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Die traurige Operette und ein fröhliches Publikum in Meiningen

DER ZAREWITSCH

Aufführung 16.02.2014                 

(Premiere 24.01.14)

Eine Aufführung, die zu Recht viel Beifall hervorrief

Wieder einmal fuhr ich mit vielen Freunden mit gemischten Gefühlen nach Meiningen. Mit gemischten Gefühlen, weil ich vor der Abfahrt die Premierenkritik der Aufführung gelesen hatte und die verdammte fast alles in Grund und Boden und lies vor allem kein gutes Haar an den Sängern. Ja und da sieht man, dass die Geschmäcker doch sehr unterschiedlich sein können – übrigens waren die 50 mitfahrenden Freunde alle von der Aufführung begeistert gewesen, es gab Keinen, der große Kritikpunkte anbringen konnte. Also entweder hatte mein Kritikerkollege einen rabenschwarzen Tag, oder aber er mag die Hauptdarsteller bzw. die Sänger der Aufführung des Meininger Hauses nicht und verteufelt sie deshalb in Grund und Boden. Ich jedenfalls war froh, dass wir – wie so oft – beschwingt aus Meiningen nach Hause fahren konnten, nicht ohne bei einem gepflegten Abendessen die Aufführung noch einmal Revue passieren zu lassen.

Der „Zarewitsch“ gehört zu einer der seltenen Exemplare seiner Gattung, bei der am Ende nicht alles in Wohlgefallen aufgeht und man walzerbeseligt sich in die jeweiligen Arme fällt. Nein, der Schluss ist traurig, das Liebespaar bekommt sich nicht, der Zarewitsch muss seiner großen einzigen und ersten Liebe entsagen, die Staatsräson und die Übernahme der Kaiserkrone verlangt es von ihm. Die Handlung ist schnell erzählt. Der schüchterne, zurückhaltende scheue Zarewitsch Alexej fürchtet sich vor dem Zauber der Frauen und ergibt sich deshalb in eine erotische Zurückhaltung, die keinerlei weiblichen Kontakt zulässt. Da aber eine hochrangige Hochzeit geplant ist und man ein unbescholtenes Bübchen nicht in eine zum Scheitern verurteilte Ehe laufen lassen möchte, führt der Großfürst die als Mann verkleidete Tänzerin Sonja dem Zarewitsch zu, um ihn in die Freuden der Liebe einzuführen. Der Zarewitsch erkennt das Komplott und will Sonja vom Hof jagen lassen. Die kluge Sonja jedoch kann ihm erklären, dass er seine Ruhe von den höfischen Intriganten hat, wenn diese glauben, dass er mit ihr, einer Frau, zusammen ist. Es kommt, wie es kommen muss, der Zarewitsch verliebt sich in Sonja und will ihr zuliebe seine Anwartschaft auf den Thron aufgeben, nur um ihr nah zu sein. Als er fast nicht mehr anders kann, flieht er mit Sonja nach Italien und genießt mit ihr, aber auch mit seinem Leibdiener Iwan und dessen Frau Mascha Freuden der Liebe, die für ihn – und davon ist er überzeugt – nie enden sollen. Natürlich werden sie in Italien aufgespürt und eben zu diesem Zeitpunkt stirbt der Zar, der Vater Alexejs. Sonja, die den Zarewitsch von ganzem Herzen liebt, erkennt, dass sie auf ihn verzichten muss, da das Volk einen Zaren verlangt, der ganz für sein Vaterland aufgeht. Alexej verzichtet der Staatsräson Willen auf seine große Liebe und Sonja bleibt allein zurück. Um diese doch eher recht banale Geschichte hat Franz Lehár eine Fülle wundervoller Melodien geschrieben, man schwelgt und leidet gleichzeitig mit. Und natürlich hat meine Frau die Aufführung wieder mit Tränen in den Augen verlassen – ja die unerfüllte Liebe ist etwas fürchterlich Trauriges.

