DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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                                    Theater Mönchengladbach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

http://www.theater-kr-mg.de/


 

 

 

MAZEPPA

PR Rheydt am 19.1.

Mazeppa – Fallen in Love

Einen schlimmen Anblick bot der Blick in den Saal des Theaters Mönchengladbach: nicht einmal halb gefüllt war er, und das auch noch bei einer Premiere. Keine effektive Werbung des Hauses für Tschaikowskys Meisterwerk? Dem wurde vom Theaterdienst heftig widersprochen: Die „Einheimischen“ kämen erst dann in die Oper, wenn die Lokalzeitungen gut berichtet hätten. Lesen die Leute denn nichts von den blendenden Rezensionen der Premiere in Krefeld 2012 in der lokalen Presse und in den Online-Magazinen? Schauen sie nicht die Theater-Webseite und in die mit Lobenshymnen nahezu vollgestopfte Presseabteilung des Hauses?

Sogar den OPERNFREUND-STERN, als besondere Auszeichnung von Europas meistgelesenem Opernmagagzin, hatte die Produktion bekommen.

So verloren sich die Premierenabonnenten und Getreuen des Hauses im weiten Rund, man konnte sichtoptimierend andere Plätze einnehmen, die Akustik war ungedämpft, vom Platz des Rezensenten in der Mitte dritte Reihe ohne jegliche Zuschauer davor war nicht nur der Blick optimal, sondern auch ein ungemein plastisches Hörerlebnis der blendend aufgelegten Niederrheinischen Symphoniker unter ihrem GMD Mihkel Kütson im wahrsten Sinne des Wortes zu goutieren; jede Instrumentengruppe was einzeln zu orten, ein auch phonetisch tolles Klangbild!

Es macht wenig Sinn, die beiden in unserem OPERNFREUND erschienenen Rezension der Kollegen Peter Bilsing und Martin Freitag (bitte etwas runterscrollen zum Nachlesen!) mit anderen Worten noch einmal aufzukochen, da alle Mitwirkenden auch zuvor in Krefeld aufgetreten waren; so scheinen sich die Inszenierung und das Orchester richtig gut warm gelaufen zu haben.

Hilfreich ist auch ein Klick auf die Seite der Presseabteilung der Oper. Den vielen guten Worten ist wirklich nichts hinzuzufügen: eine sehr glaubhafte, nicht überzogene und kitschfreie, durchgängig hochspannende Inszenierung von Helen Malkowsky, ganz großartige Sänger/Darsteller-Leistungen, ein perfekter Chor, dazu persönliche Rührung, Schrecken und Mitfühlen, Bewunderung der Stimmen, Rückenschauer und Gänsehaut, und langer jubelnder Applaus mit ganz vielen Bravos. Das Fachpublikum wusste schon sehr gut, was es da gerade an Großem erlebt hatte in der sogenannten „Theaterprovinz“. Davon könnten sich viele nachbarschaftliche Opernhäuser eine dicke  Scheibe abschneiden! Das ist vorbildliches Musiktheater - auch ohne die ganz berühmten Namen.

Der Rezensent gesteht freimütig, vorab ein wenig in die Kritiken geschaut zu haben. Das war in diesem Fall zweifellos ein Fehler, da das unmittelbare Erlebnis und die Überraschung wohl sonst noch intensiver gewesen wären. Gerne berichtet er aber auch, dass "Mazeppa" – von ihm vorher noch nicht live erlebt – auf dem Wege ist, seine bisherige Lieblingsoper "La Traviata" (bitte nicht ginsen) vom angestammten Platz zu verdrängen. Die CD ist schon bestellt, Karten für eine weitere Aufführung sind geordert. Man kann jedem nur nachdrücklich zu einer Reise nach Mönchengladbach-Rheydt raten, solange das Werk noch läuft...

Michael Cramer 21.1.14

Bilder: Vereinigte Bühnen

 

BITTE HINFAHREN !!

