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La Didone      Pier Francesco Cavalli (1602 – 1676)

Besuchte Vorstellung am 26.10.2011   

(Premiere 16.10.2011 am Théâtre de Caën)

Brillante Darbietung der venezianischen Barockoper: es menschelt unter den Göttern

Das Grand Théâtre de Luxembourg wurde zum 1000-jährigen Bestehen der Stadt 1960 bis 1964 erbaut, 2003 modernisiert und erweitert. Der große Saal mit 943 Plätzen ist amphitheatrisch mit einem Rang angelegt und verfügt über eine hervorragende Akustik. Opernproduktionen werden überwiegend in Koproduktion mit französischen Theatern herausgebracht und zwei oder dreimal gespielt, so auch „La Didone“ als Koproduktion mit dem Théâtre de Caën, das auch Sitz von William Christie’s Barockensemble „Les arts florissants“ ist. Vom 50 km entfernten Trier gibt es einen Bus-Service zu den Aufführungen.

 Francesco Cavalli, Schüler Monteverdis in der venezianischen Oper und zwischen diesem und Händel der bedeutendste und auch heute wieder regelmäßig gespielte Opernautor Hat seine „La Didone“ zum Karneval 1641 zur Uraufführung gebracht. Trotz Monteverdi steckte die Oper noch in den Kinderschuhen. So wirkt Didone wie ein Schauspiel mit Musik; der Text wird überwiegend in ariosem Vortrag gebracht, Rezitativ und Arie sind noch die Ausnahme. Dem Zeitgeschmack entsprechend wird eine traurige Geschichte vergnüglich erzählt: Die opera seria war noch nicht erfunden. Traurig und bedrückend geht es noch im 1. Akt zu: da geht auch gerade Troja unter. Ab dem zweiten Akt aber entwickelt sich ein munteres Spiel zwischen antiken Göttern und von ihnen entweder protegierten oder verfolgten irdischen Schützlingen mit vielen Personen und Überraschungen. Das Libretto verfügt über viel Poesie, Feinheiten, Ironie, Humor und … etliche frauenfeindliche Aussagen, die der heutigen politischen Korrektheit zuwiderlaufen.

Alle Fotos: © Pascal Gely.

Clément Hervieu-Léger, der sein Handwerk als Assistent von Patrice Chéreau in großen Produktionen in Mailand, Aix und Paris vervollkommnet hat, legt mit dieser Produktion seine erste eigenständige Opernregie vor und landet gleich einen Volltreffer. Er erzählt die Geschichte nah am Libretto mit vielen Einfällen und trotz der Vielfalt von 28 Personen gut verständlich. Éric Ruf hat das Bühnenbild erstellt. Man sieht im Prolog sowie im ersten Akt eine große alte Befestigungsmauer, mitten darin ein mit Balken verrammeltes Rundbogentor; dann liegt da noch ein großer weißer erlegter Kirsch neben einem Palettenstapel. Die Mauer ist schon etwas beschädigt. Vor allem befindet sich oben eine Bresche, aus der Iris in dem ganz kurzen Prolog den Fall Trojas ankündigt. Der ist dann im ersten Akt leider schon Wirklichkeit geworden; die griechischen Sieger benehmen sich schlecht: sie rauben morden und vergewaltigen. Aeneas‘ Frau Kreusa wird getötet. In der Folge geleitet von Venus und Fortuna macht sich Aeneas zur Errichtung eines neuen Reichs aus dem Staub. Zum zweiten Akt wird die Mauer um 180° gedreht. Nun sieht man eine viel freundlichere Szenerie: eine im Stil der 20er Jahre holzvertäfelte Wand und eine mit Plastik verhängte Stellage, hinter der man zu der vorher erwähnten Bresche aufsteigen kann. In dieser Stellage arbeiten nun vorzugsweise die Götter, während das Spiel zwischen den Menschen in hübschen bunten Gewändern auf dem Bühnenboden stattfindet. Nach der Jagdszene wird durch das nunmehr offen stehende Tor der weiße Hirsch herein gezogen.

