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HILFE, HILFE, DIE GLOBOLINKS!
Premiere am 18.04.12, besuchte Aufführung am 10.05.12
Kein Abend für Kinderhasser

Alle Jahre wieder findet am Theater Münster (wie auch am MiR Gelsenkirchen und der Oper Bonn,) eine Opernproduktion mit der städtischen Musikschule statt, so traf es dieses Jahr Gian-Carlo Menottis Kinderoper "Hilfe, Hilfe, die Globolinks!", übrigens eine Auftragsarbeit für die Hamburgische Staatsoper in den Sechziger Jahren, wovon es sogar eine Original-DVD gibt: die Globolinks sind Außerirdische (musikalisch äussern sie sich in fiesen UKW-Geräuschen), die durch Berührung Menschen transformieren können, lediglich durch Musik und ähnliche Geräusche (Ja, "Mars attacks" ist auch nur geklaut!) in die Flucht geschlagen werden.

Einen Schulbus erwischt es auf offener Landstrasse, lediglich Emily hat eine Geige und versucht Hilfe zu holen. Auf der Schule macht man sich Sorgen, der Schuldirektor wird "infiziert", kann aber durch die Macht der Musik und der resoluten Musiklehrerin erst einmal menschlich gehalten werden. Die Lehrer retten mit einer "Band" die Schüler, denen lediglich die Hupe zur Verteidigung blieb und auch Emily, bloß der Direktor kann leider nicht mehr gerettet werden und entfleucht mit den artgleichen Globolinks. Markus Kopf hat die lustige, manchmal auch etwas spießige Oper ganz konventionell inszeniert, wozu Jacqueline Schienbein eine wunderschöne Ausstattung mit klaren Farben und schnellen Verwandlungsmöglichkeiten schuf.

Die Sänger wurden für die Hauptrollen aus den Musikhochschulen "gecastet", vor allem die liebliche Meera Varghese als Emily und die Wuchtbrumme von Musiklehrerin Madame Euterpova Betty Garcés mit einem saftigen Mezzo, sowie Mindaugas Jankauskas als Direktor Stone und Christoph Bier als Busfahrer Tony mit lyrischen Tenören sorgen für Spiel-und Sangesfreude, was nicht heißt, daß Byung-Sun Kang, Anne Heffner, Dae-Jin Kim und Robert Fendl schlechter wären.

Doch das Wichtige: auf der Bühne Kinder, der Kinderchor singt und spielt die Schulkinder mit den Solorollen und die Globolinks engagiert und mit spürbarer Freude; hinter der Bühne Kinder: das Theaterjugendorchester unter Peter Meiser spielt auf sehr ansprechendem Niveau; vor der Bühne Kinder: der Hauptteil des Publikums bestand aus Kindern, denen hoffentlich Lust und Mut gemacht wird, sich auch musikalisch zu betätigen. Die siebzigminütige Vorstellung begann übrigens schon um 18.30 Uhr. Gerade in Zeiten, wo in den Schulen die musikalische Bildung oft schändlich vernachlässigt wird, übernimmt hier das Theater wichtige Aufgaben mit großer Verantwortung. Wenn man die heutigen Diskussionen der Kommunalpolitiker um Kulturkürzungen verfolgt, so plädiere ich für einen Zwangsbesuch ebenjener Ignoranten, damit sie begreifen, welche vielfältigen Aufgaben Theater und Opernhäuser heutzutage übernehmen.
Bravo, Münster, bravo alle anderen tapferen Kulturschaffenden unseres Landes, die unter Dauerauspielung von Sozialem gegen Kultur durch ihr tägliches Engagement ihr Fähnlein hochhalten.
Martin Freitag
Copyright aller Bilder Städtische Bühnen Münster
ROMEO UND JULIA
Premiere am 29. April 2012
For never was a story of more woe
Than this of Juliet and her Romeo.
Diese Schlußverse von Shakespeares Drama, daß es nämlich keine traurigere Geschichte als die von Julia und ihrem Romeo gäbe, hat Charles Gounod in seine fünfaktigen Oper „Roméo et Juliette“ nicht übernommen, vielmehr läßt er die beiden als letztes vor ihrem Tod Gott um Verzeihung für ihren Selbstmord bitten – zusammen mit der länger als bei Shakespeare mit frommen Sprüchen ausgedehnten Trauungszeremonie zeigt das wohl die katholische Ader Gounods. Ansonsten folgen die Textdicher J. Barbier und M. Carré sehr dem Original bis auf die opernwirksame Idee, die vom Scheintod erwachende Juliette mit dem schon fast vom Gift sterbenden Roméo noch ein letztes Duett singen zu lassen, während Shakespeare ihnen dieses „letzte Weltenglück“ versagt.

