Il Barbiere di Siviglia
Opéra de Nice, 20.2.2009
Die
Neuproduktion der Opèra de Nice des „Le Barbier de Séville“ brachte ein
Wiedersehen mit etlichen Sängern, die auch schon in Österreich tätig waren.
Für
die Inszenierung war Charlie Mangel verantwortlich,
der über die Jahre hinweg besonders am Theatersektor (La Comédie Francais)
aktiv war. Es war eine „konservative“ Inszenierung, wo nur ein paar unnötige
Modernisierungen störten, so zum Beispiel blieb es nicht nachvollziehbar, warum
Don Basilio einen Laptop braucht – und auch der Elektroroller des Figaro war
entbehrlich. Das Bühnenbild blieb insofern Stückwerk, als dass nur halbe
Kulissen sichtbar waren, die an Stahlrohren angebracht waren (die Stahlrohre
wiederum wurden dazu gebraucht, damit der Figaro herumturnen konnte). Das Geld
seines Mündels dürfte Bartolo in Gemälden angelegt haben – und dabei hatte er
einen guten Geschmack bewiesen – Gemälde von Ingres über Cezanne bis Matisse
zierten die Wände/Stahlrohre. Die Kostüme waren (bis die von Bertha, die als
Vamp dargestellt war), klassisch gehalten.
Die
Overtüre wurde auch inszeniert – man sah, wie sich in einer Art Garderobe die
Sänger für ihre Auftritte herrichteten – das war recht witzig mit und mit viel
Esprit dargestellt.
Das
Orchester der Opéra de Nice unter der Leitung von Sergio Monterisi spielte brav – für meinen Geschmack viel zu brav.
Es fehlten da dramatischere Akzente und auch die rossinische Leichtigkeit blieb
oft auf der Strecke.
Die
beste Leistung des Abends erbrachte unumstritten Jean-Luc Chaignaud, der einen gut aussehenden und sehr virilen
Bartolo darstellte – ein echter Rivale für den Grafen! Chaignaud, der Ende der
80er-Jahre bei den Salzburger Festspielen auftrat und zu Beginn der 90er für
kurze Zeit Mitglied des Ensembles der Wiener Staatsoper war, beherrschte die
Szene, wenn immer er auch auftrat, hat eine sehr angenehme und auch
durchdringende Stimme. Es wäre wirklich interessant, ihn einmal in dieser Rolle
oder auch als Dulcamara in Wien zu hören – auf jeden Fall ein Gewinn!
Dominique Moralez hat sich in
den letzten Jahren besonders in Asien einen guten Ruf als Rossini-Tenor
erarbeitet, an diesem Abend konnte er die Vorschusslorbeeren nur bedingt
verdienen. Er hat ein schönes, schlankes
Timbre, was der Größe des Opernhauses in Nizza entspricht. Technisch
fiel auf, dass er im Übergang von Brust- in Kopfstimme besonders zu Beginn des
ersten Aktes doch ein paar Probleme hatte. Die Koloraturen waren so weit gut,
er bewegt sich gut auf der Bühne und hat ein durchaus angenehmes Äußeres
vorzuweisen. Alles in allem ein brauchbarer Almaviva, für den zur Zeit die
großen Häuser noch nicht das Wahre wären.
Den
Figaro gab Evgeniy Alexiev, der
seinerzeit in Graz auch als Figaro in der Nozze zu sehen war. Groß, schlaksig
wurde ihm von der Regie viel Bewegung abverlangt – ich habe bereits das
Klettern am Stahlgerüst erwähnt, was er aber bravourös meisterte. Er suchte
auch immer wieder Augenkontakt mit dem Publikum und stellte so ein
„Wohlfühl-Gefühl“ her. Stimmlich fühlt er sich am besten in der Mittellage zu
Hause – die höheren Töne sind seine Sache nicht.
Eine
sehr gute Leistung kann man auch über Carlos
Esquivel berichten, der als Don Basilio die notwendige Tiefe hat – seine
Verleumdungsarie war einer der Höhepunkte des Abends.
Eine
sehr aufgeweckte Rosina war Kristin
Chávez, eine in Albuquerque, New Mexico, geborene Amerikanerin, die schon
einige Erfolge gefeiert hat. In Österreich war sie als Carmen in Graz zu hören.
Sie sieht gut aus, spielt hervorragend, ist aber meiner Meinung nach schon ein
wenig über diese Rolle hinaus – die Carmen passt sicherlich besser zu ihr. Ihr
Mezzo ist relativ tief gelegen und daher war sie bei ihren Koloraturen extrem
vorsichtig und risikoavers. Auf der anderen Seite konnte sie dies durch ihr
angenehmes Timbre und die wirklich schöne Mittellage ausgleichen.
Ziemlich
aufgewertet war durch die Bühnenpräsenz die Rolle der Bertha, die mit Virginie Pochon luxuriös besetzt war.
Pochon, die in Lyon gemeinsam mit Rolando Villazon in Roméo und Juliette
gesungen hatte, hat viel Persönlichkeit, sang ihre Arie hervorragend und konnte
auch in den beiden Akt-Finali ihre Fähigkeiten hörbar zur Geltung bringen.
Aus
dem Chor waren der Fiorello (Ioan
Hotensche) und Ufficiale (Eric Ferri)
besetzt, wo besonders Hotensche sehr positiv auffiel.
Das
Publikum hat die Neuproduktion sehr positiv aufgenommen, die Sänger wurden
unumschränkt gefeiert, allen voran Jean-Luc Chaignaud, für das Leading Team gab
es zwei Buh-Rufe, die aber im (relativ kurzen) Jubel untergingen.
Kurt Vlach