DAS KLEINE GROSSE WUNDER IM OHR
SHURE SE 535

Ein differenzierteres besseres Klangbild gibt es nur noch Live. Absolute Studioreferenz!
Das Ultimo an Klangerlebnis.
Das Maß der Dinge an In-Ohr-Hörern.
Liebe Opernfreunde! Klangbeispiele unterschiedlichster Art habe ich, dank Mithilfe meiner Kinder, im Test mit einbezogen. Eigentlich wollte ich nur Klassik hören. Dabei wundert man sich, wie technisch aufwendig (endlich mal differenziert hörbar) doch schon vor 30-40 Jahren Tonträger aufgenommen wurden. Oldies erklingen neu, Opern werden plötzlich wahr, Filmmusik nimmt Gestalt an und selbst Heavymetal beweist, wie gut die Jungs klangtechnisch doch arbeiten. Ein Hörwunder, das süchtig macht; jedenfalls hab ich ihn beim ersten Testhören erst nach 6 Stunden wieder abgenommen. Letztlich bleibt aber die menschliche Stimme der Kern aller Tests und Klangwahrheit; hier zeigt sich wie gut ein Kopfhörer ist. Ich habe meine Lieblingssänger selten so klar und deutlich gehört - und die guten Aufnahmen, gerade der Oper, sind ja alle mindesten 40 Jahre alt. Meine kleine Testreise beginnt bei "A" - wie Abba. Sonst geht es aber kraut- und rüben-durcheinander - was ich gerade greifen konnte in meiner Unordnung:
Nehmen wir Souper Trouper von Abba. Man hört auf einmal am Timbre, daß die Mädels wirklich richtig ausgebildete Opernsängerinnen sind. Glasklar das Glockenspiel, bärentrocken der Bass. Eine räumliche Aufteilung der Stimmen wie im Opernhaus und was für ein Register haben die Mädels.
Bei American Idiot von Green Day stürzt ein Orkan über dem Hörer zusammen, so daß man unwillkürlich zusammenzuckt. Solche Bässe und dermaßen saubere Riffs bringt selbst meine sündhafte-teure Heimanlage mit diversen kühlschrankgroßen selbstgebauten Boxen - ich wohne praktisch in Lautsprechern - nicht annähernd zustande. Beängstigend...
Whole lotta Love - Led Zeppelin ist schon mit normalen Headphones sehr transparent, aber hier wird es zum Psychotrip ohne Haschisch oder andere Stimmulantien. Die Synthesizer-Kurven und die Stimme von Robert Plant kreisen wirklich im Kopf, als wäre es eine 3-D-Kunstkopf Aufnahme, sowohl rauf und runter, wie horizontal. Es kann einem fast schlecht werden...

Wotans Abschied aus DER WALKÜRE auf der legendären CD der "Orchestralen Highlights vom Decca-RING" mit den Wiener Philharmonikern versetzt den Hörer in die Sofiensäle nach Wien. Was für ein Blechbläserklang, wie ein Samtvorhang klingen die Tuben, einschmiegsames Trompeten in betörendem Goldklang. Wie herrlich sind die Streicher räumlich aufgefächert, selbst die kleinsten Ansätze der Harfe sind hörbar, erste Streicher links, zweite Streicher mittig und dann rechts hinten die wunderbaren Bratschen, Bässe rechts vorne - ein Klangtraum! Sogar ganz unterschwellige Streichervibrati sind hörbar. Am Ende Bombast pur ohne in all zuviel Gewalt zu verfallen. Der Feuerzauber geriert zum Meer der Klangschönheiten - fast jede Orchestergruppe ist präsent. Ich höre das Stück seit 45 Jahren - das war bisher ungehört! SIEGFRIED TRAUERMARSCH ist der pure Weltuntergang...
You´ll never walk alone ist eine Monoaufnahme (Gerry & The Pacemakers) aber der herrlich warme Klang der alten Studio-Mikrofone wird neu erlebbar - als säßen wir im 56-er Studio, und noch vor einem alten Röhrenverstärker.
