DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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http://www.sng-mb.si/de/

 

 

L’ITALIANA IN ALGERI

Premiere am 7. 3.2014 - Besuchte Aufführung: 16. 3. 2014

Prall-vergnüglicher Rossini!

„Die Italienerin in Algier“ war Rossinis erste opera buffa – und sie war sofort ein Riesenerfolg: Bei der Uraufführung am 28.Mai 1813 in Venedig unter Rossinis Leitung gab es Wiederholungen der meisten Nummern. Unglaublich, welch überaus spritzig-wirbelnde Musik der 21-Jährige da in rund 20 Tagen geschrieben hatte! Heute – über 200 Jahre später – ist der Opernfreund gerade bei dieser Oper sicher geprägt von der wunderbaren Ponnelle-Inszenierung an der Wiener Staatsoper aus dem Jahre 1994 unter Claudio Abbado mit der umwerfenden Agnes Baltsa in der Rolle der Isabella. Diese Inszenierung wurde zum Klassiker, was zur Übernahme durch viele Opernhäuser (wie der Metropolitan Opera in New York, der Bayerischen Staatsoper München sowie der Oper Köln) führte – mit Marilyn Horne als Isabella kann man auch heute noch  diesen Klassiker von Jean-Pierre Ponnnelle in der Met-Produktion auf youtube in voller Länge miterleben.

Diese Isabella „ist unter all den gewitzten jungen Frauen, die in Rossinis Opern mit Erfolg um ihr Lebensglück kämpfen, mit Abstand die verwegenste. Es schreckt sie nur kurz, dass sie auf der Suche nach ihrem von Piraten geraubten Geliebten Lindoro selbst auf dem Sklavenmarkt von Algier landet, zumal sie just in dem Serail, in das sie samt ihrem Begleiter Taddeo gerät, Lindoro als Sklaven des Beys Mustafa wiederfindet. Mustafa, der ihrem Charme restlos verfällt, will sie zu seiner Frau machen und seine rechtmäßige Gemahlin Elvira loswerden, indem er sie mit Lindoro verheiratet. Doch Isabella führt den Bey so lange kokett an der Nase herum, bis sie mit Lindoro einen Plan ausgeheckt hat, der ihr und Lindoro die Flucht ermöglicht, sie von den lästigen Nachstellungen Taddeos befreit und Mustafa wieder mit Elvira versöhnt.“ (Soweit die kurze Inhaltszusammenfassung aus dem sehr empfehlenswerten Buch „Who’s who in der Oper“ von Silke Leopold und Robert Maschka – das gebrauchte Taschenbuch ist übrigens derzeit um € 0,01 erhältlich!)

Wenn ein Haus dieses Werk auf den Spielplan setzt, dann muss es vor allem über eine überzeugende Besetzung der Titelfigur haben, der es gelingt szenisch und musikalisch die Fäden zusammenzuhalten. Und da liegt die Latte hoch, wenn wir an die schon genannten Diven Agnes Baltsa und Marilyn Horne denken! Und Marburg hat tatsächlich eine junge aufstrebende Sängerin im Ensemble, die nach ihren Erfolgen im Trittico und als Amneris (nachzulesen in den OF-Berichten vom September und November 2013) einen neuerlichen, zu Recht umjubelten persönlichen Erfolg erzielen kann – die erst 27-jährige Argentinierin Guadalupe Barrientos. Sie wird ihren Weg machen, wie ihre Engagements der nächsten Zeit zeigen.

Die szenische Umsetzung stammt vom italienischen Regisseur Pier Francesco Maestrini. Er ist in Marburg wohlbekannt – zuletzt inszenierte er hier 2012 einen handfest-biederen „Elisir d’amore“ und 2013 die altbacken-pathetische „Aida“ – er arbeitet weltweit an mittleren Bühnen zwischen Beijing, Cagliari und São Paulo. Diesmal ist ihm gemeinsam mit dem Ausstatter Luca Dall’Alpi und der Lichtdesignerin Fiammetta Baldisserri wirklich ein ausgezeichneter Wurf gelungen, der im ausverkauften Haus begeistert aufgenommen wurde. Das Stück spielt in einem nordafrikanischen Wüsten-und Ölstaat. Mustafa ist ein skurriler Diktator (samt einem kleinen Sohn als lächerliche Kopie). Schon während der Ouvertüre erlebt man Mustafa im riesigen Bett sich abwechselnd mit seiner Ehefrau Elvira und deren Vertrauter Zulma vergnügen, sein Serail ist anstelle von Eunuchen von Transvestiten bevölkert. Seine Kampftruppe schießt über dem Wüstenhimmel ein Flugzeug ab, dessen italienische Passagiere dann gefangengenommen werden. Das alles ist in grell-bunten, dennoch stimmungsvollen und sehr praktikablen, weil rasch leicht zu wechselnden Bühnenbildern mit viel Humor und Augenzwinkern, aber ohne jeglichen Krampf inszeniert – einfach köstlich!

Dazu kommt eine wirklich sehr gute Besetzung mit der schon erwähnten Guadalupe Barrientos in der Titelpartie an der Spitze. Sie ist ganz einfach eine Wucht – anders kann man es nicht sagen! Schon bei ihrem ersten Auftritt überwältigt sie mit ihrer körperlichen Massigkeit und stöckelt skurril, aber gleichzeitig überaus charmant auf High-heels über die Bühne. Und dazu singt sie ihre Arie „Cruda sorte, tiranno amor“ mit großer dunkler Stimme, die durchaus auch die Koloraturen schafft, überaus überzeugend. Mustafa ist der Brasilianer Savio Sperandio – ein mächtiger Bass, der auf allen südamerikanischen Bühnen das erste Fach singt (Fafner, Hunding), aber auch in Europa in einer Reihe von Rollen bei Rossini-Festivals präsent war. Er überzeugt in dieser Rolle durch seine drastische Gestaltung – manchmal wünscht man sich seine Stimme zentrierter und ein wenig beweglicher, aber insgesamt eine auch in ihrer Wandlungsfähigkeit überzeugende Leistung. Wunderbar, wie er sich letztlich vom arabischen Diktator mit wirrem Haar und wüstem Bart zum (auch in den Bewegungen köstlichen) Berlusconi-Imitat wandelt. Das ist übrigens ein bezwingender Regieeinfall, den orientalischen Potentaten und Frauenverehrer in den „Pappataci“ umzuwandeln, der nichts sehen, nichts hören und sagen soll, dafür aber Spaghetti und Pizza im Übermaß genießen darf und wieder seiner Gattin Elvira zugeführt wird, während Isabella, Taddeo und Lindoro per Schiff entschwinden – das Schiff wird von den Köchen mit ihren Pizzaschaufeln gerudert – ein reizendes Schlussbild!

Aber auch die übrigen Partien sind sehr gut besetzt. Der beliebte Marburger Haustenor Martin Sušnik ist als Lindoro absolut rollendeckend- er bewältigt die Rossini-Phrasen mit heller Stimme und sicheren Höhen sehr gut. Wer sich von ihm einen optischen und akustischen Eindruck verschaffen will, der sei auf youtube verwiesen – da gibt es viele Aufnahmen von ihm – leider keinen Lindoro, der ihm besonders liegt. Ein weiteres verdientes Mitglied des Hausensembles ist Jaki Jurgec, der diesmal als Taddeo schauspielerisch, aber durchaus auch stimmlich in seinem Element ist. Die undankbare, weil stets larmoyante Rolle der vernachlässigten Ehefrau Elvira gestaltet die in Graz ausgebildete Andreja Zakonjšek Krt sehr gut- mit klarem Sopran führt sie die Ensembles sicher an. Den Haly singt Darko Vidic (aus dem bekannten slowenischen Oktett) markant und die Mezzosopranistin Amanda Stojovic ergänzt als adrette Zulma das Ensemble sehr schön. Ein besonderes Lob gilt dem animiert spielenden und kräftig singenden Herrenchor (Leitung: Zsuzsa Budavari-Novak). Auch die große Statistenschar muss unbedingt positiv erwähnt werden.

