Startseite Aktuelles
Kontrapunkt
Künstlerportrait
Das Interview
DVD Sterne Tipp
CD Sterne Tipp
OF Sterne-Tipps ****
OF Warnungen ####
----
Aachen
Amsterdam
Altenburg
Baden Baden
Basel
Berlin KO
Berlin Konzerte
Berlin Staatsoper
Berlin DO
Berlin Ballett
Bielefeld
Bonn
Bratislava
Braunschweig
Bregenz
Brüssel
Bremen
Budapest
Bukarest
Chemnitz
Chicago
Coburg
Darmstadt
Dessau
Detmold
Duisburg DOR
Duisburg Phil
Düsseldorf DOR
Düsseldorf Studio/DO
Düsseldorf DOR WA
Düsseldorf Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf SH
Dortmund
Dortmund Ballett
Dresden
Eindhoven
Eutin
Erl
Essen Oper
Essen Philharmonie
Erfurt
Frankfurt
Frankfurt Sonstige
Genf
Gelsenkirchen
Gera
Giessen
Göttingen
Heidelberg
Hagen
Hamburg
Hamm
Hannover
Hof
Innsbruck
(Bad) Ischl
Kaiserslautern
Kassel
Karlsruhe
Kiel
Kirchstetten,Schloss
Klosterneuburg
Kissingen (Bad)
Koblenz
Köln aktuell
Köln
Köln Philharmomnie
Krefeld
Krefeld Schauspiel
Linz
Leipzig
Liège
London
Lübeck
Lübeck Musik-Hs
Lüneburg
Maastricht
Madrid
Mailand Scala
Mainz
Mannheim
Meiningen
Möchengladbach
München Kaleidoskop
München NT
München GP
München PR
Münster
Mulhouse
New York
Nizza
Nürnberg
Osnabrück
Paris Garnier
Paris Opera Bastille
Pforzheim
Plauen
Plön
Potsdam
Prag
Rendsburg
Saarbrücken
Salzburg
Schwerin
Stralsund
Strasbourg
Stuttgart
Tel Aviv
Ternitz
Ulm
Valencia
Weimar
STOP aktuell
Wien STOP
Wien TadW
Wien VOP
Wien Ballett
Wien Konzerte
Wien KammerOp
Wien Sonstiges
Wien Burgenland
Wiesbaden
Wuppertal
Wuppertal Schauspiel
Würzburg
Zagreb
Zürich
-----
Ballett Tipp
Ballett
Musical
Konzert
DVD
DVD Collections
DVD Wagner RING
Neue CDs
CD Collections
SACD
Bücher Tipp
Bücher
In Memoriam
Jubiläum
Unsitten
Humor
Impressum
Neue Seite

Nationaltheater Mannheim
Mozartstr. 9
68161 Mannnheim
Tel. 0621 1680 0


Theaterkasse
Vorverkauf am Goetheplatz
Di bis Fr:11.00-18.00 Uhr
Mo und Sa:11.00-13.00 Uhr

   TURANDOT

A-08. + B-Premiere 11.05.10

                                                                                                                                                     

 Die Turandot von Giacomo Puccini sang Caroline Whisnant  mit ihrem mehr kindlich als jugendlich klingenden Spintosopran in lyrischer Tongebung und versah die eiskalte Rächerin  mit weichen Vokalismen ohne Höhenschärfen. Dramatischer wirkte Galina Shesterneva,  ihr klangvoller, bestens geführter Sopran besticht in allen Lagen, gleichwohl paart sie ihr charakteristisches Timbre mit der gut fokussierten Mittellage und den klaren oberen Regionen. Nach ihrer fulminanten Tosca (Aalto Essen) überzeugte die Künstlerin als ausgezeichnete Puccini-Interpretin.  Michail Agafonov (Calaf) konnte mich trotz metallischer Stentortönen wenig beeindrucken, sein heldisch fundierter Tenor klang in den mittleren Bereichen brüchig und wirkte in der Intonation sehr eigenwillig. In welchem Schnäppchenmarkt für Tenöre man allerdings Marian Talaba erstand, wird wohl das Geheimnis der Operndirektion bleiben. Beifallsstürme entfesselte Cornelia Ptassek  und verstand es vorzüglich ihr immenses Sopranpotenzial zu zügeln, schenkte der Liu beseelte, anrührende, wundervoll aufblühende Töne. Marina Ivanova konnte in dieser Form wenig punkten, ihrem Sopran fehlte die Durchschlagskraft und so gestaltete sie die unglückliche Sklavin mit mehr vokal lyrischen, verhaltenen Mitteln. In noble, helle Basstöne hüllte Frank van Hove den Timur, währenddessen Rúni Brattaberg dem entthronten Tataren mehr stimmgewaltige Autorität entgegen setzte. Über Video und Lautsprecher erklangen unheilverkündend die Stimmen von Jaco Venter/Karsten Mewes (Mandarin). Ausgezeichnet pointiert und klanglich bestens aufeinander abgestimmt vernahm man die glatzköpfigen Minister Ping (Lars Moller/Boris Grappe),  Pong (Charles Reid/Uwe Eikötter), Pang (David Lee/Christoph Wittmann), solide baten die Mädchen-Soli (Sibylle Vogel/Susanne Niederkorn/Susanne Hoffmann) in Einhalt um Ruhe, im blauen Schlafanzug mit Strohhut und Sonnenbrille, wie es sich für einen Kaiser gehört, agierte Mario Brell als Altoum, Wayne Hobbs gab dem Persischen Prinzen, völlig hüllenlos das Stimmchen und  überflüssig geisterten Statisteninnen stumm als verblichene Lo-u-Ling durch die Szene. Individuelles Profil verliehen den Aufführungen der Opern-Kinder- und Extrachor des NT (Anke-Christine Kober/Tilmann Michael) welche an Homogenität und Klangschönheit keinen Wunsch offen ließen. GMD Dan Ettinger entfesselte mit dem expansiv musizierenden Orchester des NT Klangorgien von elementarer Wucht, die gewaltigen Einsätze von Blech und Pauken ließen das Haus erbeben und dennoch verstand es der gestisch unermüdliche, junge Maestro entgegen aller Phoneruptionen, der Partitur die lyrischen, herrlichen „chinesischen“ Kontraste zu entlocken und man vernahm zarte Instrumentationen voll Süße und Wohlklang. Lauthals wurden Ettinger und sein Orchester bejubelt und leistungsgerecht feierte man die Solisten. Immer mehr entlarvt sich das moderne Regietheater  selbst, Dilettanten ergehen sich in den Ideen der Anderen, sie copieren ungeniert, die ewigen Requisiten Koffer, Nackte wiederholen sich fortwährend und langweilen allmählich. In Vorankündigung wollte Regula Gerber die Seelenzustände der Protagonisten optisch nach außen kehren, doch verweilten die hehren Ideen mehr im Kopf der Regie,  äußerten sich in Bodenakrobatik auf Knien oder bäuchlings gerobbt, belanglosen Aktionen an der Rampe in alltagstauglicher Kostümierung (Dorothee Scheiffarth) der Solisten: im Häkellook Liu, Turandot in weißer Spitze, die Herren in Straßenkombi, doch der Chor fiel mit seinen Science-fiction-Creationen voll aus dem Rahmen, von China jedoch keine Spur! Die  Bühnenausstattung (Sandra Meurer) mit ihren kalten Metallkonstruktionen und dem dazwischen mobilen Spiegelteleskop verlieh dem Ganzen eine kühle, distanzierte Ästhetik. Jede Menge Statisten übervölkerten die Bühne und wohl deshalb wurde der Finalchor in die Logen des hell erleuchteten  Zuschauerraums platziert? Am zweiten Abend blieb das Licht aus. Gelassen fast ohne Buh´s  nahm das Auditorium die neue Produktion der Intendantin hin und man resümierte hernach, sie vermag weder noch…

