LULU
23.04.2010
Diese
Produktion war im vergangenen Jahr an der Opéra National de Lyon mit fast
gleicher Sänger-Besetzung herausgekommen und erfreute sich in der Kritik großer
Zustimmung. Es handelt sich dabei um die von Friedrich Cerha ergänzte dreiaktige
Version, die von Puristen immer noch nicht allseitig akzeptiert ist.
Peter
Stein setzt das Werk konventionell nach Libretto-Anweisungen mit viel Feinheit
und Raffinesse, perfekt im Detail und mit ausgefeilter Personenführung in
Szene. Da stimmt einfach alles. Aufreger gibt es allerdings nicht. Szenerie und
Kostüme sind im Stil der Entstehungszeit des Werks in einer Art Bauhaus-Stil und
jeweils sehr liebevoll ausgearbeitet. (Bühne: Ferdinand Wögerbauer; Kostüme:
Moidele Bickel). Das Bühnenbild folgt weitestgehend den Anweisungen des
Librettos.
Der
Prolog (Hereinspaziert!) wird vor einer riesigen Kollagewand von Zirkusplakaten
gespielt. Dabei stecken die jeweils erwähnten Tiere niedlicherweise bei dem
jeweiligen Zitat Kopf oder Schwanz aus dieser Kulisse heraus. Die erste Szene
spielt in einem heruntergekommen Atelier mit einer bühnenhohen Front aus schrägen,
Glasfenstern. Lulu in Modellpose im ganz kurzen schwarzen Kleidchen etwas
lasziv eine Stange haltend, Vater Schön im Gehrock und Sohn in modischem
Knickerbocker-Anzug. Im zweiten Bild des ersten Akts ist die Atelierfensterwand
aufrecht gestellt. Das Licht fällt auf ein gediegenes Interieur aus Designermöbeln.
Gemalt wird hier nicht mehr: der Maler in geckenhaftem Morgenmantel; Lulu mit
Bubikopf im weißen Negligé. In der dritten Szene wechselt der Raum zu der engen
Theatergarderobe, in der sich Menschen drängen.
Für
die erste Szene des dritten Akts ist der Salon des Dr. Schön prachtvoll
erstellt mit einer Treppe nach oben in der Mitte. Natürlich hängt auch hier
Lulus Bild: sie ist kniend dargestellt mit entblößten Oberschenkeln. Die
Geschwitz, in strengem schwarzem hochgeschlossenen Kleid, streichelt die Schenkel auf dem Bild. Im nächsten Bild
herrscht in diesem schönen Salon schon eine ziemliche Unordnung. Der Höhepunkt
der Lulu-Karriere ist überschritten. Das erste Bild des dritten Akts ist in
einem hohen mit roter Seide ausgeschlagenen Salon in Paris angesiedelt,
spärlich bemöbelt mit Louis-XVI-Stühlen. Die Gesellschaft durchweg in
Gesellschaftskleidung tanzt dem Verfall der Jungfrau-Aktien entgegen. Das
letzte Bild: eine ärmliche Dachwohnung;
Kniestöcke zu beiden Seiten, in denen sich die Sorgeberechtigten der Lulu ggf.
verkriechen, und ein Ausgang nach hinten, wo Lulu die immer fataleren Freier
herauf holt.
Alles
in allem ist das packend inszeniert, folgerichtig im Ablauf. Peter Stein zeigt,
dass man keinen Anreißer bringen muss, um das Publikum zu interessieren. Dieser
Stoff spricht für sich elbst.
Bei
der musikalischen Qualität der Aufführung zeigte sich nicht so ein eindeutig
positives Bild. Hervorzuheben sind das Orchester und seine Leitung, die das
Bühnengeschehen technisch fast perfekt symphonisch unterlegten. Das stieß aber
bei einem Teil des Publikums auf weniger Interesse. Gerade bei den
Überleitungspassagen der Szenenwechsel, in denen man sich auf die
überwältigende Qualität der Musik und der Instrumentierung konzentrieren könnte,
dachten wohl einige Besucher sehnsüchtig an ihren Verdi und sein Hm-tata und
begannen sich ungeniert mit ihren Begleitern zu unterhalten. Dabei bekommt man wohl nur selten die Gelegenheit,
diese komplexe Musik von einem so überlegen musizierenden Orchester zu hören,
von den großen Ausbrüchen bis zur fein schimmernden Nuance. Liebhaber dieser
Musik können darüber verschmerzen, dass das Orchester streckenweise zu laut
war. Aber schließlich ist Lulu keine Kammeroper.
