DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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COSÌ FAN TUTTE

Premiere am 31.01.2014

Ungetrübter Spaß mit guter Ensemble-Leistung 

Der Regisseur Niklaus Helbling ist in Oldenburg kein Unbekannter. Hier inszenierte er bereits „Nachtwache“, „Die Zauberflöte“ (eine sehr erfolgreiche Produktion mit vielen Zusatzvorstellungen) sowie „Otello“ (der im Frisiersalon spielte).

Auch für Mozarts „Così fan tutte“ hat er sich einen besonderen Spielraum erdacht. Die Oper führt uns in Don Alfonsos Künstlersalon, ein nobles ganz in Weiß gehaltenes Fotostudio (Bühne von Jürgen Höth). Es ist ein Ort, wo Verkleidung, Verwandlung und Inszenierung an der Tagesordnung sind. Die Protagonisten treten zwar in moderner Kleidung auf, aber Helbling setzt dabei nicht auf banale Aktualisierung. Mit einem Kunstgriff schlägt er die Brücke zum Rokoko. Don Alfonso „inszeniert“ als lebendes Bild Motive, die an Watteaus „Italienische Komödianten“ und „Pierrot“ erinnern. Ein passender und ästhetisch sehr ansprechender Rahmen. Zudem sind im Hintergrund sinn- und kunstvolle Projektionen zu sehen - Matrosen, die ihr Kriegsschiff besteigen, Pflanzen oder klassische Statuen.

Helbling zeigt in seiner Inszenierung sehr eindrucksvoll, wie die Gefühle von Fiordiligi und Dorabella langsam ins Wanken geraten. Aber er macht daraus keine bitterböse Geschichte. Denn Ferrando und Guglielmo stürzen sich nicht auf Teufel komm raus auf die jeweilige Partnerin des anderen. Es wird zwar „über Kreuz“ gebaggert und geflirtet, aber eher zögerlich. Die Herren sind durchaus unentschlossen und wenden sich zunächst auch immer wieder ihrer eigentlichen Freundin zu. Und Don Alfonso ist hier keineswegs der Zyniker, sondern eher eine Art verständnisvoller Lehrer, der in dieser „Schule der Liebenden“ den Paaren die Augen für die Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit der Liebe öffnen will. Die einzelnen Stationen der Gefühlsentwicklungen stellt er dabei jeweils unter ein Motto, etwa „La legge di natura“ (Das Naturgesetz) oder „Necessita del core“ (Bedürfnis des Herzens), das wie ein Lehrsätz projiziert wird. Aber es scheint so, dass die Paare nach diesen Prüfungen ihre Liebe nicht verraten, sondern wissender und weiser ihre Beziehung eher gefestigt haben. Also ein versöhnlicher Schluss mit guter Aussicht auf ein Happy End.

Ein großes Verdienst dieser Inszenierung ist die Vermeidung von Albernheiten, von denen die Szenen mit Despina ja oft geprägt sind. Ihre Auftritte als Arzt oder Notar sind von dezenter Komik und nie überzogen. Despina ist hier kein Kobold, sondern eine liebenswerte, selbstbewusste Person, die ihrem Don Alfonso große Zuneigung entgegenbringt. Fast ist sie eine „Verwandte“ der Zerbinetta. Auch die sehr gelungenen Verkleidungen von Ferrando und Guglielmo „missbraucht“ Helbling nicht zu lächerlichem Mummenschanz, sodass die Inszenierung ungetrübten Spaß bereitet.

Das Oldenburgische Staatstheater konnte musikalisch mit einem homogenen Ensemble punkten, das eine solide Leistung mit schlanken und verlässlichen Stimmen erbrachte. Inga-Britt Andersson als Fiordiligi und Linda Sommerhage als Dorabella konnten mit jugendlich-mädchenhafter Ausstrahlung und stimmiger Darstellung ihre Partien überzeugend verkörpern. Andersson verfügt über eine gute Mittellage und sichere Höhe. Ihr Felsenarie, die sie dramatisch aufgeladen hoch oben auf einer Trittleiter sang, und das Rondo bewältigte sie durchweg ansprechend. Sommerhage hat einen sehr hellen Mezzosopran. Die Duette mit Andersson waren schön ausgestaltet, aber der Stimmklang der beiden Sängerinnen ist doch vielleicht etwas zu ähnlich. Stefan Heibach sang den Ferrando sehr bodenständig, aber man hat „Un’ aura amorosa“ schon schwebender und mit mehr Pianokultur gehört. Johannes Held machte stimmlich und darstellerisch als Gugliemo eine gute Figur und sang sein „Donne miei“ mit vergnüglicher Empörung. Derrick Ballard war mit schlankem Bass-Bariton ein nobler Don Alfonso, der als Besitzer des Künstlerstudios alle Fäden in der Hand hielt. Und Monika Reinhard als hellstimmige Despina war einfach zum Liebhaben.

