DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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"Ich liebe es, wenn in der Oper Gesang und Schauspiel miteinander verschmelzen"

MARYSOL SCHALIT

OF: Liebe Frau Schalit, seit unserem letzten Gespräch für den OPERNFREUND sind mittlerweile zwei Jahre vergangen. Damals waren noch drei Kollegen von Ihnen - Agnieszka Adamczak, Thorsten Büttner und Kap Sung Ann - dabei, mit denen Sie kurz zuvor bei dem alljährlichen Künstlertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft im Mühlehof in Mühlacker sehr erfolgreich ein Konzert gaben, das einige Tage später in Heilbronn wiederholt wurde. Hat dieses Engagement bei der Frick-Gesellschaft Ihnen im Opernbetrieb irgendwelche wichtige Türen geöffnet?  

SCH: Im Opernbetrieb bis jetzt leider noch nicht. Aber unmittelbar nach unserem Engagement bei der Frick-Gesellschaft wurden Thorsten Büttner und ich damals für ein Gala-Konzert in Heilbronn im darauffolgenden Jahr verpflichtet.

OF: Was hat es für Sie bedeutet, bei der Gottlob-Frick-Gesellschaft konzertieren und vor so vielen namhaften Sängerlegenden singen zu dürfen? Waren Sie da vielleicht ein wenig aufgeregt?

SCH: Es war wirklich ein besonderes Erlebnis. Natürlich hatte ich Aufregung verspürt, als ich vor so vielen berühmten Sängern der Vergangenheit gesungen habe. Doch es war mir eine große Ehre. Und wer, wenn nicht gerade sie, wissen  genau, was es für einen Sänger bedeutet, vor so einem fachkundigen, kompetenten Publikum aufzutreten.

OF: Sie und Ihre drei Mitstreiter gaben damals ein ungemein hochkarätiges Vokalquartett ab, das nachhaltig zu begeistern wusste. Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Kollegen von damals? Sind Sie mit einem von ihnen inzwischen auch einmal auf der Opernbühne gestanden?

SCH: Wir waren ein super Team und kannten uns ja bereits vom Anneliese-Rothenberger-Wettbewerb auf der Insel Mainau her. Kontakt habe ich mit allen dreien noch. Wir schreiben uns ab und zu Nachrichten und erzählen, wie es uns geht und was wir gerade alles zu tun haben. Aber nur mit Thorsten Büttner stand ich danach noch einmal gemeinsam auf der Bühne, und zwar in dem bereits oben erwähnten Gala-Konzert in Heilbronn im Sommer 2011.

OF: Das Auditorium war damals von Ihrer aller Darbietungen begeistert. Sowohl in Mühlacker als auch in Heilbronn forderte es lautstark Zugaben, die es dann auch bekommen hat - das erste Mal von Ihnen, das zweite Mal von Herrn Ann. Welchen Stellenwert messen Sie derartig enthusiastischen Zuschauerreaktionen bei? Genießen Sie es, vom Publikum so geliebt zu werden?

SCH: Es gibt nichts Schöneres, als zu fühlen, dass alles, was wir geben, auch bei den Zuschauern ankommt. Durch dieses gegenseitige Geben und Nehmen entsteht eine unglaublich positive Energie, die uns in ein berauschendes Glücksgefühl versetzt und zu Höchstleistungen animieren kann.

OF: Der damalige Vize-Präsident der Gottlob-Frick-Gesellschaft Hans A. Hey, der inzwischen zu ihrem Präsidenten avanciert ist, war von Ihrer Leistung ebenfalls so angetan, dass er in den nächsten Jahren noch weitere Konzerte mit Ihnen in Heilbronn veranstalten will. Und wieder soll Thorsten Büttner Ihr Partner sein. Gibt es diesbezüglich schon konkrete Pläne?

SCH: Das weiß ich leider auch noch nicht. Aber ich habe gehört, dass die Planung in Arbeit ist und ein weiteres Konzert der Gottlob-Frick-Gesellschaft wahrscheinlich 2014 oder 2015 stattfinden wird, worüber ich mich selbstredend sehr freuen würde.

