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MONTPELLIER

Opéra Comédie in Montpellier

Montpellier, Hauptstadt der Provinz Languedoc-Roussillon, liegt 10 Km von der Mittelmeerküste entfernt, zwischen Marseille und Toulouse. Beinahe ein Viertel der 400.000 Einwohner sind Studenten, denn Montpellier hat, nach Paris, die schon 1289 gegründete zweitälteste Universität Frankreichs. Und Dank seines megalomanen Bürgermeisters Georges Frêche wurden von 1977 bis 2004 riesige Infrastrukturen gebaut, unter anderem 1990 das „Corum“, mit 2000 Plätzen die zweitgrößte Oper Frankreichs (nach der Opéra Bastille in Paris). Hier finden im Sommer das Festival Montpellier Danse und das Festival Radio France statt und werden viele selten gespielte Opern oft zum ersten Mal (wieder)aufgeführt; so z.B. 2002 „Die Rheinnixen“ von Offenbach. Im Winter spielt im riesigen Corum und im alten Theater, der 1888 erbauten „Opéra Comédie“, die OONMLR, die „Opéra et Orchestre National de Montpellier Languedoc-Roussillon“, mit einem Jahresetat von 21 Millionen Euro eine der sechs „National-Opern“ Frankreichs. Nachdem der letzte Direktor, Christoph Seuferle, an die Deutsche Oper in Berlin wechselte, wurde zum allerersten Mal eine Frau Intendantin einer französischen „National-Oper“.

 Neue "Opéra Berlioz"

www.opera-orchestre-montpellier.fr/

 

 

 

KONZERTE & SYMPOSIUM „VERBOTENE MUSIK“

13. - 15. 9. 2015

Mutiger Auftakt von Valérie Chevalier, der ersten Intendantin einer französischen „National-Oper“

Die einzige Frau in der betont männlichen Welt der französischen Opernintendanten war lange Renée Auphan, von 1984 bis 2008 Direktorin der Opern in Lausanne, Genf und dann Marseille. Wie Frau Auphan, ist die jetzt ernannte Valérie Chevalier ursprünglich eine Sängerin, ausgebildet an der damaligen „Ecole d’art Lyrique“ der Pariser Oper. Nach einer Bühnenlaufbahn von 1983 bis 1992 eröffnete sie eine Künstleragentur und leitete beinahe zehn Jahre das Künstlerische Betriebsbüro der Oper in Nancy, wo wir ihr oft begegnet sind. Frau Chevalier hatte also viel Zeit, sich innerlich auf ihre Position als Intendantin vorzubereiten und eröffnete nun ihre erste Spielzeit mit einem ganz besonderen Programm. Als Auftakt gab es Anfang Oktober „Chérubin“ von Massenet, eine Oper die mancher Merker vielleicht von der Aufnahme mit Frederica von Stade kennt, die jedoch seit der Uraufführung 1905 in Monte Carlo noch nie in Frankreich gespielt worden ist. Im November folgte anlässlich der 75jährigen Befreiung der Konzentrationslager ein Wochenende mit „verbotener Musik“: zwei Konzerte, ein Symposium und ein Kinder-Konzert.

Die Eröffnung war am Freitag, den 13. November. Der sehr engagierte Dirigent Daniel Kawka präsentierte mit dem Orchester des OONMLR und der Geigerin Dorota Anderszewska vier Stücke von Komponisten, die von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurden und in Frankreich so gut wie unbekannt sind. Nach der „Passacaglia“ von Berthold Goldschmidt (1903-1996), bekannt durch seine Opern „Der gewaltige Hahnreih“ und „Beatrice Cenci“, folgte ein Geigen-Concerto des polnischen Komponisten Simon Laks (1901-1959), der seine Deportation nach Auschwitz als Dirigent des Orchesters des Vernichtungslagers überlebte, worüber er ein ergreifendes Buch schrieb „Musik in Auschwitz“ (1998 auf Deutsch erschienen). Der gebürtige Schweizer Ernest Bloch (1880-1959) ist auch bekannt für seine Kompositionen für Geige und Streicher – doch wer kennt heute noch seine Oper „Macbeth“ (1910)? Zum Abschluss gab es die 3. Symphonie des österreichischen Komponisten Karol Rathaus (1895-1954), dessen Oper „Fremde Erde“ (1930) auch vergessen wurde. Beim Schlussapplaus wurde die Nazi-Vergangenheit, unter der alle vier Komponisten so schwer gelitten haben, von der Gegenwart eingeholt: das Publikum und die Musiker erfuhren, was während des Konzerts in einem anderen Konzertsaal in Paris passiert war. In der Nacht wurde der Ausnahmezustand verhängt und das ganze Land lag still.

