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Il TRITTICO

Festival Puccini plus

Schwankende Welten

Das alljährliche Festival der Opéra de Lyon im Rahmen ihrer Saison überrascht immer wieder mit origineller Programmauswahl oder ungewöhnlichen Werkkombinationen. In diesem Jahr stand Puccinis IL TRITTICO auf dem Programm, das am Ende des dreiwöchigen Festivals auch zweimal komplett gezeigt wurde. Vorher aber waren die drei Einakter an jeweils einem Abend zu erleben – in Verbindung mit einem Stück der Moderne, das in etwa der gleichen Periode entstand wie Puccinis 1918 in New York uraufgeführtes Tryptichon. So wurde dem Tabarro, jenem Ehedrama auf einem Schleppkahn am Ufer der Seine in Paris, Schönbergs VON HEUTE AUF MORGEN vorangestellt, in dem es gleichfalls um einen Ehestreit, Eifersucht und das mögliche Ende einer Beziehung geht. Der britische Regisseur JOHN FULLJAMES hat die oft grotesken Szenen der Handlung trefflich ins Bild gesetzt, dabei mit ironischen Kommentaren nicht gespart und am Ende die Komödie gar kippen lassen in ein Horrorfinale mit Doppelmord, wenn der Ehemann dem Verehrer seiner Gattin, einem berühmten Sänger, und diese der Freundin ihres Mannes die Kehlen mit den Frühstücksmessern durchtrennen. Danach kann das Paar getrost zum Tagwerk übergehen; nur der Flachbildschirm im Hintergrund der modernen Wohnküche zeigt eine Bildstörung. Die optische Klammer aller Werke sind gekippte Bühnenelemente, welche eine aus dem Lot geratene Welt andeuten. Hier hat JOHAN ENGEL ein mattgoldenes Proszenium auf die Bühne gestellt, das von schrägen Schriftleisten mit dem Titel des Stückes und dem Namen des Komponisten eingerahmt wird. Davor stehen links und rechts schwarze Ledersessel, auf denen die attraktive Freundin des Gatten und der smarte Tenorfreund der Gattin das Geschehen zunächst verfolgen wie im Theater. IVA KARNEZI mit prägnantem Sopran ist in ihrem schwarzen Abendkleid und der surrealen Gesichtsmaske (MARIE-JEANNE LECCA) ausgesprochen verführerisch, und blendende Gigolo-Figur im Smoking macht auch der gleichfalls maskierte Sänger, dem Schönberg sogar ein Siegmund-Zitat zugestanden hat (RUI DOS SANTOS mit schmachtendem Tenor). MAGDALENA ANNA HOFMANN ist die Ehefrau mit herbem, expressivem Sopran, die sich ihrem Gatten (WOLFGANG NEWERLA mit reifem Charakterbariton) in vielerlei Kostümierung präsentiert – im mondänen Abendkleid der 30er Jahre mit langer Zigarettenspitze und Champagnerschale, im kurzen, orange gepunkteten Plastikröckchen mit weißer Sonnenbrille, schließlich im gebatikten Hosenanzug im Afro-Look. Stilistisch ebenso variabel ist die Bühne, auf der immer wieder Wände in neuen Dekors, Streifen, Kreisen und Ornamenten sowie Gemälde von Mirò bis Warhol hereinfahren. BERNHARD KONTARSKY am Pult des Orchestre de l’Opéra de Lyon bringt die rhythmisch komplizierte Musik mit ihren wenigen melodischen Fetzen und ihrem Sprechgesang zu zwingender Wirkung.

Ein gekippter Container im Nebeldunst, umgeben von allerlei Mobiliar und aufgehängt an drei Stahlketten, ist nicht nur die Behausung von Michele und seiner Frau Giorgetta, sondern suggeriert auch eine düstere Hafenatmosphäre (Bühne: JOHAN ENGELS). DAVID POUNTNEY hat IL TABARRO packend und mit geradezu kriminalistischer Spannung inszeniert, gipfelnd im Finale, wenn Michele aus seiner Segeltuchplane Luigis Leichnam vor seine Frau fallen lässt und diese danach sein Messer auch gegen sich richtet. Die drei Protagonisten bringen sich mit realistischem Spiel und faszinierendem Gesang ein, angeführt von WERNER VAN MECHELEN als Michele, dessen reifer Bariton den Schmerz und die Enttäuschung des älteren Mannes menschlich sehr anrührend zu vermitteln mag. Für seine Frau setzt CSILLA BOROSS einen sinnlich-dunklen Sopran mit flammend-expressivem Aplomb ein – eine ideale Verismo-Stimme! Giorgetta und ihr Liebhaber Luigi, den THIAGO ARANCAM als attraktives junges Mannsbild mit virilem, erzenem Tenor gibt, sorgen in beider ekstatischem Duett „Il sobborgo vuol tornare“ für großen italienischen Stimmenglanz. Der brasilianische Tenor mit seinem heroischen Material und dem emphatischen Gesang dürfte eine große Hoffnung in diesem Fach sein. Blendend auch WYNNE EVANS als Il Tinca mit klangschönem Tenor, charaktervoll NATASCHA PETRINSKY als La Frugola, die trotz ihres strengen Mezzos die Glückssehnsucht der Figur zu vermitteln weiß. Der junge italienische Dirigent GAETANO D’ESPINOSA verstand es glänzend, die Kontraste der Musik einzufangen – ihr schwelgerisches Melos, ihre reißerische Spannung und die flirrende Atmosphäre.

