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Theater Münster

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Waits/Burroughs/Wilson 

THE BLACK RIDER

The casting of the magic bullets
Premiere am 1. März 2014
Schön und schaurig – am Ende traurig

Immer häufiger reizt es Schauspielregisseure, Musiktheater zu inszenieren. In Münster hat Schauspieldirektor Frank Behnke  mit seinen Klassikerinszenierungen bei Publikum und Presse grossen Anklang gefunden,  es war schwierig, für „seinen“ „Hamlet“ eine Karte zu bekommen – durchaus selten!!! Beim Musiktheater beginnt er nicht  mit grosser Oper, sondern mit dem Musical in 12 Bildern „The Black Rider – The casting of the magic bullets“ (Der schwarze Reiter.Der Guß der Zauberkugeln) -  Musik vom Rock-Komponisten Tom Waits auf den Text von  William S. Burroughs -  uraufgeführt 1990 am Thalia Theater in Hamburg (Intendant damals Jürgen Flimm) nach einer Idee und in der Inszenierung von Robert Wilson, der dort fast gleichzeitig seine inzwischen Kult gewordene Inszenierung von Wagners „Parsifal“ besorgte. Dem  „Black Rider“   liegt  dasselbe „Gespensterbuch“ von 1810 zugrunde  wie Carl Maria von  Webers „Freischütz“.  Nur die äusserliche Handlung erinnert an die  Oper, auch nicht die Namen der handelnden Personen, der Förster heißt hier Bertram, die begehrte Jungfrau Käthchen. Der aus Liebe zu ihr den treffsicheren Schuß schaffen will, ist der Schreiber Wilhelm, sein Rivale der Jägerbursche Robert und der Bösewicht heißt Stelzfuß, der hinkende Teufel..

Einen fürs happy-end sorgenden frommen Eremiten gibt es beim zeitweise drogenabhängigen Waffennarren und Wegbereiter der 68er-Bewegung  Burroughs natürlich nicht, Käthchen wird von der Freikugel getroffen, Stelzfuß nimmt sie mit in die Hölle. Abschüssig wie das ganze „Musiktheater“ war auch der Bühnenboden (Bühne Günter Hellweg), in den eine von bläulichen Lichtern gesäumte kreisrunde Öffnung eingelassen war, in dem die Band mal höher mal tiefer aufgestellt spielen konnte – eine kluge Lösung! Im Bühnenhintergrund gab es ebenfalls eine kreisrunde Öffnung, in der zu Beginn Erbförster Kuno – dieser Name ist derselbe wie im Freischütz – statt still als Bild zu erscheinen auf einem Rad hin- und herpendelte – großartig dargestellt auch als junger Kuno von Florian Steffens. Für intimere Szenen wurde dieser Hintergrund von einem roten Vorhang verdeckt. Lustig wirkte etwa wenn für die Schussübungen von Wilhelm alle als Zielscheiben eingesetzt waren. Die übertrieben altertümlichen Kostüme entwarf Kristopher Kempf.

Textüberschneidungen, wie sie zu Burroughs passen, gab es vor allem bei der „Lucky day ouverture“ als die zirkusähnliche Einladung in mehreren Sprachen durcheinander im Zuschauerraum elektronisch extrem verstärkt von den Schauspielern   ausgerufen wurde, etwas modernisiert mit dem Hinweis etwa, Mobiltelefone abzustellen – wohl bewußt provozierend. Aber nicht nur auf die gesprochenen Worte hatte Regisseur Frank Behnke Wert gelegt, sondern auch auf die Körpersprache der Schauspieler, das kennt man von ihm, es war erstaunlich wie passend sich alle fast akrobatisch zur Musik bewegten – Unterstützung kam  vom Ballettchef Hans Henning Paar. Das Giessen der glitzernden Freikugeln wurde dann so ironisch-schaurig inszeniert, wie es ein heutiger Opernregisseur kaum wagen würde einschließlich eines unheimlichen Baumstumpfs als Hinweis auf den deutschen Wald, in dem  Stelzfuß einmal dämonisch auf die Bühne schwebte.

Letzteren  als Hauptperson des Stückes, hier nicht hinkend, sondern durch einen Teufelsschwanz ausgewiesen, spielte und sang Aurel Bereuter abwechslungsreich, in allen seinen Songs vom wilden Titelsong „The black rider“ angefangen über den ironischen „Just the right bullets“ (die richtigen Kugeln) bis zum melancholischen Abschiedssong über die letzte Rose (The last Rose of summer). In der letzten Aufführung in Münster 1997 waren die jungen Liebenden mit Opernsängern besetzt worden, sinnvoll vielleicht z.B.  wegen des Duetts von Dornen und Rosen (The Briar and the rose) Aber jetzt gelang es Maike Jüttendonk als Käthchen und Christoph Rinke  als schon etwas älterem Wilhelm durchaus,  Microport-verstärkt passend zu singen, auch in ihren  Soli „Lucky day“ von Wilhelm und besonders gelungen „I'll shoot the moon“ (Ich schieß für dich den Mond vom Himmel) von Käthchen. Auch  Vater Bertram von Gerhard Mohr und Mutter Anne von  Isa Weiß  als streitendes Ehepaar sowie Kraftprotz Robert von Maximilian Scheidt fügten sich darstellerisch und stimmlich gut ins Ensemble ein. Der ganz zentrale Song „Crossroads“ über die Parallele von Zauberkugeln-  und Drogenabhängigkeit (Mariuhana führt zu Heroin) wurde zum besseren Verständnis zuerst auf Deutsch gesprochen, (Deutsche Bearbeitung Wolfgang Wiens), dann wie alle Songs auf Englisch gesungen von Florian Steffens sogar mit Andeutung von Koloraturen.

Musikalisch hat Tom Waits eine sehr abwechslungsreiche Musik komponiert, teils passend zur jeweiligen Bühnensituation, teils die Wirkung der Songs  rockig oder sentimental verstärkend. Dies gelang der Band unter Leitung von Michael Barfuß ganz mitreissend, vor allem auch in den Zwischenspielen – hier Instrumentals geheissen – die Musik der „oily night“ erinnerte  mit den kleinen Intervallen fast an Philip Glass. Michael Barfuß war auch die punktgenauen  Begleitung der Handlung durch  Geräusche zu verdanken. Dabei spielte jeder mehrere Instrumente, so Münsters bekanntes Jazz-Musikerpaar Christine Rudolf und Jürgen Knautz an E-Geige und singender Säge bzw. Bass und E-Gitarre. Saxophon Spezialist Klaus Dapper spielte neben „seinem Instrument“ Klarinetten und Flöte, Stephan Schulze alles, was geblasen wurde, sogar ein Didgeridoo, Martin Speight spielte auf allen Tasteninstrumenten und  Rudi Marhold gab schlagzeugend den Rhythmus - alle Meister auf ihren Instrumenten.

Passend zum traurigen Schluß wurde nicht mit einem „Instrumental“ geschlossen sondern der unglückliche Wilhelm blieb  schluchzend allein auf der Bühne zurück.

Nach der pausenlosen Vorstellung zeigte das Publikum im fast ausverkauften Haus durch langen Applaus, den man auch schon nach einigen Songs hörte,  und durch Pfeifen seine Begeisterung.

Hingewiesen sei zum Schluß auf die übernächste Musiktheaterproduktion in Münster, in der wieder ein Teufel einen armen Tenor ins Unglück stürzt. Premiere von Igor Strawinsky`s „Die Laufbahn eines Wüstlings“(The Rake`s Progress - ML GMD Ventura, R Intendant Peters) ist am 10.Mai 2014.

Sigi Brockmann 3. März 2014
                                               Photos Oliver Berg

 

Hector Berlioz

BENVENUTO CELLINI

Premiere am 15. Februar 2014


Zwei Päpste am Aschermittwoch
Auf den musikalisch gelungenen „trovatore“ und die  in jeder Hinsicht eindrucksvolle „Weltraum-Zauberflöte“ - beide Produktionen sorgten für ausverkaufte Vorstellungen – folgte im Opernspielplan des Theaters Münster eine echte Rarität,  Hector Berlioz' erste Oper „Benvenuto Cellini“ auf  einen Text von Léon de Wailly und Auguste Barbier. Sie stellt dar heitere aber auch von ernstem künstlerischem Schaffensrausch erfüllte Szenen aus der Selbstbiographie des historischen Goldschmieds und Bildhauers Benvenuto Cellini, eines typischen Künstlers der Renaissance, als solcher in viele Händel verwickelt aber auch zeitweise Musikant in der päpstlichen Kapelle. Wohl deshalb hat seine  Vita  bereits Goethe zu einer Übersetzung angeregt.  Nach dem Mißerfolg der Uraufführung der Oper – abgesehen von der Ouvertüre - in Paris wurde  in Weimar unter Franz Liszt im Jahre 1852 eine verkürzte Fassung in drei Akten  aufgeführt.. Dieser Fassung folgte man in Münster. Die  Premiere in der Inszenierung von Aron Stiehl  unter der musikalischen Leitung des neuen ersten Kapellmeisters Stefan Veselka war am vergangen Samstag. 

Dieser  Zeitpunkt einige Tage vor Karneval  war insofern gut gewählt, als die Oper zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch im Rom des Jahres 1529 spielt.
Karnevalstreiben beherrscht dann auch den ersten Teil, wenn Cellini als Mönch verkleidet im Trubel seine geliebte Teresa entführen will. Sein Rivale und auch als Goldschmied sein Konkurrent Fieramosca will das verhindern.. Im Streit erschlägt Cellini dessen Diener Pompeo, kann aber bei der plötzlich eintretenden Aschmermittwochs-Dunkelheit entkommen.

Im zweiten Teil muß Cellini eine vom Papst bestellte Statue des Perseus giessen, einmal, weil er zur Bezahlung von Wirtshausschulden schon einen Vorschuß bekommen hat, zum andern, weil der Papst ihm Begnadigung vom Verbrechen des Mordes und der Entführung sowie die Hand von Teresa  versprochen hat, wenn er die Statue innerhalb eines Tages fertigstellt. Als nicht genügend Metall zum Giessen vorhanden ist, zeigt sich Cellini als kompromissloser Künstler, indem er alle bisherigen Arbeiten einschmelzen läßt, damit dieses neue Meisterwerk vollendet werden kann. Es gelingt und das „happy end“ mit Teresa kann kommen, in Münster fuhren beide mit dem Motorrad ins Eheglück.   

Auch sonst wurde die Handlung in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verlegt – sichtbar an den Kostümen und Bühnenbild (beides Simon Holdsworth)  So zeigte die Bühne zunächst Küche und Schlafzimmer mit Blümchentapete und Blick auf den Petersdom von Teresas Vater Balducci, der seine Teresa  mit Cellinis Rivalen Fieramosca verheiraten will. Fieramosca hört versteckt im Duett zwischen Cellini und Teresa mit an,  wann und wo die beiden Teresas Entführung im Trubel des Karnevalsdienstag beschliessen und will auch dort sein. Hier wurde mit  etwas viel Klamauk eine hinlänglich bekannte Komödiensituation vorgeführt,  so versteckte sich etwa Fieramosca im Kühlschrank, in dem versehentlich ein Sprengkörper explodierte, der eigentlich Cellini galt,  und ähnliche überdrehte Spässe gab es mehr.  In der Kneipe im II. Akt mit wurde am langen Tisch wie in Westfalen üblich Bier getrunken, übertrieben waren wiederum  das Klo auf der Bühne mit Benutzern  und der Wirt  als Transvestit verkleidet. Da stimmte auch die Schrift auf der Rückseite der Bühne „Regietheater nein danke“ nicht besonders heiter! .Im Karnevalstreiben des II. Akt wurde die Opernaufführung auf dem Theater zu einer Parodie auf Wagners „Siegfried“ benutzt, mit Cellinis Gehilfen Francesco (Christian-Kai Sander) und Bernardino (Frank Göbel) verkleidet als Siegfried mit Fellkostüm und Schwert und Brünnhilde mit spitzem Brustpanzer. Sogar der „Walkürenritt“ klang an.. Der Drache wurde vom in Münster bekannten Pantomimen Peter Paul beweglich gespielt. Dabei ging etwas unter die Parodie auf Balducci, der als päpstlicher Schatzmeister für seinen Geiz lächerlich gemacht werden sollte.. Das Durcheinander des Karnevals  mit der geplanten Entführung Teresas und dem von Cellini im Zweikampf getöteten Pompeo wurde dann  nicht mit Kanonenschüssen von der Engelsburg sondern mit dem Knall einer Bombe durch Cellinis Gehilfen beendet, passend, um Cellini so die Möglichkeit zur Flucht zu geben. 

