TURANDOT
A-08. + B-Premiere 11.05.10
Die Turandot von Giacomo Puccini
sang Caroline Whisnant mit ihrem mehr
kindlich als jugendlich klingenden Spintosopran in lyrischer Tongebung und
versah die eiskalte Rächerin mit weichen
Vokalismen ohne Höhenschärfen. Dramatischer wirkte Galina Shesterneva, ihr klangvoller, bestens geführter Sopran
besticht in allen Lagen, gleichwohl paart sie ihr charakteristisches Timbre mit
der gut fokussierten Mittellage und den klaren oberen Regionen. Nach ihrer
fulminanten Tosca (Aalto Essen) überzeugte die Künstlerin als ausgezeichnete
Puccini-Interpretin. Michail Agafonov
(Calaf) konnte mich trotz metallischer Stentortönen wenig beeindrucken, sein
heldisch fundierter Tenor klang in den mittleren Bereichen brüchig und wirkte
in der Intonation sehr eigenwillig. In welchem Schnäppchenmarkt für Tenöre man
allerdings Marian Talaba erstand, wird wohl das Geheimnis der Operndirektion
bleiben. Beifallsstürme entfesselte Cornelia Ptassek und verstand es vorzüglich ihr immenses
Sopranpotenzial zu zügeln, schenkte der Liu beseelte, anrührende, wundervoll
aufblühende Töne. Marina Ivanova konnte in dieser Form wenig punkten, ihrem
Sopran fehlte die Durchschlagskraft und so gestaltete sie die unglückliche
Sklavin mit mehr vokal lyrischen, verhaltenen Mitteln. In noble, helle Basstöne
hüllte Frank van Hove den Timur, währenddessen Rúni Brattaberg dem entthronten
Tataren mehr stimmgewaltige Autorität entgegen setzte. Über Video und Lautsprecher
erklangen unheilverkündend die Stimmen von Jaco Venter/Karsten Mewes
(Mandarin). Ausgezeichnet pointiert und klanglich bestens aufeinander abgestimmt
vernahm man die glatzköpfigen Minister Ping (Lars Moller/Boris Grappe), Pong
(Charles Reid/Uwe Eikötter), Pang
(David Lee/Christoph Wittmann), solide baten die Mädchen-Soli (Sibylle
Vogel/Susanne Niederkorn/Susanne Hoffmann)
in Einhalt um Ruhe, im blauen Schlafanzug mit Strohhut und Sonnenbrille,
wie es sich für einen Kaiser gehört, agierte Mario Brell als Altoum, Wayne
Hobbs gab dem Persischen Prinzen, völlig hüllenlos das Stimmchen und überflüssig geisterten Statisteninnen stumm
als verblichene Lo-u-Ling durch die Szene. Individuelles Profil verliehen den
Aufführungen der Opern-Kinder- und Extrachor des NT (Anke-Christine
Kober/Tilmann Michael) welche an Homogenität und Klangschönheit keinen Wunsch
offen ließen. GMD Dan Ettinger entfesselte mit dem expansiv musizierenden
Orchester des NT Klangorgien von elementarer Wucht, die gewaltigen Einsätze von
Blech und Pauken ließen das Haus erbeben und dennoch verstand es der gestisch
unermüdliche, junge Maestro entgegen aller Phoneruptionen, der Partitur die
lyrischen, herrlichen „chinesischen“ Kontraste zu entlocken und man vernahm zarte
Instrumentationen voll Süße und Wohlklang. Lauthals wurden Ettinger und sein
Orchester bejubelt und leistungsgerecht feierte man die Solisten. Immer mehr
entlarvt sich das moderne Regietheater selbst, Dilettanten ergehen sich in den Ideen
der Anderen, sie copieren ungeniert, die ewigen Requisiten Koffer, Nackte
wiederholen sich fortwährend und langweilen allmählich. In Vorankündigung wollte
Regula Gerber die Seelenzustände der Protagonisten optisch nach außen kehren, doch
verweilten die hehren Ideen mehr im Kopf der Regie, äußerten sich in Bodenakrobatik auf Knien oder
bäuchlings gerobbt, belanglosen Aktionen an der Rampe in alltagstauglicher
Kostümierung (Dorothee Scheiffarth) der
Solisten: im Häkellook Liu, Turandot in weißer Spitze, die Herren in Straßenkombi,
doch der Chor fiel mit seinen Science-fiction-Creationen voll aus dem Rahmen,
von China jedoch keine Spur! Die Bühnenausstattung
(Sandra Meurer) mit ihren kalten Metallkonstruktionen und dem dazwischen
mobilen Spiegelteleskop verlieh dem Ganzen eine kühle, distanzierte Ästhetik.
Jede Menge Statisten übervölkerten die Bühne und wohl deshalb wurde der Finalchor
in die Logen des hell erleuchteten Zuschauerraums platziert? Am zweiten Abend
blieb das Licht aus. Gelassen fast ohne Buh´s
nahm das Auditorium die neue Produktion der Intendantin hin und man
resümierte hernach, sie vermag weder noch…
Gerhard Hoffmann
MEISTERSINGER VON NÜRNBERG
13.
5. 2010
Tradition oder Neues? - Für viele Mannheimer Opernfreunde war das Jahr
2000 ein schwarzes Jahr. Trotz starken Protestes wurde die alte,
konventionelle, sehr schöne und beim Publikum ungemein beliebte, bereits 1967
entstandene Inszenierung Paul Hagers von Wagners „Meistersinger“ abgesetzt.