Oldenburgs GMD Roger Epple stand am Pult des Oldenburgischen Staatsorchesters, das in der etwas enttäuschenden, weil sehr pauschal heruntergespielten Ouvertüre einen zunächst sehr trockenen Klang produzierte. Abgesehen von diversen „Patzern“ der Hörner gelang aber eine zunehmend lebendigere und auch im Klang immer bessere Wiedergabe, die den hübschen Abend positiv prägte.

Wolfgang Denker, 01.02.2014                     Fotos von Andreas J. Ette

 

 

 

Salvatore Sciarrino (*1947)

LOHENGRIN

Premiere am 25.01.2014

Elsas psychische Krisen

In ihrer Reihe OPERation X widmet sich das Oldenburgische Staatstheater regelmäßig ausgefallenen Werken des modernen oder experimentellen Musiktheaters. Jetzt gab es in der Exerzierhalle die Kammeroper „Lohengrin“ von Salvarore Sciarrino. Der Komponist nennt sein 1983 in Italien uraufgeführtes (und 1993 in Bonn erstmalig in Deutschland gespieltes) Werk „Unsichtbare Handlung für Solistin, Instrumente und Stimme“.

Mit Wagners „Lohengrin“ hat Sciarrinos Komposition allerdings nicht viel gemein - nicht nur, weil bei Wagner sehr viel und bei Sciarrino fast gar nicht gesungen wird. Hier dreht es sich ausschließlich um Elsa, die in ihrer psychischen Krise das ihr Widerfahrene in einem knapp einstündigen Monolog rekapituliert.

Die literarische Vorlage stammt von dem französischen Dichter Jules Laforgue (1860-1887). Dort ist Elsa der Unkeuschheit angeklagt und soll geblendet werden. Ihr Retter Lohengrin erweist sich aber als Enttäuschung, da er kein wirkliches Interesse an Elsa hat und vor ihrer körperlichen Nähe flieht. Einsam bleibt Elsa zurück.

Elsa wird von Salome Kammer verkörpert, die ein breites Arsenal an Geräuschen und Lautmalereien produzieren muss. Sie atmet, hechelt, würgt, imitiert die Vögel der Nacht, erzeugt diverse Naturlaute oder klappert sogar mit den Zähnen. Dazu stehen ihr drei (sehr gut und dezent ausgesteuerte) Mikrofone zur Verfügung, zwischen denen sie pendelt. Und sie spricht: teils flüsternd und beschwörend, teils resigniert und fassungslos, teils in hysterisches Lachen ausbrechend. Zwischendurch schlüpft sie auch in die Rolle Lohengrins. „Fass mich nicht an!“, lässt sie ihn sagen. Eine herbe Zurückweisung in der Hochzeitsnacht! Oder sie lässt die bedrohlichen „Elsa“-Rufe der Volksmenge ertönen, die sie richten will. Hier schlägt die Stimmung in eine fast physische Bedrohung um. Kammer bewältigt ihre Aufgabe mit unglaublicher Intensität, mit virtuosem Ausdrucksvermögen und variationsreicher Körpersprache. Eine imponierende Leistung! Die drei anderen Solisten, der Tenor Volker Röhnert, der Bariton Alwin Kölblinger und der Bass Henry Kiichlii kommen als Stimmen mit nur wenigen Phrasen zum Einsatz - mit schwierig zu treffenden Tonhöhen, wie der ständige Gebrauch der Stimmgabeln unterstreicht.

Die Musik von Salvatore Sciarrino macht es dem Hörer nicht leicht. Sie ist minimalistisch und drückt sich überwiegend in Flageolett-Tönen aus. Geräuschartige Klangtupfer, sehr filigrane Bläsersätze und trotz einer Orchesterstärke von immerhin 16 Musikern ein stets kammermusikalisches Klangbild bestimmen der Höreindruck. Nur selten werden dramatische Akzente gesetzt, dafür wird aber eine schwebend-trügerische Nachtstimmung von eigenem Reiz erzeugt. Dirigent Yuval Zorn setzte die Anforderungen der Partitur mit großer Ruhe adäquat um. Insgesamt erinnert das Werk etwas an Schönbergs „Erwartung“.

Regisseur Thomas Fiedler ließ sich die Spielfläche von seinem Ausstatter Christian Wiehle mit einer Spiegelwand und üppigen Grünpflanzen bestücken. Auch ein zerrupfter Schwan liegt herum. Den Frühstückstisch teilt sich Elsa mit einer Holzpuppe als Lohengrin-Ersatz. Sie schleppt sie herum und stößt sie am Ende polternd vom Stuhl. Fiedlers Inszenierung konzentrierte sich vor allem aber auf Elsas Emotionen, die durch Salome Kammer weitgehend verdeutlicht werden konnten. Ohne Vorkenntnisse dürfte sich die italienisch gesprochene Aufführung (trotz der deutschen Übertitel) dem Zuschauer aber nur schwer erschließen.