Nach der Pause wurde handlungsgemäß alles ernster, Cellinis Werkstatt ein grauer Fabrikraum, an dessen Rückwand eine Rollade hochgezogen werden konnte. Während bei der Uraufführung ein Papst auf der Bühne verboten war, kamen durch diese gleich zwei Päpste in die Werkstatt, einmal der regierende Papst, der  durchaus Verständnis für die Künstlernatur Cellinis und seine Marotten hatte, und  ein früherer Papst, dem dieses Verständnis offenbar fehlte. Um diesen kümmerte sich ein  Monsignore und hielt Verbindung zwischen beiden. Wohl jeder im Publikum wußte, wer gemeint war, auch ohne daß der ältere Papst mit zitternder Hand eine bayrische Flagge wedelnd gezeigt wurde – letzteres überschritt vielleicht die Grenze des guten Geschmacks.

Betreffend Sängerdarsteller waren die Hauptrollen hervorragend besetzt. Adrian Xhema als Cellini glänzte stimmlich und darstellerisch besonders, als er zum Schluß  für die Vollendung seines Kunstwerks sogar den Tod in Kauf nehmen wollte. Seine Bravourarie im Stil der Entstehungszeit „Sur les monts les plus sauvages“ (Über die wilden Berge)  mit ausdrucksvollem legato und scheinbar unangestrengt  getroffenen Spitzentönen  rief Szenenaplaus hervor. Ausserdem war sein Französisch am besten von allen zu verstehen.  Sara Daldoss Rossi als Teresa überzeugte gleich im I. Akt mit ihrer Cavatine  „Entre l'amour et le devoir“ (Zwischen Liebe und Gehorsam zum Vater) ganz p und legato beginnend und dann folgten die perlend und geschmeidig gesungenen Koloraturen ,in denen sie erkennt, mit siebzehn Jahren hätte doch die Liebe Vorrang. Dabei mußte sie noch Bio-Gemüse schälen.

Lisa Wedekind in der Hosenrolle von Cellinis Gehilfen Ascanio sang und spielte passend burschikos. Ihre Arie im III. Akt mit dem  Stimmungwechsel zwischen „Tra, la la“ und „mon àme est triste“ (Meine Seele ist traurig) zeigte großartig den meisterhaft zwiespältigen Charakter dieses Liedes, an dessen Ende sie sich fast umgebracht hätte.. Das nachfolgende Gebet zusammen mit Teresa „Sainte Vierge“ (Heilige Jungfrau) mit dem Mönchschor von ausserhalb des Zuschauerraums war reiner Wohlklang. Juan Fernando Gutiérrez als Cellinis Rivale Fieramosca spielte witzig den ewigen Verlierer, er wird für den Eindringling in Teresas Schlafzimmer und für den Mörder Pompeos gehalten und muß auf Befehl des Papstes auch noch Cellini beim Guß der Perseusstatue helfen. Bei seiner grossen Arie „Qui pourrait me résister“ (wer könnte mir widerstehen) war das Orchester etwas laut für seinen Kavaliersbariton.. Statt des Degens schwang  er dabei den Pinsel und malte in überholter Manier das Bild eines röhrenden Hirsches -  als der Vergangenheit verpflichteter  Künstler sollte er wohl so eine Art Beckmesser darstellen. Mit mächtiger Gestalt und Stimme bis in die tiefsten Tiefen hinein war Lukas Schmid  die passende Verkörperung des amtierenden Papstes wie auch des Halunken Pompeo. Diese stimmliche Durchschlagskraft und Tiefe fehlte dem Balducci von Plamen Hidjov.

Die grossen Anforderungen ihrer Partien bewältigten Chor und Extrachor (Einstudierung Inna Batyuk) sehr eindrucksvoll,  insbesondere in der schwierigen Karnevalsszene, deshalb war der Chor  dort wohl mit Blick zum Dirigenten neben und nicht vor die Bühne auf dem Theater platziert worden. Der Herrenchor hatte zusätzlichen Einsatz als Goldschmiede-Gehilfen Cellinis.

Das Sinfonieorchester Münster wurde zum ersten Mal vom neuen Kapellmeister Stefan Veselka dirigiert. Bereits in der erfreulicherweise bei geschlossenem Vorhang  gespielten Ouvertüre kamen die rhythmischen Finessen, die Delikatessen der Instrumentierung, aber auch der hymnische Bläserklang  gelungen zum Ausdruck. Angesichts der schwierigen Ensemble- und Chorpassagen hatte er die Leitung  der Premiere gut im Griff. Dies empfand wohl auch das Publikum im fast ausverkauften Haus, denn es gab häufigen Zwischenapplaus und langen Schlußapplaus auch für Orchester, Dirigenten und das Leitungsteam mit verdienten Bravos vor allem für Adrian Xhema und Sara Daldoss Rossi in den Hauptrollen

Sigi Brockmann 17. Februar 2014                                   Fotos Oliver Berg
 

P.S.

Wenn in dieser aufwendigen Produktion  immer wieder Wagner zitiert wurde – die in der Werkstatt Cellinis vorhandene Büste wurde mit allem anderen Mobiliar für das Giessen der Perseus – Statue  verbrannt – und wenn der gesamte Chor im Zuschauerraum platziert  zum Schluß „Heil den Meister-Goldschmieden“ (Honneurs aux maitres ciseleurs!) hymnisch sang,  ergibt sich die Frage, ob vielleicht demnächst zu Karneval Wagners Faschingsoper „Das Liebesverbot“ geplant ist

 

 

IL TROVATORE

Besuchte Vorstellung am 25. Januar 2014                   Premiere am 5. Oktober 2013


Andere Azucena

An einem Theater der Grösse Münsters verzichtet man, auch wohl wegen mangelnder Publikumsnachfrage, auf Wiederaufnahmen erfolgreicher Produktionen in folgenden Spielzeiten. Da ist es von Interesse, wie sich eine Aufführung wie die von „ il trovatore“ fast vier Monate nach der Premiere am 5. Oktober 2013 entwickelt hat. (der Opernfreund berichtete) Am vergangenen Samstag fand eine der letzten Aufführungen statt, bis auf Azucena waren alle Rollen mit denselben Sängern besetzt. Nach etwas holprigem Beginn des Chors war mehr noch als in der Premiere  die jungen Sara  Daldoss Rossi als Leonora der Star des Abends . Merkte man ihr am Premierenabend doch die verständliche Aufregung vor allem bei der ersten mezza.voce Cavatine „Tacea la notte“  mit nachfolgenden Koloraturen an, so beherrschte sie nun die anspruchsvolle Rolle in allen Facetten, Legato-Bögen im p, leuchtende Spitzentöne und treffsichere Koloraturen – es gab verdienten Szenenapplaus.Den gab es auch beim Ensemblemitglied Suzanne McLeod, die anstelle einer Gastsängerin zum ersten Mal die Aczucena sang. Gleich bei der ersten Canzone „Stride la vampa“ (Lodernde Flammen) hörte man genau die Triller mit folgenden punktierten Sechzehnteln. Das folgende sotto voce gelang ihr passend leise aber doch hörbar.

 Auch im letzten Akt gestaltete sie ganz entspannt und eindrucksvoll die sehnsüchtige Vorstellung Azucenas von ihrer Heimat (Ai nostri monti) und  fügte sich perfekt in das folgende Terzett mit Leonora und Manrico – dem Höhepunkt des Abends - ein. Dazu kam wie immer bei ihren Bühnenauftritten sehr intensives Spiel. Adrian Xhema knüpfte an seinen verdienten Premierenerfolg an und erhielt naturgemäß nach der Stretta grossen Beifall. Auch er beherrscht inzwischen alle Nuancen der Rolle überlegener als in der Premiere.
Gregor Dalal spielte und sang wiederum  den Luna vor allem als brutalen, teils Peitschen schwingenden Machtmenschen, fand aber diesmal für sein Largo „Il ballen del suo soriso“ (Ihres Auges himmlisches Strahlen) mehr lyrische Töne.

Die Inszenierung von Georg Rootering zeigte wiederum vor allem, daß Krieg und Gewalt menschlichen Gefühle nicht wirklich zulassen. GMD Fabrizio Ventura leitete das musikalische Geschehen umsichtig und sängerfreundlich, wie immer mit  Gefühl für Verdis Melodik und Rhytmik. Zu bewundern waren auch die Soli der Instrumente, besonders der Holzbläser und Hörner. Die Reaktion des Publikums im ausverkauften Haus war insofern erstaunlich, als langanhaltend und rhythmisch applaudiert wurde, mit Bravos vor allem für Leonora und Azucena, und kein Zuschauer vor dem Fallen des eisernen Vorhangs das Theater verließ, ganz selten! 

Am 15. März 2014 ist die letzte Vorstellung, auch mit Suzanne McLeod als Azucena

Sigi Brockmann  26. Januar 2014                 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Premiere am 30. November 2013
Zauberhaft geflötet im Weltraum

Gleichermassen Kennern als auch Liebhabern sollte seine Musik gefallen, wünschte sich auch Wolfgang Amadè Mozart – so nannte er sich selbst!. Mit kaum einem Werk erreichte er diese Absicht erfolgreicher als mit der „Deutschen Oper in zwei Aufzügen“ auf den Text von Emanuel Schikaneder „Die Zauberflöte“ der meistgespielten Oper überhaupt.  Am Theater Münster war es zusätzlich nützlich, Kenner und Liebhaber des filmischen Heldenepos „Star Wars“ (Krieg der Sterne) von George Lucas zu sein, das ja passender weise auch als „space opera“ (Weltraumoper) bezeichnet wird. Die Premiere   unter der musikalischen Leitung von GMD Fabrizio Ventura fand am vergangenen Samstag in der Inszenierung von  Kobie van Rensburg statt. Letzterer erarbeitete  auch eine für den Weltraum  passende Textfassung, war für die Videogestaltung und logischerweise  - zusammen mit Kerstin Bayer -  auch für das Bühnenbild verantwortlich.

Letzteres bestand nämlich fast nur aus Videoprojektionen, was mit Hilfe von Zwischenvorhängen  schnelle Ortswechsel und vielerlei auch witzige Zauberkunststücke  erlaubte.  Neben Weltraumversatzstücken wurden auch auf die ursprüngliche Handlung bezogene Symbole altägyptischer (z. B. kleine Pyramiden in Händen der Priester) und Freimaurern zugehöriger (Dreiecke) Art angedeutet. Mit einem Lauftext der Vorgeschichte begann es – der Sonnenkreis, der die Stabilität des Universums garantierte, wurde zum Streitobjekt zwischen  Sarastro und der Königin der Nacht –. Es folgte die Reise der Beteiligten durch eine grandiose Weltraum-Landschaft mit Raumschiffen an gefährlichen Meteoriten vorbei zum Planeten, auf dem die Handlung  stattfand. Daß dazu das Orchester unter Leitung von Fabrizio Ventura mit ungewöhnlich scharfen Es-Dur-Akkorden und exakt hörbarem Fugato Mozarts Ouvertüre spielte, wurde als Begleitmusik zu den gewaltigen Weltraum-Ansichten zu wenig wahrgenommen.

Die Kostüme von Dorothee Schumacher und Lutz Kemper riefen neben gewohnter Bekleidung der Hauptpersonen vor allem Wiedererkennungsfreude beim Publikum hervor, wenn sie sich auf Figuren aus Star-wars bezogen, so etwa die Königin der Nacht vor ihrer zweiten Arie mit Darth-Vader-Kopfschmuck einschliesslich des lauten Ausatmens, die Roboter-Soldaten von Monostatos, der kleine Roboter R2D2, der Zauberflöte und Glockenspiel brachte, oder die kleinen Jedi-Ritter und Ewoks. Beim ersten Priester (stimmlich markant  Gregor Dalal)  mit Frisur und Ohren von Mr. Spock und einem Ortswechsel durch Beamen waren auch Kenntnisse von „Raumschiff Enterprise“ beim Publikum vorhanden.