Diffus beleuchtet wird JOHAN ENGELs Szene für Hindemiths 1922 in Frankfurt/M. uraufgeführte SANCTA SUSANNA – ein schräger marmorner Altar mit einem gleißend spiegelnden Christuskreuz und einem blühenden Fliederbaum dahinter. Mit AGNES SELMA WEILAND in der Titelrolle und MAGDALENA ANNA HOFMANN als ihre Mitschwester Klementia stehen auch hier zwei hervorragende Singdarstellerinnen zur Verfügung, die in JOHN FULLJAMES’ starker Inszenierung die Geschichte von Susannes religiösem Wahn, der zugleich ihre Befreiung aus dem Klostergefängnis bedeutet, dem Zuschauer fesselnd nahe bringen. Die Sprechrollen einer Magd ( ZOE MICHA) und eines Knechtes (HERVE DEZ MARTINEZ) besetzt der Regisseur mit zwei Artisten am Seil, die sich halbnackt in schwarzen Ledergurten in der Höhe vereinen und damit eine erotische Episode illustrieren, von der Susanna Klementia zu berichten weiß. Jene wiederum erzählt von einer Mitschwester, die sich nackt an den Leib des Gekreuzigten gepresst hatte und zur Strafe lebendig eingemauert wurde. Magdalena Anna Hoffmann lässt hier eine grandiose stimmliche Steigerung vernehmen und packt auch mit Klementias trancehaftem Tanz. Susanna entledigt sich ihrer Kleider, attackiert vom Chor der Nonnen, der sich drohend zum „Kyrie eleison“ formiert. Nackt besteigt sie den Altar, legt sich, bereit zum Empfang, vor das Christuskreuz, welches sich in ihrer Vision langsam auf sie hernieder zu senken scheint. Agnes Selma Weiland spielt diese heikle Szene souverän und hat in Susannas „Ich bin schön.“ auch einen großen Ausbruch von vokalem Glanz. BERNHARD KONTARSKY sorgt für aggressive Momente mit dem Schlagwerk, bringt aber auch das sphärische Geflecht der Musik und deren melodisches Gewebe zur Geltung.

Einen schiefen Raum mit weiß gekachelten Zellen und schwarzen Kreuzen, einer riesigen Madonnenstatue im Zentrum und einem gläsernen Brunnen davor erdachte JOHAN ENGEL für die Klosterwelt in Schieflage bei Puccinis SUOR ANGELICA. DAVID POUNTNEY gelingt auch hier eine atmosphärische Inszenierung, die am Ende ins Surreale kippt, wenn im Brunnen ein mystisches Licht aufleuchtet und im Wasser Angelicas totes Kind auftaucht. CSILLA BOROSS’ streng vibrierender, kraftvoller Sopran ist für die Titelpartie keine ideale Wahl. Sie trifft vokal den Charakter der Rolle nicht und muss deren Lyrismen schuldig bleiben. Zu Beginn von „Senza mamma“ fängt sie immerhin noch die wehmütige Stimmung dieser Szene ein, doch die ekstatische Steigerung danach gerät allzu grell, klingen die acuti unangenehm schneidend. NATASCHA PETRINSKY als Principessa hat in ihrer eleganten schwarzen Spitzenrobe (MARIE-JEANNE LECCA) einen spektakulären Auftritt. Das strenge Timbre der Stimme passt zur Figur, doch fehlt der satte Alt-Ton. GAETANO D’ESPINOSA leitet das Orchestre de l’Opéra de Lyon sehr kammermusikalisch und nimmt am Ende mit blühendem Melos Angelicas Verklärung vorweg.

