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NANTES Théâtre Graslin

www.angers-nantes-opera.com

 

 

MAM’ZELLE NITOUCHE von Hervé

14.12.2017

Wiederentdeckung der meist erfolgreichen „Vaudeville-opérette“ des „Rivalen von Offenbach“

Eine "Scheinheilige" : oben Heilige, unten Operettensängerin
Nonne Lydia (Clémentine Bourgoin) verwandelt sich zur frei erfundenen "Sainte Nitouche" während des Gebetes der Novizin Denise de Flavigny (Lara Neumann), die von einem Abenteuerleben auf der Operettenbühne träumt

Nantes erinnert in vieler Hinsicht an Bordeaux: beide Städte sind ungefähr gleich groß, liegen an einer Flussmündung (in Nantes ist es die Loire) und erlebten ihre Blütezeit im achtzehnten Jahrhundert dank des „commerce triangulaire“ – den man inzwischen unverblümt „Sklavenhandel“ nennt. In beiden Städten wurden in 1780 und 1788 zwei wunderschöne Opernhäuser eröffnet, die beide in den letzten Jahren hervorragend restauriert wurden und allein schon als Gebäude die Reise wert sind. Das Théâtre Graslin in Nantes (benannt nach dem Hofgesandten und Spekulanten Jean-Joseph-Louis Graslin, dem auch das ganze Viertel seinen Namen verdankt), wurde 1785 vom Architekten Mathurin Crucy entworfen, ebenso wie die umliegenden Strassen und Plätze. Das Innere des Theaters ist ein Juwel, mit einem großen Deckengemälde von Hippolyte Berteaux und neuerdings wieder Sessel in „bleu roy“ (Königsblau), so wie es im achtzehnten Jahrhundert üblich war und wie man es heute noch in den Opern von Bordeaux und Versailles erleben kann. Ursprünglich ein Dreispartenhaus, leidet die Oper seit zwanzig Jahren – wie Bordeaux und viele andere französische „Provinzopern“ – unter extremen Sparzwängen, die 2002 zur Fusion der Opern von Nantes und Angers führten. Der nun scheidende Intendant Jean-Paul Davois setzte auf besonderes Repertoire und initiierte in 14 Jahren ein Dutzend Uraufführungen (!). 2018 kommt nun Alain Surrans, Direktor der Oper in Rennes – mit dem Auftrag, aus dem Duo Nantes/Angers ein Trio Angers/Nantes/Rennes zu machen.

Drei Mal verkleidet : Novizin Denise de Flavigny (Lara Neumann), hat über das rote Kleid der Operettensängerin nachts in der Kaserne auch noch den blauen Mantel eines Soldaten angezogen - und wird dennoch als "falscher Soldat" entlarvt

Die Oper in Nantes ist also ein idealer Ort für das Palazzetto Bru Zane um einen quasi vollkommen vergessenen Komponisten wieder auf die Bühne zu bringen. Einerseits steht diese Spielzeit des von uns schon oft erwähnten und gelobten Palazzettos im Zeichen der zum Teil vollkommen unbekannten religiösen Werke des Opernkomponisten Charles Gounod (der u.a. drei betörend schöne Requiems komponiert hat). Anderseits – etwas unerwarteter Weise – auch im Zeichen der allerersten Operetten. Diese Doppelthematik passt gut zu Louis-Auguste-Florimond Ronger, genannt Hervé (1825-1892), der ein abenteuerliches Doppelleben geführt hat: tagsüber war er Organist in der bedeutenden Eglise Saint Eustache in Paris, abends war er – unter einem Decknamen – Operettenkomponist. Hervé soll nun eine ganze Reihe gewidmet werden und der wissenschaftliche Direktor des Palazzettos Alexandre Dratwicki will in den nächsten Jahren zehn Operetten Hervés wieder in Umlauf bringen. Letztes Jahr gab es einen vorsichtigen Anfang mit „Les Chevaliers de la Table ronde“, nun werden alle Register gezogen mit „Mam’zelle Nitouche“, der in Frankreich am meist bekannten Operette Hervés (die auch zwei Mal verfilmt wurde mit Raimu und Fernandel in der Rolle des Orgel spielenden Operettenkomponisten).

Am Ende siegt die Liebe : Novizin Denise de Flavigny (Lara Neumann), heiratet den Grafen Fernand de Champlâtreux (Samy Camps), der sich in die Operettensängerin verliebt hatte. Schlusschor der Nonnen, Schauspieler und Soldaten

Dass von den Dutzend Operetten Hervés nun gerade diese so beliebt wurde – sie wurde gleich nach ihrer Uraufführung 1883 am Théâtre des Variétes in Paris mehr als zweihundert Mal gespielt – hat zweifellos mit dem Sujet zu tun. Denn das Libretto von Henri Meilhac (der auch für Hervés großen Rivalen Offenbach arbeitete) spielt in einem Kloster und erzählt wie eine junge Nonne entführt wird – in Frankreich damals ein besonders beliebtes Sujet, das Hervés Lehrer Aubert 1837 mit seinem „Domino noir“„lanciert“ hatte. Doch dass von den Dutzenden Nonnen-Opern nun gerade diese so viel Beachtung fand, hatte auch noch mit dem Umstand zu tun, dass Hervé selbst seiner männlichen Hauptfigur so ähnlich sah und über sein Privatleben in Paris damals die wildesten Gerüchte kursierten. Man sagte ihm nach, er sei selbst so „scheinheilig“ wie seine Bühnenfiguren und er hätte Minderjährige „verführt“. Wie dem auch sei, bei Hervé zu Hause und auf der Bühne ging es für damalige Moralvorstellungen jedenfalls sehr bunt zu.

