Opéra National du Rhin ONR
Straßburg,
Kolmar und Mülhausen im Elsass
Zunächst einige Informationen über die Opéra National
du Rhin (ONR) im Elsass. Das Haus ist aus dem Zusammenschluss der Opernhäuser
in Mülhausen und Straßburg entstanden. Es wird getragen von den Städten
Mülhausen, Kolmar und Straßburg sowie von den beiden elsässischen Départements,
der Region Elsass und dem Staat. Das Budget liegt bei etwas über 20 Mio EUR Es werden pro Jahr sieben große
Opernproduktionen herausgebracht, die im Stagionesystem an den vier
Spielstätten (Straßburg: Opernhaus an der Place Broglie, Kolmar: théâtre
municipal; Mülhausen im Theater/Kulturzentrum La Filature oder im alten
kleineren Théâtre de la Sinne) im Schnitt acht Mal aufgeführt werden. Daneben
gibt es ein Ballett und Konzerte. Außerdem gibt es Spezial- oder
Studioproduktionen, die in den kleineren Spielstätten in Mülhausen und Kolmar und
in Illkirch in der „Illiade“ gegeben
werden, dem Centre culturel der Umlandgemeinde von Straßburg. Die Aufführungen
sind in der Regel ausverkauft. Die ONR hat durch gezielte Maßnahme mit etwa 25%
einen sehr hohen Anteil von jungen Besuchern. Obwohl bereits etwa 25% der
Zuschauer aus den Nachbarländern Schweiz und Deutschland stammen, möchte der
neue Intendant Marc Clémeur, diesen Anteil noch steigern. Daher werden nun alle
Aufführungen auch in Deutsch übertitelt.
Die ONR verfügt nicht über ein Sängerensemble, da für
die Produktionen jeweils Gastsänger mit einem Niveau engagiert werden, das in
der Regel deutlich über dem Niveau deutscher Stadttheater liegt. Aber es gibt
ein Opernstudio mit jungen Sängern („jeunes chanteurs du Rhin“), aus denen die
Nebenrollen besetzt werden, und einen eigenen Opernchor. Die ONR verfügt nicht über ein eigenes
Orchester, sondern bedient sich in der Regel der Sinfonieorchester von
Straßburg oder Mülhausen und deren Dirigenten. Das Niveau ist solide, aber
nicht überragend. Dazu werden auch Spezialorchester und Spezialdirigenten
verpflichtet. Die Inszenierungen der ONR bieten gegenüber den Auswüchsen des
deutschen Regietheaters ein deutliches Entspannungspotenzial. Überwiegend
namhafte, international tätige Regisseure bringen aber hier und da auch
ziemlich Altbackenes und Verstaubtes.
Das Straßburger Opernhaus wurde im Jahr 1821 eröffnet
und 1870 von der badischen Artillerie zerschossen; aber nicht so stark, dass es
während der Reichsverwaltung nicht in der ursprünglichen Form wiederaufgebaut
werden konnte. Darunter leidet die ONR noch heute, denn das Haus ist
hoffnungslos veraltet. Es bietet etwa 1000 Plätze, aber nur ein Drittel im
komfortablen Parkett, die meisten Plätze auf den vier Rängen, wo die Enge für
größer gewachsene Besucher zur Tortur werden kann. Möchte man gute Plätze
kaufen, tut man gut daran, das schon am Anfang der Saison zu tun. Der Auftritt
im Netz ist dreisprachig: FR – EN – DE: www.operanationaldurhin.eu. Hin und wieder wird ein Neubau des
Straßburger Opernhauses zur Diskussion gestellt; aber das ist wohl eher eine
Illusion.
Einige
Tipps:
Wenn logistisch machbar, kaufen Sie Ihre Plätze in Mülhausen
oder Kolmar. Der telefonische Vorverkauf ist leichter erreichbar, die Plätze
sind etwas preiswerter. Die Filature in Mülhausen bietet einen großen modernen
Saal mit guten Sichtmöglichkeiten auf allen Plätzen und guter Akustik; das
Théâtre de la Sinne mit drei Rängen im italienischen Stil ist sehr hübsch
hergerichtet und verfügt über eine intime Atmosphäre z.B. für Barockopern.