Sehr schön arbeitet die Regie die Relationen zwischen den Göttern und den Menschen heraus. Singen die jeweils relevanten göttlichen Gestalten im ersten Akt nur aus der Höhe der Mauerbresche, so lassen sie ihre ausführenden Untergötter sich im zweiten Akt auch direkt auf der Bühne unter die Menschen mischen. Es befiehlt die Juno ihrem Unterling Aeolus, einen solchen Sturm zu entfachen, dass der verhasste Aeneas mit seinen Mannen untergehe. Neptun macht klar, dass Juno auf seinem „Terrain“ nichts zu sagen hat, und rettet Aeneas nach Karthago. Dort veranlasst Venus, ihren als Ascanio verkleideten Sohn Amor der Dido ein Pfeilchen zu verpassen, damit sie in Liebe zu Aeneas verfalle. Jupiter aber konterkariert das und schickt Merkur zu Äneas, um ihn auf seine zukünftige Aufgabe als Rom-Gründer zu verpflichten. Da herrscht also schönes Göttergezänk – bei den Menschen abgeguckt. Jupiter setzt sich durch, Aeneas macht sich zum zweiten Mal aus dem Staube. Zum Schluss - Aeneas ist abgereist – bestimmen die Götter schnell das lieto fine: Iarbas, der früher von Dido verschmähte und zwischenzeitlich schon in Wahnsinn verfallene Afrikaner-Fürst, darf Dido trösten und ehelichen. Caroline de Vivalse hat sehr ausdrucksstarke Kostüme entworfen, mit denen die Gruppenzugehörigkeit der einzelnen Darsteller verdeutlicht wird: die Trojaner in grau getönten Kleid mit ebensolchem Übermantel; die Griechen in dunkelweinroten Uniformen; die Götter kommen daher wie Straßenpenner; die Karthagerinnen sind in geschmackvolle farbige lange Gewänder gekleidet. Des Weiteren helfen auch eine stringente Personenführung sowie die Differenzierung der Solistenstimmen dem Zuschauer/Zuhörer, den Faden in dem Personengewirr nicht zu verlieren. Italienisch-Kenner können außerdem den sehr textverständlich singenden Solisten folgen. (Außerdem übertitelt das Theater in Deutsch und Französisch.)

Der Qualität der Inszenierung stand die der musikalischen Realisierung in nichts nach. Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass hier auf Weltniveau agiert wird (zu Preisen eines gehobenen Stadttheaters!) William Christie, seit nunmehr drei Jahrzehnten ein Markenzeichen in der wissenschaftlich historisch informierten Aufführungspraxis, hat sein auf Originalinstrumenten spielendes Ensembles „Les arts florissants“ aus Caën mitgebracht. Diese Didone ist  seine erste Cavalli-Arbeit. Man musiziert zumeist zurückhaltend begleitend und erzeugt mit der Präzision des Ensembles und der Perfektion der Musiker drei Stunden Dauerwohlklang. Aber es wirkt für unser heutiges Empfinden nicht unbedingt spannend. Die 28 Rollen des Stücks sind auf 14 Sänger verteilt, so dass einige von ihnen sogar drei Rollen verkörpern müssen. Das sind immer noch so viele, dass sie nicht alle einzeln gewürdigt werden können. Gesamthaft handelt es sich um eine Spitzenbesetzung bis in die kleinen Rollen mit vielen jungen Sängern; dazu ein Superstar: Anna Bonitatibus als Didone, die über einen Sopran mit seidig weicher Mittellage und glockenheller Höhe verfügt, den sie sowohl expressiv als auch virtuos einzusetzen versteht. Ihre - auch hervorragend gespielte - Rolleninter-pretation war zu Klang veredelter Gefühlsausdruck, dabei stets sauber ausgesungen. Die zweite Hauptrolle, die des Aeneas, war mit Kresimir Spicer besetzt, einem dunklen Tenor mit großer Bühnenpräsenz, der sich anfangs stimmlich ziemlich robust zeigte, im Verlaufe aber auch fein ziselierte Barock-Diktion entwickelte. Katherine Watsons sauberer Sopran überzeugte im Lamento der Kassandra. Mit Maria Streijffert war ein klarer schön grundierter Alt als Hekabe (Hecuba) aufgeboten. Mit Terry Wey hörte man einen phänomenalen noch ganz jungen Counter in den Rollen des Ascanio, Amor und des Jägers: kristallklarer heller Gesang! Der andere Counter, Xavier Sabata, in der Rolle des Iarbas punktete mit großem Volumen bei seiner viel dunkleren Stimme und verlieh dem Iarbas komödiantisches Profil. Sehr zur musikalischen Qualität trug die Raumakustik des Saals bei.

Das Publikum in nicht ganz besetzten Theatersaal verabschiedete die Akteure mit großem Jubel.

Manfred Langer


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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