Als Tamino dann mit einem Fallschirm gelandet war, sang er die ersten Sätze auf koreanisch, es erschien als Projektion ein  Übersetzungsprogramm, mit dem nunmehr alles ins Deutsche übersetzt wurde. Dadurch sollten wohl Einwände entkräftigt werden, daß Youn-Seong Shim in den gesprochenen Dialogen kein akzentfreies Deutsch sprach, das wäre gar nicht nötig gewesen, denn wir haben ohne solche Vorsichtsmaßnahme schon Sänger gehört, die die deutsche Aussprache weit weniger beherrschten. Gesanglich war er mit seinem lyrischen, wenn nötig auch kräftigem Tenor,  schöne Legatobögen mit dem nötigen Schmelz in der Bildnisarie gestaltend, ein großartiger Tamino, welchen Eindruck er  noch steigern konnte. Wie schon früher war seine Partnerin Henrike Jacob als Pamina, die besonders als bis zur Selbstmordabsicht verzweifelte Geliebte beeindruckte. Ihre grosse Arie „Ach, ich fühl's“ - eines der traurigsten Musikstücke überhaupt – gestaltete sie glaubhaft im lyrischen Teil, in den Koloraturen treffsicher wie auch im grossen Sprung bei „Ruh im Tode sein“, zum Schluß vielleicht etwas irritiert, weil gerade diese verzweifelten leisen Töne etliche Besucher sich zum Husten ausgesucht hatten.

Neben Verzweiflung auch Wut stimmlich darzustellen, gelang auch begeisternd Olga Polyakova als Königin der Nacht. Sehr textverständlich begann sie aus grosser Höhe singend ihre erste Arie lyrisch bis hin zum traurigen „meine Hilfe war zu schwach“, um dann ihre Wut in den waghalsigen Koloraturen bis in die Spitzentöne treffsicher auszudrücken. Genauso großartig meisterte sie die Rachearie  stimmlich präzise bis hin zu den schwierigen Koloraturen auf „Bande der Natur“.  Für den Sarastro hatte Lukas Schmid die passende grosse Oberpriestergestalt, leider hatte er im Vergleich zu früheren Auftritten wohl einen schlechten Tag, es mangelte es ihm sowohl an der notwendigen Baßtiefe als auch an der balsamischen oberpriesterlichen Stimmkraft vor allem in seinen beiden Arien, vielleicht kam diese Aufgabe aber auch zu früh für den jungen Sänger. Juan Fernando Gutiérrez begeisterte in einem der sympathischsten Charaktere der Opernliteratur als
Papageno in Spiel und Gesang das Publikum und konnte sich von etwas verhaltenem Beginn bis zum Schluß immer mehr steigern. Passend zu ihm spielte und sang Eva Bauchmüller eine schräpige alte und dann kecke junge Papagena. Neben den stimmlichen Anforderungen, die sie gut meisterten,  wurde grosse Körperbeherrschung von den drei Damen gefordert – mit Sara Daldoss Rossi, Lisa Wedekind und Suzanne McLeod eine Luxusbesetzung. Meistens sexy hauteng schwarz gekleidet – teils bauchfrei - bewegten sie sich lasziv zum Rhythmus der Musik, fotografierten sich zu Beginn gegenseitig mit dem ohnmächtigen Tamino und mußten einmal sogar in weissen Überkleidern  durch einen Mundschutz hindurch singen. Daß Philippe Clark Hall den Monostatos mit sehr beweglicher Stimme und ebenfalls grosser körperlicher Beweglichkeit ganz eindrucksvoll sang und spielte, ist einem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit dem Opernhaus Dortmund zu verdanken. Ursprünglich sollte  Fritz Steinbacher die Partie übernehmen, der singt jetzt in Dortmund, etwa einen der Sänger im „Tannhäuser“. Dafür kam Clark Hall, der in Dortmund mit dem Gottesnarren in „Boris Godunov“ und Graf Boni in der „Csárdásfürstin“ erfolgreich war, nun nach Münster als Monostatos.

Schwebend in ihrem Korb vom Luftschiff getragen und  darin radelnd  auf dem Boden waren  die drei Knaben Felix Zhang, Laura Goblirsch und Naomi Schicht als zukünftige Jedi gekleidet singend und spielend eine wahre Freude. Ihr Quartett, in dem sie Pamina vom Selbstmord abhalten, war ein Höhepunkt des Abends.Rollengerecht besetzt waren Geharnischte und Priester mit Enrique Bernardo (mit schlechtem Deutsch), Plamen Hidjov  und Lars Hübel. Die Chöre, Opernchor und Extrachor des Theaters, der Westfälischen Schule für Musik und des Mädchenchors am Dom zu Münster waren erfolgreich einstudiert von Inna Batyuk.

Fabrizio Ventura wählte durchgehend ein sehr zügiges Tempo, manchmal vielleicht zu zügig, ließ das höher sitzende Orchester sehr durchsichtig spielen, der Kontakt zwischen Bühne und Orchester klappte auch in der Premiere fast immer  gut, auch wenn die Sänger  vor dem Orchester und vor der ersten Reihe im Zuschauerraum spielten. Die vielen Soli zeigten wiederum die Qualität des Orchesters, hier sollen die namensgebenden Flötensoli von Friederike Wiechert besonders gelobt werden.

Zwischenapplaus und Bravos des völlig ausverkauften Hauses  nach einzelnen Arien (Tamino, Pamina, Königin der Nacht und natürlich Papageno) wie hier gehört sind in Münster eher selten.  Der Schlußapplaus mit wiederum vielen Bravos  dauerte bis zum Sinken des eisernen Vorhangs. Er galt neben allen Mitwirkenden auch dem Leitungsteam. Stehenden Beifall gab es zuerst für GMD Ventura und das Orchester, dann für alle Mitwirkenden.

Neben „normalen“ Opernfans kann  die manchmal komplizierte Handlung der Oper hier auch eine Generation gut nachempfinden, die mit Fantasy, „Star-wars“ und „Star-Trek“ aufgewachsen ist, sodaß dies zu einer „Star-Zauberflöte“ werden könnte.
 

Sigi Brockmann  2. 12.2013                                           Fotos Oliver Berg

 

IL TROVATORE

Premiere am 5. Oktober 2013

Viele Bravi...
Opernfreunde in aller Welt gedenken am 10. Oktober des 200. Geburtstags von Giuseppe Verdi . In seinen Opern verknüpft er häufig tragische Liebesgeschichten – zwei Männer (Tenor und Bariton) lieben dieselbe Frau (Sopran) -  mit politischen Intrigen oder kriegerischen Konflikten, die die Rivalitäten der beiden noch verstärken. Immer ist der Tenor der erfolgreiche Liebende!  In keiner anderen Oper hat dieses bekannte Muster zu einer derart verworrenen und unlogischen Handlung geführt wie im „Trovatore“ wo zusätzlich noch ein entscheidender Teil der Handlung vor Beginn der Oper stattfindet. Immerhin zeigt schon die Bezeichnung der für die Oper  ausgewählten tableauartigen Handlungshöhepunkte , nämlich der Zweikampf (Il duello), die Zigeunerin (la zingara), der Sohn der Zigeunerin (il figlio della zingara) und das Hochgericht (Il supplizio), daß  die eigentliche Hauptperson  nach heutigem Sprachgebrauch eine Sinti oder Roma ist, nämlich Azucena (Mezzosopran).. Dazu schuf Verdi eine begeisternde, extreme Leidenschaften der vier Hauptpersonen dramatisierende Musik, die das tragische „dramma lirico“ zu einer der populärsten Oper überhaupt werden ließ. Auch deshalb wählte das Theater Münster sie zur ersten Musiktheaterproduktion der Spielzeit. Die Premiere fand  am vergangenen Samstag  unter der musikalischen Leitung von GMD Fabrizio Ventura und in der Inszenierung von Georg Rootering statt.

Gespielt wurde in einem variablen Einheitsbühnenbild von Bernd Franke mit blutbeschmierten Säulen, im ersten Bild eng nach hinten begrenzt durch die Waffenschränke für die MP-s der Soldateska des Grafen Luna, dann im zweiten Bild erweitert zum Palastraum mit Kronleuchter und den unvermeidlichen Liegestühlen, dann mehr noch nach hinten erweitert zur Szene im Zigeunerlager und die ganze Bühne nach hinten öffnend für den Kirchenraum. Für den Kerker im IV. Akt war dann die Decke weit nach unten gesenkt. Durch Lichteffekte wie etwa dunkelrot bei der Stretta des Manrico sollte wohl zusätzlicher dramatischer Effekt erzielt werden. In den ersten beiden Akten dominierten Waffen, meistens MP-s , und Feuer, meistens  in Form von Benzinkanistern und angezündeten Streichhölzern. So packten während des Chors im II. Akt die Zigeuner wohl gestohlene MP-s aus Blechkisten aus und auch Leonore hielt zusammen mit Manrico den Grafen Luna und seine Soldateska  in der Kirche mit MP-s in Schach. Kostümbildner Götz Lancelot Fischer kleidete die Zigeuner in schwarz und die anderen, Habit der Nonnen, Fantasieuniformen des Grafen Luna und seiner Soldaten, in dunkelrot -  farblich ähnlich  dem seitlichen Rand der Homepage von opernfreund.de oder der Berufskleidung im italienischen Restaurant gegenüber. Nur Leonora und Vertraute Ines waren in grosse Abendgarderoben gekleidet, man wußte nicht warum, aber  doch besser als die heute vielfach üblichen schäbigen Alltagsklamotten! Die Regie erlaubte  Ines und Leonore im 2. Bild des I. Aktes eine  Kissenschlacht – wie witzig -  und stattete Graf Luna in der Kirche Brutalität ausdrückend mit einer Peitsche aus, mit der u.a. er das Altarkreuz auf den Boden befördern konnte, sehr dramatisch? Treffend war der Einfall, das Messbuch aus der Kirche bis zum bitteren Ende in Händen Leonoras zu belassen, die dann verzweifelt Seiten herausreissen konnte.

Aber der „trovatore“ lebt durch die Musik und da hatte Münster grosses Glück. Eine Entdeckung des Abends war die Leonore von Sara Daldoss Rossi, einem neuen jungen Ensemblemitglied mit zierlicher Figur und bestens geführter Stimme. Schon ihre erste Kavatine „Tacea la notte“ beeindruckte trotz langsamen vorgegebenen Tempos durch Crescendi und decrescendi bei langen Legatobögen, alle Triller und die Koloratur zum Schluß gelangen ohne Fehl. Gesteigert wurde dieser Eindruck dann durch das Miserere im IV. Akt, das sie ganz innig wirklich „pp con espressione“ begann und dann  mit furiosen Spitzentönen „agitato“ abschloss, auch die tiefen Töne des grossen Tonumfangs ihrer Partie traf sie großartig! Fast noch mehr beeindruckte als Gast Rossana Rinaldi in der Partie der Azucena, ein wirklicher Mezzo mit sehr solider Tiefe, kein verhinderter Sopran! Schon in der Auftrittscanzone „Stride la vampa“ sang sie rhytmisch exakt die punktierten  16-tel mit vorangegangenem Triller. Weiterer Höhepunkt war dann der mezza-voce Teil – andatino- im IV. Akt.. Den grossen Tonumfang ihrer Partie meisterte sie bravourös. Mit grossen Legatobögen und  unforcierten Spitzentönen gestaltete Adrian Xhema die Titelpartie des Manrico. Mit der gefürchteten und vom Publikum ersehnten Stretta „Di quella pira“ entfesselte er auch dank des kurzen hohen C grossen Zwischenapplaus. Das Schlußterzett der drei wurde zum musikalischen Höhepunkt des Abends. Für den Grafen Luna hatte Gregor Dalal die notwendige grosse Stimme, der herrische und gewalttätige Ausdruck lagen ihm,  auch gefordert durch die Regie, besser als etwa das kantable pp-Largo des „Il balen del suo sorriso“ im II. Akt.

Die durch die Erzählung über die Vorgeschichte des Dramas so wichtige Kavatine des Ferrando sang Lukas Schmid mit mächtigem aber doch beweglichem Baß, was er im weiteren Verlauf bestätigte. Die Rollen der „comprimarii“ waren passend besetzt, Aufhorchen ließ Ana Kirova als Leonoras Vertraute Ines. Grossen Eindruck hinterliess der Chor, hier ja vor allem der Herrenchor, in der Einstudierung von Inna Batyuk. Insbesondere das schnelle staccato der Soldaten von Luna im II. Akt wie auch dessen ganzes grosses Finale gelangen exakt, was für eine Premiere nicht selbstverständlich ist.