Gerhard Hoffmann



MEISTERSINGER VON NÜRNBERG

13. 5. 2010

Tradition oder Neues? - Für viele Mannheimer Opernfreunde war das Jahr 2000 ein schwarzes Jahr. Trotz starken Protestes wurde die alte, konventionelle, sehr schöne und beim Publikum ungemein beliebte, bereits 1967 entstandene Inszenierung Paul Hagers von Wagners „Meistersinger“ abgesetzt. Gegenüber dieser geradezu legendären Produktion musste es jede Neudeutung schwer haben. Dennoch hat es den Anschein, dass die im Jahre  2008 entstandene, zuerst heftig umstrittene Neuinszenierung des Werkes inzwischen von einem Großteil des Mannheimer Auditoriums akzeptiert worden ist. Die Aufführung am Himmelfahrtstag erfreute sich jedenfalls großen Applauses. Die Sichtweise von Regisseur Jens-Daniel Herzog und seinem Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt mutete recht interessant an. Sie verlegen die Handlung in ein Museum, in dem zahlreiche Erinnerungsstücke an die beliebte Hager-Inszenierung ausgestellt werden, so z. B. Sachsens Festtagsgewand, dem die Museumsbesucher zu Beginn ihre Ehrerbietung erweisen, Beckmessers Laute und der Singstuhl. Vielfältig wird mit den Elementen der alten Produktion gespielt. Wer diese nicht - mehr - kannte, dem konnte sich der tiefere Sinn von Herzogs Interpretation nur schwer erschließen. Gnadenlos rief das Regieteam den alten Streit um die Absetzung der Hager -Deutung wach. Die damaligen gegensätzlichen Fronten „Meistersinger müssen bleiben“ der Zuschauer und „Meistersinger müssen weg“ der Intendanz Schwab wurden auf Spruchbänder geschrieben. Auf der vor einem herrlichen Prospekt von Alt-Nürnberg spielenden Festwiese, die hier vor allem der Bewältigung der Blessuren der Johannisnacht-Prügelei dient, kamen fast ausschließlich die aus der Vorgänger-Inszenierung stammenden Kostüme von Gerda Schulte zum Einsatz. Nur Sachs, den Herzog als Restaurator des Museums darstellt und der nur zur Abwechslung mal Schuhe klopft, die er aus einer Vitrine holt, trug einen weißen Arbeitskittel, was ihn unter all den konservativen Kostümen der Schlussszene als Fremdkörper erscheinen ließ. Die Überlegungen des Regieteams sind offenkundig. Sollen alte, beliebte Produktionen musealisiert und unter Denkmalschutz gestellt werden oder soll mit neuen Regieansätzen aufgewartet werden? Allgemein ausgedrückt: Wahrung von Tradition oder Schaffung von Neuem? Die Antwort des Regisseurs auf diese Frage ist eindeutig: Er modernisiert radikal. Die Legitimation dafür liefert ihm Wagner selbst, der seinen Anhängern befahl: „Kinder schafft Neues“. Auch dieser Ausspruch wurde dem Publikum auf einem Spruchband vor Augen geführt. Dass im Alten oft der Wurm steckt, wurde am Ende auf heitere Art und Weise verdeutlicht: Die überkommenen Kostüme sind offensichtlich von Flöhen verseucht. Bis auf Sachs, dem in zwei Glasvitrinen von den Problemen seiner Zeit abgeschirmten Liebespaar sowie dem zu Unrecht den Traditionalisten zugerechneten Stadtschreiber erleiden sämtliche Beteiligte heftige Juckanfälle, Wie wild beginnen sie sich beim Schlusschor zu kratzen. Bereits vorher hat sich Beckmesser seine altmodischen Oberkleider vom Leib gerissen. Deutlich wird: Er verweigert sich jeder traditionellen Kunstsicht, auch der, die durch Stolzing in Nürnberg Eingang gefunden hat und plädiert in Unterhosen für die Moderne, wird damit zum Helden - ein Ansatzpunkt, der stark an Katharina Wagners Bayreuther Interpretation erinnert. Auch die Zeichnung der Personen kann als gelungen bezeichnet werden. Die Meistersinger erschienen im ersten Aufzug als Trupp von Polizisten. Heiterkeit erregte insbesondere die Figur des Stolzing, der von Herzog als überaus flegelhafter, in schwarzes Leder gekleideter, dem Alkohol frönender Rocker mit langen Haaren und Sonnenbrille dargestellt wurde. Gutes Benehmen hat er augenscheinlich nicht gelernt. Im dritten Aufzug musste er sich aufgrund eines ausgewachsenen Katers mehrmals übergeben. Sachs’ Kommentar dazu „Das nenn ich mir einen Abgesang“ passte dazu wie die Faust aufs Auge.