///// Theater Mönchengladbach
Sa25. 01. 201419:30 Uhr// Karten
Mi05. 02. 201419:30 Uhr// Karten
Fr07. 02. 201419:30 Uhr// Karten
Mi12. 03. 201419:30 Uhr// Karten
Di18. 03. 201419:30 Uhr// Karten
Fr21. 03. 201419:30 Uhr// Karten
So06. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Do17. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Sa19. 04. 201419:30 Uhr// Karten
Do24. 04. 201419:30 Uhr// Karten

 

 

 

MY FAIR LADY

Premiere am 17.11.2013

Besucht: 2. Aufführung am 29.11.2013

Etwas schmalbrüstig in Mönchengladbach

„My Fair Lady“, das berühmten Musical von Frederick Loewe nach "Pygmalion" von George Bernhard Shaw, ist ein gesellschaftskritisches Stück über "die da oben und die da unten", verpackt als Komödie über eine hoffähige Sprache und ein entsprechendes Benehmen. Der Sprachwissenschaftler Higgins schließt mit seinem Kollegen Oberst Pickering eine Wette ab, das einfache Blumenmädchen Eliza Doolittle mit der schrecklichen Aussprache allein durch vokales Training auf einer Veranstaltung der feinen Gesellschaft als unbekannte Gräfin ausgeben zu können. Die Geschichte dürfte hinlänglich bekannt sein und sei hier nicht noch einmal ausgebreitet. Shaw´s Schauspiel wie auch das Musical von Loewe haben viel hintergründigen Witz und Spitzigkeit, sie spielen im unterschiedlichen Milieu der niederen Straße und der feinen Gesellschaft, lassen grobschlächtige einfache Leute in der Kneipe neben feinen Herrschaften der Oberklasse bei Pferderennen, Tanzvergnügen und Nachmittagstee agieren. Und zeigen, wie man allein durch Unterricht aus diesem Milieu hochkommen kann, um schließlich selbst Sprachunterricht zu geben. Ein Stück also der Kontraste und der subtilen Ironie.

Okarina Peter und Timo Dentler haben für den von Theater kommenden Regisseur Roland Hüve eine Art Zirkusarena nachgebaut, mit flackernden Lichterketten und einer Drehbühne mit großer Zwischenwand, welche die niedrige Welt der Straße von den höheren Arealen des Daseins trennt. Die im ersten Akt auch prompt ihren Geist aufgab, sah man doch schwarz gekleidete Bühnenarbeiter hin und her flitzen; in der Pause konnte die Technik dann jedoch erfolgreich repariert werden. Auf der feinen Seite standen immerhin einige Möbelstücke und ein Grammophon als Zimmer von Higgins und für die Teezeremonie mit seiner Mutter herum, dafür umso weniger auf der arg ambientenarmen Straße, aber immerhin ein Papp-Oldtimer. Zum einen preiswert und für schnellen Szenenwechsel praktikabel, zum anderen vielleicht aber auch ein Symbol für die sich drehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Nur - die starke Vermischung der Protagonisten und der Spielebenen raspelt die Ecken und Kanten des Stücks ein wenig rund; der Shaw´sche Biss kam nicht recht über die Rampe. Was allerdings auch an der teilweise etwas schlichten Personenführung und vor allem der Choreografie lag. Obwohl das Ballettensemble von Robert North noch einigermaßen ansehnlich agierte, erinnerten die "Tänzchen" der Sänger auf der Straße und in der Kneipe schon arg an Volksbrauch. Auch szenisch gab es kleine Minuspunkte und vertane Möglichkeiten. Trotz Drehbühne waren die einzelnen Nummern und auch der Zusammenhang der Personen ein wenig auseinandergerissen, beim Pferderennen hört man nur die Startglocke, leider aber nicht das Hufgetrappel quer über die Bühne; die Technik dürfte doch wohl dafür da sein. Kein Wunder, dass die Zuschauer des Rennens auch nur in eine Richtung schauten anstatt mit den Augen und mit dem Kopf mitzugehen. Originell hingegen die Szene beim Tee in der Loge von Mrs. Higgins, wo die Papp-Pferdchen vorbeiziehen oder die hinter ihren Papp-Blumenkästen aus dem Fenster schimpfenden Nachbarn ob des Lärms auf der Straße.