Diese Oper hatte am Sonntag in Münster Premiere in der Inszenierung von Igor Folwill unter der musikalischen Leitung von Hendrik Vestmann - durch sein Dirigat in Bonn (La Finta Giardinera) auch über Münster hinaus bekannt. Die Oper besteht neben den Massenszenen des eröffnenden Balls und der Duellszene aus zwei Solonummern und insgesamt vier grossen Duettszenen der beiden Titelfiguren, um die herum dann erklärende Handlung abläuft. Deshalb braucht eine Aufführung vor allem Sänger für diese Titelpartien, die Münster mit Henrike Jacob als Juliette und Youn-Seong Shim als Roméo besetzen konnte. Beide meisterten die stimmliche Herausforderung dieser Partien bravourös!

Im I. Akt die kapriziöse Tochter wohlhabender Eltern spielend sang Henrike Jacob funkelnde Koloraturen und schwungvoll im Rhythmus das Walzerlied vom Leben im Traum. Die musikdramatisch vielleicht großartigste Szene der Oper im IV. Akt, in der Juliette erst zögert und dann umso entschlossener den Scheintot-Trank nimmt, gestaltete sie stimmlich mit grosser Dramatik. Youn-Seong Shim begeisterte mit seinem differenziert eingesetzten Tenor sowohl durch Attacke als auch durch wunderbares piano, auch als er zu Beginn des II. Aktes die schützende Nacht ganz ohne Orchester besang, um dann in der Cavatine über die aufgehende Sonne (Lève-toi soleil) alle seine stimmlichen Möglichkeiten zu zeigen. Hier noch zu hörendes Vibrato bei hohen Tönen verschwand im Laufe der Aufführung. Sein fast gehauchtes aber trotzdem gut zu hörbares„Je t'aime..et que la brise de la nuit te porte ce baiser“ (Der Nachtwind soll ihr den Kuß herübertragen) wird man nicht so schnell vergessen.

Alle Duette der beiden vom heiteren Madrigal im I. Akt über die grosse Liebesszene im IV. Akt bis zum dramatischen Schlußduett liessen den Zuschauer die hoffnungslose Liebe musikalisch miterleben. Von den anderen Sängern gefiel besonders der volltönende Baß von Olaf Plassa als Graf Capulet, der besonders textverständlich und rhythmisch exakt sein Tanzlied im I. Akt sang. Roman Grübner sang mit flinkem Bariton das Lied von der Lügenkönigin Mab im I. Akt. Jugendlich keck mit geläufiger Stimme bis zum Schlußtriller überzeugte Tijana Grujic in der Hosenrolle des Pagen Stéfano mit dem Lied vom Täubchen, das entflattern wird, . Für die kleine Partie von Juliettes Amme Gertrude war Suzanne McLeod eine Luxusbesetzung, wobei sie auch ihre Tanzkünste zeigen konnte. Als Frère Laurent fehlte Plamen Hidjov die balsamische Baßtiefe. Blaß blieben Jeong-Kon Choi als Tybalt mit für die Rolle wenig herausforderndem Tenor und Julian Schulzki als Fürst von Verona.