Wolfgang Denker, 27.01.2014                              Fotos von Andreas J. Etter

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

Premiere am 30.11.2013

Champagnerparty im Dschungel

Eine klassische Operette hat es in Oldenburg lange nicht mehr gegeben. Umso willkommener wurde die Neuinszenierung der Königin aller Operetten aufgenommen: „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. Der scheidende Intendant Markus Müller sieht diese Produktion als Abschiedsgeschenk an sein Publikum. Regisseur K. D. Schmidt und sein Team haben denn auch einigen Aufwand betrieben, um das Werk in phantasievoller Weise auf die Bretter zu bringen. Das betrifft vor allem den zweiten Akt, wo Bühnenbildner Alain Rappaport und Kostümausstatterin Britta Leonhardt mit einer veritablen Überraschung aufwarteten. Das Fest beim Prinzen Orlofsky wurde hier nämlich in den Dschungel verlegt: Orlofskys Partygäste tummeln sich inmitten einer üppig wuchernden Blätter- und Baumwelt als Löwe, Giraffe oder Tarzan. Eisenstein kommt mit Tropenhelm und kurzen Hosen. Rosalinde und Adele sind hingegen „klassisch“ elegant. Die Szene ist auch eine Metapher für einen Bereich, wo man die bürgerliche Welt hinter sich lässt und das „Animalische“ auslebt. Der Gegensatz zum 1. Bild (eine kühle Wohnhalle mit einem Sofa und zwei Lampen) könnte nicht größer sein. Wenn Alfred, der heimliche Verehrer Rosalindes, im 1. Akt durch ein Fenster lugt, von dem er wiederholt abstürzt, scheint hinter diesem Fenster schon die üppige Fauna des 2. Bildes lockend auf.

„Ich kann nicht lachen“, sagt Orlofsky. Nun, das Publikum konnte es - wenn auch nicht so oft, wie der Regisseur vielleicht erwartet hatte. Denn einige Szenen streiften die Grenze zur Albernheit, etwa der skurrile Auftritt Alfreds, der voller Vorfreude auf sein Schäferstündchen Rosalindes Zimmer in eine Matratzenlandschaft mit vielen rosa Kissen verwandelt. Und auch die neu gefassten Dialoge waren, besonders im 3. Akt, nicht immer ein Volltreffer. Aber in Sachen Charakterisierung und Führung der Personen zeigte Schmidt eine sichere und durchaus originelle Hand. Eisenstein und Falke wirken im 1. Akt wie biedere Bürokraten, nur die Ärmelschoner hätten noch gefehlt. Ihre Vorfreude auf das sündige Fest war glänzend und übermütig gespielt. Wenn Rosalinde sie bei ihren Turnübungen erwischt und Eisenstein lapidar erklärt, Falke habe „Rücken“, ist das durchaus komisch. Rosalinde erscheint in einem betont „trutschigen“ Outfit. Schwer verständlich, dass der total flippige Alfred mit blanker Brust und blonder, wallender Mähne auf sie fliegt. Wie begehrenswert erscheint sie dagegen auf dem Maskenfest! Im 2. Akt (in dessen Mitte man die Pause gelegt hatte) gab es keine Balletteinlage, dafür wurde (als Uraufführung) ein kurzes, modernes Musikstück von fünfminütiger Dauer eingefügt. Der Komponist Gordon Kampe hat es eigens für diese Produktion geschrieben und verwendet darin zwar Motive aus der „Fledermaus“, aber es klang, als hätte er die Kopfschmerzen nach dem Champagnergelage vertont. Im 3. Akt gab es noch mal einen ähnlichen Einschub. Letztlich war diese Musik jedoch ein Fremdköper.

Der Gefängniswärter Frosch trägt hier sehr norddeutsche Züge. Bier statt Slibowitz. Schauspieler Henner Momann macht aus ihm eine Art zweiter Herr Holm und kann mit seinen Oldenburger Kalauern durchaus punkten. Dass er (und später auch Direktor Frank) in die Schublade des Schreibtisches kotzen, war eher entbehrlich. Aber insgesamt hatte das Finale Tempo und Witz. Und am Ende sitzen Eisenstein und Rosalinde wieder auf dem Sofa, diesmal deutlich näher zusammen…

Bei den Solisten hatten die Damen die Nase vorn. Inga-Britt Andersson bot als Rosalinde mit kraftvoll aufgedrehtem Sopran eine hervorragende Leistung, die in dem temperamentvollen Csardas „Klänge der Heimat“ gipfelte. Die Verwandlung von der biederen Hausfrau zur mondänem „ungarischen Gräfin“ war überzeugend. Auch Monika Reinhard bezauberte als Stubenmädchen Adele mit blitzsauberer Gesangsleistung und rotzfrecher Darstellung. Schade, dass ihre Arie „Spiel’ ich die Unschuld vom Lande“ durch Dialoge immer wieder unterbrochen wurde und deshalb dreigeteilt erklang. Paul Brady war der Eisenstein, der mit Spielfreude und eher routiniert geführtem Bariton die Partie angemessen erfüllte. Daniel Ohlmann hatte als Alfred keinen guten Tag und blieb mit angestrengt und eng klingendem Tenor hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurück. Orlofsky war mit dem Countertenor Benjamin Boresch attraktiv besetzt, auch wenn er seine exponierten Töne nicht immer ganz in die Gesangslinie einbinden konnte. Johannes Held war mit recht hellem Bariton ein ansprechender Falke, Michael Pegher der herrlich stotternde Dr. Blind, Peter Felix Bauer der Gefängnisdirektor und Anne Fuchs eine fesche Ida.