Am Pult tat Friedemann Layer Dienst nach Vorschrift. Seine Auslegung der Wagnerschen Partitur geriet alles andere als interessant, war insgesamt ziemlich distanziert, rational und wenig gefühlvoll. Bereits der Beginn wirkte etwas belanglos. Von klanglicher Raffinesse war an diesem Abend wenig zu spüren. Thomas Jesatko war als Sachs mehr der feinsinnige Poet als der grobschlächtige Schuster. Augenscheinlich hatte er mit einer Erkältung zu kämpfen. Nachdem er über zwei Aufzüge dennoch passabel gesungen hatte, forderte die Indisposition im dritten Aufzug ihren Tribut. Mehrmals musste er hoch liegende Phrasen um eine Oktave nach unten transponieren. Aber Sänger sind ja auch nur Menschen. Prächtig entwickelt hat sich seit der Premiere der Beckmesser von Thomas Berau. Der Sänger hat seinen Bariton hervorragend in den Körper bekommen, was zu einer Verstärkung des Stimmvolumens und mehr Klangschönheit führte. Indes hatte er mit einigen Unsicherheiten textlicher und musikalischer Art zu kämpfen. Insbesondere in der Schusterstube des dritten Aufzuges kam es zu bösen Ausfällen. Dafür hatte er ein sicheres hohes ‚a’. Seine Darstellung des jungen, adretten Stadtschreibers war sehr glaubhaft. Mit prächtigem, gut focussiertem Heldentenor gab Istvan Kovacshazi einen stimmstarken Stolzing, den er auch köstlich spielte. Von diesem jungen Sänger kann man in Zukunft noch viel erwarten. Nur sein U-Vokal klang ziemlich vergrübelt. Wunderbares Sopranmaterial brachte Cornelia Ptassek für die Eva mit. Insgesamt sitzt ihre Stimme gut. Nur bei den Stellen, wo sie unvermittelt vom Forte ins Piano wechseln musste, verlor ihr Sopran an Körperstütze. Mit solidem Mezzosopran sang Anne-Theresa Albrecht die Magdalena. Dem Pogner verlieh Runi Brattaberg mit volltönendem, sonorem Bass große Autorität. Stimmlich prägnant präsentierte sich der Kothner von Vladimir Baykov. Ziemlich dünnes Tenormaterial brachte Maximilian Schmitt in die Partie des David ein. Als Nachtwächter bewährte sich Johannes Wimmer. Die kleinen Meister, bei denen sich Positiva und Negativa die Waage hielten, waren mit Christoph Wittmann, Boris Grappe, Ulfried Haselsteiner, Oskar Pürgstaller, Jörn Lindemann, Winfried Knoll, Johannes Wimmer und Martin Busen besetzt. Auf hohem Niveau bewegte sich der Chor.

Ludwig Steinbach 



CARMEN


15. 4. 2010, Rückblende - Zu einem Erlebnis geriet die Aufführung von Bizets „Carmen“ am Nationaltheater Mannheim. Schon das Bühnenbild von Sandra Meurer war eindrucksvoll. Es wird von einem zweistöckigen Gebäude eingenommen, das sowohl Kaserne als auch Zigarettenfabrik und Schmugglerschenke ist. Eine praktikable Lösung. Überzeugend war das Grundkonzept von Regisseurin Gabriele Rech. In Anlehnung an Prosper Merimees Novelle erzählt sie die Handlung als Rückblende. Das Geschehen spielt sich in der Erinnerung des zum Tode verurteilten Don Jose ab, der nach der Ermordung Carmens im Gefängnishof auf seine Hinrichtung wartet. Diese Sichtweise ermöglicht der Regisseurin ein tiefgehendes Psychogramm Joses. Genau wie Carmen ist der Brigadier ein Außenseiter, der nicht weiß, wo er hingehört. Folgende Szene ist bezeichnend: Genau in dem Augenblick, in dem sich Jose zum ersten Mal zu der Zigeunerin hingezogen fühlt, steigt ein sehr biedermeierlich anmutender, weiß-stilisierter Raum aus dem Boden auf, in dem Micaela sitzt. Damit wird Joses Heimat, seine Vergangenheit beschworen, von der er sich allerdings abgewendet hat. Aber auch in dem von heftigem Drill geprägten Soldatenleben bleibt er ein Fremdkörper. Sowohl er als auch Carmen scheitern schließlich an sich selbst - er an seiner ständigen Eifersucht, sie an ihrem Absolutheitsanspruch.

Auf hohem Niveau bewegten sich die Sänger der Hauptpartien. Monica Bohinec kann man getrost als ideale Carmen bezeichnen. Sie ist genau der richtige Typ für diese Rolle, die sie darstellerisch mit einem gehörigen Schuss Erotik versah. Auch gesanglich konnte sie mit ihrem üppig klingenden Mezzosopran voll überzeugen. Für den Don Jose brachte Istvan Kovacshazi einen kräftigen dramatischen Tenor mit, den er geradlinig und nuancenreich einzusetzen wusste. Thomas Berau war ein schauspielerisch sehr charismatischer, gut aussehender Escamillo, dem er mit seinem gut gestützten, angenehm timbrierten Bariton auch gesanglich ein beachtliches Profil verlieh. Über wunderbares Stimmmaterial verfügt Iris Kupke, die mit gefühlvollem, sauber dahinfließendem Sopran eine anrührende Micaela sang. Einen schönen, gut sitzenden Bariton brachte Nikola Diskic für den Morales mit. Demgegenüber fielen die weiteren Gesangssolisten ab. Radu Cojocariu kam als Zuniga über eine solide Leistung nicht hinaus. Hanna Zitzmann und Anne-Theresa Albrecht fehlte es insbesondere in der Höhe noch etwas an Tiefgründigkeit. Für den Dancairo und den Remendado brachten Boris Grappe und Uwe Eikötter recht flache Stimmen mit.

Der eigentliche Star des Abends aber hieß Dan Ettinger und stand am Pult. Selten hat man Bizets Werk so feurig und voll von dramatischer Wucht gehört. An manchen Stellen, wie z. B. bei der vom Dirigenten äußerst rasant genommenen Torero-Quadrilla des Vorspiels und des vierten Aktes sowie dem tempomäßig immer mehr gesteigerten Zigeunertanz des zweiten Aktes verschlug es einem fast den Atem. Ettinger entfesselte mit dem seinen Angaben präzise folgenden Orchester in oft sehr schnellen Tempi einen ungemein stürmischen Rausch der Leidenschaften, wie man ihn nur selten erlebt. Der von ihm und den Musikern gewobene Klangteppich war von erregender Rasanz. gleichzeitig aber auch gefühlvoll und immer mit einem Höchstmaß an Intensität versehen. Das war wahrlich eines der besten „Carmen“ - Dirigate, die ich je erlebt habe. Mit seiner grandiosen Leistung trat Ettinger geradezu das Erbe von Carlos Kleiber an. Von diesem begabten jungen Dirigenten, der seit dieser Saison die Stelle des GMD am Nationaltheater Mannheim innehat und der größten Orchester würdig ist, kann man in Zukunft noch viel erwarten.

