DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Der Fliegende Holländer

2. PR Aufführung am 06.05.12                          

(Premiere am 04.05.12)

Hilsdorfs neue Gedanken zum Holländer

Schauerromantik mit sehr prägnanten Charakteren

Verstricktsein mit dem Bösen, ruheloses ewiges Umherirren und „Erlösung“: das wird im Fliegenden Holländer thematisiert. Der Regisseur Dietrich Hilsdorf verortet das Geschehen aus mythischer Zeit konkret in die Mitte des 19. Jhdts. wie die imposanten Dekors von Dieter Richter und die sehr gelungenen Kostüme von Renate Schmitzer weitgehend stringent ausweisen. Statt der Spinnstube ist im Saal des zweiten Akts eine große Fantasiemaschine aufgebaut: von einer Fahrradkurbel angetrieben, bewegen sich Transmissionen und Übersetzungen; oben wird das Garn mit großen Haspeln aufgenommen: die industrielle Revolution (à la Hilsdorf) nimmt ihren Lauf. Das ist aber nichts als begleitende Bebilderung, denn die gezeigten Charaktere agieren völlig losgelöst von irgendeiner geschichtlichen Zuordnung

Hilsdorf macht sich aber einige neue Gedanken über den Fliegenden Holländer und lässt das Ergebnis seiner Überlegungen durch szenische Einsprengsel in seine neue Kölner Inszenierung einfließen. Im Ergebnis wird dadurch noch mehr (unterschwelliges) Unbehagen ausgelöst und das Werk näher an die Schauerromantik gerückt. Während der inszenierten Ouvertüre sieht man das Bühnenbild des zweiten Aufzugs der Oper: einen großen klassizistischen Saal, der untere Teil gefliest, der obere mit hohen sonnendurchfluteten Fenstern und hohen Vertäfelungen, dazwischen das Bild des Holländers mit einem braunroten Schleier verhangen. Mary sitzt im Saal und schaut nachdenklich auf das Bild. Später kommt Senta mit einer Leiter, steigt auf dieser zum Bild empor, hebt den Schleier und liebkost das Antlitz, bis Mary sie unsanft zurückzerrt. Man behält diese Szene im Gedächtnis, wenn sich Senta bei späteren Szenen, wenn sie an Holländer denkt, fast ängstlich an Mary wendet und ihren Kopf in deren Schoss birgt. Wer hat eigentlich Senta erzogen? Daland wohl nicht, denn der war ja immer in Geschäften unterwegs. Also waren es Mary und Erik. Letzterer wird als gesetzter Herr mit grau melierten Schläfen gezeigt. Aus seiner Betreuungsfunktion hat er offensichtlich die falschen Schlüsse gezogen und glaubt, Rechte an dem Mädchen erworben zu haben. Mary, wer ist das denn? Und wo kommt das Bild des Holländers her, das im Saal hängt? Und warum hängt es da?  Kennt Mary den vielleicht schon von früher? (Mehr im Programmheft!)

Im ersten Aufzug hat die Drehbühne hat die große Rückwand des Saals rasch in eine glatte helle Fläche verwandelt, auf welche die Silhouette der unwirtlichen Schärenküste Norwegens projiziert ist. Nachdem sich die Matrosen zurückgezogen und der Steuermann eingepennt ist, klappt aus der gegenüberliegenden Wand ein Landungssteg herunter, auf dem der Holländer die Szene betritt. Sein Monolog wird von einer eigenartigen Person beobachtet, die er später auch in den Arm nimmt: eine Frau mit Hinterkopfmaske in dunkelgrünem Schulterumhang und schwarzem Mantel, den sie öffnet und unter dem sich ein üppiger, aber schon ziemlich reifer Frauenkörper enthüllt. Man könnte meinen, hier sei der weibliche Gegenpart zu Ahasver aufgetreten oder einfach nur eine Teufelsbraut. In der Besetzungsliste wird sie als „Samiel“ ausgewiesen, und Hilsdorf führt sie hier ein, weil einerseits im Holländer-Monolog vom Teufel die Rede ist, und weil ihm im Holländer die diabolische Frauenfigur fehlt, die in Wagners Folgewerken Venus, Ortrud und später Kundry heißen wird.

Der bleiche Holländer, in einen zotteligen zerlumpten Kaftan gehüllt sucht nicht Liebe, sondern nur Erlösung oder besser Heilung. Als Daland ihm seine Senta verkauft, wirft er nicht einen einzigen Blick auf das von Daland gezeigte Bild seiner Tochter; ijhr Aussehen ist ihm gleichgültig, nur für ihre geplante Opferrolle kauft er sie. Später beim Zusammentreffen mit Senta kommt es auch nicht zu Blickkontakten; zum Annähern und Kennenlernen braucht man keine weitere keine Zeit. Senta hat die Rolle des Opfers schon angenommen. Traum und Realität verschwimmen. Zur letzten Auseinandersetzung mit Senta hat Erik ein Gewehr mitgebracht, das er auf sie und dann auch auf Holländer richtet. Senta kann es ihm entwinden und richtet es auf sich selber. Die Oper endet nicht mit der nachträglich komponierten (und in den Regieanweisungen kommentierten) Erlösungsmusik, sondern mit dem finsteren musikaischen Schluss der Erstfassung. Zum Schlussakkord fällt das Holländer-Bild herunter; er verschwindet nach hinten. --- Hilsdorf erzählt in ausdrucksstarker Personenregie eine ziemlich finstere romantische Geschichte, vertieft einige Aspekte und zeichnet prägnante Charaktere. Gegenüber dem Text nimmt er sich etliche Freiheiten heraus, aber bleibt mit seiner Arbeit in teilweise packenden und effektvollen Synchronbewegungen eng bei der Musik. Etliche kleinere Regieeinfälle lockern das Geschehen auf. Dazu kommt eine spannende Chorregie: da wollen mit dem großen Opernchor und dem Herrenextrachor bis zu achtzig Leute bewegt werden! Eine eindrucksvolle Regiearbeit, die einige Male bedrückt, aber nie verstört.

Das Gürzenich-Orchester musizierte bei dieser zweiten Aufführung unter Andreas Schüller. War es der Wechsel vom Premierendirigenten Markus Poschner, oder war es der „verflixte zweite Tag“, oder war noch nicht genug geprobt worden: in alle Klangopulenz mischten sich noch etliche Konzentrationsfehler der Instrumentalisten, Unschärfen in den Einsätzen und Ungenauigkeiten beim Chor. Orchestral gelangen einige sehr schöne suggestive Eindrücke, aber vielfach wurde die Musik aus dem Graben kraft- und effektvoll, aber ziemlich plakativ geboten. Orchester und musikalische Leitung hinterließen nicht den stärksten Eindruck.

Die Gesangssolisten boten einheitlich hohes Niveau. Daland ist als autoritärer Kapitän und als saturierter Bourgeois komödiantisch gezeichnet. Noch auf dem Schiff stibitzt ein paar von Holländers Schätzen. Als er nach Hause kommt, schaltet er erst einmal die elektrische Festtagsbeleuchtung aus, die die Frauen haben brennen lassen (Szene aus dem wirklichen Leben gegriffen: Geld hat man vom Behalten, nicht vom Ausgeben!) Zum Schluss sitzt er apathisch an der Seite und schaut der Tragödie zu, die er mitverursacht hat. Lars Woldt gestaltete diese Rolle schauspielerisch eindringlich und sang sie mit mächtigem Bass, dessen Vokalfärbung zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig war. Den Holländer gab Samuel Youn mit sehr durchschlagskräftigem hellem Bariton. Unbehagen erzeugte sein bleiches undurchdringliches Auftreten in Fetzen der Jahrhunderte. Die schwedisch-amerikanische Sopranistin Erica Sunnegårdh gefiel mit ihrem jugendlich-dramatischen Sopran und glänzte vor allem in den dramatischen Ausbrüchen; die hohen lyrischen Passagen wirkten etwas gepresst. Für die Rolle des Erik wurde mit Thomas Piffka eine ausgezeichnete Besetzung vorgenommen; kein weinerlicher heller Tenor, sondern schön baritonal grundiert passte diese Stimme genau zu dem Rollenbild, das ihm die Regie zugedacht hatte. Einen voll überzeugenden hellen leichten Tenor setzte Jeongki Cho sauber und klangschön als Steuermann ein, und auch die kleine Rolle (hier wie gesagt, dramaturgisch aufgewertet) der Mary war mit Diane Pilcher luxuriös besetzt.

