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Die Meistersingerhalle in Nürnberg  (Foto: Jutta Missbach)

 

Wenn nicht anders gezeichnet, sind die  Konzertkritiken aus Nürnberg von unserem Konzertfachmann

Egon Bezold

 

 

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg 14.02.14

 

Antonín Dvořák Sinfonien Nr. 4 d-Moll und Nr. 8 G-Dur

Gustav Mahler „Lieder eines fahrenden Gesellen“

Jochen Kupfer, Bariton; Staatsphilharmonie Nürnberg; ML: GMD Marcus Bosch

 

Jochen Kupfer

(Foto: Ludwig Olah)

 

Zügig befeuerte sinfonische Exkursion

Alle Neune werden es sein, wenn Marcus Bosch sein ehrgeiziges mit dem Label Coviello Classics und Deutschlandradio Kultur auf vier Jahre geplantes Projekt „Der Symphoniker Antonín Dvorák“ beendet hat. In den Regalen des Handels befinden sich bereits die Sinfonien fünf und sechs. Nun standen im Philharmonischen Konzert in der Meistersingerhalle die Nummern vier und acht auf dem Programm. In knapp drei Monaten floss die Vierte in d-moll aus Dvoráks kompositorischer Feder. Düsternis umflort das sinfonische Geschehen, das ein wenig in der dunkel röhrenden Einleitung an Franz Liszts Bergsymphonie erinnert. Allenthalben wetterleuchtet schon die reifere Machart der Sinfonien der „Mittleren Schaffenzeit“. Der zweite Satz der Vierten wartet erstmals mit einem sinfonischen Variationensatz auf. Ein wenig fremd mutet im Scherzo der hitzige mit Spannungen und einigen sperrigen Umwegen gepflasterte 6/4-Hauptsatz an, während es im Mittelteil im 2/4 Satz wohl gemütlicher zugeht und das abschließende Rondo von den exzellent disponierten Staatsphilharmonikern prägnant durch artikuliert wird. Als Perle kann man die ernst gestimmte am Rande der sich im Schatten der  im Mainstream sonnenden drei letzten Sinfonien stehende Vierte sicher nicht ansehen.  

Zwischen Dvoráks vierter und achter Sinfonie flossen die Tränen Gustav Mahlerscher Liedkunst. Der Bariton Jochen Kupfer versteht die Kunst, die für den Komponisten typische Gratwanderung zwischen traditionellem Idiom, dem Duktus des Volkslieds und des Komponisten Ich-Ton zur spannungsvollen Hörerfahrung zu machen. Düstere Stimmung, Wehmut, zartes Hoffen, dramatischen Ausbruch und Schmerz eines Unglücklichen  verbreiten die Texte in „Lieder eines fahrenden Gesellen“, die einen tiefen persönlichen Hintergrund reflektieren. Im dichten Wechsel folgen im scheinbar beschwingten „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“ Trivialität und Tragik als wehmütige Ironie eines Verschmähten – eine todtraurige Humoreske. In gebrochener Dimension imaginieren „Die zwei Augen“ Vorstellung von Leid und Abschied, wecken  auch eine tröstliche Vision. Jochen Kupfer, der gleichermaßen als profilierter Lied- wie als Operninterpret einen exzellenten Ruf genießt, weiß wohl wie der Differenziertheit des spezifischen Mahlerschen Tonfalls beizukommen ist. Das Liedschaffen erfordert virile Stimmkraft, ein markantes, profiliertes Aussingen, wenn die Liebe „zum glühend Messer“ wird und die selbstzerstörerische Leidenschaft schattenhaft in klanglichen Symbolen des Todes verstimmt.  

Nach der Pause widerfährt Dvoráks achter Sinfonie G-Dur op. 88, der sog. Englischen, eine ausgefeilte, im Ausdruck wohl temperierte Wiedergabe. Die Philharmoniker imponieren durch fülligen Klang und resolut zupackende Blechbläser. Der dritte Satz wird wirklich „Allegretto grazioso“ gespielt und slawisch glutvoll durchpulst durch die hohen Streicher. Im zweiten Satz lassen dynamische Schattierungen zwischen dreifachem Piano und Fortissimo aufhorchen. Sehr genau nehmen es die Streicher mit den Triolen im ersten Satz. Virtuos mischen die Bläser im Variationen-Finale ihre Pointen, wobei in den dynamisch bis zum Anschlag ausgespielten Tutti die Triller-Attacken zu wenig konturiert erscheinen.  Umso mehr intonieren die Trompeten zugespitzt ihre Kommentare. Viel Beifall für die von Marcus Bosch schneidig gelotste, rhythmisch mit zügigen Tempi befeuerte sinfonische Exkursion.  

Man darf gespannt sein, ob es dem Tonmeister von Coviello, Olaf Mielke, mittels ausgeklügelter Mikrofonierung gelingt, die tückischen Schallreflexionen im Saal mit digitalen Tricks so zu kompensieren, dass auf der CD virtuell eine akustisch optimale Meistersingerhalle im Audio Surround klang tönt. Deutschlandradio Kultur und BR Klassik senden einen Mitschnitt. Eine CD erscheint bei Coviello Classics.

Egon Bezold/17.2.14                                 

 

 

 

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg

Xavier de Maistre

Academy of St Martin in the Fields

 

Foto: Felix Broede

 

 

Die hohe Kunst des Harfenspiels

 

Seine Karriere entwickelte sich atemberaubend bis hin zum Gipfel des Harfen-Olymps. Er ist l972 geboren, kassierte nahezu in allen renommierten Harfen-Wettbewerben  Preise. Über die philharmonische Station in Luxemburg und Bayerns Rundfunksinfonieorchester landete er im Alter von vierundzwanzig Jahren bei den Wiener Philharmonikern als Soloharfenist. Doch damit fand der Aufstieg des französischen Harfenisten Xavier de Maistre noch lange nicht ein Ende. Bald waren seine Orchestertage in Wien gezählt. Und der zweifelsohne zu den weltbesten Harfenisten zählende Virtuose, wohl ein Magier der feinfühlig und vibrierend virtuos die Klänge zu schattieren versteht, wird zum Star des Klassikbetriebes. Was für ein Risiko, musikalisch auf eigenen Füssen zu stehen und den Kampf um die Existenz in den Verwerfungen des Musikbetriebes zu riskieren. Da ist de Maistre mit seiner solistischen Harfenkunst fürwahr ein Singulär im Musikgeschäft. Sony nahm ihn exklusiv unter die Fittiche, und es spricht für seinen Marktwert, dass in einem Zeitraum von rund vier Jahren bereits fünf CDs veröffentlicht wurden. Außerdem bedient der Virtuose die Harfenklasse an der Hochschule für Musik und Gestaltung in Frankfurt am Main. Weiterhin fasziniert er auf dem kammermusikalischem Podium mit Harfen-Recitals und führt in Liederabenden mit der Starsopranistin Diana Damrau vor, wie sich Begleitstimmen staunenswert harmonisch vom Tasteninstrument auf die Harfe transferieren lassen. 

 In Hörtnagels Meisterkonzert-Reihe glänzte er in Nürnberg mit den legendären Londoner Kammervirtuosen von „Saint Martin in the Fields“. Und de Maistre wandelt an diesem Abend auch auf weniger begangenen Repertoire-Pfaden. So entpuppt sich das „Concertino für Harfe und Orchester“ des Engländers Elias Parish-Alvars (1808-1849) als ein wohlfeiles Showpiece. Es macht schon Eindruck wie der Virtuose die polyphonen Strukturen und Ausdruckswerte spieltechnisch zu erhellen versteht mit Glissandi, Arpeggien, Kombinationen von Obertönen und keck die Kantilenen umspielenden Figuren. Wegen seiner Virtuosität wird Parish-Alvars mit Liszt und Paganini verglichen. Wie weich und flexibel, wie zart und innig bringt der Solist dieses frühklassische Kabinettstück zur Wirkung. 

Natürlich mögen Puristen die Nase rümpfen, wenn de Maistre Mozarts F-Dur Klavierkonzert KV 459 für sein Instrument adaptiert. Musste dieser Beutezug in Sachen Mozart unbedingt sein? Bietet das Klavier nicht mehr instrumentale Facetten, vor allem in den klanglichen Kontrasten der Basslinien? Sie es wie es will - mit apartem Hörbalsam wurden die Zuhörer  wohl allemal bedient. Respekt wie de Maistre, der ja aus der spezifischen Tradition des österreichischen Mozart-Stils schöpft, den Beweis erbringt, was sich so alles aus dem Original auf das tonlich anders strukturierte Instrument transferieren lässt. Wenngleich old fashioned gestylt, klingt es doch instrumental edel geschliffen, wenn die Harmonien schweben und virtuos die Skalen durch die Register perlen. 

Da verströmt die Harfe im silbrigen Ton dynamisch gestaltete Dramatik, lässt subtil abgestuft die instrumentalen Farben leuchten. Keine Frage: man kann diesem virtuos aufgezogenen Spiel Eleganz und Esprit attestieren, auch deutlich vernehmbar klangliches Profil, das laut Ohrenzeugen auch die hinteren Reihen noch deutlich konturiert erreicht. Doch zum Höhepunkt des Abends wurde in jedem Fall die virtuose Zugabe „Carnaval de Venise“ von Felix Godefroid. 

Zwei instrumentale Beiträge – jeweils vom Konzertmeister Zsolt-Tihamer Visontay vom ersten Pult aus gesteuert - umrahmten die solistischen Beiträge. Zu Wort kommt eingangs Englands Staatskomponist Nummer 1, Edward Elgar. „Introduction und Allegro“ op. 47 verrät edle Streicher-Brillanz, die auch feine Verwebungen in der Fugen-Durchführung hörbar macht. Da dominiert nicht eine für Elgar spezifisch groß angelegte Orchestertradition, vielmehr eine kleiner besetzte delikate kontrapunktische Kunst. 

Zu guter Letzt imponiert die frühlingshafte Kreativität des sechzehnjährigen Mozart, der den Finalsatz der Sinfonie Nr. 17 KV 129 später einmal mit dem Aktschluss zur „Entführung aus dem Serail“ verglich „...und der Schluss muss einen wirklich großen Lärm machen… je mehr Lärm, desto besser – je kürzer desto besser – so dass dem Publikum nicht kalt wird, bevor die Zeit zum Applaudieren kommt“. Nun froren die Leute in der Meistersingerhalle keinesfalls. Ganz im Gegenteil, es wurde ihnen bei diesem putzmunteren Kehraus richtig warm ums Herz.

Egon Bezold, 6.2.14

 

 

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg 15.01.14

Shanghai Symphony Orchestra

Tschaikowsky 5. Sinfonie und Violinkonzert

ML: Long Yu, Solist: Ray Chen 

Tschaikowsky glamourös aufgezogen

 

 

Ray Chen / Foto Chris Dunlop

 

Dass in Japan schon seit langem die abendländische klassische Musik hoch im Kurs steht, ob  Konzert, Oper oder Solorecital, weiß man zur Genüge. Doch auch in China im Reich der Mitte ist man über die musikalische Kultur aus dem kapitalistischen Westen bestens informiert. Millionen erlernen das Klavierspiel, und es macht Staunen wie das Instrument zum Prestigeobjekt für höhere Töchter und Söhne avanciert. So gilt der Klavierstar Lang Lang, der viel Bewunderte, als Sendebote für Virtuosentum made in China. Gerade im Westen hat ihn das junge Publikum ins Herz geschlossen, weil er so fetzig seine Auftritte zu inszenieren versteht. Bedenklich ist schon, wie hier auf populistische Linie eingeschworene PR-Strategen ein künstlich gezimmertes Leitbild diesem Pianisten zu oktroyieren versuchen. Das soll Klavierkunst als süchtig machende Musik-Droge suggerieren, wo Emotion über alles geht und Musik primär Gefühl zu signalisieren hat, um den Sprung in die Pop Charts erleichtern. Derlei dürfte für Orchester aus China, die sich zusehends auf den Konzertpodien des globalen Musikbetriebes zu etablieren versuchen, so gut wie nie erreichbar sein.  

 Nach zwei Auftritten des Beijing Symphony Orchestra (BSO) in Nürnberg präsentiert nun das Shanghai Symphony Orchestra seine Visitenkarte in der Meistersingerhalle. Es macht schon Eindruck, wie das nach amerikanischem Standard strebende ambitionierte Team als Vorzeigeobjekt das musikalisch kräftig avancierende China repräsentiert.  Freilich: so ehrgeizig die Musiker an ihren Pulten auch immer zu agieren pflegen – das ist schon noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen, um den Anschluss an die westliche Orchesterkultur nicht zu verpassen. Dafür tönt es im Orchester auch zu wenig differenziert, recht kompakt und dynamisch wenig abgestuft, selbst wenn die Streicher mit ihrem leicht metallisch eingefärbten Timbre sich um akkurate Spielweise bemühen und das aggressiv zustoßende Blech mit beachtlichen Phonstärken zu imponieren weiß. Da mag der Paradecoup aller Orchester, das oft genug malträtierte Opus, Tschaikowskys fünfte Sinfonie, als rechter Prüfstein gelten. Ein wenig theatralisch donnert das Schicksal schon, leidet die Seele Qualen, wirkt das Pathos dick aufgetragen, wenn Chefdirigent Long Yu im Allegro con anima des Kopfsatzes auf ein glamourös aufgezogenes Tschaikowsky-Profil setzt. Hier sollte doch das gefährlich Plakative des Werkes in verträglicher Dosis geschmeidiger in den gesamtsinfonischen Zusammenhang integriert werden. In schlichter Innigkeit beginnt der zweite Satz, obgleich die nicht gerade souverän gespielten Hornsoli wenig Noblesse verströmen. Der Walzer erhält eine mäßig parfümierte Eleganz. Lärmiges Profil reflektieren die wilden Eruptionen und das Blech-Geschmetter im Finalsatz. Da wallt die russische Seele schon heftig. Mit Tschaikowsky Fünfter ist man beim Publikum halt immer auf sicherer Seite, vor allem wer der Devise folgt: je lauter, je schneller, je knalliger, desto publikumswirksamer.  

Schließlich präsentiert vor der Pause der schon zügig auf der Karriereleiter nach oben kletternde australisch-taiwanesische  Geiger Ray Chen „Tschaikowsky im Quadrat“, den Violinkonzert-Reißer in D-Dur. Dieser junge Star nimmt mit respektgebietenden geigerischen Qualitäten für sich ein. Das Technische funktioniert bei ihm tadelsfrei. Doch was den musikalischen Geschmack betrifft, besteht hoffentlich nur im Augenblick noch erheblicher Nachholbedarf. Chen investiert Seelenschmalz zuhauf, und er lässt das Gefühlsfett gehörig aus den Noten tropfen. Diese rubatoselige Gangart wirkt stellenweise aufdringlich, vor allem in der pathetisch trivial aufgezogenen Canzonetta, für die Chen allerhand Manierismen bereithält. Was der Geiger so an Schluchzern und Portamenti aus dem Köcher zieht, verträgt sich kaum mit einem Werk, das mit schlüssiger Rhetorik interpretiert sein will. Freilich lässt sich Chen im Vivacissimo zu einem wahren Feuerwerk hinreißen. Das trifft den musikalischen Nerv der Zuhörer, die begeistert applaudieren und mit einem Fritz-Kreisler-Charakterstück, dem Caprice viennois, belohnt werden.    

Erfreulich, dass die chinesischen Gäste als Exportartikel zum Entreé aus dem Fundus national komponierter Erzeugnisse Ohrengefälliges zutage fördern. „Moon Reflected on the Erquan Fountain“ (arrangiert für Streichorchester von Wu Zuqiang) lädt mit suggestiv exotischem Charme zum großen Schwelgen ein.

Egon Bezold/18.1.14

 

 

 

 

Neujahrskonzert 2014

im Staatstheater Nürnberg am, 03.01.13

 

 Musikalische Leitung Marcus Bosch (Foto: Staatstheater Nürnberg)

 

Beschaulich, melancholisch, nostalgisch

Sie haben hat so ihre eigenen Gesetze, die musikalischen Jahreswechselrituale: Leicht, gut genießbar, leicht vermittelbar sollten sie sein. Dann segelt man mit den auf Hochglanz polierten  Ohrwürmern immer auf rechten Kurs. Dass sich aber bombiger Neujahrszauber auch mit zeitgenössischen Werken entfachen ließe, dafür stand Ingo Metzmacher mit seinem spritzigen Programm-Pfeffer einige Jahre in Hamburg gerade. Wer je eine Prise abbekommen hat, kam aus dem Staunen nicht heraus, was ein Oliver Knussen, George Antheil, Dmitri Kabalewski, Jacques Ibert – und man staune – Wolfgang Rihm an Pikantem, provozierend Frechem und augenzwinkernd Charmantem alles in Noten zu setzen vermochten. Nur entdecken muss es halt jemand - und vor allem liebevoll einstudieren und sich mutig gegen Wünsche von Konservativen unter den Musikfreunden stemmen. 