In dieser Situation bewies die neue Intendantin Valérie Chevalier Format, Mut und Durchhaltevermögen, um das sie manche ihrer männlichen Kollegen beneiden können. Während in ganz Frankreich beinahe alles abgesagt wurde, schaffte sie es, zumindest das Ende des Wochenendes zu retten. Und dies, obwohl zwei Mitglieder ihrer Familie zu den Opfern der Pariser Anschläge gehören, die nach einer Nerven zermürbenden Suche erst am Samstagabend im Leichenhaus identifiziert werden konnten. Unter diesen dramatischen Umständen war es für viele Beteiligte schon fast ein Akt der Zivilcourage, nach Montpellier zu fahren (am Samstag war zusätzlich noch ein TGV aus vorerst ungeklärten Gründen entgleist, mit vielen Toten und Verletzten). Und trotz Ausnahmezustand war der kleine Saal des Corums am Sonntagmorgen voll. Das Hausquartett des OONMLR spielte zusammen mit dem Flötisten Michel Raynié und dem exzellenten Pianisten Christophe Sirodeau Werke der im KZ umgekommenen Komponisten Viktor Ullmann (1898-1944), Erwin Schulhoff (1894-1942) und dem jetzt erst entdeckten Holländer Leo Smit (1900-1943). Nach der Pause folgte ein sehr eindrucksvolles Quintett von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996). Weinberg, dessen Oper „Die Passagierin“ erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde, ist ein Paradebeispiel dafür, dass vergessene Komponisten mitnichten mindere Komponisten sind. Denn „Die Passagierin“ steht nun mit Erfolg in Frankfurt, Karlsruhe und anderen Opernhäusern auf dem Spielplan. Weinbergs „Quintett in f Moll“ (Opus 18), das etwas an Paul Hindemith erinnert, wird hoffentlich auch bald in das Konzertrepertoire aufgenommen werden. In diesem Sinne sind wir schon gespannt auf die französische Erstaufführung der 1952 in Paris komponierten Oper von Simon Laks „L’Hirondelle inatttendue“, „Die unerwartete Schwalbe“, am 18. Dezember 2015 in Montpellier.

Nach dem bewegenden Konzert fand ein nicht weniger bewegendes Symposium über die von den Nationalsozialisten verbotene Musik statt. Trotz der dramatischen Umstände konnte der Journalist von France Culture Benjamin François, der quasi vom Zug aus Paris direkt auf die Bühne des Corums in Montpellier stieg, eine intellektuell hochrangige Einleitung zu diesem komplexen Thema halten, unterstützt durch die vielen, teils noch immer unveröffentlichten Dokumente, die der Musikhistoriker Philippe Olivier, Präsident der Exil-Forschungsgesellschaft „Orfeo33“, aus Berlin mitgebracht hatte. Weil andere Teilnehmer „im Schockzustand wegen der Anschläge in Paris“ in letzter Minute abgesagt hatten, bin ich selbst ad hoc für sie eingesprungen.

Berthold Goldschmidt

Ich erzählte über Berthold Goldschmidt, den ich gut gekannt habe, und über den einstündigen Film, den wir 1994 mit Cordelia Dvorak und Roland Zag über ihn gedreht haben. Auch wenn 22 Mitglieder seiner Familie im KZ umgebracht wurden, habe ich Berthold Goldschmidt nie ein pauschales Urteil abgeben hören. Phrasen wie „die Deutschen“ oder „die Juden“ waren ihm völlig fremd. Er sprach immer äußerst genau und differenziert über die vielen Musiker, Dirigenten und Komponisten des Berlins von 1925-35, die er u.a. als Assistent Alban Bergs persönlich kennenlernte und sechzig Jahre später noch immer mit viel Witz und Humor zitieren konnte. Und weil das Thema „tödlicher Fanatismus“ sehr präsent war, las ich vor, was Berthold Goldschmidt 1993 dazu sagte:

„Fast alles Furchtbare, das sich in der Geschichte ereignet hat, lässt sich auf religiösen Fanatismus zurückführen. Die Kreuzzüge, die Inquisition, der Dreißigjährige Krieg… Und sehen Sie sich die heutige Lage in Nord-Irland an: dort wütet ein wirklicher Religionskrieg! Was geschieht in Israel? Was ist zwischen dem Irak und dem Iran geschehen? Im Namen der Religion werden dort Kinder geopfert. Der Oberpriester sagt ihnen, sie würden sofort ins Paradies kommen, wenn sie sich als Kanonenfutter hinschlachten oder im Giftgas ersticken ließen.“

Ein Schaudern ging durch den Saal. Denn über Giftgas war gerade gesprochen worden und in den letzten Berichten hieß es, der jüngste Attentäter in Paris sei fünfzehn Jahre alt. Wir sprachen über die Vergangenheit und dachten an heute…

Waldemar Kamer – Paris

Foto Valerie Chevalier : Copyright Marc Ginot

 

OPERNFREUND PLATTEN TIPPS

Weinberg

 

 

Hierzu empfehlen wir das Buch von unserem OF-Kritiker

 

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