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COSI FAN TUTTE

Premiere am 23.4.2014

Spaßiger Liebesreigen mit ernstem Kern

Opernloft – das ist „City-Oper für Einsteiger“, in neunzig Minuten (egal, wie lang sie vom Komponisten tatsächlich angelegt ist), frisch und locker, doch dabei durchaus ernst gemeint. Das kleine, mit intelligentem Witz und Charme um Opernbegeisterung werbende Privattheater hat für seine Produktionen renommierte Preise erhalten. Was man sich bei einem Besuch erwartet ist in jedem Fall gute Unterhaltung – weniger jedoch ungewöhnliche Erkenntnis zu einer ohnehin bestens bekannten Oper wie der gerade besuchten.

Die knallrot gehaltende Lobby durchwabern sanfte Jazz- und Chill-Out-Lounge-Klänge, denn ob unter der Dusche, im Auto, im Büro oder eben noch kurz vor und zwischen der Oper – ohne Sound läuft vor allem für junge Leute heute nix. Diese kleine szenetypische Besonderheit stört aber nicht und entpuppt sich später beiläufig als subtile Einstimmung auf die Inszenierung. Getränke und Imbiss kann man hier mit in den Saal nehmen – also Oper fast so gemütlich wie daheim auf dem Sofa, als quasi-privater Live-Act. Auch das wiederum passt hervorragend insbesondere zu „Cosi fan tutte“: Mozart hat diese Komposition, als einzige, vor und mit Freunden bei sich zu Hause aufgeführt, und das Ambiente des Zuschauerraums macht sich im vorderen, mit kleinen Tischen bestückten Bereich ganz passabel als Wolferls Wohnstube.

Ist ja alles nur ein Traum: das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel in dieser Inszenierung

Statt sechs Hauptprotagonisten agieren nur vier – die zwei Liebespaare, von denen jeweils ein Darsteller in einer Szene eine der fehlenden Rollen übernimmt. Geschuldet ist dies nicht etwa schmalem Budget oder der kleinen Bühne, sondern es ist zentraler und durchaus einleuchtender Gedanke des Konzepts von Regisseurin Nina Kupczyk. Es braucht keinen Anstifter und Drahtzieher wie Don Alfonso, die jungen Männer auf die Idee zu bringen, die Treue ihrer Freundinnen auf die Probe zu stellen. Heute, wo alles Mögliche getestet und Rankings unterzogen wird, ergibt sich das Treue-im-Test-Spiel fast von selbst. Die beiden Frauen (Franziska Gündert als Dorabella, Aline Lettow als Fiordiligi), optisch und auch im Geiste Schwestern von Franz Wittenbrinks „Sekretärinnen“, durchlaufen im Folgenden alle Stadien der erotischen Initiation – wobei das ganze Vexier- und Bäumchen-Wechsel-Dich-Treiben angelegt ist als Traum- und Projektionssequenz. Funktionieren würde es auch nicht-virtuell, und darauf würden wahrscheinlich Opernpuristen pochen, da der Ein- und Ausklang dieses Traums eingeleitet wird durch fremdes Musikmaterial, nämlich eine elektronische, dumpf pulsierende Klangtapete (Transform23). Der klugen Neuarrangierung Mozarts Musik durch Makiko Eguchi (musikalische Leitung), die das Essentielle der Komposition zu bewahren weiß und stellenweise psychologisch raffiniert zuspitzt, steht dies jedoch nicht entgegen, und zum Konzept der Inszenierung – wie des Opernlofts überhaupt – passt es durchaus.

Der hauptsächliche Teil der Geschichte also vollzieht sich in dieser Inszenierung im Reich der erotischen Fantasie, und da geht es richtig zur Sache. Die Mädels turnen lasziv an der Stange, derweil sie – ebenso lässig wie exzellent! – Mozart-Arien intonieren, das brave Naivchen von ihnen verwandelt sich zwischendurch zur peitschenschwingenden Domina (ironische Version des auf die Heilkraft des Magnetismus schwörenden Arztes), die Jungs (Du Wang als Ferrando und Shlomi Wagner als Guglielmo) werfen sich darstellerisch und gesanglich überzeugend in Pose und machen gekonnt auf Womanizer, man fläzt sich allein oder zu zweit auf einem elektrischen, laut brummenden Schaukelpferdchen, das auf den drolligen Namen „Cosi“ hört (es gibt übrigens eine Stofftier-Serie gleichen Namens) und zu kreativen Assoziationen einlädt, Sprühsahne wird freigiebigst verteilt und aufgeschleckt, mithin wird die ganze Klaviatur sexueller Konnotationen bespielt.

