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Facing a dying Nation...

 Brillantes und überzeugendes HAIR-Revival in Bonn

 Premiere am 11. September 2011 

Credo: "When the moon is in the Seventh House - And Jupiter aligns with Mars - Then peace will guide the planets - And love will steer the starsThis is the dawning of the age of Aquarius - The age of Aquarius -Aquarius!

Harmony and understanding - Sympathy and trust abounding - No more falsehoods or derisions - Golden living dreams of visions - Mystic crystal revelation - And the mind's true liberation - Aquarius! Aquarius!"

Copyright: Alle Bilder sind von Thilo Beu, Hochkreuzalle 104, 53175 Bonn

Kann ein Musical, welches in den 68-ern den Zeitgeist so ungestüm und bewegend wiedergegeben hat, wie kein anderes heute noch jemanden berühren? Ist die Zeit von "Hair" nicht hoffnungslos vorbei? Ist dieses "American Tribal Love/Rock Musical" heuer nicht nur noch Museum, quasi eine Hitparade ausgelutschter Schlager und Songs? Uralt Hitparade für gruftige 68-er und hemmungslose Flower-Power-Nostalgiker?

"Ripped open by metal explosion - Caught in barbed wire - Fireball - Bullet shock - Bayonet - Electricity - Shrapnel throbbing meat - Electronic data processing - Black uniforms - Bare feet carbines - Mail-order rifles shoot the muscles ... Prisoners in Niggertown - It's a dirty little war - Three Five Zero Zero - Take weapons up and begin to kill - Watch the long long armies drifting home"

Oder brauchen wir Texte wie diesen gerade heute? Was hat sich geändert seit Vietnam? Müssten uns nicht angesichts solcher prekären Zeilen und der Realität in Afghanistan und Irak geradezu die Tränen in die Augen schießen? Ja, das sind böse Worte, die Gerome Ragni und James Rado da im Jahre 1968 in bestürzend schöner und auf den ersten Blick recht oberflächlicher Schlagermusik untergebracht haben.

"Sodomy - Fellatio - Cunnilingus - Pederasty -Father, why do these words sound so nasty? - Masturbation can be fun - Join the holy orgy Kama Sutra - Everyone!"

Holla! Da beschlägt doch heute noch jedem CDU/CSU Hinterbänkler die Lesebrille und der Ruf nach Verbot keimt auf - da braucht es dann keine Nacktheit auf der Bühne mehr (1968 gab es tatsächlich mehrere Strafanzeigen bzw. Verbotsanträge durch die Kirche und zusätzlich durch Nackheit geschockte Zeitgenossen!), um den Bischof oder päpstliche Gesandte auch heute noch auf den Plan zu rufen. "Sauerei!"

Henrik Wager (Berger), Ursula Anna Baumgartner (Donna Bukowsky)

War es nicht der in tolle Musik gefasste Hilferuf und Aufschrei hunderttausender Amerikaner über den Wahnsinn in Vietnam? Musikalisches Credo der Massenproteste, aber auch der harmlosen Blumenkinder, naiv protestierender Ho-Chi-Minh-Rufer, sowie ernsthafter Antikriegs-Protestler und Wehrdienstverweigerer, die für ihre Proteste in den Knast gingen? Das war ein Jahr vor Woodstock!

Das alles und noch viel mehr war damals für uns "Hair". Der Rezensent, ebenfalls alt-68-Gruftie, war dabei und gibt zu, daß diese Musik ihn geprägt, mehr als Wagners "Götterdämmerung". Zumindest in Deutschland gab man "Hair" in damals fabelhafter Besetzung, und man hatte (welches Wunder!) sogar eine sehr gute und auch sangbare deutsche Übersetzung geschaffen. Su Kramer, Reiner Schöne, Ron Williams, Jürgen Marcus ! als Claude sowie u.v.a. Donna Summer oder Liz Mitchell; hier traf sich das "Who is Who" der anspruchsvollen Schlagerwelt und begeisterte Millionen Zuschauer live wie am fernen Broadway.

"Hair" wurde ein Welterfolg, wie vorher kein anderes Musical. Das ungeheure musikalische Potential der Songs erschöpft sich bis heute in hunderten von Remakes.