Gegenüber dieser geradezu legendären Produktion musste es jede Neudeutung
schwer haben. Dennoch hat es den Anschein, dass die im Jahre 2008 entstandene, zuerst heftig umstrittene
Neuinszenierung des Werkes inzwischen von einem Großteil des Mannheimer
Auditoriums akzeptiert worden ist. Die Aufführung am Himmelfahrtstag erfreute
sich jedenfalls großen Applauses. Die Sichtweise von Regisseur Jens-Daniel
Herzog und seinem Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt mutete
recht interessant an. Sie verlegen die Handlung in ein Museum, in dem
zahlreiche Erinnerungsstücke an die beliebte Hager-Inszenierung ausgestellt
werden, so z. B. Sachsens Festtagsgewand, dem die Museumsbesucher zu Beginn
ihre Ehrerbietung erweisen, Beckmessers Laute und der Singstuhl. Vielfältig
wird mit den Elementen der alten Produktion gespielt. Wer diese nicht - mehr -
kannte, dem konnte sich der tiefere Sinn von Herzogs Interpretation nur schwer
erschließen. Gnadenlos rief das Regieteam den alten Streit um die Absetzung der
Hager -Deutung wach. Die damaligen gegensätzlichen Fronten „Meistersinger
müssen bleiben“ der Zuschauer und „Meistersinger müssen weg“ der Intendanz
Schwab wurden auf Spruchbänder geschrieben. Auf der vor einem herrlichen
Prospekt von Alt-Nürnberg spielenden Festwiese, die hier vor allem der
Bewältigung der Blessuren der Johannisnacht-Prügelei dient, kamen fast
ausschließlich die aus der Vorgänger-Inszenierung stammenden Kostüme von Gerda
Schulte zum Einsatz. Nur Sachs, den Herzog als Restaurator des Museums
darstellt und der nur zur Abwechslung mal Schuhe klopft, die er aus einer
Vitrine holt, trug einen weißen Arbeitskittel, was ihn unter all den
konservativen Kostümen der Schlussszene als Fremdkörper erscheinen ließ. Die
Überlegungen des Regieteams sind offenkundig. Sollen alte, beliebte
Produktionen musealisiert und unter Denkmalschutz gestellt werden oder soll mit
neuen Regieansätzen aufgewartet werden? Allgemein ausgedrückt: Wahrung von
Tradition oder Schaffung von Neuem? Die Antwort des Regisseurs auf diese Frage
ist eindeutig: Er modernisiert radikal. Die Legitimation dafür liefert ihm
Wagner selbst, der seinen Anhängern befahl: „Kinder schafft Neues“. Auch dieser
Ausspruch wurde dem Publikum auf einem Spruchband vor Augen geführt. Dass im
Alten oft der Wurm steckt, wurde am Ende auf heitere Art und Weise
verdeutlicht: Die überkommenen Kostüme sind offensichtlich von Flöhen
verseucht. Bis auf Sachs, dem in zwei Glasvitrinen von den Problemen seiner
Zeit abgeschirmten Liebespaar sowie dem zu Unrecht den Traditionalisten
zugerechneten Stadtschreiber erleiden sämtliche Beteiligte heftige Juckanfälle,
Wie wild beginnen sie sich beim Schlusschor zu kratzen. Bereits vorher hat sich
Beckmesser seine altmodischen Oberkleider vom Leib gerissen. Deutlich wird: Er
verweigert sich jeder traditionellen Kunstsicht, auch der, die durch Stolzing
in Nürnberg Eingang gefunden hat und plädiert in Unterhosen für die Moderne,
wird damit zum Helden - ein Ansatzpunkt, der stark an Katharina Wagners
Bayreuther Interpretation erinnert. Auch die Zeichnung der Personen kann als
gelungen bezeichnet werden. Die Meistersinger erschienen im ersten Aufzug als Trupp
von Polizisten. Heiterkeit erregte insbesondere die Figur des Stolzing, der von
Herzog als überaus flegelhafter, in schwarzes Leder gekleideter, dem Alkohol
frönender Rocker mit langen Haaren und Sonnenbrille dargestellt wurde. Gutes
Benehmen hat er augenscheinlich nicht gelernt. Im dritten Aufzug musste er sich
aufgrund eines ausgewachsenen Katers mehrmals übergeben. Sachs’ Kommentar dazu
„Das nenn ich mir einen Abgesang“ passte dazu wie die Faust aufs Auge.
Am
Pult tat Friedemann Layer Dienst nach Vorschrift. Seine Auslegung der
Wagnerschen Partitur geriet alles andere als interessant, war insgesamt
ziemlich distanziert, rational und wenig gefühlvoll. Bereits der Beginn wirkte
etwas belanglos. Von klanglicher Raffinesse war an diesem Abend wenig zu
spüren. Thomas Jesatko war als Sachs mehr der feinsinnige Poet als der
grobschlächtige Schuster. Augenscheinlich hatte er mit einer Erkältung zu
kämpfen. Nachdem er über zwei Aufzüge dennoch passabel gesungen hatte, forderte
die Indisposition im dritten Aufzug ihren Tribut. Mehrmals musste er hoch
liegende Phrasen um eine Oktave nach unten transponieren. Aber Sänger sind ja
auch nur Menschen. Prächtig entwickelt hat sich seit der Premiere der
Beckmesser von Thomas Berau. Der Sänger hat seinen Bariton hervorragend in
den Körper bekommen, was zu einer Verstärkung des Stimmvolumens und mehr
Klangschönheit führte. Indes hatte er mit einigen Unsicherheiten textlicher und
musikalischer Art zu kämpfen. Insbesondere in der Schusterstube des dritten
Aufzuges kam es zu bösen Ausfällen. Dafür hatte er ein sicheres hohes ‚a’.
Seine Darstellung des jungen, adretten Stadtschreibers war sehr glaubhaft. Mit
prächtigem, gut focussiertem Heldentenor gab Istvan Kovacshazi einen
stimmstarken Stolzing, den er auch köstlich spielte. Von diesem jungen Sänger
kann man in Zukunft noch viel erwarten. Nur sein U-Vokal klang ziemlich
vergrübelt. Wunderbares Sopranmaterial brachte Cornelia Ptassek für
die Eva mit. Insgesamt sitzt ihre Stimme gut. Nur bei den Stellen, wo sie
unvermittelt vom Forte ins Piano wechseln musste, verlor ihr Sopran an
Körperstütze. Mit solidem Mezzosopran sang Anne-Theresa Albrecht die
Magdalena. Dem Pogner verlieh Runi Brattaberg mit volltönendem, sonorem
Bass große Autorität. Stimmlich prägnant präsentierte sich der Kothner von Vladimir
Baykov. Ziemlich dünnes Tenormaterial brachte Maximilian Schmitt in
die Partie des David ein. Als Nachtwächter bewährte sich Johannes Wimmer.
Die kleinen Meister, bei denen sich Positiva und Negativa die Waage hielten,
waren mit Christoph Wittmann, Boris Grappe, Ulfried Haselsteiner, Oskar
Pürgstaller, Jörn Lindemann, Winfried Knoll, Johannes Wimmer und Martin
Busen besetzt. Auf hohem Niveau bewegte sich der Chor.
Ludwig Steinbach
CARMEN
15. 4. 2010, Rückblende - Zu
einem Erlebnis geriet die Aufführung von Bizets „Carmen“ am Nationaltheater
Mannheim. Schon das Bühnenbild von Sandra Meurer war eindrucksvoll. Es
wird von einem zweistöckigen Gebäude eingenommen, das sowohl Kaserne als
auch Zigarettenfabrik und Schmugglerschenke ist. Eine praktikable Lösung.
Überzeugend war das Grundkonzept von Regisseurin Gabriele Rech. In
Anlehnung an Prosper Merimees Novelle erzählt sie die Handlung als Rückblende.