Für ein Orchester von Rang wie die Staatsphilharmonie Nürnberg unter ihrem innovativen Chef Marcus Bosch sollte es doch ein Leichtes sein, einmal „Schräges“, eine mit avantgardistischem Pfeffer gewürzte Gala den frohgestimmten Besuchern zu kredenzen. Nur gut, dass die Staatsphilharmoniker ihren Neujahrszauber diesmal abseits der viel beschworenen Evergreen-Mischung aufzogen. Richard Strauss zu seinem 150. Geburtstag zu ehren, war diesmal Pflicht und Kür für einen Dirigenten, der zur Musik des genialen Melodikers eine besondere Affinität verspürt. Und da konnte einem das Wasser schon im Mund zusammenlaufen bei all den Schoko-Köstlichkeiten, mit denen Richard Strauss mit der selten zu hörenden Suite zu „Schlagobers“  seine musikalischen Späße treibt. Lustig ist die Rahmengeschichte allemal: Ein Firmling darf sich nach einer Fiakerfahrt und Praterbesuch in der Wiener Konditorei Demel mit Süßigkeiten einmal richtig satt essen. Und alles, was das Kinderherz erfreut, weckt Strauss musikalisch zum Leben: Marzipan, Pflaumensoldaten und Honigkuchen kündigen sich im delikaten Spiel der Holzbläser an. Maestro Strauss versteht das musikalisch mit Raffinement zu charakterisieren. So gibt es zum Einzug der Prinzessin Pralinée mit Hofstaat und Springtanz der Knallbonbons allerhand tonmalerische Effekte. Und als der Nimmersatte gar noch wegen Überfütterung Bauchweh bekommt und das Krankenbett hüten muss, erscheint im Traum die sich prunkvoll im Walzerrhythmus drehende Prinzessin Pralinée. A propos Richard Strauss: da darf des Komponisten unwiderstehliche, scheinbar so harmonische, doch voller doppelbödiger Komik steckende „Rosenkavalier“ im  Retro-Look  nicht fehlen. Deftig orchestral aufgeheizt teilen sich in den Walzerfolgen aus dem dritten Akt das bittersüße Pathos, die übermütige Komik und der Firlefanz im Beisl mit. Schließlich trifft Claudia Iten in zwei Orchesterliedern (Cäcilie, Zueignung) die eigentümliche Mischung aus Beschaulichkeit und Melancholie, aus Schwärmerei und Kantabilität mit untrüglichem Instinkt. 

Natürlich zaubern die spielfreudigen Philharmoniker auch im Wiener Walzer- und Polka-Delirium von Johann, Josef und Eduard Strauß sowie von dem 1950 in Nürnberg die Aufführung seiner Operette „Drei Walzer“ besuchenden Oscar Straus. Ihm zu Ehren gibt Leah Gordon das zauberhaft gesungene Lied der Nadina „My Hero“. Mit Schwung legt Marcus Bosch die Ouvertüre zur Operette „Die Fledermaus“ aufs Parkett. Dass Orlofsky „gerne Gäste einlädt“ nimmt man dem dunkel timbrierten Mezzo der Leila Pfister gerne ab. Mit Charme und dem untrüglichen Gefühl für die richtigen Tempi lässt Marcus Bosch die melodischen Phrasen im Dynamiden-Walzer von Josef Strauß schwingen. Und mit „Extrapost“, Polka schnell von Eduard Strauß und „Furioso-Galopp“ von Johann Strauß Vater geht’s High Speed über den Parcours. Und Richard Strauss steht auch am Ende des offiziellen Programmteils: da schweben Klänge, glitzern Akkorde von Celesta und Flöten zu zart aufkeimender Liebe in der „Rosenüberreichung“ – vom jungen Paar Sophie und Oktavian (Gordon, Pfister) stimmungsvoll dargeboten. Im wundervollen Schlussterzett „Hab‘ mir’s gelobt…“ vereinen sich die Stimmen von Claudia Iten, Leah Gordon und Leila Pfister zu einer Kantabilität, die man gerne etwas glanzvoll leuchtender, orchestral auch besser abgestuft wahrgenommen hätte. Die zugabenfreudigen Staatsphilharmoniker lassen sich nicht lange bitten. Und der Unvermeidliche? Der kam nach dem zugebenen Kaiserwalzer – der Radetzky-Marsch, wie üblich in der Adaption für Publikum und Orchester. Das Haus jubelte. Same procedure as every year? Dieses Schlachtross hätte man gerne einmal in der Originalfassung (ohne lautes Geklatsche) gehört, vielleicht mit neuen Ohren wie einst bei Nikolaus Harnoncourt mit den Wiener Philharmonikern im Musikvereinssaal erfahrbar - wie überhaupt es nichts schaden könnte, sich einmal über das Auslaufmodell „Neujahrskonzerte“ Edition Wien, Imperium „Strauß“, Gedanken zu machen.

Egon Bezold 04.01.14

 

 

 

Nürnberg, Staatstheater am 03.01.2014

Neujahrskonzert der Staatsphilharmonie  mit GMD Marcus Bosch 

Ein prachtvoller Strauss- und Strauß-Strauss  

Es ist für den Oberfranken, der aus Bayreuth anreist, wirklich wunderbar eingebettet: das Neujahrskonzert der Nürnberger Staatsphilharmonie. Es liegt zeitlich ideal, nämlich genau zwischen dem Wiener und dem Bayreuther Neujahrskonzert, und es hat, naturalmente, mit Strauß und Strauß zu tun: mit der Walzerfamilie und dem großen Jubilar des Jahres 2014, der heuer seinen 150. Geburtstag feiert und auf seine Weise ein Walzerkönig wurde: der aus oberpfälzischem Geschlecht stammende, auch in Bayreuth dirigierende Richard Strauß. Allein es fehlt auch nicht Oscar Straus, der Komponist des unsterblichen „Walzertraums“.

„Von Strauß zu Strauss“: so hat der GMD Marcus Bosch das bejubelte, mit saftigen vier Zugaben ausgestattete Programm im Opernhaus überschrieben, das bis zum Dreikönigstag viermal über die Bühne ging. Konzerttanz, Operette und Oper, in diesem Dreiklang erwies sich die Harmonie des Konzerts, das zwischen der Fledermaus-Ouvertüre, einem „Schlager“ aus Oscar Straus' „Chocolate Soldier“ und einigen bewegenden Höhepunkten aus dem „Rosenkavalier“, der straussschen Walzeroper par excellence, vermittelte (bevor man im Haus Anfang Februar mit der Faschingsoper „Arabella“ in den Karneval einsteigt). Wenn die befrackte Leila Pfister den Orlofsky schwipst und den Octavian in der silbernsten aller Rosenüberreichungen bewegend empfindsam singt, wenn Miss Leah Gordon zusammen mit ihren Kolleginnen stilsicher in Gershwins „By Strauss“ einsteigt und Claudia Iten mit „Cäcilie“ und der berühmten „Zueignung“ mit großem Ton zwei hymnische Strauss-Lieder bringt – dann ist das Glück des Neujahrskonzert-Aficionados perfekt.

Kommt hinzu eine Staatsphilharmonie, die das macht, was sie unter Bosch wieder gelernt hat: mit schlankem wie brillantem Ton aufspielen, wovon vor allem die grandios instrumentierte Suite aus Strauss' Zucker- und Sahneballett „Schlagobers“ kündet. In diesem Fall darf der Rezensent wirklich einmal das verbrauchte Wort „beschwingt“ benutzen – bis hin zum Kaiserwalzer und zum politisch reaktionären, aber musikalisch genialen Radetzkymarsch. Man begreift zum wiederholten Mal, wie vielseitig dieses souverän geleitete Ensemble ist – und dass „Hochkultur“ auch eine Sache des höchsten Vergnügens ist, die nicht auf dem Rechenbrett finanzpolitisch motivierter Kürzungen geopfert werden darf.

Auch für diese Überlegungen ist ein Neujahrskonzert gut. Schade, dass nur einmal im Jahr – Neujahr ist.

Frank Piontek, 04.01.13

 

 

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg, 17.12.2013

J.S. Bach,  Weihnachtsoratorium

Windsbacher Knabenchor,  Kammervirtuosen des Sinfonie-Orchesters Berlin

Ltg.: Martin Lehmann

 

Lebendig, rhythmisch, spannkräftig

 

Nach wie vor als das große Werk für die weihnachtliche Zeit gefeiert, sind die sechs Teile des Bachschen Weihnachtsoratoriums sowohl in heutiger wie in historischer Aufführungspraxis kaum als durchgehendes Werk in Kirchen und Konzertsälen erfahrbar.

In Nürnberg wählte Martin Lehmann, der neue Leiter des Windsbacher Knabenchors, aus den populären Kantaten die festlich-fröhliche Nummer eins, kombinierte sie mit den Kantaten zwei und drei und beendete die „Botschaften der Freude“ mit der alles krönenden Brillanz der Trompeten im Schlusschor der sechsten Kantate. Lehman gilt als ein Feinzeichner. Er führt in der Meistersingerhalle in Nürnberg einen klangrednerisch orientierten Bach-Stil vor, der sich an die historische Aufführungspraxis anlehnt. Die alte philharmonische Tradition spielt bei ihm so gut wie keine Rolle. Er meidet das weich konturierte flächige Spiel, wählt schnelle Tempi, auch im tänzerischen Charakter der Chorsätze und realisiert so eine viel applaudierte Aufführung, die angefangen von den effektvollen Solosätzen bis hin zu den Chorälen einen großen Bogen spannt. Somit fügen sich Lesung, Reflexion und Gebet zu einer logischen Einheit. Lebendig, rhythmisch spannkräftig und stets den Textbezug wahrend, so deklamieren die Choristen – sie zeigen sich in bester Verfassung und zählen mit Fug und Recht zu den allerbesten in der Garde der Knabenchöre. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass den blendend disponierten Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin eine dynamisch sensiblere Gangart beim Begleiten gut angestanden hätte. Bei allem Respekt wie die Trompeten mit strahlendem Glanz den himmlischen Jubel über die Geburt des Gottessohnes umspielen  – zum  allzu vorlaut aufgedrehten Trompetenkonzert sollte der festliche Jubelton nun auch wieder nicht ausarten. Da zieht einen eingangs eher die virtuose Lebendigkeit des Orchesters als die Verkündigung der Freudenbotschaft durch den Chor in den Bann. Freilich treten in den expressiv ausgesungenen Chorälen die Stärken der Windsbacher hervor: ein kantiger, hellstimmiger, würziger Klang, der nicht nur expressiven Duktus in den Forti verrät, auch schlicht dezent Botschaften verkündet, wie im Choral „Wie soll ich dich empfangen…“ aus der ersten Kantate. Beachtliche Wandlungsfähigkeit beweisen die Windsbacher Knaben in den ersten drei Chören der dritten Kantate. „Herrscher des Himmels“ signalisiert mitreißendes tänzerisches Format. Von Geheimnis umflort, hintersinnig, so tönt „Lasset uns nun gehen nach Bethlehem“.  

Reizvoll erscheint es schon, das aktuelle chorische Profil unter Martin Lehmann mit dem seines Vorgängers zu vergleichen. Wenn Beringer den Chorälen einen Schuss an dramatischen Pep gab, so wirkt dies unter Lehmann eine Idee feingliedriger, auch zurückgenommener in der Diktion. Aber geschlossener, großbogig dramatisch durchpulst wusste Karl Beringer mit seiner Gangart in den Bann zu ziehen. Man gewinnt aber auch den Eindruck, dass die Sopranstimmen – das mag auch der Tagesform geschuldet sein -  unter dem neuen Chordirigenten ein wenig an Leuchtkraft eingebüßt haben. Keine Frage:  Man lauscht unter der neuen Führung zweifelsfrei einem beschwingt dahin fließenden differenziert geformten Bach, mitunter auch nachdenklich besinnlichen Oratorienton - einer sich verlangsamenden Lyrik, die mitunter meditative Zeichen setzt.  

Sehr stimmungsvoll gelingt den Berliner Solisten die „Sinfonia“, die schwebende Engelsmusik der Streicher und Flöten. Leider beweisen die Verantwortlichen bei der Auswahl der Solisten keine durchwegs glückliche Hand. Dass mit der Sopranistin, der aus Prag stammenden Hana Blaziková und dem markant deklamierenden Schweizer Bass Rudolf Rosen zwei auffallend gegensätzliche Sängertypen unter Vertrag genommen werden, wundert einen schon, denkt man an die frühere glänzende Besetzung mit Sybilla Rubens und den artikulationskräftigen Thoma Laske zurück. Ganz gelingt es Rosen wohl nicht, im einzigen Duett zwischen Sopran und Bass die wünschenswerte dynamisch gleichgestimmte Harmonie herzustellen - Hana Blazikovás zart-lyrischer, in den Höhen metallisch eingefärbter  wenig stimmfülliger Sopran gerät doch ein wenig ins Hintertreffen. Gleiches gilt auch für die ein wenig substanzarm gesungene Arie „Nur ein Wink von seinen Händen“. In der Arie „Großer Herr, o starker König“ dreht Rudolf Rosen kräftig an der dynamischen Schraube, so dass einen das opernhafte Timbre buchstäblich in romantische Gefilde einer Oper versetzt. Benjamin Bruns, engagiert an der Wiener Staatsoper, trägt einwandfrei lyrisch beredsam die Evangelisten-Partien vor, ohne in den reich ausgezierten Arien in den Höhen restlos zu überzeugen. Den stärksten Eindruck hinterlässt allerdings die Mezzosopranistin Rebecca Martin, die das Publikum mit warmer Stimmgebung und mitfühlender Gestaltung zu fesseln versteht. Zärtlich-wiegend geraten die Begleitstimmen. Auch ihre erste mit großer Innigkeit gesungene Alt-Arie „Bereite, dich Zion“ fasziniert in den lang ausgehaltenen Anfangstönen. Glanz verbreitet auch das ausdrucksvoll gesungenes „Schließe mein Herze, dies selige Wunder“.

Die immer gern gesehenen Kammer-Virtuosen (aus dem Verband des Deutschen Sinfonie-Orchesters Berlin stammend) waren auf allen Posten trefflich besetzt. Homogen phrasieren die nahezu vibratofrei spielenden hohen Streicher. Celli und Bässe markieren das tief gelegene metrische Gerüst. Eine würdige Ruhe atmet das Alt-Rezitativ „Nun wird mein liebster Bräutigam“, wohlig stimmig umspielt von den Oboen d’amore und dem Continuo.

Der stimmungsvollen akkurat einstudierten Aufführung - unermüdlich bewegungsintensiv befeuert durch Martin Lehmann am Pult - wird von den Zuhörern in der bis auf den letzten Platz gefüllten Meistersingerhalle mit lang anhaltendem Beifall bedacht.

Egon Bezold 17.12.13                               Foto: Mila Pavan  

 

 

 

 

Konzert Meistersingerhalle Nürnberg am 08.12.2013

Britten: Saint Nicolas „Cantata“

Bach: Weihnachtsoratorium

 Gerhard Rilling nimmt Abschied vom Philharmonischen Chor Nürnberg

 

Bach turbodynamisch befeuert

Sechsunddreißig Jahre lang wurde der Philharmonische Chor Nürnberg von Gerhard Rilling geleitet. Mit einem sehr gut besuchten Chorkonzert in der Meistersingerhalle ging diese Ära nun zu Ende. Rilling ist ein hellhöriger Chordirigent, einer mit Charisma für alle chorischen Belange. Der führte seinen wendig agierenden Chor durch ein viele Stilrichtungen umfassendes Repertoire.  Da leuchten nicht nur die großen oratorischen Edelsteine, die immer wieder gern gehörten Kreationen von Haydn, Mozart, Brahms, Bruckner, Verdi. Eine lobenswert zuverlässige Qualität beweist der intonations- und artikulationsgenau geführte Chor auch in den Revieren der zeitgenössischen Musik. Dazu gehören Werke von Gershwin, Copland, Bernstein, Rutter, Webber, MacCartney, Schönberg, Britten. Auch wurden von Gerhard Rilling außer den eigenen Konzertveranstaltungen in Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern wie den Nürnberger Symponikern, der Staatsphilharmonie Nürnberg, dem Barockorchester La Banda, den Münchner Symphoniker, der Philharmonie St. Petersburg, Royal Philharmonic Orchestra London sowie namhaften Dirigenten ganz spezifische Projekte einstudiert. Viel Lob erntete der Chor für die von Rilling vorbereitete Wiedergabe von Jianping Tangs „Buddhist Symphony“ in der Sprache Mandarin. Am Pult stand der junge chinesische Dirigent Chen Ye.  

Keine Frage: Die großen Erfolge gründen sich auf Rillings Enthusiasmus, vor allem auf die Intensität, mit der er die Werke akkurat einstudiert. Wie er mit leidenschaftlichem Furor mit den engagiert mitziehenden Choristen die Spannung aufbaut, war zu Beginn des Chorkonzerts in „Memoriam Benjamin Britten“ zu dessen 100. Geburtstag zu erleben. Oft hört man sie ja nicht, die 1948 fertiggestellte Saint Nicolas „Cantata“ op. 42 des  Doyens der britischen Moderne. Die handelt vom legendhaften Leben des Heiligen von der Geburt bis zum Tod, von seiner Sorge um die Armen und Unterdrückten. Erstaunlich wie es Britten mit instrumentalem Apparat (Streicher, Orgel, Klavier, Schlagzeug) und Chorstimmen gelingt, die unterschiedlichen Facetten des populären Heiligen und seiner Verehrung zu beleuchten. Mit dunkel raunendem Timbre führen die Choristen in die Anfänge des Lebens von Nicolas.  Im tänzerischen Duktus und mit humorigen Einlagen werden die Geburt und einige Geschichten aus der Kindheit dargeboten. Viele Begebenheiten ranken sich um die Figur des Heiligen: dass er Offiziere in Gefangenschaft vor dem Tode, junge Frauen vor der Prostitution bewahrte und drei vermisste Kinder aus den Händen von Kannibalen rettete. Verehrt wird der Heilige Nicolas als Schutzpatron der Kinder, der Seeleute und der Reisenden. Unabdingbar für diese Rolle ist ein professioneller Tenor. Buchstäblich im letzten Augenblick springt Jens Lauterbach für den erkrankten Markus Brutscher ein, riskiert stilgewandt den heiklen Spagat zwischen den Intervallen und kommt trotz weniger Unpässlichkeiten in den hohen Regionen recht gut über die Runden. Schlussendlich tragen Choristen und der trefflich vorbereitete, vom Rang aus singende Jugendchor des Christian-Ernst-Gymnasiums Erlangen sowie die Nürnberger Symphoniker in den polyphon gearbeiteten Sätzen einprägsam zur Schilderung von Saint Nicolas‘ legendhaften Geschichten bei. Sensationell: das Publikum präsentierte sich in blendender Verfassung. Es durfte nach vorausgegangener Probe in der Rolle der „Congregation“ instrumental- und chorbegleitet aus den aufliegenden Notenblättern singen, und man feierte sich tüchtig selbst. War ja auch redlich verdient, oder nicht? 

