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12.10.2013 - Philharmonie im Gasteig

Auftakt zum Richard-Strauss-Jahr

Münchner Philharmoniker, Lorin Maazel

 

Leuchtendes Klangareal 

Gemessenen Schrittes schreitet jetzt er zum Podium. Ein bisschen behäbig sieht das allerdings aus. Aber als hochbetagter dreiundachtzig Jahre zählender Maestro muss er nicht wie zu früheren Zeiten mit einem Schwung auf das Dirigentenpult hüpfen. Aber, den brillanten Stöckchen-Schwung, seine dirigentische Eleganz, die Vorliebe für das rhythmisch akzentzierte Spiel – all das führt Lorin Maazel immer noch vor. Im Auftakt zum Richard Strauss-Jubiläum gratulieren die Münchner Philharmoniker dem großen Sohn der Stadt zum 150. Geburtstag. Lorin Maazel, der für drei Jahre bis 2016 fungierende Interimsdirigent in München, bedient sich mit gebotenem Raffinement in „Don Quixote“ (Fantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters für großes Orchester op. 35) des Klangareals des spätromantisch aufrauschenden Orchesters. Mögen auch die Holzbläser in punkto Intonation und reaktionsschnellem Agieren (ein individueller Bläser-Einsatz quietschte arg vorlaut in die Runde) nicht ihren allerbesten Tag erwischten haben - präzise und lebendig wird da schon gespielt. Vielleicht hätten an diesem Tag die High-Tech-Virtuosen des New Philharmonic (Maazel betreute das Orchester ja nach seiner Demission beim Bayerischen Rundfunk) im Vergleich zu dem mitunter etwas schwergängigeren Münchner Orchester auf die Zeichengebung des Meistert noch punktgenauer reagiert. Ein wenig idyllisch schreitet der Titelheld zu Beginn schon daher. Lorin Maazel gibt ihm viel Zeit zum Nachdenken und noch mehr recht langwährende Augenblicke zum Träumen, die der anpassungsfreudige Solocellist Michael Hell mit großer klanglicher Kultur auf das Raffinierteste ausschlachtet. Er erwies sich als ein meisterlicher Erzähler – nervig gespannt, äußerst sensibel, mit schönem tragendem Ton und lobenswerter Pianissimo-Kultur. Julian Rachlin (Viola) steuert virtuose burschikos-pfiffige Kommentare bei. Respekt wie die orchestrale Naturalistik samt Hammelblöken und elektronisch verstärkten Windböen in aller Schärfe blitzen. Dank straffer orchestraler Steuerung durch Lorin Maazel zerfiel die Klangsymbiose nirgends in einzelne Bruchteile. Das Kapital der brachialen Blechbläsereinwürfe strahlte im hellen, klaren Orchesterton. Wer Ohren hat für kammermusikalische Delikatessen wurde gut bedient. Alles in allem: eine virtuos schwungvolle Analyse, bis auf Kleinigkeiten gewissenhaft ausgeformt. Lorin Maazel erweist sich als Inspirator für mannigfache musikalische Perspektiven. Präzision, jetzt im Alter auch zunehmend mehr Wärme im Orchesterklang, und manch allzu genüsslich ausgehorchte Oasen, sind aktuelle Markenzeichen einer Musizierweise, die immer noch in den Bann zieht. Freilich ließen sich manche Fortissimo-Tutti in ihren weitausladenden Konturen noch schlanker und mit geringerem Aplomb ausgeformt denken.

Nach der Konzertpause macht „Till Eulenspiegel“ – eher von bajuwarisch rustikaler Einfassung als von der Bauart des aalglatten, gewitzten frivol herum fetzenden norddeutschen „Ulenspiegel“ à la Christoph Dohnanyi, gehörig Dampf. Als derber Lackel fürwahr, boshaft Grimassen schneidend, gar nicht unwiderstehlich, so erscheint der Till bei Maazel. Die Philharmoniker setzen durch deutliche Pointierung scharf geschnittene Konturen. Freilich könnte man sich diesen virtuosen Hit noch pfiffiger, eleganter, weniger mit Zeigefinger inszeniert denken. Die Philharmoniker spielen jedenfalls unter Lorin Maazel mit Hingabe und lassen Richard Strauss wieder einmal als den unfehlbaren Kalkulator orchestraler Wirkungen erscheinen. Man vernimmt blendende Hornsoli und mächtig einsteigendes Blech in den f-Moll-Akkorden eines gnadenlos urteilenden Tribunals.