Chor und Extrachor in der Einstudierung von Karsten Sprenger klangen verhalten bei der dem Stück im Prolog vorangestellten Inhaltsangabe, dann heiter beim Walzer im I. Akt bis mächtig herausfordernd „La Paix – jamais!“ (Niemals Frieden) am Ende des III. Aktes, eine runde Leistung!
Die Regie folgte für alle verständlich der Handlung (Igor Folwill) bis hin zu den gelungenen Fechtszenen (Kampfchoreografie Benjamin Armbruster) Das Bühnenbild von Manfred Kaderk deutete durch wenige Aufbauten wie Turm mit Erker im II. Akt oder viele Grablichter im V.Akt und vor allem durch Beleuchtung die Schauplätze an, deren Namen zusätzlich vor jedem Akt auf den Vorhang projeziert wurden. Ganz ohne modische Inszenierungsmöbel ging es denn doch nicht: Im III. Akt sassen in der Fechtszene die Capulets auf Stühlen, die dann natürlich umgeworfen werden mußten. Auch in Juliettes Schlafzimmer standen ungefallenen Stühle herum, während das Liebespaar mit einem Schleier auf dem Boden vorliebnehmen mußte. Beeindruckend war die Idee, den Chor nach dem „Liebestod“ der beiden im Hintergrund wieder so sichtbar werden zu lassen, wie er den Prolog einleitete – der Streit der Familien geht weiter!.
Bis auf phantasievolle Kopfbedeckungen beim Tanz des I. Aktes boten die Kostüme (Ute Frühling) nichts besonderes.
Ganz großartig spielte das Orchester beginnend mit furiosen Einleitungsakkorden gefolgt vom rhythmisch exakten Fugato. In den Vorspielen zu den späteren Akten kam besonders die „französische Empfindsamkeit“ (so Debussy) zur Geltung etwa in dem von den tiefen Streichern mehrmals gespielten „Nachtthema“, im Fugato des Vorspiels zum III.Akt und dann natürlich bei Begleitung des grossen Liebesduetts mit Morgengrauen, Nachtigall und Lerche im IV. Akt.

Da verwunderte es nicht, daß das Publikum im nicht ausverkauften Haus den Sängern der Titelpartien und dem Orchester besonders starken Beifall und Bravos mit Blumen für Juliette zukommen ließ, der dann sich auf die anderen Mitwirkenden und Leitungsteam übertrug.
Der Besuch dieser wegen der stimmlichen Anforderungen an die Titelpartien selten gespielten Oper lohnt sehr.
Sigi Brockmann
Alle Fotos Michael Hörnschemeyer
CD-Empfehlung: Für wenige EUR gibt es bei Amazon den verbesserten Mittschnitt einer Aufführung aus Chicago von 1982. Trotz störenden Hustens der Zuhörer sind Alfredo Kraus als Roméo und Mirella Freni als Juliette bewundernswert (Frère Laurent Sesto Bruscantini)
PETER GRIMES
Premiere 25. März 2012
Tratsch ist nicht immer lustig.
Im abgelegenen Fischerdorf kann er bösartig zu Ausgrenzung, Wahnsinn und Tod eines nicht angepaßten Menschen führen. Denn, so lassen Montagu Slater als Textdichter und Benjamin Britten als Komponist ihres „Peter Grimes“ im Prolog den Chor singen „Wenn Frauen tratschen, ist das Ergebnis, daß jemand nachts nicht schläft“ Diese Oper wurde nun ziemlich genau 65 Jahre nach ihrer deutschen Erstaufführung in Hamburg erstmalig in Münster unter der musikalischen Leitung von GMD Fabrizio Ventura in der Inszenierung von Andreas Baesler aufgeführt.