Der Holländer war die letzte Produktion vor der Generalsanierung des Hauses am Offenbachplatz. Das Haus war so gut wie ausverkauft. Riesiger Beifall, zum Schluss Beifall im Stehen, belohnte im wiedererstarkten Kölner Haus die Beteiligten für eine weitere gelungene Produktion,  die ganz offensichtlich den Geschmack des Publikums gefunden hatte. Die Fliegende Holländer wird noch sieben Mal bis zum 28. Mai gespielt.

Manfred Langer, 07.05.12

Dank für die Bilder an © Paul Leclaire

 

HOLLÄNDER

zum 2.)

Besuchte Premiere am 4.05.12

Der romantische Holländer

Trotz der unsäglichen Querelen mit der Kulturpolitik der Stadt absolviert die Kölner Oper eine Premiere nach der anderen, und das auf dem hohen, erreichten Niveau. Dietrich W. Hilsdorf gehört zu den festen Regiegrößen der Intendanz Laufenberg, vor Jahren noch verwahrte er sich gegen Inszenierungen von Wagner-Opern, um so erfreulicher diesen Meister seines Faches (nach "Tristan" in Wiesbaden und "Walküre" in Essen) jetzt mit "Der fliegende Holländer" am Kölner Haus zu erleben, einem Werk, das aufgrund seines romantischen Heine-Urgrundes dem gelernten Germanisten liegen sollte: Hilsdorf inszeniert unaufgeregt, doch voller Spannung den "Holländer" innerhalb seiner frühindustriellen Spinnstube, also dem historischen Kontext, wie seiner Stellung innerhalb der Musikgeschichte, als auch mit Querverweisen im Wagnerschen Gesamtwerk; denn dem "ewigen Juden" wird schon im ersten Monolog eine in verschiedene Zeiten blickende, janusköpfige Partnerin gegeben, die für mich zur fraulichen Doublette, der verfluchten Kundry im "Parsifal" zu weisen scheint, der Blick ins Programmheft benennt sie indes mit "Samiel" dem Teufel aus Webers "Freischütz". Wenn im Finale Senta mit dem Gewehr ringt, dabei von Erik aus Versehen erschossen wird ("er traf die eigne Braut"), so bilden sich interessante Parallelen. Doch das sind eigentlich alles schöne philologische Spitzfindigkeiten, denn das Wichtige an dieser Aufführung ist die erreichte Binnenspannung zwischen den Personen, gerade die oft langweiligen Duette zwischen Senta und Erik oder Senta und Holländer geraten zu den eigentlichen Spannungszentren des Abends, natürlich geraten auch die Chorszenen bei Hilsdorf zu den Höhepunkten, obwohl gerade der Gespensterchor ungewohnt zahm und ohne allzu große "Show" verpufft.

Folgerichtig hatte man sich zusammen mit dem musikalischen Leiter Markus Poschner (GMD in Bremen) für die Urfassung mit den abrupten Aktschlüssen ohne "Tristan-Finale" entschieden, auch wenn man pausenlos spielt. Poschners "Holländer" kommt denn auch eher an den Vorbildern orientiert daher, an Weber, Marschner und, ja, auch Beethoven, in den Daland-Szenen hört man den wunderbaren Lortzing der Spieloper, was bei dem grandiosen Basso cantabile von Markus Woldt bestens passt, unter der Oberfläche der Bonhomie verschachert er, ganz ohne böse Mätzchen, voller Leichtigkeit seine Tochter. Das Gürzenich-Orchester folgt dem eher luziden Konzept, das den Sängern viel Gestaltungsfreiraum zum Differenzieren gibt, zwar nicht ganz schlackenfrei (vor allem die Hörner!), doch insgesamt sehr aufmerksam in nuanciertem Spiel. Davon weiß auch die Senta der Erika Sunnegardh zu profitieren, denn selten klingt dieses hysterische Kind so mädchenhaft, ja zerbrechlich und versponnen, die Höhe kommt mit schönem silbrigem Ton, die Tiefe wird manchmal dafür nur gestreift. Der sehr ernst genommene Erik liegt bei Thomas Piffka in guter Kehle, zwar klingt die Mittellage etwas rauh, doch die leuchtende Höhe und der italienisch anmutende Gesang, erinnern auch an die Mozart-Herkunft aus Gelsenkirchener Zeiten, ein Pfund mit dem Piffka zu wuchern weiß. Jeongki Cho besingt mit schönem, lyrischen Klang als Steuermann wohl mit Absicht nicht den Südwind, der bläst, denn der Textdreher findet sich auch im Übertitel. Diane Pilchers Mary ist eine Wucht in Klang und intensiver Gestaltung, ohne jegliches Outrieren gibt sie eine der "Verdammten" des Holländers. Ja, der Holländer: Samuel Youn gibt an diesem Abend sein Rollendebut, sein wundervoller Bariton hat vor allem in der Tiefe noch zugelegt, was der Gestaltung schön dämonische Züge verleiht, trotzdem singt er kantabel ganz auf Linie, wenn diesen Abend vielleicht noch nicht alles ganz austariert ist, hört man doch, daß Youn sicherlich einer der besten Interpreten der Partie sein wird. Die Chöre der Kölner Oper befinden sich ebenfalls weiterhin im Aufwärtstrend, so daß wir eine insgesamt runde Leistung voller Gesangsniveau erleben durften. Die Kölner feierten ihre Oper bei der letzten Premiere am Offenbachplatz vor der Renovierung mit großer Begeisterung und wandten sich auch demonstrativ dem angefochtenen Intendanten Laufenberg in der Loge zu, um ihm in der schwierigen Lage moralische Unterstützung zu gewähren.

Martin Freitag

 

 

 

SPIELPLANPESSEKONFERENZ

24.4.

Wo steht das nächste Fettnäpfchen ?

 
Die Kölner Kulturpolitik ! Eine wahrhaft grausige Farce konnte man bei der Vorstellung des Spielplans 2012/13 der Kölner Oper erleben: Sichtlich bewegt stieg Intendant Uwe Eric Laufenberg das Podest des Rangfoyers, um einen Brief des Kulturdezernenten Georg Quander zu verlesen. Nach einem Gespräch unter sechs Augen, mit OB Jürgen Roters, nahm man eine Verlautbarung Laufenbergs gegenüber der Presse zum Anlass, die besprochene "vernehmliche Vertragsauflösung" schon wieder außer Kraft zu setzen; dazu die Erteilung einer Art Maulkorbs vom Spielplan nur das zu veröffentlichen, was "in trockenen Tüchern", was heißt finanziert und unterschrieben sei. Für die nächste Spielzeit bedeutet das, lediglich sechs Vorstellungen der ersten Premiere. Denn um die finanzielle Sicherheit der Saison wird immer noch diskutiert, bereits durch mündliche Zusagen abgesprochene Projekte werden vom Verwaltungsdirektor der Kölner Bühnen, Patrick Wasserbauer, schlichtweg nicht unterschrieben.
Laufenberg stellte also den eventuellen Spielplan der Kölner Oper mit geplanten Projekten vor, vier Monate vor Saisonbeginn, was das bedeutet weiß man, wenn man die fünf Jahre Planungsvorlauf eines Opernhauses dieser Größe berücksichtigt.

Zu der Pressevorstellung erschien übrigens weder ein Vertreter der Stadt, noch der angesagte Kulturdezernent oder gar Patrick Wasserbauer, lediglich dessen Referent, Klaus Kröhne, sich mit einem Anwalt bewaffnet in Publikum befand und sich seitens der Presse zu keiner Stellungnahme hinreissen ließ.