Das Geschehen spielt sich in der Erinnerung des zum Tode verurteilten Don Jose
ab, der nach der Ermordung Carmens im Gefängnishof auf seine Hinrichtung
wartet. Diese Sichtweise ermöglicht der Regisseurin ein tiefgehendes
Psychogramm Joses. Genau wie Carmen ist der Brigadier ein Außenseiter, der
nicht weiß, wo er hingehört. Folgende Szene ist bezeichnend: Genau in dem
Augenblick, in dem sich Jose zum ersten Mal zu der Zigeunerin hingezogen fühlt,
steigt ein sehr biedermeierlich anmutender, weiß-stilisierter Raum aus dem
Boden auf, in dem Micaela sitzt. Damit wird Joses Heimat, seine Vergangenheit
beschworen, von der er sich allerdings abgewendet hat. Aber auch in dem von
heftigem Drill geprägten Soldatenleben bleibt er ein Fremdkörper. Sowohl er als
auch Carmen scheitern schließlich an sich selbst - er an seiner ständigen
Eifersucht, sie an ihrem Absolutheitsanspruch.
Auf
hohem Niveau bewegten sich die Sänger der Hauptpartien. Monica Bohinec kann
man getrost als ideale Carmen bezeichnen. Sie ist genau der richtige Typ für
diese Rolle, die sie darstellerisch mit einem gehörigen Schuss Erotik versah.
Auch gesanglich konnte sie mit ihrem üppig klingenden Mezzosopran voll überzeugen.
Für den Don Jose brachte Istvan Kovacshazi einen kräftigen dramatischen
Tenor mit, den er geradlinig und nuancenreich einzusetzen wusste. Thomas Berau
war ein schauspielerisch sehr charismatischer, gut aussehender Escamillo,
dem er mit seinem gut gestützten, angenehm timbrierten Bariton auch gesanglich ein
beachtliches Profil verlieh. Über wunderbares Stimmmaterial verfügt Iris
Kupke, die mit gefühlvollem, sauber dahinfließendem Sopran eine anrührende
Micaela sang. Einen schönen, gut sitzenden Bariton brachte Nikola Diskic
für den Morales mit. Demgegenüber fielen die weiteren Gesangssolisten ab. Radu
Cojocariu kam als Zuniga über eine solide Leistung nicht hinaus. Hanna
Zitzmann und Anne-Theresa Albrecht fehlte es insbesondere in der
Höhe noch etwas an Tiefgründigkeit. Für den Dancairo und den Remendado brachten
Boris Grappe und Uwe Eikötter recht flache Stimmen mit.
Der
eigentliche Star des Abends aber hieß Dan Ettinger und stand am Pult.
Selten hat man Bizets Werk so feurig und voll von dramatischer Wucht gehört. An
manchen Stellen, wie z. B. bei der vom Dirigenten äußerst rasant genommenen
Torero-Quadrilla des Vorspiels und des vierten Aktes sowie dem tempomäßig immer
mehr gesteigerten Zigeunertanz des zweiten Aktes verschlug es einem fast den
Atem. Ettinger entfesselte mit dem seinen Angaben präzise folgenden Orchester
in oft sehr schnellen Tempi einen ungemein stürmischen Rausch der
Leidenschaften, wie man ihn nur selten erlebt. Der von ihm und den Musikern gewobene
Klangteppich war von erregender Rasanz. gleichzeitig aber auch gefühlvoll und
immer mit einem Höchstmaß an Intensität versehen. Das war wahrlich eines der
besten „Carmen“ - Dirigate, die ich je erlebt habe. Mit seiner grandiosen
Leistung trat Ettinger geradezu das Erbe von Carlos Kleiber an. Von diesem
begabten jungen Dirigenten, der seit dieser Saison die Stelle des GMD am
Nationaltheater Mannheim innehat und der größten Orchester würdig ist, kann man
in Zukunft noch viel erwarten.
Ludwig Steinbach
NICHT NUR WAGNER UND
SCHILLER
DAS NATIONALTHEATER MANNHEIM ZEIGT SICH VIELSEITIG
Es
ist Karfreitag 2009. Intendantin Regula Gerber ist zufrieden. Eben ging im
Nationaltheater die Aufführung von Wagners „Parsifal“ in der Regie von Hans
Schüler und dem Bühnenbild von Paul Walter zu Ende. Auch diesmal hat die
inzwischen 52 Jahre alte, aber immer noch sehr sehenswerte Inszenierung ihre
Wirkung bei dem zahlreich erschienenen Publikum nicht verfehlt. „Eine
wunderbare Aufführung, die uns alle überleben wird“, denkt die Intendantin. Es
kommt ihr gar nicht in den Sinn, diese altgediente Produktion abzusetzen. Und
das ist gut so, denn dieser „Parsifal“ hat für die Mannheimer Oper eine große
Bedeutung. Jährlich pilgern am Karfreitag Wagner-Liebhaber aus ganz
Deutschland, ja aus der ganzen Welt nach Mannheim, um sich an dieser
wunderbaren Aufführung zu erfreuen. An ihr stimmt einfach alles. Man muss sich
nicht über irgendein fragwürdiges Regiekonzept aufregen, sondern kann sich
zurücklehnen und genießen. Regisseur und Bühnenbildner nehmen Wagner beim Wort,
erzählen die Handlung um den reinen Toren geradlinig, unverfälscht und ohne
Schnörkel. Der Bayreuther Meister hätte seine helle Freude daran gehabt.
Schülers Deutung weist viele Anklänge an die Bayreuther „Parsifal“-Regie von
Wieland Wagner auf. Da ist zuerst die scheibenförmige, in der Mitte zu einem
kleinen Hügel ansteigende Spielfläche. Auch die Entrümpelung der Bühne - es
gibt bei Schüler nur wenige Requisiten - gemahnt an Wieland Wagner, ebenso die
Darstellung der Grals-Bilder. Herrlich mutet der zweite Aufzug mit seiner
umwerfend choreographierten Blumenmädchenszene an. Das ist alles sehr
ästhetisch anzusehen, ein echter Genuss für das Auge.
