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Bolschoi-Theater (New Stage)

Eugen Onegin.

(Premiere: 1.9. 2006)

Besuchte Vorstellung: 27.12. 2012

Nein, die Aufführung findet nicht im „Großen Haus“ statt, nicht im benachbarten, weltberühmten Bolschoitheater, sondern etwas weiter links: in der New Stage. Eröffnet im Jahre 2000, bietet es jedoch den idealen Rahmen für Tschaikowskys „Eugen Onegin“ - eine Oper, die gegenüber, im heutigen Maly Theater, uraufgeführt wurde. Ist der „Onegin“ auch keine Kammeroper, so ist das etwas intimere, gleichwohl immer noch große „neue“ Haus – das wie ein altes aussieht – der richtige Platz für dieses Meisterwerk der russischen Oper.

Mögen viele russische Zuschauer und Musikliebhaber das Werk auch schätzen, so bemerken sie doch auch, dass Puschkins geniales Versepos hier eine sehr eigentümlich, geradezu „unpassende“ Vertonung gefunden hat. (Puschkins Werk gehört nach wie vor zum unverzichtbaren russischen Bildungsgut; die Kinder in den Schulen dürfen und müssen einige Verse auswendig lernen). Im Bolschoi spielt man Tschaikowskys Oper noch nach sechs Jahren – die alte Inszenierung des Werks, das mit Moskau untrennbar und ausdrücklich verbunden ist, stand über ein halbes Jahrhundert auf dem Spielplan – mit einer Intensität und sichtlichem Interesse an der Sache. Man nimmt Tschaikowskys Meisterstück inhaltlich ernst, ohne beim triefigen Pathos zu stranden. Von der einstigen Musealität der russischen Opernkultur (wie sie zu beurteilen ist, wird der Rezensent ein paar Tage später im Mariinskitheater erfahren) ist hier nichts mehr zu spüren. Die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, der auch

 für die Ausstattung verantwortlich ist und vor einigen Jahren, unter anderem, in München Mussorgskys Chowantschina inszenierte, diese Inszenierung ist modern, ohne je modernistisch zu wirken. Regieeinfälle kommen nicht vor, denn der gesamte Abend zeichnet sich durch eine subtile Personenregie und eine Spannung aus, die auf Knalleffekte so verzichten kann wie der Titelheld (der kein „Held“ ist), dem es am Ende nicht einmal gelingt, sich selbst zu erschießen

Wo und wann also spielt dieser „Onegin“? Bei den Larins sitzen wir mit einer Festgesellschaft zunächst in einem einfachen, leeren, doch beeindruckenden großen Raum der vorletzten Jahrhundertwende. Das Bild wird seine Entsprechung im zweiten Teil finden; der zentrale Tisch mit den Gästen, nun unter jenem zaristischen Kronleuchter, der auch im Zuschauerraum hängt, wird uns bekannt vorkommen. Hier ist alles Ursprüngliche scheinbar bereits nur noch vermittelt: die Lieder Tatjanas (begleitet von einer Salonharfe) und der Bauern sind kein echtes „Volksgut“ mehr, sondern nur noch (fröhliche) Zitate der singenden Gesellschaft. Tatjana steht hier von Anfang an ein wenig abseits – wie „die Gesellschaft“ während der Konfrontation Onegins und Lenskys aber schließlich ihre scheinbare Harmlosigkeit verliert und in den Sottisen jene Herzlosigkeit äußert, die bei Olga zum Programm geworden ist: das ist szenisch so erschütternd wie richtig. Es gibt einen einzigen Eing

riff der Regie in die Partitur, aber auch er ist legitim: Lensky übernimmt gleichsam den Part des alten Monsieur Triquet und singt jenes Lied von der Freude, indem er sich zum tragikomischen Clown macht, der längst weiß, dass er Olga, die Vergnügungssüchtige, niemals besitzen wird. Einziger Einwand gegen die Regie: wenn Olga während Lenskys „Abschiedsarie“ einen verlorenen Ohrring sucht und Lensky bewusst ignoriert, ist das zwar richtig und szenisch spannend – doch wird die Aufmerksamkeit hier zu sehr vom einzig Wichtigen genommen.

Tatjanas Briefszene gerät auch hier zum Höhepunkt. Wunderbar schon die Lichtregie (der Name muss genannt werden: Gleb Filshtinsky) mit dem Schließen der Tür hinter der Njana, also der Kinderfrau, geht erst einmal das Licht aus. Der Text selbst wird zum reinen Monolog, wenn Tatjana schließlich zur Feder greift, deutet der wundersam changierende Lichteinfall das allmähliche Aufgehen der Sonne an – punktgenau auf Tschaikowskys erregender Musik.

Onegin ist in dieser das Alte mit dem Neuen versöhnenden Deutung kein Psychopath, sondern jener leicht arrogante, zunächst selbstsichere Dandy, dem am Ende - viel zu spät - aufgeht, wie er zu retten wäre. Ja, doch, es gibt einen winzigen Regieeinfall: wenn er bei den Gremins eintritt und vergeblich einen Platz an der vollbesetzten Tafel mit den misstrauisch stierenden Gästen sucht, stolpert er beim Hinausgehen – was im Rahmen dieser gesellschaftlichen, konventionellen Kälte durchaus schockiert. Auch ist er nicht kaltblütig genug, um Lensky – vielleicht den einzig wirklichen Freund – geradlinig zu töten: der fatale Schuss fällt im Gerangel um das Gewehr, das man sich zuwirft, weil Onegin – eben nicht schießen will.

Schließlich Gremin: er ist ein sehr reicher Mann, der auch heute über Moskaus Straßen fahren könnte – aber die Regie macht ihn nicht zu einem oligarchischen Popanz: der Bass Mikhail Kazakovs darf sich auch szenisch souverän entfalten.

Und die Hauptsache, die Musik? Unter der Leitung Alan Buribayevs spielt das Orchester des Bolschoi-Theater mit Genauigkeit und Sinn für dramatische Effekte. Beglückend das gesamte Ensemble: Tatiana Monogarova als Tatiana, Vasily Ladyuk – ein eleganter, warmtönender Tenor – als Onegin, Roman Shulakov als Lensky, Margarita Mamsirova als Olga, der stets präsente, ausgezeichnete Chor unter der Leitung Valery Borisovs, Irina Rubtsova als Larina, nicht zuletzt Irina Udalova als Njana Filippievna. Es ist übrigens eine schöne Tradition, in den Rollen der Larina und der Njana ehemalige Sängerinnen der Tatiana einzusetzen – das begeisterungsfähige Moskauer Publikum honoriert auch diese (wichtigen) Einsätze mit Verve und tiefer Sympathie.

Eigentümlich ist auch, aber das nur nebenbei, das Klatschverhalten des Publikums. Jedes Vorhangaufziehen wird akklamiert; sobald er sich zu senken beginnt, ertönt er bereits, selbst über leiser Musik. Der Zwischenapplaus ist stets kurz, auch nach der glänzend gemachten Briefszene – doch der Schlussbeifall ist so rauschend, dass man an der Zuneigung der Moskauer zu „ihren“ Sängern und „ihrem“ Stück nicht mehr zu zweifeln braucht. Eine Repertoirevorstellung – und zugleich ein großer, szenisch wie musikalisch sehr erfüllter Abend.

Es grüßt aus der Kälte

Frank Piontek

Bilder: Bolschoi NSt

 

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