Die legendäre Maultrommel in der Musik vom "Clan der Sizilianer" (Ennio Morricone) hat auf einmal Orgelcharakter und die Streicher klingen wunderbar samtig. Und endlich hört man bei Deep Purples "Child in time" mal den eigentlich unsauberen Ansatz der Hammond Orgel, jenen trockenen Anschlag, der fast immer (für empfindsame Ohren bisher nur hörbar) das Klappen der Ventile erzeugt. Laurens Hammond war ursprünglich Uhrmacher.

Gibt es nicht nur in transparent (siehe oben) sondern auch in diversen Farben
Hören Sie mal auf die komplexe Differenzierung bei Wagners zu unrecht als Krawallstück oft verspotteten Walkürenritt (Decca - Wiener Philharmoniker - Wagner-Ouvertures). Hier hört man Tuben, Bläser und Hörner brillant aufgefächert im Crescendo der verschiedenen Streichergruppen. Ein Wahnsinn an Orchesteraufschlüsselung, trotz aller Klangvolumina. Oder nehmen wir die Tannhäuser-Ouvertüre (ebd.); was für ein Wunder an Räumlichkeit für eine alte Studio-Aufnahme - so klingt es sonst nur live in Bayreuth aus den tiefen des unsichtbaren Orchestergrabens!
Für Heavy Metal Fans: Die ohnehin ziemlich perfekt aufgenommen Stücke der für mich heuer besten Metalband Hammerfall (im alten Uriah-Heep-Sound) erklingen, als stände man bei Rock am Ring in der ersten Reihe. Ich glaube, daß selbst ein ultrateurer Subwoofer solche Bässe nicht bringt. Vorsicht Ohrschäden, bitte nicht ganz aufdrehen sonst fliegt die Schädeldeckel weg! Absolut knackige Gitarrenriffs werden im Kopf aufgespalten als hörten wir 5.1 Sourround. Wahnsinn, und alles ohne daß sich der Nachbar beschwert, so geht die Post herrlich ab. Auch meine Kinder beschweren sich endlich mal nicht (Papa, bitte mach Deine Musik leiser, wir müssen noch Hausaufgaben machen!")
Wie ist so ein gigantischer Klang mit diesen Zwergen möglich. Ein technisches Wunderwerk, nobelpreisverdächtig!
The air that I breeze (Hollies) ist genial aufgenommen, was man sonst selten hörte. Allan Clarke singt wirklich traumhaft schön. Auch die anderen Bandmitglieder sind zielgenau ortbar. Für eine Aufnahme von 1974 mehr als perfekt. Schöner singt nur noch Chris Norman (Smokie) "A few dollars more" - mein Gott, wie die Zeit vergeht! Dieser Kopfhörer wirkt fast wie eine Zeitmaschine; er versetzt mich 40 Jahre zurück, wo ich all die Künstler noch life in den Clubs gehört habe. Vergangenheit wird wahr - nostalgische Verklärung durch Schönklang ;-) ?!
Die Filmmusik von Inception (Hans Zimmer) mit ihren trockenen Bässen und Sythesizer-Effekten kreiselt dermaßen durch den Kopf, daß die klaustrophobische Atmosphäre des Film in der Phantasie wieder entsteht. Solche Filmmusik ist eigentlich nur mit diesen Ear-Hörern erlebbar. Unglaubliche Effekte, die ich über meine Boxen nie wahr nahm. Dream is collapsing hat im Crescendo geradezu wagnerschen Klangbildcharakter. Da schlägt der Puls bis zum Hals. Musik wird Raum! Ein neuer Film entsteht im Kopf.
The Boxer von Simon & Garfunkel. Ich werf mich weg... Und finde mich beim Live-Konzert im Central Park (NY) 1969 wieder. Habe die Stimmen nie schöner gehört! Dann kommt "Bridge over troubled Water" - So sterbe ich dahin...

Für jeden Gehörgang den passenden Stöpsel.