Was ist das für eine Stadt, in der Kommunalpolitiker die erfolgreiche Arbeit ihrer Institute angreifen? Die Finanzkrise der Oper, an der sie selbst mit schuldig sind, mit der "minderwertigen" Arbeit einer Frittenbude vergleichen. Ein Theater dessen Verwaltungdirektor eigentlich zur Sorge um sein Institut bemüht sein sollte, sich nicht als Vermittler gegenüber der Stadt erweist, sondern sich (aus Befindlichkeiten?) als Verhinderer von Kultur zeigt, denn diesen Eindruck muß man aus Wasserbauers Verhalten wohl leider ziehen. Sicherlich hat der Intendant Laufenberg sich nicht immer glücklich im Umgang mit der Öffentlichkeit gezeigt, doch die Qualitätssteigerung, der gute Ruf, den die Kölner Oper innerhalb dreier Jahre erfochten hat, ist nicht abzustreiten.Die ernsthafte Reputation der Kulturpolitik einer Stadt sollte nicht unter solch´einem Verhalten leiden, doch diese Art des Umgangs scheint in Köln seit geraumer Zeit Tradition zu wahren.

Liebe Politiker, wenn euch die Kunst und Kultur eurer Kommunen etwas wert sein sollten, dann fördert sie mit den nötigen Mittel, ansonsten laßt es sein ! Doch solche Trauerspiele möchte ich nicht mehr wählen müssen !
 
Martin Freitag (live aus Köln)

 

 

 

BORDER

Besuchte Uraufführung am 13.4.12

Bis an die Grenze

Bilder: Matthias Baus / Oper Köln

Die Kinderoper der Stadt Köln wächst mit ihren Aufgaben, wie mit ihren Zuschauern, was nicht bedeutet, das sie keine Oper für Kinder wäre, doch Elena Tzavara, die Leiterin der Kinderoper, betritt mit der Auftragsarbeit "Border"(Grenze) neues Terrain, nach Jahren putziger Märchenvertonung (nichts dagegen einzuwenden) gibt es unter ihrer Anregung eine Jugendoper, auch der Ort wechselt vom Alten Pfandhaus in der Kölner Südstadt ins Palladium nach Köln-Mülheim. "Border" hat eine zeitlose, wie aktuelle, antike Vorlage, nämlich "Die Kinder des Herakles" von Euripides, freilich von der Faktur ins Heute modernisiert von Annika Haller: nach der Ermordung ihres Vaters flüchten die Geschwister Makaria, Farid und Abiah getrennt zu einem Freund des Ermordeten,Iolaos, in ein anderes Land. Der Geheimdienstchef Kopreus, ein gewissenloser Killer des Systems, ist ihnen dabei auf den Fersen. Iolaos´Sohn, Manol, gehört zu den traurigen Computer-Kids unserer Zeit, durch seine Liebe zu Makaria wird er aus dem virtuellen Dasein in die Realität geholt und von Kopreus als naives Opfer ausgespäht, die fliehenden Jugendlichen, um seiner Liebe willen zu verraten. Bei einem Abschiedsfest kommt es zum Showdown, so wirft sich Makaria schirmend vor ihre Geschwister in die Bahn der tödlichen Kugel, doch die jungen Menschen zeigen visionär mittels der Ausgrenzung des Mörders, das solche despotischen Gewalttaten in unseren Zeiten nicht mehr geduldet werden müssen, so die Menschen füreinander zusammenhalten, trotz der Tragödie findet der Abend einen positiven Schluss.

Elena Tzavara inszeniert mit wenig Aufwand, doch intensiver Schlichtheit auf einer einfachen Bühne, den Stadtsport "Parcour" ( der eigene Körper wird in der normalen Stadtlandschaft als flüchtendes Sport"gerät" bis an die bewussten Möglichkeiten seiner Ressourcen genutzt) als Bild nehmend, wenige szenische Versatzstücke deuten den Ort an, Elisabeth Vogetseder entwirft dafür schlichte, heutige Alltagskleidung mit leicht orientalischen Anspielungen, die mittels eines antiken Faltenwurfes Bezug auf die Vorlage nehmen. In dieser verwinkelten Landschaft gibt es neben den Protagonisten, einen Border Chor, sowie einen eigens gecasteten Jugendchor, die neben den archaischen Choreinwürfen der Dramenvorlage, die Flucht über den Parcour, das "An die-Grenze-Gehen" beeindruckend verbildlichen.

Die Musik dazu hat innerhalb eines Jahres der Projektentwicklung der Komponist Ludger Vollmer, der durch seine aufregende Vertonung von Fatih Akins "Gegen die Wand" auf den Bühnen präsent ist, komponiert. Stephanie Schillers Libretto besteht (leider) aus recht vielen Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen, die bei der repetierenden Nutzung nicht unbedingt gewinnen. Auffällig die wesentlich einfachere Komposition, vielleicht der "Jugendoper" geschuldet, so fühle ich mich leicht an die Antikendramen Carl Orffs mit ihren Ostinato-Wiederholungen im Rhythmischen wie Vokalen erinnert, freilich mit einem Schuss Philipp Glass und einigen Anspielungen an das gewohnte Opernrepertoire. Ein wesentliches Element ist die melodiöse Funktion von orientalischen Melismen innerhalb der Gesangslinien, was allerdings bei mancher Häufung zu einer Verselbstständigung des Stilelements führt. Trotzdem klingt die Musik durchaus süffig und kann gerade Opernungewohnte zu dieser Kunstform hinführen, statt sie zu verstören. Das mit großem Schlagwerk, einschließlich Flügel (auch hier grüßt Orff), besetzte Gürzenich-Orchester läßt das neue Werk unter Fuad Ibrhimov leuchten und schimmern.

Drei von den Partien sind recht anspruchsvoll geschrieben, so daß die Solisten auch hier bis an die Grenzen geführt werden: Gloria Rehm führt mit angenehm flirrendem Koloratursopran als Makaria die fliehenden Geschwister an, ihre bislang beste gehörte Leistung, freilich sieht man ihrem Hals die Extremlagen mit großer Spannung an. Sandra Janke als Abiah und Carlie Kedmenec als Farid punkten daneben mit persönlich timbriertem Mezzosopran, wie Bariton. Werner Sindemann als Iolaos bildet dazu mit sehr sympathischer Ausstrahlung und immer noch intaktem Bariton einen menschlichen Ruhepol. Ganz erstaunlich Ralf Rachbauer als Manos, denn die Partie hält sich zwischen baritonalen Tiefen und recht extremen Höhen kaum mal in der Mittellage auf, der junge Tenor singt das auf den Ton mit unglaublicher Leichtigkeit und gibt dem ambivalenten Charakter verständliche, realistische Züge. Ebenso Matias Tosi, der als Bassbariton in die nachtschwärzesten Basstiefen muß und kommt, sein Kopreus ist mit schlangenhaften Melodielinien sofort als Fiesling erkennbar, das Spiel zynisch mit Eleganz.

Ganz großes Lob an alle Beteiligten, die eine echte Oper mit und für Jugendliche aus der Taufe heben halfen, ein Werk, das einen aktuellen, ansprechenden und ethisch wertvollen Beitrag in die Spielpläne bringen kann.

Martin Freitag

 

Rigoletto 

Besuchte Aufführung: 18.03.2012

1.Kritik            

Musikalisches Großereignis und gelungene Regiearbeit in konventioneller Umrahmung

Für die Inszenierung des Rigoletto kehrt Katharina Thalbach an die Oper Köln zurück und stellt dabei ihre ausgefeilte aufschlussreiche Regiearbeit in einen eher konventionellen (Bühnen)Rahmen. So fängt sie auch jene Teile des Publikums ein, die eine Aufführung im klassischen Rahmen schätzen, und bietet gleichzeitig den Anhängern von Vertiefungen der Personen viel interessante Kost. Frau Thalbach beweist, dass man auch dann sehr eingehend Personen und Charaktere zeichnen kann, wenn man sie mal nicht auf eine leere Bühne stellt.

Der Ausstatter Ezio Toffolutti präsentiert den Zuschauern zunächst einen Bühnenvorhang, in denen liegende Architekturelemente eines norditalienischen centro storico ineinander geschichtet sind. Dahinter werden tatsächlich wie anno dunnemals drei verschiedene schön gemalte Bühnenbilder für die jeweiligen Szenen präsentiert. Der Palast des Herzogs als eine große trapezförmige Halle, deren seitliche Säulen- und Bogenbegrenzungen auf dem Kopf stehen: verkehrte Welt! Das ist nicht besonders neu. Rigolettos Heim ist durch einen großen Rundbogen zu erreichen, der von zwei Backsteintürmen (auch diese stehen auf dem Kopf) flankiert ist; auf der Etage befindet sich das Mädchenzimmer der Gilda, mit einem Bett und einem Teddybär einfach möbliert. Für die letzte Szene ist ein Winkel an einem Brückenbogen am Ufer des Mincio aufgebaut: ein Brückenbogen, ein gemauerter Ausfluss der Kanalisation, eine Treppenaufgang zu Sparafuciles Haus mit kleiner Terrasse davor: naturalistische Glaubwürdigkeit zum Schrecken am Ende.