Der Regisseur Lars Wernecke hat dies alles entsprechend umgesetzt, er macht keine Experimente, er versucht sich nicht selbst zu verwirklichen, er gibt eine grundsolide Darstellung der tragischen Operette wieder. Die Zerrissenheit der Personen wird angerissen, ein ins Detail gehende Herausarbeiten widerspricht dem Zauber der Operette selbst, da sie von der Komposition immer Operette geblieben und nicht zum Drama abgestiegen ist – dies würde auch den wunderschönen Melodien nicht entsprechen. Aus diesem Grund gefällt mir die zurückhaltende Art der Regie und auch die Bühne und vor allem auch die wunderschönen farbenprächtigen Kostüme von Christian Rinke können überzeugen. Dies alles schmeichelt dem Auge – und das ist doch schon sehr viel, was man von einer Operette erwarten kann. Der Chor ist exzellent einstudiert durch Sierd Quarré und es wird auf der Bühne der Charme der frühen Jahre erkennbar. Die Meininger Hofkapelle ist Gott sei Dank – wie so oft - gut aufgelegt und wird mit kraftvoller, aber auch zu zarten lyrischen Passagen fähiger Hand von Sierd Quarré geleitet, der ja auch für die Choreinstudierung zuständig ist. Er überdeckt seine Sänger nicht mit Klangwogen, sondern lässt ihnen den notwendigen Freiraum zur Entfaltung und zum Erblühen der Lehárschen Melodien.

Und nun zu den Sängern dieser Aufführung. Stan Meus als Iwan, der quirlige Kammerdiener des Zarewitsch, gibt eine gute Buffovorstellung, sein durchschlagkräftiger heller und sicherer Tenor kann überzeugen, auch im Spiel gibt es keinen Ausfall. Dies kann man leider von Ute Dähne als seiner Frau Mascha nicht behaupten. Zu klein und schwach ist ihre Stimme, sie ist für mich kaum verständlich und auch vom Spielerischen her ist sie der Rolle der Mascha doch schon um einige Jahre entwachsen. Schade, denn das wertet die Duette mit ihrem Iwan auch ein bisschen ab. Reinhold Bock und Ulrich Kunze geben eine solide schauspielerische Vorstellung als Großfürst und Ministerpräsident. Kati Rücker als Gräfin und Julia Grunwald als Olga fallen nicht sehr groß auf und damit aber auch nicht ab.

Und nun zu den beiden Hauptpartien, die mich alle beide überzeugen konnten und die viel zum Erfolg der Aufführung beigetragen haben. Zum Einen ist es Rodrigo Porras Garulo als Zarewitsch, als Alexej. Der in Mexico City geborene Sänger überzeugt durch seine weiche, markante Stimme, die er in hohen Lagen auch strahlend, mit baritonalem Hintergrund, einsetzen kann. Er hat mich in der Rolle voll und ganz überzeugt, ebenso wie sein Herzog in Rigoletto, den ich vor kurzem hören konnte. Natürlich ist er kein Richard Tauber, aber wer ist das – und es ist außerdem widersinnig einen heutigen modernen Sänger zu vergleichen mit einer Sängerpersönlichkeit, von der ich mir nicht sicher bin, ober er in er heutigen Zeit die großen Erfolge wie früher feiern könnte. Mir gefällt die Art und die Weise, wie Rodrigo Porras Garulo sich in eine Rolle hineinversetzt und versucht das Beste zu geben. Das ist ihm auch im „Zarewitsch“ wieder gelungen. Sonja Freitag ist seine Sonja und auch sie erblüht etwas zurückhaltend, aber auf jeden Fall rollendeckend. Ihr beweglicher Sopran, der in den Höhen durchaus zu leuchten im Stande ist, kann in der Rolle der Sonja durchaus bestehen. Sowohl in den Soli als auch vor allen in den Duetten ergänzen sich beide ausgezeichnet und man leidet mit ihnen mit (vor allem meine Frau), wenn sie am Ende in unerfüllter Liebe auseinandergehen müssen.

Die Fahrt nach Meiningen hat sich für mich und meine Freunde wieder gelohnt und wir freuen uns heute bereits auf den Juni, in welchem ich mir den Meininger „Rigoletto“ zum zweiten Mal ansehen darf. Und natürlich werde ich wieder von meinen Eindrücken berichten. Ich kann jeden, dem sich die Gelegenheit bietet, nur auffordern, einmal nach Meiningen zu fahren und dort zu erleben, wie gespieltes Musiktheater sein kann.

Manfred Drescher, 03.03.2014  

Fotos ed Meiningen

 

 

 

RIGOLETTO

Premiere in Meiningen am 18.10.13

Diese Produktion hat der Opernfreund zu einem Gastspiel am  ans Theater Fürth begleitet. Die Aufführung vom 21.12.13 am Theater Fürth hat unser Redakteur Manfred Drescher besprochen.