Nach der Pause bringt Gerhard Rilling den philharmonischen Chor in Bachs Weihnachtsoratorium zu klangvoller Wirkung. Man spürt die kundige Hand in der Führung des Philharmonischen Chors. Der Anfangsjubel „Jauchzet, frohlocket…“ signalisiert ausgesprochen sportives Format, wird turbodynamisch befeuert, wenn die jubilierenden Trompeten strahlend die Freude über die Geburt des Gottessohnes verkündigen. Auch die weihevolle Aura kommt in der schwebenden Engelsmusik der Streicher und Flöten nicht zu kurz. Mit gut fokussierter Stimme gibt die Mezzosopranistin Renate Kaschmieder die Schlafe-Arie für das Jesus-Kind. Zwar lyrisch beredsam, doch im hohen Register gelegentlich einige Schwächen zeigt Tenor-Evangelist Jens Lauterbach. Mit seiner wandlungsfähigen Stimme gibt Andreas Scheibner der majestätischen Bass-Arie „Großer Herr, o starker König“ markantes Profil, imponiert auch im Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“ mit der schönes Stimmtimbre vorführenden Corinna Schreiter. Der Philharmonische Chor singt beweglich, wobei die klangliche Balance durchwegs gewahrt bleibt. Zu vernehmen sind schöne Instrumentalsoli und unfallfrei ihren Part blasende Trompeten. Eine große würdige Ruhe verbreiten die Oboen und das Continuo im Rezitativ…“nun wird mein liebster Bräutigam“. Zuverlässig sekundieren die Nürnberger Symphoniker. Gerhard Rilling gelingt zu seinem Abschied eine sympathisch berührende Aufführung, der die Zuhörer begeistert applaudieren. Im Mai nächsten Jahres darf der Nachfolger Gordian Teupke seinen Einstand feiern.

Egon Bezold , 09.12.2013

Foto:  Joachim Volkamer Gordian Teupke überreicht dem scheidenden Dirigenten Gerhard Rilling Rosen.

 

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg am 02.12.2013

Konzert des Orchestre National de Belgique

César Franck, Rachmaninoff, Beethoven

Boris Berezovsky Klavier; Andrey Boreyko

 

              Boris Berezovsky

 

Hatz über die Tasten

 

Einer zu den Großen der Pianistenriege zählender allenthalben hoch gelobter Star, der in Belgien lebende russische Pianist Boris Berezovsky (44), präsentiert seine Visitenkarte in der Meistersingerhalle. Das Allerschwerste führt er im Reisegepäck, das dritte Klavierkonzert d-Moll op. 30 von Sergej Rachmaninoff. Wie ein Hexenmeister rückt er dem Elefanten-Brocken zu Leibe. Derart klavieristisch Mörderisches wurde wohl bis dato kaum komponiert. Einem Magier gleich entwickelt Berezovsky fulminante Treffsicherheit. Aber auch eine Gestaltungsfähigkeit, die Rachmaninoff nicht einfach analytisch zerlegt und damit zur flach klingenden glamourösen U-Musik degradiert, sondern durch theatralische Gesten und wohl dosiertes Pathos im Sinne russischer Romantik profiliert. So leuchten bei dem russischen Pianisten Steigerungsperioden im schwelgerisch-rhapsodischen Glanz. Berezovsky hat das untrügliche Gespür für die mondäne Tragik einer zwielichtigen, oft genug missverstandenen Musik. Ebenso für ihre ausschweifende sensitive Lyrik, die der Pianist feinfühlig mit bestechender Anschlagskultur vorführt. Wie sich die Akkordtreppen im Diskant aufschwingen, wie 32tel Sequenzen tönen, wie das hochvirtuose Geschehen bis zur Schlusskadenz vorangepeitscht wird, zeugt von fabelhafter Klavierkunst. Konturengeschärft, aggressiv in den stampfenden Bässen, kündigt sich das auf ausladende Kraftentfaltung angelegte Finale an. Die Sprungbereitschaft Berezovskys, die spontan einsetzende melodische Ziselierungsarbeit – all das sind Momente großer Meisterschaft. 

Das Orchestre National de Belgique begleitet unter seinem Chefdirigenten Andrey Boreyko stets aufmerksam, geschmeidig genug, um der orgiastischen Hatz auf Tasten Paroli zu bieten. Allerdings wirkt der Schluss orchestral recht dick aufgetragen. Umso mehr werden die Bläsersoli nach der irrwitzig schweren Kadenz im ersten Satz überaus gesangvoll intoniert. Begeisterte Zustimmung des Publikums.

Zum Auftakt werden die Zuhörer in der Meistersingerhalle auf César Franck eingestimmt, und zwar auf den Orchestersatz „Psyché et Eros“ aus der arg vernachlässigten Tondichtung „Psyché“, einem groß angelegten fünfsätzigen Werk für dreistimmigen Chor und Orchester. Andrey Boreykos Wiedergabe lässt lyrisch entrückt und innig die Ausdruckswelt der langsamen Sätze von Anton Bruckner wetterleuchten. Der Dirigent sorgt für stimmige Balance zwischen kontemplativ aufgezogenen Abschnitten und effektvoll dramatischen Gesten. All das formt Boreyko zur schlüssigen Gestalt. 

Spieltechnisch geht den Routiniers aus Brüssel Beethovens Dritte ohne Zweifel perfekt von den Instrumenten. Hellhörig liest Boreyko den sinfonischen „Eroica“-Text. Da gibt es im gefürchteten heftig unter Feuer gesetzten Kopfsatz schwebende, rhythmisch straff pulsierende Abläufe mit prägnant artikulierenden Bläsern. Die in Fehde liegenden Einbrüche, die ja für die Radikalität des Werkes stehen, erhalten in der Durchführung prägnante Konturen. Werktreue, analytische Genauigkeit in allen Ehren. Das mag sicherlich en vogue sein. Doch zu einer lang währenden Hörerfahrung sollte die Interpretation nun auch wieder nicht werden, wenn der Dirigent alle Wiederholungen spielen lässt. Da sollte zumindest nach der Durchführung unterbleiben. Gerät da nicht das Satzgefüge in Schieflage, wenn durch diese Gangart der konfliktreiche dramatische Mittelteil viel zu wenig gewichtet erscheint? Im zweiten Satz kommt der Tod mit Wucht - ein innig ausgehörter Düsternis ausstrahlender, im künstlich gebremsten Gang daher kommender Trauermarsch, der breit ausladend fast in die Nähe eines kolossalen Gemäldes rückt. Das signalisiert einen richtigen Pomp funèbre – breitwandig eindimensional aufgezogen, was durch Wiederholung besonderen Nachdruck erhält. Das schattenhaft huschende Scherzo wartet mit akkuraten Pointierungen auf und fabelhaft geblasenen Hornsignalen im Trio. Da kommt auch die Jagd-Romantik prächtig zu ihrem Recht. Spieltechnisch beeindrucken die tänzerische Leichtigkeit sowie die klar geformten Fugati im Finale, worin sich in den vielfältigen Variationen zauberhaft das motivische Potenzial spiegelt. Dass jedoch so mancher instrumentale Effekt an Überbetonung leidet, etwa das geradezu majestätisch zerflatternden Poco Andante, mag insgesamt den Eindruck wecken, dass die in Superbesetzung interpretierte „Eroica“ Boroyko eher als einen Musiker älteren Schlags profiliert. Da hat unlängst Marcus Bosch mit seiner lobenswerten kammermusikalischen Lesart mit der Nürnberger Staatsphilharmonie im Rathaus eine in jeder Beziehung ausgewogene, schlüssige Lesart vorgeführt, die jeden Verdacht eines Romantizismus vergangener Zeiten aus dem Weg ging. Rücken nicht Dirigenten der mittleren Generation vnon Macht, Kernigkeit, Saftigkeit der Darstellung ab?  Erinnert sei nur an Paavo Järvi (Kammerphilharmonie Bremen) oder Riccardo Chailly mit dem Gewandhausorchester Leipzig, der seinen Beethoven Exkurs (Decca) zu einem inspirierenden Hörerlebnis macht. 

Das Publikum reagierte jedenfalls begeistert, wurde mit Georges Bizet Farandole aus der ersten L’Arlésienne Suite als Zugabe bedient.

Egon Bezold 3.12.13                        Foto:  Konzertdirektion Georg Hörtnagel

 

 

 

Nürnberg, Meistersingerhalle 9.11.13

Konzert der Nürnberger Symphoniker

Rossini, Mahler, Rota, Wagner

Von Beethoven ausgeborgt

 

Dirigent: Theo Wolters

(Foto: Peter Kessels)

 Eine originelle Programmidee, den kulturellen Treffpunkt Venedig zum Brennpunkt des Symphoniker-Konzertes in der Meistersingerhalle auszuwählen. Unter historischen Gesichtspunkten erwuchs die Bedeutung der Hauptstadt der Region Veneto bekanntlich nicht durch wenige in der Stadt wirkende  Musiker und Komponisten vom Schlag eines Benedetto Marcello, G. Gabrieli, Antonio Vivaldi, Carlo Monteverdi. Die Faszination der Stadt zog bekanntlich musikalische Persönlichkeiten schon immer in den Bann. So stellte Jubilar Giuseppe Verdi den in der Lagunenstadt handelnden „Othello“ auf die Bühne. Aus der Feder von Gioacchino Rossini stammt ebenfalls eine gleichnamige Oper, die zwar 1816 in Neapel aus der Taufe gehoben wurde, auch große Erfolge einheimste bis Verdis Meisterwerk sie leider ins Abseits stellte. Immerhin: die Ouvertüre holt man gerne aus der Versenkung. Für die hebt auch Theo Wolters am Pult der Symphoniker den Stab, stachelt das berühmte Crescendo an und widmet dem tragischen Geschehen robusten Drive. 

Weiter geht es - ganz dem Motto des Abends folgend - mit „Tod in Venedig“. Das ruft den legendäre Visconti-Film ins Gedächtnis, insbesondere einen sinfonischen Hit, dem im Film verwendeten Adagietto aus Mahlers Fünfter, das die Streicher lustvoll in die Zone des filmischen Kitsches transferieren, getragen von sentimentalen Drückern. Dabei könnten harmonische Spannungen durch permanentes Beschleunigen und Verzögern, durch Anschwellen und Abschwellen erzielt werden. Nicht so bei Wolters. Hier werden leider die Klänge auf das Genüsslichste zerdehnt anstatt im recht verstandenen Sinne als ein ruhig gefasstes Präludium bereits auf den Finalsatz hinzuleiten. Der wird zwar nicht gespielt, aber eine Vorahnung könnte dieser willkürlich aus dem sinfonischen Zusammenhang gerissene Satz schon avisieren. 

Als nächster Programmpunkt folgen sprudelnde solistische Akzente von Nino Rota, der als Filmkomponist eine bemerkenswerte Karriere absolvierte, neoromantisch inspirierte Klänge skreierte und als Auftragswerk für das Teatro alla Scala di Milano das höchst populäre immer noch im Repertoire geführte l966 uraufgeführte Ballett „La Strada“ komponierte – angelehnt an den Stoff des berühmten, 1954 mit dem Oscar ausgezeichneten Film Federico Fellinis. Im „Concerto soirée für Klavier und Orchester“ (1961/62) reicht das musikalische Spektrum von virtuosen grotesk-sprudelnden Registern, tänzerischem Schwung bis hin zu lyrisch melodischen Episoden. 

 

Foto: Andrea Sacchi Staropoli

 

Von der italienischen Pianistin Enrica Ciccarelli waren wohlbeherrschte, mit leuchtendem Ton modellierte Ausdrucksenergien zu hören. Das virtuose Feuer Nino Rotas wird in den grifftechnisch heiklen Abschnitten mit erstaunlicher Virtuosität entfacht und auf Dauerflamme gehalten. Da zeigt sich die Faszination des Italieners an hächst virtuosen Spieltechniken, die Enrica Ciccarelli mit respektgebietenden pianistischen Mitteln bediente. Das Publikum geizte nicht mit lang anhaltendem Beifall. Scarlatti und Scriabin gibt es Zugaben. 

Dass im Wagner Jahr 2013 der Magier nicht nur mit den sattsam bekannten Operntrümpfen zu Wort kommt, sondern auch mit seltener gespielten Werken, dafür bietet das  kaleidoskopartig gebaute Programm willkommene Chance. In der hinteren Ecke des Notenschranks fand man Wagners einzige komplett komponierte Sinfonie C-Dur (1832) – ein viersätzig angelegtes Werk, das die Nähe und Nachfolge zu Beethoven keinesfalls leugnet. An kontrapunktischer Kunstfertigkeit mangelt es zwar nicht, schon eher an Originalität im sinfonischen Duktus. Die Symphoniker setzen pointierte Akzente, imponieren mit routiniert dahin sprudelnder Geläufigkeit. Das hört sich wohllautend geschmeidig ausgeformt an, zumal Beethoven im Hintergrund seine Aufwartung macht und ausgeborgte Widerborstigkeiten dem Werk durchaus Spannung verleihen.

Es gab viel Beifall auf allen Plätzen.

Egon Bezold, 11.11.2013

 

  

 

 

Rezital von Rudolf Buchbinder

Meistersingerhalle Nürnberg, 31.10.13 

Geschmackvoll modellierte Ausdrucksenergien

Ein Kosmopolit, der weltweit großes Ansehen genießt, einer der in den bedeutendsten Konzertsälen der Welt mit erstrangigen Orchesters zu musizieren pflegt – das ist der Pianist Rudolf Buchbinder (67). Unlängst hob er im niederösterreichischen Grafenegg ein eigenes Festival aus der Taufe. Mehr als einhundert Einspielungen dokumentieren die Vielfalt seines Repertoires, unter anderem mit einer viel gelobten Gesamteinspielung der Klavierwerke von Joseph Haydn, die sich einen „Grand prix du disque“ verdiente. Der Revolutionär Beethoven, sein Pathos, die mitreißende Macht seiner Tonsprache, wird unter seinen Händen zur faszinierenden Hörerfahrung. An einem Tag alle fünf Beethoven-Klavierkonzerte vom Flügel aus dirigierend zu meistern, damit hat er ja bereits in Wien Aufsehen erregt. Gerne tanzt der Vielbeschäftigte auf zwei Hochzeiten. Also Solist wie als Dirigent richtet er vom Flügel aus seine dirigentischen Impulse an das Orchester.  

Wie unter Buchbinders Händen Klavierwerke zur spannungsvollen Hörerfahrung geraten, war in der großen Meistersingerhalle in Nürnberg zu erleben. So verkündet Beethovens dritte Sonate aus der Werkgruppe op. 3, wie ein unspektakuläres frühes Werk die Gattung der Klaviersonate zum Erkundungsfeld für den Komponisten macht. Die geschliffene interpretatorische Sorgfalt des Solisten macht Eindruck. Die melodischen Konturen leuchten. Oktavbrechungen, Arpeggien und Trillern unterstreichen die pianistische Virtuosität. Ein Werk der frühen musikalischen Reife, die bereits die spätere Waldstein-Sonate ahnen lässt. Brillant wird der Humor im Rondo allegro assai ausgespielt, aber auch die kleinen Widerborstigkeiten akzentuiert. 

Wie „Feuer aus dem Geist schlägt“ führt Buchbinder auch in der kraftvoll-poetischen f-Moll Sonate „Appassionata“ op. 57 vor. Sein untrügliches  Formgefühl, der ausgeprägte Sinn für das Maßhalten, bewahrt die pausenlos durch die Stimmen rasenden Seelenstürme davor, die Durchhörbarkeit des Notentextes zu gefährden. Selbst im Vollrausch des zerstörerisch zuschlagenden finalen Presto erschließt sich stringent der kompositorische Hintersinn. Es macht schon Eindruck, wie vielschichtig dieser Anschlagskünstler mit eminentem Klangsinn und stupender Technik in die Tiefen der Beethovenschen Kunst einzudringen vermag. 

Treffend gibt auch Franz Schuberts letzte Klaviersonate B-Dur D. 960 Auskunft über Buchbinders pianistische Kunst, wie er den weit ausgreifenden Bau mit der Souveränität eines Klangästheten zu enthüllen versteht. Sein Spürsinn offenbart auch eine musikalisch-formale Ökonomie. 

Zu hören waren erregte Partien und wohl beherrschte, mit leuchtendem Ton modellierte Ausdrucksenergien. Die langsamen lyrischen Passagen ziehen in entrückter Innigkeit vorüber. Buchbinder bewältigt das Stück wie aus einem Guss, und er versteht es auch, die seelischen Abgründe des Musikdramatikers Franz Schubert zu ergründen. Doch sein untrüglicher Geschmacksinn gibt einem tränenreich schluchzenden „Schubert Franzl“ so gut wie keine Chance. So gleicht das unsäglich traurige, melodisch klagende Andante sostenuto im zweiten Satz einem trauervollen Wanderweg in die Gemütslage des Komponisten. Der Aufruhr der Gefühle, die von Düsternis umflorte Stimmung, macht betroffen. In der Tat könnte die Musik zum peinigenden Dokument des Ausweglosen werden, hätte Schubert nicht das sich anschließende musizierfreudig gesangreiche Allegro ma non troppo des vierten Satzes geschrieben als einen Hoffnung verheißenden Abschluss. Welch fabelhafte interpretatorische Tugenden führt Buchbinder doch vor: ruhig geht der Atem in den lyrisch meditativen Oasen, virtuos ist der Sprint, und kontrastreich schälen sich die harmonischen Wechsel heraus. 