OF: Einen erheblichen Teil Ihres Erfolges verdanken Sie Ihrer ausgezeichneten Technik. Ihr Sopran ist wunderbarer italienischer Natur, sitzt hervorragend im Körper und weist ein vorbildliches appoggiare la voce auf. Wer hat Ihnen diesen tollen Gesangsstil vermittelt? Wo haben Sie studiert?

SCH: An der Hochschule der Künste Bern/Biel bei meiner geschätzten und langjährigen Lehrerin Marianne Kohler. Schon während meiner Studienzeit besuchte ich mehrere Meisterkurse bei Krisztina Laki, die heute glücklicherweise einen Lehrauftrag an der Hochschule Bremen innehat und somit die Verbindung mit ihr weiter bestehen kann. Weitere wichtige Impulse bekomme ich von Noemi Nadelmann und Heidi Brunner, die ich beide durch den Migroskulturprozent Studienpreis kennengelernt habe. Sie alle inspirieren mich und helfen mir, meine Stimme weiter zu entwickeln.

OF: Welche Relevanz messen Sie insbesondere einer soliden Körperstütze der Stimme zu? Wäre es für Sie denkbar, auf eine andere Weise als im Körper zu singen?

SCH: Nein. Der Gesang geht vom Körper aus und wird auch von dort gesteuert. Jeder Ton wird mit der Körperstütze angesetzt, weswegen diese für das Singen auch unabdingbar ist.

OF: Wie schaffen Sie es, Ihren Sopran immer so toll im Körper zu halten? Gibt es dafür ein Geheimrezept?

SCH: Schön wär’s. Es handelt sich dabei um eine rein technische Sache und erfordert immer wieder aufs Neue üben, üben, üben - und das mit viel Präzision und einer regelmäßigen Zusammenarbeit mit einem vertrauten Coach. Wir Sänger sind auf ein äußeres Ohr angewiesen. Man hat nie ausgelernt. Immer wieder stehen wir vor neuen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

in Paris mit Rolando Villazón                 Foto: Marysol Schalit

OF: Haben Sie in puncto Gesang irgendwelche Vorbilder? Waren vielleicht bei dem Künstlertreffen in Ölbronn vor zwei Jahren einige davon dabei?

SCH: Es gibt so viele phantastische Stimmen, die ich bewundere und die mich auf meinem Weg inspirieren. Konkrete Vorbilder aber habe ich keine.

OF: Sie sind nicht zuletzt deshalb bei den Zuschauern so beliebt, weil Sie neben Ihrer vorzüglichen Stimme auch über eine phänomenale schauspielerische Ader verfügen, von der sich so mancher Ihrer Kollegen/innen einen gehörigen Teil abschneiden könnte. Wenn man Sie auf der Opernbühne bewundern darf, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass Sie auch im Sprechtheater mit Leichtigkeit Ihr Geld verdienen könnten. Haben Sie auch eine Schauspielausbildung genossen?

SCH: Ich wollte eigentlich immer Schauspielerin werden. Damals fand ich Opern und Sopranistinnen unerträglich und langweilig. Doch eines Tages stieß ich in einem Magazin auf einen Artikel, in dem stand, dass man, wenn man Schauspiel zu studieren beabsichtige, auch Gesangsunterricht nehmen sollte. Also begann ich mit siebzehn Jahren an der Musikschule Burgdorf ohne irgendwelche Gesangsambitionen bei Silvya Stollberger zu singen. Kurz darauf folgte mein Schlüsselerlebnis: Ich konnte noch während meiner Gymnasialzeit am Stadttheater Biel/Solothurn die Anna in dem Musical „Der kleine Vampyr“ spielen und singen. Da realisierte ich plötzlich, dass im Musical wie auch in der Oper „Schauspiel und Gesang“ miteinander verschmelzen. Und so begann ich mich immer mehr für die Oper zu interessieren und entdeckte diese zauberhafte und überhaupt nicht langweilige, sondern im Gegenteil unendlich faszinierende Musikwelt. Letztendlich habe ich nie eine Aufnahmeprüfung für Schauspiel gemacht und auch keinen Unterricht darin genommen, da ich gleich an der Hochschule für Künste als Gesangsstudentin angenommen wurde und die Entscheidung somit getroffen war.

mit Prof. Peter Braschkat                          Foto: Gottlob-Frick-Gesellschaft

OF: Ihr darstellerisches Können wurde schon damals bei Ihrem Auftritt bei der Frick-Gesellschaft ganz offensichtlich. Und da handelte es sich nur um ein Konzert. Wie fangen Sie es an, dass Sie bei solchen konzertanten Anlässen rein schauspielerisch genauso phantastisch wirken wie bei einer szenischen Aufführung?