Ja, wenn diese großartige Musik und die Ohrwürmer nicht wären, die für über mache kleine Unzulänglichkeit hinwegsehen bzw. -hören lässt. Ein Pluspunkt des Abends waren die niederrheinischen Sinfoniker unter Andreas Fellner. Der Maestro hielt seine Musiker zu packendem Spiel an, zu viel Drive und Farbigkeit, wenn auch die Lautstärke gelegentlich die Sänger etwas überdeckte - trotz deren Mikroports. An der bemängelten Verständlichkeit der Übertragung bei der Premiere hat man wohl noch etwas nachjustiert - das war jetzt brauchbar. Auch die Darstellung der Titelfigur in der besuchten zweiten Aufführung durch das Ensemblemitglied Susanne Seefing - es war ihr Rollendebut - überzeugte sehr, quirlig agierte sie zwischen den älteren Herren, der feinen Gesellschaft und dem Volk auf der Straße, mit beweglichem hellen Sopran, sicherer Höhe und Berliner Dialekt, den der Regisseur verordnet hatte. Die berühmten Sprachübungen mit den grünen Gärten Spaniens und den Krähen in der Nähe waren sehr allerdings überzeichnet, wenn auch zur großen Freude des Publikums. Rührend dann aber die Szene, wo es auf einmal klappte mit den "Ü"s. Markus Heinrich als Higgins fehlt ein wenig die vornehme Feinheit der Figur; auch Pickering hätten etwas mehr Noblesse und eine akzentuiertere Sprache gut getan, wie man sie bei Johanna Lindinger genussvoll vernehmen konnte. Von Kopf bis Fuß war sie eine Lady in Bewegung und Ausstrahlung – aber sie hat auch leichter, sie ist Schauspielerin. Debra Hays als Hausdame von Higgins spielte und sang ihre Rolle überzeugend, spricht allerdings mit deutlichem amerikanischen Akzent - ob sich ein echte Higgins das hätte gefallen lassen ? Der Müllkutscher und Elizas Vater Alfred (Hayk Dèinyan) gibt der Figur einen bärbeißigen, durchaus passenden groben Touch, teilweise aber auch arg überzeichnet, ebenso wie seine beiden Kumpel von der Straße Harry und Jamie. Sein nicht näher definierbarer Dialekt war wenig verständlich, dürfte es im wahren Leben aber auch kaum sein. Gesanglich gefiel Rafael Bruck als Verehrer von Eliza ausnehmend gut. Die kleinen Rollen waren durchweg adäquat gut besetzt und der Chor stimmstark und präzise wie immer (Maria Benyumova und Ursula Stigloher); ein wenig mehr Schauspielerei und Bewegung hätte ihm jedoch gutgetan.

Fazit: Insgesamt ist dem Hause kein nennenswerter Wurf gelungen, allenfalls eine nette Vorstellung mit durchweg achtbaren Gesangsleistungen und in hübschen Kostümen. Dem ausverkauften Hause gefiel die Vorstellung jedoch ausnehmend gut, wie es zahlreiche Lacher, häufiger Zwischenapplaus und ein begeistertes Jubeln zum Ende zeigten. Dann ist es auch gut so.

2.12.2013 Michael Cramer

Fotos: Matthias Stutte

 

 

STIFFELIO

Besuchte Vorstellung am 06.10.13                  (Premiere am 28.09.13)

Spannende Verdi-Rarität

Schon zum 200. Wagner-Geburtstag hatten die Bühnen Krefeld-Mönchengladbach auf eines der seltenen Frühwerke gesetzt (in Mönchengladbach ist der "Rienzi" ab dem 20.10.13 zu erleben, so wird zum 200. Verdi-Geburtstag die Rarität "Stiffelio" aufgeführt. Musikalisch vielleicht noch zum Frühwerk zu rechnen, obwohl die Oper zeitgleich zu "Rigoletto" komponiert wurde. So gewährt uns dieses Werk einen interessanten Einblick in die Werkstatt Verdis: neben recht konventionellen Stellen, wie gleich der Ouvertüre, gibt es für diese Zeit recht moderne Experimente für die italienische Oper. Schon die ungewöhnliche Handlung, eindeutig ein Griff Verdis, macht neugierig, denn die eigentliche Handlung hat schon vor Beginn der Oper stattgefunden: die mit dem Geistlichen Stiffelio verheiratete Lina hat die Ehe gebrochen. In der Oper geht es nur noch um die Entdeckung der Ehebruchs und der Reaktion der drei wichtigen Protagonisten. Stiffelio, der sich nach heftigen Eifersuchtsanfällen, in einer öffentlichen Predigt auf die Worte Christus "Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein" beruft. Lina, die mit schrecklicher Reue über ihre Verführung immer noch zu ihrem Mann steht. Und den soldatischen Vater Linas der aus übersteigertem Ehrbegriff den Verführer umbringt. Eigentlich spannend unspektakulär, mit der Pikanterie für das katholische Italien, das der verheiratete Priester sich entscheiden muß, natürlich spielt die Handlung in einem protestantischen Land.