Vor allem ist diesmal aber auch das Sinfonische Orchester SNG Maribor zu loben. Das junge Ensemble zeigte konzentriertes Musizieren und manch schöne Soli bei Oboe, Flöte, Horn (dieses wenn auch am Ende mit kleinen Unebenheiten). Marburg hat im Moment keinen Chefdirigenten – dem Haus ist in dieser Situation zu gratulieren, dass für die neue Produktion der erfahrene italienische Maestro Gianluca Martinenghi gewonnen werden konnte. Er sorgte für federnden Rossini-Klang, führte die diffizilen Ensembles in ausgewogene Temposteigerungen und hielt Orchester und Bühne mit sicherer Hand zusammen . Und so gab es einen ausgezeichneten Gesamteindruck – Marburg hat wieder einmal bestätigt, dass hier Leistungen möglich sind, die so manch einer von einem Theater dieser Größenordnung wohl nicht erwartet – ein Besuch in Marburg lohnt und diese Produktion sollte unbedingt wieder aufgenommen werden!

Hermann Becke, 17.3.2014

Szenenfotos: SNG Maribor, © Tiberiu Marta

 

 

 

AIDA

Premiere am 29. 11.2013

Hohle Opernkonvention mit sängerischen Lichtblicken

Wenn man diese Kostümentwürfe einige Tage vor der Premiere auf der (erfreulicherweise dreisprachigen!) Homepage der Marburger Oper sieht, 

dann glaubt man zu wissen, welche Art von Inszenierung zu erwarten sein wird. Als langjähriger Beobachter der Opernszene hat man ja bei der Aida einiges erlebt – die Erinnerung reicht von Inszenierungen, die sich an der auf phallisch-totemistische Symbole reduzierten Wieland-Wagner-Produktion im Berlin der 60-er Jahre orientierten über den antiquierten Pomp der Massenaufmärsche in der Arena von Verona bis zu Peter Konwitschny, dessen in Graz zunächst vehement abgelehnte reduktionistische Kammerspielversion danach geradezu als Kultinszenierung durch Europa wanderte. Wie will also eine kleine slowenische Bühne dieses Stück heute gültig umsetzen?? Ich gestehe gerne, dass ich mich zwar mit wohlmeinender Neugierde, aber mit vielen zweifelnden Fragen nach Marburg zur Premiere aufgemacht hatte.

Wie werden die Massenszenen bewältigt? Kann man in historisierenden Kostümen spannendes und zeitgemäßes Theater machen? Wie steht es mit der Orchesterbesetzung? (Hatte doch Verdi mit einer keinen Widerspruch duldenden Bestimmtheit für die Streicher 14 erste, 12 zweite Geigen, 12 Violoncelli und 12 Kontrabässe vorgeschrieben!) Und vor allem: wie werden die Solisten sein?

Um es gleich vorweg zusammenzufassen: die Marburger Oper hat in der letzten Zeit wesentlich überzeugendere Produktionen zustande gebracht – z.B. im Mai dieses Jahres den Eugen Onegin auf überregionalem Niveau. Von der Aida kann man das leider nicht sagen. Heben wir uns die erfreulichen Aspekte dieses Aida-Abends für den Abschluss dieses Berichts auf und beginnen wir mit dem entscheidenden Schwachpunkt. Marburg hat für die szenische Umsetzung ein italienisches Team eingeladen: Pier Francesco Maestrini (Regie), Alfredo Troisi (Bühne) und Luca Dall’Alpi (Kostüme).In einer Pressausendung war zu lesen, der Regisseur wolle „die fast barbarische Ursprünglichkeit betonen und entgegen üblichen Inszenierungen dies in Einklang mit altägyptischen Ikonographien bringen“, optisch solle „die urzeitliche Qualität der Nil-Wüsten, die majestätischen Schönheiten ägyptischer Felsformationen und der warme Ton der Erdfarben“ sichtbar werden. ). Leider muss man sagen: es war lediglich eine Ansammlung von altmodischem Kulissentheater, von optischem Kitsch, von ständigem Händeringen des Chors und der zahlreichen Statisten - keinerlei individuelle Personenführung, die die menschlichen Spannungen zwischen den Protagonisten verdeutlicht hätte! Das folgende Bild des Triumphaktes zeigt besser als alle Worte, was da an hohler Opernkonvention zu sehen war:

Offenbar wollte der Regisseur zeigen, das Ganze sei nur die Wiederbelebung einer altägyptischen Begebenheit. Denn während des Vorspiels sieht man zunächst, dass ein Archäologe – etwa der Ägyptologe Mariette-Bey, der für Verdi das ursprüngliche Konzept für die Aida verfasste?? – an einem Seil in ein Felsengrab herabgelassen wird, die Wandbilder mit der Taschenlampe betrachtet und ein mumifiziertes Paar – wohl Aida und Radames – in die Höhe ziehen lässt. Die Episode ist gerade so kurz wie das Vorspiel – dann öffnet sich die Felswand und gibt den Blick frei auf Ramphis und Radames – die Oper beginnt. Diese einleitende Ägyptologen-Episode wird im Laufe des Abends nicht mehr aufgegriffen, lediglich am Ende verharren Aida und Radames genau in der Stellung des mumifizierten Paares, das zu Beginn vom Ägyptologen geborgen wurde. Der Leser möge selbst beurteilen, ob dies ein ausreichender Ansatz für eine zeitgemäße Umsetzung von Verdis Aida ist…….. Nun aber genug der Worte über die Inszenierung, wenden wir uns der musikalischen Seite zu – da ist durchaus auch über Erfreuliches zu berichten.

Die ersten gesungenen Töne lassen aufhorchen: der Ramphis des Gastes Luciano Montanaro hat mit großer warmer Stimme das nötige Gewicht und ist auch in all seinen weiteren Szenen eine sehr gute Besetzung. Das Marburger Ensemble bewährt sich mit Andreja Zakonjšek Krt (Priesterin), Martin Sušnik (Bote) und Valentin Pivovarov (König) ausgezeichnet – all  drei sind hier optimal besetzt. Und das Stammensemble verfügt auch über eine Sängerpersönlichkeit, die am Ende verdient den weitaus größten Beifall bekam: die erst 27-jährige Guadalupe Barrientos lieferte ein erstaunliches Rollendebut als Amneris. Das ist eine wahrhaft reiche und gesunde Stimme mit markantem Timbre, die die große Bandbreite der heiklen Partie erfüllen kann. Natürlich wird noch weiter am Feinschliff zu arbeiten sein – z. B. an den heiklen Einsätzen nach dem Chor der Sklavinnen in der 1.Szene des 2.Akts „Ah, vieni, vieni, amor mio“. Wirklich eindrucksvoll gelingt ihr das Duett mit Radames und die Gerichtsszene im 4.Akt. Sie ist auch die einzige, die durch ihre stimmliche Präsenz und ihre natürliche Spielbegabung eine überzeugende Figur auf die Bühne stellt. Auf ihren weiteren Weg kann man gespannt sein.

Amonasro ist mit dem Brasilianer David Marcondes besetzt. Die Interpretation dieser Figur ist durch die vom Regisseur offensichtlich gewünschte „barbarische Ursprünglichkeit“ geprägt. Da erlebt man einen entfesselten Kämpfer, der eher aus dem Urwald als aus dem äthiopischen Königshaus zu stammen scheint. Dieser Eindruck wird auch noch dadurch unterstrichen, dass Amonasro im Nilakt nicht allein auftreten darf, sondern von zwei weiteren Urwaldkämpfern begleitet wird. Diese Interpretation der Rolle verleitet den jungen brasilianischen Bassbariton dazu, sein respektables Material schonungslos einzusetzen. Die große Verdi-Kantilene bleibt da leider auf der Strecke. Marcondes, von dem im Internet auch Escamillo-Aufnahmen zu hören sind, wäre zu empfehlen, an einer schlankeren Stimmführung zu arbeiten.