Lediglich durch weisse Striche auf dem schwarzen Bühnenboden und -hintergrund wurden die Strassen des Dorfes angedeutet. Innerhalb dieses Strassennetzes waren dann ebenfalls in weiß die Schauplätze wie Grimes' Hütte, Kneipe „der Eber“ (the Boar). Ellen's Haus oder Klippe auf den Bühnenboden geschrieben. Wenige Möbel wie Tisch, Bett, Türrahmen vermittelten Raumgefühl. (Bühne Andreas Wilkens) Trotzdem gelang eine Massenszene wie in der Kneipe im Sturm auch dank vieler zerzauster Regenschirme (Kostüme Gabriele Heimann) recht anschaulich Atmosphäre. kam aber erst auf durch Grimes neben dem Boot im Nebel in der Wahnsinnsszene, und als zum Schlußgesang vom ewigen Auf- und Ab der Gezeiten Meer im Hintergrund sichtbar wurde. Wenig zum Verständnis trugen bei Vergrösserungen einiger Darsteller auf Videos neben der Bühne (Stephan Komitsch) Ärgerlich, weil schon zu oft erlebt, die ins Publikum gerichteten Scheinwerfer, hier beim Chor „Den der uns verachtet, werden wir zerstören“.

Sängerisch großartig gestaltete die Titelpartie Wolfgang Schwaninger, der in Münster schon Tristan, Erik und Alwa Schön gesungen hat. Daher war bekannt, daß sich sein Tenor gegen Chor- und Orchestermassen gut behaupten kann. Hier kommen dazu Intervallsprünge von einer Oktave – übrigens bei anderen Gesangspartien auch! Gegen Ende des II. Aktes mitten im Adagio vor dem Tod des Jungen gelang auch die Koloratur bis hin zum hohen h und – ungewohnt für einen Heldentenor - das Singen ganz ohne Orchester etwa als Wahnsinniger im letzten Akt nur von einem Nebelhorn begleitet – ein genialer Einfall Brittens. Dem zwiespältigen nicht unbedingt sympathischen Charakter gab er besonders in der Schlußszene auch szenisch ganz ergreifenden Ausdruck.
Wer diesen Grimes liebt, für ihn sogar den Zorn des übrigen Dorfes riskiert, muß schon die Lichtgestalt der Oper sein. Das ist die pensionierte Lehrerin Ellen Orford , mit leuchtendem ganz lyrischem Sopran gesungen von Sonja Mühleck. Vom begeisterten Liebesduett mit Peter im Prolog – auch ohne Orchester – über die Erkenntnis des Scheiterns gemeinsamer Lebenspläne gestaltet sie ihre Partie im Stimmumfang von zwei Oktaven großartig bis zur resignierenden Tongebung beim Betrachten der Stickerei auf der Jacke des toten Jungen.

Helfen will Grimes auch der Kapitän im Ruhestand Balstrode, mit ausdrucksvollem Bariton gesungen von Sang Lee. Im I. Akt gibt er noch gute Ratschläge für friedlichen Kneipenaufenthalt. Aber Grimes will sich nicht helfen lassen, weder von ihm noch von Ellen, so hat Balstrode dann das letzte Wort vor dem Schlußchor – Wort, nicht Gesang, denn nach den letzten Tönen von Grimes ohne Orchester verstummt auch der Gesang und sprechend fordert Balstrode ihn zum Selbstmord auf.
Neben der uniformen Masse des Chors zeichnet Britten verschiedene Charaktere aus der Dorfgesellschaft. Da ist vor allem zu nennen die Wirtin des Dorfkrugs „Eber“ (Boar) genannt Auntie (Tantchen) bis in tiefe Lagen deutlich gesungen und wie immer bühnenwirksam gespielt von Suzanne McLeod. Ergreifend wie sie beim Quartett der vier Frauen über Sorgen mit Männern ihre blonde Lockenperücke absetzt und plötzlich alt wirkt. Tantchen wird sie deshalb genannt, weil zwei sogenannte Nichten für Unterhaltung der Männer sorgen, am besten beide gleichzeitig, wie sie bis zum hohen b hin leicht und locker singen.( Melanie Spitau und Hellen Cho). Mit koloratursicherem hellen Tenor gestaltet Fritz Steinbacher (viel zu) wild gestikulierend den Haßprediger Bob Boles. Rektor Adams ist mit dem Tenor von Youn-Seong Shim luxuriös besetzt. Die Partie des Quacksalbers Keene übernahm Donald Rutherford. Olaf Plassa hatte mit wichtigtuerischem Baß seinen grossen Auftritt im Prolog. Schauspielerisches Talent zeigte Niklas Lübbeling in der wichtigen Partie des von Grimes gequälten und vielleicht umgebrachten Jungen.