Als Zugabe entführt der Pianist die Zuhörer mit „Paraphrasen nach Melodien von Johann Strauß“ in die akrobatische Welt glitzernder pianistischer Showpieces. Ein viel bejubelter Rausschmeißer.

Egon Bezold   01.11.2013                     Foto: Philipp Horak

 

 

 

Kleine Meistersingerhalle Nürnberg

2. Kammerkonzert am 25.Oktober 2013

Berlin Trio: Mendelssohn, Schumann, Blacher

Zeitgenössisches Kabinettstück

Die Probleme kennt man zur Genüge, wenn drei Musiker sich zusammentun, um in Spiel der Gattung „Klaviertrio“ ihr musika-lisches Glück zu suchen. Oft genug – ähnlich dem Streichquartett – geraten die Naturelle in Konflikt, reiben sich einander auf eine Art, die der Interpretation abträglich sein kann. Denn in keiner kammermusikalischen Formation drängen sich Probleme der Klangbalance derart ohrengefällig auf. Nun sind drei Solisten nicht immer Garant für ein homogenes Spiel. Doch im Falle des 2007 in Los Angeles debütierenden „Berlin Trios“ geht die Rechnung sicherlich auf. So stellte sich beim Privatmusikverein in der kleinen Meistersingerhalle in Nürnberg ein klanglich gut harmonierendes Team vor: die international renommierte Geigerin Christiane Edinger führt beste kammermusikalische Tugenden vor, widmet ihrem Part stupende Technik und erwärmende Tongebung. Der Cellist Lluis Claret, erfahren in der Wiedergabe zeitgenössischer Musik und ihm gewidmeter Werke u.a. von Dutilleux, Lutoslawski, Boulez und Xenakis, erweist sich als ein einfühlsamer Dialogpartner – kernig, sonor im Klang, mehr als nur eine Bassstütze. Ihre solistisch virtuosen Naturelle können die drei Partner  nicht leugnen. Das Ensemble klingt homogen und ausgewogen, was bei Klaviertrios leider alles andere als selbstverständlich erscheint, ebenso wenig selbstverständlich ist das Interpretationsniveau. Zu erleben ist ein spannungsgeladenes Musizieren, nichts zu spüren von gleichgültig empfundener Routine.

Trotz alledem: so heil war die Trio-Welt an diesem Abend nun auch wieder nicht. So sehr der Pianist Klaus Hellweg seine überlegene pianistische Geläufigkeit auch immer den Zuhörern in die Ohren spielt und seine Koordinationsaufgabe im Ensemblespiel mit Sorgfalt versieht - so richtig glücklich wird man mit diesem trocken geklopften, dumpf tönenden Klavierklang auch wieder nicht. Da mag bei diesem klangästhetischen Manko möglicherweise auch eine nachlässig gepflegte Obhut des Steinway Flügels in der kleinen Meistersingerhalle eine Rolle spielen. So trotzt Klaus Hellwig einem schwergängig erscheinenden Instrument – und er hat an diesem Abend fürwahr alle Hände voll zu spielen.

Mit Felix Mendelssohns d-Moll Trio op.49 führt das Trio-Team Wohlklang, Sensibilität und musikantische Kraft vor. Ohne Forcierungen machen die Streicher deutlich, welche Bedeutung für sie das Gleichgewicht im Musikalischen besitzt. Das Andante gerät als sanft melancholisches „Lied ohne Worte“, Scherzo und Finale gelingen trotz riskanter und bravourös gemeisterter Tempi höchst kultiviert. Vor allem im leichtfüßig sommernächtlich dahin huschenden Scherzo fühlt man wie sich die Geisterwelt leicht in die Lüfte hebt, was Schwester Fanny ja so kommentierte: …“Ja, man möchte selbst einen Besenstil zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen“. Da sprudelt Spielwitz, da ist viel Freude am Spiel zu vermerken. Doch so perfekt das alles vorüberwogt, ist wohl auch zu registrieren, dass in diesem Klangteppich manche Struktur in der pausenlos treibenden Klavierstimme allzu geglättet, zu wenig artikulatorisch geschärft wirkt, auch gelegentlich Akzente verschliffen werden.

Die Vorteile eines gut funktionierenden Miteinander-Musizierens werden auch bei Robert Schumann spürbar. Es ist lobenswert, dass neben dem viel gespielten d-Moll-Klaviertrio op. 63 auch ein anderer Gattungsbeitrag Schumanns Beachtung findet. Da wird denn im Klaviertrio Nr. 2 (F-Dur) erfahrbar, dass hier keinesfalls das Zeugnis einer nachlassenden Inspiration vorliegt, sondern es sich um eine sehr entdeckungsreiche inspirierende Schöpfung handelt, mit der der Komponist in den Jahren um 1850 nach neuen Wegen Ausschau hielt. Dem heiter sonnigen Tonfall des F-Dur Werkes – Schumanns Antwort auf Mendelssohns Trio op. 49 – widmet das Berliner Ensemble gut ausbalanciertes Spiel, klangliche Geschlossenheit und Eleganz – eine sympathische kammermusikalische Noblesse, die pointiert ausgeformt in der Ensemblestilistik auch Brüche und Ausbrüche zu Wort kommen lässt, hellhörig macht auf den motivischen Beziehungsreichtum. Der Gesang der Streicher verbindet sich mit dem Klavier zur durchwegs harmonischen Symbiose.  

Doch zum Kabinettstück des Abends gerät freilich Boris Blachers Klaviertrio ohne opus aus dem Jahr 1970.  Dieser mathematisch so penibel ausgetüftelte Zehnminütiger macht neugierig auf all die metrischen Prozesse, die variablen Metren, die vier Sätze kompositionstechnisch zyklisch zusammenfügen. Blachers unverwechselbare Handschrift bietet den Interpreten alle Chancen, um eine Menge an Feinheiten und Winkelzüge, etwa die Spiegelbildungen in den Mittelsätzen Andante I und II offen zu legen. Die feinen dynamischen Abstufungen, die das Team bei vor allem bei Mendelssohn doch ein wenig schuldig bleibt, signalisieren, welche Bedeutung ihnen für das musikalische Gleichgewicht der Gattung Klaviertrio zukommt. Schließlich mischen sich in den vierten Satz auch Elemente des Jazz, die tonal auch typische Wesenszüge der Musik Blachers identifizieren. Das Berliner Trio bleibt weder Kontraste noch die intrikaten rhythmischen Impulse schuldig. So leuchten das zart sich entwickelnde Tongespinst und die pointillistisch leuchtenden Farben so richtig zum Mitfiebern.

Es gab viel Beifall in der gut besetzten kleinen Meistersingerhalle.

Egon Bezold, 27.10.13

 

 

Zyklus der Hörtnagel-Konzertreihe der Meistersingerhalle in Nürnberg, 9.10.13

Joseph Moog spielt Anton Rubinstein

Abseits der Traumstraßen

Spektakulär sollen seine Auftritte gewesen sein, vor allem wenn er seine pianistischen Künste zur Schau stellen konnte und seine Interpretationen mit erwärmend ausschwingendem Ton und atemnehmend technischen Potentialen adelte. Anton Rubinstein (1829 – 1894), von Zeitgenossen zum „Vulkan“ geziehen, galt als genialer Allrounder - ein Europäer und Kosmopolit gleichermaßen. Er war nicht nur ein mit großem Fleiß Kurse zur Geschichte der Klaviermusik abhaltender Pädagoge und internationale Klavierwettbewerbe ins Leben rufender Manager, sondern einer große Erfolge als Interpret einheimsender Typ. Freilich sah er seine eigentliche Berufung wohl im Komponieren. Und er war ein Vielschreiber, auch wenn tiefgängige stilistische Ausreifung seine Sache wohl weniger war. Was Rubinstein für Klavier zu Papier brachte, bildet eine Brücke zu Tschaikowsky und Rachmaninoff.                                       Foto: Paul Marc Mitchell

Erfreulich, dass sich der fabelhafte Pianist Joseph Moog abseits der Traumstraßen im Zyklus der Hörtnagel-Konzertreihe der Meistersingerhalle in Nürnberg dem 1864 entstandenen vierten Klavierkonzert von Anton Rubinstein widmet – einst viel gespielt, doch von den pianistischen Kalibern Rachmaninoffs sukzessive aus den Konzertsälen verdrängt. Dieses pathetisch beladene Werk nähert sich dem virtuosen Stil Franz Liszts. Joseph Moog besorgt eine ebenso poetische wie kraftvoll einfühlende  romantische Wiedergabe. Im glitzernden Rankenwerk, in den elegant den Salon signalisierenden Kantilenen, führt der Solist perfekte Geläufigkeit zur Schau. Lyrische Qualitäten tragen den langsamen Satz. Virtuos prescht der Finalsatz vorüber. Freilich: das letzte Quentchen an Originalität verbreitet die Komposition samt aufplusterndem Rankenwerk nicht. Der aus Australien stammende Dirigent Nicholas Milton und die gut eingestellte aus dem früheren Polnischen Kammerochester entwachsene „Sinfonia Varsovia“ wählen schlüssige Tempi. Mit Verve folgen die Musiker Miltons Dirigat, kommentieren punktgenau ihre Begleitstimmen. 

Auf russischer Linie beginnt das Konzert. Klare Strukturen, leuchtende Farben und kantige Rhythmen stehen Sergej Prokofieffs Symphonie classique Nr. 1 D-Dur trefflich zu Gesicht. Da sprühen die Funken, glänzt eine unbeschwerte Heiterkeit, die mit witzig-koketten Pointen im effektvoll herausgespielten ersten und vierten Satz den Geist der Wiener Klassik beschwört.  

Auch an Witold Lutoslawski, an seinen hundertjährigen Geburtstag, erinnert das Konzert von „Sinfonia Varsovia“. An meisterlich geschriebenen Werken mangelt es dem polnischen Analytiker wahrlich nicht. So offenbaren sich in der 1949 geschriebenen „Ouvertüre für Streichorchester“ stilprägende Merkmale eines Neoklassizismus, gemischt mit Techniken und Formen aus Barock und Klassik. Das Ganze erscheint in moderne Harmonik eingebettet. Allerdings kann hier von einer innovativen Umgestaltung mit aleatorischen Techniken keinesfalls die Rede sein. Radikale harmonische Veränderungen und neue Formkonzeptionen prägen die Eigenschaften der  Musik von Lutoslawski erst zu einem späteren Zeitpunkt. Noch gilt in der frrühen „Uwertura smyczkowa“ das Primat der Melodie. Auch wiederholt auftretende lang ausgehaltene Töne und Akkorde prägen sich als klangliche Zentren ein. Immerhin lassen tonliche Abläufe auch brüchig dissonant zusammenhängende Verbindungen erkennen. Die exzellent präparierten polnischen Streicher bleiben dem aus der früheren Schaffensperiode stammenden Werk nichts an klanglicher Kraft und spieltechnischer Akkuratesse schuldig.

Zum Finale spielen die Gäste Ludwig van Beethovens vierte Sinfonie - ausgewogen in den Gruppierungen des Orchesters, präzise austariert in den dynamischen Kontrasten. Die Musik funkelt und kommuniziert perfekt. So bannen im zweiten Satz pulsierende Tempi jegliche Gefahr des Auseinanderbröckelns. Erfreulich, dass es im hochtourigen Finale trotz flotter Gangart nicht das übliche Gehetze mit den Sechzehnteln gibt, auch kein wesenloses Dahinhuschen, umso mehr wohlkalkulierte Abläufe auf der ganzen Linie. Das Publikum applaudierte begeistert

Egon Bezold, 12.10.2013

 

 

 

Kleine Meistersingerhalle Nürnberg, 23.09.13

1. Kammerkonzert

Mit kammermusikalischen Preziosen eröffnete der Privatmusikverein Nürnberg die neue Saison. Zum Duett vereinte Streichervirtuosen aus Brünn spielten Werke von Antonín Dvorak, Johannes Brahms und Max Reger.

 

 

Um den Oberpfälzer Reger schienen sie alle einen großen Bogen zu schlagen, die renommierten kammermusikalischen For-mationen. Immer noch geistern die Schlagworte von der „überbordenden Kontrapunktik“ und den „schwülstigen Klanggebärden“ durch die musikalische Landschaft. Das Tschechoslowakische Kammerduo hält nichts von dieser Geringschätzung.

Mit Max Reger im Gepäck tourt es sich ganz effektvoll. Diesen Eindruck gewannen sicherlich die Zuhörer in der gut besetzten kleinen Meistersingerhalle, als der ein wenig steif wirkende Geiger Pavel Burdych und die routiniert begleitende Zuzana Bersová am Klavier sich auf die Duosonate c-Moll op. 139 einließen. Reger schrieb 1915 ein gutes Jahr vor seinem Tod die letzte seiner neun Violinsonaten. Im bruchlosen Zusammenspiel pflegt das Team den musikalischen Exkurs, dosiert dezidiert die Ausdrucksregister und pflegt einen  dramatisch gespannten, auch mit sarkastischem Humor durchpulsten Musizierstil. So halten ein langgezogenes Hauptthema und Orgelpunkte den ersten Satz in nervöser Bewegung Mit Innenspannung werden die melancholischen Monologe geladen – dunkel getöntes Pathos, wie es vielen langsamen Sätzen im kammermusikalischen Schaffen Max Regers eigen ist. Ein Treibjagd im Scherzo geizt nicht mit knorrig giftigen Einsprengseln.  Kunstreiche Themenverwandlung und subtil gesponnene Webkünste adeln das im dreifachen Pianissimo aushauchende finale Andantino con variazioni.

Welche Sprengkräfte hätten sich in der d-Moll Sonate op. 108 von Johannes Brahms entladen können. Aber von flammender Intensität, geschweige denn von Spielwitz ist bei den Gästen wenig zu spüren. Und ein Funke springt schon gar nicht über, weil das Duo stilistisch und klangästhetisch blutleer im Schatten einer so wundervollen Sonate steht. So wird weder der Kopfsatz zur Blüte gebracht noch lebt das Adagio von weit ausschwingenden Bögen, erhalten die für Brahms so typischen Verästelungen den rechten Sinn. Und wie steht es mit den dynamischen Abgründen und Herbheiten im Presto agitato? Es brennt samt und sonders auf Sparflamme. Denn Pavel Burdychs ausgedünntem Geigenton fehlt es ganz einfach an Leuchtkraft, die dem Kontrast Klavier-Geige erst die belebenden Impulse hätten geben können. So befindet sich Brahms buchstäblich in der Kühlkammer, schade darum.

Eine Perle zaubern die hellhörigen Duopartner zu Beginn des Abends aus der hausmusikalischen Ecke: die Sonatine für Violine und Klavier G-Dur op. 100. Leichte Ware? Sicher bringt dies versierte Hobby-Musiker technisch kaum ins Schwitzen. Auf den Konzertprogrammen reisender Virtuosen erscheint das Kleinod höchst selten oder überhaupt nicht. Das Kammerduo entfaltet mit Larghetto-Kantabilität und Scherzo-Pfiff ein ganz spezifisches melodisches Fluidum. Ein charmantes Stück zum Einspielen, gebettet in permanentem Wohllaut. Wie schwer aber Leichtigkeit wiegen kann – diesen Eindruck vermag die schwer schuftende Pianistin kaum zu unterdrücken.

Egon Bezold, 24.09.13  

 

 

Meistersingerhalle in Nürnberg

St. Petersburger Philharmoniker

Akkorde fallen wie die Fallbeile / Orchestrale Kunst vom Feinsten

Auf großer Fahrt durch renommierte europäische Konzerthäuser machten die St. Petersburger Philharmoniker Station in der Meistersingerhalle. Als ältestes Orchester Russlands, zu sowjetischen Zeiten als Leningrader Philharmoniker bekannt, repräsentiert das Ensemble hochkarätige russische Orchesterkultur. Untrennbar mit dem Ruhm ist der Name Evgeny Mrawinsky verknüpft, der dieses Orchester fast ein halbes Jahrhundert lang geformt und geleitetet hat. Sein entschlackter revolutionärer Tschaikowsky-Stil jenseits aller emotionalen Schönfärberei machte Furore.

Am Pult dieses Nobelklangkörpers stand der exzentrisch geniale Yuri Temirkanov, der mit magisch absonderlichen Gesten das ganze Potenzial der russischen Seele den Zuhörern zu veranschaulichen sucht. Unter seiner Spielauffassung traten die Gäste zur einer absolut authentischen Lesung von Dmitri Schostakowitsch‘s unterschwellig beißend-zersetzender zehnten Sinfonie in e-Moll an. Dabei zeigtesich die mit erdfarbenem Streichertimbre aufspielenden Petersburger an allen Pulten von ihrer besten Seite. Was anderswo interpretiert oft glamourös im „East-Side-Story-Stil“ vorüberwogt, gewinnt unter ihrem rückhaltlosen Einsatz äußerste Linienschärfe. Das führt im düster nachdenklichen Kopfsatz zu eminenter Dichte – ein eindrücklicher Beleg dafür, wie Schostakowitsch unter dem Druck ideologischer  wänge zu leiden hatte. 

