DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Imperial Theatre

BILLY ELLIOT

– 31.3.

Was wäre der Broadway ohne Besuch eines Musicals? Die Wahl fällt schwer. Nach dem Besuch eines grünen, die Umweltverschmutzung thematisierenden Musicals, “The Toxic Avenger”, in einem Off-Broadway Theatre (New World Stages) und dem Walt-Disney-Musical „The Little Mermaid“, in unseren Breitengraden besser bekannt als „Arielle, die Meerjungfrau“, einem Rusalka-Verschnitt mit Happy End, im Lunt-Fontanne Theatre, war der eindeutige Höhepunkt das Billy Elliot-Musical von Sir Elton John. Als Vorlage diente der gleichnamige Film aus dem Jahr 2000. Die Uraufführung des Musicals fand im März 2005 im Londoner Palace Theatre statt. Am Broadway ist das Musical nun schon seit etwa zwei Jahren die erfolgreichste Produktion. Für den Film hatte man einen Darsteller gesucht, der sich erst die Grundzüge des Tanzes aneignen musste. In New York steht ein ausgebildeter Sängertänzer zur Verfügung, der ein wahres Talentbündel ist. Billy Elliot erzählt uns die herzerwärmende Geschichte vom Traum eines elfjährigen Knaben in einer kargen englischen Bergarbeiterstadt im Norden Großbritanniens während der Thatcherregierung. Der Darsteller des Billy in New York, Tommy Batchelor, ist 13 und hat bereits 2006 den Nussknackerprinzen mit dem Miami City Ballet getanzt. Ausgebildet wurde und wird er an der BAK Middle School of Arts in Palm Beach, Florida. Neben einer guten Stimmtechnik, exzellenten Mimik und Gestik, beweist er auch im klassischen Ballett, dass er überaus begabt ist. Darüber hinaus zeigte er auch einige Flickflacks und mehrere Rückwärtssalti. Und natürlich kann er auch steppen wie ein Profi. Michael, sein Freund, wird von dem ebenfalls 13 Jahre alten, gebürtigen Iren David Bologna, der bereits große Erfolge als Oliver im gleichnamigen Musical feiern konnte, grandios und mit viel Humor in der Travestienummer interpretiert. Billys Ballettlehrerin wurde  an diesem Abend von Leah Hocking, die auch regelmäßig in der TV-Serie „Law & Order“ mitwirkt, verkörpert. Auch sie hat eine klassische Ballettausbildung genossen, das merkt man besonders in der Nummer „Born to Boogie“. Die berührende Rolle von Mum, der toten Mutter Billys, die ihm immer wieder in schwierigen Situationen erscheint, wurde von Jayne Paterson herzergreifenden gegeben. Mitchell Michaliszyn gab sein Broadway Debüt in der Rolle des Small Boy. Gregory Jbara vollzog den erschütternden Wandel vom streikenden, gewalttätigen wie rohen Minenarbeiter zum liebenden Vater, der bereit ist, alles für die Zukunft seines Sohnes Billy zu opfern. Carole Shelley war Billys Großmutter, die in ihrer Jugend gerne Ballerina geworden wäre. Tony, Billys Bruder wurde von Santino Fontana rollengerecht gespielt. Die kleineren Rollen wurden allesamt von exzellenten Darstellern mit totalem körperlichem Einsatz geboten. Lee Hall schrieb das Libretto und die spritzigen Gesangstexte. Sir Elton John komponierte dazu eine Musik, die unter die Haut geht, mitreißt und manchmal sogar zu Tränen rührt. Peter Darling schuf eine derart anspruchsvolle Choreographie, die nur dank der ihm in New York zur Verfügung stehenden, hervorragenden Künstler verwirklicht werden konnte. Ian MacNeil kreierte eine praktikable Drehbühne. Nicky Gillibrand verpasste allen Mitwirkenden den passenden 80er Jahrlook. Rick Fisher sorgte noch für die spannende Ausleuchtung der einzelnen Szenen. Anders als im Film, endet das Musical mit dem berührenden Abschied zwischen Billy und Michael am Bahnhof. Billy bricht nach London auf, um an der Royal Ballet Academy zu studieren und küsst seinen Freund zum Abschied auf die Wange. Die Abschlussszene des Films, in welcher Billy als Erwachsener im Theater auftritt, wird im Musical als Traumsequenz vorverlegt. Billy tanzt mit seinem älteren alter ego ein großartiges pas de deux. Der ältere Billy wurde in dieser Szene von Stephen Hanna getanzt, der seit dem Jahre 2005 der erste Tänzer des New York City Ballet ist. Tosender Applaus und Pfiffe bei standing ovations bedankte die Künstler für ihre herausragenden Leistungen. Laut Programmheft sind für die Rolle von Billy vier und für Michael und Small Boy jeweils zwei Knaben vorgesehen. Solche atemberaubenden Leistungen reizen natürlich zum Vergleich und man möchte am liebsten auch die Alternativbesetzungen sehen!                                