Bleibt also das Paar Aida- Radames - und da fällt mein Urteil zwiespältig aus. Unüberhörbar (aber auch unübersehbar) ist, dass Elena Lo Forte und Renzo Zulian erfahrene Sängerpersönlichkeiten sind, die ihre Partien schon auf vielen Bühnen gestaltet haben. Gerade deswegen ist es zu bedauern, dass sie die Regie nicht zu einem bewegenden und individuellen Rollenprofil geführt hat. Nie wird spürbar, dass Aida in zwei Konflikte eingebunden ist – in eine Dreiecksgeschichte und in den Widerstreit zwischen Kindespflicht und Liebe. Und ebenso wenig wird die Rolle des Radames gestaltet. Die Regie schien sich darauf zu beschränken, zu regeln, wer wo auftritt und in welchen Stellungen die beiden bei ihren Arien und Duetten zu verharren haben. So blieb den beiden nur stereotype Operngestik – nie entwickelte sich Spannung. Dazu kommt, dass Elena Lo Forte wohl ihren stimmlichen Zenit schon hinter sich hat. Ihr an sich schön timbriertes Sopranmaterial ist dunkel geworden, nicht immer ist die Stimme zentriert und die Spitzentöne werden nur mit merklicher Anstrengung erreicht. Helle jugendliche Töne fehlen ihr – man sich die schöne reife Frau derzeit eher als Santuzza (die sie eben mit dem Regisseur Maestrini in Sao Paulo gemacht hat) oder gar als Carmen (die sie im Vorjahr in Lazio gesungen hat - hier auf youtube) vorstellen. Auch dem Venezianer  Renzo Zulian fehlt jugendliches Feuer, allerdings bewältigt er den Radames durchaus mit eindrucksvollem Metall in der Stimme und sicheren Höhen. Die von Verdi im Schlussduett (und nicht nur dort!) geforderten Legatophrasen im pianissimo kann dieses reife Paar nicht bieten.

Marburg hat leider seinen bisherigen Chefdirigenten Benjamin Pionnier verloren. Sein Vertrag wurde im gegenseitigen Einvernehmen – so die offizielle Information – aufgelöst. Ein Nachfolger wird gesucht. So übernahm der Italiener Francesco Rosa die Aida-Produktion. Er begann den Abend etwas farblos und hatte auch zeitweise genug damit zu tun, Bühne und Orchester zusammenzuhalten. Natürlich konnte er sich nicht auf jene eingangs erwähnte und von Verdi für die Aida ausdrücklich geforderte Streicherbesetzung stützen, aber insgesamt war es dann doch eine solide Leistung. Der verstärkte Chor (Leitung: Zsuzsa Budavari Novak) war ausreichend – besonders schön gelang der breit angelegte Priesterchor in der 5.Szene des 1.Akts. Marburg hatte alle Kräfte für diesen Abend aufgeboten – neben einer großen Statistenschar auch die Ballettgruppe des Hauses (Leitung: Edward Clug). Der von Verdi vorgesehene „Tanz der kleinen Mohrensklaven“ war recht geschickt durch einen Solotänzer ersetzt, der faungleich die Sklavinnnenschar erschreckte. Im Triumphakt gab es Tanzeinlagen, die eher an Indianertänze als an altägyptische Ritualtänze (die eigentlich die eroberten Schätze präsentieren sollten) erinnerten.

Der geneigte Leser merkt, dass ich an diesem Abend von der Gesamtleistung eher enttäuscht war – aber eines sei der Fairness halber festgehalten: Es ist ein Markenzeichen des Marburger Hauses, dass das Publikum hier die gängigen Werke der Opernliteratur in einer konventionellen szenischen Umsetzung erleben kann. Mit dieser Programmpolitik zog das slowenische Nationaltheater auch an diesem Abend einen wesentlichen Publikumskreis aus dem benachbarten Österreich an. Und in den Pausengesprächen war zu hören, dass österreichische Gäste vom szenischen Ansatz dieser Produktion durchaus angetan waren. Es fielen Sätze wie: „endlich einmal keine Maschinengewehre in einer Verdioper“, „man kennt sich aus und kann der Handlung folgen“. Also: einen spezifischen Kreis von Operninteressierten konnte man, so scheint es, befriedigen –und das ist ein durchaus nicht zu unterschätzender Erfolg!

Für mich sieht allerdings zeitgemäße Verdi-Interpretation anders aus. Dass dies auch einem kleinen Haus beeindruckend gelingen kann, hat das nahe gelegene Klagenfurt unlängst mit dem „Macbeth“ in der Regie von Cesare Lievi brillant bewiesen – nachzulesen im Opernfreund.

Hermann Becke, 30.11.2013

Szenenfotos: SNG Maribor, Tiberiu Marta

Weitere Aufführungstermine in Marburg/Maribor und in Laibach/Ljubljana: Slowenisches Nationaltheater

 

 

 

IL TRITTICO

( Il tabarro, Suor Angelica, Gianni Schicchi)

Premiere: 27.9.2013

Die Saison wird mit den drei Puccini-Einaktern eröffnet, die als Gesamtheit für Maribor/Marburg eine Erstaufführung sind. Suor Angelica ist überhaupt zum ersten Mal in Marburg zu sehen. Vorweg zwei Dinge: Erfreut kann man feststellen, dass in den letzten Jahren immer mehr Opernhäuser dem ausdrücklichen Wunsch von Puccini folgen und den kompletten dreiteiligen Zyklus aufführen statt beliebige Kombinationen zu wählen – wie z.B. die Met in den Nachkriegsjahren es mit der Koppelung Gianni Schicchi/ Salome unter Mitropoulos und Reiner tat ! Und ebenso erfreut kann man registrieren, dass ein Theater der Größenordnung von Marburg es durchaus überzeugend schafft, diese personenreichen Stücke auf die Bühne zu bringen.

Puccini dachte zuerst daran, Einakter nach Texten von Gorki zu schreiben. Dann aber entschied er sich gleichsam für eine Dante-Trilogie bestehend aus einem naturalistischem Schauerstück, einem Mysterienspiel und einer schrillen Komödie - der erste Einakter das Inferno des menschlichen Elends, der zweite Teil als Purgatorium und der heitere dritte Einakter (nun wirklich nach Dante) das Paradies. Als alle drei Teile fertig waren (es wurde das letzte vollendete Werk Puccinis) schlug ein Freund als Titel „Il trittico“ im Sinne eines Flügelaltars vor. Wie sehen also diese drei Flügel in der Marburger Premiere aus?

Marburg setzte auf ein im Wesentlichen aus der vorigen Saison bekanntes Team. Regisseur ist der Belgier Paul-Emile Fourny. Er inszenierte hier den Don Giovanni (siehe dazu den Opernfreund-Bericht vom März 2013) und ist Direktor der Oper in Metz. Und mit den Opernhäusern von Metz und Tours in Frankreich kooperiert das Slowenische Nationaltheater Maribor (SNG Maribor) bei dieser Produktion. Die Kostüme stammen so wie bei Don Giovanni von der Italienerin Giovanna Fiorentini, Bühne und Licht diesmal vom Franzosen Patrick Méeüs. Die Bühne dominiert in alle drei Akten eine schräge Bretterebene – wohl die Bretter, die die Welt bedeuten. Mit wenigen Kisten und Lasten und einer quer über die ganze Bühne führenden Brücke sowie einer Hintergrundprojektion der Notre Dame de Paris und vor allem mit einer guten Ausleuchtung wird für „Il tabarro“ eine praktikable und stimmungsvolle Szenerie geschaffen.

Für die „Suor Angelica“ wird der Bretterboden zum Kirchenraum, aber auch zum Wiesenboden im Klostergarten mit einem den Raum teilenden Bach, in dem sich zunächst die jungen Nonnen spielerisch bewegen und der dann zur Trennlinie zwischen der Realität und der Traumwelt Angelicas wird. Auch hier wird durchaus stimmungsvoll mit Projektionen gearbeitet.