Was wäre der ganze „trovatore“ ohne  Anfeuerung durch Orchester und Dirigenten – hier war GMD Fabrizio Ventura in seinem Element! Er nahm teils sehr zügige Tempi, zeigte durch kleine Temporückungen und Herausarbeiten instrumentaler Feinheiten,welche kompositorische Meisterschaft auch  in der geschmähten „Leierkasten – Begleitung“ steckt. Grossen lautmalerischen Eindruck hinterliessen die Hörner zu Beginn des I. und zur Adagio-Orchestereinleitung des IV.Aktes, hier besonders Fagott und Klarinetten  
Trotz gleichzeitiger Kinoüberetragung aus der MET mit Netrebko war das Haus fast ausverkauft. Das Publikum applaudierte begeistert, auch im Stehen, mit vielen verdienten Bravos für die Sänger der Hauptpartien, besonders der Damen, dies solange, bis der Vorhang dem ein Ende machte

Sigi Brockmann                                     Fotos Oliver Berg/Theater Münster

 

Musiktheater in Münster – Rückblick 2012/13  & Vorschau 2013/14

Weiterhin fährt Sigi Brockmann für den OPERNFREUND umweltfreundlich nach Münster


Betreffend Musiktheater war die erste Spielzeit von Intendant Dr. Peters am Theater Münster in der zweiten Hälfte künstlerisch recht vielversprechend. Im Gegensatz zu Vorgänger Que

tes, der häufig (teils hervorragende) Gäste engagierte, setzt Dr. Peters auf den Aufbau eines Opernensembles, wobei die Sänger in bester deutscher Tradition stilistisch ganz unterschiedliche Rollen übernahmen. So sang etwa Adrian Xhema sowohl Cavaradossi in „Tosca“ als auch Herodes in „Salome“,  Gregor Dalal sowohl Scarpia als auch den scheidungswilligen und später scheidungsunwilligen Ehemann in Hindemiths „Neues vom Tage“ und abschliessend mit ganz mächtigem Bariton Jochanaan in „Salome“, Henrike Jacob konnte Koloraturenkunst im „Barbier“ und auch in „Neues vom Tage“ hören lassen und Youn-Seong Shim verströmte mit   Graf Almaviva und auch mit Narraboth tenoralen Glanz . Publikumsrenner waren das Kriminal-Musical „Edwin Drood“  mit vom Publikum zu bestimmendem Mörder, „Tosca“ und zum Schluß mit wachsendem Publikumsinteresse  „Salome“ Letztere wurde auch überörtlich gewürdigt durch Erwähnung unter „Abseits der Zentren“ in der Autorenumfrage der Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“

Was die Komponisten -  Geburtstage angeht, wurde  Richard Wagners mit einer sensationellen 16-teiligen Vortragsreihe „Gelehrte im Theater“ gedacht, in der die Elite der deutschen Musikwissenschaft - mit u.a. nur beispielhaft unter gleichermassen wichtigen Referenten erwähnt  Udo Bermbach, Jürgen Kesting, Peter Sloterdijk und Nike Wagner – Vorträge teils mit Musikbeispielen hielt.
 
Der andere grosse Geburtstag wird unter den vielen Opern Verdis nicht sehr einfallsreich mit „Trovatore“  gewürdigt als Eröffnung der neuen Spielzeit in der Inszenierung von Georg Rootering unter der ML von GMD Fabrizio Ventura. Adrian Xhema singt Manrico, Gregor Dalal den  Grafen Luna und – neu im Ensemble - Sara Daldoss Rossi die  Leonora und als Azucena treten alternierend auf  Rossana Rinaldi und Suzanne McLeod, die in der vergangenen Spielzeit grossen Erfolg sowohl als Prinzessin Puffer in „Drood“ als auch als Herodias hatte.

Es folgt  - auch nicht gerade sensationell  – die „Zauberflöte“ in der Regie von Kobie van Rensburg, der  hier in der Gegend zuletzt „Figaros Hochzeit“ in Krefeld-Mönchengladbach inszeniert hat. Beliebte Sänger wirken mit wie Henrike Jacob als Pamina und Youn-Seong Shim als Tamino , Juan Fernando Gutiérrez (Figaro in der vergangen Saison) als Papageno, Lukas Schmid als Sarastro, Fritz Steinbacher als Monostatos und – neu im Ensemble – die junge Eva Bauchmüller als Papagena. Die ML hat wiederum GMD Ventura.


Höhepunkt der Opernsaison wird „Benvenuto Cellini“ von Berlioz

www.youtube.com/watch?v=puVhaNP9S8c

in der Inszenierung von Aron Stiehl  werden (zuletzt „Barbier“ in Münster, „Tannhäuser“ in Karlsruhe und „Liebesverbot“ in Bayreuth) Voraussichtlich wird die ML der Einstand des neuen 1. Kapellmeisters sein. Adrian Xhema singt die sehr anspruchsvolle Titelpartie, ansonsten wirkt das gesamte Ensemble mit. Interessant wird sicher auch eine der selten gespielten Operetten von Gilbert und Sullivan „Die Piraten von Penzance“, die Übernahme einer Inszenierung von Holger Seitz , die bereits am Gärtnerplatz-Theater München und am Theater Hof gezeigt wurde.

www.youtube.com/watch?v=Ac7JCW-IIeg

Zum Abschluß der Saison inszeniert Hausherr Dr. Peters dann Strawinskys „The Rake`s Progress“ wiederum unter der ML von GMD Ventura. Gespannt darf man auch sein auf die erste Musiktheater-Regie des Schauspieldirektors Frank Behnke, der in dieser Position in seiner ersten Spielzeit schon  erfolgreich war, ebenfalls erwähnt in „Die Deutsche Bühne“ Er inszeniert das Musical „The Black Rider“ (Der schwarze Reiter) mit der Handlung des „Freischütz“, aber nur mit  der Musik von Tom Waits.

 

Kleiner musikalischer Eindruck:

www.youtube.com/watch?v=npepTZuWAgs

Auch des dritten grossen Komponisten mit rundem Geburtstag wird gedacht. Genau auf den Tag 70 Jahre nach dem grossen fast die ganze Innenstadt Münsters zerstörenden  Bombenangriff wird am 10. Oktober 2013 Benjamin Brittens „War Requiem“ im Dom aufgeführt.

Wenn  man vergleicht, daß im grösseren benachbarten Dortmund nur repertoiregängige Opern aus dem 18. und 19. Jahrhundert aufgeführt werden, nichts mehr wie etwa „Beatrice Cenci“ oder  „Anna Nicole“ in den vergangenen Spielzeiten, dann scheint Münsters Musiktheaterspielplan schon  ein wenig ambitioniert.

Sigi Brockmann

 

SALOME
 

B-Premiere mit Allison Oakes am 1. Juni 2013

Allison Oakes, Münsters gefeierte „Tosca“, fand zwischen Probenterminen für Gutrune und eine der Walküren in Bayreuths neuem „Ring“ noch Zeit, in Münster in einigen Vorstellungen die „Salome“ zu singen, eine Rolle, die sie zuletzt in Oldenburg verkörpert hat (siehe Opernfreund vom 11.10.12) Da ist zunächst hervorzuheben, wie gut sie sich in die Inszenierung einfügte, die eigentlich in vielem passend für ihre Vorgängerin Annette Seiltgen eingerichtet war, sodaß ihr Spiel genauso überzeugte. Allerdings wirkte sie im „Schleiertanz“  nicht selbst mit, sondern wurde gedoubelt  von der Tänzerin Sandra Guénin, ebenso wie vorher schon ihre „Tanzpartner“ choreografiert von Ballettchef Hans Henning Paar. Stimmlich zeigte sich wieder einmal, daß für italienische Opern geeignete Stimmen auch das deutsche Fach beherrschen können. So  konnte sie sich durchaus gegen das Orchester behaupten, einige Spitzentöne klangen allerdings etwas schrill und mit den ganz tiefen Tönen etwa bei „das Geheimnis des Todes“ hatte sie als kommende Hochdramatische Schwierigkeiten. Zudem war sie auch an solchen Stellen wenig textverständlich, wo das Orchester einmal nicht voll aufdrehte.

Hier eben kein dekadenter Tattergreis sondern zwischen Panik und Willkür wechselnder Machtmensch, hörte man Adrian Xhema als Herodes nach der Erfahrung mehrerer Aufführungen an, daß er die Partie musikalisch inzwischen völlig „im Griff“ hat. Alle anderen Darsteller sangen auf dem hohen Niveau der Premiere, wiederum sind da zu loben der stimmgewaltige Gregor Dalal als Jochanaan, Youn-Seon Shim als lyrischer Narraboth und Suzanne McLeod als dekadente Herodias im Rollstuhl häufig auch noch zur Seite und trotzdem gut vernehmbar singend. Die psychologisierende Inszenierung von Georg Köhl erscheint beim wiederholten Erleben auch mit dem Auftreten der jungen Salome und der Badewanne als ihr sicherer Rückzugsort noch stimmiger.

Das Sinfonieorchester Münster unter Leitung von GMD Fabrizio Ventura ließ den Zuhörer teils zügiger als in der Premiere in allen Einzelheiten das Rauschhafte dieser Musik  mitfühlen, hielt sich aber trotz der von Strauss genehmigten reduzierten Orchesterbesetzung nicht immer an dessen geflügeltes Wort für „Elektra“ , es solle wie „Elfenmusik“ klingen – alle Sänger hatten manchmal trotz hörbarer Anstrengungen Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen.

Das Publikum im gut verkauften Parkett spendete reichlich Beifall, auch Bravorufe waren zu hören und es gab Blumen für Salome.

Sigi Brockmann

 

 

 

SALOME


Premiere  18. Mai 2013

 

Im katholischen Münster wäre eines der Adventswochenenden passender gewesen für die Aufführung  der  „Salome“ von Richard Strauss, da in den Evangelien dieser Sonntage von dem Propheten Johannes dem Täufer (Jochanaan) berichtet wird.   Die Premiere des „Musikdramas in einem Akt“  nach dem französischen Schauspiel von Oscar Wilde in deutscher Übersetzung von Hedwig Lachmann fand dann ohne liturgischen  Anlaß am Pfingstsamstag statt. Die Rückseite des Bühnenbildes war ausgefüllt durch einen farblich-variablen riesigen Mond, seitlich abgeschlossen durch weisse durchbrochene Wände. Es stammte von Peter Werner, der während der Arbeiten verstarb – „zum Gedenken an ihn“ stand über den Besetzungsangaben im Programmheft. Von ihm stammten auch die wenig aufregenden Kostüme – alle in schwarz bis auf den roten Königsmantel  des Herodes, den weissen Pelz der Herodias, die Juden mit Karnevalshütchen und Luftschlangen über ihren Anzügen und das spektakuläre Glitzerkleid der Salome.

 Diese Salome von Annette Seiltgen entsprach nun wohl allem, was Oscar Wilde und Richard Strauss sich von der Darstellerin wünschen konnten: Schlank, jung und schön anzusehen, verfügte sie trotzdem über eine makellose hochdramatische Stimme, traf die ff- Spitzentöne, hielt lange Töne ohne falsches Vibrato, sang hörbar  pp das hohe gis beim ersten Mal „den Kopf des Jochanaan“, erreichte als früherer Mezzosopran die ganz tiefen Noten etwa gegen Ende das tiefe ges bei „Geheimnis des Todes“ und war textverständlich, soweit das bei dieser extremen Partie überhaupt möglich ist. An ihrem Tanz vor Herodes war sie mit ihrem geschmeidigen Körper auch tanzend beteiligt, den Hauptanteil daran hatten allerdings zwei Balletttänzer als Doubles von Herodes (Armin Biermann)und Jochanaan (Tsutomo Ozeki),

die in der Choreographie von Hans Henning Paar wohl  Alptraum und Traum Salomes darstellen sollten. An weiteren Hauptpartien konnte man hören, wie gut im italienischen Fach geübte Stimmen  deutsches Repertoire bewältigen können. Adrian Xhema, vorher Cavaradossi, sang Herodes mit kräftiger weitgehend textverständlicher Heldentenorstimme, auch der schnelle, Angst ausdrückende Sprechgesang blieb ohne verschluckte Silben immer Gesang. Gregor Dalal, früher Scarpia, fand mächtige Legatobögen für die frauenfeindlichen Parolen und die Erlösungsversprechen des Jochanaan. Youn-Seong Shim, früher Graf Almaviva im „Barbier“, gestaltete mit lyrischem Tenorschmelz den unglücklich in Salome verliebten Narraboth. Suzanne McLeod mußte als Herodias nicht sehr sängerfreundlich im Rollstuhl sitzend gegen das Riesenorchester ansingen, aber, erfolgreiche Sängerin in allen Lebens- und Körperlagen, schaffte  sie auch dies mit zur dekadenten Rolle passender grosser Stimme. Aufstehen durfte sie erst, als sie nichts mehr zu singen brauchte! Von den kleineren Partien seien hervorgehoben Lisa Wedekind mit klangvoller tiefer Stimme in der Hosenrolle des Pagen, Lukas Schmid, der sich mit machtvollem Baß offenbar beeindruckt durch die Predigten des Jochanaan vom „1. Soldaten“ zum „1. Nazarener“ wandelte. Als „1. Jude“ kehrte Mark Bowman-Hester – unvergessener Mime im legendären „Ring“ - ans Theater Münster zurück und sang zusammen mit den anderen Juden rhythmisch exakt das Streit-Sextett der jüdischen Theologen.