Am Pult bewährte sich der noch sehr junge, erst 26-jährige Dirigent Paul-Johannes Kirschner ganz hervorragend, der Chor, Orchester und Solisten sicher koordinierte und die Walzerseligkeit schwungvoll auskostete. Es war für ihn die erste große Oldenburger Produktion. Schon mit der zügig und sehr differenziert musizierten Ouvertüre konnte er nachhaltige Akzente setzen. Dieser gute Eindruck setzte sich im Laufe der Aufführung fort. Auch der Chor (Einstudierung Thomas Bönisch) zeigte sich von seiner besten Seite.

Wolfgang Denker, 2.12.2013                        Fotos von Andreas J. Etter

 

 

 

THE RAKES PROGRESS

Premiere: 31.5.2013    

Leckerbissen für Feinschmecker

Die letzte Opernpremiere der Saison erwies sich als Volltreffer. Dem Regisseur Markus Bothe ist mit The Rake’s Progress von Igor Strawinsky eine kurzweilige, sehr geglückte Produktion gelungen, getragen von einem hervorragend disponierten Ensemble.

Das 1949/50 entstandene Werk wurde 1951 im Teatro La Fenice in Venedig unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt und eroberte schnell die Bühnen der Welt.  Anders als in seinem Ballett „Le Sacre du Printemps“, das gerade hundert Jahre geworden ist, zeigt sich Strawinsky hier nicht als musikalischer Erneuerer, sondern greift auf die Tradition des Belcanto zurück.  Es gibt Anklänge an Monteverdi und Händel, aber auch an den Jazz. Ein paar tänzerische Elemente der Inszenierung unterstreichen das. Die Oper ist in einem neo-klassizistischen Stil geschrieben, als Nummernoper mit Arien und Rezitativen. Sogar das Cembalo (hier gespielt von Anorthe Eckert) kommt in den Rezitativen zum Einsatz.  Die melodiösen Gesangspartien pflegen den Belcanto im Sinne Bellinis. Die größte Nähe aber findet sich (musikalisch und inhaltlich) zu Mozart, insbesondere seinem „Don Giovanni“. Hier wie dort gibt es einen Helden, dem eigentlich nichts gelingt, und auch einen Epilog, in welchem alle handelnden Personen an die Rampe treten und ein moralisches Fazit ziehen. Die Oper ist ein wahrer Leckerbissen für Feinschmecker.

Im Eingangsbild sieht man eine bäuerliche Idylle mit Kuckucksuhr. Tom Rakewell und Ann Truelove sitzen in zwei riesigen Stühlen, sodass sie wie Kinder wirken. Ihre Liebe wirkt jung und unschuldig. Nur der Vater (profiliert: Benjamin LeClair) ist skeptisch. Zu Recht - denn mit dem Erscheinen von Nick Shadow nimmt das Unglück seinen Lauf, denn der überredet Tom, seine ländliche Idylle zu verlassen und sich als „Wüstling“ in den Rausch weltlicher Genüsse zu stürzen. Shadow ist eine Mischung aus Diener (wie Leporello im „Don Giovanni“) und Teufel (wie im „Faust“), aber auch die Inkarnation der tiefen Abgründe in Toms Seele (wie bei „Jekyll und Hyde“). Peter Felix Bauer verkörperte diesen schwarz gekleideten, smarten Teufel mit diabolischem Charme und viel Bühnenpräsenz und sang mit substanzreichem, gut sitzendem Bariton, der erst am Ende etwas aufgeraut klang.

Toms Reise durch London führt zunächst in ein Bordell. Bühnenbildnerin Ricarda Beilharz hat dazu eine skurrile Plastik auf die Bühne gewuchtet, einen stilisierten rosa Fleischberg, aus dem der Kopf der Puffmutter Mother Goose (Annekathrin Kupke) herauslugt und den die Freier in Unterhosen umschleichen. Dann geht es in die Filmwelt Hollywoods der 60ger Jahre. Tom soll die Türkenbaba heiraten, ein skurriles, bärtiges  Vollweib mit Bart und ein berühmter Filmstar. Riesige, sehr originelle und gelungene Filmplakate (von „Psycho“, dem „Verflixten 7. Jahr“ bis zur „Sünderin“) belegen ihrem Ruhm.  Geneviève King sang die Partie mit sattem  und geläufigem Mezzo und konnte die Rolle mit komödiantischem Esprit ausfüllen. Die Ehe führt allerdings ins finanzielle Chaos. Bei der Versteigerung ihrer Habseligkeiten setzte Ziad Nehme als geckenhafter, eitler Auktionator einen glanzvollen Höhepunkt. Auch die dann folgende „Erfindung“ einer Maschine, die Steine in Brot verwandelt, erweist sich als simpler Betrug Nick Shadows.