Ludwig Steinbach

 


NICHT NUR WAGNER UND SCHILLER

DAS NATIONALTHEATER MANNHEIM ZEIGT SICH VIELSEITIG

Es ist Karfreitag 2009. Intendantin Regula Gerber ist zufrieden. Eben ging im Nationaltheater die Aufführung von Wagners „Parsifal“ in der Regie von Hans Schüler und dem Bühnenbild von Paul Walter zu Ende. Auch diesmal hat die inzwischen 52 Jahre alte, aber immer noch sehr sehenswerte Inszenierung ihre Wirkung bei dem zahlreich erschienenen Publikum nicht verfehlt. „Eine wunderbare Aufführung, die uns alle überleben wird“, denkt die Intendantin. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, diese altgediente Produktion abzusetzen. Und das ist gut so, denn dieser „Parsifal“ hat für die Mannheimer Oper eine große Bedeutung. Jährlich pilgern am Karfreitag Wagner-Liebhaber aus ganz Deutschland, ja aus der ganzen Welt nach Mannheim, um sich an dieser wunderbaren Aufführung zu erfreuen. An ihr stimmt einfach alles. Man muss sich nicht über irgendein fragwürdiges Regiekonzept aufregen, sondern kann sich zurücklehnen und genießen. Regisseur und Bühnenbildner nehmen Wagner beim Wort, erzählen die Handlung um den reinen Toren geradlinig, unverfälscht und ohne Schnörkel. Der Bayreuther Meister hätte seine helle Freude daran gehabt. Schülers Deutung weist viele Anklänge an die Bayreuther „Parsifal“-Regie von Wieland Wagner auf. Da ist zuerst die scheibenförmige, in der Mitte zu einem kleinen Hügel ansteigende Spielfläche. Auch die Entrümpelung der Bühne - es gibt bei Schüler nur wenige Requisiten - gemahnt an Wieland Wagner, ebenso die Darstellung der Grals-Bilder. Herrlich mutet der zweite Aufzug mit seiner umwerfend choreographierten Blumenmädchenszene an. Das ist alles sehr ästhetisch anzusehen, ein echter Genuss für das Auge.

Mit seinen 350.000 Besuchern pro Jahr hat das Mannheimer Nationaltheater, eines der größten Fünfspartentheater in Deutschland, eine Auslastung, von der manch anderes großes Haus nur träumen kann. Es hat eine große Tradition, Schiller, Mozart und Wagner haben hier gewirkt. Es ist auch historisch das einzige Haus, das dem Gedanken des Nationaltheaters entsprechend die Entdeckung des Dramas in deutscher Sprache konsequent betrieben hat und durch eine starke Förderung von Uraufführungen heute noch unterstützt. Somit wundert es nicht, dass die Mannheimer ihr Nationaltheater lieben und es regelmäßig besuchen. Das zeigt sich bereits an den Umsatzerlösen. Allein aus dem Kartenverkauf fließen ca. 5,3 Mio Euro in die Kasse. Genau diese Summe muss pro Saison erwirtschaftet werden, um den Spielbetrieb auf hohem Niveau aufrecht zu erhalten. Zählt man sonstige Einnahmen und Erträge dazu, kommt man sogar auf ca. 6,3 Mio Euro - eine stolze Zahl, durch die die große Theaterliebe der Mannheimer nur allzu offenkundig wird. Aber nicht nur aus Mannheimern rekrutiert sich das Publikum. So mancher Theaterfreund reist von weit her an, um eine Aufführung zu sehen. Das Nationaltheater tut ja auch genügend, um nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Es verfügt über einen sehr rührigen Besucherring, der das Umland bereist und auch außerhalb von Mannheim Theaterfahrten mit Bussen organisiert. Dazu kommen vielfältige Marketingaktivitäten und die erfreulich starke überregionale Resonanz in Print- und Audiomedien.

Besonders gefielen in den letzten Spielzeiten die Neuproduktionen von „Medee“ und „La Traviata“ in der Regie von Achim Freyer oder der von Günter Krämer im Rahmen des Mannheimer Mozartsommers in Szene gesetzte „Lucio Silla. Während Krämers Arbeiten eher konventionell anmuten, sind Freyers Sichtweisen mehr dem bunten Zirkusambiente verpflichtet. So unterschiedlich diese beiden Regisseure sind, überzeugen konnten beide. Ebenfalls zu empfehlen ist Johann Christian Bachs „Amadis des Gaules“ in der gefälligen Regie von Nicolas Brieger - eine Aufführung, mit der die Mannheimer Oper jüngst einen ganz großen Erfolg für sich verbuchen konnte.

Auch auf die zeitgenössische Oper wird am Nationaltheater großer Wert gelegt. Mit Salvatore Sciarrinos Oper „La porta della legge“ stand Ende letzter Saison ein ganz neues Werk auf  dem Opernspielplan. Diese Spielzeit soll Bernhard Langs „Montezuma - Fallender Adler“ in Mannheim uraufgeführt werden. „Ein Spielplan ohne Perspektive in eine mögliche Zukunft des Genres Oper verpasst auch deren Gegenwart und erklärt sie zur abgelebten Geschichte. Wir sind sehr neugierig auf unsere Zukunft, deshalb haben wir für die nächsten Jahre Opernaufträge an wichtige Komponisten vergeben, denen wir zutrauen das Musiktheater ein gut Stück neu zu erfinden“ - so Intendantin Regula Gerber.

Das musikalische Repertoire ist vielfältig. Einen herausragenden Platz nehmen im Mannheimer Spielplan die Opern von Richard Wagner ein. Wagner gehört zu dem Lieblingskomponisten der Mannheimer. Nicht zuletzt an der oben beschriebenen „Parsifal“-Inszenierung wird deutlich, dass sich das Nationaltheater der Mannheimer Tradition einer lebendigen und verantwortungsvollen Auseinandersetzung mit den Werken Wagners, sowohl musikalisch als auch szenisch, verpflichtet fühlt. In der Tat wäre ohne die Wagnerpflege die Oper im Nationaltheater nicht möglich.

Aber nicht nur Wagner wird am Mannheimer Theater groß geschrieben. Auch nichtdeutschen Opern kommt große Bedeutung zu. Insbesondere Italien als Stammland der Oper hat einen besonderen Anteil am Repertoire. Dazu Regula Gerber: „Die Oper ist ein europäisches Kulturgut“. Als erfolgreichste Inszenierung einer italienischen Oper am Nationaltheater kann immer noch „La Boheme“ in der Regie von Friedrich Meyer-Oertel gelten. Auch hier haben wir es mit einer beeindruckenden und werkgerechten Sichtweise in ästhetisch schönen Bildern zu tun. Alles ist so, wie es sich der unvoreingenommene Zuschauer vorstellt. Die Ortsangaben des Textbuches werden minutiös befolgt, nichts wird verfremdet. Das tut gut. Besonders gut gelungen sind das regelmäßig Szenenapplaus provozierende Bild des zweiten sowie das des dritten Aktes.

Das Nationaltheater wird von manchen verächtlich als „Fabrik“ abgetan. Dieser Vorwurf wird von der Theaterleitung indes überzeugend zurückgewiesen. Er sei rein äußerlicher Natur und beziehe sich auf die stattliche Menge an Repertoire und Neuproduktionen. „Wir beweisen jeden Abend die sehr genaue handwerkliche und künstlerische Arbeit. Theater - auch in Mannheim - fertigt Unikate und keine Massenproduktion“.