SCH: Ich versuche bei jeder Arie mich in die gegebene Gefühlssituation hinein zu versetzen, sei es nun szenisch oder konzertant. Der Unterschied mag vielleicht darin liegen, dass ich bei einem Konzert nicht so viel körperlich agiere, sondern mich mehr auf die Feinheiten der Musik, ihre Farben und Nuancen konzentriere - obwohl das alles auf der Opernbühne natürlich auch nicht fehlen darf.

OF: Welche Bedeutung messen Sie allgemein der darstellerischen Komponente einer Rolle bei? Brauchen Sie das Spiel oder würden Sie es vorziehen, nur einfach dazustehen und purem Rampensingen zu frönen?

SCH: Für mich ist das Spiel von unglaublicher Bedeutung. Wenn ich eine Figur verkörpern kann, nicht nur klanglich, sondern auch körperlich, singe ich viel besser und genieße genau diese Verschmelzung, welche die Oper mit sich bringt.

OF: Dann nehme ich mal stark an, dass Ihnen auch die Regisseure am liebsten sind, die Sie schauspielerisch gehörig zu fordern wissen?

SCH: Ja, definitiv. Je mehr ein Regisseur in einem Arbeitsprozess von mir fordert, umso leichter fällt es mir, auch Persönliches in die Rolle einfließen zu lassen.

OF: Was für Eigenschaften machen für Sie den idealen Regisseur aus?

SCH: Ich mag leidenschaftliche Regisseure, die ihre Arbeit lieben, schätzen,  respektieren und uns Sänger herausfordern und gut leiten, uns aber auch Raum für unsere eigenen Ideen und Impulse lassen. Ein Regisseur sollte sich zudem für seine Darsteller interessieren, ein klares Konzept vor Augen haben, für die Musik offen sein und diese nicht in den Hintergrund stellen.

OF: Einer der besten Vertreter der Regiezunft ist sicherlich Benedikt von Peter, der neue Leiter der Sparte Musiktheater an Ihrem derzeitigen Stammhaus Bremen. Mit ihm zusammen haben Sie als erste Premiere der aktuellen Saison Weills und Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ gemacht. Wie war die Zusammenarbeit mit diesem genialen jungen Regisseur?

SCH: Spannend und sehr intensiv. Von Peter forderte uns jeden Tag aufs Neue heraus. Er ist ein ständig Suchender, der auf der Probe immer das best Mögliche von uns verlangte und jeder Partie ein tiefgründiges Profil zuordnete. Er hat eine unglaublich positive Energie, die er, egal zu welcher Uhrzeit, in den Probenprozess einzubringen wusste. Man spürte, dass er mit Leib und Seele bei der Arbeit war. Er ist ein großer Gewinn für Bremen!

OF: Herr von Peter ließ in seiner recht außergewöhnlichen „Mahagonny“-Inszenierung, die ja auch mit dem OPERNFREUND-Stern ausgezeichnet wurde, das gesamte Theater einschließlich dem davor liegenden Goetheplatz bespielen und sogar Sänger, Choristen und Publikum in Kontakt miteinander treten. Wie waren die Proben zu dem Stück? Konnte man dieses Konzept überhaupt ohne Beteiligung von Zuchauern probieren? Und wie liefen speziell die Endproben ab? Auf den Produktionsphotos ist viel Publikum zu sehen. Haupt- und Generalprobe müssen also öffentlich gewesen sein?