Ausserordentliches leisteten Chor und Extrachor in der Einstudierung von Karsten Sprenger, die fast dauernd und das oft rhythmisch sehr pointiert zu singen haben. Als Beispiel sei erwähnt die Kneipenszene zum Schluß des I. Aktes, zuerst die kurzen Ausrufe gegen Grimes bei dessen Erscheinen und dann zusammen mit allen Solisten das Fischerlied „Young Joe has gone fishing“. Im Gegensatz zur sparsamen Bühne waren die schicksalhaften Gewalten des Meeres intensiv zu erleben aus dem Orchester und das natürlich vor allem in den berühmten Zwischenspielen (Interludes), die prächtig gespielt wurden:. Holzbläser und Harfe liessen die Gischt aufschäumen und auch das Meer am Sonntagmorgen im Sonnenschein glitzern. Rund und weich ppp beginnend liessen Bläser den Tag dämmern. Presto con fuoco und rhythmisch marcatissimo heulte der Sturm. Höhepunkt war die Passacaglia, hier direkt nach der Pause gespielt, mit markanten Bässen und dem den Knaben darstellenden Bratschensolo. Drei Soloviolinen in höchsten Lagen verrieten im letzten Zwischenspiel sehr deutlich Grimes beginnenden Wahnsinn. Auch im Orchester endet das Stück im ppp trostlos.
Das hinderte das Publikum im gutbesetzten Haus nicht, langanhaltend und teils auch stehend zu applaudieren mit Bravos vor allem für Hauptdarsteller, Dirigent Ventura und das Orchester als Dank für diese sehenswerte und vor allem hörenswerte Aufführung.
Sigi Brockmann
Alle Fotos Michael Hörnschemeyer
Die Banditen
Premiere 29. Januar 2012
Mehrere komische Opern (opéras-bouffes) kennen wir von Jacques Offenbach, auch nach Libretti von Henri Meilhac und Ludovic Halévy, fast alle mit der Hauptperson im Titel. Die Ausnahme bildet „Les Brigands (Die Banditen)“, die, ähnlich wie die“ Meistersinger“, eine Personengruppe als Titel aufführt. Das erfordert neben dem Chor mehr als zehn solistische Männerstimmen – ausser der Hauptmannstochter Fiorella gibt es keine weiblichen Banditen wohl aber Banditenbräute! Diese Banditen unter Hauptmann Falsacappa (falscher Mantel) verkleiden sich als spanische Gesandte, um mit List und Gewalt in den Besitz eines Millionenbetrages zu gelangen, den Gesandte eines spanischen Fürsten gegen Übergabe seiner Tochter zu Heirats-zwecken von einem italienischen Fürsten in bar abholen sollen. Bedauerlicherweise für alle stellt sich heraus, daß das Geld gar nicht mehr vorhanden ist, weil der Schatzmeister des zahlungspflichtigen Fürsten es schon längst durchgebracht hat, angenehmerweise mit schönen Frauen statt durch Finanzspekulationen – Banditen eben auch in staatlichen Diensten!!!

Copyright aller Produktionsbilder: Städtische Bühnen Münster
Von Hinweisen auf Finanzspekulation war allerdings auf der Bühne wenig zu sehen. Gespielt wurde in einem kastenförmigen Einheitsbühnenbild (Manfred Kaderk), das nach hinten offen war und die einzelnen Schauplätze (Wald, Wirtshaus, Palast) andeutete. Die Regie vom Hausherrn Wolfgang Quetes beschränkte sich weitgehend auf gefällige Arrangements der Auf- und Abgänge und der Stellung des Chors. Über die billigen Witzchen betreffend etwa gewerkschaftliche Organisation der Banditen lachte kaum jemand!. Angesichts der vielen Verkleidungen waren einzig die Kostüme , die sich auf die Zeit der Uraufführung bezogen, erwähnenswert – Falsacappa als Kaiser Napoléon III, der ja schon etwas mehr als ein Jahr nach der Uraufführung abdanken mußte, vielleicht auch die steifer Hofetikette entsprechenden spanischen Kostüme – ansonsten passten sie zu Räuber Hotzenplotz!

