Kunst als Geisel der Politik
Pier Luigi Pizzis
letzte (?) Stagione in Macerata
Eigentlich sollte dieser letzte von 24 „Aperitivi culturali“
über das Thema „Libertà e Destino“, das Motto des 47. „Sferisterio Opera
Festival“, ein beschaulicher Rückblick auf eines der kulturell reichhaltigsten
Jahre seit Bestehen der Festspiele in Macerata sein. Bürgermeister Romano
Carancini, der Vertreter für die kulturellen Belange der Region Marche, Pietro
Marcolini, und der Direttore Artistico Pier Luigi Pizzi sollten wie üblich ein
Resümee über die vergangene Saison ziehen und einen Ausblick auf den kommenden
Sommer wagen- hätte es nicht Regionalwahlen gegeben, die zu einer Konfrontation
zwischen den neu gewählten Politikern und den in der Wahlperiode zuvor
bestimmten Verwaltungsräten über die Frage einer Vertragsverlängerung für Pizzi
führten. So hatte dieser, der Unterstützung des Consiglio gewiß, bereits die
Spielzeit 2012 geplant, während die Politik ihre Unterschrift verweigerte,
unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass das Festival mehr koste als es
einbringe- ungeachtet der Tatsache, dass der ökonomische Effekt sich nicht in
den unmittelbaren Kassenerträgen niederschlägt, sondern in Hotelbuchungen,
Restaurantbesuchen und Einkäufen der Opernfreunde, die das kleine, im Sommer
ansonsten verwaiste Universitätsstädtchen bevölkern. Wie Pier Luigi Pizzi in
einer leidenschaftlichen Ansprache nachwies, hat er in den sechs Jahren seines
Wirkens aus einem unter der Last der Schulden fast versunkenen Schiff ein auch
ökonomisch blühendes Unternehmen geschaffen, von den künstlerischen Meriten
ganz zu schweigen. Gastspiele, Austausch von Produktionen, vor allem aber auch
der Verzicht der ihm zum Vorwurf gemachten 100 Komparsen- für die Riesenbühne
unbedingt notwendig- auf eine angemessene Entlohnung trugen unter vielem
anderen dazu bei, das Festival gesunden zu lassen. An seinem letzten Tag einer
erfolgreichen Saison stand dieses dank der politischen Querelen nun tatsächlich
ohne Direttore Artistico da- und kein verantwortungsbewusster Künstler oder
Manager dürfte sich in der Lage sehen, eine neue Spielzeit innerhalb weniger
Monate aus dem Boden zu stampfen.
Zu einer solchen würde nicht nur die Aufführung von
mindestens drei Operntiteln gehören, sondern eine Fülle weiterer Veranstaltungen
wie in dieser vergangenen Saison: Ballettaufführungen, eine „Festa
Monteverdiana“ mit Anna Caterina Antonacci, ein Abend über Gustav Mahler, einer
über die „Eroine del Risorgimento“. Im Interesse der gesamten Region Marche
sollte die Politik diesen einzigen wirklichen Glanzpunkt der Provinz nicht aufs
Spiel , sondern die Zusammenarbeit mit Pizzi fortsetzen.
Wie in den fünf Spielzeiten davor hatte der Direttore
Artistico auch die Mehrzahl der Opernproduktionen als Regisseur, Bühnen- und
Kostümbildner selbst übernommen, in dieser Saison im Teatro Lauro Rossi Mozarts
„Così fan tute“ und im Sferisterio Verdis „Un Ballo in Maschera“. Die Idee zur
Verlegung der Handlung in die Vereinigten Staaten der sechziger Jahre hatte
sich vor geraumer Zeit schon in Piacenza
bewährt, die Aufgabe bestand nun darin,
die Inszenierung der Königsmord-Oper arena-kompatibel zu machen. Auf die
riesige Rückwand waren drei Videobilder der amerikanischen Flagge geworfen,
zwischen ihnen erschien der italienische Text des Librettos, auf flachen
Emporen nahm rechts und links der Chor Platz, zwei Kameras zeichneten das
Geschehen auf und warfen die Schwarz-Weiß-Bilder vom Bühnengeschehen an die
Wand. Das war von Vorteil für alle Zuschauer, die in größerer Entfernung von
der Bühne saßen, funktionierte auch, da die Sänger durchweg für Großaufnahmen
geeignete gute Schauspieler waren, lenkte manchmal aber auch zu sehr vom
Bühnengeschehen in seiner Gesamtheit ab. Eine frappierend gute Lösung war die
für die Szene am Galgen: eine verlassene Tankstelle, leere Fässer, Haufen von
abgefahrenen Autoreifen als Refugium von Drogensüchtigen und Kriminellen - eine
erschaudern lassende Hölle unserer Zeit. Auf Motorrädern brettern die
Verschwörer heran und bannen die unselige Amelia mit den Lichtkegeln ihrer
Taschenlampen. Keinen Gefallen hingegen hatte man dem Bariton getan, zu dessen
„Eri tu..“ das Söhnlein munter in seinem Kinderbett sich an Purzelbäumen
versuchte. Insgesamt aber war dies ein
dem Spielort und dem Stück sehr gedeihliches Ambiente, waren zudem die Kostüme
für die Damen von großem Raffinement.