SCH: Ja, genau. Bis auf eine kurze öffentliche Probe im September probten wir bis zur HP immer ohne Auditorium auf der Probebühne Hemelingen. Freilich war es manchmal nicht ganz einfach, sich die Aufführungs-Situation mit all den Leuten um sich herum vorzustellen. Wir wussten bis zum Schluss nicht genau, ob all das so funktionieren würde, wie wir uns das vorgestellt hatten. Aber erstaunlicherweise gewöhnten wir uns sehr rasch an die Zuschauer, die dann ja wirklich selbst vor uns standen und auf uns reagierten. Und immer wieder aufs Neue wird es ein Teil des Stückes sein, das Publikum in unser Spiel mit einzubeziehen. Und es funktioniert. Die Leute lieben unsere „Mahagonny“-Produktion. Bis jetzt war jede Vorstellung ausverkauft.

OF: Von Brecht stammt nicht nur der Text der Oper. Benedikt von Peter ließ auch zahlreiche theoretische Aspekte des Begründers des Epischen Theaters in seine Regiearbeit mit einfließen. Wie stehen Sie zu den Lehren Bertolt Brechts?

SCH: Brecht wollte durch seine Veränderungen und gesellschaftskritischen Themen das Auditorium zum Nachdenken animieren. Es sollte nicht mehr nur konsumieren und genießen, sondern sich auch aktiv angesprochen fühlen und dem Ganzen kritisch gegenüberstehen. Er wollte etwas bewegen und im Gegensatz zur kulinarischen Oper die „Anti-Oper“ oder eben auch das Epische Theater zum Leben erwecken. Seine Ideen sind also immer noch hoch aktuell. Theater soll auch heute noch bewegen, die Zuschauer sollen sich über das Gesehene unterhalten, darüber diskutieren und sich eine eigene Meinung dazu bilden. Und genau das erreicht Benedikt von Peter mit seiner „Mahagonny“-Inszenierung hier in Bremen.

OF: Sie waren in „Mahagonny“ als Jenny zu erleben. Wie fasste Herr von Peter die Partie auf?

mit Michael Zabanoff in Aufstieg und Fall der Stadt  Mahagonny; Foto: Jörg Landsberg

SCH: Die Jenny ist in seiner Deutung eine sehr sensible junge Frau. Schon früh wurde sie dazu gezwungen, ihre Gefühle zu unterdrücken, um sich ihr Leben als Prostituierte in der Stadt Mahagonny zu finanzieren. Dummerweise verliebt sie sich dann aber in einen ihrer Kunden mit Namen Jim Mahoney und zerbricht letztendlich an dieser utopischen Liebe, die in Mahagonny weder existieren kann noch darf.

OF: „Mahagonny“ zeichnet sich durch die Verschiedenheit der Vokalstile aus. War es für Sie schwierig, immer zwischen reinem Opern- und Brecht’schem Schauspielgesang hin und her springen zu müssen?

SCH: Ja, so ganz einfach war das wirklich nicht. Es dauerte eine Weile, bis ich den Zugang dazu gefunden hatte und Lust bekam, mit Text und Gesang zu spielen. Aber nun möchte ich es nicht mehr missen.

OF: Konnten Sie bei der Produktion selber bestimmen, was Sie wie singen oder wurde Ihnen das vorgegeben?

SCH: Es war ein Zusammen-Ausprobieren und -Finden, je nach Gefühlszustand der Jenny. Manchmal habe ich etwas vorgeschlagen bzw. angeboten oder unser GMD Markus Poschner oder Benedikt von Peter äußerten einen Wunsch.

in Don Giovanni mit Juan Orozco     Foto: Jörg Landsberg

OF: Eine weitere Größe des modernen Musiktheaters ist Andrea Moses, in derer großartiger Bremer „Don Giovanni“-Inszenierung Sie vorletzte Spielzeit als Zerlina brillierten. Wie sind Sie mit Frau Moses ausgekommen?

SCH: Ich bin erst ein Jahr nach der Premiere des „Don Giovanni“ nach Bremen gekommen und habe im darauffolgenden Jahr dann in der Wiederaufnahme die Zerlina gesungen. Somit kam ich leider nie in den Genuss, mit Andrea Moses persönlich zu arbeiten. Ich musste die Rolle innerhalb weniger Tage mit der Regieassistentin auf die Bühne bringen. Frau Moses hat aber die WA besucht. Es hat mich sehr gefreut, sie bei dieser Gelegenheit kurz kennenlernen zu dürfen.