Die
Sänger konnten nicht alle das hohe Niveau des Orchesters erreichen. Vor allem
ließ weitgehend die Textverständlichkleit zu wünschen übrig, was natürlich für
das italienische Publikum nicht besonders störend war. Laura Aikin. Ließ sich
erkältet melden, aber es kann angenommen werden, dass das eine Schutzbehauptung
war. Während sie sich zuerst sehr zurückhielt, blühte sie im Verlauf in den
gesungenen Cantabili zusehends auf und brachte ihre glockenhelle, klare Stimme
zur Geltung. Verstehen konnte man sie hingegen nicht. Auch bei den
Deklamationspartien fehlte ihr die Textverständlichkeit und dazu auch das
Volumen in einem Maße, dem das Orchester nicht nachgeben konnte (s.o.). Dass
Franz Mazura einen Tag nach seinem 86. Geburtstag noch den Schigolch zu geben
in der Lage ist, ist aller Hochachtung wert, aber Durchschlagskraft konnte er
nicht entwickeln. Dagegen brachte er den Charakter überzeugend in
resignierendem Gleichmut mit Schlapphut und grauem Mantel.
Natascha
Petrinsky sang die Gräfin Geschwitz mit warmer, schöner Mittellage, aber etwas
spitz in der Höhe. Magdalena Anna Hofmann spielte die beiden Hosenrollen (Groom
und Gymnasiast) unauffällig und sang sie völlig unverständlich.
Am
auffälligsten unter den männlichen Protagonisten war Stephen West als Dr. Schön
und Jack; er beeindruckte mit Stimmgewalt und als Darsteller des erst
bestimmenden und dann von Eifersucht zerfressenen Dr. Schön . Thomas Piffke
konnte als Alwa Akzente setzen und glänzte mit strahlenden Höhen, als er sich
durch den Tod des Vaters emanzipiert endlich um Lulu bemühen kann. Vater und
Sohn konnten aber mit ihrer Textverständlichkeit nicht punkten. Roman Sadnik stellte
den Maler und den Neger dar, drang gesanglich und deklamatorisch gut durch,
verfügte aber nicht über einen kultivierten Tenor. Bei den Nebenrollen wussten
hingegen Rudolf Rosen mit voluminösem, klaren Bass als Tierbändiger und Athlet
sehr gut zu gefallen ebenso wie Robert Wörle mit seiner wuchtigen Erscheinung
in insgesamt fünf Rollen, wobei er dem Prinzen auch stimmlich Profil verleihen
konnte.
Der Beifall des Publikums im zunächst ausverkauften
Haus (nach der zweiten Pause hatten sich die Reihen schon deutlich gelichtet)
war nur höflich; lediglich der Dirigent stellvertretend für das Orchester wurde etwas besser behandelt. Anders
als in Paris scheint man in Mailand keine besondere Affinität zu Stoff und
Musik entwickelt zu haben.
Manfred Langer
Don Giovanni
Teatro alla Scala, 14.02.2010
Starker Auftritt von Erwin Schrott
Es
handelte sich um die Reprise einer Koproduktion mit der Staatsoper Berlin aus
dem Jahre 2006. (Lindenoper 2007). Die Regiearbeit besticht in – man könnte
sagen – klassischer Abstraktion durch Einfachheit, Geschlossenheit und
dramaturgische Stringenz. Die Bühne besteht aus einem großen Kasten, der je
nach Szene blass bläulich oder schwach rosa angestrahlt wird. In diesem Raum
drehen sich zwei große dunkelgraue Wandscheiben in parallele Positionen quer
oder senkrecht zur Rampe oder in schräge und gewinkelte Positionen, wodurch für
jeden Szenenwechsel ein neuer Raum
geschaffen wird. Gleichzeitig werden für die Akteure und den Chor durch die
geänderten Raumkonstellationen stetig wechselnde Auf- und Abtrittsmöglichkeiten
geschaffen, wodurch stereotype Auf- bzw. Abtritte vermieden werden. So zeichnet
sich die Regie (Neueinstudierung: Loranza Cantini) überhaupt durch eine
vorzügliche Personenführung aus, wodurch die fast völlige Abwesenheit von
Requisiten kompensiert wird (kein Register,
keine Tische, Geschirr, Trinkgläser), alles wird aus der Bewegung heraus
dargestellt. Hervorragend wird der Chor mit seinen Bewegungen dramatisch
eingesetzt.