Um die Qualität der Sänger konnte man zumindest im Fall der
Ulrica von Elisabetta Fiorello streiten. Die einst so pastose, satte
Fast-Alt-Stimme zeigte sich als in mehrere Bruchstücke zerfallen, mit
überbrustiger Tiefe und flackernder Höhe. Etwas brillanter hätte man sich den
Oscar von Gladys Rossi gewünscht, die zwar als weibliches Faktotum ihres Herrn
blendend aussah, über Soubrettenqualitäten jedoch nicht hinauskam, immerhin das
Ensemble des zweiten Bildes überstrahlen konnte. Mit frischer, unbekümmert
geführter Stimme sang Alessandro Battiato den Silvano, angemessen düster
klangen Antonio Barbagallo (Samuel) und Dario Russo (Tom) als Verschwörer. Gar
nicht ausgesungen, wie so häufig bei Ensemble-Theatern anzutreffen, hörten sich
die Stimmen des Giudice ( Raoul d’Eramo) und des Servo ( Enrico Cossutta) an.
Mit Stefano Secco hatte man für den Riccardo einen Tenor gefunden, der allen
Anforderungen der Partie, sei es die Flexibilität und Eleganz für die beiden
ersten Szenen, die Dramatik für das Liebesduett oder den canto elegiaco für die
letzte Arie in bemerkenswertem Maße, wenn auch nicht perfekt besaß. Einen
energischen, gut konturierten Bariton konnte Marco Di Felice für den Renato
einsetzen. Eine runde, warme Verdi-Stimme reicher Farben hatte Teresa Romano
für die Amelia und dazu ein schönes Gesicht für die Großaufnahmen. Von Jahr zu
Jahr mehr gefallen kann der Chor „V.Bellini“ ( David Crescenzi) nicht nur durch
seine enorme Quantität, sondern auch durch eine beachtliche Qualität des
Singens und darstellerischen Einsatzes. Daniele Callegari war der erfahrene
Kapellmeister am Pult, der das Orchestra Regionale delle Marche sicher und mit
Brio durch den Abend führte.
Als zweite Oper für das Sferisterio hatte Pier Luigi Pizzi
Verdis „Rigoletto“ ausgewählt und die szenische Realisierung Massimo Gasparin
anvertraut. Dieser hatte die Handlung in die Enstehungszeit verlegt, in der die
Gesellschaft um den hier bürgerlichen Duca herum ein „Maskenfest am Hofe der
Gonzaga in Mantua“ feiert mit Figuren der Commedia dell’Arte und in
Renaissance-Kostümen. Eine kleine Drehbühne ermöglichte schnelle Szenenwechsel
vom herzoglichen Prunksaal zum bürgerlichen Heim Rigolettos und den anderen
Schauplätzen. Andrea Battistoni war der ganz junge Dirigent, der mit Umsicht
und Temperament seine Aufgabe wahrnahm. Mit schlankem, aber
durchschlagskräftigem Bariton sang Giovanni Meoni die Titelpartie sehr
anrührend, eine gesungene Klage oder ein klagender Gesang sein „Ridatemi la figlia“,
nur an den dramatischsten Stellen der „Cortigiani,vil razza“ an seine Grenzen
stoßend. Mit zarter Dolcezza ging Désirée Rancatore „Caro Nome“ an, war
souverän in den Koloraturen, standfest in „Tutte le feste“ und von großer
Innigkeit in der Sterbeszene. Optisch ein idealer Duca war Ismael Jordi, vokal
mangelte es ihm an Brillanz, auch wenn das hohe C „saß“, der Tenor erschien
insgesamt als zu farblos und unbedeutend. Noch schlimmer war es um die
Maddalena von Tiziana Carraro mit brüchigem Mezzo und unbeholfenem Spiel
bestellt - ihre Contessa war keinen Deut besser. Angemessen bedrohlich wirkte
der Baß von Alberto Rota für den Sparafucile, ein besonderes Lob gebührt dem
Mezzo von Annunziata Vestri als Giovanna. Insgesamt konnte auch diese
Produktion dem Publikum gefallen und hohen Ansprüchen genügen.
Man
kann nur inständig hoffen, dass Pier Luigi Pizzi seine Arbeit fortführen kann
und der zurück gewonnene gute Ruf Maceratas nicht aufs Spiel gesetzt wird.
Ingrid Wanja