Wenn Sie in Straßburg buchen (die Telefonnummer 0033 3
88 754823 für deutsche Besucher ist ganz gut im Internet versteckt, da die
Anrufer aus Frankreich eine
kostenpflichtige Nummer wählen sollen. Man sollte über ein Telefon mit
Wahlwiederholungstaste verfügen. Karten für Straßburg und Kolmar sind nur umständlich und über Umwege im Internet
buchbar
Die Regelpreise sind wesentlich höher als bei einem
vergleichbaren Haus. Dennoch sollte man versuchen, Plätze in der Mitte des
Parketts zu ergattern (oder auf den Klappsitzen in der Mitte für 65 EUR), da an
der Seite das Geschwätz der Schließerinnen bei leisen Passagen sehr störend
ist. Das Straßburger Haus hat keine
Garderobe, sondern bloß Kleiderhaken in den Wandelgängen. Da in Frankreich
ohnehin die Tendenz besteht, die Mäntel mit in den Saal zu nehmen, trifft dies
natürlich bei Damen mit Pelzmänteln besonders zu: wenn Sie neben einer solchen
sitzen, haben Sie gelitten.
Wenn es der Zeitplan zulässt, vermeide man die
Matinées am Sonntag Nachmittag, da zu diesen Abonnenten aus dem ländlichen Raum
in ganzen Busladungen zu sehr günstigen Inklusiv-Preisen herbei gefahren
werden; die Geräuschkulisse im Saal ist dann entsprechend.
PLATEE
ONR, Mulhouse, Théâtre de
la Sinne, 28.03.2010
Oberklamauk-Oper
mit Ballett
Platée wird im Programm
„Ballet bouffon (comédie lyrique) en trois actes et un prologue“ genannt. Im weitesten Sinne könnte man
sie als Vorläufer der Offenbachschen Travestie-Operetten bezeichnen: Platée,
eine hässliche megalomane Sumpfnymphe (häufig als Frosch dargestellt, was durch
quakende Musik belegt ist) in lächerlicher Aufmachung, der man einredet,
Jupiter wolle sie heiraten. Diese Intrige hatte Jupiters Sippschaft sich
ausgedacht. Jupiter zusammen mit der lächerlichen Platée sollte Juno vorgeführt
werden, um sie von der Unsinnigkeit ihrer Eifersucht zu überzeugen, aufgrund
derer sie das Land mit schlechtem Wetter überzogen hatte. Natürlich wird Platée
zum Schluss von Jupiter zurückgewiesen und sogar verlacht. Das ist nun die
ganze Handlung, eine Parodie auf eine antike Sage. Die Uraufführung 1725 wurde
sehr zurückhaltend aufgenommen, zum einen, weil sich Rameau vom Musikstil
seiner Vorgänger deutlich gelöst hatte, zum anderen weil zu gleicher Zeit die
Hochzeit des Dauphins Louis mit der als nicht besonders gut aussehenden
spanischen Prinzessin Maria Teresia stattfand und der Hof hier wohl
Assoziationen zur Platée herstellte und nicht amüsiert war.
Die Regisseurin siedelt die Handlung in den frühen
Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts an und stellt dort die konsumgierige
und vergnügungssüchtige amerikanische Gesellschaft auf die Bühne. Zum Prolog
kommen zur allergrößten Erheiterung des Publikums sechs gleich gekleidete Paare
aus einem Ehebett gestiegen, verteilen sich in einem Wohnraum und beginnen mit
weiteren Hinzutretenden eine Party, wozu von den Seiten der Bühne Küchenmöbel,
eine Hausbar und Sitzmöbel im Stil der Sechziger Jahre herein geschoben werden.
Amor tritt in der Verkleidung von Marylin Monroe auf. Dann beschließt die
Gesellschaft, ein Theaterstück aufzuführen, und das ist die oben skizzierte
Geschichte von der Sumpfnymphe und der Heilung der Juno von ihrer Eifersucht.
Den Hintergrund der Bühne (Ausstattung: Julia Hansen) bildet eine aus großen
designerhaften rechteckigen Strukturelementen gebildete Wand. Diese Elemente
können herausgedreht werden und bieten dann kleine Spielflächen für
Handlungselemente.
