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Lulu
Aufführung am 05.11.2011
(Premiere: April 1998)
Gediegene Aufführung mit gediegenem Personal
Erst einmal wieder der besondere Genuss in der Pariser Oper: Das Geschrei der Programm-verkäufer/innen, das diesmal besonders eindringlich war, weil es vielleicht die letzte Aufführung der Lulu sein würde, zumindest die Dernière diese Wiederaufnahmeserie. Der zum Eintritt in den Saal mahnende monotone elektronische Gong ist nun etwas modifiziert und hat nun immerhin schon drei Töne. Eine Nachfrage bei der Schließerin ob dieser Neuerung: das wäre ja schon ein Fortschritt, aber immer noch ungemütlich und artifiziell klingend.
Die seinerzeit als epochemachende Großtat gefeierte Uraufführung der von Friedrich Cerha fertig instrumentierten Lulu in Paris unter der Intendanz von Rolf Liebermann mit Pierre Boulez und Patrice Chéreau hat der Lulu den Weg ins Repertoire geebnet. Diese Produktion brachte es in Paris aber nur auf neun Aufführungen. Die derzeitige Repertoire-Inszenierung von Willy Decker brachte es an diesem Tag mit der Dernière der jetzigen Wiederaufführungsserie dagegen immerhin schon auf 26 Aufführungen. Man sieht insgesamt eine konventionelle Inszenierung in der Perfektion eines Regiekönners, aber eher unaufregend in ihrer zurückhaltenden Ästhetik ohne wirkliche Einfälle (aus heutiger Sicht). Das fängt mit dem Bühnenbild an, das aus einem Halbrund aus großen etwa fünf Meter hohen hellen Wandpaneelen besteht, von denen etliche mit einer Tür durchbrochen sind. Die halbrunde Spielfläche davor wird je nach Szene mit spezifischen Requisiten ausgerüstet. Im Prolog steigt die Lulu wie ein Zirkustier zur Beschreibung der Schlange auf eine Stehleiter. Da standen im ersten Bild eine Menge Bilderrahmen herum. Der Medizinalrat hangelt sich an der Paneelenwand herunter, kein Wunder, dass der Alte das nicht aushält! In der zweiten Szene sieht man dann schon etliche fertige Bilder, dazu in der Mitte ein knallrotes rotes Sofa in Kussmund-Form. Der Salon von Dr. Schön ist mit Club-Möbeln und einem Flügel garniert; hinter diesen Requisiten findet das Verstecken der bizarren Verehrergesellschaft vor dem durchdrehenden Dr. Schön statt, der Gymnasiast verkriecht sich im Klavier. Später ist das Mobiliar des toten Dr. Schön in weiße Überzüge gehüllt. In der Pariser Szene ist in der Mitte eine Bar aufgebaut, um die sich die Spaßgesellschaft herumtreibt und mit viel Konfetti um sich wirft. Hinten im Halbrund der Bühne, das auch für eine gute Akustik sorgt, steigt hoch eine schmale Leiter auf, über welcher der alte Schigolch im zweiten Bild schwankend von oben ins Spiel klettert. In der letzten Szene (London) sind die Türen ausgehängt, es stehen wieder Bilderrahmen herum, statt einer führten nun sieben Leitern nach oben, eine Paneele war auch ausgehängt und stand schief im Raum: Niedergang eben. Das ist alles ganz schön anzusehen, über einige Ungereimtheiten muss man hinwegsehen: z.B. dass in der letzten Szene Lulus Freier eine der Leitern herunterklettert, obwohl es doch heißt: er kommt herauf. Die Kostüme zeigen überwiegend ein modern funktionelles Zivil der Entstehungszeit, so auch die Puppen im Variété-Theater; lediglich im Pariser Club treten einige überkandidelt gezeichnete Figuren mit entsprechend grellen Kostümen, Masken und Frisuren auf. (Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Gussmann)