Harald Lacina    

 

RUSALKA


am 21.3. 2009 in der MET

Kaum zu glauben, dass dieses Meisterwerk von Antonín Dvořák seine österreichische Erstaufführung an der Wiener Staatsoper erst am 10. April 1987 und – man staune – sogar in tschechischer Sprache erlebt hat. Die damalige, aus heutiger Sicht konventionelle Inszenierung von
Otto Schenk in den stimmungsvollen Bühnenbildern von Günther Schneider-Siemssen und den Kostümen von Silvia Strahammer fand nun über Umwegen in München auch an die Met.

Natürlich singt man dort in der Originalsprache und hat dafür in der Titelrolle auch eine so herausragende Interpretin wie
Renée Fleming eingesetzt. Immerhin singt sie die Partie schon seit ihrer CD-Aufnahme im Jahre 1996 und der späteren Produktion von Robert Carson an der Pariser Oper 2002, die auch auf DVD erschienen ist. Was die Diva so unvergleichbar macht, ist ihre sprachliche Ausdrucksvielfalt. Nach ihrer Tatiana und Thaïs, singt sie ebenso Rusalka, Desdemona, Manon und die Capriccio Gräfin. Zu Ihrer äußeren Schönheit mit knapp fünfzig Jahren kommt noch ihre große schauspielerische Begabung und stete Bühnenpräsenz. Manieriertheit wirft man ihr wohl zu Unrecht vor, denn diese starke Sängerschauspielerin geht vollends in der jeweiligen Rolle auf und macht gerade dadurch auch ein Fabelwesen wie die Wassernymphe Rusalka authentisch und völlig glaubwürdig. Was ihre Aussprache betrifft, so haben mir tschechische Zuseher nach der Vorstellung versichert, soll diese hervorragend sein, was sie damit begründeten, dass die Fleming – angeblich – tschechische Verwandte besitze.

Jiří  Bĕlohlávek
leitete in typisch slawischer, melancholische Weise das Orchester der Met. Hier wurde jede Passage äußerst feinfühlig gestaltet. Das suggestive Spiel der Wellen und der Mondschein auf der Oberfläche des Waldsees unterstrichen und verstärkten damit noch die idyllische Szenerie auf der Bühne. Das Terzett der, im Programmheft als „Waldgeister“ bezeichneten Nymphen wurde von Kathleen Kim, Brenda Patterson und Edyta Kulczak ausgewogen gesungen und im See und am Ufer desselben quirlig dargestellt. Der junge 1975 geborene lettische Tenor Aleksandrs Antonenko als Prinz war ein nahezu ebenbürtiger Partner der Fleming, der diese Partie mit ihren geradezu Wagner’schen Ausmaßen klangschön in der Kehle aufbereitet hatte. Mit dieser Rolle stellte er sich auch erstmals dem amerikanischen Publikum vor. Hierzulande ist er noch in der Rolle des Don José bei den Opernfestspielen in St Margarethen und als Calaf an der Wiener Volksoper in Erinnerung. Die Prinzessin von der 1969 geborenen Amerikanerin Christine Goerke hörte sich leider an manchen Stellen schrill und gepresst an. Der Wassergeist Vodník wurde von dem 1951 geborenen isländischen Bassisten Kristinn Sigmundsson in väterlicher Weise mit erdigem, tiefem Bass dargeboten. Stephanie Blythe war als Ježibaba weniger eine dämonische Hexe als eine verschmitzte Alte. Geradezu komisch hörte sich ihr Mezzosopran auch an. David Won als Jäger, James Courtney als Heger und Kate Lindsey in der Hosenrolle des Küchenjungen ergänzten das übrige Ensemble rollendeckend. Die Choreographie der verschiedenen Waldtiere, vornehmlich kleinere Reptilien und Insekten, stammte von Carmen De Lavallade und trug zum großen Gaudium der Zuschauer bei.