Zu Beginn des ersten Akts erscheint anstelle des
Ehebetts aus dem Prolog ein riesiges Terrarium, darin Platée als hässlicher
barbusiger Frosch mit ihrer Gespielin Clarine zwischen großen Pflanzen. Die
Spaßgesellschaft beugt sich weiter vorne über ein kleines Terrarium, wo sich
das gleiche abspielt. Später wird Platée in ein biederes rosa Kleid gesteckt
und tolpatscht durch die Handlung. Jupiter fährt von hinten in einem alten roten
Straßenkreuzer auf. Es folgt nun Gag auf
Einfall und Einfall auf Gag. Chor und Statisten drängten in immer neuen bunten
und fantasievollen Kostümen auf die kleine Bühne. Dazwischen kommen Ballettszenen,
die nicht nur rein illustrativ sind, sondern meistens in das Geschehen
integriert sind. Einmal als Partytanz in die Vergnügungen der
Party-Gesellschaft, ein anderes Mal der Tanz von Indianern und Cowboys wie in
einer amerikanischen Revue zur Belustigung des Publikums (Choreographie von Joshua Monten). Party-Girls, Junk-Food-Serviererinnen auf Rollschuhen, die
Folie als Werbeaufreißerin einem Riesen TV-Gerät entsteigend, Nymphen in
Badeanzug mit Plastik-Bademützen: so wird es getrieben bis zur vermeintlichen
Hochzeit, zu der u.a. als Gäste geladen sind: die Freiheitsstatue,
Einstein, Elvis Presley, de Gaulle, Mutter Theresa u.a. Nach der Verspottung
der Platée, die einem nun wirklich Leid tun konnte, verschwinden Jupiter und
Juno wieder in ihrem Ehebett; der Kreis ist geschlossen.
Dieser
Bühnenklamauk wirkt gewissermaßen als Parodie der Parodie mit gutem
Unterhaltungswert, drängt das musikalische Erlebnis dabei aber etwas in den
Hintergrund. Die Musik hat mit dem beruhigenden Wechsel von Rezitativ und Arie
der früheren Barockopern nichts mehr gemeinsam und bietet dem Zuhörer auch
keinen Halt mit Dacapo-Arien und ihren Ritornells. Es folgen in stetem Wechsel,
Chöre, Ariosi, Ensembles und Balletteinlagen. Die Instrumentierung ist weniger
auf Pracht als auf Effizienz ausgerichtet. Der Gesangsstil ist vielfach
deklamatorisch gehalten: prima le parole; beste Textverständlichkeit für die
Literaturnation Frankreich und ein Vorausahnung auf den Stil der Oper 150 Jahre
später.
Christophe Rousset leitete das
musikalische Geschehen mit seinen Talens lyrique, die als Spezialorchester
verpflichtet waren, mit großer Präzision, strukturierte fein und bereitete die
streicherbetonte Polyphonie sehr transparent auf. Anders als bei der
italienischen Barockoper überwiegen bei Platée die Männerstimmen Bei den
Sängern handelte es bis auf François Lis, der mit klarem herzhaften Bass den
Jupiter gab, durchweg um Rollendebuts. Cyril Auvity gab den Thespis im Prolog mit
einigen Startunsicherheiten, besser dann den Merkur im Stück. Emiliano Gonzalez
Toro verkörperte die Platée in gewollter
Ungeschicklichkeit mit gefällig-sauberem hohen Tenor; Jewgenij Alexiew
vervollständigte als Momus (Prolog) und Cithéron den männlichen Teil des
Ensembles mit etwas rauhem Bariton. Auch die Damenrollen waren solide besetzt.
Salomé Haller (als Straßburgerin mit Platzvorteil) mit sicheren Koloraturen und
guter Diktion in den Rollen der Thalia (Prolog) und der Folie; Céline Scheen
als Amor (Prolog) und Clarine mit leichtem hellen Sopran und Judith van Wanroj
als Juno mit warmem dunklerem Sopran wurden jeweils Stimmen und Charaktere gut
kombiniert. In dem kleinen Theater im italienischen Stil brauchten die Sänger
zu keiner Zeit zu forcieren.
Das Publikum goutierte den in sich schlüssigen Klamauk
mit großem Beifall. Wer die Rameau-Musik besonders schätzt, hört sich das Stück
noch einmal von einer CD an.
Manfred Langer