                                                             Yuri Temrikanov (Foto: Sasha Gusov)

Die Spielbrillanz des Orchesters feiert Triumphe. Unerbittlich präzise ratterte das maschinell-krude Scherzo Allegro.  Wie Fallbeile sausten die die Akkorde nieder – eine Inkarnation des wütend Diabolischen. Das vermeintlich martialisch-bitterböse Stalin-Portrait (wie Solomon Volkow in seinen heftigen umstrittenen Schostakowitsch Memoiren darlegt) reflektierte in den niederwalzenden Spielimpulsen grelle Eruptionen im Orchester. Die philharmonischen Solisten bringen ihre gefürchteten Soli (Hornruf im dritten Satz, Einwürfe der Holzbläser) bravourös über die Runden. Die differenziert dargebotene Deutung verzichtete im Finale auf jeglichen staatlich verordneten Jubeldienst. Umso mehr triumphiert das persönlich gefärbte Vierton-Ton Motiv“ D S C H – Dmitri Shostakowitsch. Für den riesigen Beifall bedanken sich die Philharmoniker mit einem orchestrierten Moment musical von Franz Schubert.

Nikolay Lugansky

Bevor man sich auf dieses erschütternde Dokument konzentrieren konnte, gelang dem russischen Pianisten Nikolai Lugansky (41) - Sieger des Tschaikowsky Wettbewerbs l994 – Meisterliches im zweiten Klavierkonzert op. 18 von Sergej Rachmaninoff. Wie aus dem Nichts kommen die Anfangsakkorde, schleppend im Tempo als töne eine trauernde Musik: ein melodischer Kern bei herrlich abgetöntem Spiel, das sich nach energiegeladenem Crescendo in die wild aufschäumende Begleitung des Hauptthemas stürzt. „Con passione“ verlangt der Komponist, und das wird von Lugansky auch prägnant vorgeführt. Der Pianist hat das untrügliche Gefühl für einen wohl kalkulierten Klangrausch, für die mondäne Tragik einer zwielichtigen Musik und deren schweifend-sensitive Lyrik. Tempowahl und Charakter des Ausdrucks sind genau aufeinander abgestimmt. Mit der Kunst klanglicher Schattierung und subtiler Phrasierung wird ein lyrisches Intermezzo in den Raum gezaubert das unversehens in ruhevoll dämmernde Oasen ausschwingt. Luganskys Schwung, das motivische Ineinander von Klavier- und Orchesterpart, nicht minder die fabelhafte Anschlagskultur macht die Wiedergabe zu einem fesselnden künstlerisch überzeugenden Porträt. Freilich stehen die Türen zum Salon im zweiten Satz nicht nur einen Spalt offen. Schlüssiger geht es in den Prestissimo-Schüben im dritten Satz zu, den Lugansky mit straffer Diktion technisch bravourös adelt. Das Publikum applaudierte begeistert.

Egon Bezold, 19.09.13

 

      

 

 

 

Nürnberg. 12.07.13

Musica Franconia im historischen Rathaussaal

Historische Klänge im Umfeld von Jean Paul

Ein inspirierendes Entrée zur 26. Ausgabe von „Musica Franconia“ erlebten die Besucher im Historischen Rathaussaal. Wolfgang Riedelbauch bewies wie so oft sein untrügliches Gespür für aparte Programmfacetten. Diesmal schöpft ein kurzweiliger Exkurs aus literarisch- musikalischen Quellen. Auf den Kosmos des seinen 250.Geburtstag feiernden Jean Paul, seine fabulierenden Fantasien, seine Neigung zum Groteskkomischen und Sprachwitz ließ sich Hermann Glaser ein - seit seiner Jugend ein faszinierter „Jean Paulianer“. Grund genug für ihn, spezifische Texte auszuwählen, die den „fränkischen Weltdichter“ (Glaser) in all seinen Gefühlsseligkeiten, versponnenen Ideen, Natureindrücken und absonderlichen Visionen charakterisieren. Und Jean Paul war ein begnadeter  Humorist der deutschen Sprache, was Kammerschauspieler Michael Hochstrasser gestaltreich und detailmalerisch zu deklamieren verstand. Bilderselig, metaphernsüchtig war Jean Paul allemal – ein fabelhafter Spieler mit den Worten, der Lobsprüche auf fränkische Klöße verfasste und in eine wahre „Bierverzückung“ geraten konnte. In seiner Prosa spielt Musik eine entscheidende Rolle. Tonkunst war seine Seele. Er schrieb so über Musik, dass sich seine Worte wie Musik verstehen. Wie sehr das Werk des „fränkischen Dante“ (Glaser) von Musik durchpulst ist, davon künden Recitals mit des Dichters eigenen Texten. Der Hörer gerät unweigerlich in den Sog von musikalischen Verläufen, die bis auf wenige Ausnahmen durchwegs Musikgattungen und Tongemälde des Biedermeier von nahezu unbekannten Meistern reflektieren. So wurde die fabelhafte Corinna Schreiter mit feiner Stimmkultur Albert Jungmanns (1856) „Nasses Auge, armes Herz“ gerecht. In „A une Rose palissant au Soleil“ von Henri Sauguet (1931) kitzelte ein wenig der musikalische Pfeffer von Jacques Ibert und Jean Francaix, dem Reiner Geißdörfer tenoral nichts schuldig blieb. Mit profunder Bassstimme dosierte Markus Simon in „Würd‘ ich als Stern“ von Ernst Friedrich Kaufmann (1848) feinfühlig die Dynamik. Am leichtgängig leiseren Vorläufer des Klaviers, einem im Diskant zwar recht dünn zirpenden, in den Bassregionen jedoch runder klingenden Hammerflügel von Conrad Graf, Wien (1839) begleitete Paul Sturm einfühlsam. Schließlich sprach aus Papillons op. 2, Nr.10 Jean Pauls „Musik, diese Poesie der Luft“. Robert Schumann war denn auch ein flammender Verehrer des fränkischen Dichters. Vierhändig (mit Wolfgang Riedelbauch)  verriet „Leben und Sterben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz“ als hätte der Hamburger Ferdinand Thieriot (1900) ein Werk von Johannes Brahms aus der Taufe gehoben. Auch wenn sich das literarisch-musikalische Kolleg über den Denker Paul ein wenig in die Länge zog, den Zuhörern gefiel es allemal. Lang anhaltender Beifall, dann Abstieg zur gesellig kulinarischen Abschiedsrunde in die Ehrenhalle nebst Postludium mit Männerchor.

 

 

Nürnberg

Internationale Orgelwoche (ION)

1.7.13

Neue Konzerterfahrungen

Die Internationale Orgelwoche (ION) in Nürnberg – ein Fest der Musica sacra – gilt als Höhepunkt im jährlichen Musikleben der fränkischen Metropole. Erstmalig führt der Berliner Konzertdramaturg, Konzert-Designer, innovativer Projektentwickler und Kulturmanager sowie Vordenker des Berliner „Radialsystems“  Folkert Uhde (48) die Ruder. Der vor zweiundsechzig Jahren ins Leben gerufenen Nürnberger Institution will der experimentierfreudige neue Festspielleiter mit einer Frischzellenkur zu neuem Glanz verhelfen. Nach seinen Worten soll die ION mit „maßgeschneiderten einzigartigen Angeboten, durch Korrespondenzen zwischen Raum und Musik“ neue Akzente erhalten. Anders als bei seinem Vorgänger Wilfried Hiller soll ein schlüssiges Motto wie ein roter Faden durch das umfangreiche - in diesem Jahr waren es dreißig Veranstaltungen - Programm führen.

 

Bedrückende Reflexion des Mottos „Gnade“

Düsternis, Verzweiflung, Tod atmete der Eröffnungsabend in St. Lorenz – eine bedrückende Reflexion des Mottos „Gnade“. Großformatige eindrückliche Projektionen der l945 total zerbombten Nürnberger Altstadt reflektierten, was die Gnade des Überlebens angesichts der Vernichtung und des massenhaften Todes der Bevölkerung in der in Schutt und Asche liegenden Stadt bedeutet. Musik des 17. Jahrhunderts aus dem dreißigjährigen Krieg  kontrastierten mit aus unterschiedlichen Quellen den Tod thematisierenden Quellen. Klänge, die aus der Feder von Gérard Grisey stammen – er schrieb zwischen l996 und seinem Todesjahr l998 die „Quatre Chants pouir franchir le seuil“ für Sopran und fünfzehn Instrumente schrieb - zogen in den Bann. Grisey war ein seit den frühen l970er Jahren intensiv mit Klangschichten und –farben experimentierender Spektralist. Mit der Hinwendung zur Spektralmusik beschäftige sich der Komponist mit Phänomen der Wahrnehmung und den akustischen Charakteristika der Klänge, wie sie im Zusammenspiel der Instrumente und der Stimme entstehen. Bewundernswert wie die Sopranistin Dorothee Mield dank exzellent fokussierter Stimme und fabelhafter Technik die Zertrümmerung der Worte exekutiert und so eine musikalische Ästhetik fand, die ausdrucksreich eine neue Sprache deklamiert. Für die rhythmisch klippenreiche Partitur mit der oft erbarmungslos zuschlagenden Perkussion, den fabelhaften Bläsern und Streichern der Staatsphilharmonie Nürnberg, erwies sich Guido Johannes Rumstadt als sicherer Lotse. Das Orchester war zweigeteilt, bezog zwischen zwei in der Blickrichtung entgegengesetzt gruppierten Zuschauerblöcken Position. Barocke Klangreden reflektierten den Ruf nach Erbarmen eindrucksvoll im geistlichen Konzert „Erbarm Dich mein, o Herre Gott“ von Heinrich Schütz SWV 447, der hier nicht als dozierender Theologieprofessor mit sauber buchstabierten Notentext, sondern ausdrucksvoll die emotionalen Anliegen verkündet. Dafür engagiert sich der seit 2007 zum Ensemble des Staatstheaters gehörende Sopran Leah Gordon mit schönen vokalen Mitteln. Zu einer lang währenden Hörerfahrung geriet allerdings die Kantate „Wie liegt die Stadt so wüste“ von Matthias Weckmann. Dieses Lamento für Sopran (trauernde Witwe) und Bass (Stimme des Propheten) spiegelt die Ereignisse des Jahres 1663 als die Pest Hamburg heimsuchte. In einer expressiven Diktion wird von Leah Gordon und dem Bariton Martin Berner der Affektcharakter der  Klagelieder des Propheten Jeremias dargeboten. Die bildhafte Sprache erhält durch die intelligente Deklamation der Solisten besonderen Nachdruck. Georg Kallweit von der „Akademie für Alte Musik Berlin steuerte das historisch informiert aufspielende Orchesterteam vom ersten Konzertmeisterpult aus. Das gemeinsam von der ION und dem Staatstheater Nürnberg getragene Projekt wurde von Matthias Ank auf der Steinmayer Orgel eingeleitet und mit Choral von Johann Sebastian Bach: „Aus tiefster Not schrei ich zu dir BWV 38“, eingerichtet für Orgel, zum Abschluss gebracht. Das spiegelt den Hilferuf aus der Not, schöpft Erlösung aus Glauben und Vergebung. Nach andachtsvoller Stille spendeten die Zuhörer in der sehr gut besetzten Kirche lang anhaltenden Beifall.

 

Vokale Kunst des RIAS Kammerchors

Das stilistisch weit ausholende Programm des neuen Orgelwochen-Intendanten folgte keinesfalls einer publikumsträchtigen musikalischen Allerweltsroute. Ganz im Gegenteil. Einiges wird aus dem Archivschlaf gerissen, so geschehen im Konzert mit dem RIAS Kammerchor und Bläserensemble der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, das den Trias Brahms, Bruckner und Reubke gewidmet ist. Da begegnet der Universalist Johannes Brahms den auf eine Hauptgattung Sinfonik festgelegten Anton Bruckner.  Es gibt kein Komponistenpaar von Bedeutung, das nahezu gleichen Alters, zeitgleich und am gleichen Ort derart unterschiedliche Wege beschritten hat.  In seiner vielseitigen Musiksprache folgt Johannes Brahms einer Tradition, die Schumann und Mendelssohn aus dem Werk Beethovens fortführte. Obwohl im Ausland (Frankreich) als retrospektiv, akademisch und deutsch geschmäht, nimmt er die Techniken der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts um Arnold Schönberg vorweg – Brahms der Moderne. Bruckners Musik wirkte durch ihre instrumentalen und harmonischen Elemente auf die Zeitgenossen nirgends konservativ, sondern neu und innovativ. Brahms komponierte die vierteilige Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ 1778 aus Abschnitten des Alten und Neuen Testaments. Thematisiert werden „letzte Dinge“. Der RIAS Kammerchor widmet dem vielleicht großartigsten Chorwerk, der bedeutendsten Motette des Komponisten, jede nur erdenkliche vokale Akkuratesse. Das gilt einmal für die Nachzeichnung der Sprachmelodie wie sie im Thema des ersten Satzes eine enge Symbiose mit dem Text eingeht. Fabelhaft wie auch sprachmelodisch „das mühselige Leben der Betrübten“ in eng gepressten Intervallen und stockenden Rhythmen umgesetzt wird. Die Wiedergabe durch den perfekt artikulierenden, um subtile Deklamation bemühten Chor macht deutlich wie es Brahms gelingt, einen Ausgleich zwischen romantischen Ausdrucksstreben und strenger satztechnischer Bindung zu finden. Als singulär gilt Anton Bruckners zweite Messe in e-Moll, achtstimmig für gemischten Chor und Bläsern komponiert. Ein im strengen liturgischen Stil komponiertes Werk, das ohne romantische Ausdrucksmittel, ohne orchestrale Farbgebung und sinfonische Steigerungsdramaturgie auskommt. Vielmehr richtet sich der Blick auf die chorische Polyfonie der Renaissance. Das gibt diesem akkurat durchgeformten Werk einen ausgesprochen archaischen Zug, in dem nichts effektheischend heraus knallt. In völliger Eintracht mit dieser liturgisch strengen Konzeption lässt der Dirigent Hans-Christoph Rademann singen und musizieren. Die Aufführung in der St. Lorenz behält jederzeit musikalische Spannung, auch in den dynamisch abgesenkten Abschnitten, etwa im ruhevollen Kyrie, im polyfonen Sanctus und im fünfstimmigen locker gebauten Benedictus, das arabeskenhaft Figuren der Holzbläser umspielen. Da stimmte die Disposition der Teile, wurden majestätischen Augenblicke souverän gesteuert und durch geatmete Steigerung zu Höhepunkten gebracht.

Der Mittelblock des Programms steuerte ganz auf einen großorchestralen Orgelstil zu. Aufhorchen ließ der Niederländer Leo van Doeselaar mit Julius Reubkes dreisätzigen 94. Psalm, der wie eine sinfonische Dichtung die schillerndsten Registerfarben aufleuchten lässt. Da durfte das Plenum bis zum Anschlag brausen, doch finden sich in der dynamischen Bandbreite viele Abschnitte einer ausdrucksvoller Agogik, abgesenkt bis ins Pianissimo. Die Wiedergabe geizte nicht mit virtuos aufgezogenen Überraschungen, doch stets blieben harmonische Kühnheiten nachvollziehbar. Der geniale Wurf eines Komponisten, der viel zu früh im Alter von achtundzwanzig Jahren verstarb.

 

ION als Experimentierbühne

Zur Experimentierbühne wandelt sich die ION im Aufseßsaal des Germanischen Nationalmuseums.  Mit einem szenischen Projekt genannt „Inside Partita“ wurde ein mehrdimensionaler Raum errichtet, in dem Abschnitte aus den Partiten für Violine solo h-Moll BWV 1002, d-Moll BWV 1004 und E-Dur BWV 1006 nicht nur als hochvirtuose Solostücke erscheinen, sondern auch als Grundlage für zeitgenössische musikalische Empfindungen dienen. Fabian Russ, der in Leipzig wirkende Komponist, entnahm der CD-Aufnahme der Partiten mit Midori Seiler Musik-Partikel, bearbeitete sie mit einer Computer-Software, verfremdete und montierte sie zu einer neuen Komposition. Man hört elektronische Klänge aus einem kreisförmig arrangierten achtkanaligen Lautsprechersystem, die sich mit dem live dargebotenen Spiel von Midori Seiler mischten. Diese kontrastierenden klanglichen Resultate wurden  von Renate Graziadei szenografisch so modifiziert, dass die Musik von Bach durch Lichtregie und tänzerische Inspirationen im neuen Kontext erscheint. Die Musik sollte die Zuhörer zu eigenen Assoziationen anregen. Entstand so eine neue musikalische Vision?  Entwickelt Russ diese Klänge wirklich organisch wie im Programmheft behauptet? Vieles mutet doch recht gekünstelt an, wenn die Klangspuren bei ihrer Wanderbewegungen durch das Lautsprechersystem mit laut krachenden Signalen einem die Ohren foltern oder mit immer knapper werdenden leise schwingenden Tonhämmerchen  öde Eindimensionalität entstehen lassen. Diese gekünstelte Vielfalt befremdet. Auch ist die szenografische Realisierung  gewöhnungsbedürftig. Während Midori Seiler live in kleinen und größeren Abschnitten aus den Partiten spielt, im Raum umher schreitet, schöpft die Tänzerin aus einem virtuosen Bewegungsrepertoire. Sie geht einmal langsam auf die Spielerin zu, nähert sich ihr mitunter auch in raschen Schritten, packt sie an den Armen, so dass der musikalische Exkurs  unterbrochen wird.  Die Figuren umarmen sich einer Liebesszene gleich, lösen sich von einander, um sich dann wieder ineinander zu verschränken. Die Hälfte der Spielzeit wird Bach mit elektronischen Beimengen tangiert. Die restliche Zeit gehört dem Solospiel von Midori Seiler. Während dieser ganzen Performance sind die Zuhörer einer orthopädisch recht anstrengenden Sitzprozedur ausgesetzt. Man kauert auf umgekippten Plastikkübeln bei schmaler Sitzfläche. Sagt eine Zuhörerin entrüstet den Raum verlassend: das ist eine Zumutung. Experimente in einem neuen Konzertritual in allen Ehren. Doch origineller sollten die elektronischen Beigaben schon sein. Midori Seiler, Konzertmeisterin der Orchester Akademie für Alte Musik in Berlin, Professorin für Barockvioline und –viola an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, führte Bachs kompositorische Zumutungen für die Geige mit technischer Perfektion. Da wurden Doppelgriffe so gespielt, dass sie wie natürliche Elemente der polyfonen Kunst klangen. Sechzehntel rollten ohne maschinelle Starrheit ab, selbst wenn die Geigerin bei ihren Rundläufen mit den kontrastierenden Klängen die Noten auf die Hochgeschwindigkeitsstrecke schickte. Immer wird die skandierende Akzentuierung so eingesetzt, dass nichts als asketisch empfunden wird. Freilich im abschließenden „Ciaccona Kaleidoskop“ (Partita d-Moll, Cioccona) waren intonatorische Eintrübungen nicht zu überhören. Den meisten Zuhörern imponierte dieser ungewöhnliche Konzertabend. Er wurde am folgenden Tag wiederholt.