Gesungen und gesprochen wurde in einer deutschen Übersetzung von Intendant Quetes, der sich unter Beibehaltung vieler Endreime um Aktualisierung des Textes (z.B.“ Wie uns die Statistik verrät, kommt die Polizei stets zu spät“), aber auch um Sangbarkeit bemühte, letztes besonders wichtig weil musikalisch vor allem gefordert sind rhythmische Genauigkeit, klangliche Delikatesse und schwungvolles Tempo – schwierig für die solistischen Banditen und den Chor, auf die in fast keiner Szene verzichtet wird. (Chorleitung Karsten Sprenger) Am besten gelang dies im musikdramatisch hervorragenden Finale des I. Aktes: Festmarschartig ertönte das Aufnahmeritual für den neu gewonnen Banditen Fragoletto mit Überreichung der dazu gehörigen Waffen, rhythmisch wild die Freude auf die Orgie, und dann der „Stiefel-Chor“ - „bottes“ übersetzt als Stampfen (der Stiefel) – dieser das Hauptthema des Stückes, da er bereits in der Ouvertüre vorkommt und den Schlußgesang bildet - melodiös und doch akzentuiert die Marschtritte der anrückenden Carabinieri persiflierend. Deren Aufmarsch wird zwar von Streichern begleitet, dazu können sie aber nur einen einzigen Ton krächzen. Dann folgt pp flüsternd die Carabinieri verabschiedend wieder der Stiefel-Chor. Meisterhaft zeigen die musikalischen Banditen hier, wem Offenbachs und natürlich auch des Publikums Sympathie gehören. Witzig gut gelang auch der schwierige Canon zu Beginn des II. Akts, in dem ein religiöser Choral persifliert wird, wobei die als Pilger verkleideten Banditen genau ihrem Einsatz entsprechend auftraten.

Star unter den Solisten war Fritz Steinbacher als Falsacappa. Sein helltimbrierter Tenor überzeugte vom ersten Couplet an mit Treffsicherheit bei den hohen Tönen und er erfreute durch grosse Textverständlichkeit. Im „Trio der Küchenjungen“ imitierte er gekonnt im Falsett eine Unterkunft suchende Dame. Loben muß man auch Melanie Spitau als Fiorella, die beim ersten Couplet über das Kreuz am Bande (nicht die Feder am Hut) noch etwas zurückhielt. Beim Rondo,
mit dem sie dem in Liebe entflammten Prinzen den Weg zur Rettung zeigt, wies ihr Sopran aber schnelle an Koloraturen erinnernde Beweglichkeit auf, in gewolltem Gegensatz zum steifen Gesang der spanischen Prinzessin (Daniela Jungblut). Überfordert war Tadahiro Masujima mit der Rolle des vom Bauern zum Banditen wechselnden Fragoletto, für die sein Tenor einfach zu klein war. Youn-Seong Shim als Herzog überzeugte mit flinkem Legato singend in seinem Couplet über den Junggesellenabschied. Benjamin Kradolfer-Roth als ungetreuer Schatzmeister sang tragikomisch, wie er aus Liebe zu diversen Frauen fast gezwungen war, die Kasse zu leeren. Er hätte noch mehr gefallen, wenn das Zusammenspiel mit dem Orchester präziser gewesen wäre. Dabei ist überhaupt zu hoffen, daß der Kontakt zwischen Orchester und Bühne (musikalische Leitung Thorsten Schmid-Kapfenburg) sich in den folgenden Aufführungen verbessert. Das Orchester begann mit schön geblasenen Hornrufen und auch Castagnetten spielten präzise im spanischen Rhythmus. Für Dialoge mit ausländischen Darstellern sollte der Sprachcoach (Robert Heyn) noch intensiver tätig werden.
Von Pietro, dem stellvertretenden Räuberhauptmann, soll nicht so sehr erwähnt werden sein Vortrag vor dem III. Akt über Ziele der occupy-Bewegung , als vielmehr, daß Peter Jahreis unter sieben Intendanten am Theater in Münster tätig war – heute sehr selten! Dies ist etwa so lange, wie der Rezensent dort Opern besucht hat.