Mit
seinen 350.000 Besuchern pro Jahr hat das Mannheimer Nationaltheater, eines der
größten Fünfspartentheater in Deutschland, eine Auslastung, von der manch
anderes großes Haus nur träumen kann. Es hat eine große Tradition, Schiller, Mozart
und Wagner haben hier gewirkt. Es ist auch historisch das einzige Haus, das dem
Gedanken des Nationaltheaters entsprechend die Entdeckung des Dramas in
deutscher Sprache konsequent betrieben hat und durch eine starke Förderung von
Uraufführungen heute noch unterstützt. Somit wundert es nicht, dass die
Mannheimer ihr Nationaltheater lieben und es regelmäßig besuchen. Das zeigt
sich bereits an den Umsatzerlösen. Allein aus dem Kartenverkauf fließen ca. 5,3
Mio Euro in die Kasse. Genau diese Summe muss pro Saison erwirtschaftet werden,
um den Spielbetrieb auf hohem Niveau aufrecht zu erhalten. Zählt man sonstige
Einnahmen und Erträge dazu, kommt man sogar auf ca. 6,3 Mio Euro - eine stolze
Zahl, durch die die große Theaterliebe der Mannheimer nur allzu offenkundig
wird. Aber nicht nur aus Mannheimern rekrutiert sich das Publikum. So mancher
Theaterfreund reist von weit her an, um eine Aufführung zu sehen. Das
Nationaltheater tut ja auch genügend, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu
machen. Es verfügt über einen sehr rührigen Besucherring, der das Umland
bereist und auch außerhalb von Mannheim Theaterfahrten mit Bussen organisiert.
Dazu kommen vielfältige Marketingaktivitäten und die erfreulich starke
überregionale Resonanz in Print- und Audiomedien.
Besonders
gefielen in den letzten Spielzeiten die Neuproduktionen von „Medee“ und „La
Traviata“ in der Regie von Achim Freyer oder der von Günter Krämer im Rahmen
des Mannheimer Mozartsommers in Szene gesetzte „Lucio Silla. Während Krämers
Arbeiten eher konventionell anmuten, sind Freyers Sichtweisen mehr dem bunten Zirkusambiente
verpflichtet. So unterschiedlich diese beiden Regisseure sind, überzeugen
konnten beide. Ebenfalls zu empfehlen ist Johann Christian Bachs „Amadis des
Gaules“ in der gefälligen Regie von Nicolas Brieger - eine Aufführung, mit der
die Mannheimer Oper jüngst einen ganz großen Erfolg für sich verbuchen konnte.
Auch
auf die zeitgenössische Oper wird am Nationaltheater großer Wert gelegt. Mit
Salvatore Sciarrinos Oper „La porta della legge“ stand Ende letzter Saison ein
ganz neues Werk auf dem Opernspielplan.
Diese Spielzeit soll Bernhard Langs „Montezuma - Fallender Adler“ in Mannheim
uraufgeführt werden. „Ein Spielplan ohne Perspektive in eine mögliche Zukunft
des Genres Oper verpasst auch deren Gegenwart und erklärt sie zur abgelebten
Geschichte. Wir sind sehr neugierig auf unsere Zukunft, deshalb haben wir für
die nächsten Jahre Opernaufträge an wichtige Komponisten vergeben, denen wir
zutrauen das Musiktheater ein gut Stück neu zu erfinden“ - so Intendantin Regula
Gerber.
Das
musikalische Repertoire ist vielfältig. Einen herausragenden Platz nehmen im
Mannheimer Spielplan die Opern von Richard Wagner ein. Wagner gehört zu dem
Lieblingskomponisten der Mannheimer. Nicht zuletzt an der oben beschriebenen
„Parsifal“-Inszenierung wird deutlich, dass sich das Nationaltheater der Mannheimer
Tradition einer lebendigen und verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit den
Werken Wagners, sowohl musikalisch als auch szenisch, verpflichtet fühlt. In
der Tat wäre ohne die Wagnerpflege die Oper im Nationaltheater nicht möglich.
Aber
nicht nur Wagner wird am Mannheimer Theater groß geschrieben. Auch
nichtdeutschen Opern kommt große Bedeutung zu. Insbesondere Italien als
Stammland der Oper hat einen besonderen Anteil am Repertoire. Dazu Regula
Gerber: „Die Oper ist ein europäisches Kulturgut“. Als erfolgreichste
Inszenierung einer italienischen Oper am Nationaltheater kann immer noch „La
Boheme“ in der Regie von Friedrich Meyer-Oertel gelten. Auch hier haben wir es
mit einer beeindruckenden und werkgerechten Sichtweise in ästhetisch schönen Bildern
zu tun. Alles ist so, wie es sich der unvoreingenommene Zuschauer vorstellt.
Die Ortsangaben des Textbuches werden minutiös befolgt, nichts wird verfremdet.
Das tut gut. Besonders gut gelungen sind das regelmäßig Szenenapplaus
provozierende Bild des zweiten sowie das des dritten Aktes.
Das
Nationaltheater wird von manchen verächtlich als „Fabrik“ abgetan. Dieser
Vorwurf wird von der Theaterleitung indes überzeugend zurückgewiesen. Er sei
rein äußerlicher Natur und beziehe sich auf die stattliche Menge an Repertoire
und Neuproduktionen. „Wir beweisen jeden Abend die sehr genaue handwerkliche
und künstlerische Arbeit. Theater - auch in Mannheim - fertigt Unikate und
keine Massenproduktion“.
Nicht
nur durch seinen reichhaltigen Spielplan, auch durch sein Sängerensemble macht
Mannheim nachhaltig auf sich aufmerksam. Am Nationaltheater hat schon so manche
große Sängerlaufbahn ihren Anfang genommen. Da wären in erster Linie Deborah
Polaski, Waltraud Meier, Gabriele Schnaut, Luana de Vol, Diana Damrau, Jean Cox
und Franz Mazura und ganz aktuell Susan McLean, die nächstes Jahr die Kundry in
Bayreuth singen wird, Thomas Jesatko als ständiger Gast in Bayreuth, Michail
Agafonov und Cornelia Ptassek zu nennen. Dass das Nationaltheater gleichsam ein
Sprungbrett für große Sängerkarrieren ist, wird von der Theaterleitung
bekräftigt: „Immer wieder gelingt es uns, bei Sängern das Potential zu
erkennen, das sie dann in dem reichen Mannheimer Repertoire ausbilden und
pflegen können. Vor allem werden sie durch die vielfältigen Anforderungen
bestens für eine große Karriere vorbereitet“. Andererseits sollen die oft
hochkarätigen Sänger so lange wie möglich am Haus gehalten werden. Zur
Mannheimer Ensemblepolitik gehört es, immer wieder neue Gesangssolisten für die
breit gefächerten Anforderungen zu entdecken und zu entwickeln.
Auch
das Schauspiel braucht sich nicht zu verstecken. Mit Friedrich Schiller steht
das Nationaltheater ebenfalls in einer Tradition. In Mannheim sind immerhin
Schillers „Räuber“ uraufgeführt worden. Alle zwei Jahre veranstaltet das
Theater die Internationalen Schiller-Tage. Zur Konzeption dieser auch über die
Grenzen Mannheims hinaus bekannten Veranstaltung Schauspieldirektor Burkhard C.