Zum Schluß blieb Herodes mit Salome allein auf der Bühne zurück und ertränkte sie in der Badewanne, in der sie zuvor den Mund des Jochanaan geküßt hatte. Diese Badewanne spielte eine wichtige Rolle in der Inszenierung von Georg Köhl, die auf die Darstellung des ihr selbst unbewußten Wunsches nach selbstloser Liebe abzielte, die Salome auf Jochanaan projezierte. In der Badewanne versteckte sich mehrmals eine Darstellerin der kindlichen Salome (Janis Anna Schritt), nachdem sie zuvor mal mit mal ohne Herodes-Puppe in der Hand über die Bühne geschritten war. Dieser hatte das Mädchen wohl dort mißbraucht.. Wie sehr  sich Salome wünschte, selbstlos  von einem eher imaginären Joachanaan geliebt zu werden, zeigte sich etwa daran, daß sie bekanntlich sein schwarzes Haar besang, wo er in Wirklichkeit braunen Afro-Look trug, oder daß sie einen Teil der langen Ansprache an seinen abgeschlagenen Kopf sang, ohne diesen anzusehen. „Nicht bleiben“, so ihre ersten Worte, will Salome am dekadenten Hof des Herodes  wo Polizeistaat„sex and crime“ herrschen.. Jochanaan wurde als Staatsgefangener bei seinen Auftritt gleich mit gezogenen Pistolen bedroht. Ganz nebenbei brachte Herodes die Sklavin  der Salome (Eva Lillian Thingboe) mal um. Während des Tanzes benutzte er einen ihrer Schleier als Sex-Fetisch, nachher betrachtete er sie nicht nur lüstern, sondern handelte auch danach. Narraboth und der Page hatten wohl auch was miteinander, sogar Herodias im Rollstuhl brauchte trotz Behinderung etwas „Mann“.

Entscheidend für das „Musikdrama“ ist aber die Musik, besonders bei einem so differenziert komponierten Orchestersatz wie dem der „Salome“. Das Sinfonieorchester Münster brachte unter Leitung von Fabrizio Ventura all die   musikalischen Feinheiten, die  harmonischen und rhytmischen Kühnheiten , die Klangfarben der Instrumentation zum Klingen, ohne die Sänger übermässig „zuzudecken“ Schwelgerischen Streicherklang und  grosse symphonische Steigerung konnten sie auch hören lassen, etwa im Übergang von der dritten zur vierten Szene und im orgiastischen Schluß von Salomes Tanz. Das Publikum im fast ausverkauften Haus war restlos begeistert, zeigte dies mit verdienten Bravi, lange und stehend Beifall klatschend vor allem für  Salome, aber auch für die Sänger der anderen Hauptpartien und das Leitungsteam. Etwas kirchlicher als andernorts geht es in Münster bei einem solch „biblischen Stoff“ aber doch zu. In einer Veranstaltungsreihe „Abends ins Theater – morgens in den Gottesdienst“ wird am 30. Juni in der benachbarten Apostelkirche über „ Salome“ gepredigt 

                                                                                                                               Sigi Brockmann                                    Fotos Jochen Quast

                                                                                  

 

NEUES VOM TAGE

besuchte Vorstellung 28. März 2013 (Premiere)

„Neues vom Tage“,Paul Hindemiths „lustige Oper“  auf ein Libretto von Marcellus Schiffer, einem Variété-Dichter, wurde unter der musikalischen Leitung von Otto Klemperer Ende 1929  in Berlin uraufgeführt, also nur wenige Monate vor dem „Weissen Rössl“ Am Theater Münster waren in noch kürzerem Abstand beide heitere Musiktheaterstücke zu erleben.. Endet das „Weisse Rössl“ musikalisch eingängig aber wenig anspruchsvoll mit der Bestätigung der herrschenden Ordnung, so karikiert „Neues vom Tage“ letztere  auf einem musikalisch ungleich höheren Niveau.

Inhaltlich handelt es sich auch deshalb um eine „Zeitoper“ weil die Handlung nur nach früherem Scheidungsrecht Sinn macht. Um nämlich Scheidungen zu ermöglichen, verdingte sich der schöne Herr Hermann firmierend unter Büro für Familienangelegenheiten GmbH als Scheidungsgrund.  Entgegen der dafür notwendigen Gefühlsneutralität verliebte er sich schon mal in  scheidungswillige Kundinnen, so auch in Laura, die  ihn zusammen mit ihrem Mann Eduard engagiert hatte. Eduard fand ihn beim  vereinbarten Treffpunkt im Museum wohl zu schön, schoss aber statt auf Hermann versehentlich auf eine dreitausend Jahre alte Venusstatue, die dabei zerbrach.  

Beim nächsten Versuch für den Scheidungsgrund traf man Laura  in einer Hotelbadewanne sitzend mit dem schönen Herrn Hermann als Besucher an, was vom Hotelpersonal als skandalös empfunden wurde. Da Eduard durch alles dies pleite war, konnte wegen der anfallenden Kosten immer noch nicht geschieden werden. Für diesen Scheidungsablauf interessierten sich Presse, Film, Theater in Form von sechs Managern und bezahlten alle durch die bisher  angesammelten Schulden und auch die zerstörte Venus (§ 828 BGB wird singend erwähnt – natürlich gesungen b-g-b). Dafür  mußten Laura und Eduard auch dann noch weiter zerstrittenes Ehepaar spielen , als sie sich versöhnen wollten, wie es schon ihre vorher gleichfalls geschiedenen Freunde Frau und Herr M. vorgemacht  hatten. Die Presse, vertreten durch den Schlußchor, belehrte sie aber, das sei unmöglich, sie seien keine Menschen mehr, sondern  abgestempelt als für immer scheidungswillig, um als das  „Neueste vom Tage“ für die Presse und deren sensationslüsterne Leser zu dienen.

Deren Macht wurde in der Inszenierung von Ansgar  Weigner schon dargestellt, als während der musikalischen Einleitung – und auch zum Schluß - Schlagzeilen des Jahres 1929 auf den Bühnenhintergrund projeziert wurden, so etwa, daß in demselben Jahr Lehárs „Land des Lächelns“ uraufgeführt wurde oder das Publikum zum Lachen reizend „einfallsloser Komponist überfällt Notenbank“.Drehbühne und Projektionen des Namens des Spielorts auf den Bühnenhintergrund machten schnelle Szenenwechsel (z.B. Wohnzimmer, Standesamt, Büro, Museum) möglich (Bühne Christian Floeren).

In diesem Rahmen spielten alle Mitwirke einfallsreich und witzig,  obwohl Hindemiths neoklassizistische häufig polyphone Musik mit Anklängen an Jazz und Kurt Weill von allen rhythmische Sicherheit, teils gewagte Koloraturen und schnellen Sprechgesang erforderte. Diese Art von Musik wird mehrfach verlassen zu Parodiezwecken, so vor allem im Duett-Kitsch im Museum, eine der gelungensten Opernparodien. Hier konnten  Tilman Unger mit Heldentenorqualität als schöner Herr Hermann und Henrike Jacob mit etwas kleinerer Stimme grosses Liebesduett persiflieren, wobei Wagner, Richard Strauss und Puccini im Orchester anklangen. (Hornbegleitung, Chromatik, Quartsextakkorde) Diese „Liebesschwüre“ unterbrachen dann beide gekonnt mit ganz veränderter Stimme etwa durch „Was soll dies Geschwätz“ oder „Es ist im Preise inbegriffen“.

Als Lulu bereits erfahren mit Singen in der Badewanne hatte danach Henrike Jacob ihren grossen Auftritt als Laura im Bade mit dem Arioso über die Vorzüge der Warmwasserversorgung, deren langgezogene Melismen sie höhensicher beherrschte. Ganz großartig im Spiel und sicher in den Koloraturen gestaltete Gregor Dalal den scheidungswilligen und dann wütenden Ehemann Eduard, vor allem baritonal eindrucksvoll in der Gefängniszelle und dann in seiner als Pressekonferenz dargestellten grossen Arie „Ich bin entlassen“  Fritz Steinbacher, der ja alles kann, als Herr M und Lisa Wedekind als seine Frau sangen und spielten überzeugend das erst geschiedene und dann wieder verheiratete Paar. Eine witzige Charakterstudie stellten Lukas Schmid  als anmassender Standesbeamter und Plamen Hidjov als trotteliger Fremdenführer im Museum dar, der seine dreitausend Jahre alte Venus anpries, auch dann noch, als sie in Scherben am Boden lag, dies aber nicht merkte.

Vollständiger Revuecharakter in Musik und Szene kam auf, als das ganze Theater zum „Alkazar“ wurde, in dem Laura und Eduard ganz übertrieben kostümiert (Kostüme Anke Drewes) ihre eigenen Ehekrach nachspielten flankiert von Revuegirls (Choreografische Mitarbeit Hans-Henning Paar). Der eigentliche Star des Abends war aber das Orchester unter der Leitung von Hendrik Vestmann, die das polyphone Geflecht der Stimmen, die starken rhythmischen Akzente und die ganz unterschiedlich persiflierenden Musikstile unterhaltsam miteinander verbanden. Chor und Extrachor in der Einstudierung von Inna Batyuk zeigten in den grossen Ensembles im Hotel und zum Schluß stimmliche Akkuratesse.. Besonders im Zwischenspiel nach dem Hotelensemble und der Begleitung des Chors der Tippfräulein erinnerten die manchmal allein spielenden Klaviere (Elda Laro, Annette Strootmann, Bastian Heymel) an Hindemiths „Klaviermusiken“ für Klavier solo aus den 20-er Jahren. Hendrik Vestmann, dessen letzte Operneinstudierung vor seinem Wechsel nach Bonn dies war, führte auch exakt durch das Siebenmänner-Finale, in dem Eduard und sechs Manager jeder für sich  stimmlich hörbar wurden.

Das Publikum im gut besuchten Haus war nach diesem lustigen mit 75 Minuten gegenüber dem Original  gekürzten Abend hörbar amüsiert und klatschte lange Beifall. Wenn die Tippfräulein in ihrem Chor betreffend ihren Chef singen „Wie schön ist unser Herr Hermann heute morgen“ weist das parodierend auch hin auf „Salome“ als nächste Oper im Theater Münster – Premiere ist am 18. Mai 2013!

Sigi Brockmann                                                             Fotos Martin Kaufhold

 

CD-Tipp

 

 

 

Das Geheimnis des Edwin Drood

besuchte Aufführung:  7.3.2013    (Premiere 9.2.2013)

„Die Krimi-Metropole“ nannten die örtlichen Westfälischen Nachrichten Münster , obwohl  manche Folgen  mit Wilsberg oder Professor Börne in letzter Zeit   nicht mehr so toll waren wie zu Beginn der Serien. Dies machte das Theater Münster dadurch wett, daß Karl Absenger dort inszenierte ein Kriminalmusical „Das Geheimnis des Edwin Drood“ mit Text und Musik von Rupert (nicht Sherlock) Holmes nach einem Romanfragment von Charles Dickens – Fragment deshalb, weil Dickens vor Vollendung des Romans starb und in England seitdem spekuliert wird, wen oder was Dickens für das spurlose Verschwinden  des Titelhelden am Weihnachtsabend weg von Gans und Tannenbaum verantwortlich machen wollte.
Daraus entwickelte der Musicalautor die Idee, das Publikum unter den Verdächtigen über den Mörder abstimmen zu lassen, nachdem zuvor die Handlung bis zu Dickens Tod auf der Bühne dargestellt wurde. Dies geschah innerhalb einer Rahmenhandlung, in der der Prinzipal einer Theatertruppe – humorvoll wie für die Bütt gesungen und gespielt von Gerhard Mohr - die einzelnen Mitglieder dieser Truppe und ihre Rollen vorstellte und dann jeweils den weiteren Handlungsverlauf erklärte.