In „Gianni Schicchi“ ist der Bretterboden Fundament eines düsteren Schlafzimmers, das neben dem Bett mit allerlei Mobiliar, vor allem aber mit der skurrilen Donati-Familie bestückt ist, die köstlich kostümiert und geschminkt geradezu ein Bühnenbild-Bestandteil ist.

Der Bühnenbildner, der auch gleichzeitig der wirkungsvolle Lichtdesigner ist, und die Kostümbildnerin haben damit dem Regisseur einen sehr guten Rahmen geboten, in dem die drei völlig unterschiedlichen Themen präsentiert werden können. Diese Chance wurde leider im Eingangsstück gar nicht genutzt. Die Regie kam da nicht über konventionelles Arrangement mit ebenso konventionellen Operngesten hinaus – keine Spur von knisternder Spannung in der Dreiecksgeschichte der jungen Frau zwischen zwei Männern. Der penible Puccini hatte mit seinem Librettisten Giuseppe Adami genau das Alter der drei Protagonisten vorgegeben: „Michele, 50 anni – Giorgetta, 25 anni – Luigi, 20 anni“. Diesmal erlebte man eine reife Frau (noch dazu im Overall ungünstig gekleidet!) zwischen zwei jungen Männern – und das war nicht nur optisch, sondern auch stimmlich so:

Nadia Vezzù ist eine erfahrene Sängerin, die die Giorgetta an vielen (mittleren) Häusern gesungen hat (Modena, Ferrara, Pisa, Ravenna, Udine, Livorno, Bozen). Das war routiniert gesungen, sicher, aber leider ohne jugendlich-verführerische Ausstrahlung. Da waren die Männer andere Kaliber: der französische Tenor Florian Laconi ist ein kraftstrotzender Luigi mit sicherer metallischer Höhe (einige „Schluchzer“ sollte er sich noch abgewöhnen) - und vor allem ist der baumlange, gerade erst 34 Jahre alte Ungar Károly Szemerédy ein mit dunklem Bassbariton auftrumpfender Michele, der stimmlich beeindruckt. Auch er blieb allerdings darstellerisch blass und offenbar von der Regie alleingelassen. Dazu kam, dass das Orchester unter dem erstmals in Marburg dirigierenden Italiener Claudio Maria Micheli im „Tabarro“ wenig konturiert und wenig spannungsvoll spielte. Es kamen weder die impressionistischen Valeurs der Quartakkorde in der Einleitung, noch die Grellheit des an Strawinsky erinnernden Flitterglanzes der Nebenfiguren, noch die spannungsvoll-dramatische Wucht des Michele-Monologs gebührend heraus. Kein Wunder, dass es am Schluss dieses ersten Teiles nur wenig Beifall gab – es war nicht gelungen, das Publikum zu packen. Das Marburger Opernensemble hat durch Dušan Topolovec (Tinca), Jaki Jurgec (Talpa), Irena Petkova (Frugola) und Martin Sušnik (Liedverkäufer mit der berührenden Bohème-Reminiszenz) mit soliden stimmlichen Leistungen die drei Protagonisten sehr gut ergänzt.

Nach der ersten Pause änderten sich der Eindruck und auch die Reaktionen des Publikums vollkommen. In der „Suor Angelica“ war dem Regisseur eine packende Umsetzung gelungen. Er hatte Ideen eingebracht, die nicht im Libretto stehen, die aber ein schlüssiges Ganzes ergaben – die bedrohliche Erscheinung der fürstlichen Tante wird in eine Traumwelt versetzt, in dieser Traumwelt Angelicas erscheinen als stumme Figuren auch ihre Eltern, ihr Liebhaber , eine weibliche Gestalt, die ihr den Giftbecher reicht sowie am Schluss auch ihr Sohn - einsam und nicht von der Jungfrau Maria begleitet. Das Ganze wird mit sparsamen Mitteln szenisch konsequent umgesetzt, aber vor allem: da stehen zwei Persönlichkeiten auf der Bühne, die große Ausstrahlung haben und überzeugen:

Die Italienerin Fernanda Costa steht seit 30 Jahren auf internationalen Bühnen. Als Suor Angelica verkörpert sie nicht die junge Nonne, sondern eine verzweifelte Frau am Ende ihres Weges. Wenn auch die ersten Phrasen noch etwas unruhig erklingen, so steigert sie sich im Laufe des Stückes zu einer großartigen stimmlichen Leistung. Die Gestaltung der berührenden Szene „Senza mamma, o bimbo, tu sei morto“ mit dem hohen A im Pianissmo berührt. Aber genauso eindrucksvoll überstrahlt sie mit dem hohen C das Damenensemble aus Chormitgliedern und Solistinnen. Ihr Gegenpol ist im Stück „La Zia Principessa“. In dieser Inszenierung ist sie in eine skurril-bedrohliche Traumfigur verwandelt, die von der blutjungen Argentinierin Guadalupe Barrientos erstaunlich eindrucksvoll gestaltet wird. Da wächst ein Bühnentalent ersten Ranges heran, wie sich dann auch im Gianni Schicchi bestätigen wird. Als Principessa besticht sie durch scharfe Artikulation, sonore Tiefe und Spielfreude. Die Damen des Marburger Ensembles – allen voran Valentina Čuden, Dada Kladenik, Irena Petkova, Marija Zelko bestehen neben diesen beiden dominierenden Protagonistinnen sehr gut und mit jeweils eigenem Profil. Plötzlich scheinen auch Dirigent und Orchester wie ausgewechselt – es wird plastisch musiziert. Großer Beifall des Publikums.

Der „Gianni Schicchi“ ist das virtuos überdrehte Schlussstück. Es beginnt damit, dass Buoso Donati mit dem einleitenden Fortissmo-Schlag des Orchesters beim Entkorken einer Weinflasche tot umfällt. Sein Leichnam bleibt präsent, bis er von Gianni Schicchi abtransportiert wird.

Der Michele hat sich nun in den schlauen Gianni Schicchi verwandelt. Károly Szemerédy profiliert sich hier als scharf artikulierender Drahtzieher. Ich bin sicher, dass er eine internationale Karriere machen wird. Er vereint eine blendende Bühnenerscheinung mit einem markanten und in allen Lagen ausgeglichenen Bassbariton. Um ihn herum gruppiert sich das blendend gelaunte Ensemble der Marburger Oper mit genau gezeichneten Charakteren.

Die meisten von ihnen hatten sich schon im ersten und/oder zweiten Teil bewährt. Neu dazu kam Valentin Pivovarov als bassgewaltiger Simone. Guadalupe Barrientos als Zita ist hier eine völlig anders geartete, ebenso virtuos gestaltete „Alte“ und Martin Sušnik nutzt seine Chance, sich mit einem kräftigen Rinuccio zu profilieren. Ihm zur Seite gibt es eine altjüngferlich karikierte Lauretta von Andreja Zakonjšek Krt. Das Wesentliche an ihnen allen ist, dass die Gesamtleistung im Vordergrund steht. Als Publikum genießt man die Spiel- und Sangesfreude, wenn auch an der Präzision der Ensembles noch gearbeitet werden kann.

Nach einem Abend mit fast Wagner-Ausmaßen von vier Stunden gibt es noch lebhaften und langen Beifall des Publikums für alle Ausführenden – mit doch deutlichen Nuancen: die jungen Károly Szemerédy und Guadalupe Barrientos können sich über einen verdienten Erfolg freuen und werden ihren Weg machen!

Und am Schluss noch eine erfreuliche kulturpolitische Ergänzung:

Vor Beginn der Vorstellung informierten der Direktor der slowenischen Nova KBM Bank - sie ist in dieser Saison der Hauptsponsor – und der Direktor des Slowenischen Nationaltheaters Maribor Danilo Rošker das Publikum und die anwesenden Politiker über das Projekt MIKRODONACIJE (Mikro- Spenden), die den Slogan des Marburger Theaters INVESTITIONEN IN DIE KULTURELLE ZUKUNFT widerspiegelt. Mit diesem Projekt wird Kindern und Jugendlichen der Besuch von Aufführungen ermöglicht. Besucher können für dieses Projekt beim Kartenkauf spenden – ein vorbildliches Projekt!