Kosminski: „Die Schillertage sind ein thematisches Festival, das sich
ausschließlich dem dramatischen und kulturphilosophischen Erbe Friedrich
Schillers widmet. Mit ihrem Umfang sind die Schiller-Tage weltweit eines der
größten Festivals dieser Art. Das Festival gibt uns die Möglichkeit, nationale
und internationale Künstler in Mannheim zu präsentieren, die sonst nicht hier
arbeiten. Das ist für uns Theaterleute auch als künstlerischer Austausch
wichtig und anregend“. Schiller war der erste Hausautor am Nationaltheater und
diese Tatsache befördert bis heute das Hausautorenprogramm des Schauspiels und
der Freunde und Förderer des Nationaltheaters. Da bei den Schillertagen sehr
viele neue Arbeiten entstehen und entwickelt werden, ist Schiller daher bis
heute sozusagen geistiger Hausautor des Nationaltheaters geblieben. Seine
Stücke haben auf dem Mannheimer Spielplan einen besonderen Platz.
Neben
Schiller fühlt sich das Mannheimer Schauspiel aber auch anderen Dramatikern besonders
verpflichtet. Im Zentrum des Spielplans steht die deutsche Klassik. Der andere
Schwerpunkt ist das zeitgenössische Autorentheater, Stücke von Albert
Ostermaier, Christoph Nußbaumeder und Reto Finger. Jan Neumann, Gesine
Danckwart und Theresia Walser wurden in Mannheim uraufgeführt. Einige dieser
Autoren schreiben auch weiterhin Texte für das Nationaltheater. Es gibt jedes
Jahr einen Hausautor, jetzt Ulrike Syha, und mehrere Stückaufträge an Autoren.
„Die Pflege zeitgenössischer Autoren, und damit beziehen wir uns auch auf die
Tradition der ‚Schillerbühne’, ist neben dem klassischen Repertoire unser
Anliegen und Profil“, betont Schauspieldirektor Kosminski. Weiterhin stellt er
fest: „Man hat den Eindruck, dass das Mannheimer Publikum seine Klassiker liebt
und gleichzeitig sehr neugierig auf zeitgenössische Autoren ist. Und den einen
oder anderen von ihnen hat es fast schon ins Herz geschlossen“.
Für
die Zukunft strebt die Theaterleitung an, das Profil der unterschiedlichen
Sparten weiter zu schärfen und die überregionale Bedeutung des Hauses
nachhaltig zu festigen. Aus den oben dargestellten konzeptionellen Linien
ergibt sich der Spielplan der nächsten Jahre. Höchstspannende Projekte in allen
Sparten werden in Aussicht gestellt. So beginnt die Oper beispielsweise in den
nächsten Jahren mit einer Neuproduktion von Wagners „Ring“ unter der Leitung
des neuen GMD Dan Ettinger.
Ludwig Steinbach
MAXIMILLIAN SCHMITT
20.03.
Der
gefeierte Mozart-Tenor, David und Amadis Maximillian Schmitt empfahl sich als
Liedinterpret von Weltrang im Großen Haus des Nationaltheaters. Ganz im Dienste
der Musik setzte der junge, bereits vielgefragte Tenor Maßstäbe! Bei ihm
stimmte nicht nur jeder Ton, wurde nicht nur jedes Wort auf das Genaueste
durchleuchtet, auch Timbre und Artikulation bildeten geradezu atemberaubend,
völlig uneitel ein Gesamtkunstwerk von hohem Rang. Zur interpretatorischen
Qualität des „Liederkreis op. 24“ von Robert Schumann gesellten sich Kleinodien
von Clara Schumann u.a. „Loreley“, vorgetragen in harmonischer Innigkeit. Ein
Meister des Begleitfaches assistierte dem hoffnungsvollen Sänger und zwar der
vorzügliche Pianist Gerold Huber, bei ihm scheint das Klavier wahrhaft ein
Orchester zu ersetzen, geprägt von ungewöhnlicher Musikalität, technischer
Vollkommenheit und bester Einfühlung durchdringt Huber die vielschichtigen
Partituren. Unzählige Male erlebte ich Schumanns „Dichterliebe“, doch durch Schmitts
Erzählweise, erhielten diese melancholischen Stimmungen, völlig neue
Dimensionen. Der ausgezeichnete Sänger verstand es mit seinem herrlich warmen
Timbre und den sicheren, klangvollen Höhen zu fesseln, fassungslos und gebannt
lauschte man dem wundervollen Gesang. Dem symphatischen Künstler dürfte die
Welt offen stehen und man wird ihn nur schwerlich am NT halten können. Ein
verständiges kleines Publikum von „200“ Besuchern feierte das grandiose Duo mit
begeisterter Euphorie und wurde mit drei Schumann-Zugaben belohnt. Alle welche
fern blieben, bestraft das Schicksal!
So
hoffentlich auch die Intendanz, deren Unvermögen diesem Ereignis einen würdigen
Rahmen in intimer Atmosphäre zu verleihen kläglich scheiterte, wurde zudem noch mit der dämlichen Aussage „wir hatten mit
noch weniger Besuchern gerechnet, bitte rücken Sie nach vorne auf“ gekrönt. Das
Opernhaus hatte ja eh (am Samstag, wie so oft) geschlossen, somit verlegte man
in Einfallslosigkeit den Liederabend einfach hierher. Ja, das ist unsere
NT-Führung wie sie leibt und lebt! Bravo – weiter so.
Gerhard
Hoffmann
ROBERTO
DEVEREUX
A-Premiere 30.1. – B-Premiere 4.2.
Mit Roberto Devereux hat das Nationaltheater seinen konzertanten Zyklus der
Tudor-Vertonungen von Gaetano Donizetti abgeschlossen und präsentierte wiederum eine
Aufführung von repräsentativem Niveau. Im Mittelpunkt und viel umjubelt stand
die glutvolle, leidenschaftliche Interpretation der Elisabetta durch Liudmila
Slepneva, deren Bühnenpräsenz mit ausgeprägter Mimik und Gestik alle Facetten
der liebenden, verlassenen, rächenden und einsamen Regentin so glaubhaft
darstellte, dass man auf jede inszenatorische „Fehldeutung“ gerne verzichtet,
sobald diese großartige Gestalterin die
imaginäre Szene betritt. Ihr formbewußt, ebenmäßig geführter, wohltimbrierter
Sopran besticht gleichwohl in der dramatischen Attacke, wie in der lyrischen
Tongebung. Vortrefflich wurde die Sängerin dem belcantesken Anspruch dieser
anspruchsvollen Rolle gerecht und bestach mit silbernem Höhenglanz auch ohne
die (ungeschriebenen) Raketen mancher Kollegin.