Hauptthema der Inszenierung ist das Doppelleben des Rigoletto. Als Familienvater in bescheidener häuslicher Umgebung sowie in der Glitzerwelt des Hofs als spöttischer Narr, den letztlich das ereilt, was er anderen höhnisch angetan hat. Rigoletto ist sein eigner Feind. Wenn er in „Zivil“ (in schwarzem Dreiteiler mit Krawatte und dunklem Übermantel und Melone) sein Heim verlässt, dann zieht er sich auf dem Wege zum Hofe um: grelle kniehohe weiße Gamaschen (eine Persiflage der feinen Gamaschen der Hofgesellschaft in Abendanzügen), ein weißes mit Farbe bekleckertes Schlabberhemd und dazu ein verzinkter Spiritustrichter mit rotem Plastikstutzen, den er sich auf den Kopf setzt: so ausgerüstet übt er seinen Schandmaul-Beruf aus. Gilda ist ein ganz junges Mädchen mit Teddybär in einem weißen Unschuldsgewand, auf dem nach ihrem Besuch im Herzogsgemach deutlich die Deflorationsspuren verbleiben. Der Herzog ein smarter Lüstling wie aus dem Fitnessstudio. Dazu die Spaßtruppe der Hofgesellschaft, etwas überhöht in moderner bis zeitloser schwarzer Abendkleidung, die Männer mit Schnabelmasken. Da geht es nur um horizontalen Spaß. Vorne rechts besorgt es ein als Satyr verkleideter Höfling auf einem Sessel einer Hofdame; dem Grafen Ceprano macht es gar nichts aus, dass seine Frau Gemahlin, die auch an nichts anderem Interesse zu haben scheint, mal eben mit dem Herzog zu einem horizontalen Akt nach nebenan geht. Dieser Graf ist in seinem grauen Cut ohnehin die personifizierte Dekadenz; Marullo ein kalter Feigling. Zur Überhöhung des Spaßpotentials führt eine Tänzertruppe noch einen Cancan auf.

Monterone im Rollstuhl hebt sich davon mit finsterer Verzweiflung ab und gibt mit seinem Fluch dem Geschehen das Leitmotiv. So schwebt über dem Geschehen fast von Anfang an etwas Beklemmendes, Bedrohliches. Bei Monterones zweitem Auftreten, in welchem er die Wirkungslosigkeit seines Fluchs beklagt, ist Rigoletto zugegen, der indes schon um dessen Wirkung weiß. Zum Schlussbild kommt der Herzog auf einem Boot zu den Sparafuciles, Nebelschwaden überziehen den Fluss; das Gewitter ist einigermaßen plakativ, dagegen die letzte Szene sehr eindringlich: Das Bühnenbild ist seitlich herausgezogen; Gilda treibt auf dem Boot in einem Sack den Fluss hinunter; nun ist die Bühne außer den Nebelschwaden wirklich leer. Thalbachs Personenregie ist ausgefeilt und bis ins Letzte durchdacht und erzeugt viele spannende Konstellationen. Dazu kommt eine gekonnte Ausrichtung der Bewegung auf die Musik, bei der die Choreografin Nadine Schori gute Arbeit geleistet hat. Schauspielerisch wird die Regiearbeit bestens umgesetzt.

Musikalisch ließ der Abend keine Wünsche offen. Der französische Dirigent Alain Altinoglu leitete einen Abend der musikalischen Spitzenklasse. Nur selten hört man Verdi so ausdifferenziert und inspiriert. Die facettenreiche und teilweise feingliedrige Partitur wurde detailliert ausgeleuchtet; sogar einige der einfachen Verdischen Begleitformeln gewannen Farbe und Spannung, wozu nicht zuletzt abwechslungsreiche Rubati beitrugen. Es wurden große spannungsgeladene Bögen erzeugt und Emotionen vom dreifachen piano bis zu den großen Ausbrüchen gestaltet. Lediglich bei der Begleitung des „La donna è mobile“, blieb das Orchester uninspiriert kühl und platt, wohl eine absichtliche Verfremdung zu diesem Gassenhauer. Mit prächtiger Stimmgewalt agierte der große Herrenchor des Opernhauses.

Alle drei Hauptdarsteller geben ihr Rollendebut. Für die  Charakterrolle des Titelhelden verfügte Markus Brück von der Deutschen Oper Berlin über gerade die richtige Statur und konnte zudem den Rigoletto mit überwältigendem Spiel gestalten. Er vermochte mit seinem warmen kultivierten Bariton dieser zwiespältigen Person auch stimmlich Format zu verleihen. Dazu verfügte er auch über großes und wohltönendes Volumen, so dass er sich scheinbar völlig unangestrengt der Interpretation widmen konnte. Ein großer, bewegender Rigoletto! Den finsteren Part des Sparafucile sang der Isländer Bjarni Thor Kristinsson mit kernigem durchschlagsfähigem Bass bei etwas harter kehliger Färbung. Sein Auftritt im ersten Akt erfolgt aus der Kanalisation. Stimmschön und klar, aber etwas leichtgewichtig im Vergleich zu den anderen Sängern, kam Nino Surguladzes Mezzo in der Rolle seiner Schwester Maddalena daher.  Der jugendliche russische Tenor Dmitry Korchak gab den Herzog mit heller gewandter Stimme im Belcanto-Stil und begeisterte mit seiner Leuchtkraft; seinen Spitzenton musste er allerdings etwas pressen. Anna Palimina sang die Gilda ebenfalls sehr jugendlich. Zu ihrer zerbrechlichen mädchenhaften Erscheinung passte ihr schön geführter silbriger Sopran mit einem gefälligen Vibrato. Bei den Nebenrollen machte vor allem Oliver Zwarg mit seinem mächtigen Bassbriton (und prächtig auf „alt“ gemacht) auf sich aufmerksam. Sévag Tachdjians Bassbariton gefiel in der unsympathischen Figur des Marullo.

Im restlos ausverkauften Haus gab es viele Bravos für diese Aufführung. Rigoletto kommt zwischen dem 21.März und dem 12. April noch neun Mal.

Manfred Langer, 19.03.2012

Fotos: Paul Leclaire

 

 

RIGOLETTO

Premiere am 15.3.12

2.Kritik

Der klassische Rigoletto

Alle Bilder sind von Paul Leclaire

Es ist wirklich erstaunlich, wie die Kölner Oper unter langsam äußerster finanzieller und planerischer Bedrängnis, immer noch eine qualitativ hochwertige Premiere nach der anderen stemmt. Katharina Thalbach ist eine bekannte und gerngesehene Regisseurin an der Kölner Oper, jetzt hat sie mit Verdis "Rigoletto" eine nahezu klassische Version von dem beliebten Meisterwerk hingelegt, so wie es im Libretto nachzulesen ist. Rigoletto ist der bucklige Hofnarr, das menschlich schlagende Herz im verformten Körper, das Verdi zu dem bemerkenswerten Drama inspiriert hat, zwar gibt es auch ein paar Leerstellen innerhalb der Inszenierung, doch Thalbach scheint das Augenmerk vor allem auf Vater und Tochter zu legen, so kommt es zu sehr berührenden, kleinen Gesten, die die psychologische Wahrhaftigkeit der Charaktere unterstützen.

Die Welt des Herzogs mit seinen Maskenbällen fällt dagegen gewollt oberflächlicher aus, ja sogar auf "Revue" gebürstet, was immerhin zu schönen Bildern führt. Ezio Toffoluttis Ausstattung , eine Kulissenwelt in verqueren Escherschen Raumlabyrinthen, kommt etwas hausbacken daher (großes Lob auch einmal durch die Umsetzung im Malsaal), die Kostüme sind eher sachlich und zweckdienlich von einer stilistischen Zeitlosigkeit. So kommt es zum finalen Applaus auch, sicherlich unerwartet, zu einigem Widerspruch für das szenische Team, indes hat die Kölner Oper eine solide Aufführung, die exakt und werkgetreu ist, so sicherlich über einige Jahre mit wechselnden Besetzungen im Spielplan gehalten werden kann, statt nach ein paar Vorstellungen ausgemustert zu werden, eine Aufführung, die ideal ist, Menschen mit der Welt der Oper bekannt zu machen, denn Thalbach kann ihr Handwerk und versteht, Verdis manchmal übersteigerte Geste in Bilder zu verwandeln.