 

Ein Galafest der Stimmen und „Standing Ovations“ in Meiningen

I PURITANI

Aufführung 27.10.2013                 

(Wiederaufnahme 15.09.13)

Eine Aufführung, die man so schnell nicht vergisst

Mit fast 60 Freunden fuhr ich nach Meiningen, um mir „Der Puritaner“ von Vincenzo Bellini anzusehen und anzuhören. Und ich habe viel Überzeugungsarbeit gebraucht, dass all meine Freunde mitfuhren, denn Bellini und die Puritaner, was ist denn das? Kaum einer kannte die Oper, ganz wenige versprachen sich viel von der Aufführung und kaum einer wird sie je vergessen, nach einer denkwürdigen Aufführung in Meiningen. Und mit Aussprüchen wie „denkwürdig“ bin ich eigentlich recht vorsichtig, zu viele Aufführungen habe ich in meinem Leben schon erleben dürfen. Und wie schon so oft, fährt man auch wieder mit gemischten Gefühlen aus Meiningen nach Hause, denn zu oft, sind die grandiosen Sänger, die hier fast wie am Fließband verpflichtet werden, nach nur einer oder zwei Spielzeiten an größere Häuser abgewandert – und auch hier wird es wieder so kommen und man kann nur hoffen, dass das Händchen für Stimmen in Meiningen noch lange erhalten bleibt, damit man immer wieder einmal eine solche Sternstunde der Oper erleben darf.

Die Opern von Vincenzo Bellini werden leider nicht so oft aufgeführt, und das liegt nicht daran, dass sie schlecht sind, im Gegenteil, sondern in erster Linie  daran, dass es sehr schwer ist, Sänger zu finden, welche den immens hohen Anforderungen dieser Belcantooper gewachsen sind. Meiningen tat gut daran, gerade diesen Opernschmachtfetzen auf seinen Spielplan zu setzen, denn so begeistert wurde hier schon lange keine Oper mehr gefeiert. Bellini gilt als der Meister des wunderschönen Klanges, der musikalischen Linie, der musikalischen Genüsse und Lüste, des reinen Wohlklanges, des italienischen Belcanto schlechthin und als ein Komponist, der auch die Seele berührt.  

Xu Chang Stephanos Tsirakoglou und Elif Aytekin                   Foto-ed

Die Handlung ist eigentlich schnell erzählt. Die Hochzeit steht im Zentrum und um die junge Elvira Walton kämpfen der puritanische Oberst Sir Richard Forth und Lord Arthur Talbot, der ein Anhänger der Stuarts ist. Dem Glück von Arthur und Elvira stehen die Machtkämpfe zwischen Katholiken und Protestanten entgegen, Waffengewalt regiert und alles droht im Kampf zu versinken. Elvira muss mit ansehen, wie ihr Verlobter Arthur Talbott mit Henriette von Frankreich flieht, einfach um deren Leben zu retten. Sie, die sich verlassen fühlt und Arthur fälschlicherweise als untreu zu sehen glaubt, verfällt zusehends dem Wahnsinn (aus dem sie Gott sei Dank wieder entfliehen kann). Die Flucht scheitert und sowohl die Fürstin als auch ihr Helfer Arthur werden zum Tode verurteilt. Jedoch Oliver Cromwell, der siegreich aus der Schlacht heimkehrt, vollzieht die Wende und es kommt – außergewöhnlich für eine eigentlich tragische Oper – zu einem wunderschön anrührenden Happy End. Diese ganze Handlung jedoch wird durch die wunderschöne Musik Bellinis in den Hintergrund gedrängt. Im Vordergrund steht diese Musik, die herrlichen Melodien und vor allem auch die sehr starken Chorszenen, die sich durch das ganze Werk hindurchziehen und die allein schon für berauschenden Kunstgenuss sorgen. 

Dae-Hee Shin, Elif Aytekin ,Roberto Cassani, Ernst Garstenauer,  Ensemble   Foto-ari 

