FAUSTBAL
Wer ein holdes Weib errungen oder
das Hohelied der Lesbenliebe - Leonardo Balada/Fernando Arrabal: FAUSTBAL -
Teatro Real Madrid, Uraufführung 13. Feb. 2009), besuchte Vorstellung 22. Feb.
2009
Der Faust-Stoff so alt, so neu wie die Theatergeschichte der Neuzeit, zog
alle Künstler in magischen Bann und in letzter Zeit feiert er auf den
Opernbühnen in allen Varianten wieder fröhliche Urständ. Jüngstes Ergebnis war
die kurzweilige, knapp anderthalbstündige "FAUST-BAL" Aufführung am Tetro Real
Madrid. Der zeitgenössische spanische Komponist Leonardo Balada komponierte sie
auf die Worte Fernando Arrabals. "Faust-bal", Balada, Arrabal? Ganz recht, die
Endsilbe -bal bezieht sich nicht nur auf die weibliche Protagonistin, sondern
zieht auch in ironischer Brechung ihre geistlichen Väter mit ein. Ihre? Ja,
Faust-bal ist die Hoffnungsträgerin nach dem chaotisch, mörderischen Ende, der
durch die Macho-Kretins zerstörte Zivilisation. Faust-bal ist die Absage an die
Männerwelt schlechthin, ihre Liaison mit einer Amazonin (eine Endzeit-Walküre
und Verfechterin des Ewig-Weiblichen) zeigt Früchte: Eine Homunkula. Margarito,
das zum Ur-Macho-Generallissimo stilisierte Gretchen, ruft das auf den Plan und
der Sohn Mephistopheles (Hagen / Alberich lassen grüßen) läßt Faust-bal, die ihn
zuvor hat abblitzen lassen, in den Kerker. Gott der Herr, so wie man sich ihn in
kindlicher Naivität vorstellt, im weißen Glanz, schickt ihr den Kerkerschlüssel
per luftigen Sendboten zu. Es kommt zum entscheidenden archaischen Kampf der
Geschlechter, er zermalmt sie mit seinem zum Speer stilisierten Glied, die
Amazonen durchlöchern ihn mit ihren Pfeilen wie weiland St. Sebastian, zurück
bleiben das göttlich Gute und das teuflich Böse. Vorhang.
Arabal wäre
nicht der letzte Saurier des Surrealen und des absurden Theaters, wenn er seine
literarische Persiflage nicht mit Anspielungen gespickt hätte, die wie eine gute
Paella so fast alles enthält, was die Küche bereithält. Nicht minder die
Partitur von Leonardo Balada, einem der schöpfungsreichsten Komponisten der
iberischen Halbinsel, den es jenseits der Pyrenäen und vor allem im faustischen
Mutterland durchaus noch zu entdecken gilt.
"Die Oper enthält Längen",
singt despektierlich der Tanzmeister in "Ariadne auf Naxos", ganz das Gegenteil
ist bei "Faust-bal" der Fall. Balada schreibt im herrlichsten exquisten
Anachronismus eine Barockoper im Stile des 21. Jahrhunderts. Sein versierter
eloquenter Stil zitiert alles was zur Zeit Rang und Namen hat, gespickt mit
Ankleihen bei den Meistern aus großer Zeit. Er schreibt eine durchaus singbare
Sprache mit dankbaren Rollen, die für die vier Hauptprotagonisten über Arioses
hinausgehende regelrechte Bravourarien parat hält. Die Chorbehandlung ist süperb
und fordert beachtliches von Sprechchören über expressionistisch Sangbares bis
zur Geräuschproduktion. Die Orchesterbehandlung kommt wohltuend (fast) ohne
Elektronik aus und findet in den köstlich ironisch kaleidoskopartig gebrochenen
Tanzzwischenspielen zu ihrem Höhepunkt.
Ob das Werk sich international
durchzusetzen vermag, muß die Zukunft entscheiden, die musikalische Umsetzung am
Teatro Real kam weit über bloße Geburtshilfe hinaus. Jesus Lopez Cobos betonte mit dem glänzend
präparierten Orquesta tiular del Teatro Real den impressionistisch betörenden
Orchesterklang, begnügte sich mit den Orchestererruptionen in den
Zwischenspielen und bevorzugte bei den Gesangspassagen einen edlen luziden
Klang, die den Stimmen immer genügend Raum zur Entfaltung bot.
Maria Rodriguez (Faust-bal) gab die strenge
Kämpferin und Idealistin des weiblichen Prinzips mit edel dunkeltimbrierten
Sopran, zu dem der etwas herbe Mezzo von Cecilia
Diaz (Amazon) ideal paßte. In schmelzender Vereinigung in der berückenden
betörend erotisch aufgeladenen Athmosphäre die ihre Liebesszene umwehte gelang
Balada wohl eine der schönsten postbelcantistischen Liebesduette.
Während der Mephistopheles sich mit soigniertem Kavaliersbariton von
Lauri Vasar eher in nonchalanter
Zurückhaltung eines edlen Bonvivants übte, fordert Margarito eigentlich den
schneidenden Ton eines Charaktertenors, den der Sänger der Uraufführung, Gerhard
Siegel, auch sicherlich besitzt. Eduardo
Santamaria als eher belcantistisch geführter lyrischer Held, hatte mit
den Tenorausbrüchen da leicht zu kämpfen. Fernando Latorre hätte mit seinem markanten
Baßbariton der von der Regie ihm zugedachten Flüstertüte keineswegs bedurft, die
Sentenz des Richters hätte man von ihm auch so markerschütternd vernommen. Mit
pastos orgelndem Baßton eines Gurnemanz verschaffte sich Stefano Palatchi aus seiner Himmelspyramide
Verhör.
Sehr homogen klangen die bis zum Äußersten geforderten Chöre,
Coro de Ninos de la Communidad de Madrid und der Coro titular del Teatro Real in
der einstudierung Peter Burians.
Joan Fonts Regie im stilisierten
Barockgemäuer von Julien Guillen kann man
zu Gute halten, daß sie den Drive der Vorlage zu ihrem Recht kommen ließ.
Langweilig wurde es nie, alles schien in Bewegung. Nur, das was der zynische
Surrealist Arrabal und mit ihm wohl auch sein Komponist Balada bezweckte, eine
zynische Abrechnung mit den menschenverachtenden Auswüchsen der Zivilisation
nicht nur im letzten Jahrhundert, wollte kaum über die Rampe kommen. Vielmehr
erzählte Font sich von Szene zu Szene hangelnd ein barockes Märchen von Gut und
Böse mit Sense schwingenden Knochenmännern und erotisch braven Amazonen, vom
lieben Gott, der seine Zeitung liest und vom Teufel, der lieber seinen feinen
Samtanzug nebst feingeputzten Schwarzschwanenflügel spazieren führt, als
mephistophelisches Vitriol zu versprühen. So harmlos möchte man heute selbst
nicht einmal einen Calderon aufgeführt wissen. Welche Qualitäten politischer,
soziologisch philosophischer Brisanz dieses Libretto noch in sich birgt, diese
verborgenen Schätze werden andere Regeteams zu bergen wissen.
Trotzdem
ein lohnenswerter Abend und ein kurzweiliger obendrein. Bei welcher Begegnung
mit einer modernen Oper ließ sich das in den letzten Jahren sonst noch
behaupten?
Dirk Altenaer