Durchaus mutig ist die Besetzung, denn alle drei Hauptprotagonisten geben ihr Rollendebüt: Markus Brück besitzt sicherlich zur Zeit eine der edelsten Baritonstimmen, nach dem deutschen Fach erobert er sich jetzt auch das italienische Repertoire: man kann guten Gewissens behaupten diesen Abend mit seinem Rigoletto ein bedeutendes Ereignis erlebt zu haben, denn Brück weiß mit vielen Farben ein präzises Rollenporträt abzuliefern, sei es der gellende Zynismus des Hofnarren, das betörende Piano des liebenden Vaters; freilich neigt er ein wenig zur veristischen Pose, was dem fast übergroßen Rollenbild des zwiegespaltenen Menschen, indes keinen Abbruch macht, mich hat sein Rigoletto sehr bewegt.

Etwas zwiespältiger die Gilda von Anna Palimina, denn sie kämpft deutlich mit kleinerem Volumen, was leider manchmal zu Forciertheiten gerade in den Höhen führt, was sie mit ihrem guten Fokus eigentlich nicht nötig hätte, doch hat man mit ihrer Gilda eine glaubhafte, naive Sechszehnjährige vor Augen, in der mädchenhaften Lyrik und Unschuld recht berückend. Mit Dmitry Korchak konnte man einen echten Tenore leggiero für den Herzog gewinnen, mit nie versiegender Strahlkraft und bombensicheren Höhen, musikalisch neigt er jedoch ein wenig zum Schleppen, die Charakterisierung ist obsessiv besessen in seinem "Liebenwollen", das gute Aussehen des Sängers unterstreicht die faszinierende Ausstrahlung auf alles Weibliche. Nino Surguladze kommt als samtstimmige Maddalena, wie der abgrundtiefe Bass von Bjarni Thor Kristinsson als Sparafucile hinzu.

Bei den kleineren Partien sticht, seiner dramatischen Gewichtung entsprechend, der sonore Bassbariton Oliver Zwarg, wie Sevag Tachdijan elegant als Marullo hervor. Der Herrenchor unter Andrew Ollifant stellt mit seiner Leistung den Höhenflug des Kölner Kollektivs vor. Alain Altinoglu unterstreicht in seinem Köln-Debut, das er sicherlich einer kommenden, großen Operndirigenten wird, denn schon beim Orchestervorspiel trifft er Verdis Tinta auf das Möglichstbeste, das federnde Brio treibt den Abend spannend dramatisch voran, doch an erster Stelle kommt bei ihm der Sänger, da scheint er sogar bereit in seinen Tempi zurückzustehen. Das Gürzenich-Orchester begleitet aufmerksam, sich wenn nötig zurücknehmend, Verdis gesangsorientierte Melodielinien. Deshalb uneingeschränkt begeisterter Premierenapplaus für alle Musiker.
 
Martin Freitag

 

DIE HEIMKEHR DES ODYSSEUS

Premiere am 25.02.12,

besuchte Aufführung am 29.02.12

Der mythologische "American dream"

Die Kölner Oper hat, nach der grandiosen "Krönung der Poppea" der letzten Saison, im Palladium mit " Der Heimkehr des Odysseus ins Vaterland" den erfolgreichen, zweiten Teil des avisierten Monteverdi-Cyklus herausgebracht. Bernd Mottl, der sich nach dem Poulenc/Bartok-Abend und der "Csardasfürstin" erneut als bewährter Hausregisseur erweist, inszeniert die antike Geschichte nicht in Griechenland, sondern im gleichnamigen "Itaca" in den USA, schon das Vorspiel weist im Vorraum auf amerikanisches Vaudeville hin; Friedrich Eggerts Hauptbühnenbild zitiert mit einem klinisch weißen Häuschen auf grünem Kunstrasen, das mittels Drehbühne schnell nach Innen oder Draussen gewendet wird auf den "american dream", der in seiner gereinigten Kulisse schnell zum Alptraum gerieren kann.

Copyright aller Produktionsbilder Paul Leclaire / Oper Köln

Von einem mit farbigen Glühbirnen umrahmten Himmel, was durchaus auf Rummelplatzatmosphäre hindeutet, schreiten die Götter im knatschigen Superheldenoutfit (Kostüme ebenfalls Eggert), Minerva schwebt gar mit einer Karusselgondeleule herab. In diesem Haus wartet Penelope, an die Kennedywitwe Jackie erinnernd, auf ihren Gemahl; Katrin Wundsam singt die Lamenti mit warmem Mezzo etwas glatt. Bis Odysseus blutverschmiert in zerfetzter GI-Uniform auf den Rasen gespiehen wird, Mirko Roschkowski ist mit vielfarbig timbriertem Tenor wieder einmal ein Glücksfall, wo er auf den Hirten/ Hippie Eumete trifft, Miljenko Turk liefert erneut ein Paradebeispiel an sympathischer Rollenausformung ab, beider Duett darf sicher als einer der vokalen Höhepunkte des Abends bezeichnet werden. Gustavo Quaresma trifft mit hellstimmigerem Tenor, was sich perfekt gegen Roschkowskis dunklere "Vater"-Stimme absetzt, als Sohn Telemaco von der wie eigentlich immer bezaubernden Claudia Rohrbach als Minerva im Flugwerk abgesetzt, ein.

Die undurchsichtigen Freier sind mit Young Doo Parks saftigem Bass, Dmitry Egorovs aalglattem Bariton und John Heuzenroeders charakteristischem Tenor typengerecht und trefflich besetzt und erleiden ihr verdient grausiges Schicksal, übrig bleibt ein blutbefleckter Innenraum. Besonders erfreulich der Schmarotzer Iro in Robert Wörles Interpretation vokal "on the top", sein tragikomisches Lamento kann nicht besser gebracht werden, die Figur trägt durchaus Züge Heinz-Erhardschen Humors. Sehr in diese Richtung von Fünfziger-Jahre-Komik geht die mit sattem Alt von Hilke Andersen gesungene Amme Ericlea, auch eine echte Entdeckung als Sängerdarstellerin. Peter Gijsberten und Regina Richter als Paar Eurimaco und Melanto geben ein changierendes Beispiel an sympathisch/unsympatischem Duo. Zu den doppelt besetzten Rollen kommen noch Ji-Hyun An als lieblichstimmige Amore/Iunone und mit dröhnendem Bass Wolf Matthias Friedrich als Tempo/ Nettuno dazu. Insgesamt vom sängerisch, schauspielerischem eine durchaus perfekte Gesamtbesetzung der Partien.

Der König des Abends jedoch ist sicherlich Konrad Junghänel, der nicht nur die wundervolle, musikalische Einrichtung von Monteverdis "Partitur" besorgte, sondern für das lebendige Musizieren zuständig war, für die das Gürzenich mitsamt seinen Gästen an den historischen Instrumenten, hier sei besonders noch die sensibel, wie lebhaft begleitende Continuo-Gruppe gelobt, auf eine Art und Weise sorgte, die keine Wünsche offen ließ.

Puristen mögen dem Abend eine gewisse Glätte unterstellen, leicht emotionale Seichtigkeit bescheinigen, doch der feine, leise Schluss ohne echtes Happy End schafft auch diese Hürde. Unterhaltsamer kann man dieses Kleinod der frühen Oper schwerlich bringen, daher auch herzlicher, begeisterter Aplaus. Eine dringender Besuch dieser Aufführung wird empfohlen !!