Insoweit ist es nicht hoch genug zu bewerten, was schon allein auf der musikalischen Seite in Bonn (Gemeinschaftsproduktion mit Kassel und Mannheim) geboten wird. Die Songs sind bravourös neu eingerichtet, und die phantastische Band unter Leitung von Michael Barfuß fetzt aus dem Orchestergraben, was das Zeug hält. Endlich einmal kommt die Musik wie bei einem Popfestival auch laut genug rüber. (Bitte nicht nach Zuschauerbeschwerden runterdrehen! Bitte nicht!) "Hair" muß laut sein, will laut sein und muß auch einmal übers Zwerchfell erschüttern bzw. subkutan wahrgenommen werden. Gratulation Jungs! Besser klang es auch 1968 nicht!

Bild: Completely stoned - Auf dem Tripp

Das Stück heute zu inszenieren, erfordert nicht nur Feingefühl, sondern der Regisseur muß auch zeigen, warum uns dieses Musical noch soviel Arbeit, Engagement und Zeit wert ist. Es ist der Versuch einer Art Quadratur des Kreises, und die gelingt Regisseur Philipp Kochheim und seinem Team auf geradezu geniale Art und Weise, indem er z.B. historische Momente per Video einblendet. Wir sehen Bilder welche die Welt bewegten. Ob John F. Kennedys verlogenes Weltmacht- und Friedengegefasel, Martin Luther Kings bewegende I-have-a-dream-Rede oder Bilder aus Vietnam, wo US-Kampflugzeuge das alles vernichtende Agent Orange versprühen, welches unendliche schöne Landflächen nicht nur auf 100 Jahre entlaubte, sondern auch hundertausende unschuldiger vietnamesische Bauern vergiftete bzw. deren Nachwuchs verkrüppelte. Eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte! Das lässt erschaudern zwischen so schöner Musik und so anscheinend harmlosen Hippies.

Das Regieteam bricht auch mit kleinen aber gekonnt arrangierten Zwischenszenen ins friedliche Blumenkinderleben ein; es sind nicht nur historische Apercus sondern auch geschickt eingesetzte Flashback wenn man Massenmörder Charles Manson präsentiert und eine blutüberströmte Sharon Tate über die Bühne wankt, Rhett Butler Scarlett O´Hara anhimmelt, Popeye jedem mit dem Hammer auf den Kopf schlägt, Andy Warhol wild herumphotographiert, Timothy Leary im Rausch über LSD faselt und die "original" Supremes singen; weiterhin gibt es Jane Fonda als Barbarella, Stanley Kowalski, Blanche Dubois, Allen Ginsberg, John Lennon und Dick Clark; Abraham Lincoln darf natürlich nicht fehlen, und auch Elvis lebt noch. Was für ein phantasiereiches Zwischenballett! Kochheim bringt uns die vergangene Historie nahe; so erleben wir den Zeitgeist der 68-er neu und tauchen ein in die Vergangenheit.

Wie es Regisseur Philipp Kochheim gelingt mit einem tollen Theatercoup auch den heikelsten Moment dieses Hair-Musicals zu inszenieren, nämlich den vielkritisierten offensichtlich viel zu positiven Schluß ("Let the Sunshine in"), wird hier nicht verraten. Nur soviel: es ist ähnlich überragend genial gelöst wie in Milos Foremans begnadeter Filmumsetzung, mit der diese Inszenierung allerdings nichts gemeinsam hat, denn sie basiert auf der Broadway Theaterversion. Ein Schluß, der so einfühlsam wie emotional gemacht ist und tief berührt.

"We starve-look - at one another - short of breath - walking proudly in our winter coats - Wearing smells from laboratories - facing a dying nation - of moving paper fantasy - Listening for the new told lies - with supreme visions of lonely tunes

Somewhere - Inside something there is a rush of - Greatness who knows what stands in front of - Our lives - I fashion my future on films in space - Silence tells me secretly -E verything ... Eyes look your last across the Atlantic Sea - Arms take your last embrace and I'm a genius genius - And lips oh you the doors of breath - I believe in God - Seal with a righteous kiss and I believe that God believes in Claude -That's me, that's me, that's me - The rest is silence"

Daß der abschließende Volkstanz der Darsteller mit dem Publikum zu "Let the Sunshine in" hier konzeptionell eigentlich kontraproduktiv ist und absolut ins Regiekonzept nicht mehr reinpasst, ist (verständlicher Weise!) dem heutigen Klatschmarsch-Bedürfnis eines Musikanten-Stadel-Publikums zugestanden, welches mittlerweile auch bei Dramen und tragischen Opern leider in Dauerstanding-Ovations immer mehr jenem Dschingderassa-Bumm-Affen von Steiff ähnelt, der 1968 praktisch in jedem Kinderzimmer vorhanden war. Somit schließt sich der Bogen.