Das Publikum spendete nach der Vorstellung seinem Liebling Fleming naturgemäß enthusiastischen Beifall, der aber auch für ihre exzellente gesangliche wie darstellerische Leistung mehr als verdient war. Aber auch die übrigen Interpreten und der Dirigent wurden mit standing ovations für ihre Leistungen bedankt. Wer also die seinerzeitige Wiener Rusalka Inszenierung sehen möchte, muss nach New York reisen. Aber Achtung: Die Vorstellung vom 21. März 2009 war die letzte von Rusalka in der laufenden Saison.                                                         Harald Lacina


LA SONNAMBULA


MET am  21.3.2009

In einer wenig ansprechenden Neuinszenierung von Mary Zimmerman (Premiere 2.3.2009) brachte die Met Bellinis im selben Jahr wie Norma 1831 komponierte Oper zur Aufführung. Das Libretto stammt von Felice Romani (1788–1865) nach der Ballett-Pantomime « La sonnambule ou l’arrivée d’un nouveau seigneur« von Eugene Scribe und Jean-Pierre Aumer. Bei der Uraufführung wurde die Oper gemeinsam mit dem Ballett „Furore d’Amore“ aufgeführt und Bellini selbst dirigierte.

Die für 13 Uhr Ortszeit angesetzte Vorstellung vom 21.3. wurde weltweit in ausgewählten Kinosälen übertragen. Die Regisseurin verlegte die, zugegebenermaßen triviale, Handlung in die Gegenwart. Genauer gesagt in einen Probenraum der Met. Drei hohe Bogenfenster begrenzen diesen, Notenständer und einen Arbeitstisch stehen wie beiläufig herum, auch die obligatorische Schultafel, die den Zuschauern die einzelnen Handlungsorte vermitteln soll und es gibt sogar ein Bühnenbildmodell eines Dorfes mit Kirche und Bergen im Hintergrund irgendwo in der Schweiz. Dass die Handlung in ein "Swiss village in the Tyrolean alps" verlegt wird, wirft ein mehr als bezeichnendes Licht auf das US-amerikanische Bildungssystem. Zum Schluss der Opernprobe erscheinen dann alle Mitwirkenden in Tiroler Pseudotrachten, mit Auerhähnen und Edelweiß bestickt. Die Choristen treffen zunächst einer nach dem anderen ein und die beiden Handlungsebenen vermischen sich derart, dass die Probe zum realen Spiel wird und umgekehrt.

Jennifer
Black als Lisa tritt in dieser Inszenierung wie eine Regieassistentin auf, die natürlich auf die von allen geliebte Sopranistin ungemein eifersüchtig ist. Die Tessitura dieser Partie dürfte ihr aber hörbar zu hoch gelegen sein. Natalie Dessay dürfte derzeit eine Idealbesetzung dieser schlafwandelnden Amina sein. Sie ist höhensicher und geht ganz in der Rolle auf. Sie befand sich während ihrer ersten Arie "Come per me sereno....Sovra il sen la man mi posa" in einer Art Kostümprobe und baute eine kleine, typische Dessay-Attitüde ein. Nach den Worten „Ah si“ gibt es ja bei dieser Arie zahlreiche Koloraturen. Und die Dessay schickte sich gerade an, ein Paar Schuhe nach den anderen anzuprobieren. Und da sie diese, ganz Diven-like, für nicht passend empfand, verwandelte sie das „Ah si“ ganz einfach zu einem „Ah non“. Notabene unterstrich sie den Text noch mit der entsprechenden Mimik. Beim Höhepunkt der Oper balancierte die Dessay zu den Worten „Ah non credea mirarti“ auf einer über den Orchestergraben, symbolisch den Abgrund markierend, gespannten Planke. Juan Diego Flórez bewies in der Rolle des naiven Elvino wieder einmal Durchschlagskraft, ein Feschak ganz wie James Dean in Lederjacke und Jeans gekleidet. Er dürfte derzeit im hohen Belcanto-Fach in technischer Hinsicht einfach ohne Konkurrenz sein, wenngleich das unverwechselbare Timbre seiner Stimme nicht jedermanns Geschmack trifft. Immerhin hat es in darstellerischer Hinsicht ordentlich zugelegt und steht nun nicht mehr so hölzern herum. Vielleicht hat er sich ja einiges von den schauspielerischen Qualitäten der Dessay aneignen können?