Martin Freitag

 

NORMA konzertant

 
Premiere am 18.1.12
besuchte Aufführung am 23.1.12

Schon weit im Vorfeld waren beide konzertanten Aufführungen von Vincenzo Bellinis "Norma" an der Kölner Oper ausverkauft, wer eine Karte ergattert hatte, konnte jetzt die hochkarätige Einlösung der Erwartungen erleben. Edita Gruberova zu beschreiben, hieße künstlerische Allgemeinplätze von sich geben. Gerade die "Norma" sieht die Sängerin selbst als Höhepunkt ihrer Karriere, die vielleicht nach den triumphierenden Dekaden nicht mehr im Zenit ihrer Laufbahn stehende Diva, hat immer noch so viel anzubieten, was mißgünstige Kolleginnen vor Neid erblassen lassen könnte, doch darum geht es ja gar nicht. Sehr spät hat Gruberova diese , wie sie selbst sagte, riskante Partie in ihr Repertoire genommen; der Rezensent, schon lange ein Verehrer ihrer großen Kunst, durfte sie zum dritten Male als Norma erleben: das erste Mal, relativ nah an ihrem Rollendebüt, merkte man der Sängerin ihren großen Respekt vor dieser Rolle an, das zweite Mal saß die Druidenpriesterin fertig in der Kehle als Krönung ihrer Laufbahn, gestern lebte sie die tragische Belcanto-Hauptpartie. Erbsenzähler würden vielleicht sagen, das sie nicht mehr den endlos langen Atem ihrer Glanzzeit besitzt, die Belcantolinie nicht vollständig durchgebildet ist, die Höhe leichte Schärfen enthält, völlig egal, denn Gruberova wagte stimmlich Risiken, die sie sich früher nicht getraut hätte und gewinnt dabei auf ganzer Linie. Selbst die Kritiker, die ihr früher den gepflegten Schöngesang vorwarfen, müßten jetzt vor der Wahrhaftigkeit des Ausdrucks verstummen, denn die Künstlerin gestaltet die Oper zu einem gesungenem Drama, dabei adelt sie, daß sie auf das musikalische Umfeld achtet, ja nahezu besorgt ist als Gleiche unter Gleichen dazustehen. Für das alles Danke!
Schön, wie die Kölner Oper die Gelegenheit nutzt, eigene Kräfte zu präsentieren, denn es war auch der Abend von Regina Richter als Adalgisa, das leicht melancholisch verschattete Mezzo-Timbre mischt sich in den Duetten perfekt mit der Stimme des Starsoprans, schöner als manche Sopranbesetzung es in dieser Partie, die teilweise höher als die Titelrolle liegt, täte. Richter besitzt diese Höhe nicht selbstverständlich, doch singt sie ohne Fehl und Tadel. Dazu ein Tenoreinspringer, für den erkrankten Zoran Todorovich, wie man es besser nicht hätte treffen können: Mikhail Agafonov singt mit nicht nachlassendem Aplomb einen echten, heldenhaften Römer, sein Tenor besitzt Kraft, Glanz und Strahl, dabei weiß der Sänger, wie man geschmacklich solch´ einen Belcanto-Helden versiert gestaltet. Nikolay Didenko beeindruckt mit in allen Lagen balsamischem Bass als Oroveso. Machiko Obata als Clothilde und vor allem Jeongki Cho mit schönem Tenorklang als Flavio (man darf auf seinen Rigoletto-Herzog im Mai gespannt sein) vollenden das Ensemble.
Wer von Belcanto als Humtata-Musik spricht, wurde von Andriy Yurkevych am Pult eines Besseren belehrt, denn ausgefeilter kann man diese Art von Musik nicht interpretieren, ein echter Glücksfall am Pult des mehr als animiert aufspielenden Gürzenich-Orchesters. Details, die man sonst geflissentlich nicht gehört hatte, sprangen in die Ohren. Ausgearbeitete Rezitative und dynamisierte Melodik sorgten für Ausdruck im Sinne des musikalischen Dramas, selten hat man einen Dirigenten, der nicht nur um das Musikalische, sondern auch um den Sinn der Worte und der dahinterstehenden Emotionen so wissend ist. Es wäre eine große Freude, Yurkevych erneut in der Rheinmetropole zu erleben. Die Chöre unter Andrew Ollifant, in dieser Saison wieder ganz auf der Spitze, ließen sich ebenso mitreissen. So schön kann Oper sein! Bei einer solch wunderbaren Ausgestaltung vermißt man  weder Regie, noch Bühnenbild oder Kostüme.
 
Martin Freitag
 
 
 

ARIADNE AUF NAXOS

Premiere am 26.11.11,
besuchte Aufführung am 30.11.11.
 

Eine erhöhte Premierenfolge fordert auch zu Koproduktionen heraus, so hat Uwe Eric Laufenberg seine erfolgreiche Inszenierung von Strauss/Hofmannsthals "Ariadne auf Naxos", die nach der Brüsseler Premiere (1997) schon an andere Bühnen gegeben wurde, jetzt an die Oper Köln geholt. Tobias Hoheisels Art-Deco-Bühnenbild bringt die Handlung in die Entstehungszeit, rein optisch eine Augenweide, wie man sie heutzutage nicht oft antrifft, Jessica Karges eher dem edlen Schwarz-Weiss verpflichteten Kostüme, mit ein paar farbigen Badeanzügen der Buffa-Truppe angereichert, unterstützen die Optik. Laufenberg gelingt es das Vorspiel um die Aufführung der Oper mit vielen Details sehr lebendig zu inszenieren, doch die Oper selbst hat man schon etwas lebendiger in den Buffaszenen erlebt, wobei das moderne, blaue Trekkingzelt einer stilistischen Ohrfeige nahekommt. Ansonsten gediegenes Regietheater, das an alte Hampe-Inszenierungen, was gar nicht abwertend gemeint sei, erinnert. Erst mit dem Auftritt Bacchus` schickt der Intendant gleich einen ganzen Mänadenschwarm mit auf die Bühne, der sich indes als Pandämonium entpuppt: Georg-Grosz-gleich einem Totentanz des Ersten Weltkriegs gedenkend, der um das Jahr der Uraufführung tobte, während es im Finalduett Ariadne-Bacchus, eigentlich um die Verwandlung, das Entwickeln der Persönlichkeit geht. Der Ansatz ist grundsätzlich nicht falsch, überdeckt, für meine Begriffe, jedoch das Wesentliche.
Markus Stenz, dessen Operndirigate in letzter Zeit recht vorteilhaft wirkten, erliegt leider der Versuchung von Strauss´ Partitur und verfusselt sich im Detail, schwelgt in der Instrumentierung, wo es um einen dramatischen Bogen ginge. Stenz scheint doch eher ein Konzertdirigent zu sein, als ein Opern-Kapellmeister. Das Gürzenich-Orchester folgt den hohen Aufgaben willig und klangschön, auch wenn einzelne Stimmen immer wieder mal aus dem Gesamtklang zu sehr herausgestellt werden.
Mit Barbara Haveman hat man eine stimmlich ausgewogene Ariadne gewonnen, deren Sopran in allen Lagen gut anspricht, und mit fraulich wissendem Timbre einnimmt; freilich kann sie den tiefen Stellen der Partie nicht ganz wiederstehen, und dickt das Volumen an, was die Leichtigkeit in den Höhenaufschwüngen leicht mindert. Marco Jentsch als Partner Bacchus wurde indisponiert angesagt und klang auch so, daher keine Wertung seiner Gesangsleistung. Als Rollendebut hatte Haussopran Anna Palimina bei der zweiten Vorstellung die Zerbinetta gegeben, stimmlich mit schöner Lyrik, der nötigen Geläufigkeit und stupenden Höhe, sicher wird sie eine gute Zerbinetta werden, das Debut war jedoch von durchaus verständlicher Nervosität geprägt, so daß es an Souveränität, wie an verschmitztem Charme noch vorläufig mangelte. Hervorragend der Musiklehrer von Johannes Martin Kränzle, über dessen jegliches Erscheinen an der Kölner Oper große Freude herrscht. Martin Kochs Tanzlehrer brachte die fiesen Höhen der Partie bei ungewohnt tiefer Tenorsubstanz zur Geltung. Das Buffo-Quartett mit Miljenko Turks perfektem Harlekin an der Spitze, war mit dem höhensicheren Brigella von Jeonki Cho, dem etwas unauffälligerem Scaramuccio von Gustavo Quaresma Ramos, wie dem basssattem Truffaldin von Matias Tosi ausgezeichnet besetzt. Unhomogener das Nymphentrio: Gloria Rehms etwas höhenquietischige Najade, Adriana Bastidas Gamboa sang, wie immer, gut, doch die Dryade scheint ihr unangenehm tief zu liegen, am ausgeglichensten das superbe Echo von Ji-Hyun An. Regina Richter war als Komponist ebenfalls indisponiert angesagt, gefiel mit silbrigem Mezzotimbre recht gut, hielt sich in der Lautstärke sicherheitshalber zurück. Aus den kleinen Partien stach der sonore Bass von Young Doo Park als Lakai aus dem guten Niveau nochmals besonders hervor.
 