Höhepunkt amüsantester Art ist der Auftritt des Dienstmädchens Despina, umwerfend komisch verkörpert und gesungen von Shlomi Wagner – ein Moment, der vielleicht nicht vollkommen im Sinne Mozarts und seines Librettisten ist (die beiden hatten in dieser Rolle jede Menge Gesellschaftskritik versteckt), jedoch mühelos an die allerbesten Verfilmungen und Bühnenversionen von „Charley’s Tante“ heranreicht. Das Ganze ist also ein großer Spaß, der am Premierenabend mit viel Beifall und begeistertem Bravo für die hervorragende Leistung des gesamten Teams – Gesangssolisten, musikalischer Leiterin samt Musikern und Regie – belohnt wurde. Pikierten Mozart-Verehrern, die nach dieser Beschreibung von einem Besuch der Aufführung abzusehen gedenken, sei dringend ans Herz gelegt, Wolfgang Hildesheimers Buch „Mozart“ lesen, auf dem übrigens auch Milos Formans Film „Amadeus“ basiert. Mozart war – zuweilen jedenfalls – ein äußerst alberner, erotisch-lustvoller Mensch, mit diebischer Freude an Jux und Tollerei, und deshalb hätte er garantiert seine wahre Wonne an dieser Inszenierung.

Denn „Cosi fan tutte“ ist eine merkwürdige Chimäre – die Akteure keine wirklichen Personen, sondern eher Marionetten, dem Sinn nach eine Komödie, die jedoch den Geist der Tragödie in sich trägt. Letzteres vermögen wir heute kaum nachzuvollziehen – der Traum von ewiger Liebe und Treue ist lang ausgeträumt und dem nüchternen Wunsch nach seriellen Lebensabschnittsbegleitern gewichen. Es scheint also logisch und einzig sinnvoll, diese Oper als privates Beziehungsproblem zu verstehen und zu inszenieren, und diesen Eindruck findet der Zuschauer – durchaus zur Zufriedenheit – von Anfang an bestätigt.

Schaut man jedoch näher hin, vor allem auch auf die wunderbar frechen, aufgefrischten Übertexte, so ergibt sich am Schluss ein ganz anderes Bild dieser heiteren, vermeintlich belanglosen Geschichte. Vergessen wir die Katastrophen – seien wir vergnügt: So ungefähr lautet das Fazit von „Cosi fan tutte“, das auch in dieser Inszenierung vollkommen vorlagengetreu gezogen wird. Doch es sind nicht die verspielten, oberflächlichen Geschöpfe des Rokoko, die hier zu uns sprechen. Es sind junge, energiegeladene, gut aussehende Menschen von heute, die dieses Fazit für sich selbst ziehen. Und plötzlich begreift man, das ihr Leben alles andere ist als Leichtigkeit und Spiel. In einer Welt, in der auf nichts Verlass, in der alles fortlaufend im Wechsel begriffen ist, die unwägbare, existenzielle Bedrohungen bereithält, die den Einzelnen jederzeit empfindlich treffen können – in so einer Welt überlebt man am besten, in dem man all dies so gut wie möglich ausblendet und selbst so flexibel wie nur irgend möglich bleibt. Die angebliche Oberflächlichkeit, das Nichtrebellieren gegen den Trott im Hamsterrad – alles, was den jungen Leuten vielfach angekreidet wird, ist nur ein Schutz gegen das Unbehaustsein in einem völlig unkalkulierbaren Leben. Die Art, wie sie die ständigen, unerfüllbaren Forderungen, die die Welt an sie stellt, meistern, zeigt sich am eklatantesten in jener Szene, in der die beiden Sängerinnen wie Profitänzerinnen agieren und dabei ihre Arien schmettern, beides mit geradezu erschreckender Perfektion und Selbstverständlichkeit. Eine derartige Durchoptimierung von Körper und Begabung ist für junge Leute kein Problem – es wird erwartet, und sie können nur überleben, wenn sie diese perfektionistischen Anforderungen erfüllen. Zu-gleich jedoch werden sie zu Puppen, zu Marionetten. Obwohl sie einzigartig sind, sind sie austauschbar – schon auf der Bühne, wo man sie kaum auseinanderhalten kann. In dieser Zeit, in der Individualisierung, Einzigartigkeit das wichtigste ist, wo jeder Mensch sein eigener Markenartikel und –botschafter ist, sind die Menschen austauschbarer als je zuvor.

„Cosi fan tutte“, das Spiel mit den Identitäten, die Probe auf Exempel für die Austauschbarkeit des Einzelnen, ist die aktuellste der Mozartopern. Es gibt kaum eine andere Oper, die so sehr in die Zeit passt, wie Nina Kupczyks überaus kluge, verblüffende Inszenierung zeigt. So ist der Abend im Opernloft nicht nur kurzweiliger Kulturkonsum – man hat danach gedanklich und emotional noch sehr daran zu nagen. Denn: so bewundernswert das Können dieser jungen Menschen ist – tauschen möchte man nicht mit ihnen. Man wünscht ihnen eine andere Welt. Und wirkliche, Halt gebende Liebe.

Christa Habicht, 24.4.2014                 Sämtliche Fotos: Inken Rahardt, Opernloft

 

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