Dann ist da aber noch etwas, was der Inszenierung eigenständigen Charakter verleiht und auf die voyeuristischen Strömungen der Entstehungszeit der Oper verweist. Hinter dem Halbrund der hell gehaltenen Raumbegrenzung ragt im Bühnenhintergrund eine dunkle Tribüne auf, auf der sich zwei Dutzend Männer drängen. Die sind gekleidet wie der Dr. Schön in dunklen Anzug, Hut und Mantel und doppeln das Geschehen vorne auf der Bühne. Mal betrachten sie interessiert das Geschehen mal scheinen sie die Akteure finster zu bedrohen, wogen in abwechslungsreicher Choreographie hin und her und schlagen nur einmal (aus gegebenem Anlass) in ein „Theater im Theater“ um, natürlich bei der Szene in der Theater-Garderobe, als sie hier zum echten Publikum werden. Dann dringen die Gestalten gar in die Handlung ein, als sie als Polizisten agierend die Lulu nach den tödlichen Schüssen abholen. Dann, um das Bühnengeschehen entsprechend zu begleiten, schmeißen sie auch auf der Tribüne mit Konfetti. Ganz zum Schluss wird aus den Voyeuren ein vervielfältigter Dr.-Schön-Haufen, der Lulu umringt und sie ersticht, der individuierte Dr. Schön nimmt sich die Geschwitz vor. Die letzte Szene ist die eindrucksvollste der Inszenierung. --- Auf die Filmsequenz in der Opernmitte verzichtet die Regie.
Das Orchester der französischen Nationaloper Paris spielte die Partitur unter Michael Schønwandt ohne Fehl und Tadel, aber leider auch so, als ob es niemanden wirklich unter die Haut gehen sollte. Schønwandt blieb an der schönen Oberfläche. Ob er nun gerade Haydn, Wolf-Ferrari oder Berg dirigiert, macht für ihn wohl nicht so einen großen Unterschied.
Bei den Sängern war auch alles im Lot: eine homogene Besetzung auf hohem Niveau. Ganz souverän zwei Altmeister: Franz Grundheber gab den Schigolch überzeugend, er brauchte (wie auch in etlichen anderen seiner Charakterrollen) nicht einmal eine Maske. Wer anders als Wolfgang Schön sollte den Dr. Schön singen? Da kann man nicht nur sagen „Nomen est omen!“, sondern dieser Sänger bleibt einfach großartig und immer noch völlig unverbraucht in der Rolle. Laura Aikin gab technisch-gesanglich eine sehr solide Lulu. Ihr fehlt allerdings die erotische Färbung der Stimme, was sie aber in ihrer Bühnenpräsenz wettmachen kann: eine Lulu, die völlig kalt und nonchalant über die Katastrophen der anderen in ihre eigene läuft. Zu keiner Zeit zeigt sie eine Gefühlsregung. Dennoch: eine wirklich große Lulu kann sie stimmlich nicht darstellen: sie singt schön über diesen Charakter hinweg. Ganz im Gegensatz dazu stand die Geschwitz der Jennifer Larmore; sie sang mit wundervollem dunklen Timbre und transportierte Hingabe und Verzweiflung dieser einzigartigen Opernfigur sehr eindrücklich. Sehr gut waren die besetzt die beiden Tenöre besetzt: Marlin Miller als überzeugender Charaktertenor in der Rolle Maler/Neger und Kurt Streit als Alwa bewältigt auch die extremen Höhen dieser Rolle scheinbar anstrengungslos. Scott Wilde beeindruckte als Athlet mit gewaltigem Bass; aber: Kraft vor Deutlichkeit. Auch die weiteren Nebenrollen waren dem Renommee des Hauses entsprechend hochkarätig besetzt.

Diese Dernière wurde von France Musique direkt übertragen. Vielleicht hätte man das zum Anlass nehmen können, das Publikum um besondere Ruhe zu bitten; stattdessen durchwogte das Husten aus offensichtlicher Langeweile den Zuschauerraum. Der Beifall für die insgesamt doch auf gutem Niveau stehenden Vorstellung war kaum mehr als höflich.
Manfred Langer