OF: Welche Charakterzüge gab Andrea Moses dem Bauernmädchen?

SCH: Ihre Zerlina war sehr frech, kokett und mit einem Hauch „Drama Queen“ ausgestattet. Sie spielte mit den Männern und wusste genau, wie sie die Herren der Schöpfung um den Finger wickeln konnte.

OF: Bei „Batti, batti, o bel Masetto“ mutete Frau Moses der Zerlina geradezu akrobatische Verrenkungen zu. War es kompliziert für Sie, diese korrekt auszuführen und dabei noch zu singen?

SCH: Es erforderte einen gewissen Automatismus, und das nach nur zwei oder drei Proben. Ich durfte dabei nicht überlegen, sondern musste es einfach geschehen lassen. Die Bewegungen an sich waren nicht schwer, knifflig war nur die Kombination. Erst die Akrobatik, und dann den zweiten „Batti, batti“-Einsatz nicht zu verpassen: das war wirklich nicht ganz einfach.

OF: Aller guten Dinge sind drei. Deshalb sei an dieser Stelle noch ein weiterer Stern am Regiehimmel genannt, mit dem Sie es schon zu tun hatten: Frank Hilbrich. Unter seiner Ägide sangen Sie 2011 in Bremen die Miss Jessels in Brittens „The Turn of the Screw“. Was für einen Eindruck haben Sie damals von Herrn Hilbrich gewonnen?

SCH: Ich hatte bereits ein Jahr zuvor das große Vergnügen, mit Frank Hilbrich zu arbeiten. Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ war unsere erste gemeinsame Produktion in Bremen, dann folgte 2011 „The Turn of the Screw“. Beide Inszenierungen feierten hier beachtliche Erfolge. Ich schätze Herrn Hilbrich sehr, nicht nur als Regisseur, sondern auch als Mensch. Und es war eine große Bereicherung für mich, noch ein zweites Mal mit ihm arbeiten zu dürfen. Ich hoffe sehr, dass sich unsere Wege noch oft kreuzen werden.

Mit Sara Hershkowitz in The Turn of the Screw; Foto Jörg Landsberg

OF: Worin liegen die gesanglichen Schwierigkeiten der Miss Jessels? Womöglich in der unteren Lage? Es gab einmal eine Sopranistin, die bei dieser Rolle tiefe Töne einfach nach oben transponiert hat. Ist das legitim? Haben Sie das auch gemacht?

SCH: Die Miss Jessels wird gerade wegen ihrer Tiefe und ausgeprägten Mittellage gerne auch mit einem dramatischem Mezzo besetzt. Ein Sopran, der sich in der unteren Lage nicht wohl oder stark genug fühlt, sollte von dieser Partie lieber die Finger lassen. Ich hatte mit der Tiefe keine Schwierigkeiten und alles so gesungen, wie es in der Partitur steht. Ich wäre auch gar nicht auf den Gedanken gekommen, Töne zu transponieren. Ansonsten hätte ich die Rolle auch nicht angenommen.

OF: Wie hat Herr Hilbrich die Miss Jessels interpretiert?

SCH: Sie befand sich auf einer ewigen Suche nach Liebe und Zuneigung. Ihr Leben war diesbezüglich unerfüllt, da Quint ihre Liebe nicht erwidern konnte. Das einzige, was die beiden auch noch nach ihrem Tod zusammenhielt, waren ihre verbliebenen Pflegekinder Flora und Miles, von denen sie sich nicht lösen konnten.

OF: Wie ging Frank Hilbrich insgesamt an „The Turn of the Screw“ heran? Machte er daraus eine Geistergeschichte oder kam es ihm auf ein Psychogramm der Gouvernante an?