Hermann Becke                          Alle Fotos: SNG Maribor, Tiberiu Marta

 

Nächste Aufführungstermine:

29.September, 1., 3., 5.,7. Oktober 2013 sowie 10. und 12.April 2014

 

Hinweise zu den beiden aufstrebenden Solisten:

Website Károly Szemerédy

Guadalupe Barrientos ist als Charlotte in Massenets Werther zu hören und zu sehen:


und ein CD-Tipp:

Mirella Freni hat 1991 (nur) für diese CD-Produktion in allen drei Teilen des „Trittico“ die weiblichen Hauptrollen gesungen – sehr empfehlenswert!

 

 

 

 

 

 

EUGEN ONEGIN

Hohes überregionales Niveau

Premiere: 24.5.2013

Das Slowenische Nationaltheater Maribor (SNG Maribor) hat sich diesmal selbst übertroffen. Ich kann nur dringend raten: rasch hinfahren – bis zum 3.Juni gibt es nur mehr fünf Vorstellungen! Das Bühnenbild und das Regiekonzept stammen aus einer Produktion der Oper von Lille im Jahre 1997. Es war damals die erste Opernregie des anerkannten Theatermanns und Puschkin-Spezialisten Ivan Popovski, der nun das damalige Konzept für Marburg neu belebte. Tschaikowski hatte seinen Eugen Onegin ganz bewusst nicht als Oper, sondern als „Lyrische Szenen“ bezeichnet - und das hat Ivan Popovski in einem sparsamen, ungemein poetischen Bühnenbild mit wunderschönen Kostümen (Suzana Rengeo) überzeugend umgesetzt. Die Szene wird von einer weiten Himmelprojektion in wechselnden Stimmungen im Hintergrund beherrscht. Aus dem Schnürboden senken sich dann je nach Szene einzelne Elemente, die aber nie die Weite des Raums einschränken. Im 1.Akt gibt es nur eine Bank und einen mit Bändern geschmückten Maibaum, den die Bauern zu einem Bändertanz und Lenski mit Olga für ihr Tändeln nutzen.

Dieses Konzept ermöglicht rasche Szenenwechsel ohne dass der Vorhang fallen muss. In der Briefszene gibt es nur ein Fensterelement, in der darauf folgenden Festszene wandelt sich die Himmelsprojektion in einen Saal, der durch wenige Säulen gegliedert ist. Diese Säulen wandeln sich dann in der Duellszene blitzschnell in einen winterlichen Wald, während im dritten Akt wiederum die Säulen und eine Palastprojektion erscheinen. Alles ist sehr sorgfältig und stimmungsvoll ausgeleuchtet. Ivan Popovski  führt die Personen klug und mit sparsamen Gesten. Immer hat man den Eindruck von großen belebten Gemälden. Die drei Hauptpersonen Lenski, Onegin und vor allem Tatjana scheinen oft ein wenig außerhalb dieser bewegten Bilder zu stehen und damit ganz werkgerecht weniger in der Realität als vielmehr in ihren Träumen zu leben – für mich eine ideale Umsetzung der Puschkin-Figuren und der Tschaikowski-Musik. Man versteht, dass der Mazedonier Ivan Popovski für seine Bühnenarbeiten von Russland  vor einigen Jahren mit dem Puschkin-Orden für seine Verdienste um die Verbreitung der russischen Kultur ausgezeichnet wurde. In sein Konzept ist auch eine wunderbare tänzerische Gestaltung eingegliedert, die der Choreograph und Regieassistent Aleksej Molostov mit dem Ballettensemble der Marburger Oper gestaltet. Die Übergänge zwischen Tanz und bewegten Ensembles von Chor und Statisten sind fließend und fügen sich ideal in Tatjanas Traumwelt ein.

Zu dieser idealen szenischen Gestaltung kommt der Glücksfall einer wirklich sehr guten musikalischen Umsetzung. Marburg hat eine  junge, optisch attraktive und aufstrebende Besetzung aufgeboten – wenn ich es richtig sehe, gab es in den Hauptrollen durchwegs Debuts. Die zentrale Rolle des Stücks ist Tatjana, eine typische Figur der russischen Literatur mit reicher Innenwelt und starker moralischer Haltung. Sie bleibt selbst in der einzigen Szene, wo sie nicht auf der Bühne steht,  musikalisch präsent, ist doch das Hauptthema der Lenski-Arie ident mit dem großen Melodiebogen der am Ende des 1.Akts bang auf Onegins Antwort wartenden Tatjana. Sabina Cvilak, gebürtige Marburgerin, hat in Graz studiert und ist nach den Jahren 2004 und 2005 im Studio der Wiener Staatsoper nun auf einem sehr erfolgreichen Weg zu einer international anerkannten Sopranistin. Nach einer Nedda-Serie in Helsinki und einer Asien-Tournee mit Andrea Bocelli in diesem Frühjahr hat sie nun in Marburg ihre erste Tatjana erarbeitet. Ihr gelingt es nicht nur, die jugendlich-melancholische Tatjana des 1. und 2.Akts von der damenhaften Fürstensgattin des 3.Akts darstellerisch überzeugend abzusetzen. Auch stimmlich ist sie eine überzeugende Tatjana. Ihre herb-eigenständig timbrierte Stimme verfügt über eine reiche Klangpalette mit sehr schönen Piano-Phrasen. In der Briefszene konnte man sich noch bei einigen (wenigen) Stellen wünschen, dass die Stimme in den dramatischen Passagen zentrierter und nicht zu breit geführt wird. Dieser kleine Einwand fiel dann in der großen Auseinandersetzung mit Onegin weg – Cvilak hatte sich zu einer großen stimmlichen Gesamtleistung gesteigert. Sicher werden rasch größere Häuser diese Tatjana einladen.

Ihr Onegin war Konstantin Shushakov. Das ist zweifellos auch ein Namen, den man sich merken muss und dessen weiterer Weg zu verfolgen sein wird. Der 28-Jährige Bariton aus der Uralprovinz Urmutien hat in Moskau studiert und wurde sofort nach seinem Studium Mitglied des Opern-Studios des Bolschoi-Theaters, wo er mit dem Schaunard debutierte und dessen Mitglied er nun seit 2012 ist. Shushakov hat einen charaktervoll-dunkel timbrierten Bariton, der in allen Lagen ausgeglichen geführt wird und nur an ganz wenigen Stellen im Finale unnötig forciert wurde. Auch er wird rasch seinen Weg an die großen Häuser machen – Marburg ist zu danken, ihn erstmals als Onegin vorgestellt zu haben.

Den Lenski verkörperte Marburgs „Haustenor“  Martin Sušnik. Auch für ihn wird es wohl die erste Auseinandersetzung mit dieser Rolle gewesen sein. Zu Beginn war seine Stimmführung noch etwas unruhig, dann aber gelang ihm besonders schön die große Arie („Kuda,Kuda…“) vor dem Duell. Der erfahrene ukrainische Bass Valentin Pivovarov , ebenfalls Hausmitglied, war ein machtvoller Gremin , den er auch schon an anderen Häusern gesungen hat (z.B.im La Fenice). Er war weniger der aristokratische Fürst, sondern eher der alternde Offiziershaudegen – eine durchaus schlüssige Gestaltung, die zu seiner leicht polternden Stimme mit sicherer Tiefe sehr gut passte.

Die übrigen kleineren Rollen waren durchwegs sehr ordentlich besetzt - Dada Kladenik als Filipjevna und Nuška Drašček Rojko als Olga ragten stimmlich heraus. Bei Olga wäre manchmal etwas weniger Spielfreudigkeit mehr gewesen. Der große Chor des Hauses unter seiner ungarischen Leiterin Zsuzsa  Budavari Novak war – wie in der letzten Zeit immer – klangschön und sicher. Chefdirigent Benjamin Pionnier sorgte mit dem Symphonieorchester Maribor für eine solide Orchsterleitung und konnte die musikalische Spannung gut durchhalten – manchmal hätte man sich über delikatere Holzbläser- und Hornphrasen gewünscht. Wahrscheinlich ist Pionnier das Engagement von Konstantin Shushakov zu danken, weil er mit ihm schon 2010 in Paris zusammengearbeitet hatte.