Vielleicht kein ganz so guter Abend wie die letzten an der Kölner Oper, doch trotzdem einer, der sich sehen, hören und applaudieren lassen kann.
 
Martin Freitag

 

VERDI REQUIEM

Besuchte Premiere am 30.10.11

Passend zur nachdenklichen Jahreszeit galt die jüngste Premiere der Kölner Oper einer szenischen Produktion von Verdis "Messa da Requiem". Schon die ehemalige Fabrikhalle des Palladiums in Köln-Mülheim gab dem Werk einen beeindruckenden Rahmen: in einem Labyrinth aus weißen Quadern ( Bühne Matthias Schaller) finden sich die Choristen nach und nach in Alltagskostümen (Kostüme Sabina Moncys) ein, Menschen wie Du und Ich direkt von der Straße, dahinter plaziert das Gürzenich-Orchester, später werden die Chöre und Extrachöre ihren Platz hinter dem Orchester finden.

Alle Fotos sind von Klaus Lefebre

Clemens Bechtel kommt vom "dokumentarischen Theater", ihm ist es ein Anliegen über die Musik des Requiem, verquickt mit vier Darstellern, die eigene Texte sprechen, die Aktualität der Fragen nach Tod, Schuld, Gerechtigkeit und Gericht, Hoffnung und Rettung, die der liturgische Text des Requiem aufreißt, in ihrer Alltäglichkeit für jeden Menschen darzustellen. Immer wieder werden aus den Chören einzelne Personen einfach herausgehoben und wieder in die Menge platziert. Die Gesangssolisten treten in Abendrobe mit gleichsam angelischen Assessoires geschmückt auf und treten mit den Sprechern in sachte Konfrontation, zum "Libera me" bleibt der verzweifelte Sopran zurück und ringt um Fassung, sich schier die flügelhaften Federn ausrupfend. Wohltuend ohne jeglichen Zeigefinger wird der Zuschauer gleichsam auf sich selbst geworfen, seinen eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen; wohltuend ebenfalls die gesprochenen Texte in die Zäsuren zu legen, die die Musik selbst vorgibt, so entsteht ein Abend aus einem Guss. Den Sprechern werden dabei normale Gebrauchgegenstände quasi als Anker gegeben, das Denken des Menschen, das während unseres täglichen Lebens vor sich geht, unterstützend. Insgesamt also ein Abend der freien Assoziation, nicht zwingend, aber imaginierend.

Musikalisch gelingt jedoch ein großer Wurf, denn Freiburgs GMD, Fabrice Bollon, rückt das Werk von der Oper weg. Bollon spitzt die Gegensätze der Partitur aufeinander, die Wucht der gewaltigen Choreinwürfe, wird einer fast kammermusikalischen Intimität der Ensembles und ruhigeren Stellen gestellt. Das Gürzenich-Orchester und die Chöre unter Andrew Ollifant ziehen mit an einem Strang, diese Saison hört man die Kölner Klangkörper dabei so gut, wie schon lange nicht mehr. Unter den vier Solisten finden sich zwei echte, große Weltsänger: zunächst, die schon als Mozarts Vitellia sensationell eingesprungene, Adina Aaron, einen echten Verdi-Sopran, die (das sage ich nicht wegen der Hautfarbe) an Leontyne Price erinnert. Die schön gefärbten, gutturalen Tiefen gemengt mit dramatischer Wucht, so es darauf ankommt. Dabei mit einer Leichtigkeit in den Übergängen gesegnet und stets zu einem sphärischen Piano fähig, gekoppelt mit starker emotionaler Präsenz, eine Sängerin, die man noch oft hören möchte, und die sich ihren Ruf in der Opernwelt erringen wird. Dimitry Ivashenko ist mit einem Basstimbre gesegnet, wie eine warme Steppdecke in einer kalten Winternacht, da möchte man sich gerne einwickeln, ganz nebenbei zu großer Interpretation befähigt. Jovita Vaskeviciute singt zunächst am Opernhaftesten, berauscht sich ein wenig am eigenen cremigen Timbre ihres wundervollen Mezzosopranes, erst im Verlauf des Abends gerät sie auf interpretatorische Augenhöhe, der vorher beschwärmten Kollegen. Recht unsicher beginnt der Tenor-Newcomer Michael Fabiano, quasi als ob er noch nach dem rechten Stimmsitz sucht, dann steigerungsfähig mit leuchtendem Tenorglanz, in der Höhe mit interessanter voix mixte, um den interpretatorischen Absichten des Dirigenten mutig nachzukommen, die Visitenkarte eines vielleicht zukünftigen, großen Tenors.

Ohne Pause vergeht der zweistündige Abend sehr schnell, der Premierenjubel fasst ohne Einschränkungen alle beteiligten Künstler. Wieder eine sehr gelungene Neuproduktion der Kölner Oper

Martin Freitag

 

LA CLEMEZA DI TITO

Besuchte Premiere am 09.10.11

Kölner Mozartglück

Die Kölner Oper auf ihren Reisen durch die Ausweichspielstätten hat das Landgericht am Reichenspergerplatz erreicht, einen Bau des späten 19. Jahrhunderts, den die Preußen im neoklassischen Stil aus französischen Reparationen erbauten. In das opulente Treppenhaus passt Mozarts Opera Seria "La clemenza di Tito" wie die Faust auf´s Auge. Fast wie in einem Theater sitzen die Zuschauer im "Parkett" und drei Rängen, leider gibt es nur circa 450 Plätze, wobei die Stehplätze im Olymp nicht die schlechtesten zu sein scheinen. Die schlechte Nachricht zuerst: viele Sitzplätze haben Sichtbeschränkungen auf die Spielfläche des zentralen Treppenhauses, in einer launigen Ansprache forderte der Intendant die Zuschauer auf, nicht nur auf den Plätzen sitzen zu bleiben, sondern ruhig in Eigeninitiative zu handeln. Auch die hallige Akustik dürfte es für die Musiker erschweren, um so bewundernswerter die recht ausgewogene Klangbalance.

Alle Produktionsbilder Copyright: Paul Leclaire

Regisseur Laufenberg gelingt in diesem grandiosen Ambiente seine bisher beste Arbeit in Köln, Tobias Hoheisel ist zwar als Bühnenbildner angesagt, doch hält sich bis auf einen roten Teppich und acht Lorbeerbäumchen zurück, der Rest wird lediglich durch Nicol Hungsbergs atmospärische Lichtstimmungen erreicht, denn mehr braucht es auch nicht. In Antje Sternbergs modernen Kostümen, die Herren in Anzügen, die Damen in eleganter Fashion, entwickelt sich das Werk originalgetreu an der Handlung, spannend wie ein gutes Fernsehspiel um Macht und Liebe entwickelt Laufenberg seine ausgefeilte Personenregie der feinen Gesten, weiß jedoch auch den großen Raum zu bedienen, so daß die Sänger eigentlich Treppenzulage bekommen müßten. Obwohl als Seria mit überraschendem, hier nicht verratenem Finale inszeniert, werden doch auch humorvolle Aspekte zugelassen. Wenn man vielleicht auch nicht Alles sieht, macht das gar nichts, denn zu hören gibt es Schönes und Mehr.

Konrad Junghänel hat ungeheuer exakt gearbeitet, die heikle Akustik zu bewältigen, und dabei mit dem hervorragend disponierten Gürzenich-Orchester trotzdem eine individuelle, tief emotionale Interpretation gewonnen, denn Orchester, Solisten und Chor sollen, trotz der Raumdifferenzen zusammen klingen. Schon allein dafür ein großes Bravo ! Ebenso wie beim exquisit besetzten "Krieg und Frieden", findet sich hier ein wunderbar aufeinander abgestimmtes Ensemble zusammen.