Spannend geriet die Kartenszene, bei der die Karten vom Himmel regnen und Tom um sein Leben spielt. Seinen Sieg bezahlt er mit dem Wahnsinn. Nur Ann Truelove steht ihm noch in treuer Liebe zur Seite und singt ihn mit einem anrührenden Lied in den ewigen Schlaf.  Mareke Freudenberg gestaltete die anspruchvolle, koloraturgespickte Partie mit belcantoseliger Delikatesse und gab der Figur treuherzige Wärme. John Heuzenroeder (als Gast aus Köln) führte als Tom seinen frischen, lyrischen Tenor ausdrucksvoll und höhensicher durch die Partie.

Eine ansprechende Leistung lieferten auch der Opernchor (Paul-Johannes Kirschner) und das Oldenburgische Staatsorchester unter Thomas Dorsch, mit der sie die Feinheiten der kunstvollen Musik mit differenziertem Klang auffächerten.

Wolfgang Denker, 31.05.13                    Fotos von Andreas J. Etter

 

 

Hector Berlioz

ROMÉO ET JULIETTE

Premiere: 9.4.2013  

Liebe siegt über Hass

Ist es ein Bühnenwerk, ein Konzertstück oder ein Oratorium? Romeo und Julia („Roméo et Juliette“) von Hector Berlioz lässt sich nicht so eindeutig einordnen. Er selbst hat sein 1839 in Paris uraufgeführtes Opus 17 als „Dramatische Sinfonie“ bezeichnet. Richard Wagner lebte damals in Paris und wohnte der dritten Aufführung bei. „Ich war ganz nur Ohr für Dinge, von denen ich bisher gar keinen Begriff hatte und welche ich mir nun zu erklären suchen musste“, erinnerte er sich später. Der Chor hat erzählende und kommentierende Funktion und stellt die verfeindeten Montagues und Capulets dar. Es gibt nur drei relativ kurze Gesangspartien für Tenor, Mezzosopran und Bass. Nur der Bass verkörpert eine konkrete Figur, den Pater Lorenzo, der am Ende das tragische Geschehen um das Liebespaar erklärt und die verfeindeten Parteien zur Versöhnung mahnt. Die Schilderung der Gefühle von Romeo und Julia bleibt der Musik überlassen. Da liegt es fast nahe, dem Liebespaar durch Tänzerinnen und Tänzer Gestalt zu verleihen.

In Oldenburg wurde das Werk jedenfalls zur Eröffnung der „Internationalen Tanztage 2013“ ausgewählt: ein spartenübergreifendes Projekt mit zehn Tänzerinnen und Tänzern, Opernsolisten, Chor und Orchester - insgesamt 140 Mitwirkende.

Die Choreographie, die Guy Weizman und Roni Haver mit der Tanzcompagnie Oldenburg erarbeitet haben, geriet sehr eindrucksvoll. Das Liebespaar tritt in fünffacher „Ausfertigung“ und immer wieder neuen Konstellationen auf. Ein breites Kaleidoskop von wechselnden Gefühlen konnte so parallel verdeutlicht werden. In der traumverlorenen Liebesszene etwa, die Berlioz zum Schönsten seiner Kompositionen zählte, wird von der Musik eine geradezu poetische, sehr ruhige Stimmung aufgebaut. Kontrastierend lassen Weizman und Haver die Tanzsolisten fast etwas hektisch agieren und ihre junge Liebe in geradezu kindlichem Übermut erfahren. Die Choreographie nutzt den gesamten Bühnenraum optimal aus und vereint viele Stilelemente, von klassischem Ballett und Ausdruckstanz bis zu geradezu artistischen Momenten. Immer wieder gelingt es den Choreographen, eine ausgewogene Mischung aus wirbelndem Aktionismus und kontemplativen Sequenzen zu finden. Jeder der sehr jungen und hervorragend agierenden Solisten tanzt individuell und charaktervoll.

Die fast kahle Bühne von Ascon de Nijs wird von einem Geflecht aus Neonröhren illuminiert, die aber ein angenehmes, warmes Licht spenden und endlich mal nicht die oft übliche grelle und kalte Beleuchtung erzeugen.  Im zweiten Teil ist zunächst in einem Video zu sehen, wie Julia das vermeintliche Gift trinkt. Die Bühne wird mit roten, altarartig aufgebauten Lichtern und Treppenstufen angereichert. Der Chor bewegt sich auf ihnen in Mönchskutten - ein stimmungsvolles, sehr gelungenes Bild. Die Tänzer zeigen hier gleichzeitig und jeweils mit einem Spot herausgehobene rückblickende Elemente der Handlung wie die Ermordung Tybalts, den Todestrank oder die Erinnerung an den Liebesrausch. Nicht ganz so überzeugend geriet die Szene in der Gruft der Capulets. Julias Wiedererweckung mutet etwas skurril an. Und beim hymnischen Chorfinale zappeln die Julias wie elektrogeschockte Aliens.