 

Ladymass aus Oslo 

Das aus Oslo stammende Trio Mediaeval (besetzt mit zwei Sopranen, Anna Maria Fiman-Henricksen, Berit Opheim und dem Mezzo von Torunn Ostrem Ossum) bereiteten den Besuchern in der Frauenkirche Hörvergnügen. Das Programm verkündet den Erfindungs-und Ausdrucksreichtum sakraler Musik für die Kathedrale von Worcester, und zwar als Rekonstruktion einer sog. „Ladymass“, der Messe an einem Marienfeiertag. Es handelt sich um marianische Musik, die Kloster und Kathedrale der Jungfrau Maria geweiht waren. Lustvoll bringen die norwegischen Damen diese Schätze aus dem mittelalterlichen Werkbestand zur packenden Entdeckung – ein Erlebnis des bestrickenden Schönklangs, der Schlichtheit und scheinbaren Endlosigkeit des melismatischen Ausdrucks in einigen Propriumsätzen, wie „Benedicta et venerabilis es, Virgo Maria“ und die Communio „Beata viscera“.  

 Für das „Endspiel“ der ION, der Aufführung von Bachs opus summum, die h-Moll Messe, zog die Friedenskirche als Veranstaltungsort das große Los. Ein junges Ensemble, der Deutsche JugendKammerChor mit Robert Göstl am Pult des Jugendbarockorchester Bachs Erben, zog die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche in den Bann. War die dramaturgische Konzeption wie sie der Dirigent und Stefan Klöckner präsentieren nun schlüssig? Was ist die h-Moll Messe eigentlich? Ein geistliches Konzert zum Zwecke der Ausdeutung mit „neutralem“ Messetext? Göstl bestreitet zwar nicht den Charakter einer fantastisch absoluten Musik. Aber ihrem Geist und ihrem geistigen und tiefgläubigen Vater werde sie nicht gerecht. Grund genug für ihn, den dramaturgischen Aufbau durch unterschiedliche textliche Einwürfe von Wolfgang Borchert, Martin Buber, Dietrich Bonhoeffer, Paul Celan zu erweitern. Ob erforderlich, ist eine ganz andere Frage. Symbolisiert die rasant chromatisch dahin brausende fünfstimmige „Kyrie“ Fuge nicht auf suggestive Weise bereits den inneren Kampf des Komponisten mit der Göttlichkeit? Wird Gott dem Menschen wohlgesinnter, wenn „Credo“, „Et in Spiritum sanctum“ und „Confiteor“ mit alttestamentlichen Bibelstellen von Paul Celan und Rose Ausländer beleuchtet werden?

Unbestreitbar bleibt jedenfalls, dass durch textliche Einschübe der alles überwölbende Zusammenhang stiftende musikalische Spannungsbogen ein wenig verloren geht. Umso erfreulicher, dass die hoch motivierten jungen Vokalisten, der Deutscher JugendKammerChor als Spitzenensemble der Nachwuchsförderung quasi „Flaggschiff“ des Deutschen Chorverbandes, recht beweglich die Fugensätze meisterten und dynamisch elastisch ihre Textpassagen deklamierten. Dass mitunter Abschnitte wie Kyrie-Sätze ein wenig pastos klangen, geht auf das Konto der akustischen Tücken in der Friedenskirche. Die Solisten, der unmaniriert counternde Altus von Franz Vitzthum, der profunde Bass von Raimund Nolte, Jan Kobows Tenorstimme sowie der in Höhen leuchtende Sopran von Antje Rux fügten sich organisch in das Konzept ein. Die chorische und solistische Virtuosität passte auch zur Überlegenheit, mit der sich die Bläser des Jugendbarockorchesters „Bachs Erben“, assistiert von Routiniers der Akademie für Alte Musik Berlin, ihrer Aufgaben entledigten. So waren zwei subtile Traversflöten in „Domine Deus, Rex coelestis“ und ein kraftvoll nicht ganz unfallfrei die Bass Arie „Quoniam tu solus sanctus“ begleitendes Naturhorn zu hören. Strahlend schmetterten die Trompeten im „Sanctus“, das sich vom bloßen pathetischen Prunk entfernte. Die depressiven Abgründe der Kyrie-Sätze tauchte Göstl in ein fast mystisch anmutendes Halbdunkel ehe sich die Szene zu Beginn des „Gloria“ aufhellte. Zum Schluss faszinierten ein erhabenes „Sanctus“, das temporeiche „Ossana“ und ein fabelhaft gesungenes „Agnus Die“. Die Zuhörer applaudierten begeistert dieser konzertant-beschwingten Wiedergabe.  

 

Begegnung von historisierender mit zeitgenössischer sakraler Musik

Um sakrale Musik in historischer Klanggestalt mit zeitgenössischen Kreationen zu spiegeln, öffnete die ION in St. Lorenz kontrastreiche vokale Perspektiven. So schlüssig eine räumliche Dramaturgie auch immer sein mag – egal ob von der Empore, aus der Kirchenmitte oder im Altarraum – ohne Geräusche und Unterbrechungen lässt sich diese Strategie nicht realisieren. Und Spannungsverlust ist da immer mit im Spiel. Für den genialen Kirchenmusiker Giovanni Pierluigi da Palestrina, der Zeit seines Lebens im Dienste der Kirche stand, erschien es selbstverständlich, dass in der Vertonung des „Ordinarium Missae“ die zentrale schöpferische Aufgabe bestand. Die „Missa Papae Marcelli“, das bekannteste Werk Palestrinas, zog sich wie ein roter Faden durch das Programm. Der von Hans-Christoph Rademann souverän geführte RIAS Kammerchor verriet feinen ästhetischen Klangsinn. Wie textverständlich formte Palestrina doch den musikalischen Ausdruck. Um die fünf Ordinariumsteile gruppierten sich einem fiktiven Messeablauf gleich zeitgenössische Schöpfungen aus verschiedenen Epochen. So verkündeten die a-capella-Virtuosen nach dem sechsstimmigen Kyrie und Gloria der „Missa Papae“ den würdevoll ausstrahlenden Psalmengesang in „Benedicam Dominum in omni tempore“. Phonetische Einbrüche ereigneten sich durch schroff und dissonant aufgezogene zeitgenössische sakrale Gesänge des Italieners Giacinto Maria Scelsi, der Musik auf der Basis des einzelnen Tones definiert. Durch improvisatorisches Oszillieren der Töne in „Gloria in excelsis Deo“- aus „Tre canti sacri“ für acht Stimmen - entstanden bannende mikrotonale Spannungen. Bewundernswert wie die Berliner Chorkoryphäen diese artikulatorischen Differenzierungen in den Tonhöhen meisterten. Das sind abenteuerliche Akte eines zeitgenössischen Chorgesangs, ebenso was Wolfgang Rihm, dem wohl bedeutendsten Tonschöpfer der Gegenwart, mit „Pater noster“ aus seiner Feder floss: eine magische Dichte, ein ausdrucksvolles Bekennen, inständiges Bitten, was der Kammerchor zu grandioser Wirkung brachte. Nach dem sechsstimmigen „Agnus“ von Palestrina kam am neuen Standort hinter dem Altar Olivier Messiaen zu Wort. Das zum Lobpreis der allgegenwärtigen Liebe Gottes komponierte „O sacrum convivium“ manifestiert die religiös schwärmerische Sprache des Klangmystikers. Dem RIAS Kammerchor wurde hier emphatisch virtuoser Gesang abverlangt. Den Schlussakzent setzte ein Paradestück europäischer Chortradition, Johann Sebastian Bachs achtstimmige Motette „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ BWV 226. Es macht schon Eindruck, was da an genau ausgehörter Transparenz der polyphonen Verläufe und an brillanten Koloraturen herüberkam. Besonders eindrucksvoll gelang das unaussprechliche Seufzen mit Hilfe von Chromatismen. Das zugegebene „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ von Josef Rheinberger war ein wundervoller Abschluss. 

 

Endspiel der ION

Für das „Endspiel“ der ION, der Aufführung von Bachs opus summum, die h-Moll Messe, zog die Friedenskirche als Veranstaltungsort das große Los. Ein junges Ensemble, der Deutsche JugendKammerChor mit Robert Göstl am Pult des Jugendbarockorchester Bachs Erben, zog die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche in den Bann. War die dramaturgische Konzeption wie sie der Dirigent und Stefan Klöckner präsentieren nun schlüssig? Was ist die h-Moll Messe eigentlich? Ein geistliches Konzert zum Zwecke der Ausdeutung mit „neutralem“ Messetext? Göstl bestreitet zwar nicht den Charakter einer fantastisch absoluten Musik. Aber ihrem Geist und ihrem geistigen und tiefgläubigen Vater werde sie nicht gerecht. Grund genug für ihn, den dramaturgischen Aufbau durch unterschiedliche textliche Einwürfe von Wolfgang Borchert, Martin Buber, Dietrich Bonhoeffer, Paul Celan zu erweitern. Ob erforderlich, ist eine ganz andere Frage. Symbolisiert die rasant chromatisch dahin brausende fünfstimmige „Kyrie“ Fuge nicht auf suggestive Weise bereits den inneren Kampf des Komponisten mit der Göttlichkeit? Wird Gott dem Menschen wohlgesinnter, wenn „Credo“, „Et in Spiritum sanctum“ und „Confiteor“ mit alttestamentlichen Bibelstellen von Paul Celan und Rose Ausländer beleuchtet werden?

Unbestreitbar bleibt jedenfalls, dass durch textliche Einschübe der alles überwölbende Zusammenhang stiftende musikalische Spannungsbogen ein wenig verloren geht. Umso erfreulicher, dass die hoch motivierten jungen Vokalisten, der Deutscher JugendKammerChor als Spitzenensemble der Nachwuchsförderung quasi „Flaggschiff“ des Deutschen Chorverbandes, recht beweglich die Fugensätze meisterten und dynamisch elastisch ihre Textpassagen deklamierten. Dass mitunter Abschnitte wie Kyrie-Sätze ein wenig pastos klangen, geht auf das Konto der akustischen Tücken in der Friedenskirche. Die Solisten, der unmaniriert counternde Altus von Franz Vitzthum, der profunde Bass von Raimund Nolte, Jan Kobows Tenorstimme sowie der in Höhen leuchtende Sopran von Antje Rux fügten sich organisch in das Konzept ein. Die chorische und solistische Virtuosität passte auch zur Überlegenheit, mit der sich die Bläser des Jugendbarockorchesters „Bachs Erben“, assistiert von Routiniers der Akademie für Alte Musik Berlin, ihrer Aufgaben entledigten. So waren zwei subtile Traversflöten in „Domine Deus, Rex coelestis“ und ein kraftvoll nicht ganz unfallfrei die Bass Arie „Quoniam tu solus sanctus“ begleitendes Naturhorn zu hören. Strahlend schmetterten die Trompeten im „Sanctus“, das sich vom bloßen pathetischen Prunk entfernte. Die depressiven Abgründe der Kyrie-Sätze tauchte Göstl in ein fast mystisch anmutendes Halbdunkel ehe sich die Szene zu Beginn des „Gloria“ aufhellte. Zum Schluss faszinierten ein erhabenes „Sanctus“, das temporeiche „Ossana“ und ein fabelhaft gesungenes „Agnus Die“. Die Zuhörer applaudierten begeistert dieser konzertant-beschwingten Wiedergabe.

Egon Bezold

     

  


Meistersingerhalle Nürnberg, 15.06.13

Fränkischer Sommer

15.06.13

Verheißungsvoller Neubeginn

Ganz die Handschrift des neuen Festivalleiters Julian Tölle trug das Eröffnungskonzert Fränkischer Sommer 2013 in der Meistersingerhalle. Zu Beginn gedachte eine aus der kompositorischen Feder von Rudolf Mauersberger stammende Motette der furchtbaren Zerstörung Dresdens im Jahr l945. Mauersbergers kompositorischer Stil gibt sich tonal, erscheint gut sangbar, was der exzellent vorbereitete Hans Sachs-Chor Nürnberg a cappella auf total abgedunkelter Bühne zu berührender Wirkung brachte.

Im expressiv lyrischen Stil ging es quer über den Atlantik in die USA zu den Künsten des Melodikers Samuel Barber. Die Nürnberger Symphoniker widmeten sich dem Allerbekanntesten des Neoromantikers, der viel gespielten Trauermusik, dem „Adagio for Strings“. Diese Klangzucker-Kreation mit Hollywood-Touch ging um die Welt. Wie sich aus volltönenden Akkorden die melodischen Schwünge mit immer wieder innehaltendem Gestus wellenförmig zum großen Höhepunkt schrauben, um dann wie neblig erstarrt in melancholisch trauernde Gefilde abzudriften, formten die Nürnberger Symphoniker auf klangvolle Weise.

Nach einem improvisatorischen Rundgang des Nürnberger Saxophonisten Norbert Nagel durch die Meistersinterhalle ließ  man den Zuhörern die „Faust im Nacken“ spüren – die Musik zu Elia Kazans Film „On the Waterfront“. Weil das Genie Leonard Bernstein etwas von der Musik retten wollte, die sonst auf dem Boden des Filmstudios nicht verwertet liegen geblieben wäre, schrieb er eine melodienreiche von rhythmischen Energien getragene sinfonische Suite - ein Abbild vom Leben und der Liebe in New York.

Eindrucksvolle Friedensappelle verkündete schlussendlich das 2009 in Den Haag uraufgeführte Oratorium für Soli, Chor und Orchester „Mare Liberum“, das der Niederländer Roel van Oosten nach Texten des Begründers des modernen Völkerrechts und internationalen Seerechts, Hugo Grotius, einrichtete. Van Oosten integriert im choralartigen Melos an Orffs „Carmina burana“ gemahnende Sologesänge nach Gedichten von Wilfred Owen und MacCrae individuelle Leidensgeschichten von Soldaten während des Ersten Weltkrieges. Das unterstreicht dramaturgisch den Kontrast zwischen kollektiven bis zur Achtstimmigkeit aufgefächerten Friedens- und Erlösungsforderungen und fürchterlichen, die Übel des Krieges charakterisierenden scharfkantigen orchestralen Attacken. Der Hans-Sachs-Chor und Kammerchor der Universität Erlangen-Nürnberg formten prägnant die Ausdruckskontraste. All die lyrischen Kommentare, die trauernden Gesten, gaben die nicht immer höhensichere Sopranistin Barbara Christina Steude (Ad Pacem) und der vorzüglich deklamierende Bariton Julian Orlishausen mit affektgeladener Bravour. Wie Julian Tölle Orchester, Choristen und Solisten zu berührenden mahnenden Appellen zusammenführte, fand beim Publikum große Resonanz. Dem Fränkischen Sommer widerfuhr so zur Eröffnung ein glänzendes Reloading.

 

 

Meistersingerhalle Nürnberg, 20.05.13

Jugend musiziert

20.05.13

Sensibles partnerschaftliches Spiel

An Kunstfertigkeit lassen es die Interpreten im Begrüßungskonzert zum 50. Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ in der Meistersingerhalle fürwahr nicht fehlen. Nach Grußworten von Martin Maria Krüger vom Deutschen Musikrat und Ursula Adamski-Störmer (Studio Franken des BR) -„die Bildungspolitik möge den Schülern doch mehr Zeit zum Musizieren gewähren“- hebt Christoph Poppen am Pult des Münchner Rundfunkorchesters den Taktstock zu Mozarts „Haffner-Sinfonie“ KV 385. Da gelingt leider kein Löcken wider den Stachel eines reinen apollinischen Mozart-Verständnisses – Mozart mit Zopf, einer von der aalglatten Sorte. Schade, dass seine Musik oft genug in philharmonischer Großbesetzung wie ein gesichtsloses No-Name-Produkt abgespult wird. Umso spannungsvoller geraten die solistischen Dialoge, die die sensibel geigende Antje Weithaas und alle Feinheiten des Violaspiels meisterlich beherrschende Tabea Zimmermann vorführen. Diese Ausnahmekünstler wissen sehr wohl, wie mit Mozart in der „Sinfonia Concertante“ KV 364 umzugehen ist. Im Andante erweist sich das mit bruchlosem Zusammenspiel exzellierende Duo als Anbeter des schönen Klangs. Mit klanglichen Schattierungen und pfeilschnell laufenden Skalen gewährt dieser musikalische Edelstein ungetrübte Ohrenlust. Dazu steuert das gut eingestellte Münchner Rundfunkorchester klangschöne Begleitharmonie bei.