Durch schnelle Umbauten und teils magische Beleuchtung (Bühne und Kostüme Karin Fritz) konnte die Bühne von Wohnräumen in die Kathedrale und den schaurigen Friedhof der muffigen kleinen Stadt Cloisterham (Münster vor 50 Jahren?) bis hin zur Opiumhöhle in London verwandelt werden. Die etwas schrillen Kostüme halfen den Darstellern, ihre exzentrischen Rollen typengerecht darzustellen. Mit wohlklingender Stimme und lockerem Spiel wirkte Musicalstar Roberta Valentini in der Hosenrolle der Titelpartie noch am normalsten. Als ganz undurchsichtiger fast schizophrener John Jasper,  Chorleiter an der Kathedrale, hoffnungslos verliebt in seine Gesangsschülerin, die unschuldig scheinende Rosa Budd (Julia Lißel), gleichzeitig  insgeheim in London Opium geniessend zeigte Axel Herrig mit grosser Musicalstimme einen der Hauptverdächtigen.

Gesanglich und witzig übertrieben spielend überzeugten Aurel Bereuter als immer besoffener Friedhofswärter Durdles, Tom Ohnerast als sein geschwinder etwas zu kurz geratener Gehilfe, Ilja Harles als  hoffnungsloser Dichter Bazzard und der von Münsters Theater nicht wegzudenkende Peter Jahreis als salbungsvoller Hochwürden Crisparkle. Aus Ceylon angereist mußten sich die Geschwister Helena und Neville Landless  (Johanna Marx und Dennis Laubenthal) als Migranten gegen britische Überheblichkeit (liegt Ceylon nicht bei Ägypten?) wehren (Ihr verderbt unseren Tee durch Milch!) Als einziges Mitglied aus dem Opernensemble erwies sich  Suzanne McLeod als Prinzessin Puffer in mondänem Kostüm in Stimme und Spiel auch als perfekte Musical-Darstellerin. . Ihr Auftritt zusammen mit Jasper in der Opiumhöhle mit entsprechend zwielichtigem Duett und ihrem Song, daß sich Sünde nicht lohne, war einer der Höhepunkte des Abends. Im zweiten Teil sang sie dann anrührend von ihrem traurigen Schicksal, wie sie – natürlich wegen eines Mannes – vom ordentlichen viktorianischen Mädchen zur Hure und Opiumverkäuferin gesunken war. Vorbereitend war sie zusammen mit dem Dirigenten Thorsten Schmidt-Kapfenburg als Übersetzerin zweier Songs tätig.

Letzterer regte das hinten auf der Bühne platzierte groß besetzte Sinfonieorchester zum schmissigen Musical-Sound an, wobei die  durchaus eingängige Musik in ihrer geschickten Instrumentation  meilenweit entfernt war von nur kitschiger Begleitung der Songs.  Als Beispiel sei erwähnt  die fast impressionistisch anmutende Musik beim Opiumrausch John Jaspers. Erfreulich war, daß alle Sänger auf das bei Musicals häufig auf hohem Schlußton verwendete Vibrato verzichteten. Bei allen grossen Szenen sorgte das TanzTheater Münster für spritzige rhythmischen Begleitung, für Jaspers Opiumrausch die Damen auch passend leicht bekleidet. (Choreografie Teresa Rotemberg) Der Theaterchor ergänzte in der Einstudierung von Inna Batyuk exakt in Gesang und Bewegung die Musical-Atmosphäre.

In der Pause durften sich die Darsteller nicht ausruhen, sondern diskutierten mit dem Publikum über  die  verschiedenen Verdächtigen. Nach der Pause dauerte es etwas lange, bis die Zuschauer einzeln an Mitwirkende ihren Wunsch-Mörder mitteilen konnten, was dann wiederum Zeit bis zur Auszählung benötigte. (Aufführungsdauer knapp drei Stunden) Wer auch immer „das Rennen gewann“, wie es in einem Song hieß, ganz so schlimm endete das Stück nicht, denn Edwin Drood war aus der Gruft heraustretend dem „Tod von der Schippe“ gesprungen und sang hoffnungsvoll vom „Zeichen an der Wand“ für bessere Zeiten.
Im gut besuchten Theater hatte sich viel jugendliches Publikum eingefunden, das gespannt zuhörte, zum Schluß dann mit jugendlichem Elan kräftig seine Begeisterung auch mit Pfeifen, Bravos und rhythmischem Klatschen zum Ausdruck brachte.

Sigi Brockmann                                                Fotos Jochen Quast      

 

 

 

TOSCA

Premiere 19. Januar 2013

 

 

 

 

 

 

 

Endlich, so werden sich Münsters Opernfreunde freuen, endlich kommt wirklich grosse Oper in der Intendanz von Dr. Peters! Auf den szenisch etwas überladenen „Barbier“ und das harmlose „Weisse Rössl“ folgt nun mit „Tosca“ das reisserische wenn auch nicht gerade selten gespielte Melodramma, wie Puccini es nennt.

Nostalgisches Gefühl kommt zusätzlich dadurch auf, daß nach dem Tod des ursprünglich vorgesehenen Regisseurs Achim Thorwald die Inszenierung übernahm, Münsters ehemaliger Intendant. In seiner Intendanz gab es noch nicht die heutigen finanziellen Probleme, ihn führte dann seine weitere Karriere in derselben Funktion an die Staatstheater Wiesbaden und Karlsruhe..

Zusammen mit seinem Bühnenbildner Heiko Mönnich ließ er die Handlung   in einem variablen Halbrund aus weissen Kassetten spielen. In diesem befanden sich dann zu Beginn Malergerüst mit Bild der Maria Magdalena und die anzubetende Marienstatue. Beim abschliessenden Te Deum erweiterte sich das Bild zum grossen Raum, der durch ein riesiges auf die Gemeinde herabsinkendes Kreuz Unterdrückung durch fanatische Religionsausübung darstellen sollte. Das wurde noch unterstrichen durch auch in der Kirche kontrollierende Geheimpolizei in Nonnen- und Geistlichentracht. Derselbe Rundbau ergänzt durch einen Kronleuchter und eine lange Tafel stellten dann Scarpias Raum im Palazzo Farnese dar, wobei zahlreiche Türen für Spitzel und Schergen geöffnet werden konnten. Für den dritten Akt der Plattform der Engelsburg war dann dieser Raum nach hinten oben durch einen breiten Spalt offen, vorne standen blutbefleckte Säulen, die offenbar schon für mehrere Erschiessungen von Opfern Scarpias gedient hatten.

In diesem Rahmen ließ Thorwald dann die Handlung fast genauso spielen wie im Libretto vorgeschrieben – nicht mehr, eher selten heutzutage, aber eben für das Publikum sehr nachvollziehbar! Das wurde verstärkt durch die für die Zeit der Handlung (1800) passenden Kostüme, wobei man die der Tosca schon irgendwo gesehen hat?? (ebenfalls von Heiko Mönnich). Dabei verriet zum Beispiel den erfahrenen Regisseur, wie Tosca am Ende des II. Aktes nach Scarpias Tötung lange vergeblich nach einem Ausgang suchte.. Für die dramaturgisch nicht zu erklärende Unterbrechung der Handlung im II.Akt für Toscas „vissi d'arte“ wußte er allerdings auch keine andere Lösung als Scarpia dabei im Sessel zuhören zu lassen.

Die Titelpartie wurde dargestellt durch Allison Oakes, die sich nach Senta in Boston und vor Salome in Münster und Gutrune dieses Jahr in Bayreuth zur Hochdramatischen zu entwickeln scheint. So hatte sie keine Schwierigkeiten mit den hohen Spitzentönen bis zum c, kein falsches Vibrato war zu hören, das Parlando etwa, wenn sie im III. Akt Cavaradossi Ratschläge für das theatermässige Umfallen bei der vermeintlichen Scheinerschiessung gab, klang heiter und gelöst. Die Glanznummer des „vissi d'arte“ gelang vom zarten p – Anfang bis zum hohen b eindrucksvoll. Dabei wirkte sie auch darstellerisch glaubhaft als um das Leben des Geliebten bangende und gequälte etwas naive Sängerin.

Adrian Xhema für den Cavaradossi und Gregor Dalal für den Scarpia hatte Intendant Dr. Peters von seiner vorigen Intendanz am Münchener Gärtnerplatztheater mit nach Münster gebracht. Dabei war Adrian Xhema eine nahezu ideale Besetzung für den Cavaradossi. Sein helltimbrierter Tenor erreichte ohne scheinbare Anstrengung und Forcieren die Spitzentöne, die italienische Gesangsart lag ihm gut in der Kehle – wohl auch durch den Körper gestützt(?) – auch das pp-legato etwa in der ersten Arie oder bei „E lucevan le stelle“ gelang ebenso wie die bewegliche Melodie bei Bewunderung von Toscas zarten Händen, die den Unmenschen getötet hatten (o dolci mani) So wurde das kurze Duett im III. Akt ohne Orchesterbegleitung „Trionfa“, wo keiner von beiden den anderen „zudeckte“ zu einem Höhepunkt des Abends. Gregor Dalal als Scarpia ließ durch Intendant Dr. Peters sich als erkältet ansagen, dafür meisterte er die Partie stimmlich erstaunlich gut mit Steigerung hin zum II. Akt. Nach Abklingen der Erkältung wird sein Spiel sicher noch mehr scheinheilig-devot, zynisch und vor allem bedrohlich werden.

Die kleineren Partien waren passend besetzt, stimmlich herausragend wie immer Fritz Steinbacher als Spoletta. Lukas Schmid war mit mächtigem Bass stimmlich und auch darstellerisch ein beeindruckender Angelotti, Plamen Hidjov gestaltete mit dem scheinheiligen Mesner die einzige etwas komische Figur des Stücks.

Mächtig erklangen zum Te Deum im I. Akt Chor und Extrachor des Theaters in der Einstudierung von Inna Batyuk verstärkt durch den im Kirchenraum zuerst fröhlichen und dann exakt singenden Theaterkinderchor des Gymnasium Paulinum unter der Leitung von Margarete Sandhäger und Jörg von Wensierski.

Betreffend Orchestersatz wurde die Uraufführung einer bis heute nicht gespielten Urfassung angekündigt, die kürzlich bei der Verlagsgruppe Hermann aus Wien erschienen ist. Für den Hörer ohne direkten Notenvergleich ergaben sich wenige Unterschiede, so vielleicht ein etwas kammermusikalisches Nachspiel nach Scarpias Tod – fast zu schön klingend für den Bösewicht. Trotz guter Orchesterleistung unter Leitung von GMD Fabrizio Ventura – wenn auch manchmal etwas gedehnt - klingt diese klangreduzierte Fassung mit vielen schönen Soli   im Vergleich zur gewohnten etwas zahm. Andererseits sind auch in der bekannten Partitur mehrfach 4 p, also pppp vorgeschrieben!   Daß in dieser Ausgabe das Stück in Dur statt in Moll schließt, fand in der Aufführung insofern Entsprechung, als sich Tosca nicht selbstmörderisch in die Tiefe stürzte, sondern sich von Spoletta erschiessen ließ, um dann an Cavaradossis Seite zu sterben – ein Art Liebestod!

Das guterzogene Münsteraner Publikum im ausverkauften Haus klatschte nicht etwa nach den sängerischen Höhepunkten (Cavaradossis Auftrittsarie, „E lucevan le stelle“ oder Toscas „visi d'arte“) in die Aufführung hinein, sondern applaudierte zum Schluß dafür umso mehr und langandauernd mit Bravos für die Sänger.

Sigi Brockmann                                                Bilder: Theater Münster

 

 


DIE CSARDASFÜRSTIN

Premiere am 12. Januar 2013

Seit dem „Zigeunerbaron“ entstehen in manchen Wiener Operetten amouröse Verwicklungen  durch Standesunterschiede der Betroffenen  – Adeliger darf  bürgerliches Mädchen nicht heiraten, letztere erweist sich irgendwann oder wird irgendwie  hochadelig und alles wird gut. Durch solche Anpassung des  Standes werden  Konflikte dann auf heitere Art gelöst, die gesellschaftliche Ordnung ist wiederhergestellt.

Das paßte einigermassen in die  Zeit von Johann Strauss, wird brüchig für Operetten, die im 20. Jahrhundert geschrieben wurden, in denen diese restaurative Grundhaltung über das drohende Ende der alten Ordnung melodienselig hinweghelfen sollte. Dies verdeutlicht die gelungene Inszenierung der  1915 uraufgeführten „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán durch Ricarda Regina Ludigkeit –  Regiekonzept von Staatsintendant Josef Ernst Köpplinger vom Münchener Gärtnerplatztheater - die  im Dortmunder Opernhaus unter der musikalischen Leitung von Philipp Armbruster als Übernahme vom Staatstheater Nürnberg  am Samstag Premiere hatte.