Die musikalische Seite geriet beeindruckend. Thomas Dorsch und das Oldenburgische Staatsorchester musizierten die heterogene Musik von Berlioz sehr konzentriert und mit sinnlicher Klangentfaltung. Der spezifische Orchesterklang wurde in jeder Phase optimal erreicht. Julias Leichenzug wurde mit tiefem, schwermütigem Gewicht musiziert. Das opernhafte Chorfinale  ertönte in wuchtiger, mitreißender Pracht. Der Opern- und Extrachor (in der Einstudierung von Thomas Bönisch) leisteten hier Vorzügliches. Der Tenor Ziad Nehme und die Mezzosopranistin Linda Sommerhage erfüllten ihre Aufgaben sehr ansprechend. Besonders hervorzuheben ist die Leistung von Benjamin LeClair, der dem Pater Lorenzo mit kraftvoll-fülligem Bass viel Autorität verlieh. Sein Friedensappell ließ Raum für die Hoffnung, dass die Liebe über den Hass siegt.

Insgesamt war „Romeo und Julia“ ein würdiger und viel versprechender Auftakt der „Internationalen Tanztage 2013“.

Wolfgang Denker, 09.04.13                           Fotos von Andreas J. Etter

 

 

IL BARBIERE DI SIVIGLIA 

besuchte Aufführung: 6.3.2013       (Premiere: 2.3.2013)

Siviglia als märchenhafte Unterwasserwelt

Eine auf den ersten Blick irritierende, auf den zweiten Blick aber sehr vergnügliche Sicht auf Rossinis Il Barbiere di Siviglia bot Regisseur Ronny Jakubaschk: Die Oper spielt bei ihm in einer märchenhaften Unterwasserwelt. Die Bühne (in der Ausstattung von Matthias Koch) zeigt eine Art Korallengarten, der von wundersamen Wesen bewohnt wird. Dr. Bartolo ist eine Krake, Basilio eine Schildkröte, Figaro ein wendiger Fisch und der Herrenchor klappert mit Hummerzangen. Illuminiert wird die Szene von „Laternen“ in Quallenform.  Die Phantasie feiert hier bei der Ausstattung, insbesondere auch bei den Kostümen, wahre Triumphe.

Während der Ouvertüre starrt ein etwas linkischer, hornbebrillter Jüngling aus dem Zuschauerraum fasziniert auf die Erscheinung Rosinas, deren Schönheit ihn bezaubert. Mit einem Hechtsprung stürzt er sich - es ist Lindoro - in diese skurrile Märchenwelt und wird zunächst einmal „wasserfest“ gemacht. Mit seiner Verwandlung in einen Hai wächst auch sein Selbstbewusstsein.

Jakubaschk lässt die Handlung komödiantisch und mit vielen Einfällen abschnurren. Figaro schwingt wie einst Tarzan an einer Algenliane über die Bühne, Bartolo intoniert seine Einlage mit heiserer Rockröhre und spielt dazu Luftgitarre, Lindoro legt seiner Rosina mit einem riesigen Globus quasi die Welt zu Füßen. Und dass Geld die Welt regiert, gilt offensichtlich auch im Märchen: glitzernde Sterntaler rieseln zu verschiedenen Gelegenheit immer wieder durch die Luft oder besser: durch das Wasser. Bei der Gesangsstunde, die Lindoro gibt, überschreitet der Regisseur allerdings die Grenze zur Albernheit. Macht aber nichts - kurzweilig ist es allemal. Und am Ende, kurz vor dem eigentlichen Happy End, entpuppt sich Lindoro als Meeresgott Poseidon mit Dreizack. Das ist aber Rosina wohl zuviel, die nun mit einem Sprung aus der Wasserwelt in Richtung Zuschauerraum flieht und alle verdutzt zurücklässt. Eine Inszenierung, die mit ihrem anarchischen Witz (besonders in der köstlichen Eingangsszene des 2. Aktes) den „Barbiere“ ganz in Offenbach-Nähe rückt.

Die Sängerinnen und Sänger waren, ganz pauschal gesagt, fast alle gesanglich etwas überfordert. Besonders mit dem heiklen Parlando hatten sie so ihre Schwierigkeiten. Dennoch waren sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten großartig. Denn was hier an flinkem Spielwitz, an mimischer Komik  und an burleskem Charme entwickelt wurde, soll erst einmal jemand nachmachen. Michael Pegher fehlt es an Süße und Schmelz, aber er sang die Partie des Lindoro/Almaviva sehr achtbar und mit viel Ausdruck. Inga-Britt Andersson war als Rosina koloraturstark und spielfreudig, ihr Stimmklang in exponierten Stellen aber auch etwas grell. Paul Brady gab den Figaro (mit etwas bemühtem „Largo al factotum“) mehr als gutherzigen Kumpel denn als verschmitzten Drahtzieher. Als Bühnenerscheinung war Benjamin LeClair ein imposanter Basilio, auch wenn „La calunnia“ etwas mehr heimtückischen Ausdruck vertragen hätte. Rundum überzeugend war die zwischen Witz und Bösartigkeit pendelnde Gestaltung des Dr. Bartolo durch Peter Felix Bauer.  Solide Leistungen gab es auch u. a. auch von Marcia Parks (Berta) und Andreas Lütje (Fiorello).