Einen nostalgischen Retro-Look in eine „Welt von gestern“ beschert die Suite aus der Oper „Der Rosenkavalier“ op. 59, zusammengestellt von dem polnisch-amerikanischen Dirigenten Artur Rodzinski. Ob die Übergänge zwischen den orchestralen Höhepunkten, angefangen vom ersten Akt bis hin zum Schluss-Terzett immer  harmonisch angelegt sind, bleibe dahingestellt. Doch was soll’s. So mancher Musikfreund erinnert sich des unwiderstehlichen Sounds von Carlos Kleiber  in der Uralt-Inszenierung der Bayerischen Staatsoper. Und man freut sich immer wieder zu hören, wenn die Münchner Philharmoniker unter dem „Richard- Strauss - Experten Lorin Maazel die Faszination in diesem „Surrogat ohne Singstimmen“ zu wecken verstehen. Ein bisschen altväterlich geht es zwar in den Walzerklängen zu. Doch deftig orchestral aufgeheizt tönt das Gebalge zwischen der Feldmarschallin und dem seine erotischen Ziele übermütig verfolgenden Octavian. Kurz eingeblendet werden das bittersüße Pathos, die übermütige Komik und der Firlefanz im Hinterzimmer des Vorstand-Beisl. Auf berührende Weise teilen sich die resignierenden Züge mit. Und man staunt wie geschmeidig doch die jüngeren Orchestermitglieder die große Strauss-Tradition des Orchesters, dieses bedeutsame Erbe, mitzutragen verstehen. Begeistert applaudieren die Zuhörer.

Egon Bezold, 14.10.13            Photo: www.wildundleise.de 

 

 

 

MÜNCHEN / Philharmonie am Gasteig

LUCIA DI LAMMERMOOR


Konzertante Aufführung am 10. Juli 2013

„Dabei sein ist alles“, aber auch der leidenschaftlichste Opernfreund kann weder körperlich noch finanziell überall hinreisen, wo sich Wichtiges begibt. Die technischen Medien leisten allerdings für unseresgleichen Ungeheuerliches – man kann im Kino in der Met live dabei sein (mit optischen und akustischen Künsten, die das Original manchmal spektakulär übertreffen, wenn man denn so äußerlich sein will), und mehr und mehr spielen Institutionen wie „Sonostream“ eine Rolle, die nicht nur Live-Übertragungen bieten, sondern auch noch die Nachhaltigkeit, dergleichen über das Ereignis hinaus noch eine zeitlang ansehen zu können, wenn man am originalen Abend nicht dabei war. Oder – wenn es da nicht geklappt hat.

Die konzertante Aufführung der „Lucia di Lammermoor“ aus der Philharmonie im Gasteig München konnte zwar nur von einem Teil des Publikums (je nach technischer Ausstattung) empfangen werden, aber nun ist sie für alle da,in hervorragender Qualität am Computer, jeder der Akte extra, wodurch die Datenmenge nicht zu schwer wird und das Ergebnis so verlustlos zu genießen ist, wie es eben „nicht live“ nur möglich sein kann.

Diana Damrau und die Lucia di Lammermoor – sie ist ja nun doch Deutschlands gegenwärtiges Koloraturenwunder. Sie hat die Rolle 2008 an der Met gesungen (ein paar Kurz- und Kürzestszenchen daraus gibt es auf YouTube, auf DVD ist diese Produktion leider nie herausgekommen). Als sie als Lucia im Juni 2012 in der Wiener Staatsoper angesetzt war, war sie im sechsten Monat schwanger und krank, sang von drei angesetzten Vorstellungen eine einzige (quasi als ihre eigene Einspringerin), eine erstaunliche Leistung, aber sicher nicht diejenige, die sie sich vorgestellt hat.

