmy’s Brass“ mit fünf Blechbläsern transponiert. Laut, aber Wagner ist wieder zu erkennen. Überaus eindrucksvoll an diesem Nachmittag die Brünnhilde der Anja Eva Kreutzfeldt. Lübecks Musikfreunde erinnern sich der Künstlerin, die Anfang des Jahrtausends mehrere Jahre Mitglied des Ensembles der Lübecker Sommeroperette war Inzwischen hat sich die Sängerin, die mittlerweile eine private Gesangsschule im Ostholsteinischen betreibt, staunenswert entwickelt. Neben ihr halten sich Margrit Dürr, Regine Gebhardt, Titus Witt und Jan Westendorff zum Teil in vielen Rollen tapfer mit schönen Stimmen und begeistern die Zuhörer, die den Nachmittag lang und anhaltend feiern.

Horst Schinzel                                             Fotos Olaf Malzahn

 

Besprechungen früherer Aufführungen befinden sich ohne Bilder weiter unten auf der Seite Lübeck des Archivs.

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com