Das Einheitsbühnenbild von Rainer Sinell zeigte vorne einen herrschaftlichen Raum, der durch kurze Umbauten vom Orpheum zum Palais des Fürsten Lippert-Weylersheim und zum Schluß ins Wiener Hotel verändert wurde. Endzeitstimmung zeigen abbröckelnder Putz und  im letzten Akt vor allem  das schief hängende Hotel-Schild. Die aus einer Art Glasbausteinen bestehende Rückseite konnte  geöffnet werden, um etwa im I. Akt Schneefall oder später durch auf- und ab- sich bewegende Wiener Wahrzeichen  wie Stephansdom oder Prater-Riesenrad eben den Hintergrund der Handlung zu zeigen. Durchsichtig geworden sah man durch die Rückseite Aktionen  des  Balletts zur Persiflierung der sentimentalen Gesangsnummern auf der Vorderbühne.
In diesem Rahmen wurden mit  guten schauspielerischen Leistungen in bunten üppigen Kostümen der Zeit (Marie-Louise Walek) die Liebesgeschichten der beiden Paare Sylvia und Edwin, sowie Graf Boni und Komtesse Stasi, mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen bis zum vermeintlichen Partnertausch so dargestellt wie ein Operettenpublikum es erwartet.

Früher erfolgreich Teil des Ensembles hat Heike Susanne Daum den Kontakt nach Dortmund nie aufgegeben und kehrte nun in der Titelpartie ans Opernhaus zurück und dies mit persönlicher Ausstrahlung und beeindruckender Leistung. Gleich beim Auftrittslied gelangen sowohl etwas exotisch die langsame Einleitung als auch der folgende feurige schnelle Teil wie ihr überhaupt die Tanzrhythmen in der Stimme lagen. Darstellerisch und sprachlich vermittelte sie Wut und enttäuschte Liebe schön tragisch. Die für die Sopranistin schwierigen tiefen Lagen der Partie – etwa im langsamen Walzer „Weißt Du es noch“ – bis hin zum tiefen C bereitete kaum Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten mit tiefen Tönen konnte man eher beim Darsteller des Edwin bemerken – hier von einem  Bariton - Peter Bording - gesungen. Höher klang dann seine Stimme nobel und gut fokussiert. Leise Töne waren allerdings seine Sache auch nicht. Beim berühmten „Schwalbenduett“ setzte Tamara Weimerich wunderschön p ein, Edwin weniger, und auch das ppp „Sie zieht nach dem Süden hin“ klang nur bei ihr wirklich „morendo“. Ansonsten sang und spielte sie selbstbewußt und keck das junge (und wie sie selbst betonen darf) schlanke Mädchen.

Bei Philippe Clark Hall in der Buffo-Partie des Grafen Boni muß man wohl zunächst sein akzentfreies Deutsch bewundern, er spielte erfrischend, für die Partie war seine Stimme aber etwas klein.
Im Gegensatz dazu beherrschte Ks. Hannes Brock als Feri Bácsi mit seinem sauber geführten klangvollen Tenor singend und spielerisch die komische zum Schluß etwas sentimentale Rolle perfekt. Grossen Eindruck mit einer kleineren Rolle machte auch Johanna Schoppa als Fürstin Anhilte , wenn sie dauernd dem Rauchverbot aller trotzend nach Zigaretten verlangte und auch so in der Fürstin die frühere Chansonette durchscheinen ließ.. Andreas Ksienzyk in der Sprechrolle des in der Vergangenheit verhafteten Fürsten trat entsprechend steif und militärisch auf und zeigte  völliges Unverständnis für das nahende Ende der alten Donau-Monarchie-Ordnung mit dem Vergleich, daß sein stolzer Stammbaum zu Brettern würde. Da Ricarda Regina Ludigkeit auch für die Choreografie zuständig zeichnete, hatte das Tanzensemble in dauernd wechselnden Kostümen parodistische Aufgaben, als „Mädis vom Chantant“ trotz Kälte  in weisse Federn oder weniger gehüllt,  dann mit Zylindern  auf dem Kopf stehend, als Liebespaare unter dem grossen Tisch hervorkriechend und auch mal passend zur Karnevalszeit mit Pappnasen. Überflüssig war der von ihnen gedrehte Globus beim für das Zeitgefühl besonders typischen Marschterzett vom sich  vielleicht morgen nicht mehr drehenden Globus (Jaj Mamám) Als Einleitung zu diesem Terzett spielte Alf Hoffmann als Zigeunerprimas Miklos eine bestens intonierte aber doch feurige Solo-Violinen-Einleitung, so schön spielt eigentlich kein Zigeuner!

Zuverlässig einstudiert wie immer von Granville Walker sang der Opernchor die Hits angefangen von der kleinen Besetzung mit acht Herren „Alle sind wir Sünder“ bis hin zu den grossen Finali. Seit der „Lustigen Witwe“ bekannt für sein Gespür für Österreich – ungarische Rhythmen brachte Philipp Armbruster mit den Dortmunder Philharmonikern sowohl die langsamen etwas pathetischen Melodien nobel, wie Kálmán mehrfach vorschreibt, als auch Csárdas, Walzer und Märsche mitreissend zu Gehör. Die vielen instumentalen Soli u.a. von Solovioline, Oboe, auch Harfenglissandi und Celesta wurden gut gespielt.
Im Programmheft wurde als Zeit angegeben „Am Vorabend des Ersten Weltkrieges“. Dies wurde besonders deutlich zum Schluß: Während vorne die beiden Liebenden jauchzten „Mag die ganze Welt versinken hab ich dich“ ziehen im Hintergrund Soldaten in grauen Uniformen in den Krieg.
Das Publikum im vollbesetzten (!) Opernhaus spendete  reichlich verdienten Beifall, auch stehend, vor allem für die Hauptdarstellerin.

Sigi Brockmann

Alle Fotos Thomas M. Jauk, Stage Picture, Klavierhauptprobe und Generalprobe

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IM WEISSEN RÖSSL

Premiere am 3. November 2012

besuchte 2. Vorstellung 9. November 2012

In München steht am Gärtnerplatz das nach ihm benannte Theater, am Wolfgangsee steht das Gasthaus „Zum weissen Rössl“ - Schauplatz des Singspiels von Ralph Benatzky und anderen. Beide Orte standen zu Beginn der Spielzeit in  Beziehung. Der neue Intendant des Gärtnerplatztheaters, Josef Köpplinger, wählte das Singspiel als seine erste dortige Inszenierung, wenn auch wegen Umbaus in einer Ersatzspielstätte, und sein Vorgänger, Dr. Ulrich Peters, wählte ebenfalls das „Weisse Rössl“ als seine erste Inszenierung  in Münster. Betreffend München stellten schon zwei langjährige Kritiker des „Opernfreund“ fest: „Eigentlich kann man sich einen belangloseren Einstieg in die neue Ära... als mit diesem Singspiel Benatzkys gar nicht vorstellen“. So zeigte  in Münster denn auch das Bühnenbild von Christian Floeren in etwas schrägem goldenen Rahmen  das  auch etwas schräge heile-Welt-Salzkammergut mit blauem Himmel, geahntem Wolfgangsee vor hohen Bergen, über dem nachts Sternlein funkelten, dem Wirtshaus links mit Blümchen vorm Fenster, sogar rote Herzchen-Luftballons, und natürlich durfte die Kuh für's Muh nicht fehlen – alles wohl gedacht als Gegensatz zum Berlin des Uraufführungsjahres 1930, wo schon nicht mehr alles so  heil war. Auch auf einem Steg vor dem Orchestergraben wurde gespielt, sollte das vielleicht an Münsters grosse Opernzeit beim „Ring“ erinnern???

Zu dieser Bühne  passten die Kostüme von Götz Lancelot Fischer, fesche Dirndl mit Röschen im weiten Ausschnitt, Lederhosen, Galauniform und privat Tirolerhut für Kaiser Franz-Josef, als Gegensatz dazu abgedrehte Touristen-Outfits der 20-er Jahre.. Wirklich Spaß machten nur die Badeanzüge in der Tanzszene von „Boys and Girls“ überkandidelte Prüderie karikierend.
In diesem Rahmen ließ der inszenierende Intendant ohne eine Pointe auszulassen genau so agieren, wie es ein spaßhungriges Publikum von dem Singspiel erwartet,  als „Berliner Posse“ wie er im Programmheft ankündigt (eben keine „wienerische Maskerad“) Daß die derb-komischen Pointen so sehr zum Lachen verführten, lag vor allem auch an der gekonnten Umsetzung durch das Ensemble. Diese Frühform des Musicals braucht singende Schauspieler. Die stimmlichen Anforderungen für die schlagkräftigen Songs sind eher gering, und wenn  zwei singen, dann hintereinander oder in Terzen parallel. Dafür waren die eingesetzten Sänger eine Luxusbesetzung, warum trotzdem Mikroports nötig waren, blieb fraglich.

Dabei brachte Dirk Lohr eingebildet berlinernd die Lacher auf seine Seite, Lisa Wedekind spielte und sang resolut die Wirtin Josepha.  Trotz angekündigter Erkältung schmachtete Erwin Belakowitsch  edel  vergeblich liebend  bis zum Happy-End und hatte mit dem von Granichstaedten beigesteuerten rührseligen „Zuschau'n kann i net“ seine beste Szene. Mehrfach erklang Applaus erregend „Es muß was wunderbares sein...“  Henrike Jakob als kesse Berliner Göre Ottilie und Robert Sellier als Dr. Siedler glänzten vor allem im von Robert Stolz komponierten „Das Liebeslied muß ein Walzer sein“  Natürlich sang Fritz Steinbacher gekonnt eingebildet und stimmlich überzeugend den von Gilbert stammenden Hit vom schönen Sigismund und entlockte effektvoll der  lieblich lispelnden Kathrin Ost als Klärchen Liebesgeständnisse.. Larissa Neudert als Briefträgerin Kathi  vom Himmel kommend jodelte tongenau und Wolfram Grüsser als reiselustiger Professor  und Tom Ohnerast als Piccolo mit toller Haartolle ergänzten passend das Ensemble. Zuverlässig wenn auch nicht immer textverständlich sang der von Inna Batyuk einstudierte Chor die Hits vom „weissen Rössl am Wolfgangsee“ von der von ebenfalls von Robert Stolz beigesteuerten „himmelblauen Welt“ und vom Salzkammergut, wobei Ballettchef Hans Henning Paar für die schmissigen Tänze mitverantwortlich zeichnete. Für Schmiss und Rhythmus sorgte am allerbesten Dirigent Hendrik Vestmann mit dem „swingenden“ Orchester. So kam Schwung in die lange (fast drei Stunden) Aufführung.

Im „erhaben dahingenäselten dümmlich bedachtsamen Melodram“ (Volker Klotz ,Operette, München  1991) konnte Marek Sarnowski als Kaiser Franz Josef Wirtin Josepha an ihren angestammten gesellschaftlichen Platz verweisen – nichts mit Frau Dr. Rechtsanwalt! Die Gäste mit „sozialer Position“ wie sie sagt, heiraten unter sich – ihr bleibt der Kellner. „Lächle und füge Dich“ gibt er ihr unter anderem mit auf den Weg – vielleicht sollte der  kurze Donner zum Schluß andeuten, daß es bald nach der Uraufführung weder in Berlin noch im Salzkammergut viel zu lächeln gab, das sich-fügen aber umso brutaler eingefordert wurde.

Wenn auch einzelne Besucher nach der Pause gingen (zuviel Klamauk!), gab es doch aus dem nicht übermässig gut besuchten Haus begeisterten Applaus für alle Mitwirkenden, besonders für Dirigent und Orchester. Da mußte der Klatschmarsch folgen! Vielleicht sollte man in Münster dem Beispiel von München folgen und eine Vorstellung zum Mitsingen ansetzen - „Sing along-Rössl“ heißt das dort auf neubayrisch !

Sigi Brockmann

Fotos Jochen Quast

 

P.S. CD-Tipp der Redaktion

Bitte unbedingt zur Information lesen:

http://www.deropernfreund.de/zum-weissen-roessl.html

 

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Premiere am 08.09.2012 – besuchte Vorstellung 14.09.2012

Lustig ist das Barbiersleben in Sevilla, zumindest in der Inszenierung von Aron Stiehl, mit der in Münster die erste Spielzeit des neuen Intendanten Dr. Ulrich Peters eröffnet wurde. Ist es heute leider fast schon üblich, die Ouvertüre zu bebildern, so fing man hier schon vor der Ouvertüre an, Eisbonbons ins Publikum zu werfen. Während der Ouvertüre wurde die Aufmerksamkeit des Publikums zumindest in den vorderen Reihen dann durch Fiorillo (Fritz Steinbacher mit Geige als Rieu-Kopie) abgelenkt, der sich unter den Musikern im Orchestergraben die Mitwirkenden für das Ständchens im I. Akt aussuchte – an sich keine schlechte Idee! Nachdem diese gefunden waren, konnte man im zweiten Teil des Allegros der Ouvertüre sich an der sorgfältigen Phrasierung und dem brillanten Spiel des Orchesters unter GMD Fabrizio Ventura aus dem hochgefahrenen Graben heraus erfreuen.