Mehr im lyrischen Ton, brav und
bieder versuchte sich Marina Ivanova an
dieser Partie, sang mehr auf Sicherheit und konnte damit wenig beeindrucken.
Marie-Belle Sandis (Sara) punktete mit ihrem frischen, agilen, schlank
geführten Mezzo immens und überzeugte mit bewegender Darstellung zur
stimmlichen Brillanz. Wuchtig und weniger flexibel in den Koloraturen, erlebte
man das dunkle, satte Organ von Monika Bohinec und die junge Sängerin empfahl
sich als vielversprechende Verdi-Interpretin.
Der Estländer Juhan Tralla überraschte mit vorteilhaft metallisch
klingender Mittellage, sein Tenor klang sehr gefestigt und wandlungsfähig, den
Höhen fehlt noch der Strahlglanz sowie innere Beteiligung und mehr darstellerische
Emphase hätte man diesem Roberto schon gewünscht. Davon könnte auch Mikhail
Agafonov profitieren, vokal setzt er mit seinem heldisch, strahlkräftigen Tenor
auf Attacke und ließ die lyrischen, warmen Töne des Titelhelden gänzlich
vermissen. Thomas Berau (Nottingham) enttäuschte mich mit seinem rau klingenden
Bariton, die Stimme gewann zwar im Laufe der Jahre an Volumen, jedoch zu Lasten
der Schönheit und Ausstrahlung. Jaco Venter hingegen zeichnete ein stimmiges
Rollenporträt, dieses zwischen Eifersucht und Vergebung tendierenden
Charakters. Schönstimmig fügten sich Mikhail Mihaylov, Radu Cojocariu (Sir
Raleigh), Christoph Wittmann, David Lee(Lord Cecil), Martin Busen, Johannes
Wimmer (Vertrauter) und Avtandil Merebashvili, Slawomir Czarnecki (Page) ins Ensemble. Sicher, klangvoll
und bestens geführt setzte sich der NT-Chor (Tilman Michael) in Szene. In
Präzision musizierte das NT-Orchester, vermittelte ein strukturiertes, musikalisch
gut ausbalanciertes Klangbild unter der Leitung von Alexander Kalajdzic, leider
geriet der zweite Abend weniger spannend und dynamisch wohl auf Rücksichtnahme
der Solisten. Mit herzlicher Zustimmung feierte das Publikum die Protagonisten
des ersten Abends, hielt sich in der
B-Premiere jedoch merklich zurück.
Gerhard Hoffmann
MACBETH
Außer Spesen, nix gewesen
21.5.09
Bevor ich den szenischen Flop kommentiere, möchte ich die
musikalischen Interpretationen würdigen. Alexander Kalajdzic wäre ein idealer
Verdi-Dirigent würde er das stark im Forte auftrumpfende Nationaltheater
Orchester etwas dämpfen.
Ausgezeichnet läßt Kalajdzic Spannungsbögen, akzentuierte
Gegensätze der Partitur mit dem vorzüglich und bestens disponierten
Klangapparat erklingen, die Musik in moderaten Tempi fließen. Ohne Pathos, in
schlanker Transparenz, mit stets wachem Blick zur Bühne dürfen seine Solisten
atmen und liefert ein differenziertes, instrumentales Gesamtbild.
Mit Aplomb
stürzt sich Galina Shesterneva ins
dramatische Geschehen, hält stets die Balance zwischen spontaner Emotion und
kultiviertem Schöngesang, widerlegt die „Aussage“ eine Lady dürfe mit einer
Stimme jenseits des Zenits gesungen werden. Kalkuliert setzt die ausgezeichnete
Sopranistin ihre präsenzreiche Mittellage, die wohlklingenden Höhen, bestens
und unforciert ein.
Als Star des Abends
wurde der chinesische Bass Liang Li (Banco)
gefeiert, der junge Sänger überzeugte in herrlicher Legatokultur, hoher
Musikalität, makelloser Schönheit des voluminösen Organs. In engagiertem
Einsatz interpretierte Jaco Venter den Macbeth, sein Bariton verfügt nach
meinem Geschmack nicht über den balsamischen Wohlklang, doch versteht es der
Sänger sein kerniges Material wohldosiert mit schönen Phrasierungen und bestem
Durchhaltevermögen einzusetzen. Charles Reid (Macduff) überrascht mit höhensicherem, jedoch gestemmtem Tenor.
Unspektakulär fügten sich die Stimmen von Katrin Wagner (Kammerfrau), David Lee
(Malcolm), Johannes Wimmer (Arzt),
Martin Busen (Mörder) in die
Handlung. Dynamisch im opulenten, homogenen Gesamtsklang des Nationaltheater
Chores dominierten vortrefflich die Damen als Hexen. Freundlicher Applaus ohne
Euphorie für die musikalische Interpretation.
Inszenierende Intendanten sind und
waren, bis auf sehr wenige Ausnahmen, schon immer ein zweischneidiges Schwert.
Nun versuchte sich die Chefin hier am Hause zum zweiten Mal und scheiterte
kläglich mit einem Buhsturm belohnt. Regula Gerber wollte lediglich auf der
Welle modernem Regietheater mitsurfen, reihte sich bei den Dilettanten ein,
piekte sich hier und da unbrauchbare Ideen, für ihr absolut sinnloses Konzept
heraus. Bodenakrobatik, statuarische
Hilflosigkeit und Bewegung per Drehbühne kennzeichnen diese blutleere
Produktion.
Bei den einfallslosen Kostümen (Sabine Blickersdorfer)) dominieren Trenchcoats und schäbige
Unterwäsche für die Hexen. Als positiver Lichtblick sei die Bühnenausstattung
(Sandra Meurer) zu vermerken: der
Boden, ein erhöhtes Dreieck erhält im Hintergrund der Rückwand seine versetzte
Fortsetzung in farblich abgestimmten
Grüntönen. Per Drehbühne und besten Lichteffekte
(Bernhard Häusermann) erhielt das
Ganze eine markante Optik. In mancher konzertanten Aufführung erlebte ich mehr
pannungsreiche „Action“ und bedingt
durch die künstlich erzeugte „ungepflegte“ Langeweile, versagte ich mir trotz
interessanter Doppelbesetzungen, den Besuch der B-Premiere.
