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DIE BLUTIGE NONNE

- Rarität von Gounod

 

Man braucht bloß diesen Titel hinzuschreiben, um Aufmerksamkeit zu erregen. Mit "diesem Titel" ist die dritte Oper von Charles Gounod gemeint, die am Theater Osnabrück ihre zweite Inszenierung nach der Uraufführung vor 135 Jahren in Paris erlebte. Das Libretto dieser "gespenstischen Familiengeschichte" wurde immerhin von Eugen Scribe und Germain Delavigne nach einer Episode aus Lewis´Schauerroman "Der Mönch" kreiert. Zwei verfeindete Familien wollen mit Hilfe der Heirat ihrer Kinder Frieden schaffen, allerdings liebt Agnes nicht den ihr zugedachten Theobald, sondern dessen jüngeren Bruder Rodolphe. Als dieser sie um Mitternacht in Verkleidung der gespenstischen "Blutigen Nonne" entführen will, ahnt er nicht, daß er dem echten Gespenst ewige Treue gelobt. Diese zweite Agnes entbindet ihn erst von seinem Schwur, wenn er sie an ihrem Verführer und Mörder gerächt hat, welcher niemand anderer als sein eigener Vater ist, nach einigem Hin und Her opfert sich der Vater selbst und das echte Paar kann vereinigt werden. Diese doch etwas krude Gruselstory wurde sowohl von Verdi, Meyerbeer, Halevy und andren Komponisten abgelehnt, bis Hector Berlioz sie sechs Jahre mit sich herumtrug und sogar einige Szenen vertonte. Für Gounod forderte Scribe das Werk jedoch zurück, der daraufhin seinen ersten großen Opernerfolg hatte. Nach elf Vorstellungen wechselte die Theaterintendanz und die Nonne wurde aus geschmacklichen Gründen in ihre Gruft geschickt, bis zur Deutschen Erstaufführung in Osnabrück. Gounods Musik ist gefällig, der Komponist klingt schon ganz nach sich selbst, wenn auch das Werk noch nicht die geschmeidige Durcharbeitung seiner großen Opern "Faust", "Romeo" oder "Mireille" besitzt, oder mit deren Ohrwürmern aufwarten kann.

Gabriele Rech nimmt das Stück in ihrer Inszenierung ganz ernst, läßt es auf einem Friedhof spielen, eine heitere Hochzeitsepisode wird zum schauerlichen Traum Rodolphes mit optischen Zitaten aus "Tanz der Vampire" und "Nosferatu" und das glückliche Ende klingt nur glücklich, alles ganz richtig, aber auch nicht wirklich originell. Die musikalische Darbietung fällt etwas zwiespältig aus, zwar überzeugt das Osnabrücker Symphonieorchester unter der schwungvollen Leitung Till Drömanns und auch die Chöre klingen prächtig, aber die Solisten überzeugen nur teilweise: die recht schwierige Tenorpartie Rodolphes ist dem jungen Tenor Yoonki Baek anvertraut, der die Höhen mit Aplomb nimmt und manch schöne lyrische Phrasierung gelingt auch recht gut, aber trotzdem singt hier jemand über seine Fähigkeiten, manche Intonation verwackelt, die Stimme scheint ihren richtigen Sitz noch nicht gefunden zu haben. Natalia Atamanchuks robuster Sopran wirkt dagegen recht solide, ohne freilich des "besondere Etwas" zu besitzen. Marco Vassalli als sich opfernder Vater erfreut mit schönem, stilistischem Gesang, sein Bariton klänge in lyrischen Partien sicherlich richtiger. Eva Schneidereit erfreut mit saftiger, präsenter Stimme als Gespenst zwischen Mezzo und Alt, sieht allerdings für eine schauerige  Leiche viel zu pumperlgesund aus, allein schwarzer Lippenstift reicht da nicht. In einer Sopranpagenrolle zeigt Iris Marie Kotzian ein liebliches Soubrettentimbre, aber etwas flackerige Intonation. Während vom umgedeuteten Buffo-Hochzeitspaar stimmlich vor allem Miyuki Nishino mit leuchtendem Sopran gefällt, aber Kolja Hosemann ebensolch intensive szenische Gruselpräsenz bereithält. Marcin Tlalka singt als Chorsolist die gar nicht so kleine Basspartie des Eremiten recht wacker. Die kleineren Partien werden alle rollendeckend aus dem Chor besetzt.

Was das Kritikerherz erfreut ist das zahlreiche Publikum, welches nahezu euphorisch mit Applaus auf die Rarität reagierte, auch wenn die "Nonne" bei der Sparte Wiederentdeckungen eher unter "interessant" fällt. Aber hätte man es nicht gespielt, wüßten wir es nicht, allein dafür dem Osnabrücker Theater ein großes Dankeschön und einen verdienten Erfolg.                                                Martin Freitag

 

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