Die übrigen kleineren Rollen waren durchwegs sehr ordentlich besetzt - Dada Kladenik als Filipjevna und Nuška Drašček Rojko als Olga ragten stimmlich heraus. Bei Olga wäre manchmal etwas weniger Spielfreudigkeit mehr gewesen. Der große Chor des Hauses unter seiner ungarischen Leiterin Zsuzsa Budavari Novak war – wie in der letzten Zeit immer – klangschön und sicher. Chefdirigent Benjamin Pionnier sorgte mit dem Symphonieorchester Maribor für eine solide Orchsterleitung und konnte die musikalische Spannung gut durchhalten – manchmal hätte man sich über delikatere Holzbläser- und Hornphrasen gewünscht. Wahrscheinlich ist Pionnier das Engagement von Konstantin Shushakov zu danken, weil er mit ihm schon 2010 in Paris zusammengearbeitet hatte.  

Am Ende gab es lebhaften Beifall für alle Beteiligten vor allem für Sabina Cvilak und Konstantin Shushakov, aber auch für Martin Sušnik.

Das Programmheft enthält die Widmung: „Zum liebevollen Gedenken an Galina Vischnevskaja“ . Mit Fug und Recht kann man sagen, dass dieser Abend der großen Sängerin und Tatjana-Gestalterin nicht nur keine Schande, sondern zweifellos Ehre gemacht hat. Was der Grund für diese Widmung ist, weiss ich nicht. Vielleicht ist es der Umstand, dass der Regisseur des heutigen Abends Ivan Popovski mit Vischnevskja und Mstislav Rostropovich zusammengearbeitet hat und demnächst wieder am renommierten Galina Vischnevskaja Opera Center in Moskau   inszenieren wird. Jedenfalls ist ein schöner Gedanke, mit einer aktuellen Inszenierungsarbeit an die große russische Operntradition mit den Mitteln unserer Zeit anschließen zu wollen und damit Tradition und Gegenwart zu verbinden.

Und damit komme ich zum Anfang zurück: Wer die Möglichkeit hat, sollte unbedingt nach Maribor/Marburg fahren einer der folgenden Aufführungen ( 26., 28., 30.Mai und 1.,3.Juni) besuchen. Es ist ein großer Abend von überregionalem Rang!

Hermann Becke                            Fotos: SNG Maribor, Tiberiu Marta

 

Hinweise:

Konstantin Shushakov hatte beim Operalia- Wettbewerb 2011 den 2.Preis mit der Jeletzki-Arie aus „Pique Dame“ gewonnen – auf der Youtube-Aufnahme gewinnt man einen sehr guten Eindruck seines Potentials:

Auch von Sabina Cvilak gibt es ausreichend Audio- und Videobeispiele. Es lohnt sich unbedingt, da hineinzuhören:

 

 

 

DON GIOVANNI

Premiere: 8.3.2013

Sehr solide Gesangsleistungen

Das Slowenische Nationaltheater Maribor (SNG Maribor) als Mehrspartenhaus (Oper, Operette/Musical, Schauspiel und Ballett) hat eine sehr effektive Spielplanpolitik mit fünf Musiktheaterpremieren und 11 Wiederaufnahmen – also für ein Haus dieser Größenordnung ein respektables Repertoire! Bei den Gesangssolisten Marburgs gibt es ein relativ kleines Stammensemble, zu dem dann in einzelnen Hauptpartien jeweils Gäste treten.

Don Giovanni war die dritte Opernpremiere dieser Saison – hier können Donna Anna, Don Ottavio, Zerlina, Masetto und Commendatore aus dem eigenen Ensemble besetzt werden. In der szenischen Umsetzung setzt man auf Kooperationen – nach der asiatischen Koproduktion der Carmen wurde diesmal eine Produktion des finnischen Savonlinna Opera Festivals des Jahres 2011 für Marburg adaptiert.

Der Mailänder Bühnenbildner Poppi Ranchetti hatte für den mittelalterlichen Burghof des finnischen Freilichtspielortes eine venezianisch anmutende Kolonnaden-Konstruktion erdacht, die beweglich ist und rasch immer wieder neue Schauplätze schafft. Dies war vor dem alten Gemäuer optisch einnehmend – wie im Internet leicht nachzuprüfen ist: http://yle.fi/uutiset/savonlinna_opera_festival_keeps_up_traditions/5383988

Diese Kolonnaden stehen nun etwas verlassen im schwarz ausgekleideten Marburger Bühnenraum. Aber in Verbindung mit den historisch-prächtigen Kostümen der jungen Venezianerin Giovanna Fiorentini entstehen sehr praktikable und ästhetisch ansprechende Spielflächen, die allerdings vom belgischen Regisseur Paul-Émile Fourny nur eingeschränkt und mit sehr konventioneller ( bzw. kaum vorhandener) Personenführung genutzt werden. Einige wenige Ideen sind allerdings geglückt: z.B. dass sich Elvira gerne von Don Giovanni mit einem schwarzen Schleier die Augen verbinden lässt, womit es glaubhafter wird, dass sie Leporello nicht sofort erkennt. Don Giovannis zwanghafter Drang zum Weiblichen wird durch marmorhaft-weiß geschminkte und in schwarze Schleier gehüllte Frauengestalten optisch sichtbar gemacht – diese Gestalten treten erstmals als Reisebegleiterinnen von Elvira auf, wandern dann bei Don Giovannis Ständchen durch die Kolonnaden und erscheinen (mit Weihrauchkesseln?) im Finale, bevor sie Erinnyen-gleich Don Giovanni in die Unterwelt treiben. Wäre die choreographische Führung dieser Gestalten poetischer, könnte dies durchaus eindrucksvoll sein – so wirkt die Gymnastik an den Säulen im letzten Bild eher peinlich. Dass auf der (nur kärglich bestückten) Festestafel dann plötzlich eine weiße nackte Frauengestalt erscheint - sozusagen die personifizierte Weiblichkeit als Kontrast zum marmornen Komtur als Todesverkünder - , ist hingegen nicht peinlich und in ihrer theatralischen Bildhaftigkeit durchaus bühnenwirksam gelöst.

Die Sängerbesetzung ist wahrlich sehr solide – beginnen wir mit dem hauseigenen Team:

Dieses wird von Petya Ivanova als stil- und höhensichere Donna Anna angeführt. Sie deckt überzeugend eine große Bandbreite ab – gerade erst von ihrem China-Gastspiel als Oympia zurück, hat man ihre Gilda in Marburg in sehr guter Erinnerung und erlebt sie nun im dramatischen Mozartfach. Andreja Zakonjšek Krt ist als Zerlina wesentlich besser am Platz als unlängst als Micaela. Speziell ihre zweite Arie – „Vedrai,carino“ – gelang ihr in bester Mozarttradition. Und auch ihr Masetto – Jaki Jurgec – ist hier optimal besetzt. Beide waren sie ein handfestes Bauernpaar mit der rechten Bühnenpräsenz. Der beim Publikum hörbar beliebte Haustenor Martin Sušnik war ein respektabler Ottavio, dem man leider die „Dalla sua Pace“-Arie genommen hatte. (Ich weiß schon – sie wurde von Mozart erst für die Wiener Aufführung nachkomponiert. Aber man vermisst sie ganz einfach als Ruhepunkt zwischen dem dramatischen Donna Anna-Ausbruch und Giovannis Champagnerarie) Sušnik gelang seine „Il mio tesoro“-Arie sehr schön – in manchen Ensembles gilt es noch an der nötigen Eleganz und Subtilität zu arbeiten. Valentin Pivovarov ist in Figur und Stimme ein rollendeckender Komtur.