Der Regisseur Bernd Dieter Müller hat dies alles in ein schlüssiges Konzept gesteckt, er betont durch seine zeitlose Interpretation, durch den Verzicht auf historischen Pomp, die Musik – und die ist stets im Vordergrund und sie weiß dies weidlich auszunutzen. Beeindruckende Chorszenen (einstudiert durch Sierd Quarré) bestimmen die Oper, Sonderapplaus auch für den Chor, der so oft und dominant nur in wenigen Werken gefordert ist und dies mit Bravour erledigt, allein die Chorszenen wären schon einen Besuch der Oper wert. Die Meininger Hofkapelle ist gut aufgelegt und wird mit sicherer, straffer Hand von Leo McFall geleitet. Er lässt den Sängern auch den notwendigen Freiraum und deckt sie nicht mit Orchesterwogen zu. Und nun im Einzelnen zu den Sängern, es gab in der ganzen Besetzung niemand, der abgefallen wäre, oder den man mit der barmherzigen Gnade der Nichterwähnung schützen müsste, nein, alles fügte sich homogen zu einem Ganzen. Stimmgewaltig in der kleineren Partie des Generalgouverneurs der Puritaner war Stephanos Tsirakoglou als Lord Gualtiero Valton. Immer präsent, sein Bruder Sir Giorgio, Oberst a.D. der Puritaner und väterlicher Freund Elviras, der überzeugend und mit schöner, warmer Stimme von Ernst Garstenauer gegeben wurde. Enrichetta di Francia, die Witwe von Charles I. wurde von der Mezzosopranistin Carolina Krogius sowohl gesanglich als auch darstellerisch rollendeckend verkörpert, ebenso wie Roberto Cassani als Sir Bruno Robertson, Offizier der Puritaner. Sie alle trugen dazu bei, dass es stimmlich eine stimmige Inszenierung wurde. 

Elif Aytekin als Elvira, Chor                                    Foto-ari (3)

Ja – und dann waren da die drei Hauptpartien, bei denen man nicht weiß, welcher man die Krone aufsetzen darf, auf ihre Weise haben sie diese alle drei verdient. Die Sopranistin Elif Aytekin verkörperte die liebende, scheinbar Verlassene, dem Wahnsinn verfallende und aus ihm sich wieder lösende Elvira, die Tochter Lord Valtons. Und wie sie diese Figur verkörperte war einzigartig, sowohl von ihrer stimmlichen Verkörperung, als auch ihrer darstellerischen Intensität. Mit einer gewaltigen Stimmkraft, die man diesem zarten Persönchen gar nicht zugetraut hätte, einer brillanten Koloraturtechnik und einem Piani, bei welchem die Töne messerscharf hingehaucht im Raum stehen, in einem Raum, bei dem sich aus dem Publikum dabei kaum einer zu atmen wagt. Eine Ausnahmesängerin und -darstellerin mit Sicherheit, die stimmlich nicht nur voll überzeugt, sondern auch berührt. Ich will keine Vergleiche zu den großen Primadonnen, die diese – teilweise mörderisch schwere Partie – schon gesungen haben ziehen, bin mir aber sicher, dass man von Elif Aytekin in der Zukunft noch viel hören wird. Ihr zur Seite Xu Chang als ihr Verlobter Lord Arthur Talbot. Ich habe ihn schon öfter in Meiningen erlebt, aber noch nie so intensiv und mit einer stimmlichen Gewalt, die fast den Theatersaal sprengte. Noch lange habe ich mich im Bus mit einem mitgefahrenen Orchestermusiker „gestritten“, ob Chang das hochgestrichene E oder F gesungen hat. Wir haben uns dann beide auf das F geeinigt, es war beeindruckend und es gibt mir Sicherheit nicht viele Tenöre, die diese stimmlichen Voraussetzungen mitbringen. Dass Xu Chang ein bisschen die darstellerischen Qualitäten und die Leichtigkeit im Spiel fehlten, war vollkommen unerheblich und eine Kritik daran, die etliche Rezensionskollegen hier angebracht haben, kann man eigentlich nur als beckmesserisch bezeichnen. Ich war jedenfalls von beiden Protagonisten begeistert – und mit mir das fast ausverkaufte Haus, das in endlosen Jubel ausbrach. Und hier ist noch der dritte im Bunde zu erwähnen, der unglaublich sichere, klangschöne mit warmer tragender Stimme singende Dae-Hee Shin, der auch zu den Säulen des Meininger Musiktheaters zählt, als Sir Riccardo Forth, Oberst der Puritaner. Alle drei brachten das anwesende Publikum „zum Kochen“ und am Ende, als nach fast drei Stunden viel zu früh der Vorhang fiel, brachte es den Künstlern stehende Ovationen. Und diese hatten sich alle auch redlich verdient. Ich gebe gerne zu, dass mir sich heute beim Schreiben noch die Gänsehaut aufzieht, wenn ich an dieses musikalische Extraerlebnis zurückdenke. 