Fazit: Mannheims Intendantin sollte Regie künftig wirklichen Könnern überlassen
und sich mehr ihrer Position widmen. In vier Jahren Amtszeit der Dame erlebte
das noch vor Jahren größte Repertoiretheater der Republik einen Niedergang
ohnegleichen. Die Häuser der Region haben das NT längst überholt und selbst Heidelberg
befindet sich längst in den Startlöchern. Fehlplanungen, ein Operndirektor mit
Nebenjobs, Berater ohne Profil und Ideen, schwindende Zuschauer, Vorstellungen
mit 400 Besuchern, selbst bei „Tristan und Isolde“ sind keine Seltenheit,
Schließungen an monatlich 5-6 Tagen auch am Samstag, lassen das Schlimmste
befürchten. Der harte Kern der Mannheimer Opernfans orientiert sich immer
öfters auswärts. Gleichgültige und desinteressierte Kulturbanausen im Rathaus
verlängern Verträge mit Nominierungen bis 2013!
Mannheim Quo Vadis ???
Gerhard Hoffmann
MARIA STUARDA
A-Premiere 10.01. + B-Premiere 14.01.
Nach Anna Bolena setzte das Nationaltheater Mannheim seine Aufführungen der Tudor-Vertonungen von Gaetano Donizetti fort und Roberto
Devereux wird die Trilogie in der nächsten Spielzeit abschließen. Man
wählte wieder die konzertante Fassung und das war gut so. In bester
darstellerischer Präsenz lieferten die Damen ihre höchst
eindrucksvollen Duelle und es bedurfte keiner verfremdenden Regie. In
formvollendeter Attitüde bestach Ludmila Slepneva in stilvoll,
passender Edelrobe als unglückliche Maria Stuarda und bestätigte sich
zudem mit diesem Rollendebüt als vokale Belcanto-Königin. Ihre
vorzügliche Technik gestattet es, sich voll auf die Modellierung
musikalischer Phrasen mit schier endlosem Atem zu konzentrieren.
Herrlich erstrahlt ihr Sopran im Silber-Timbre und in subtilen
Stimmungen und traumhaften Piani, gestaltet sie dieses Frauenschicksal.
Marina Ivanova bleibt der Partie jegliche dramatische Emphase schuldig,
singt fast traumverloren in lyrischer Tongebung und hatte leichte
Höhenprobleme. Konträr die beiden Gegenpole in der Rolle der
Elisabetta: agil, frisch und selbstbewusst führt Marie-Belle Sandis
ihren schlanken und hellen Mezzo ins Gefecht und verleiht mit Mimik und
Gestik der ersten Elisabetta höchst gewichtige Präsenz. Brillant setzt
Andrea Szánto in vokaler und darstellerischer
Leidenschaft prägnante Akzente und prunkt mit dramatischen Höhen und
klangvollen unteren Registern. Soviel Damen-Power stehen die Herren der
Schöpfung recht konventionell gegenüber. Juhan Tralla (Roberto
Leicester) überzeugte zunächst mit kraftvollen, tenoralen Tönen, doch
klangen die Höhen nasal und eng. Mit dem schönen Timbre seines tiefen
Baritons überzeugte Radu Cojocariu in der Rolle des Talbot,
währenddessen Ulrich Schneider die Partie raukehliger intonierte.
Schönstimmig und mühelos gab Markus Butter mit seinem strömenden
Bass-Bariton dem Cecil Profil und ebenso souverän erklang die Stimme
von Thomas Berau. Aufhorchen ließ jedoch mit herrlichen Mezzotönen
Anne-Theresa Albrecht (Anna Kennedy). In bester Klangfülle agierte wieder der Chor (Tilman Michael). Spektakulär
zum hohen Vokal-Niveau gesellte sich das orchestrale Gesamtbild. Wann
zuvor hörte man das Orchester des nationaltheaters so leicht, spritzig
und klangvoll musizieren? Tito Ceccherini war der Magier der dies
vermochte, den bestens disponierten Klangkörper mit leichter Hand zu führen und in effektvoller Vituosität und atemberaubenden Tempi aufspielen zu lassen. Berechtigter Jubel für zwei genussreiche Aufführungen.
Gerhard Hoffmann
ELEKTRA
– am 14.12.
Schon
mehrmals durfte ich der Elektra von JANICE BAIRD beiwohnen, umso
faszinierender jedoch war es die Künstlerin beim FESTLICHEN OPERNABEND
im Nationaltheater zu erleben. Die Stimme gewann im Laufe der letzten
Jahre an Farbenreichtum und Volumen, die Höhen klingen glanzvoll und
ohne Schärfen. Mit Virtuosität und Brillanz portraitierte Frau Baird
die rachsüchtige Heroine und entspricht mit ihrer schlanken Gestalt in
keiner Form diesem Typus. In atemberaubender Akkuratesse und
schlafwandlerischer Sicherheit führt sie ihren erstklassigen Sopran
durch eine wahre „ Tour de Force „ von der satten Tiefe des üppigen
Mezzo bis in die traumhaften Spitzentöne und rührt zudem noch mit
innigen und lyrischen Passagen (Duett mit Orest). Im Vergleich mit den
gegenwärtigen Vertreterinnen ihres Faches, dürfte Janice Baird mit
dieser unübertrefflichen Interpretation unangefochten die Weltspitze
darstellen. In bester vokaler Verfassung verblüffte LUDMILA SLEPNEVA
mit einer grandiosen Chrysothemis (sang sie noch am Abend zuvor während
eines Gastspiels die Salome). Mit ihrem silbrig schimmernden und auch
zu dramatischen Ausbrüchen fähigen Sopran rückt sie die Figur, auch
durch intensive Gestaltung ins Rollen-Ideal. Ohne Stock und ohne den
üblichen Kopfputz präsentierte AGNES BALTSA eine gestisch imponierende
Klytämnestra und peppte die bereits betagten Sandkasten-Spiele von Ruth
Berghaus im intensiven Zusammenspiel mit Janice Baird mächtig auf. Im
Vokalen klang die Stimme merkwürdig piepsig und ihre Artikulation war
schauerlich, doch zollte ein tolerantes Publikum dem prominenten Namen,
die höfliche Würdigung. Mit farblich warmem Timbre versah KARSTEN MEWES
seinen in allen Lagen ausgewogen und abgerundeten und bestens geführten
Bariton, den mitfühlenden und rächenden Orest. In eigenwilliger
Intonation wie immer WOLFGANG NEUMANN als Aegisth. Schönstimmig und
ausgezeichnet im Gesamtklang die Damen ANNA-THERESA ALBRECHT, MARTINA
BORST, HEIKE WESSELS, CORNELIA PTASSEK, IRIS KUPKE, HANNAH ZITZMANN,
SUSANNE SCHEFFEL, SABINE VINKE als Mägde, Aufseherin und „das Gewürm“
sowie die Herren UWE EIKÖTTER (junger Diener), JOHANNES WIMMER (alter
Diener) und RADU COJOCARIU (Pfleger). Mit Vehemenz leitete DONALD
RUNNICLES das NATIONALTHEATER ORCHESTER, steigerte sich in die
unsagbare Leidenschaft des Werkes, ließ mit dem vorzüglich
musizierenden Klangkörper pompös auftrumpfen, entlockte der Partitur
bei aller Lautstärke, dennoch schillernde und wohlklingende Farben und
erwies zudem als hervorragender Sänger-Begleiter. Mit Ovationen
feierten die Besucher des zu zwei Drittel besetzten Hauses die Gäste
und das Ensemble. Peinliches am Ende: die überreichten und armseligen
Kreationen aus einem Gärtnerei-Fundus (?) reichten nicht für alle und
wurde mit Häme vom belustigten Publikum registriert. Gerhard Hoffmann
IL TRITTICO
Die
Verschiedenartigkeit menschlichen Daseins mag Puccini zum Nebeneinander
dieser verschiedenartig stilisierten Einakter bewogen haben. Angesichts
der emotionalen Schwebezustände verbleibt die Musik meist in
untermalender Haltung und verweilt in unverwechselbarer
Puccini-Harmonik, was der gewünschten evidenza della situazione zugute
kommt. Die Bühneneinsicht bleibt in allen drei Stücken waagrecht
geteilt, also geradlinig zweigeschossig. So wird den sparsam gehaltenen
Auftritten im Obergeschoss besondere Wirkung verliehen.