Etwas
platt wirkt der Einfall, Donna Elvira auf einer Vespa auftreten zu lassen. Weil
ihr ungetreuer Ehemann ihr diese zu einer Spritztour wegnimmt, entsteht ein
belustigendes Element. Und zu Beginn des zweiten Akts zeugt die abgestellte
Vespa vor einem der schwarzen Wandelemente davon, wo Elvira logiert. Zusammen
mit dem kleinen weißen Regenschirm die einzigen Requisiten der Vorstellung. Zur
Höllenfahrt werden die Elemente quer nach hinten gestellt, es dringt
Bühnennebel und Feuerschein herein; der Komtur zieht Don Giovanni hinter die
Elemente. Dann folgt die Volksbelehrung.
Die
Kostüme sind von Andrea Schmidt-Futterer:
Die Protagonisten der höheren sozialen Klasse durchweg in Schwarz in zeitlos
wirkenden Fantasiekostümen; Leporello in schwarzen Hosen, weißem Hemd und
schwarz-weiß längsgestreifter Jacke; Zerlina in kurzen weißen Tanzkleidchen und
Masetto ebenfalls in weißem Anzug; die Gesellschaft auch in Weiß.
Das
Orchester spielte perfekt. Louis Langrée legte deutlich mehr Wert auf
Transparenz als auf Brio. Sehr schön wurden die einzelnen Instrumentengruppen
herausgearbeitet. Allerdings ging das Dirigat nicht genügend auf die Sänger ein
(s.u.).
Die
sängerischen und darstellerischen Leistungen wurden von den männlichen Akteuren
dominiert. Vor allen anderen überzeugte Erwin Schrott als Don Giovanni mit
einer enormer Bühnenpräsenz und erotischer Ausstrahlung: in langem schwarzen
ledernen Beinkleid mit hohem Bund und schwarzem vorne offenem Umhang die Brust
freilassend und mit fast schulterlangem lockigen Haar spielte er in jeder Szene
mit großer Glaubwürdigkeit den explosiven Titelhelden mit großer Lebhaftigkeit
und einem Schuss Gewalttätigkeit. Auch stimmlich zählt Schrott in dieser Rolle
zu den Großen. Ihm an der Seite sang Alex Esposito mit kultiviertem Bassbariton
den Leporello nicht minder überzeugend und spielte seine Rolle war zwischen
Pfiffigkeit, Aufmüpfigkeit und großem Selbstbewusstsein. Elvira hätte er sich
am liebsten schon nach der Registerarie gegriffen. Juan Francisco Gatell als
Don Ottavio blieb trotz sauberem leuchtendem Schöngesang blass. Ihm hatte die
Regie keine prägnante Rolle zugewiesen. Er war einfach nur da, weder Held noch
Jammerlappen. Sehr solide auch die Basspartie des Masetto von Mirco Palazzi.
Georg Zeppenfeld mit magerem Bass als Komtur fiel stimmlich stark ab und wurde
im Finale vom Orchester fast unhörbar gemacht.
Bei
den Frauenstimmen bot sich ein gemischtes Bild. Carmela Remigio als Donna Anna
wusste noch mit warmem, etwas dunkel timbrierten Sopran am besten zu gefallen.
Dass mit Emma Bell als Donna Elvira eine weitere dunkel gefärbte Sopranistin
eingesetzt wurde, führte zu einem Mangel an Kontrast. Sie sang undifferenziert
und beherrschte sie in den Höhen ihr Volumen und ihr Vibrato nicht, so dass die
Ensembles aus dem musikalischen Gleichgewicht gerieten. Hier hätte der Dirigent
besser hinhören und leiten müssen. Veronica Cangemi als Zerlina mit silbrig
beweglichem Sopran und guter Bühnenpräsenz rundete das insgesamt starke
Sängertableau ab.
Das
Haus war vollbesetzt; das Publikum - nicht immer konzentriert – spendete eher
verhaltenen Beifall. Mozart-Opern rufen bei Italienern keine Euphorie hervor.
Manfred Langer