SCH: Das war gerade das Geniale an der Inszenierung: Er ließ es für die Zuschauer offen, ob all das, was da passierte, nur ein Psychodrama der Gouvernante war oder ob Miss Jessels und Quint doch noch als Geister existierten und im Haus herumgespukt haben. Volker Thieles Bühnenbild wurde von vier Räumen eingenommen, die alle ein und dasselbe Zimmer darstellten. In diesen wurde nun oft parallel dieselbe Szene gespielt, nur eben räumlich wie psychisch jeweils aus einer anderen Perspektive. Auf diese Weise wurde das Publikum mit unterschiedlichen Ansichten und Wahrnehmungen konfrontiert.

OF: Andrea Moses’ „Don Giovanni“-Produktion läuft seit Ende der letzten Spielzeit auch an der Staatsoper Stuttgart, wo Frau Moses seit 2011 Chefregisseurin ist. Und Frank Hilbrichs Inszenierung von „The Turn of the Screw“ wird ab Juli 2013 auch am Nationaltheater Mannheim zu sehen sein. Könnten Sie sich vorstellen, Zerlina und Miss Jessels auch an diesen beiden Häusern zu singen? Haben Sie womöglich bereits Einladungen zu Gastspielen in Stuttgart und Mannheim bekommen?

SCH: Selbstverständlich könnte ich mir sehr gut vorstellen, an diesen beiden tollen Opernhäusern zu singen. Doch blieben Einladungen von Stuttgart und Mannheim bis jetzt bedauerlicherweise noch aus. Es ist eben so, dass jedes Haus ja sein eigenes Ensemble hat. Und Zerlina und Miss Jessels sind meist einfach zu besetzen.

OF: An welchen Opernhäusern würden Sie gerne einmal auftreten?

SCH: Da gäbe es viele. Neben Stuttgart und Mannheim noch Zürich, Liceu, München, Wien, Berlin, Hamburg. Davon träumt man…Aber ich freue mich auf jedes neue Haus, ob klein oder groß. Wichtig sind mir die Menschen, mit denen ich arbeite.

OF: Wo zieht es Sie rollenmäßig hin? Welche Partien stehen auf Ihrer Wunschliste?

SCH: Momentan zieht es mich zu Norina, Musetta, Micaela, Morgana oder auch Nanetta und Sophie im „Rosenkavalier“. Weiter würde ich mir für die Zukunft eine Gilda, Margarethe, Traviata, Massenets Manon, Lulu, Lucia und Juliette wünschen.

OF: Eine Ihrer besten Rollen war in der letzten Saison die Anne Frank in Grigori Frids Mono-Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“. Wie war es, diese Partie zu singen und zu verkörpern?

SCH: Die Vorfreude auf Frids Anne-Frank-Mono-Oper war sehr groß, da ich in meiner Jugendzeit ihr Tagebuch verschlungen habe und ihr Wesen und ihr Schicksal schon damals tief berührten. Nun durfte ich die Geschichte dieses jungen, unglaublich reifen und sensiblen Mädchens verkörpern. Es war eine sehr anstrengende Arbeitszeit. Die Anne Frank verlangte tägliches Lernen mit meiner (geschätzten) Korrepetitorin Kristina Ruge, die in den Aufführungen dann auch den Klavierpart übernahm. Das Konzept von Regisseur Patric Seibert war insoweit ziemlich unkonventionell, als wir zu dritt die Anne darstellten: Schauspielerin Hanna Ehrlichmann, die Pianistin und ich. Zwischen den musikalischen Nummern verwendeten wir passende Texte aus ihrem Tagebuch und entdeckten so zu dritt ihr Hinterhausleben immer wieder aufs Neue. Diese Rolle zu verkörpern, war ausgesprochen spannend (und herausfordernd). Ich sang sie sehr gerne und wir waren ein richtig gutes Team.

OF: Bis auf die Miss Jessels waren Sie bisher nur in durchweg „braven“ Partien auf der Bühne zu erleben. Was für ein Verhältnis haben Sie zu den negativen Charakteren Ihres Fachs? Denken Sie, dass diese Ihnen liegen würden?