Michele
Pertusi als Conte Rodolfo hatte es neben Dessay und Florez -  trotz seiner sehr guten gesanglichen  Leistung - schwer einen Akzent zu setzen. Ein väterlicher Beschützer war in dieser Regie nicht gefragt, was blieb, war der altersweise Bonvivant. Die musikalische Leitung lag in den Händen von Evelino Pidò. Er setzte leider wenig Akzente, es fehlte auch an Dynamik und so plätscherte ein Einheitsbrei über mehr als zwei Stunden dahin. Jane Brunnell als Teresa war so resolut wie warmherzig. Jeremy Galyon tat einem in der Rolle des Alessio Leid, warum musste er sich denn auch ausgerechnet in die Zicke Lisa verlieben. Hervorgehoben werden muss aber noch der von Donald Palumbo hervorragend einstudierte, gleichermaßen eloquent singende wie spielende Chor, der das Schweizer Volks und sich selbst darzustellen hatte. Eine solche Art von Regie, in der die einzelnen Handlungsorte durch bloße Tafeln angezeigt werden, spart natürlich viel Geld ein und kann so auf jede Oper übertragen werden. Der Zauber  geht jedoch verloren und so konnte man sich an dieser Nachmittagsvorstellung hauptsächlich nur an den Stimmen erfreuen, optisch wurde ja nichts Nennenswertes dargeboten.
Der Applaus verteilte sich vor allem auf die Dessay und Flórez.                        Harald Lacina                                                                         


IL TROVATORE

MET am 20.3. 2009

Zum 609. Mal zeigte die Met Verdis schaurige Moritat um Bruderliebe und –hass und Rache einer alten geschundenen Zigeunerin. Am Pult war Gianandrea Noseda bedacht, deutliche Akzente zu setzen und die einzelnen Charaktere musikalisch besonders stark zu profilieren.

Der 1962 geborene russische Bariton Dmitri Hvorostovsky war als Graf von Luna stimmlich bestens disponiert. Ebenso sein Gegenspieler Manrico, der von Marcelo Álvarez stimmlich wie darstellerisch zufrieden stellend dargeboten wurde. Mit satter Mittellage als idealer Basis, gelangte er durch seine exzellente Technik auch zu den höchsten Tönen der Partitur scheinbar mühelos. Freilich hätte er den Gassenhauer „Di quella pira“ auch mit länger angesungenen Spitzentönen darbringen können. Sondra Radvanovsky war als Leonora stimmlich indisponiert und röhrte bisweilen heiser, woran sich das Publikum aber nicht stieß. Luciana D’Intino als Azucena bot gleich zu Beginn ein grandioses „Stride la vampa! - la folla indomita“. Sie verfügt über einen an Zwischentönen reichen und flexiblen Mezzosopran, mit welchem sie das Publikum im vierten Akt mit einem besonders einfühlsamen „Ah!... Ai nostri monti ritorneremo...“ begeisterte. Kwangchul Youn als Ferrando und Maria Zifchak als ergebene Inez trugen mit ihren markanten Stimmen bei ausgeprägter Spielleidenschaft wesentlich zum Erfolg dieses Abends bei. Rollengerecht Eduardo Valdes als Ruiz, David Lowe als Bote und Robert Maher als Zigeuner. Der Chor war von Donald Palumbo bestens einstudiert.

Die Produktion selbst ist eine Übernahme der Lyric Opera of Chicago. David McVicar arbeitete in seiner traditionellen Regie besonders stark die Chorszenen und die leidenschaftliche Beziehung zwischen Azucena und Manrico heraus. Die Drehbühne, die für den raschen Szenenwechsel hervorragend geeignet war, wird von einer Burg mit einer steilen Stiege beherrscht (Bühne: Charles Edwards). Die stimmigen Kostüme steuerte Brigitte Reiffenstuel bei. Leah Hausman choreographierte die atmosphärischen Zigeunerszenen und Jennifer Tipton tauchte diese in ein bedrohliches Licht.

Die Met kann zufrieden sein, denn die Vorstellung war restlos ausverkauft. Zu bemerken wäre noch, dass es wie in Wien Untertitel gibt, die jedoch in New York in der Sitzlehne der Vorderreihe fest integriert sind. Der Zuseher kann zwischen Englisch, Deutsch und Spanisch wählen. Im Großen und Ganzen konnte sich auch der Rezensent dem frenetischen Applaus des Publikums anschließen, der in erster Linie den feindlichen Brüdern und der überwältigenden Azucena galt.                 Harald Lacina

 

CAVALLERIA RUSTICA & IL PAGLIACCI

MET am 19.3. 2009

In dieser Saison begeht die MET Ihr 125-jähriges Bestandsjubiläum. Eröffnet wurde die in der 39. Straße gelegene „alte“ MET am 22. Oktober 1883 mit Gounods Faust. Die Ausstattung und Regie von Cav/Pag aus dem Jahre 1982 stammen von Altmeister Gianfranco Corsi, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Franco Zeffirelli. Des Meisters Inszenierungen zeichnen sich durch ihre zeitlose Allgemeingültigkeit aus. Er transportiert keine „Message“, sondern erzählt in lebensnahen Bildern eine packende Geschichte. Einmal ist es ein sizilianisches Dorf an einem Ostermorgen mit einer breiten Treppe, die zum Portal einer prächtigen Kirche führt, das andere Mal ein Dorfplatz in Montalto in Kalabrien am Mariä Himmelfahrtstag des Jahres 1865. 