Wenn zum Schluß der Herzog die Banditen begnadigt und Falsacappa zum neuen Polizeihauptmann ernennt, ist man ratlos, ob das ein happy end sein soll..
Mit Bravos für Falsacappa und einigen Buhs für den Regisseur war der Beifall im gut besuchten Haus nicht übermässig enthusiastisch.
Sigi Brockmann
LA TRAVIATA
Premiere 30. Oktober 2011
Nachdem die Opernsaison in Münster mit Monteverdi – il ritorno di Ulisse – eröffnet wurde, geht es nun ohne „Monte“ mit Verdi weiter und das mit seiner zur Zeit populärsten Oper „La Traviata“ - für ein volles Haus nicht nur zur Premiere ist also gesorgt. Dazu trägt auch die beliebte Darstellerin der Titelpartie bei. Henrike Jacob hatte man in letzter Zeit vorwiegend in Opern des 20.Jahrhunderts wie Lulu, Schwester Constance in „Dialogue des Carmélites“ oder Ginette in der„englischen Katze“ von Henze erleben können. Nun konnte sie an ihren Erfolg als Gilda in „Rigoletto“ mit einer weiteren grossen Verdi-Partie anknüpfen. Und das gelang ihr vortrefflich.
Copyright alle Fotos: Michael Hörnschemeyer

Kapriziös – perlend - oder brilliante, wie es Verdi vorschreibt – sang sie Triller und Koloraturen bis hin zum hohen ES in ihrer grossen Szene im I. Akt, ohne übermässiges Husten klang tuberkulös gebrochen die Stimme zwischen Schmerz, Resignation und Hoffnung im III. Akt – mit stimmlichen Mitteln ein gekonntes Rollenporträt der Halbweltdame !
Über die Rolle ihres geliebten Alfredo bemerkt Placido Domingo, daß sie nicht zu den schwierigsten Verdi-Rollen gehört, die Schwierigkeit aber darin bestehe, Maskulinität mit Elegan zu verbinden – und das konnte Youn-Seong Shim stimmlich erfolgreich. Wunderschön klangen seine Legatobögen, Im Trinklied des I. Aktes hörte man deutlich, wie nach der Steigerung zu höheren Forte-Tönen hin die folgenden Sechzehntel- Verzierungen jeweils pp gesungen wurden, wie er überhaupt sehr passend diese lyrische Partie leicht und mit guter Intonation anging, aber trotzdem über die nötige stimmliche Kraft für die Wutausbrüche im II. und III. Akt verfügte.

Nach seinem „Holländer“in Münster überraschte Johannes Schwärsky als Vater Germont mit kavalierbaritonalem Schmelz, lyrischen Bögen und deutlichem Stakkato auch bei leisen Stellen, wobei es fast unmöglich erscheint, wie manchmal von Verdi vorgeschrieben, ppp zu singen und dennoch hörbar zu bleiben. Diese Schwierigkeit gilt auch für den Chor, wo tatsächlich im grossen Finale des III. Aktes Verdi für acht Solisten und Chor als Lautstärke ppp vorschreibt. Doch war der Unterschied in der Lautstärke gegenüber vorangegangenen ff-Stellen deutlich zu hören (Choreinstudierung anstelleder mit Ende der Saison Münster verlassenden Donka Miteva durch Karsten Sprenger) Die übrigen Solistenpartien waren passend besetzt, Nadine Sträter gab den kurzen Koloraturender Flora leichtsinnigen Ausdruck, Fritz Steinbacher als Gaston sang wie immer mit schönem Tenor, Suzanne McLeod war als Zofe Annina gesanglich und schauspielerisch auf dem bei ihr gewohnten hohen Niveau, Marek Kalbus als Baron Douphol und Plamen Hidjov ergänzten passend das Emsemble.