Keine Frage, dass die solistische Dreierbesetzung in Beethovens Tripelkonzert op. 56 ein hohes Maß an künstlerischer Übereinstimmung verlangt. Ein kniffliger Brocken, dem man weder im Konzertsaal noch auf Tonträgern selten in einer wünschenswert ausgewogenen Balance  begegnet. Denn hier operiert Beethoven mit musikalischen Themen und Themenfragmenten, die in wechselnden Kombinationen auf die Soloinstrumente verteilt, die Abläufe permanent verändern. Ein partnerschaftliches Spiel ist hier unabdingbar. Kammermusikalisch fein austariert, gibt Antje Weithaas den Geigenpart, während Gustav Rivinius mit ausdrucksvollem Cellospiel imponiert. Erfreulich, dass Igor Levit der dünnblütig geratenen Vorlage des Klavierparts artikulationskräftig entgegen steuert. Ohne Spannungsabfall, ohne einkomponierte Risse glatt zu überspielen, führt das Team die musikalische Konversation. So unterbleiben auch die sonst hörbaren heroisch auftrumpfenden knalligen Gesten im Kopfsatz. Beherzt springen die Interpreten ins Finale, wo die Dialoge mit dem Klavier und der zündende Polonaisen-Schwung zu einem einigermaßen abgerundeten Gesamtbild verschmelzen. An dieser hochrangigen Interpretation hatte das erfreulich stark verjüngte Publikum seine helle Freude. Freilich: Restlos glücklich werden wohl nur die Hörer des Bayerischen Rundfunks sein, denen das Glück winkt, mit einer Wiedergabe im Surround Format 5.1 ein musikalisches Gleichgewicht dieser so heiklen Komposition zu erleben. Solches kann die an akustischen Tücken so reiche Meistersingerhalle live niemals gewähren.

„Musik ist nicht Sahne auf der Torte, sondern die Hefe im Teig‘‘, heißt es in den Grußworten. Bleibt nur zu hoffen, dass die dynamischen Triebkräfte den musikalischen  Kuchen auch richtig befeuern.

Egon Bezold                             Foto: Erich Malter

 

 

Quirliges Figurenwerk mit Paul Meyer 

16.5.13

 

Es ist das erwärmende, leuchtende Timbre, das den Zauber des deutschen Klarinettenspiels ausmacht, vor allem wenn Könner ihr Instrument an die Lippen setzen wie es ein Berufsleben lang beispielhaft der Berliner Philharmoniker Karl Leister oder in der Nachfolge der jetzt in die Dirigenten-Karriere überaus erfolgreich einrückende Karlheinz Steffens praktizierten. In der deutschen Orchesterlandschaft  ist ausnahmslos die „deutsche Klarinette“ etabliert. Versuche von Dirigenten, hier Änderungen einzuführen (wie das Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern versuchte), blieben erfolglos. Alleine Rafael Kubelik war es, der seinerzeit den „Böhm-Klarinettisten“ beim Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks favorisierte. Der vor kurzem verstorbene Dirigent Colin Davis, Kubeliks Nachfolger, kommentierte die klangästhetische Konstellationen des Klarinetten-Systems beim BR so: „Wenn Igor Strawinsky oder Modernes auf dem Programm steht, dann bevorzuge ich schon der Spritzigkeit, der Schlankheit des Klangs wegen, den ersten Klarinettisten Eduard Brunner. Anders in der klassischen Literatur, wenn W.A. Mozart, Anton Bruckner, Johannes Brahms dran sind. Dann ist mehr der deutsche Klang des alternativ die Soli der ersten Klarinette blasenden Klarinettisten Gerd Starke“ lieber“.

Im letzten Meisterkonzert stellte ein waschechter „Böhm-Klarinettist“ seine Künste unter Beweis: Paul Meyer, der auch das dirigentische Ruder am Pult der Philharmonia Prag führt. Mit einem bläserischen Juwel, Mozarts „Konzert für Klarinette und Orchester“ KV 622, breitet er die Palette seiner instrumentalen Möglichkeiten aus. Was der „Böhm‘sche Klang“ gegenüber dem deutschen System an Leuchtkraft und Wärme einbüßt, kann das luftige Klangbild, das schlanke Spiel, kompensieren. Da staunt man schon, wie quirlig Meyer die Figuren aus seinem Rohr zu zaubern versteht. Erste Sahne ist seine Kunst der Staccato-Eleganz. Gebietet der virtuos zupackende elsässische Virtuose aber auch über einen leuchtenden Goldton? In den mittleren Registern und beim Abstieg in den Keller der Töne beindruckt die Substanz gewiss. Doch der Diskant nimmt eine dem Instrument adäquat spitze  Tönung an. Zudem lässt Meyer sich im Adagio auch zu einem regelrechten Kult der Nuancen verführen. In eine große Hetzjagd treibt er schlussendlich das tänzerisch inspirierte Rondo Allegro. So wirbelig muntermachend  alles daherkommt - die hintergründig latent vorhandene leise Melancholie des Finalsatzes bleibt der Solist aber doch schuldig. Die Prager Philharmonie erweist sich als inspirierender Dialogpartner.

Geschenke aus der Heimat führen die Prager im Tournee-Gepäck: Drei Legenden op.59  von Antonín Dvoràk werden in ihrer Eigenart prägnant gezeichnet, mit deftigem rhythmischen Pfeffer bestreut ohne das slawischen Element übertrieben zu parfümieren.

Schließlich gewinnt Franz Schuberts sechste Sinfonie dank aufmerksamer Zeichengebung an musikalisch-dramatischer Geschlossenheit. Das 1818 komponierte Werk lebt von der Begegnung mit Rossini und dem damals ausgebrochenen Rossini-Fieber. Die Prager garantieren eine geschliffene, in den Laufketten und melodischen Seligkeiten elegante, in den Tutti-Schlägen zackig realisierte Wiedergabe. Originell erweist sich auch der Beginn des Konzertes: Ouvertüre zur Oper „L’Olimpiade“ des Tonkünstlers böhmischer Herkunft, Joseph Myslivecek. Der übte starken Einfluss auf Mozart aus, was hier Stimmführung, Motivik und Behandlung der Instrumente auf verblüffende Weise offenbaren.

 

Egon Bezold

 

 

 

MAREK JANOWSKI & RSO Berlin

21.4.13 

 

Felix Broede (c)

 

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erwarb sich in der Ära Marek Janowski den Ruf eines first class Klangkörpers. Gastspiele in internationalen Konzertsälen haben diesen Ruf wiederholt bestätigt, wobei das Ensemble  unter seinem bienenfleißigen Chefdirigenten mit den konzertant aufgenommenen Opern von Richard Wagner Furore machte. In der Hoertnagel Konzertreihe in der Meistersingerhalle waren die Meriten dieser Truppe zu bewundern: virtuose, mit erwärmendem Timbre spielende Streicher, fabelhaft phrasierende Holzbläser und ein schlank und gelenkig auftretendes Blech. Diese orchestrale Einheit verfügt über genügend Kraftreserven, um allen Anforderungen gerecht zu werden. So streng beim Auftrittsbeifall der Gesichtsausdruck von Marek Janowski dem Publikum gegenüber auch immer erscheinen mag, so faszinierend wirken die von ihm in Szene gesetzten Klangüberraschungen. Souverän führt er den Stab in Beethovens groß besetzter siebter Sinfonie A-Dur op. 92. Die zieht diszipliniert koordiniert mit flotten Reisegeschwindigkeiten ihre Bahn. Bei dieser geradlinig aufgezogenen Vorwärtsstrategie wirkt alles trefflich austariert: Beethoven-Glut im markig aufbrausenden Brio der muskulös geformten Tutti. Befreit von jeglicher pathetischen Schwere tönt das Allegretto. Im trunkenen Wirbeltanz des Finales, diesem wilden Rausch der Rhythmik, erfüllt die Berliner Elitetruppe alle Wünsche ihres Dirigenten. Diese fabelhafte instrumentale Kunstfertigkeit in allen Ehren – ein Paavo Järvi, John Eliot Gardiner oder Riccardo Chailly vermögen der Siebten allerdings mehr schillernde Variabilität zu entbinden, und dies bei modern besetztem Orchester.

(c) Kai Bienert

Vor der Pause entführt die immer gern gesehene Arabella Steinbacher (32) in das Wunderkabinett ihrer supremen Kunst des Geigenspiels. Butterweich zeichnet sie die instrumentalen Linien, verabreicht kulinarische Klangdrogen im Andante und versteht es mitreißend, die sommernächtlichen Geister  im Finale von Felix Mendelssohns Violinkonzert op. 64 springlebendig zu wecken. Mit vielgestufter Ausdrucksskala spannende Geschichten zu erzählen, das geht ihr glänzend von ihrer Stradivari Booth-Violine. Diesem Elitesound der Solistin antwortet das Orchester mit geschmeidig geformten Kommentaren. Dank für die begeisterte Zustimmung mit dem ersten Satz aus Sergey Prokofievs Solosonate.

(c) Henry Fair

Zum Entrée gelingen Janowski mit den Berlinern subtil ausgehörte, kunstvoll von Brahms auskomponierte „Haydn Variationen“ op. 56 a. Farbige Kombinationen von Holzbläsern und Streichern faszinieren im heiteren Wechselspiel der fünften Variation.

Egon Bezold

 

 

 

Pressekonferenz

SAISONVORSCHAU 13/14

Edles aus der Meistersingerhalle

Elf Meisterkonzerte der Konzertdirektion Georg Hörtnagel in der Meistersingerhalle Nürnberg in der Saison 2013/2014 folgen in erster Linie den Traumstraßen des klassisch-romantischen Repertoires. Leider werden nur am Rande die Reviere der zeitgenössischen Musik berührt. Wenigstens setzen die Münchner Philhamoniker mit Juraj Valcuha einen klassisch-modernen Kontrapunkt mit Béla Bartóks Balletsuite „Der wunderbare Mandarin“ op. 19. Rudolf Buchbinder lässt sich mit George Gershwins „Ein Amerikaner in Paris“ hören (28.04.14).  Ansonsten spielen Orchester von Rang ihre „Best of Classics-Trümpfe“ aus. So sagt sich die Dresdner Philharmonie mit Richard Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ und Peter Tschaikowskys sechster Sinfonie h-Moll op. 74 „Pathétique“ an. Dazu reicht die zum inneren Kreis der Solisten von Georg Hörtnagel gehörende Geigerin Arabella Steinbacher die Violindroge in g-Moll von Max Bruch (16.5.14).  Mit dem Gastspiel der Russischen Nationalphilharmonie (24.3.14) dürfte man ganz auf der Welle der Zuhörer liegen, und zwar  mit dem Showpiece Antonín Dvoráks Sinfonie „Aus der neuen Welt“ und dem ersten Klavierkonzert fis-Moll von Sergei Rachmaninoff. Den Solopart spielt der Perfektionsfanatiker Nikolai Tokarev (24.03.14). Und ein weiteres Mal ist der Romantiker Rachmaninoff zu hören. Diesmal aus den Klavierhänden von Nikolai Lugansky im zweiten Klavierkonzert op.18, begleitet von den Petersburger Philharmonikern. Am Pult lenkt Yuri Temirkanov, der die Funken sprühen lässt im bitterbösen Stalinportrait, der Sinfonie e-Moll op. 93 von Dmitri Schostakowitsch (17.09.13).  A propos Rachmaninoff. Der steht in der Tat im Zyklus der Meisterkonzerte hoch im Kurs, wenn Boris Berzovsky in die Tasten greift, um das sog. „Elefantenkonzert“ (Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll) zu stemmen. Dazu gibt es ein Rarität von César Franck, das Poème symphonique „Psyché“ - daraus den vierten Satz „Psyche et Eros“, der in seiner Innigkeit an die langsamen Sätze von Anton Bruckner gemahnt. Schade, dass das Orchestre National de Belgique nicht weiter der Welle französischer Musik folgt. Dafür dürfen die Zuhörer in der Meistersingerhalle sich von der Sprengkraft von Ludwig van Beethovens „Eroica“, fesseln lassen. Andrey Boreyko steht am Pult des belgischen Orchesters am 2.12.13.

Wie ein aus China stammender  Klangkörper, das Shanghai Symphony Orchestra, es mit der Wucht und dem aufbrausenden Brio von Peter Tschaikowskys Fünfter hält, dafür wird Long Yu das Stöckchen schwingen. Ray Chen darf dem rassigen Violinkonzert von Peter Tschaikowsky die rattenfängerischen Qualitäten entbinden, während Yanjun Huas „Moon Reflected on the Erquan Fontain“ die Zuhörer ins Reich naturhaft chinesischer Magie entführen soll (14.01.14).

Am Konzerthimmel leuchten wieder die Sterne berühmter Solisten: Rudolf Buchbinder kommt im Recital (23.10.13) mit zwei Sonaten von Ludwig van Beethoven (Nr.3 C-Dur aus op. 2 und „Appassionata“ f-Moll op.57). Franz Schuberts große Klaviersonate B-Dur D 960 bildet das grandiose Finalstück. Ein Stelldichein mit dem Geigenstar Anne-Sophie Mutter ist im Sonatenabend (mit Lambert Orkis) Beethovens „Kreutzer-Sonate“ und Mozarts e-Moll Sonate KV 304 gewidmet. Weiterhin hört man vom Ex-Gatten der Geigerin - André Previn - seine hierzulande wohl kaum bekannte zweite Violinsonate (21.05.14).

Schließlich kommen auch die Freunde von kleineren Besetzungen für Kammerorchester auf ihre Rechnung. So hört man von dem aus Polen stammenden Ensemble „Sinfonia Varsovia“ nicht nur das Klavierkonzert Nr. 4 d-Moll op. 70 des ukrainischen Pianisten, Komponisten und Gründer des ersten russischen Konservatoriums Anton Rubinstein. Vertreten ist auch der innovativ analytisch denkende Komponist Witold Lutoslawski mit einer „Ouvertüre für Streichorchester“ –  eine Ehrung des mathematisch die Notenfeder führenden Komponisten, der seinen 100. Geburtstag hätte feiern können (8.10.13).  Immer gerne gesehen ist die Academy of St. Martin-in-the-Fields, diesmal am Pult und solistisch betreut vom Harfenisten Xavier de Maistre.(6.02.14). Was wäre eine „Georg Hörtnagel Konzertdirektion“ ohne  Heimspiel des Windsbacher Knabenchors? Das findet am 17.12.13 statt mit den Kantaten 1-3 und 6 von Johann Sebastian Bach.

 

 

Münchner Philharmoniker

28.04.13

Zwiespältige Endzeitstimmung

Lieben Sie Brahms? Da würde der Perfektionist Arcadi Volodos sicher über das ganze Gesicht strahlen. Denn er spielte im Meisterkonzert das B-Dur Klavierkonzert op. 83  energiegeladen, spannend bis zur letzten Note, und dies mit dem Bewusstsein eines großen gestalterischen Bogens. So bedingen sich in der viersätzigen Klaviersinfonie wechselseitig Poesie und Konstruktion, Klangaura und Lineatur. Alles ist auf einen gemeinsamen Nenner gebracht – Johannes Brahms, der Fortschrittliche und der Traditionalist wie ihn einst Arnold Schönberg (der nach der Pause zu Wort kam) prägnant charakterisierte. Was sich in den weiten Lagen des unwirschen Kopfsatzes ereignet, all die technischen Hürden, werden untadelig gemeistert, die Verschachtelung der Triller ebenso wie das akkordische Auftürmen. Mitunter spielt Volodos sehr frei, gönnt sich gelegentliche Verlangsamungen, agogische Dehnungen und zögerliche Artikulation. Betörende Kantabilität des Solocellos von Michael Hell signalisiert die Melodie „Immer leiser wird mein Schlummer“ – fast zum Dahinschluchzen, aber beileibe nicht im Sinne einer sentimentalen Ballade. Christoph Eschenbach und die Münchner Philharmoniker sekundieren aufmerksam, folgen reaktionsschnell dem Solisten, wenn er bravourös zum Sprint ansetzt. Eine Klasse für sich sind Soli des ersten Hornisten. Für die überzeugende Emotionalität wird Arcadi Volodos mit Beifall überschüttet.

Mitten hinein in die zwiespältige Endzeitstimmung des Fin de siècle, in die Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung, führt Arnold Schönbergs Tondichtung „Pelléas et Mélisande“ – 1905 uraufgeführt, eine echte Blüte der Jugendstilzeit. Der Komponist steht hier mehr oder weniger auf dem festen Boden der Tonalität. Er kleidet in dieser sinfonischen Dichtung nach dem Drama von Maurice Maeterlinck zentrale Szenen in genau umrissene Einheiten, wobei Leitmotive wie die Charakterisierung der drei Hauptpersonen, das Schicksalsmotiv, das Eifersuchtsmotiv oder Mélisandes Liebeserwachen kunstreich miteinander verkettet werden.