Jason Weaver dirigierte seinen Rossini mit oft sehr bedächtigen Tempi, nicht zuletzt wohl auch auf Rücksicht auf die Sänger. Das irrwitzige Rossini-Feuerwerk brannte daher etwas auf Sparflamme, dafür arbeitete er manches Detail sehr sauber heraus. Das Oldenburgische Staatsorchester folgte, trotz kleiner Bläser-Pannen, aufmerksam und konzentriert. 

Wolfgang Denker                                      Fotos von Andreas J. Etter

 

 

 

Neuer Intendant:

Als Nachfolger des nach Mainz wechselnden Markus Müller wird Christian Firmbach 2014 neuer Generalintendant am Oldernburger Staatstheater. Der 45-jährige ist derzeit künstlerischer Betriebsdirektor, Chefdisponent Musiktheater und Vertreter des GMD in künstlerischen Fragen am Theater Bonn.

 

 

SAUL

Gastspiel des Staatstheaters Oldenburg am Theater Heilbronn am 10.02.2013

 

 

 

OTELLO

 

Premiere: 17.1.2013 

 

 

Ehestreit beim Barbier von Zypern

Der Barbier von Bagdad und der von Sevilla sind in der Welt der Oper bekannt. Es gibt aber auch einen Barbier von Zypern, wie uns Regisseur NIKLAUS HELBLING lehrt. In dessen Friseursalon verlegt er nämlich die Handlung von Giuseppe Verdis Otello. Der Salon liegt in einem vom Krieg beschädigten Viertel und dient Otello als provisorisches Hauptquartier (Bühne von JÜRGEN HÖTH). Bei der fulminanten Sturmszene sitzt der Chor frontal zum Publikum, jeder mit einer 3D-Brille auf der Nase, warum auch immer. Das enthebt den Regisseur zwar an dieser Stelle der Pflicht zu einer Personenführung für die Massenszenen, hat aber den akustischen Vorteil, dass der Beginn der Oper ungeheuer wuchtig ertönt. Zum Feuerchor lässt Helbling die Massen mit albernen Hütchen wie beim Karneval durcheinander wuseln.

Der Friseursalon als Schauplatz ist allerdings für Verdis Oper nicht zwingend und eher beliebig. Man könnte auch die „West Side Story“ oder anderes in diesem Ambiente aufführen. Die vielen Spiegel im Salon dienen allerdings auch dazu, Otellos zunehmende Wahnvorstellungen zu verbildlichen. Denn er sieht sich selbst darin als Gehörnten oder Desdemona als Dirne. „Macbeth“ lässt grüßen. Desdemona wird hier am Ende nicht erdrosselt, sondern in einem der Waschbecken ertränkt. Gleichwohl ist dem Regisseur eine differenzierte Personenführung für die drei Hauptfiguren, die individuell charakterisiert werden, nicht abzusprechen. Allerdings schießt er, im wahrsten Sinne des Wortes, dabei in den Wahnsinnsszenen des 3. Aktes über das Ziel hinaus. Otello ballert mit einem Revolver in die Luft und rastet völlig aus. Das war denn doch etwas überzogen. Otellos Abstieg vom gefeierten Helden zum psychopathischen Mörder vollzieht sich hier nicht langsam und schleichend. Der Schalter zum Wahnsinn wird ziemlich abrupt umgelegt. Im Falle Jagos kann die Regie mit feineren Nuancen überzeugen. Der ist hier kein „Brunnenvergifter“ und vordergründiger Opernschurke, sondern ein eleganter, ja geradezu charmanter Edelmann, der seine böse Seele nicht ausstellt, sondern hinter der lächelnden Fassade nur ahnen lässt.

Da wird verständlich, warum Otello und Cassio seinem Ränkespiel erliegen. Mit KRISTER ST. HILL stand aber auch ein ausgezeichneter Gast-Jago zur Verfügung, der die Partie mit nicht allzu finsterem, aber charaktervoll und sehr präzise geführtem Bariton bis in die kleinsten Feinheiten überragend gestaltete. Ganz richtig verzichtete er auf das „diabolische“ Gelächter nach dem Credo. Ein weiterer Gast war der mexikanische Tenor LUIS CHAPA in der Titelpartie. Zwar hatte er beim Esultate noch deutliche Schwierigkeiten, konnte aber zunehmend an Sicherheit und stimmlicher Substanz gewinnen. Für das Liebesduett fand er lyrische Töne, im 3. Akt verfiel er etwas dem Verismo-Stil, so als sänge er den Canio. ANGELA BIC benötigte als Desdemona zwei Akte, um sich aus der Dominanz ihrer Partner zu lösen. Aber dem Lied von der Weide gab sie ausdrucksvolle Melancholie und berührte mit schöner Gesangslinie. Aus dem mit MICHAEL PEGHER (Roderigo), BENJAMIN LECLAIR (Montano) und ANNEKATRIN KUPKE (Emilia) besetzten Ensemble profilierte sich besonders STEFAN HEIBACH als Cassio, der die Partie mit seinem lyrischen und angenehm timbrierten Tenor sehr kultiviert und stimmschön gestaltete.