Schlussapplaus:  Xu Chang, Elif Aytekin, Dae-Hee Shin          Foto-Eigenaufnahme

Die Fahrt nach Meiningen war ein einmaliges Erlebnis, welches ich so schnell nicht vergessen werde, bereits im Dezember werde ich die drei Hauptprotagonisten wieder in der Oper „Rigoletto“ erleben dürfen und ich freue mich wahnsinnig darauf und hoffe gleichzeitig, dass der Gang zu größeren Opernhäusern noch ein bisschen aufgeschoben werden möge. Selten bin ich von einer Opernaufführung so beeindruckt und aufgewühlt nach Hause gefahren. Ein Edelstein ist in Meiningen zu bewundern, dessen Glanz sich weiter ausbreiten sollte.

Manfred Drescher, 02.11.2013  

 

 

 

 

 

 

TANNHÄUSER

Das Meininger Theater führte wieder "Tannhäuser" halbszenisch auf der Wartburg auf. Bericht von der Aufführung am 20.06.13 unter Eisenach.

 

TRISTAN UND ISOLDE

1. März 2013

Meiningen liegt nicht gerade ums Eck, wenn man aus Wien kommt. Aber die 700 km Anfahrt in den Thüringer Wald war dieser Abend auf jeden Fall wert, denn einen Tristan wie Andreas Schager sieht man heute auf den europäischen Opernbühnen nicht jeden Tag. Bereits im Vorjahr zeigte der Niederösterreicher in Minden mit dieser Rolle, dass er auf dem besten Weg in die vorderste Reihe der Wagner-Interpreten ist. Diesmal hatte ich den Eindruck, dass er dort bereits angekommen ist. Das Südthüringische Staatstheater Meiningen bot ihm auch die ideale Bühne und mit dem Regisseur Gerd Heinz fand er einen alten Theaterhasen vor, der auf plakative Mätzchen verzichtete und mit konsequenter, präziser Personenführung eine „aufregend-altmodische“ Inszenierung auf die Bretter zauberte. Mit Richard Wagners Parsifal konnte der vom Schauspiel kommende 72-jährige (der u.a. das Züricher Schauspielhaus leitete) an diesem Theater bereits 2009 das Publikum begeistern.

Tristan und Isolde hatte Heinz aber in seiner über 50-jährigen Bühnenkarriere noch nie gemacht, das Team für Wagners größtes Liebespaar der Operngeschichte war das gleiche wie 2009: Bühnenbildner Rudolf Rischer und Kostümbildnerin Gera Graf sorgten für Ästhetik und Wohlfühlen, keine Maschinengewehre, keine grauen Anzüge, sondern wunderbare Ausstattungen mit gutem Geschmack.

Für den ersten Akt wurde der Bug eines Schiffes imposant und Titanic-like in die Bühnenmitte gestellt und die Drehbühne intelligent zum Einsatz gebracht. So spielen die intimen Szenen in Isoldes Refugium, geschickt wechselt Heinz die Schauplätze, um schließlich im Finale des ersten Aktes den Chor auf den Außendeck Aufstellung nehmen lässt, um die Ankunft bei König Marke zu zelebrieren.

Isolde (Ursula Füri-Bernhard) ist dabei nicht eine weltentrückte Rächerin, sondern eher die verwöhnte Zicke vom Königshof. Ihre Darstellerin bringt dafür alle Voraussetzungen mit: Eine so behende und quirlige Isolde sieht man eher selten, und da kann es schon einmal passieren, dass die Töne nicht immer dort landen, wo Wagner sie hingesetzt hatte, insgesamt klingt ihr Gesang auch eher italienisch denn wagnerhaft-deutsch. Darüber gingen am Ende auch die Meinungen auseinander, für Furore sorgte die Schweizerin, die in Bern lange unter Vertrag stand und der Kinder wegen bisher auf internationale Engagements weitgehend verzichtete, allemal.

Über den Tristan von Andreas Schager kann man hingegen nur einer Meinung sein, und die kam beim Schlussapplaus auch lautstark aus dem Publikum: Jubel und große Anerkennung. Es ist schon erstaunlich wo dieses schlanke „Bürscherl“ all die Kraft hernimmt, eine der schwersten Partien der Opernliteratur ohne Rücksicht auf Verluste durchzusingen. Dass er alle zwei Tage (auch spätnachts) sein 6-Kilometer-Laufpensum absolviert, ist wohl nur eine unzureichende Erklärung für seinen Erfolg. Ebenso wichtig dürfte für ihn die seit einem Jahr andauernde Arbeit mit der Berliner Gesangslehrerin Heidrun Franz-Vetter sein. Die Stimme springt in jeder Sekunde richtig an und hat ein helles, klares Timbre. Ein fortissimo erschüttert auch die letzten Reihen, die zarten Töne schmelzen nur so dahin, was will man von einem Wagner-Tenor heute mehr. Dass er schon als „der neue Vogt“ gehandelt wird, wird dem sympathischen Sänger nicht gerecht: Er ist bereits DER SCHAGER. (der übrigens den Siegfried auch bestens drauf hat und ihn demnächst in Ludwigshafen singen wird).