Pierre-André Weitz hat dies nun alles so fröhlich und kunterbunt inszeniert und ausgestattet, dass wir ihn erst gar nicht erkannt haben. Denn wir kennen Weitz vor allem als strengen und radikalen Bühnenbildner aller Produktionen von Olivier Py, wie vor einem Monat „Le Prophète“ in Berlin. Mit anderen Regisseuren ist er auch nicht farbenfroher, wie vor einem Jahr dem kargen Stahlkasten für Glucks „Armide“ an der Wiener Staatsoper. Doch jetzt stand Weitz schon vor der Vorstellung im Clownskostüm mit seinen Schauspielern im bildschönen Foyer der Oper und es herrschte den ganzen Abend lang eine ausgelassene Jahrmarktsatmosphäre. Es wäre zu lang, das doppelbödige Libretto zusammen zu fassen – das wird vorzüglich getan in dem deutschsprachigen Standardwerk, die „Operette“ von Volker Klotz. Mittels einer Drehbühne wechseln wir in Sekundenschnelle vom Kloster zum Theater und der Kaserne, mit Kostümen, die Weitz auch entworfen hat – man spürt in jedem Detail seine große Liebe für diese „vaudeville-opérette“. Auch noch bei den Gebeten der Nonnen wird getanzt (vorzüglich die Choreographie von Iris Florentiny) und wir stolpern von einer Überraschung zur nächsten.

für viele „die Überraschung des Abends“ :  beim Schlussapplaus entpuppten sich die launische Operettensängerin Corinne (zweite von links) - im Programmheft als Miss Knife angegeben - als der bekannte Regisseur und Theaterleiter Olivier Py und der hinzuerfundene Clown des Theaters (ganz rechts) als der Regisseur Pierre-André Weitz (auch Bühnen- und Kostümbildner des Abends)

Lara Neumann debütierte als Denise de Flavigny, die keusche Novizin, die über Nacht zur Operettensängerin „Mam’zelle Nitouche“ mutiert („Fräulein rühr mich nicht an“, auf deutsch: „Scheinheilige“). Neumann ist ursprünglich ja Schauspielerin, was es ihr ermöglichte die langen gesprochenen Dialoge (das Palazzetto bestand auf einer ungekürzten Fassung), die vielen blitzschnellen Verkleidungen und dazu auch noch die teilweise akrobatischen Tanzeinlagen blendend zu meistern. Ihr zur Seite wirkte Damien Bigoudan in der Doppelrolle des schüchternen Kirchenorganisten Célestin und des wilden Operettenkomponisten Floridor szenisch und stimmlich etwas blass, was noch verstärkt wurde durch seinen jungen „Rivalen“, dem sehr spielfreudigen Tenor Samy Camps, der als vicomte Fernand de Champlâtreux mit der schönsten Stimme des Abends auftrumpfen konnte (für sie wurde er auch 2015 für den „Victoire de la Musique“ nominiert). Camps folgte, so wie alle Soldaten auf der Bühne, den Befehlen des strengen Majors der Kaserne in Pontarcy, des comte de château-Gibus (der Schauspieler Eddie Chignara), pikanter Weise auch der Bruder der Kloster-Oberin, der er regelmäßig seine Eskapaden in der Halbwelt des Theaters „beichtete“. In der Doppelrolle der strengen „mère supérieure du couvent des hirondelles“ (Oberin des Klosters der kleinen Schwalben unserer lieben Frau) und der leichtlebigen Operettensängerin Corinne wurde im Programmheft Miss Knife angegeben, die sich beim Schlussapplaus entpuppte als Olivier Py, der auch noch die Rolle des immer betrunkenen und laut singenden Soldaten Loriot (vortrefflich) sang. Das war für viele „die Überraschung des Abends“, denn Py ist zur Zeit Direktor des Theaterfestivals in Avignon und seit vielen Jahren in Frankreich bekannt für seine starken politischen Stellungnahmen – niemand hätte ihm zugetraut, dass gerade er als Transvestit in einer Operette auftreten würde. Doch Py führt anscheinend heute ein ähnliches „Doppelleben“ wie damals der Komponist Hervé.

Christophe Grapperon, der letztes Jahr schon „Les Chevaliers de la Table ronde“ dirigierte, führte das Orchestre national des pays de la Loire und den jungen und spielfreudigen Choeur d’Angers Nantes Opéra mit begeisterter und zugleich sicherer Hand in hohem Tempo über die vielen Hürden der Partitur. Denn wie er uns nach der Premiere gestand, bei Hervé ist die Musik „toujours sur un fil“ – ein Seiltanz und eine Gratwanderung, bei der man leicht ins Vulgäre abrutschen kann. Die Freuden und Tücken dieses nun endlich wiedergefundenen Werkes kann man auf der CD hören, die nun beim Palazzetto Bru Zane erscheint (sie wurde beim Vorlauf in Toulon aufgenommen – leider mit etwas weniger Verve und Temperament als in Nantes auf der Bühne). Dank der weitläufigen Kontakte des Palazzettos wird diese Produktion weiterreisen an zehn (!) französische Opernhäuser (beginnend in Limoges, Montpellier und Rouen), wo für 2018 schon 60 Vorstellungen (!) geplant sind. Danach kommen vielleicht auch Deutschland und Österreich, wo man vor allem Hervés „Le Petit Faust“ kennt – aber Namen werden noch nicht genannt. Wir sind gespannt!

Waldemar Kamer 20.12.2017

Alle Fotos aus Nantes (c) Jef Rabillon

 

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