Nicht nur durch seinen reichhaltigen Spielplan, auch durch sein Sängerensemble macht Mannheim nachhaltig auf sich aufmerksam. Am Nationaltheater hat schon so manche große Sängerlaufbahn ihren Anfang genommen. Da wären in erster Linie Deborah Polaski, Waltraud Meier, Gabriele Schnaut, Luana de Vol, Diana Damrau, Jean Cox und Franz Mazura und ganz aktuell Susan McLean, die nächstes Jahr die Kundry in Bayreuth singen wird, Thomas Jesatko als ständiger Gast in Bayreuth, Michail Agafonov und Cornelia Ptassek zu nennen. Dass das Nationaltheater gleichsam ein Sprungbrett für große Sängerkarrieren ist, wird von der Theaterleitung bekräftigt: „Immer wieder gelingt es uns, bei Sängern das Potential zu erkennen, das sie dann in dem reichen Mannheimer Repertoire ausbilden und pflegen können. Vor allem werden sie durch die vielfältigen Anforderungen bestens für eine große Karriere vorbereitet“. Andererseits sollen die oft hochkarätigen Sänger so lange wie möglich am Haus gehalten werden. Zur Mannheimer Ensemblepolitik gehört es, immer wieder neue Gesangssolisten für die breit gefächerten Anforderungen zu entdecken und zu entwickeln.

Auch das Schauspiel braucht sich nicht zu verstecken. Mit Friedrich Schiller steht das Nationaltheater ebenfalls in einer Tradition. In Mannheim sind immerhin Schillers „Räuber“ uraufgeführt worden. Alle zwei Jahre veranstaltet das Theater die Internationalen Schiller-Tage. Zur Konzeption dieser auch über die Grenzen Mannheims hinaus bekannten Veranstaltung Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski: „Die Schillertage sind ein thematisches Festival, das sich ausschließlich dem dramatischen und kulturphilosophischen Erbe Friedrich Schillers widmet. Mit ihrem Umfang sind die Schiller-Tage weltweit eines der größten Festivals dieser Art. Das Festival gibt uns die Möglichkeit, nationale und internationale Künstler in Mannheim zu präsentieren, die sonst nicht hier arbeiten. Das ist für uns Theaterleute auch als künstlerischer Austausch wichtig und anregend“. Schiller war der erste Hausautor am Nationaltheater und diese Tatsache befördert bis heute das Hausautorenprogramm des Schauspiels und der Freunde und Förderer des Nationaltheaters. Da bei den Schillertagen sehr viele neue Arbeiten entstehen und entwickelt werden, ist Schiller daher bis heute sozusagen geistiger Hausautor des Nationaltheaters geblieben. Seine Stücke haben auf dem Mannheimer Spielplan einen besonderen Platz.

Neben Schiller fühlt sich das Mannheimer Schauspiel aber auch anderen Dramatikern besonders verpflichtet. Im Zentrum des Spielplans steht die deutsche Klassik. Der andere Schwerpunkt ist das zeitgenössische Autorentheater, Stücke von Albert Ostermaier, Christoph Nußbaumeder und Reto Finger. Jan Neumann, Gesine Danckwart und Theresia Walser wurden in Mannheim uraufgeführt. Einige dieser Autoren schreiben auch weiterhin Texte für das Nationaltheater. Es gibt jedes Jahr einen Hausautor, jetzt Ulrike Syha, und mehrere Stückaufträge an Autoren. „Die Pflege zeitgenössischer Autoren, und damit beziehen wir uns auch auf die Tradition der ‚Schillerbühne’, ist neben dem klassischen Repertoire unser Anliegen und Profil“, betont Schauspieldirektor Kosminski. Weiterhin stellt er fest: „Man hat den Eindruck, dass das Mannheimer Publikum seine Klassiker liebt und gleichzeitig sehr neugierig auf zeitgenössische Autoren ist. Und den einen oder anderen von ihnen hat es fast schon ins Herz geschlossen“.

Für die Zukunft strebt die Theaterleitung an, das Profil der unterschiedlichen Sparten weiter zu schärfen und die überregionale Bedeutung des Hauses nachhaltig zu festigen. Aus den oben dargestellten konzeptionellen Linien ergibt sich der Spielplan der nächsten Jahre. Höchstspannende Projekte in allen Sparten werden in Aussicht gestellt. So beginnt die Oper beispielsweise in den nächsten Jahren mit einer Neuproduktion von Wagners „Ring“ unter der Leitung des neuen GMD Dan Ettinger.

Ludwig Steinbach


MAXIMILLIAN SCHMITT 

20.03.

Der gefeierte Mozart-Tenor, David und Amadis Maximillian Schmitt empfahl sich als Liedinterpret von Weltrang im Großen Haus des Nationaltheaters. Ganz im Dienste der Musik setzte der junge, bereits vielgefragte Tenor Maßstäbe! Bei ihm stimmte nicht nur jeder Ton, wurde nicht nur jedes Wort auf das Genaueste durchleuchtet, auch Timbre und Artikulation bildeten geradezu atemberaubend, völlig uneitel ein Gesamtkunstwerk von hohem Rang. Zur interpretatorischen Qualität des „Liederkreis op. 24“ von Robert Schumann gesellten sich Kleinodien von Clara Schumann u.a. „Loreley“, vorgetragen in harmonischer Innigkeit. Ein Meister des Begleitfaches assistierte dem hoffnungsvollen Sänger und zwar der vorzügliche Pianist Gerold Huber, bei ihm scheint das Klavier wahrhaft ein Orchester zu ersetzen, geprägt von ungewöhnlicher Musikalität, technischer Vollkommenheit und bester Einfühlung durchdringt Huber die vielschichtigen Partituren. Unzählige Male erlebte ich Schumanns  „Dichterliebe“, doch durch Schmitts Erzählweise, erhielten diese melancholischen Stimmungen, völlig neue Dimensionen. Der ausgezeichnete Sänger verstand es mit seinem herrlich warmen Timbre und den sicheren, klangvollen Höhen zu fesseln, fassungslos und gebannt lauschte man dem wundervollen Gesang. Dem symphatischen Künstler dürfte die Welt offen stehen und man wird ihn nur schwerlich am NT halten können. Ein verständiges kleines Publikum von „200“ Besuchern feierte das grandiose Duo mit begeisterter Euphorie und wurde mit drei Schumann-Zugaben belohnt. Alle welche fern blieben, bestraft das Schicksal!

So hoffentlich auch die Intendanz, deren Unvermögen diesem Ereignis einen würdigen Rahmen in intimer Atmosphäre zu verleihen kläglich scheiterte, wurde zudem  noch mit der dämlichen Aussage „wir hatten mit noch weniger Besuchern gerechnet, bitte rücken Sie nach vorne auf“ gekrönt. Das Opernhaus hatte ja eh (am Samstag, wie so oft) geschlossen, somit verlegte man in Einfallslosigkeit den Liederabend einfach hierher. Ja, das ist unsere NT-Führung wie sie leibt und lebt! Bravo – weiter so.

Gerhard Hoffmann

ROBERTO DEVEREUX

A-Premiere 30.1. – B-Premiere 4.2.