Die Cavalleria erlebte an diesem Abend ihre 666., der Bajazzo seine 706. Aufführung.

Angesichts des opulenten Bühnenbildes der Cavalleria spendete das Publikum, nachdem sich der Vorhang geöffnet hatte, gleich zu Beginn stürmischen Beifall, der sich beim Auftritt von Roberto Alagna als Turiddu wiederholte. Letzterer gab auch nach der Pause den Canio im Bajazzo. Der 1973 in Rom geborene Pietro Rizzo, der an der Volksoper in Wien bereits La Traviata, Falstaff und Rossinis Il Turco in Italia musikalisch geleitet hatte, feierte nun in Big Apple sein Hausdebüt als Dirigent. Gleich bei den ersten Takten des Vorspiels wird der Zuhörer von der puren „Italianità“ in den Bann gezogen, die sich dann im intermezzo sinfonico noch steigerte. Alle Nuancen menschlicher Regungen wurden da transparent gemacht, man fühlte geradezu das schmachtende Leiden der Santuzza, die schon fast schamlos zur Schau getragene Koketterie der Lola, der Turiddu vollends ergeben ist, die scheinbare Naivität von Alfio, der seiner Gattin zunächst blindlings vertraut und die in sich ruhende alte Lucia. 

Waltraud Meier als Santuzza zu erleben, gehört zu den einprägsamsten Momenten im Leben wohl jeden Opernfreundes. Sie geht mit einer derartigen Leidenschaft an die Rollengestaltung heran und zeichnet jede Facette dieser vom Schicksal gedemütigten Frau. Dazu kommt das äußerst erotische Timbre ihrer Stimme, das sich in der heftigen Auseinandersetzung mit Turiddu, den der an diesem Abend hervorragend disponierte Roberto Alagna verkörperte, geradezu ideal gesellte. 

Alberto Mastromarino, ausgestattet mit einem satten patriarchalischen Bariton, sprang an diesem Abend für den erkrankten Charles Taylor als Alfio ein und feierte in dieser Rolle sein Hausdebüt an der Met. Als Alfio trat er erstmals auch an der Wiener Staatsoper im Januar 1995 auf. Er lieferte ein Kabinettsstück der Sonderklasse, wie er sich als stolzer Ehemann in bester Laune und Vorfreude auf das Osterfest und seine Frau Lola in einen gehörnten, vor blinder Eifersucht rasenden Sizilianer verwandelt. Die kokette Lola wurde in stimmlicher Hinsicht leider etwas schrill in der Höhe von Ginger Costa Jackson interpretiert, die, schenkt man ihrem Curriculum vitae Glauben, trotz ihrer Jugend bereits zahlreiche internationale Gesangswettbewerbe gewonnen hat. Rollengerecht in stimmlicher wie darstellerischer Hinsicht die Mamma Lucia von Jane Bunnell und die junge Bäuerin von Linda Mays. Ausgiebiger Applaus bedankte die Protagonisten für ihre überdurchschnittlich guten Leistungen und entließ das Publikum in die Pause.

Nach der Pause verkündete Alberto Mastromarino als Tonio den Prolog, der zum Besten gehören sollte, was im Bajazzo an diesem Abend noch erklingen sollte. Humpelnd und missgestaltet gelang es ihm Mitleid zu erregen, wodurch sein letztlich fataler Racheplan doch begreiflich wurde.  Die Truppe der Pagliacci trat mit einem Pferdewagen, begleitet von Feuerschluckern und anderen Artisten, auf. 

Roberto Alagna war als Canio stimmlich wieder in Höchstform, für die Rolle aber äußerlich, wie vor ihm schon José Cura, zu schön, sodass es eigentlich nicht nachvollziehbar schien, dass Nedda dem optisch weniger gut aussehenden Silvio des Christopher Maltman den Vorzug geben sollte. Nuccia Focile überzeugte als Nedda mit sinnlicher Stimme, die sich wunderbar mit dem hellen Tenor von Maltman ergänzte. Tony Stevenson als Beppe strengte sich mit gepressten Tönen in den höheren Registern merklich an. Pietro Rizzo leitete auch den zweiten Teil des Abends so souverän, dass sich am Ende neben heftigem Applaus auch so manchen Bravoruf vernehmen ließ, dem sich der Rezensent gerne anschloss.

  Harald Lacina

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com