Maestro Fabrizio Ventura feuerte Orchester und Chor mit zügigen Tempi an und kostete die wenigen Solostellen des Orchesters in den Vorspielen zum I. Und III. Akt stimmungsvoll aus. Geringe Tempounstimmigkeiten mit dem Chor und Vater Germont werden sich bei weiteren Vorstellungen vermeiden lassen.
Regisseur Axel Kresin hatte schon vorher angekündigt, auch den Roman „La dame aux camélias“ von A. Dumas dem Jüngeren, der die Grundlage von Verdis Oper bildet, bei seiner Inszenierung zu berücksichtigen. Das zeigte sich gleich während des Vorspiels, als Alfredo unter einem grossen Kreuz das Grab der verstorbenen Violetta aufsucht. Der Roman behandelt die Handlung nämlich als Rückerinnerung des Geliebten auf die Ereignisse mit Violetta nach deren Tod.
Um das verklärende Ende der Oper ins pessimistische Gegenteil zu verkehren, ließ schon Jean-Pierre Ponelle in seiner Bayreuther Tristan-Inszenierung des Jahres 1986 Tristan vor Eintreffen Isoldes sterben und die restliche Handlung nur noch als Halluzination Tristans ablaufen. So verfährt auch Axel Kresin bei La Traviata. Bevor Alfredo im III. Akt eintrifft, legen mehrere weißgekleidete Damen, die schon vorher durch die Inszenierung geisterten, eine tote Violetta auf eine Liege. Diese tote Violetta singt nun Alfredo an etwa mit wunderschön legato gesungenem Wunsch, Paris zu verlassen, und die lebende Violetta steht links aufgerichtet am Bühnenrand und singt ebenso schön lyrisch mit – - ziemlich gegen die Musik inszeniert. Zum Schluß kriecht Alfred zu der toten Violetta unter ein grosses rotes Leichentuch, das er zu diesem Zweck im zweiten Teil des II. Aktes vom Bühnenhintergrund mitgenommen hat – angenehme Ruhe!

Die Bühne (Bühnenbild Manfred Kaderk) besteht aus einem Rundhorizont mit einem immer grösser werdenden Riß im Hintergrund. Die verschiedenen Schauplätze werden dargestellt im I. Akt durch auf dem Boden verteilte Banknoten, im II. Akt durch dort verteilte Blumen (ein Landgut!). Auf diesen beiden gibt der Regisseur Violetta und Alfredo auch Gelegenheit, ihre Gesangskünste liegend zu zeigen. Auf den Boden geschriebene Geldadditionen sollen wohl noch zusätzlich die Vorherrschaft des Geldes zeigen. Ansonsten ist die Bühne leer bis auf eine von Männern gezogene Pferdekutsche im I. Akt – sie soll auch im Roman vorkommen – zwei weibliche Brüste für den Maskenball in Floras Haus, vor denen sich Alfredo praktischerweise etwas entkleidet. Zum Schluß erscheint wieder das grosse Kreuz vom Beginn. Dies alles wird im Programmheft erläutert, aber eine Inszenierung sollte auch ohne solche Erläuterungen plausibel sein.
Erfreulich anzusehen sind die prächtigen Kostüme der Damen und Fracks der Herren, (Anke Drewes) wozu zum Maskenball bei Flora alle noch eine ach so witzige Pappnase aufsetzen.. Nur ausgerechnet Violetta ist bis auf die Szene beim Maskenball immer in bräutliches (?) Weiß gekleidet.
Nach diesem Schluß waren die sonst für schwache Gemüter empohlenen Taschentücher nicht so notwendig.Das Publikum spendete Solisten, Chor und Dirigentem und Orchester reichlich Beifall, auch dem Regieteam, aber hier mit einigen Buhs versetzt.
Sigi Brockmann