Mit Roberto Devereux hat das Nationaltheater  seinen konzertanten Zyklus der Tudor-Vertonungen von Gaetano Donizetti  abgeschlossen und präsentierte wiederum eine Aufführung von repräsentativem Niveau. Im Mittelpunkt und viel umjubelt stand die glutvolle, leidenschaftliche Interpretation der Elisabetta durch Liudmila Slepneva, deren Bühnenpräsenz mit ausgeprägter Mimik und Gestik alle Facetten der liebenden, verlassenen, rächenden und einsamen Regentin so glaubhaft darstellte, dass man auf jede inszenatorische „Fehldeutung“ gerne verzichtet, sobald diese großartige Gestalterin  die imaginäre Szene betritt. Ihr formbewußt, ebenmäßig geführter, wohltimbrierter Sopran besticht gleichwohl in der dramatischen Attacke, wie in der lyrischen Tongebung. Vortrefflich wurde die Sängerin dem belcantesken Anspruch dieser anspruchsvollen Rolle gerecht und bestach mit silbernem Höhenglanz auch ohne die (ungeschriebenen) Raketen mancher Kollegin.

Mehr im lyrischen Ton, brav und bieder versuchte sich Marina Ivanova  an dieser Partie, sang mehr auf Sicherheit und konnte damit wenig beeindrucken. Marie-Belle Sandis (Sara) punktete mit ihrem frischen, agilen, schlank geführten Mezzo immens und überzeugte mit bewegender Darstellung zur stimmlichen Brillanz. Wuchtig und weniger flexibel in den Koloraturen, erlebte man das dunkle, satte Organ von Monika Bohinec und die junge Sängerin empfahl sich als vielversprechende Verdi-Interpretin.  Der Estländer Juhan Tralla überraschte mit vorteilhaft metallisch klingender Mittellage, sein Tenor klang sehr gefestigt und wandlungsfähig, den Höhen fehlt noch der Strahlglanz sowie innere Beteiligung und mehr darstellerische Emphase hätte man diesem Roberto schon gewünscht. Davon könnte auch Mikhail Agafonov profitieren, vokal setzt er mit seinem heldisch, strahlkräftigen Tenor auf Attacke und ließ die lyrischen, warmen Töne des Titelhelden gänzlich vermissen. Thomas Berau (Nottingham) enttäuschte mich mit seinem rau klingenden Bariton, die Stimme gewann zwar im Laufe der Jahre an Volumen, jedoch zu Lasten der Schönheit und Ausstrahlung. Jaco Venter hingegen zeichnete ein stimmiges Rollenporträt, dieses zwischen Eifersucht und Vergebung tendierenden Charakters. Schönstimmig fügten sich Mikhail Mihaylov, Radu Cojocariu (Sir Raleigh), Christoph Wittmann, David Lee(Lord Cecil), Martin Busen, Johannes Wimmer (Vertrauter) und Avtandil Merebashvili, Slawomir Czarnecki (Page) ins Ensemble. Sicher, klangvoll und bestens geführt setzte sich der NT-Chor (Tilman Michael) in Szene. In Präzision musizierte das NT-Orchester,  vermittelte ein strukturiertes, musikalisch gut ausbalanciertes Klangbild unter der Leitung von Alexander Kalajdzic, leider geriet der zweite Abend weniger spannend und dynamisch wohl auf Rücksichtnahme der Solisten. Mit herzlicher Zustimmung feierte das Publikum die Protagonisten des ersten Abends,  hielt sich in der B-Premiere jedoch merklich zurück.

Gerhard Hoffmann


MACBETH

Außer Spesen, nix gewesen

21.5.09

Bevor ich den szenischen Flop kommentiere, möchte ich die musikalischen Interpretationen würdigen. Alexander Kalajdzic wäre ein idealer Verdi-Dirigent würde er das stark im Forte auftrumpfende Nationaltheater Orchester etwas dämpfen.

Ausgezeichnet läßt  Kalajdzic Spannungsbögen, akzentuierte Gegensätze der Partitur mit dem vorzüglich und bestens disponierten Klangapparat erklingen, die Musik in moderaten Tempi fließen. Ohne Pathos, in schlanker Transparenz, mit stets wachem Blick zur Bühne dürfen seine Solisten atmen und liefert ein differenziertes, instrumentales Gesamtbild.

Mit Aplomb stürzt sich Galina Shesterneva  ins dramatische Geschehen, hält stets die Balance zwischen spontaner Emotion und kultiviertem Schöngesang, widerlegt die „Aussage“ eine Lady dürfe mit einer Stimme jenseits des Zenits gesungen werden. Kalkuliert setzt die ausgezeichnete Sopranistin ihre präsenzreiche Mittellage, die wohlklingenden Höhen, bestens und unforciert ein.  

Als Star des Abends wurde der chinesische Bass Liang Li (Banco) gefeiert, der junge Sänger überzeugte in herrlicher Legatokultur, hoher Musikalität, makelloser Schönheit des voluminösen Organs. In engagiertem Einsatz interpretierte Jaco Venter den Macbeth, sein Bariton verfügt nach meinem Geschmack nicht über den balsamischen Wohlklang, doch versteht es der Sänger sein kerniges Material wohldosiert  mit schönen Phrasierungen und bestem Durchhaltevermögen einzusetzen. Charles Reid (Macduff) überrascht mit höhensicherem, jedoch gestemmtem Tenor. Unspektakulär fügten sich die Stimmen von Katrin Wagner (Kammerfrau), David Lee (Malcolm), Johannes Wimmer (Arzt), Martin Busen (Mörder) in die Handlung. Dynamisch im opulenten, homogenen Gesamtsklang des Nationaltheater Chores dominierten vortrefflich die Damen als Hexen. Freundlicher Applaus ohne Euphorie für die musikalische Interpretation.

Inszenierende Intendanten sind und waren, bis auf sehr wenige Ausnahmen, schon immer ein zweischneidiges Schwert. Nun versuchte sich die Chefin hier am Hause zum zweiten Mal und scheiterte kläglich mit einem Buhsturm belohnt. Regula Gerber wollte lediglich auf der Welle modernem Regietheater mitsurfen, reihte sich bei den Dilettanten ein, piekte sich hier und da unbrauchbare Ideen, für ihr absolut sinnloses Konzept heraus.  Bodenakrobatik, statuarische Hilflosigkeit und Bewegung per Drehbühne kennzeichnen diese blutleere Produktion.

Bei den einfallslosen Kostümen (Sabine Blickersdorfer)) dominieren Trenchcoats und schäbige Unterwäsche für die Hexen. Als positiver Lichtblick sei die Bühnenausstattung (Sandra Meurer) zu vermerken: der Boden, ein erhöhtes Dreieck erhält im Hintergrund der Rückwand seine versetzte Fortsetzung in farblich abgestimmten

 Grüntönen. Per Drehbühne und besten Lichteffekte (Bernhard Häusermann) erhielt das Ganze eine markante Optik. In mancher konzertanten Aufführung erlebte ich mehr pannungsreiche „Action“ und  bedingt durch die künstlich erzeugte „ungepflegte“ Langeweile, versagte ich mir trotz interessanter Doppelbesetzungen, den Besuch der B-Premiere.