SCH: Es würde mich sehr reizen, solche fragwürdige Figuren zu verkörpern, weil diese einem extreme Facetten abverlangen. Da wird man nachhaltig vor die Aufgabe gestellt, Charakterzüge, die einem eigentlich wesensfremd sind, zu vermitteln. Das Unbekannte in sich selbst zu entdecken, stellt ja gerade auch das Spannende an dieser Art von Partien dar. Deshalb würde ich ja auch sehr gerne einmal die Lulu verkörpern.

OF: Die ist nicht gerade einfach zu singen. Berg hat seiner Oper die Zwölftontechnik zugrunde gelegt und sie recht atonal komponiert. Wie stehen Sie zu dieser Art von Musik?

SCH: Da ich bis jetzt mit der Dodekaphonie leider noch kaum in Berührung gekommen bin, kann ich nur die Vermutung äußern, dass es unglaublich viel Zeit und Fleiß erfordert, um diese Musik wirklich gut zu verstehen und sich eingängig mit ihr vertraut zu machen. Wie schon erwähnt, hoffe ich sehr, dass diese große Herausforderung sich in der Zukunft für mich einmal ergeben wird.

OF: Die Lulu ist nicht nur von ihren stimmlichen Anforderungen her äußerst anspruchsvoll, auch darstellerisch wird ihren Interpretinnen oft extrem viel abverlangt. Häufig fordern Regisseure von den Lulu-Sängerinnen, sich gänzlich zu entkleiden. Wie ist es bei Ihnen: Würden Sie nackt auf die Bühne gehen?

SCH: So allgemein kann ich diese Frage nicht beantworten. Wenn wir singen, sind wir ja eigentlich immer nackt und wenden unser Innerstes nach außen. Für mich ist Nacktheit auf der Bühne nicht von Nöten und ein Regisseur müsste schon sehr gute und nachvollziehbare Gründe anführen, um mich dafür zu gewinnen.

OF: Allgemein gefragt: Wo liegt die Grenze, bei der Sie zu einer Regieanweisung nein sagen würden? Ist das schon einmal vorgekommen?

SCH: Wo die Grenzen liegen, weiß ich nicht so genau. Bis jetzt wurde von mir zum Glück noch nichts Unmögliches verlangt.

OF: Bevorzugen Sie den modernen oder den konventionellen Regiestil?

SCH: Bisher waren alle Produktionen, in denen ich aufgetreten bin, zeitgenössischer Natur. Wenn überhaupt, beinhalteten sie nur wenige konventionelle Elemente. Das Theater geht immer mit der Zeit, will Neues ausprobieren und ist stets avantgardistisch unterwegs, was mir persönlich sehr entgegenkommt.

OF: Worin besteht Ihr Selbstverständnis als Sängerin?

SCH: Mein Beruf fasziniert mich - einerseits von der menschlichen Stimme her, andererseits aber auch mit Blick auf das Repertoire und die Musik. Die Vielschichtigkeit ist unermesslich: Ich singe Oper, Oratorien und Lieder. Das sind alles ganz verschiedene musikalische Welten, die sich aber doch immer irgendwo wieder treffen. Durch Musik, Gesang und Text kann man unglaublich viele Emotionen vermitteln und die unterschiedlichsten Geschichten erzählen, was allein mit dem gesprochenen Wort nicht möglich ist. 

Auf dem Künstlertreffen der Gottlob-Frick-Gesellschaft mit Kap Sung An und Thorsten Büttner; Foto: Gottlob-Frick-Gesellschaft

OF: Was tun Sie, um sich zu entspannen, wenn Sie einmal frei haben?

SCH: Ich genieße vor allem das „dolce far niente“, schlafe lange, koche etwas Leckeres, schaue mir einen Film an, trinke Kaffee mit meinen Freunden oder organisiere mir im besten Falle eine Massage.

OF: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

SCH: In erster Linie Gesundheit, damit ich meinen wunderbaren Beruf noch lange ausüben kann. Außerdem weiterhin viele spannende Produktionen, Herausforderungen und Begegnungen mit ehrlichen, interessanten und inspirierenden Menschen.

OF: Im Namen des OPERNFREUNDES bedanke ich mich herzlich für das Interview.

 

Ludwig Steinbach, 19.01.13

 

 

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