Die Sänger-Crew bringt sich ebenfalls bravourös ein, denn die Stücke sind teilweise äußerst Heikel vom Schwierigkeitsgrad. Wobei über einige Sangesschwächen großzügig hinweg gesehen werden konnte, denn es kam hier mehr auf die Typisierung von Personen an, als auf das korrekte hohe H oder C, welches die Opernkritiker anmerken werden. Eine tolle Sänger-Crew, die mit Vehemenz und Einsatz durch das Stück wirbelte und in dieser fabulösen Professionalität ihres gleichen suchen kann. Danke an alle Mitwirkenden - Ihr ward sensationell gut!

Besser kann man dieses immer noch tolle Musical kaum in Szene setzen.

Die Karten für die wenigen Folgevorstellungen, die sich bis in den Mai 2012 hinein ziehen, werden schnell verkauft sein. Daher mein Appell an alle 68-er, fröhlichen Greise und junggebliebenen Herzen:

Bitte schnell einbuchen! So schnell wird man selten wieder 40 Jahre jünger!

Peter Bilsing


Credits:

MUSIKALISCHE LEITUNG Michael Barfuß
INSZENIERUNG Philipp Kochheim
CHOREOGRAPHIE Alonso Barros
BÜHNE Thomas Gruber
KOSTÜME Bernhard Hülfenhaus
LICHT Thomas Roscher / Max Karbe
DRAMATURGIE Michaela Angelopoulos

Cast

Claude Hooper - Bukowsky Markus Schneider
Donna Bukowsky -  Ursula Anna Baumgartner
Mrs. Bukowsky -  Sonja Mustoff
Mr. Bukowsky - Carlo Ghirardelli
Berger -  Henrik Wager
Woof -  Christof Maria Kaiser
Hud -  Alvin Le-Bass
Jeannie - Peggy Pollow
Steve - Kristian Lucas
Dionne - Tertia Botha
NaÏma - Jennifer Sarah Boone
Cecilia - Miriam Cani
Chastity -Tina Ajala
Crissy - Kun Jing
Sheila - Maricel
Che -  Philipp Georgopoulos
Shiva - Ico Benayga
Humphrey - Julian David
Cosma - Beatrix Gfaller
Alissa -  Miruna Mihailescu
Zoe - Susan Ten Harmsen
Sumatra - Michael Höfner
Tamati -  Olaf Reinecke
Pitú - Wanderson Wanderley


Musiker

Olaf Krüger, Trompete
Lothar van Staa, Saxophon
Ludwig Goetz, Posaune
Peter Engelhardt, Gitarre
Marcus Schinkel, Keyboards
Sascha Delbrouck, Bass
Marc zur Oven, Percussion
Stefan Lammert, Schlagzeug

 

www.theater-bonn.de/home.asp

Termine

So.18.09.11//18:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Di.11.10.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
So.23.10.11//18:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Fr.11.11.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Fr.25.11.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Sa.26.11.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Fr.16.12.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Fr.23.12.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Mo.26.12.11//18:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Fr.30.12.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Sa.31.12.11//15:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Sa.31.12.11//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
So.22.01.12//16:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Do.09.02.12//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Di.14.02.12//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Sa.31.03.12//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
Do.12.04.12//19:30 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>
So.13.05.12//18:00 Uhr//Opernhaus Karten bestellen >>

 

DER OPERNFREUND-DVD-Tipp:

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Milos Foremanns Meisterwerk: Zur Zeit für schlappe 5,50 Euro bei Amazon. Zur Vorbereitung bestens geeignet. Doch Achtung! Foremans Geschichte weicht von der Original Hair-Vorlage ab - es ist halt ein Film. Nichts desto trotz ein begnadeter Film. Ebenfalls 5 Sterne!                                     PB

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com