Wenn sie nun in München in den Konzertsaal ging, wird es von diesem Ereignis eine CD geben – dergleichen in drei Live-Aufführungen vor Publikum aufzuzeichnen, ist die perfekte Umwegrentabilität: Zweifellos überträgt sich die prickelnde Atmosphäre eines korrespondierenden Publikums im Konzertsaal auf die Leistung und auf die Aufnahme, und da die Besetzung ziemlich ideal ausfiel, hat man wohl kaum Schwierigkeiten, dieser „Lucia“ ihren Status unter den Tonträgern dieser Oper prophezeien. (Und große Vergleiche gibt es da ja wahrlich genug.)

Diana Damrau ging es wohl nicht nur darum, sich dem deutschen Publikum – also ihren Landsleuten – in dieser Rolle vorzustellen, sondern sich als „die“ Lucia unserer Tage zu etablieren. Das Wunder Gruberova existiert nach wie vor, aber selbst sie wird einräumen, dass die Ablöse vollzogen werden muss und dies kaum überzeugender geschehen kann als durch die um ein Vierteljahrhundert jüngere Kollegin. Wobei die Damrau kein Problem hat, im schwarzen Abendkleid mit blonden Löckchen hereinzuschweben – und so vollendet „Lucia“ zu sein, als hätte man sie in alle erdenklichen historischen Kostüme gesteckt. Sie ist eine Gestalterin von Format, die sich selbst darstellerisch voll einbringt, aber die CD wird zeigen, dass sie alles durch ihre Stimme allein machen kann.

Wobei dazu noch die evidente, spürbare Lust kommt, zu demonstrieren, was sie kann – die Stimme noch und noch herauszufordern, noch einen Spitzenton einzulegen, wo andere (man erinnert sich an die Netrebko hier) eher einen streichen, die Triller, Koloraturen, halsbrecherischen Läufe, die sie ihrem hellen, klaren, dabei nie scharfen Sopran abgewinnt, schlechtweg – mit einem triumphierenden Lächeln, wenn sie denn alle gelungen sind – selbst zu genießen. Und das natürlich für den Genuss des Publikums zu tun. Die Wahnsinnsarie, hier wieder einmal von der Glasharmonika begleitet, wie es im Original der Fall war, demonstriert die ultimative Freude an der „geläufigen Gurgel“, für die sich große Komponisten solch Halsbrecherisches ausgedacht haben.


An der „Met“ – und in München

Von der ersten Aufführung der Serie las man, dass Joseph Calleja „abgebrochen“ hatte und nach Lucias Wahnsinnsszene nicht wieder kam: Die aufgezeichnete Aufführung bietet auch den Tenor „ganz“ (es war ja wirklich freundlich von Donizetti, dass er, wenn die Dame schon mit dem Wahnsinn so ungeheuerlich brillieren darf, dem Herrn wenigstens die Schlussarie beließ – und eine besonders schöne noch dazu). Calleja ist sicher nicht die ansehnlichste Erscheinung in einer Welt der Kaufmanns und Villazons, aber er hat eine wirklich prachtvolle, geschmeidige, sinnliche, hervorragend geführte und für das italienische Repertoire perfekt geeignete Stimme. Er und die Damrau waren Partner, zwischen denen die Ströme der gleichwertigen künstlerischen Partnerschaft flossen – auch sehr wichtig.

Neben Ludovic Tézier, der einen exzellent markigen Bruder gab, und dem wackeren Asiaten David Lee als Kurzzeit-Bräutigam wird sich das Interesse auch ganz unkünstlerisch auf den vergleichsweise „jungen“ Raimondo gerichtet haben, ist der gut aussehende, schönstimmige Bassbariton Nicholas Testé doch Gatte der Diva und Vater ihrer beiden Söhne – dergleichen mag „ernsthafte“ Opernfreunde nicht interessieren, aber man kann es doch wahrnehmen…

Jesús López-Cobos: ein souveräner Herr am Pult. Das Münchner Opernorchester und der Philharmonische Chor: tadellos. Wenn man eine solche Aufführung kostenlos in die eigenen vier Wände holen kann, sollte man es tun. Noch bis Ende des Monats möglich.

Renate Wagner

 

 

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