Von Beginn an folgte in der Aufführung ungefähr ein Gag auf den anderen, was damit begann, daß für Figaros Auftrittscavatine ein ganzer Friseursalon samt Statisten als Personal auf die Bühne geschoben wurde, in dem auch einmal eine Trockenhaube explodierte und der vorher in den Zeitungen groß angekündigte aber überflüssige Auftritt des lebenden Hündchens stattfand.

Dr. Bartolo betrieb als Arzt eine Schönheitsklinik, deren einzelne Räume durch dauernden Einsatz der Drehbühne schnell wechselten. Der Hauptraum wurde beleuchtet durch Lampen ähnlich denen an der Decke des Theaters (Bühne Friedrich Eggert, der auch die komödienhaft schrillen Kostüme – Hauptfarbe pink – gestaltete). Die Maschine, in der den darin stehenden Patienten Fett abgesaugt werden konnte, bewirkte auch schon einmal das Gegenteil, dies wirkte nur beim ersten Mal erheiternd. Ebenso hätte genügt, in dem durch das Fenster sichtbaren kitschigen blauen Meer einmal ein Passagierschiff sinken zu lassen und nicht immer wieder! Gar nicht lustig, eher geschmacklos, war die Idee, Dr. Bartolo bei seiner langen Arie mit einem Hammer Narkosen verpassen, dann mit einer langen Säge Arme und Beine amputieren und wieder ansetzen zu lassen, wobei Rosina in den Abfallsack kotzen durfte. Lustig war dagegen, wie im II. Akt der doch nur durch Überredung erkrankte Basilio mit einem Defibrillator wiederbelebt wurde. Großartig war die genau auf die Musik abgestimmte Choreographie von Largo und Stretta des I. Finales mit den sich marionettenhaft bewegenden Sängern und Chor bei gleichzeitiger geisterhafter Beleuchtung.

Meisterhaft geriet auch die Gestaltung der Gewitterszene im II. Akt als Alptraum Rosinas bedrängt durch viele grausame Männer. Musikalisch war gegenüber der Premiere ein Fachaustausch der beiden Sängerinnen erfolgt.Sang dort ein Sopran die Haushälterin Berta und ein Mezzo (wie von Rossini gewollt) die Rosina, so wurde jetzt Berta vom Mezzo der Suzanne McLeod gesungen und Henrike Jacob sang die für Sopran transponierte Rosina, und das mit perlenden Koloraturen, treffsicheren Spitzentönen und dabei in ihrer Auftrittscavatine als Gehilfin von Bartolo im Rhythmus der Musik auch noch jede Menge Spritzen (wohl Botox) verpassend.

Der Figaro von Juan Fernando Gutiérrez sang seine Auftrittscavatine als Faktotum der schönen Welt männlich elegant und mit dem passenden schnellen parlando, aber stimmlich etwas zurückhaltend, was später so nicht mehr der Fall war. Auch Youn-Seong Shim beeindruckte in der Cavatine des I. Aktes durch saubere Koloraturen, in der folgenden Canzone durch schöne lyrische Bögen (live begleitet auf der Gitarre von Figaro). Ein ganz köstlicher Einfall war , daß er als ostasiatischer Sänger wenn er im II. Akt als Musiklehrer verkleidet in Bartolos Haus eindringt, alle R als L sang, also nicht etwa „per mill'anni“ sondern „pel mill'anni“ Da dies auch in den deutschen Übertiteln so geändert wurde, konnte auch das gesamte Publikum daran seinen Spaß haben. Das galt auch für die Begleitung der koloraturreichen Arie der Rosina von der unnützen Vorsicht und der Ariette des Bartolo im II. Akt durch ihn am Keyboard, worauf er dann als ebenso falscher Student Lindoro seine angebetete Rosina auf dem Klo im ebenfalls pinkfarben gekachelten Badezimmer traf. 

Für Plamen Hidjov kann man sich nur freuen, wie gut ihm die Partie des Dr. Bartolo gelang. Er verfügte über die nötige Stimmkraft für das Maestoso seiner langen Arie und brillierte im Parlando des Vivace. Auch im Spiel überzeugte er. Daß er geschminkt sein sollte wie Berlusconi erfuhr man allerdings vor allem aus dem Programmheft und einmal aus den Worten „Bunga Bunga“ Lukas Schmid sang mit mächtiger Gestalt und mächtigem Baß den Don Basilio, das „colpo di canone“ seiner grossen Arie über die Verleumdung hätte man sich vielleicht noch mächtiger gewünscht. Frank Göbel machte stimmlich und darstellerisch als Offizier „bella figura“ und sang, nachdem beim Vivace im Finale des I. Aktes alle durcheinander erzählen (hier auch sangen), mit „Ich hab verstanden“ die einzigen deutschen Worte.

Der Haushälterin Berta hatte man die einzige Arie gestrichen, so konnte Suzanne McLeod nur dadurch punkten, daß sie beim Finale komödiantisch spielend versuchte, sich alkoholisch angeheitert nacheinander an alle Männer heranzumachen – das aber vergeblich.

Chor und Extrachor der Herren sangen zuverlässig vorbereitet noch durch den früheren Chordirektor Kasten Sprenger und jetzt einstudiert durch seine Nachfolgerin Inna Batyuk.

Fabrizio Ventura hatte trotz des turbulenten Bühnengeschehens alles im Griff, auch in den insgesamt prächtig gelungenen Ensembles, und leitete besonders brillant das grosse I. Finale. Lob gebührt auch Elda Laro am Hammerklavier (nicht Cembalo gut so!) zur Begleitung der Rezitative.

Nach dieser spritzigen und witzigen Aufführung hätte man vom Publikum im nicht vollbesetzten Haus durchaus noch etwas längeren Beifall erwarten können, aber er war dafür besonders herzlich mit Bravo für die Rosina!

Der neue Intendant hat endlich dafür gesorgt, daß zu den Programmheften Besetzungszettel mit der jeweiligen Abendbesetzung gelegt wurden, zwei Intendanten vor ihm haben das nicht geschafft!

Sigi Brockmann

Copyright aller Bilder: Jochen Quast Klavierhauptprobe am 29.08.2012

 

 

 

Rück- und Vorschau

Für Opernfreunde und   andere Theaterbesucher in Münster ist  die Spielzeit 2012/2013 mit dem Beginn einer neuen Intendanz ein künstlerischer Einschnitt.

Nach acht Jahren hat Wolfgang Quetes seinen Vertrag als Generalintendant nicht verlängert.

Als Opernfreund zurückblickend kann man feststellen, daß sein Spielplan alle Bereiche zwischen Barock (Monteverdi) und Moderne (etwa Detlev Glanert – Der Spiegel des grossen Kaisers, Nono  – Un re in ascolto  oder Wolfgang Rihm - Die Eroberung von Mexico) mit besonderem Schwerpunkt Mozart, Verdi und Wagner umfaßte. „Gegen den Strich gebürstete „ Inszenierungen gab es kaum, seine eigenen Inszenierungen folgten  passend und gekonnt der Handlung, waren nicht gerade aufregend, aber – dies ist das wichtige aber – sie liessen sich häufig gut verkaufen. Bei der Eröffnung mit Meyerbeer's „Prophète“, der ja teilweise in Münster spielt, gab es in der letzten Vorstellung keine Programmhefte mehr, für einen eher schwierigen „Titus“ von Mozart (Sabine Ritterbusch als Vitellia) bekam man kaum Karten. Als Gastregisseur bleibt Andreas Baesler vor allem mit „Dialogues des Carmélites“ und „Peter Grimes“ in Erinnerung.  Ausserdem gelang es, noch wenig bekannte aber später berühmte Sänger zu gewinnen, so sang der damals unbekannte Lance Ryan den Othello, Manuela Uhl Desdemona, Kristin Lewis Aida, Ion Ketilsson Tristan und Parsifal , Anton Keremidtchiev Kurwenal,  Marion Ammann Isolde, wobei letztere sogar Star-Kritiker(in) aus Wien nach Münster lockten. Gleichzeitig wurden Mitglieder des Ensembles mit grossen Aufgaben betraut, beispielhaft  sei Suzanne McLeod genannt mit ihrer intensiven Darstellung der Fidès im „Propheten“ ganz zu Anfang oder der alten Priorin der Karmeliterinnen gegen Ende der Intendanz von Quetes.

Die beiden Vorgänger von Wolfgang Quetes strebten von Münster aus zu Staatstheatern (Achim Thorwald nach Wiesbaden, dann Karlsruhe, Thomas Bockelmann nach Kassel) Im Gegensatz dazu kommt der neue Intendant, Dr. Karl Peters,  von einem solchen, er war bisher Intendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, aus dem Staatsintendanten wird ein Generalintendant!! Schon vor Beginn seiner Intendanz überzeugte er den Stadtrat von seiner bedeutenden Idee, den Namen von „Städtische Bühnen“ (trotz mehrerer Spielstätten) in „Theater Münster“ umzuändern. Einen darüber begeisterten Münsteraner habe ich noch nicht getroffen, allerdings kam es zu keinem Widerstand  dagegen wie beim „Schloßplatz“, dem immerhin eine für einen Bürgerentscheid reichende Anzahl  unbelehrbarer Ewig-Gestriger den Namen Hindenburgs zurückgeben wollen.

Zum Beginn seiner Intendanz plante Peters von Berlioz „Benvenuto Cellini“ - wäre ein toller Anfang gewesen, klappte  nicht, soll vielleicht nachgeholt werden. So kommt  stattdessen „Barbier von Sevilla“ unter ML von GMD Ventura und in der Inszenierung von Aron Stiehl, der 2013 in Bayreuth Wagners „Liebesverbot“ inszenieren soll – das Stück wäre auch einmal passend für die westfälische Karnevalshochburg Münster. Bedeutendes wurde von der Inszenierung schon bekannt, nämlich, daß dort lebende Hunde auftreten sollen. Die Titelpartie singt Juan Fernando Gutiérrez, der in München am Gärtnerplatz als Taddeo in der „Italienerin in Algier“ Rossini-Erfahrung sammeln konnte. Graf und Rosina kommen mit den beliebten Youn-Seong Shim und Henrike Jakob aus dem früheren Ensemble, wobei als Rosina Lisa Wedekind – früher auch beim Gärtnerplatz – alternieren wird. Die beiden Erstgenannten singen auch in der Wiederaufnahme von „La Traviata“

Für seine erste und in dieser Spielzeit einzige Inszenierung hat sich Dr. Peters Operette und da ausgerechnet „Im weissen Rössl“ vorgenommen,  vielleicht um etwas alpine Touristenatmosphäre in die Touristenhochburg Münster zu bringen?

Es folgt dann „Tosca“ , nach dem Tod des ursprünglich vorgesehenen Thomas Wünsch inszeniert vom Vor-Vor-Vorgänger von Peters als Intendant, von Achim Thorwald. Cavaradossi singt – ebenfalls vom Gärtnerplatz kommend – Adrian Xhema, als Tosca alternieren Allison Oakes (Senta in Wuppertal) und Barbara Dobrzanska, westfälischen Opernfreunden noch in bester Erinnerung als „Louise“ in beiden Opern von Charpentier „Louise“ und „Julien“ zum Abschluß der Dortmunder Intendanz von John Dew, bevor sie dann nach Karlsruhe wechselte. ML hat natürlich GMD Ventura.

Als fast moderne Oper kommt dann nach einem Musical (Das Geheimnis des Edwin Drood) Hindemith's „Neues vom Tage“ in der Inszenierung von Ansgar Weigner – nach „Peter Grimes“ nun eine heitere Oper über  Klatsch und Tratsch! Höhepunkt der Spielzeit könnte zum Schluß „Salome“ werden in der Inszenierung von Georg Köhl, der in Münster zuletzt vor knapp 20 Jahren inszeniert hat. ML wiederum Fabrizio Ventura mit Annette Seiltgen als Salome.

Freuen können sich Münsters Opernfreunde auf die folgende Spielzeit, in der der „Falstaff“ in der vielgerühmten Inszenierung von Dr. Peters  für das Prinzregententheater (siehe OF vom 26.5.12) nach Münster übernommen werden soll.

Sigi Brockmann

 

 

 

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com