Helen Malkowsky ist nach ihrem sehr gelungenen "Mazeppa" (Tschaikowsky), ab Januar wieder auf dem Spielplan, keine unbekannte Regisseurin an den Vereinigten Bühnen. Auch mit ihrer neuen Inszenierung schafft sie einen spannenden Opernabend der Extraklasse: auf Hartmut Schörghofers seltsam metallisch glitzernder, klaustrophobisch anmutender Bühne läßt sie die Handlung in einem sektenhaften Milieu spielen. Ganz ausgezeichnet gelingt ihr die differentierte Chorführung, hinter einmütig zur Schau gestellter Harmonie erspäht man immer wieder einen Blick auf die Abgründe einzelner Mitglieder dieser Gemeinschaft und erahnt den großen Druck, der auf jedem dieser "kleinen Herde" lastet. Ein gestickter Zwischenvorhang mit Landschaftsidylle fungiert schon zum Vorspiel als gewebter Pseudo-Schleier. Susanne Hubrichs Kostüme nehmen sich passend schlicht für diesen gesellschaftlichen Rahmen aus.

GMD Mihkel Kütson dirigiert einen sehr direkten Verdi, der die Brüche in der Qualitätsfaktur nicht zu kitten versucht. Mit den aufmerksamen Niederrheinischen Sinfonikern ist er dabei immer eng am Atem der Sänger. Kairschan Scholdybajew singt , wie Janet Bartolova ihre Lina, an diesem Abend zum ersten Mal den Titelhelden. Man kann sich immer auf diesen Sänger verlassen, denn er gestaltet mit musikalischem Geschmack. Außerdem gehört er zu den wenigen Tenören die einen sozusagen eingebauten Schluchzer in ihrem Timbre besitzen, was bei anderen manieriert wirkt, ist hier ein Teil der natürlichen Stimmfarbe, mir gefällt das sehr. Schwieriger ist da Janet Bartolovas Stimme zu beurteilen, denn im Laufe der Jahre haben die Höhen ihres Sopranes gelitten, da wird der einzelne Ton von unten angesungen, die Höhen gellen sehr laut und harsch. Schön klingt ihre Stimme, wenn sie nicht auf Volumen fokussiert, sondern auf Linie gestaltet. Die satte, gesunde Mittellage und Tiefe läßt an einen Wechsel ins Mezzofach denken. Nummer Eins des Abends jedoch ist eindeutig Johannes Schwärsky als Linas Vater Stankar, ein üppiger, in allen Lagen gut ausgeformter Bariton mit großem Atem für die lange Verdi-Kantilenen, so hört man dieses Fach nicht oft gesungen. Michael Siemon spielt mit attraktiver Physis den Verführer Raffaele und gefällt mit gut geführtem Tenor in dieser gar nicht so kleinen Partie. Hayk Dèinyan, Jerzy Gurzynski und mit rundem Mezzo Eva Maria Günschmann unterstützen bestens in den Comprimarii-Partien. Ganz hervorragend in seinen vokalen Aufgaben und den feinen, szenischen Nuancen der Chor des Theaters unter Ursula Stigloher.

Eine absolut sehens-und hörenswerte Produktion in der sogenannten "Provinz", der gar nichts provinzielles anhaftet. Die Zuschauer gingen auch bei der Rarität emotional mit und feierten die Beteiligten.

Martin Freitag                               Bilder siehe unten

 

 

STIFFELIO

PR am 28.9.13

Verdi-Rarität am Niederrhein

Ein besonders heikles Kapitel innerhalb der Operngeschichte ist die Zensur. Im Zusammenhang mit Verdi sind die entsprechenden Vorfälle bei „Ballo in maschera“ wohl am bekanntesten. Aus politisch kleinkrämerischen Bedenken der Obrigkeit heraus wurde aus dem schwedischen König Gustav III. ein Gouverneur in Boston namens Richard. Jahre zuvor war bereits die Handlung des „Stiffelio“ komplett in die Rittergeschichte „Aroldo“ umfunktioniert worden. Die Zwischenfassung „Guglielmo“ Wellingrode“ hielt sich nur ganz kurz. Verdis „Stiffelio“-Partitur verschwand, erst 1968 tauchten Abschriften auf, wie ein Beitrag im kleinen, aber materialreichen Programmheft mitteilt (die Piper-Enzyklopädie spricht lediglich von „Rekonstruktion“). Das Milieu der Originalfassung hat heute natürlich mehr Aussagekraft als das des etwas staubigen Ritterepos.

Bei dieser Überzeugung setzt in Mönchengladbach die Inszenierung von HELEN MALKOWSKY an. Die Regisseurin begründet ihre Interpretationsidee extrem wortreich. Zum Verständnis der Vorgänge würde es freilich genügen zu sagen: hier der verhärtete Absolutheitsanspruch im Rahmen christlicher Ethik, dort die humane Bereitschaft zum Verzeihen von dem, was gemeinhin als Sünde gilt. Hierzu ringt sich Verdis Titelheld, ein Geistlicher, zuletzt auch durch. Ob er protestantisch ist oder nicht, tut eigentlich nicht viel zur Sache. Verdis Oper auf einen Piave-Text steigt mit ihrer Handlung ohnehin erst dort ein, wo bei der Schauspielvorlage der 3. Akt beginnt. Damit fallen einige vor allem psychologisch nicht unwesentliche Dinge unter den Tisch.