Cavalleria Rusticana (Die legendäre Karajan-Aufnahme aus der Scala) Cossotto & Bergonzi. Was für Streicher, welches kongeniale Rubato und was für Stimmen. Hier lebt die alte Aufnahme mit neuem Glanz auf. Strahlender und großdimensionierter erklang die "Bauernehre" nie. Endlich kann ich das Intermezzo mal richtig aufdrehen.
Huch! Wo kommt denn der tolle weibliche Chor bei Udos "Ich war noch niemals in New York" her? Und wie toll wird das Schlagzeug verhallt. Mädels mit diesem Ding flötet Euch der große Udo geradezu säuselnd ins Ohr! Ich hasse eigentlich diese Schnulze - aber so klingt sie akzeptabel. Besonders klangbrillant der Mundharmonik-Player!
Für Headbanger only: Hört Euch mal das so abgenudelte Eye of the Tiger (Survivor)! Aber Vorsicht, nicht im Rausch und Überschwang mit dem Kopf gegen die Wanden bangen! Oder in den Spiegel boxen (Rocky!).
Achtung: Das richtige Anlegen der Hörer ist ganz ganz wichtig - sie müssen wirklich sauber in den Gehörgang eingepasst werden, sonst klingt es fad. Die Dinger müssen fest im Ohr sitzen, dürfen aber nicht drücken. Rot rechts - blau links! Richtig eingepasst drückt der Hörer auch nach mehreren Stunden nicht. Ich halte über 6 Stunden hintereinander aus. Es gibt menschliche Bedürfnisse, die einen dann doch zwingen die Wonder-Pfropfen abzulegen. Dazu gibt es umfangreiches Zubehör, fast wie in einer Ohrenarztpraxis. Alles ist leicht demontierbar, weil superleicht aufsteckbar. Reinigung ein Kinderspiel. Ein ans Kabel montierbarer Lautstärke-Regler (sehr praktisch, wenn man nicht direkt am Verstärker sitzt) ist auch dabei. Übrigens, mir passten die weichen Schaumstoffmuffen am besten. Der kleine Klinkenstecker läßt sich mittels Adapter natürlich auf die an üblichen Anlagen vorhandenen großen Klinken stecken.
Für die Techniker. Lautsprechertyp: Dreiwege High-Definition MicroDriver. Empfindlichkeit: 119 dB SPL/mW
Impedanz: 36 Ω. Übertragungsbereich: echte ! 18 Hz - 19 kHz.
Kleiner Nachteil: jedes Berühren des sensiblen Kabels teilt sich dem Kopf mit, weil der Hörer so eng im Ohr sitzt und praktisch mit dem Ohr (wie lärmdämmende gelbe Ohrstöpsel) quasi verwächst. Aber man soll ja ruhig und entspannt sitzen beim Klassikhören! Oder?
Nota Bene: Ich hatte allerdings das Gerät an einen alten sündhaft teuren High-End Verstärker betrieben - nicht über ein simples Smartphone! Vielleicht deshalb soviel Euphorie. Ein Handy hat natürlich nicht ansatzweise den passenden Verstärker um so ein Edelprodukt richtig zur Geltung bringen zu lassen und das geradezu erschreckend gewaltige Frequenzspektrum mit seinen Tiefbässen und ätherischen Höhen überhaupt auszunutzen.
475 Euro (Empf. VK) sind kein Pappenstil - aber dieser Hörer schafft schon neue Glücksgefühle. Schade, daß ich ihn nach dem Test wieder zurück geben muß... schnüff, schnüff. I love you SE 535. Am Ende zitiere ich als Oldie-Fan unseren alten Schnulzensänger Christian Anders: Mit diesem Ear-Phone fährt ein Zug nicht nach nirgendwo (selbst dieser Schmachtfetzen klingt toll!), sondern ins Land der perfekten Klangträume.
Up, up and away in den 7. Klanghimmel. Übrigens, fast hätt ich es vergessen, man kann mit dem Stöpseln im Ohr auf der Seite schlafen, ohne daß es drückt.
Peter Bilsing
P.S.
Wenn ich keine Opernkritiken mehr schreibe, verkaufe ich High-End-Kopfhörer. Selten hat mich etwas so überzeugt!