Bei den Gästen gab es zwei ausgezeichnete Besetzungen, aber leider auch einen Schwachpunkt. Dem Leporello von Yuri Kissin fehlte nämlich das nötige darstellerische und stimmliche Format. Die Stimme sitzt in der Höhe nicht und bleibt daher auch in der Tiefe blass. Dazu spielten ihm in der Registerarie offenbar die Nerven einen Streich – schade.

Die Französin Isabelle Cals ist eine eindrucksvolle Elvira. Ihr dunkler Sopran kontrastiert sehr gut zu den anderen beiden Sopranen. Man hört deutlich, dass sie ursprünglich aus dem Mezzofach kommt, ohne dass es aber in der Höhe und bei den Spitzentönen irgendwelche Probleme gibt – eine souveräne Leistung.

Ebenso souverän ist der 37-jährige Serbe David Bižić als Don Giovanni. Bižić ist mir schon im Mozart-Jahr 2006 in Hanekes Pariser Don-Giovanni-Produktion – damals als Masetto - sehr positiv aufgefallen und wechselt derzeit in internationalen Produktionen zwischen Leporello und Don Giovanni. Auftritte an der Wiener Staatsoper und an der Metropolitan Opera New York stehen bevor. Er stellt keinen Schönling, sondern einen virilen Machtmenschen auf die Bühne, der sich elegant zu bewegen weiß. Die dunkle Stimme ist in allen Lagen ausgeglichen – er vermag warme Kantilenen ebenso zu gestalten wie dramatische Ausbrüche.

Die Leistung des Chors unter Zsuzsa Budavari-Novak ist ordentlich und solid – um nochmals das Motto dieses Berichts zu verwenden. Ebenso gelingt dem Orchester manch klanglich Schönes – allerdings leidet der gesamte Abend unter der unruhigen musikalischen Leitung des Gastdirigenten David T.Heusel. Man hat nie den Eindruck, dass er auf die sängerischen Phrasen ausreichend eingeht – mit großen Gesten wird immer gedrängt. So kann weder im Orchester noch bei den Sängerinnen und Sängern ein differenziertes und plastisch-artikuliertes Gestalten aufkommen. Leider ein Wermutstropfen in dieser gesanglich guten Aufführung!

Am Ende gab es im ausverkauften Haus (wieder mit etlichen österreichischen Gästen) freundlichen Applaus – beim Erscheinen des Regisseurs hörte man zwar keine Missfallensäußerungen, wohl aber ein merkliches Abebben des Beifalls.

Hermann Becke

Alle Fotos: SNG Maribor, Tiberiu Marta

 

 

 

CARMEN

Premiere: 1.2.2013, besuchte Vorstellung: 3.2.2013

Carmen und Don José auf internationalem Niveau – leider in enttäuschender Inszenierung

Die heutige Opernrealität ist schon eigenartig und durchaus anregend: Koproduktionen nehmen immer mehr zu – und das auch Kontinente überschreitend! Die Carmen-Serie der Slowenischen Nationaloper Maribor „ is a co-production of Opera Hong Kong, Shanghai Opera House and Slovene National Opera and Ballet Maribor“. Da die Premiere bereits im Frühjahr 2012 in Hongkong und Shanghai stattfand, ist es in unserer Medienwelt ein Leichtes, sich die Fotos, Kritiken und Publikumsmeinungen zu den asiatischen Aufführungen im Internet anzuschauen.

Dazu kommt, dass der seit Jahrzehnten weltweit erfahrene und anerkannte Theatermann Philippe Arlaud seine Carmen-Sicht schon zuvor im Jahre 2010 in Baden-Baden umgesetzt hatte, dieses Konzept über Shanghai und Hongkong weiterentwickelte und nun in Marburg diese jahrelange Beschäftigung mit diesem Stück in einer überarbeiteten Form vorstellt. In einem Interview vor der Premiere in Hongkong sagte Philippe Arlaud: “That means I would not do the same Carmen in Paris, Seville, Tokyo, Santa Fe or Hong Kong. The new opera is a sum of reciprocal influences through time and space.”

Man konnte also erwartungsvoll nach Marburg fahren und schauen, wie er sein Konzept auf die Bühne der europäischen Kulturhauptstadt 2012 stellt und die slowenische bzw. mitteleuropäische Realität einbezieht. Aber gleich vorweg: Die Inszenierung (Regie und Bühne: Philippe Arlaud, Kostüme: Andrea Uhmann) enttäuschte – nach den Fotos zu schließen, ist wohl der einzige Unterschied zu Hongkong, dass die Soldaten nicht mehr in gelben Mao-Look, sondern in dunkle, an das Franco-Regime erinnernde Uniformen gekleidet sind. Ausstattung und Personenführung bewegen sich in üblichem Carmen-Klischee mit einigen besonderen, ja fast peinlichen Plattheiten (wie der händeringende „la fumée-Chor“ der Zigarettenarbeiterinnen, der Gymnastik treibende Morales, das sich im 2.Akt Beine und Achseln rasierende und sich im 3.Akt betrinkende Zigeunerinnenpaar Frasquita und Mercedes oder das holprig-karikierend choreographierte Schmugglerquintett).

Aber: Oper lebt letztlich immer von den Protagonisten. Und da hat Marburg tatsächlich zwei bedeutende Bühnenpersönlichkeiten aufzubieten – noch dazu beide aus Frankreich stammend und damit auch in der sprachlichen Gestaltung authentisch!

Marie Kalinine ist eine attraktiv-elegante Carmen, die die Bühne beherrscht – eine interessant timbrierte Mezzostimme, die anfangs noch etwas unruhig geführt wurde, sich aber ab dem zweiten Akt zu einer großen Leistung steigerte, die sicher auch in größeren Häusern bestehen wird.

Ihr Don José ist Jean-Pierre Furlan, der diese Partie schon auf vielen Bühnen (z.B. unter Stefan Herheim vor sieben Jahren in Graz) gestaltet hat. Er überzeugt in seiner schonungslosen Ehrlichkeit als von vornherein zum Scheitern bestimmte Verlierernatur nicht nur durch große schauspielerische Intensität, sondern auch stimmlich vor allem in den dramatischen Ausbrüchen mit strahlenden metallischen Höhen. Selbst die lyrischen Passagen, die in den letzten Jahren bei ihm immer ein leichtes Manko waren, gelangen diesmal konzentriert und mit Anstand. Das war an diesem Abend wirklich großes Musiktheater!

Die Micaela von Andreja Zakonjšek Krt litt wohl am meisten unter der platten Personenführung – so bieder-dümmlich ist diese Figur ganz einfach nicht. Gesanglich versuchte sie das Beste daraus zu machen – aber es war nicht zu überhören, dass diese Rolle (etwas) außerhalb ihrer stimmlichen Möglichkeiten liegt. Marko Kalajanović hatte schon im Vorjahr als Belcore bewiesen, dass er ein aufstrebender junger Künstler ist. Der Escamillo kommt aber wohl noch zu früh für ihn. Im Auftrittslied fehlte es an der nötigen Tiefe und in der Höhe an metallischer Kraft (das überdeckte beim ersten hohen f in „ à grand fracas“ übrigens gnädig der Chor durch einen – nicht in der Partitur vorgesehenen – Aufschrei….)

Die lyrischen Passagen gelangen ihm recht gut – rhythmische Ungenauigkeiten werden noch auszubessern sein – aber der kaum 30-jährige Serbe hat zweifellos Entwicklungspotential.

In den kleineren Rollen dominierte der erfahren-dröhnende und drastisch spielende Zuniga von Konstantin Sfiris – eher durchschnittlich waren die beiden Zigeunermädchen Mateja Praprotnik Blumauer und Nuška Drašček Rojko, schwach der Morales von Sebastijan Čelofiga und die zu übertriebener Aktion gezwungenen Schmuggler von Dušan Topolovec und Jaki Jurgec. Ihnen allen gemeinsam war eine ungenügende französische Artikulation.