Fazit: Mannheims Intendantin sollte  Regie künftig wirklichen Könnern überlassen und sich mehr ihrer Position widmen. In vier Jahren Amtszeit der Dame erlebte das noch vor Jahren größte Repertoiretheater der Republik einen Niedergang ohnegleichen. Die Häuser der Region haben das NT längst überholt und selbst Heidelberg befindet sich längst in den Startlöchern. Fehlplanungen, ein Operndirektor mit Nebenjobs, Berater ohne Profil und Ideen, schwindende Zuschauer, Vorstellungen mit 400 Besuchern, selbst bei „Tristan und Isolde“ sind keine Seltenheit, Schließungen an monatlich 5-6 Tagen auch am Samstag, lassen das Schlimmste befürchten. Der harte Kern der Mannheimer Opernfans orientiert sich immer öfters auswärts. Gleichgültige und desinteressierte Kulturbanausen im Rathaus verlängern Verträge mit Nominierungen bis 2013!

Mannheim Quo Vadis ???

Gerhard Hoffmann

 


MARIA STUARDA

A-Premiere 10.01. + B-Premiere 14.01.

Nach Anna Bolena setzte das Nationaltheater Mannheim seine Aufführungen der Tudor-Vertonungen von Gaetano Donizetti fort und  Roberto Devereux wird die Trilogie in der nächsten Spielzeit abschließen. Man wählte wieder die konzertante Fassung und das war gut so. In bester darstellerischer Präsenz lieferten die Damen ihre höchst eindrucksvollen Duelle und es bedurfte keiner verfremdenden Regie. In formvollendeter Attitüde bestach Ludmila Slepneva in stilvoll, passender Edelrobe als unglückliche Maria Stuarda und bestätigte sich zudem mit diesem Rollendebüt als vokale Belcanto-Königin. Ihre vorzügliche Technik gestattet es, sich voll auf die Modellierung musikalischer Phrasen mit schier endlosem Atem zu konzentrieren. Herrlich erstrahlt ihr Sopran im Silber-Timbre und in subtilen Stimmungen und traumhaften Piani, gestaltet sie dieses Frauenschicksal. Marina Ivanova bleibt der Partie jegliche dramatische Emphase schuldig, singt fast traumverloren in lyrischer Tongebung und hatte leichte Höhenprobleme. Konträr die beiden Gegenpole in der Rolle der Elisabetta: agil, frisch und selbstbewusst führt Marie-Belle Sandis ihren schlanken und hellen Mezzo ins Gefecht und verleiht mit Mimik und Gestik der ersten Elisabetta höchst gewichtige Präsenz. Brillant setzt Andrea Szánto in vokaler und darstellerischer Leidenschaft prägnante Akzente und prunkt mit dramatischen Höhen und klangvollen unteren Registern. Soviel Damen-Power stehen die Herren der Schöpfung recht konventionell gegenüber. Juhan Tralla (Roberto Leicester) überzeugte zunächst mit kraftvollen, tenoralen Tönen, doch klangen die Höhen nasal und eng. Mit dem schönen Timbre seines tiefen Baritons überzeugte Radu Cojocariu in der Rolle des Talbot, währenddessen Ulrich Schneider die Partie raukehliger intonierte. Schönstimmig und mühelos gab Markus Butter mit seinem strömenden Bass-Bariton dem Cecil Profil und ebenso souverän erklang die Stimme von Thomas Berau. Aufhorchen ließ jedoch mit herrlichen Mezzotönen Anne-Theresa Albrecht (Anna Kennedy). In bester Klangfülle agierte  wieder der Chor (Tilman Michael). Spektakulär zum hohen Vokal-Niveau gesellte sich das orchestrale Gesamtbild. Wann zuvor hörte man das Orchester des nationaltheaters so leicht, spritzig und klangvoll musizieren? Tito Ceccherini war der Magier der dies vermochte, den bestens disponierten  Klangkörper mit leichter Hand zu führen und in effektvoller Vituosität und  atemberaubenden Tempi aufspielen zu lassen. Berechtigter Jubel für zwei genussreiche Aufführungen.

Gerhard Hoffmann

 

 

ELEKTRA

– am 14.12.

  Schon mehrmals durfte ich der Elektra von JANICE BAIRD beiwohnen, umso faszinierender jedoch war es die Künstlerin beim FESTLICHEN OPERNABEND im Nationaltheater zu erleben. Die Stimme gewann im Laufe der letzten Jahre an Farbenreichtum und Volumen, die Höhen klingen glanzvoll und ohne Schärfen. Mit Virtuosität und Brillanz portraitierte Frau Baird die rachsüchtige Heroine und entspricht mit ihrer schlanken Gestalt in keiner Form diesem Typus. In atemberaubender Akkuratesse und schlafwandlerischer Sicherheit führt sie ihren erstklassigen Sopran durch eine wahre „ Tour de Force „ von der satten Tiefe des üppigen Mezzo bis in die traumhaften Spitzentöne und rührt zudem noch mit innigen und lyrischen Passagen (Duett mit Orest). Im Vergleich mit den gegenwärtigen Vertreterinnen ihres Faches, dürfte Janice Baird mit dieser unübertrefflichen Interpretation unangefochten die Weltspitze darstellen. In bester vokaler Verfassung verblüffte LUDMILA SLEPNEVA mit einer grandiosen Chrysothemis (sang sie noch am Abend zuvor während eines Gastspiels die Salome). Mit ihrem silbrig schimmernden und auch zu dramatischen Ausbrüchen fähigen Sopran rückt sie die Figur, auch durch intensive Gestaltung ins Rollen-Ideal. Ohne Stock und ohne den üblichen Kopfputz präsentierte AGNES BALTSA eine gestisch imponierende Klytämnestra und peppte die bereits betagten Sandkasten-Spiele von Ruth Berghaus im intensiven Zusammenspiel mit Janice Baird mächtig auf. Im Vokalen klang die Stimme merkwürdig piepsig und ihre Artikulation war schauerlich, doch zollte ein tolerantes Publikum dem prominenten Namen, die höfliche Würdigung. Mit farblich warmem Timbre versah KARSTEN MEWES seinen in allen Lagen ausgewogen und abgerundeten und bestens geführten Bariton, den mitfühlenden und rächenden Orest. In eigenwilliger Intonation wie immer WOLFGANG NEUMANN als Aegisth. Schönstimmig und ausgezeichnet im Gesamtklang die Damen ANNA-THERESA ALBRECHT, MARTINA BORST, HEIKE WESSELS, CORNELIA PTASSEK, IRIS KUPKE, HANNAH ZITZMANN, SUSANNE SCHEFFEL, SABINE VINKE als Mägde, Aufseherin und „das Gewürm“ sowie die Herren UWE EIKÖTTER (junger Diener), JOHANNES WIMMER (alter Diener) und RADU COJOCARIU (Pfleger). Mit Vehemenz leitete DONALD RUNNICLES das NATIONALTHEATER ORCHESTER, steigerte sich in die unsagbare Leidenschaft des Werkes, ließ mit dem vorzüglich musizierenden Klangkörper pompös auftrumpfen, entlockte der Partitur bei aller Lautstärke, dennoch schillernde und wohlklingende Farben und erwies zudem als hervorragender Sänger-Begleiter. Mit Ovationen feierten die Besucher des zu zwei Drittel besetzten Hauses die Gäste und das Ensemble. Peinliches am Ende: die überreichten und armseligen Kreationen aus einem Gärtnerei-Fundus (?) reichten nicht für alle und wurde mit Häme vom belustigten Publikum registriert.       Gerhard Hoffmann