Christoph Eschenbach, der Routinier am Pult der Münchner Philharmoniker, erweist sich als Maestro der großen Linie, der blühenden Details, als ein Musiker des vollbrüstigen, vitalen und sinnlichen Klangs, der es glänzend versteht, in dieser märchenhaft dissonanten mystischen Traumwelt Stimmungen und Charaktere musikalisch nachzumalen. Rückhaltlos bringt die Wiedergabe die Erregungszustände zur Sprache. Die exzellent vorbereiteten Philharmoniker machen hörbar, wie Schönberg die Tonalität bis an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit ausschreitet und wie an einer Schnittstelle traditionelles und avantgardistisches Komponieren aufeinander treffen. Das gilt besonders für das Sterbegemach der Mélisande, wo der Orgelpunkt der Harfen, die Terzgänge der Flöten und der Choral der Blechbläser die seelische Stimmung der Jahrhundertwende reflektieren. Dankbarer Beifall für ein Werk, dem man nicht alle Tage begegnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Nürnberger Symphoniker in der Meistersingerhalle

LE SACRE DU PRINTEMPS

Alexander Shelley, Kirill Gerstein, Nürnberger Symphonike

24.2.13

 

Sacre Wumm schockt wieder

Igor Strawinskys Skandal-Stück „Sacre du printemps“ schockt immer noch, auch einhundert Jahre nach der skandalumwitterten Uraufführung. Um den Sacre-Wumm kümmerten sich jetzt die Nürnberger Symphoniker in der Meistersingerhalle. Man dürfe nicht interpretieren, sondern lediglich „ausführen“ urteilte Strawinsky über seine Werke. Dieser Vorstellung kommt Alexander Shelley ziemlich nahe. Schon das eröffnende fabelhaft geblasene Fagott-Solo und all die strapaziösen Passagen des Blechs lässt der Dirigent mit straff rhythmisiertem Ausdruck blasen. Der emotionale Aufruhr wird dynamisch bis zum Anschlag dargeboten, während die ruhevollen Piano-Episoden (Einleitung zum zweiten Teil), wo Strawinsky die Partituren von Debussy verinnerlicht hat, viel mehr Farben vertragen hätten. Da war zu spüren, dass den Holzbläsern eben nicht die ganze Klangskala zum Ausleuchten der Mittelstimmen zur Verfügung steht. Und Hand aufs Herz: kann man von einem aus andragogischen Gründen ad hoch mit Studierenden verstärktem Orchester perfekte klangliche Homogenität verlangen?  Lob verdienen in jedem Fall die Blechbläser und der im Kraftfeld der magischen Klänge sich souverän schlagende Apparat der Perkussion. Shelley steuert souverän durch die klippenreiche ungebärdige Partitur, wählt eine scharfe Diktion, entlockt der Musik fulminante Sprengkräfte. Er wagt viel, und er gewinnt mit einem Team, das in der gigantischen Besetzung spieltechnisch Respektables vorführt. Zum Orchesterverband gesellten sich aus Anlass des zehnjährigen Bestehens des Kooperationsprojektes „Hochschule für Musik/Symphoniker“ etwa dreißig von Guido Johannes Rumstadt vorbereitete Studierende, die sich auf verschiedene Stimmgruppen verteilten.

In der ersten Halbzeit findet Kirill Gerstein (34) für den gefürchteten Klavierbrocken, das zweite Klavierkonzert B-Dur op. 83 von Brahms, eine romantisch  hochsensible spannungsgeladene Diktion. Da macht sich ein Meister für das Allerschwerste ans Werk. Und an Vertracktheiten ist in dieser viersätzigen „Klaviersymphonie“ samt verschachtelten Trillern, akkordischen Viertelpfündern und gemeinhin als unspielbar geltenden „Leggiero-Doppelgriffen kein Mangel. Im Andante (dritter Satz) zaubert das Klavier mit Solo-Cello und der Oboe innige kammermusikalische Kunst. Das Finale bündelt Kraft, Virtuosität und bringt auch den Grazioso-Charakter elegant zur Geltung. Aufmerksam sekundieren Alexander Shelley und die Symphoniker ohne dem vielgerühmten erwärmenden Brahmsischen Timbre immer gerecht zu werden. Die pianistische Kunst Gersteins wurde stark gefeiert.

Egon Bezold

 

 

 

    

LANG LANG KONZERT

19.02.2013

Photo: Peter Hönemann

Lang Lang interpretiert sensibel, artistisch, dehnungsfreudig

Der Ruf eines eigenwillig Interpretierenden umweht ihn seit dem Zeitpunkt als eine überzogene PR-Maschinerie jede Neuaufnahme, jeden global arrangierten Konzertauftritt, koste es was es wolle, zum Event zu stilisieren sucht. Der Klavierstar aus dem Reich der Mitte sorgt stets für ausverkaufte Konzertsäle. Nun tourt er wieder durch die Republik und bringt die Fankurve zum Jubeln. Ausverkauft meldet auch die Meistersingerhalle in Nürnberg. Wer zu Lang Lang ins Konzert geht, erwartet ein Faszinosum. Vor allem hat das junge Publikum ihn ins Herz geschlossen, weil er so flott sein Bühnenspektakel zu inszenieren versteht und pfundig seine Potenziale zur Schau stellt. Was hat es nun mit den interpretatorischen Tugenden des Stars auf sich? Wie nähert er sich dem Genie Mozart, welche pianistischen Überraschungen entbindet er den Texturen von Frédéric Chopin?

Nun scheint Mozart nicht unbedingt die Domäne von Lang Lang zu sein. Drei Sonaten im Köchelverzeichnis die Nummern 282, 283 und 310 stellt der Starvirtuose mehr oder weniger auf das gepflegte Niveau galanter Gesellschaftskunst. Das mag für die als Paradebeispiel für „galante“ Klaviermusik geltende, auf den Mentor Johann Christian Bach hinweisende Sonate KV 282 noch eher zu treffen. Mit viel Frische geht er auch an die G-Dur Sonate KV 283 heran. Manuelle Souveränität in allen Ehren. Wenn allerdings der Supervirtuose Tempi verlangsamt, Bremsmanöver nach eigenem Gutdünken einbaut, mitunter zögerlich artikuliert und die Dynamik bis zum Pianissimo absenkt, dann reflektieren diese künstlerischen Eigenwilligkeiten  einen raffiniert aufgezogenen Nuancenkult. Will Lang Lang durch diesen manirierten Impetus seinen Zuhörern eine spezifische Problematik zu suggerieren? Eine eigengeschöpfte überfrachtet wirkende Klangrede?  So werden in der Sonate a-Moll KV 310 gepflegt routiniert, mit spritzigem Darüber-Hinweg-Spielen im Kopf- und Finalsatz die dunklen Seiten, die Eintrübungen in Mozarts Klangsprache, die unheilvolle Stimmung im dahin jagenden Presto, nur unzulänglich belichtet. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für die klassische Sonatenform legt Lang Lang mit seinem Überpointierungsfimmel bei Mozart leider nicht an den Tag. Geradezu „mozärtlich“ atmet das klangschöne Spiel in den langsamen Sätzen. 

Da scheint ihm in der Tat Frédéric Chopin besser zu liegen, zumal die dynamischen Energien der Musik Chopins im Leben von Lang Lang eine besondere Rolle spielen, denkt man an die Solowerke, für die er im Alter von Dreißig ins Aufnahmestudio ging, mit Chopin auch Wettbewerbe erfolgreich bestand und der Komponist ihm auch die Tür zum Studium am Curtis Institute bei Gary Graffman in Philadelphia öffnete. Glänzend versteht es Lang Lang, das Innenleben in den vier Balladen von Chopin zu dechiffrieren, vor allem die lyrischen Oasen, die zahllosen Verästelungen, lustvoll auszukosten wie in den arabeskenhaften Verzierungen der f-Moll Ballade Nr. 4 op. 52. Wie aus geheimnisvoller Ferne tönt in der zweiten Ballade op. 38 das beginnende Andantino. Stimmungsbilder wie in der l840/41 komponierten Ballade Nr. 3 op. 47 enthüllen eine Vielfalt an Klangfarben, lassen im rhythmischen Aufbruch den Eindruck fieberhafter Anspannung spüren. Keine Frage: Lang Lang ist ein hochsensibler Klangregisseur mit blendender Anschlagskunst. Gelingt ihm aber auch jene so kunstvoll auszutarierende Balance zwischen aufgedrehter Dynamik und all den wundervollen farblichen Schattierungen? Mitunter recht abrupt, zu unvermittelt, fast überfallartig lässt er die Dramatik herein donnern. So überrumpelt den Hörer in der Ballade Nr. 2 das Presto con fuoco, das in der dramatischen Brisanz spüren lässt was in der Skitez-Dichtung von Mickewicz dargestellt wird: im litauischen Switez-See sollen einige Mädchen umgekommen sein, die sich von der Brutalität russischer Invasoren zu retten versuchten. Lang Langs Chopin imponiert wohl in der leuchtenden Klanggebung, doch in der Bewältigung der Form sollte er noch reifen. Immerhin: donnerndes Lärmspiel wird vermieden.  Der Biss ist immer gegenwärtig, auch wenn so manche lyrischen Verlorenheiten recht breiten Raum erhalten. Sicher ist Lang Lang als Musiker wie als High-Tech-Virtuose ernst zu nehmen. Selten lässt er sich zu unreflektierender Tastenteufelei hinreißen, auch wenn man über so manche pathetische Aufpolsterungen die Nase rümpft.

In den Zugaben stellt er auch flammend-heiße Exaltationen zur Schau. Allerdings durchrast er den Walzer „Grande Valse brillante“ op. 18 derart fulminant, dass auch das letzte Quentchen an Charme und Eleganz verflüchtigt. Über mehr als gehobene Artistik gelangt er hier nicht hinaus. Nachzuhören auch in seiner neuesten bei Sony veröffentlichten CD 88725449132  

Egon Bezold

 

NATIONAL SYMPHONY ORCHESTRA WASHINGTON

Orchesterkultur made in USA

8.2.13

Was weist ein Orchester als amerikanisches aus? Sicher der instrumentale Feinschliff, die spieltechnische Perfektion, wie aus Einspielungen und live von führenden Ensembles zu erfahren ist. Amerikanisch ist aber auch die lässig saloppe Attitüde, mit der ein Orchester sich lautstark auf dem Podium warmzuspielen pflegt. So gesehen was das Auftreten des National Symphony Orchestra (NSO) aus der Bundeshauptstadt Washington auf ihrer Europa-Tour sehr amerikanisch.

Es ist schon so: Bescheidenheit ist keine Zier der vielen auf Konzertreisen befindlichen Orchester. Das weiß man zur Genüge. Man nimmt den Mund gerne voll mit „best of Classics“ Highlights, den sogenannten Schlachtrössern, verweist auf die große musikalische Tradition des Gastlandes, heuert noch einen zugkräftig Solisten an – nur schade, dass die Rechnung beim NSO nicht ganz aufging, weil die fabelhafte Geigerin Julia Fischer ihr Konzert aus familiären Gründen absagen musste. Die einspringende Geigerin Arabella Steinbacher wurde leider für Nürnberg nicht engagiert, da sie in der Meistersingerhalle in der Hörtnagel Konzertreihe bereits im April ihre Visitenkarte präsentieren wird. Und so lauschte man wieder einmal der geliebten Zweiten von Johannes Brahms, ferner den schnell mal hinein geschubsten „Till Eulenspiegel“ von  Richard Strauss. Und zum Entrée war Ludwig van Beethovens Egmont Ouvertüre zu hören.

Wie schön, dass im Laufe der Zeit auch mal Orchester aus dem zweiten und dritten Glied der US Orchester-Hierarchie auf weltweite Reisen gehen, zumal die Top-Teams aus Cleveland, Chicago, Los Angeles, Boston ihre Auftritte aus finanztechnischen Gründen ja in erster Linie auf die Nobelherbergen in Salzburg, Luzern, Edinburgh und Wien zu beschränken pflegen. Nach zehn Jahren kehrt das National Symphony Orchestra wieder einmal nach Europa zurück. Wer zu einer Orchesterreise antritt, sollte eigentlich auch weniger Bekanntes im Gepäck führen, z.B. Werke aus der heimatlichen Musiktradition, vielleicht einen zeitgenössischen Beitrag der modernen US Klassiker  Charles Ives, Henry Cowell, Aaron Copland, Samuel Barber. Und ein Leckerbissen wie das mechanistisch  rhythmisierte „Short Ride in a Fast Machine“ des amerikanischen Modekomponisten John Adams hätte besondere klangmagische Intensität verbreitet.

Zu einem  „Bilderbuch“-Programm mit zentraleuropäischer Klassik erschien am Pult der seit 2010 amtierende Music Director Christoph Eschenbach. In einem Interview berichtet er von der großen Freude der Orchesterleute vom NSO, in Deutschland Musik von Beethoven und Brahms zu spielen, um die Musik in die „Heimat der Musik“ zu bringen und sie dort besonders inspiriert erklingen zu lassen. Dabei finden sich gerade im Jahresprogramm des Orchesters Gepfeffertes aus der modernen Küche: Saariaho, Lindberg, Blacher, Schnittke, Shchedrin, Adams. Wo bleibt der Mut, auf Reisen so etwas zu offerieren? Wo doch Nürnbergs Publikum die Abwechslung liebt? Immerhin bot das Team aus der US Bundeshauptstadt den örtlichen Veranstaltern alternativ vier Programme an, darunter Béla Bartóks  „Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2“ (Solist Tzimon Barto) und Bartóks „Konzert für Orchester“. Warum Nürnberg anstelle Béla Bartók die zweite Sinfonie von Brahms auswählte, mag kostenwirtschaftlich motiviert sein, vor allem was Gebühren für GEMA betrifft. Da heißt halt Sparen die Devise.

Man kennt den bei renommierten Orchesteradressen und Opernhäusern stets gerne gesehenen Maestro Christoph Eschenbach, schätzt ihn als Typ eines sinfonischen Sachwalters, der auf diszipliniertes Teamwork achtet, auch flackernde Orchesterhitze zu entfachen versteht. Startyp, Pultlöwe ist Eschenbach wohl nicht. Dafür vermittelt er seine Vorstellungen mit klarer Zeichengebung. Dass er der Versuchung nicht widerstehen kann, bei elegischen Stellen (siehe zweite Satz der 2. Sinfonie von Brahms) genüsslich zu verweilen, hat er mit namhaften Dirigenten gemein (Jansons, Maazel, Rattle, Gergiev). Aber man spürt doch den wegkundigen Lotsen am Pult, der den Orchesterapparat des NSO gut unter Kontrolle hält.

Zügiges, in keiner Phase erzwungenes Brio und in den Mittelstimmen mehr oder weniger  locker rhythmisierten  Klang, gehört zu den Vorzügen dieses gelungenen Konzertes des NSO in der Meistersingerhalle. Gegründet wurde das National Orchestra Washington l931. Am Pult standen bis dato Maestri von hohem Rang, Antol Doráti, Leonard Slatkin, Iván Fischer. Einen richtigen Aufstieg (1977-1994)  erlebte das Orchester unter Mstislav Rostropowitsch, der das Orchester keinesfalls nebenher leitete, sondern seine Laufbahn als Solist einschränkte, um seine ganze Reputation als Musiker in dieses ehrenvolle Amt zu legen. So führte der „Rostro“ das Orchester innerhalb kurzer Zeitabstände auf Europa-Tourneen, was für die anderen großen Orchester aus kostenwirtschaftlichen Gründen eine Undenkbarkeit gewesen wäre. Aber die Augen der Sponsoren ruhten halt damals besonders wohlgefällig auf Washingtons Musikern. Und Rostropowitsch beschränkte sich keinesfalls auf das wohlgefällige sinfonische Repertoire, sondern konfrontierte die Zuhörer mit Werken, die im Westen oft achtlos unter den Teppich gekehrt werden wie die späte russische Sinfonik. In der Tat sitzen Könner an den Pulten des Orchesters:  Unerschütterliche Blechbläser mit beträchtlichen dynamischen Reserven und hell timbriertem Klang. Gut die Cellogruppe, während für die hohen Streicher das für amerikanische Orchester typisch metallisch eingefärbte Timbre typisch erscheint. Ein Orchester mit wohl gepflegter Klangkultur. So erlebte Nürnberg ein versiertes Ensemble, das über einen fülligen, organisch atmenden Klang gebietet, der bei Brahms sicher noch mehr Wärme vertragen hätte.

„Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss, weniger dargeboten in bajuwarisch rustikaler Verfassung als in der Bauart des aalglatten, gewitzten, frivol herum flitzenden unkonventionellen „Ulenspiegel“ norddeutscher Prägung, machte gehörigen Dampf. Er fegt durch die Noten, schneidet boshaft Grimassen, sonnt sich im melodienseligen Klang. Man könnte sich dieses Stück wohl pfiffiger, weniger sophisticated, weniger mit erhobenem Zeigefinger als charmanter inszeniert vorstellen. Kurz und bündig geht es dem Bösewicht an den Kragen. Blendende Hornsoli und mächtig einsteigendes Blech führten in den f-Moll-Attacken zum gnadenlosen Tribunal.

Mit Beethoven zu Beginn, der Egmont-Ouvertüre, befindet sich ein Orchester wohl immer auf der sicheren Seite. Vielleicht kam so manchem Beethoven-Fan in den Sinn, dass es ja im Ouvertüren-Repertoire des Komponisten auch seltener Gespieltes vom Meister zu entdecken gäbe.

Wer sich in der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms nach dem sonnendurchfluteten Flair der Carinthischen Sommerfrische sehnt, nach der deutsch-österreichischen Art, die Zweite mit leuchtendem Timbre zu genießen, kam durchaus auf seine Rechnung. Allerdings wurden die Zuhörer auch abschnittweise mit knorrigem Bläserspiel konfrontiert. Eschenbach bevorzugt eine flotte Gangart, lässt auch ein raues Lüftchen wehen. Das Lieblingsstück aller reisenden Orchester verlor sich nirgends in allzu idyllischer Pastoral-Nachfolge. Eschenbach hält das Klangbild durchsichtig, arbeitet vertrackte Rhythmen akkurat heraus. So gelingt im Allegro con spirito eine energiegeladene Steigerung, ohne dass das Finale – wie leider oft zu hören – ins Monströse ausartete. Feine Brahmsische Naturtöne hört man von den Hornisten – alles  von edlem spätromantischem Zuschnitt.

Das Orchester wurde stürmisch gefeiert, bedankte sich mit „Best of Classics“: Polonaise aus Eugen Onegin von Peter Tschaikowsky und „Furiant“ aus Bedrich Smetanas „Die verkaufte Braut.

 

 

 

 

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