Mit Rainer Trost hat man einen prominenten, erfahrenen Tenor für die Titelpartie gewonnen, es ist fast unglaublich wie Trost über viele Jahre hinweg das Niveau hält: die Leichtigkeit des Stimmansatzes, die Ausgewogenheit in allen Lagen mit perfekten Registerverblendungen, die Koloraturfähigkeit bei intensiver schauspielerischer Ausdruckskraft, nicht zuletzt die ungemein spannend gestalteten Rezitative. Franziska Gottwald war mir, leider, bislang kein Begriff, doch ihr warm timbrierter Mezzosopran läßt als Sesto keine Wünsche offen, kurz gesagt: schöner kann man diese Partie nicht singen, daß sie in der großen Arie mit Robert Oberaigner an der Klarinette musikalisch und szenisch einen gleichberechtigten Partner zur Seite hat sei mit Genuß rekapituliert. Adina Aaron hatte in der letzten Saison das Kölner Publikum schon als Aida begeistert, ihre Vitellia tat das mit intensiver Darstellung vom intriganten Biest bis zur warmherzigen Reuerin ebenfalls, das sie bei der Akustik ihre dramatische Stimme bei allem Schönklang auch in den Höhen fein auf Linie zu halten wußte, zeigt von hoher Sangeskunst und Stimmbeherrschung, wann hat man auch schon eine Vitellia ebenso mit ihren tiefen Tönen prunken hören, denn da verlangt die Partie doch einiges von einem Sopran. Anna Palimina setzt sich mit feinem, silbrigem Sopranklang als Servilia wunderschön ab, erfreut in einer dieser starken, "schwachen" Frauenpartien, die Mozart so eminent zu gestalten wußte, zumal sich Adriana Bastidas Gamboa, zwar als indisponiert angekündigt, auf das Vorteilhafteste im Duett mit ihrer Stimme mischt. Bastidas Gamboa erfreut durch ihren individuell timbrierten, durch einen angenehmes, leichtes Vibrato herausstechenden Mezzosopran als Annio. Matias Tosi hat mit wohlklingendem Bassbariton wohl am ehesten Schwierigkeiten mit dem Hall, seine Stimme klingt immer besser in der Orientierung mit anderen Sängern in den Ensembles, sonst neigt er manchmal zu dicker Tongebung.

Der Chor der Kölner Oper hatte mich schon beim Prokofieff beeindruckt, die schönen Raumwirkungen mit Fernchören und wechselhaften Aufstellungen im Treppenhaus beim "Titus" erneuern die gute Meinung.

Wieder zeigt die Oper Köln auch bei ihrer zweiten Produktion ihr enormes Potential, das sie unter der bisher glückhaften Intendanz Laufenberg genommen hat, das Publikum wußte das hörbar zu schätzen. Die Neuproduktion von Mozarts "Titus" gehört in ihrer Qualität eigentlich zum Pflichtprogramm für jeden Opernfreund !

Schon wieder fünf Sterne für die Kölner Oper !

Martin Freitag

 

KRIEG UND FRIEDEN

Besuchte Premiere am 16.9.2011

Für die fulminante Spielzeiteröffnung sorgte man an der Kölner Oper mit einem der berüchtigten Monsterwerke der Opernliteratur, nämlich Sergej Prokofjews Vertonung von Leo Tolstois großem Weltklassiker "Krieg und Frieden". Prokofjew komponierte sein Schmerzenskind in der Zeit des Naziangriffs auf Russland. Eigentlich als fast intime Kammeroper geplant, beugte sich der Komponist dem Diktat des stalinistischen Kulturapparates und blähte das Werk mittels vaterländischem Pomp, riesigen Ruhmeschören des sowjetischen Volkes gemäß den Normen des sozialistischen Realismus und anderem Bombast zu einem über fünfstündigen Mega-Opern-Blockbuster auf; die gesamte Uraufführung fand erst Jahre nach dem Tod des Komponisten statt.

Alle Photos Copyright: Karl u. Monika Forster

In Köln strich man zunächst einmal radikal die Oper um gut ein Drittel ihres Umfanges, vor allem um die aufoktroierten Teile, auf spielbare dreieinhalb Stunden zusammen, von über siebzig Solorollen blieben knappe vierzig (Tolstois Personnage bezieht sich auf mehrere hundert). Zurückgeblieben ist eine Menge an Handlung und toller Musik, von Nicolas Brieger in großartigen Bildern zwischen intimen Szenen und Massenspektakel gebracht, wobei Raimund Bauers kongeniales Bühnenbild den gesamten Raum der Kölner Opernbühne, einschließlich Seitenbühne beeindruckend nutzt, dem epischen Werk einen passenden Rahmen gibt. Durch verschiebbare Gebäudeteile gliedern sich die Szenen wie in einem filmischen Ablauf, immer wieder lassen Durchblicke das Auge auf große Panoramen schweifen. Andrea Schmidt-Futterer beeindruckt durch brokatene Effektstoffe bei den Uniformen, versucht durch verschiedene Zeitstile auf die Parallelen der Epochen anzuspielen, was jedoch auch einen uneinheitlichen Kostümeindruck geriert.

Brieger gelingt es, die Bilder effektvoll zu staffeln, bei der Ballszene durch Otto Pichlers mitreißende Choreographie unterstützt, verleiht den französischen Szenen um die napoleonischen Eroberer den satirischen Touch, den die Musik vorgibt. Besonders ergreifend gelingt ihm Bolkonskis Sterbeszene mit ihren skurrilen, schwarzen Geschöpfen, oder die groteske Szene der aus dem Krieg flüchtenden Theaterleute. Zum Finale schreitet der eigentliche Held, Pierre Besuchow, über ein Feld von Toten zu seiner Erkenntnis des Lebens, ernüchternd, tragisch und wahr. Ein großer Wurf !

Musikalisch bleibt von der Besetzung kein Wunsch offen: drei Hauptpartien hat das Werk; Natascha Rostowa perfekt mit leuchtendem Sopran von Olesya Golovneva gesungen, entwickelt sich von der naiven Jugendlichen zur gereiften Persönlichkeit, Johannes Martin Kränzle fügt mit dem Fürsten Bolkonski seinen überzeugenden Gestaltungen eine weitere hinzu, sein ausdrucksstarker Bariton setzt auch leichten Druck zur Charakterisierung ein, was dem Charakter passende, resignative Gebrochenheit verleiht. Doch mein Held des Abends ist Matthias Klink der seinen beeindruckenden Tenor bis an die Grenzen für den Charakter Pierre Besuchows einsetzt, eine unglaublich facettenreiche Darbietung einer schwierigen nuancenreichen Persönlichkeit, dreimal Bravo für die Hauptprotagonisten. Doch mit schmelzendem Tenor vermacht Mirko Roschkowski dem zwielichtigen Kuragin die nötige Verführungskraft, seine böse Schwester Helene mit blendender Erscheinung und gleichem Mezzo Katrin Wundsam. Dalia Schaechter liefert als Achrossimowa ein echtes Kabinettstückchen ab. So beeindruckende, schönstimmige Sängerdarsteller wie Daniel Golossow (Dolochow), Matias Tosi (Denissow), Miljenko Turk gnadenlos gut als Napoleon bis zur kleinen Rolle des Kammerdiener vom Kölner Urgestein Werner Sindemann, man kann sie gar nicht alle genug mit Lob überschütten, denn die Besetzungen lassen einfach keinen Wunsch offen, pauschales Generallob an die Sänger und das Besetzungsbüro.

Auch wenn die Chorpartie ordentlich zusammengestrichen ist die Chöre unter Andrew Ollifant klingen gut, wie lange nicht mehr. Michael Sanderling spielt mit dem glänzend disponierten Gürzenich-Orchester auf, daß es eine Pracht ist. Prokofieffs farbenreiche Orchestrierung wird zum Leuchten und Glühen gebracht, zwar könnte Sanderling noch etwas an den Einsätzen für die Sänger achtgeben, doch alle Beteiligten ziehen an einem Strick. Lange hat man in Köln nicht mehr solchen Premierenbeifall, einschließlich berechtigter Standing Ovations, erlebt. Ein wirklich großer Opernabend, der die Bedeutung der Kölner Oper unter den führenden Bühnen weiter festigt. Man sollte sich den Abend nicht entgehen lassen.

Fünf Sterne für Köln !!!!! *****

(Siehe auch Opernfreund-Sterne-Tipp!)

Martin Freitag

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com