 

 

 IL TRITTICO

  Die Verschiedenartigkeit menschlichen Daseins mag Puccini zum Nebeneinander dieser verschiedenartig stilisierten Einakter bewogen haben. Angesichts der emotionalen Schwebezustände verbleibt die Musik meist in untermalender Haltung und verweilt in unverwechselbarer Puccini-Harmonik, was der gewünschten evidenza della situazione zugute kommt. Die Bühneneinsicht bleibt in allen drei Stücken waagrecht geteilt, also geradlinig zweigeschossig. So wird den sparsam gehaltenen Auftritten im Obergeschoss besondere Wirkung verliehen.

DER MANTEL/IL TABARRO. Veristisches Hafenmilieu, dunkel in Dunkel, spärlich einbeleuchtet. Stehlen in Angst .. Hab acht vor der Peitsche .. Senke den Kopf, krümme den Rücken!, all solches lakonisch geäußert. Sehnsucht nach Landleben dazwischen, wo der Schatten einer Pinie auf die Haustüre fällt. Das Orchester malt Wellenwogen mit zarten Tropfenpunkten. Die Armutsidylle wandelt sich aber in ein schwelendes Dreiecksdrama mit schließlicher Bluttat. Sie ereignet sich auf der oberen Bühne, Feierabende und wohnliche Szenen dagegen unten. – Der Titel leitet sich her von der elegischen Erinnerung des betrogenen Michele an die ehemals glücklichen Stunden seiner Ehe, in denen er Frau und Kind mit seinem Schiffermantel wohlig bedeckt und behütet hat.

SCHWESTER ANGELIKA/SUOR ANGELICA. Blendende Helligkeit. Alltag in einem Nonnenkloster. Die weißgekleidete Schwesternschaft verharrt in andächtiger Proskynese bei klagendem Orchesterklang. In Abwesenheit der Oberin werden Wünsche nach schlichten Genüssen laut: Lämmer blöken hören. Saftige Früchte schmecken. Überraschender Besuch für Angelica: Eine starre  Dame in Schwarz und Gelb, unnahbare Verwandte, teilt mit: Angelica sei enterbt, weil sie Schande über die fürstliche Familie gebracht habe. Ihr Kind? Das Kind sei vor zwei Jahren gestorben. ¬ Auf diese Nachricht hin verliert Angelica ihren letzten Lebenswillen. Bei der Einnahme eines Gifttranks ertönt aus dem Orchestergraben ein bloßes, trockenes Klappern. Ihr letzter Gesang ist eine Elegie an ihr Kind, das ihr in einer Vision entgegentritt, zärtlich und bewegend. Puccini verordnet dazu zarteste Instrumentierung. – Unsere moderne Aversion gegen Sentiment, vermutlich falsche Schamhaftigkeit, darf sich hinterfragen.

GIANNI SCHICCHI. Familienbankett auf heller Bühne mit Nachmittagsoutfit an einer lebhaften Schar von Chargen. Diese karikieren ihre Gestalten eigentlich nur maßvoll (mit Ausnahme der infantil cholerischen „Tante Zita“), werden aber jeweils von einem einzigen Ziel umgetrieben. Wir befinden uns in einer wahren Commedia dell´arte, wo menschliche Schwächen und individuelle Merkwürdigkeiten sich lustig und hurtig verschränken. Es wird gestorben und geboren und getrunken und dauernd Klo und Aufzug verwechselt. – Das Testament des Verstorbenen enttäuscht ungeheuer, und mit Hilfe eines Notars und des nunmehr „sterbenden“ Gianni wird ein anderes erstellt. Nun sitzen die Verwandten wie in einer Schulstube, mimen Haltung und wollen doch mit verschiedenerlei Gestikulieren Giannis Blick auf sich ziehen, der aber vor allem sich selbst bedenkt. Während dieser Szene steht die junge Lauretta oberhalb und orakelt versonnen mit den gefiederten Sämchen einer Pusteblume. Zuvor hatte sie die Belcantoarie des Abends von sich gegeben – mit freudig gebreiteten Armen und gespreitetem Jäckchen: als Liebende die einzige normal gebliebene Person neben und über den köstlichen Turbulenzen. Ein schmelzendes Terzett leitet über zu einem heiter zufriedenen Unisono – wie als ein weiser Abschied Puccinis von diesem Erdendasein. Comoedia mundi. Dank Texten und Regie (Gabriele Rech) war der Abend als Schauspiel so bedeutend wie als Opernwerk. Die so verschiedenen Lebenssphären verwiesen aufeinander in dezenten aber klaren Einsätzen. Sowohl  in Tabarro wie auch in Angelica symbolisiert ein Bettelsammelsack das dürftige Dasein. In beiden quert ein Leierkastenmann, der prophetisch ein Skelettchen zur Schau stellt, für wenige Momente die Oberbühne, denn in beiden wird ein verstorbenes Kind betrauert. Demgegenüber wird dieser Raum zum Schluss von der freudigen Lauretta eingenommen. Zu Beginn hatte sie mit Rinuccio als noch scheues, stummes Paar den Hintergrund in Tabarro ein wenig belebt, im gleichen grünen Kleidchen.

Die makellose, zügige Stabführung (A. Kalajdzic) war sich mit den kompetenten Sängermimen darin einig, besondere Selbstgefälligkeit zu meiden. Das Zusammenwirken intereuropäischer Künstler hat hier eine interessante, ausgereifte Frucht erbracht. (Immerhin: Das „Inferno“ auf den eröffnenden Vorhängen wirkt da reisserisch, trotz oder gerade wegen der Namensausleihe Schicchi bei Dante.)

Ein kathartischer Abend in schlichter Linienführung und ganz ohne Zynismen. Er bewirkte Erschütterung, dann wahre Rührung, dann schäumende Heiterkeit. Das Haus war besetzt bis auf den letzten Platz. Mannheimer gelten als theaterfreudig. Der Beifall war stark.          Hilde Bergner

DER OPERNFREUND | DerOpernfreund@aol.com