Das könnte eine Inszenierung, zum Teil wenigstens, auffangen. Helen Malkowsky versucht, zur Musik der Ouvertüre, die längst zurückliegende und auch eher halbherzige Affäre von Stiffelios Frau Lina mit Raffaele von Leuthold zu vergegenwärtigen, was man schnell begriffen hat. Die Schuld steht Lina so sehr ins Gesicht geschrieben, dass man meinen könnte, sie sei mit dem Teufel im Bunde gewesen, habe ihr Kind ermordet oder sonst etwas Abgrundtiefes verbrochen. Den Chor als mahnendes Kollektiv zu zeigen, ist durchaus sinnvoll, aber auch hier verkehrt sich Deutungsintensität schon mal in das Gegenteil des Komischen um.

Recht schlimm steht es auch um die Figur Stankars, Linas Vater, der vor Ehrpusseligkeit schier ausflippt. Sein Soldatenrock mit Ehrabzeichen gibt zwar Einiges an Erläuterung her, aber die exaltierte Spielweise kommt irgendwie aus Opas Regiekiste. JOHANNES SCHWÄRSKY macht freilich das Beste daraus und beglaubigt die eifernde Figur auch mit expressivem Gesang, welcher Ausdruck und Belcantolinie auf einen überzeugenden Nenner zu bringen versteht.

HARTMUT SCHÖRGHOFERs Ausstattung fasst die Szene mit hohen, hellen Wänden ein – das wenig individuelle Dekor eignet sich zur Wiederverwendung. Ab und zu wird im Hintergrund eine gefächerte Wand herabgelassen oder hinaufgezogen. Zu Beginn des 2. Aktes (die verzweifelte Lina am Grabe ihrer Mutter) teilt sie sich und lässt mit den frei werdenden Flächen ein Kreuz entstehen. Das Symbol stimmt, die Wirkung weniger. Die Kostüme stammen von SUSANNE HUBRICH; sie sind modern, mehr kann man zu ihnen nichts sagen.

Das Premierenpublikum vermochte sich mit alledem jedoch offenkundig anzufreunden. Sei’s denn. Den Jubel über die musikalische Ausführung, vor allem die der Sänger, kann man hingegen nur voll bejahen. Selbst der etwas unauffällige Federico (Linas Cousin) ist mit ANDREY NEVYANTSEV aus dem Opernstudio Niederrhein extrem gut besetzt. Mit der Cousine Dorotea, gleichfalls eine Minipartie, vermag EVA MARIA GÜNSCHMANN nicht zu punkten, aber man hat ja noch ihren flammenden Adriano im Ohr. HAYK DÈINYAN (Gemeindevorsteher Jorg – im Schauspiel ist er Stiffelios Adoptivvater) bestätigt sein bekanntes solides Niveau. Dem Raffaele gibt MICHAEL SIEMON ausreichend Tenorschmelz. Freilich ist ihm MICHAEL WADE LEE weit über, nicht nur wegen des größeren Umfangs der Titelpartie. Der amerikanische Sänger verfügt über ein weich gerundetes, aber doch festes Organ mit gesunder, unforcierter Höhe, artikuliert empfindsam, wobei das religiös Eifernde von Stiffelio keineswegs zu kurz kommt. Ganz superb ist wieder einmal (nach ihrer Marija in „Mazeppa“) IZABELA MATULA mit ihrem leicht metallischen Sopran, der in der oberen Lage regelrecht gleißt. So wird Lina zu keiner abgehärmten Leidensfigur, ihre Demut im letzten Akt entbehrt alles Kriecherischen. Hinreißend die lyrische Intensität bei der Arie am Grab (eine der wenigen wirklichen Belcanto-Szenen der Oper) und die in mühelosem Piano bewältigten Oktavsprünge in der großen Preghiera.

GMD MIHKEL KÜTSON unterstreicht mit den gut präparierten Niederrheinischen Sinfonikern vor allem die innovativen Momente von Verdis Musik, die sich vom traditionellen Nummernschema immer wieder entfernt, lässt aber auch Dramatik mächtig pulsieren. Der von URSULA STIGLOHER einstudierte Chor hat große Momente.

Christoph Zimmermann        Dank an  Matthias Stutte für die schönen Bilder

 

 

 

 

 

 

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