Gerd Heinz zeichnet die Rolle Tristans auch in allen Facetten und lässt einen bereits von der ersten Sekunde an die schwierigen Verhältnisse spüren, aus denen er stammt und die erst im letzten Akt erzählt werden. Auch nach dem Liebestrank zweifelt er und steht sekundenlang an der Reling, wohl mit dem Gedanken ins Meer zu springen. Und wie Schager seinen Blick in die Ferne schweifen lässt. bevor er sein „O sink hernieder“ singt, das war großes Kino, das natürlich in einem Haus mit 730 Plätzen besonders effektvoll ankommt.

Apropos Liebestrank: Dass Richard Wagner zu seiner Cosima gesagt hat „sie könnten genauso gut ein Glas Wasser trinken“, setzt die Regie konsequent um. Brangäne versteckt den Todestrank und gießt lediglich Wasser in die Schale. Dass beim Trinken der Blitz in die Liebenden einschlägt bedarf keiner Utensilien. Und eben dieser Blitz ist auch bei den Vorspielen zu den Aufzügen 1 und 3 am Bühnenvorhang zu sehen.

Christina Khosrowi meistert die relativ undankbare Partie der Brangäne mit allergrößter Bravour. Man kann gespannt sein, in welche Richtung es bei ihr weiter gehen wird und auch bei ihr fragt man sich immer wieder, wie eine so gertenschlanke Sängerin (die noch dazu blendend aussieht) diese Power hernimmt dem Orchester stimmlich derart Paroli bieten zu können. Vielleicht wartet da demnächst gar eine Kundry?

Dass die Inszenierung im zweiten Akt einen kleinen Durchhänger hatte lag großteils an den (entbehrlichen) Videoeinspielungen während des großen Liebesduetts, der Sinn dieser „Wasserspiele“ erschloss sich mir jedenfalls nicht und die hektische Optik lenkte von der traumhaften Melodie doch zu sehr ab. Dabei hatte sich der Bühnenparavent mit dem stilisierten Wald vorher bereits zu einer sehr schönen Meeresstimmung geöffnet, naja, zu perfekt sollte der Abend wohl auch nicht ausfallen.

Neben den erwähnten Gastsängern behaupteten sich die hauseigenen Kräfte in den meisten Fällen: Ernst Garstenauer gab einen lautstark akklamierten König Marke, Dae-Hee Shin gab trotz seiner Herkunft einen wortdeutlichen Kurwenal und besonders angetan hatte es mir Rodrigo Porras Garulo, der sowohl den jungen Seemann als auch den Hirten mit lyrischem Tenor wunderschön intonierte. Nicht ganz so gut gefallen konnte der bewährte Stan Meus als Melot und Lars Kretzer als Steuermann.

GMD Philippe Bach brauchte mit der Meininger Hofkapelle (die ja einst auch von Bülow dirigiert wurde) vorerst einige Zeit um den idealen Spannungsbogen zu finden. Das Vorspiel wirkte daher noch ein wenig inhomogen und hätte auch eine exaktere Streichergruppe vertragen. Aber die Damen und Herren im Graben steigerten sich schon bald und Bach hatte das Heft bis zum Schluss fest in der Hand. Ein Bravo dem mit 39 Lenzen noch jungen Schweizer! Für den (gar nicht so kleinen) Chor (der sehr konventionell zum Einsatz kam) zeichnete Sierd Quarré verantwortlich, eine extra Erwähnung soll noch die Lichtregie von Beleuchtungschef Rolf Schreiber bekommen.

Der meiste Beifall galt natürlich am Ende Andreas Schager, aber auch seine Kolleginnen und Kollegen fanden ebenso vehementen Zuspruch wie das gesamte Regieteam – 13 Minuten Ovationen! Bis Ende Juni gibt es noch sieben Reprisen. Und sollten sie eine kürzere Anreise haben als der Schreiberdieser Zeilen, dann lege ich ihnen einen Besuch ans Herz.

Ernst Kopica                                                       Fotocopyright: Foto-ed.

 

 

 

 

 

 

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