DER
MANTEL/IL TABARRO. Veristisches Hafenmilieu, dunkel in Dunkel, spärlich
einbeleuchtet. Stehlen in Angst .. Hab acht vor der Peitsche .. Senke
den Kopf, krümme den Rücken!, all solches lakonisch geäußert. Sehnsucht
nach Landleben dazwischen, wo der Schatten einer Pinie auf die Haustüre
fällt. Das Orchester malt Wellenwogen mit zarten Tropfenpunkten. Die
Armutsidylle wandelt sich aber in ein schwelendes Dreiecksdrama mit
schließlicher Bluttat. Sie ereignet sich auf der oberen Bühne,
Feierabende und wohnliche Szenen dagegen unten. – Der Titel leitet sich
her von der elegischen Erinnerung des betrogenen Michele an die ehemals
glücklichen Stunden seiner Ehe, in denen er Frau und Kind mit seinem
Schiffermantel wohlig bedeckt und behütet hat.
SCHWESTER
ANGELIKA/SUOR ANGELICA. Blendende Helligkeit. Alltag in einem
Nonnenkloster. Die weißgekleidete Schwesternschaft verharrt in
andächtiger Proskynese bei klagendem Orchesterklang. In Abwesenheit der
Oberin werden Wünsche nach schlichten Genüssen laut: Lämmer blöken
hören. Saftige Früchte schmecken. Überraschender Besuch für Angelica:
Eine starre Dame in Schwarz und Gelb, unnahbare Verwandte, teilt mit:
Angelica sei enterbt, weil sie Schande über die fürstliche Familie
gebracht habe. Ihr Kind? Das Kind sei vor zwei Jahren gestorben. ¬ Auf
diese Nachricht hin verliert Angelica ihren letzten Lebenswillen. Bei
der Einnahme eines Gifttranks ertönt aus dem Orchestergraben ein
bloßes, trockenes Klappern. Ihr letzter Gesang ist eine Elegie an ihr
Kind, das ihr in einer Vision entgegentritt, zärtlich und bewegend.
Puccini verordnet dazu zarteste Instrumentierung. – Unsere moderne
Aversion gegen Sentiment, vermutlich falsche Schamhaftigkeit, darf sich
hinterfragen.
GIANNI
SCHICCHI. Familienbankett auf heller Bühne mit Nachmittagsoutfit an
einer lebhaften Schar von Chargen. Diese karikieren ihre Gestalten
eigentlich nur maßvoll (mit Ausnahme der infantil cholerischen „Tante
Zita“), werden aber jeweils von einem einzigen Ziel umgetrieben. Wir
befinden uns in einer wahren Commedia dell´arte, wo menschliche
Schwächen und individuelle Merkwürdigkeiten sich lustig und hurtig
verschränken. Es wird gestorben und geboren und getrunken und dauernd
Klo und Aufzug verwechselt. – Das Testament des Verstorbenen enttäuscht
ungeheuer, und mit Hilfe eines Notars und des nunmehr „sterbenden“
Gianni wird ein anderes erstellt. Nun sitzen die Verwandten wie in
einer Schulstube, mimen Haltung und wollen doch mit verschiedenerlei
Gestikulieren Giannis Blick auf sich ziehen, der aber vor allem sich
selbst bedenkt. Während dieser Szene steht die junge Lauretta oberhalb
und orakelt versonnen mit den gefiederten Sämchen einer Pusteblume.
Zuvor hatte sie die Belcantoarie des Abends von sich gegeben – mit
freudig gebreiteten Armen und gespreitetem Jäckchen: als Liebende die
einzige normal gebliebene Person neben und über den köstlichen
Turbulenzen. Ein schmelzendes Terzett leitet über zu einem heiter
zufriedenen Unisono – wie als ein weiser Abschied Puccinis von diesem
Erdendasein. Comoedia mundi. Dank Texten und Regie (Gabriele Rech) war
der Abend als Schauspiel so bedeutend wie als Opernwerk. Die so
verschiedenen Lebenssphären verwiesen aufeinander in dezenten aber
klaren Einsätzen. Sowohl in Tabarro wie auch in Angelica symbolisiert
ein Bettelsammelsack das dürftige Dasein. In beiden quert ein
Leierkastenmann, der prophetisch ein Skelettchen zur Schau stellt, für
wenige Momente die Oberbühne, denn in beiden wird ein verstorbenes Kind
betrauert. Demgegenüber wird dieser Raum zum Schluss von der freudigen
Lauretta eingenommen. Zu Beginn hatte sie mit Rinuccio als noch
scheues, stummes Paar den Hintergrund in Tabarro ein wenig belebt, im
gleichen grünen Kleidchen.
Die
makellose, zügige Stabführung (A. Kalajdzic) war sich mit den
kompetenten Sängermimen darin einig, besondere Selbstgefälligkeit zu
meiden. Das Zusammenwirken intereuropäischer Künstler hat hier eine
interessante, ausgereifte Frucht erbracht. (Immerhin: Das „Inferno“ auf
den eröffnenden Vorhängen wirkt da reisserisch, trotz oder gerade wegen
der Namensausleihe Schicchi bei Dante.)
Ein
kathartischer Abend in schlichter Linienführung und ganz ohne Zynismen.
Er bewirkte Erschütterung, dann wahre Rührung, dann schäumende
Heiterkeit. Das Haus war besetzt bis auf den letzten Platz. Mannheimer
gelten als theaterfreudig. Der Beifall war stark. Hilde Bergner