Was Dirigent ROGER EPPLE mit dem Oldenburgischen Staatsorchester und den von THOMAS BÖNISCH einstudierten Chören besonders eingangs an klanglicher Wucht entfesselt, sprengt fast den Rahmen des Oldenburgischen Staatstheaters. Überhaupt liegen ihm die lauten Anteile der Musik sehr am Herzen, wobei er immer wieder hemmungslos in die „Vollen“ geht. Aber Spannung wurde durchaus aufgebaut und durchgehalten.

Wolfgang Denker, 17.01.13                   Fotos von Andreas J. Etter

 

 

 

CARMINA BURANA

Premiere: 09.11.2012

Bayerische Urgewalten

Die Carmina Burana ist das bekannteste und populärste Werk von Carl Orff. Der mächtige Eingangschor „O Fortuna“, in dem die Glücksgöttin angerufen wird,  ist ein beliebtes Wunschkonzertstück geworden und hat auch Verwendung in diversen Werbespots gefunden.

„Carmina Burana“ wurde 1937 uraufgeführt und ist der erste Teil eines Triptychons, zu dem noch „Catulli Carmina“ und „Trionfo di Afrodite“ gehören. Orff hat in seinen „Carmina Burana“ 24 Gedichte und Lieder aus einer mittelalterlichen Sammlung von lateinischen bzw. mittelhochdeutschen Texten aus dem Kloster Benediktbeuern verwendet. Sie beschreiben die Schönheiten des Frühlings, Wonne und Leid der Liebe sowie die Freuden kulinarischer Genüsse, teilweise in deftiger, prägnanter Sprache - ein Hymnus auf Jugend und Schönheit. Orff hat dazu eine holzschnittartige, vor allem vom Rhythmus des reich eingesetzten schlagwerk- geprägte Musik geschrieben. Auch der Einfluss bayerischer Volksmusik ist deutlich.

Das Oldenburgische Staatstheater brachte das Werk in einer halbszenischen Aufführung heraus. Das Orchester sitzt im Graben, der riesige Chor (über hundert Mitwirkende) auf der Bühne und dahinter sind Schlagwerk und Becken postiert. Blau-weiße Maibaumstangen ragen an den Seiten empor - und auch die Video-Einspielungen im Hintergrund beschwören bayerische Impressionen: Hirsche, Alpenpanorama und Skifahrer, aber auch turnerische Übungen der Hitlerjugend als Hinweis auf die Entstehungszeit der „Carmina Burana“. SEBASTIAN UKENA, der für die szenische Einrichtung verantwortlich zeichnet, arbeitet zudem mit Lichtstimmungen und allegorischen bayerischen Figuren, mit angedeuteten Volkstänzen und Oktoberfest-Symbolik bis hin zum riesigen Maßkrug. Kinder mit Engelsflügeln und bayerische Trachten (Kostüme von VERONIKA LINDNER) ergaben ein farbiges, sinnenfrohes Bild. Der gebratene Schwan (MICHAEL PEGHER mit grell-gleißendem Tenor) wird an Seilen vom Schnürboden herabgelassen.  Mit dem lyrischen Bariton PAUL BRADY, der seine Liebesverzweiflung expressiv zum Ausdruck brachte, und mit INGA-BRITT ANDERSSON, die ihrem glasklaren Sopran auch innige Wärme abgewinnen konnte, waren die solistischen Partien gut besetzt.

Aber im Mittelpunkt standen die Chöre. Deren Leistung (Opern- und Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor) war fulminant. Mit bayerischer Urgewalt und imponierendem Volumen ertönten die kraftstrotzenden Gesänge. Chorleiter THOMAS BÖNISCH hat da hervorragende Arbeit geleistet und seine Sängerinnen und Sänger auch in den leiseren Passagen zu differenziertem Gesang beflügelt. Die klangliche Balance zwischen Chor und Orchester war hervorragend. THOMAS DORSCH am Pult des Oldenburgischen Staatsorchesters setzte die bayerisch und archaisch anmutende Musik von Carl Orff mit eruptiver Energie, mit schneidenden Bläser-Staccati und rhythmischer Präzision um. Ein überwältigendes, sinnliches Klangerlebnis. Zwischendurch wurde ein Brecht-Zitat projiziert: „Die Musik ist keine Arche, auf der man eine Sintflut überdauern kann.“ Und so sinken am Ende alle nach und nach wie entseelt dahin. Die „Sintflut“ der weltlichen Genüsse hat ihre Opfer gefordert.

Wolfgang Denker, 09.11.2012                                  Bilder: Andreas J. Etter

 

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