Der Chor unter der Leitung von Zsuzsa Budavari-Novak sang klangvoll und mit Substanz, manchmal mit rhythmischen Schwächen (Männer in dritten Akt) und spielte engagiert. Geschickt war das Ballett Choreographie: Elodie Vella) in die Vorspiele des 3.und 4.Akts eingebaut, sodass auf die eigentliche Ballettmusik dramaturgisch sinnvoll verzichtet und dennoch spanisches Kolorit eingebaut werden konnte. Eines der wenigen Positiva der Inszenierung war übrigens die Gestaltung des letzten Bildes von einem sinnvoll und theatralisch wirkungsvoll arrangierten Einzug in die Arena bis zur Einsamkeit der Auseinandersetzung zwischen Don José und Carmen vor blutrotem Hintergrund. In Arlauds Deutung unterliegt übrigens Escamillo im Stierkampf und wird am Schluss zu den Klängen des Todesmotivs sterbend auf die Bühne gebracht.

Das Orchester unter seinem französischem Chefdirigenten Benjamin Pionnier spielte solide und erfreulicherweise nie zu dominierend, wenn auch Subtilitäten im Klanglichen fehlten.

Am Schluss gab es im völlig ausverkauften Haus – zu den 850 Plätzen hatte man im Parterre sogar zusätzliche Stühle aufgestellt – lebhaften, wenn auch kurzen Beifall, vor allem für Carmen und Don José.

Um auf den Beginn dieses Berichts zurück zu kommen: Die Koproduktion wandert nach der Aufführungsserie in Maribor  weiter in das Théâtre Impérial de Compiègne, mit dem Marburg in diesem Falle kooperiert – also von Baden-Baden über China, Slowenien nach Nordfrankreich. Philippe Arlaud ist in diesem Falle zwar kein gültige und zeitgemäße Carmen-Interpretation gelungen, aber er scheint ein glänzender Vermarkter sein ……

Hermann Becke                                                 Alle Fotos: SNG Maribor

 

Links:

Arlaud-Interview vor der Premiere in Baden-Baden 2010://youtube.com/watch?v=NOB0ukEd28E

Arlaud-Interview vor der Premiere in Hongkong 2012: http://www.timeout.com.hk/music/features/50617/carmen.html

(relativ vernichtende) Kritik dieser Hongkong-Premiere:http://www.timeout.com.hk/music/features/50700/carmen-by-opera-hong-kong-reviewed.html

Marie Kalinine: http://www.mariekalinine.com/biographie.html

Jean-Pierre Furlan: http://www.jean-pierrefurlan.com/bioF.html

Und zuletzt ein touristisches Postscriptum:

Marburg liegt speziell für Gäste aus Graz sehr günstig (auf der Autobahn nicht einmal 70 km). Daher gibt es neben vielen slowenischen Bussen mit Opernbesuchern aus ganz Mittelslowenien auch immer mehrere Busse aus Österreich, die so rechtzeitig in der Marburger Altstadt ankommen, dass noch vor Vorstellungsbeginn am malerischen Drauufer zum angeblich weltweit ältesten Weinstock (rund 400 Jahre) geschlendert und/oder eines der beliebten Restaurants aufgesucht werden kann. An Operntagen findet man z.B. im Restaurant Novi Svet Pri Stolnici nahe dem Theater viele Österreicher. Dort gibt’s übrigens im Gastgarten eine immerhin 250 Jahre alte Weinrebe – und selbstverständlich prächtige Fischgerichte:

http://www.tripadvisor.de/Restaurant_Review-g274874-d1978411-Reviews-Novi_Svet_Pri_Stolnici-Maribor_Styria_Region.html

 

 

RIGOLETTO

im Mafia- und Rotlichtmilieu

03. Oktober 2012

Das Slowenische Nationaltheater Marburg (SNG Maribor) eröffnete die Saison 2012/13 mit Verdis Rigoletto in einer Inszenierung des Schweizer Regisseurs Dieter Kaegi – ab Juli 2013 Direktor der Stiftung Theater und Orchester Biel Solothurn (TOBS).

Das Stück spielt bei ihm offenbar in der italienischen Mafiaszene. Der Herzog ist ein junger Macho inmitten einer großen Männerschar – alle schwarz gekleidet und immer wieder mit Schusswaffen hantierend. Rigoletto als Koch dieser Gesellschaft serviert als Höhepunkt des kulinarisch-erotischen Festes im ersten Bild Monterones Tochter nackt und mit Schlagobers verziert. Gilda ist eine wohlbehütete Elevin, die mit Giovanna am Klavier ihre Ballettschritte übt, bevor sie von den schwarzen Gestalten entführt wird. Unter dem Ballsaal liegt ein von Sparafucile betriebenes Nachtlokal samt viruos-akrobatischer Pole-Dancerin, in das im letzten Bild der Herzog – gefolgt von Gilda und Rigoletto - hinabsteigt. Statt eines Gewitters gibt’s Lichtorgelspiele.

Die durchaus eindrucksvolle Bühnengestaltung des international erfahrenen Italieners William Orlandi ermöglicht eine handwerklich geschickte Personenführung ohne Peinlichkeiten. Die Handlung ist schlüssig erzählt, wenn auch die Frage offen bleibt, ob durch die Modernisierung tatsächlich ein neuer Blick auf das Werk gewonnen wird….

Ich besuchte die vierte Aufführung dieser Produktion. Es spricht für die Leistungsfähigkeit des Marburger Hauses, dass für alle drei Hauptrollen eine sehr gute Alternative zur Premierenbesetzung aufgeboten werden kann.

Den Rigoletto gestaltet der erst 31-jährige Italiener Elia Fabbian mit dunkel-grundiertem Bariton überzeugend. Wenn es ihm gelingt, sein reiches und großes Material speziell im mezza-voce-Bereich noch mehr zu zentrieren (und damit Intonationstrübungen zu vermeiden), dann wird er zweifellos eine solide internationale Karriere machen.

Den Herzog hatte an diesem Abend der Marburger Haustenor Martin Sušnik übernommen. Der heftige Schlussbeifall zeigt seine große Beliebtheit – allerdings sei doch einschränkend vermerkt, dass er zwar höhensicher ist (bis auf einen Ausrutscher am Ende von „Ella mi fu rapita“), aber so gar nicht über die nötige elegante Italianita verfügt und auch darstellerisch recht ausstrahlungslos bleibt, was aber vielleicht von der Regie gewollt ist: kein Verführer, sondern eben nur ein durchschnittlicher Kleinkrimineller, der in der Szene zu Geld (und Rauschgift) gelangt ist.

Gilda war die zierliche Bulgarin Petya Ivanova – international erfahren und gefragt im Koloraturfach. Wenn sie stimmlich auch schon etwas der jugendlichen Unschuld einer Gilda entwachsen ist, so überzeugt und berührt sie dennoch durch Intensität, sichere Stimmführung und Glanz in den dramatischen Ausbrüchen.

Die musikalische Leitung hatte erstmals Simon Robinson inne, der auch für die Einstudierung des sehr guten und stark besetzten Chors ist. Von ihm gingen leider keine besonderen Impulse aus – er beschränkte sich auf ein bemühtes Zusammenhalten des sicheren Orchesters und der Bühne. Sparafucile war der dröhnende und tiefensichere Slavko Sekulic. Die Maddalena von Irena Petkova blieb im berühmten Quartett stimmlich blass und gewann erst in ihrer Szene mit ihrem Bruder an Kontur. Die Nebenrollen waren solid besetzt.

Das Haus war voll – darunter erfreulich viel junges Publikum. Am Schluß gab es viel Beifall für eine sehr ordentliche, wenn auch nicht außerordentliche Produktion. Neuerlich hat sich jedenfalls Maribor/Marburg als eine durchaus interessante Alternative zu der nur rund 70 km entfernten Grazer Oper präsentiert – und nicht umsonst macht Marburg den Grazer Opernfreunden ein interessantes Shuttlebus-Angebot für Fahrten in die slowenische Nachbarstadt ( 6 Premieren für € 195,--!).

Hermann Becke                              Fotos: SNG Maribor, Tiberiu Marta

 

 

 

 

 

 

 

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