Gianni Schicchi mit Zemlinskys EINE FLORENTINISCHE TRAGÖDIE zu kombinieren, liegt nahe, ist doch in beiden Werken der Protagonist ein Bariton. In dem 1917 in Stuttgart uraufgeführten Einakter nach Wildes A florentine tragedy ist es der florentinische Kaufmann Simone, dessen Ehefrau Bianca ihn mit dem Prinzen Guido betrügt. Der österreichische Bariton MARTIN WINKLER in dieser Partie war das vokale Ereignis dieser drei Abende – eine dramatische Stimme von unglaublichem Potential, resonantem Wohllaut und beschwörender magischer Kraft. Blendend seine Textverständlichkeit, bewunderungswürdig die schier unerschöpflichen Reserven in seinen Steigerungen, bedrohlich und von größter Spannung seine gewaltigen Ausbrüche. THOMAS PIFFKA singt den Guido mit einem durchschlagenden Tenor von metallischem Klang, GUN-BRIT BARKMIN die wenigen Einwürfe der Bianca mit aggressiv keifendem Sopran, wenn sie sich den Anweisungen ihres Gatten widersetzt, blüht aber am Schluss nach dem Tod ihres Geliebten, trotz herber Höhe, auf. Darstellerisch ist sie in ihrem langen roten Renaissance-Kostüm (Ausstattung: JEAN-PIERRE VERGIER) und der mondänen Frisur von aufreizend lasziver Körperlichkeit, steigert sich im marionettenhaften Tanz in einen trancehaften Zustand. GEORGES LAVAUDANT, der auch die atmosphärische Lichtgestaltung verantwortete, verlässt am Ende die Vorgabe der Handlung, wenn Simone nach dem Mord an seinem Rivalen auch seine Frau erdrosselt und sich der gesamte Raum verdunkelt. Dieser symbolisiert besonders stark den Schwebezustand der Welt, denn die Bühne in ihrer expressionistischen Manier mit gekippten Wänden und hohen schmalen Öffnungen sowie schräg stehenden Stühlen atmet eine unwirklich gespenstische Stimmung, zu der auch das zuckende Licht der Fackeln beiträgt. BERNHARD KONTARSKY am Pult des Orchestre de l’Opéra de Lyon hält die Balance zwischen geschärften Klangballungen und üppigem melodischem Schwelgen.

Die Szenerie von JOHAN ENGELS für GIANNI SCHICCHI erinnert an den Tabarro mit den gekippten Containern, nur sind es hier mehrere Tresore mit schweren Metallverschlägen. Mit deren Schwebezustand spielt Regisseur DAVID POUNTNEY auch an die gegenwärtig desolate Finanzwelt an. Seine Inszenierung ist pointiert, voller witziger Einfälle und Überraschungen. Eine solche stellt sich beim Öffnen der Tresore ein, die alle weiter nichts als Kartons und Dosen enthalten. In diesen unsicheren Zeiten hatte der verstorbene Donati wohl Lebensmittel zuhauf gehortet... Sein Leichnam ist im Hintergrund in einem mit rotem Samt ausgeschlagenen sowie mit Kruzifix und Kandelabern geschmückten Sterbezimmer aufgebahrt und kann durch eine Falltür höchst praktisch entsorgt werden. Das spielfreudige und eloquent singende Ensemble führt WERNER VAN MECHELEN in der Titelrolle mit reifem Bariton an. Virtuos weiß der Sänger seine Stimme zu verstellen und seine körperliche Vitalität in das gebrechliche Gebaren eines sterbenskranken Alten zu verändern. In schwarzer Spitze (Kostüme: MARIE-JEANNE LECCA) erscheinen die Verwandten, die dazu in allen möglichen Arten weinen, schluchzen, keifen und geifern, fast choreografiert im Gestus. Schockiert ob Schicchis List werfen sie sich zu Boden, zittern und winden sich in ihrer rasenden Wut. NATASCHA PETRINSKY ist eine resolute Zita mit potenter Höhe, AGNES SELMA WEILAND eine herrlich exaltierte Nella, die wegen des enttäuschenden Testamentes fast eine Fehlgeburt bekommt. Das junge Paar ist mit IVANA RUSKO als mädchenhafter Lauretta (bezaubernd zart ihr „O mio babbino caro“) und SAIMIR PIRGU als auftrumpfend strahlendem Rinuccio gebührend kontrastierend besetzt. GAETANO D’ESPINOSA beweist mit dem Orchestre de l’Opéra de Lyon auch seine Hand für die Komödie, sorgt für einen kecken Auftakt und steigert die Spannung bis zur Testamentseröffnung enorm. Mit schöner Kantilene und subtilem Klang trägt er die Sänger und entlockt dem Orchester eine Vielzahl von raffinierten Klangeffekten. Das Wagnis dieser Kombination von Puccini und Werken der Moderne darf in jeder Beziehung als geglückt gelten und wurde vom Publikum mit spontaner Begeisterung angenommen.

Bernd Hoppe

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