DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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HÄNSEL & GRETEL

Besuchte Aufführung: 9. 11. 2012

Psychologie im Märchengewand

Zu einer fast ungetrübten Angelegenheit geriet die Aufführung von Humper-dincks „Hänsel und Gretel“ am Theater Pforzheim. Auch im zweiten Jahr ihres Bestehens vermochte Wolf Widders im Bühnenbild und den Kostü- men von Katja Lebelt spielende Inszenierung durchaus zu gefallen. Sie ist kindgerecht und erhält bei aller an die Stelle eines entmytholo-gisierten, überfrachteten Realismus tretenden Märchenhaftigkeit auch einen gehörigen Schuss Psychologie. Widder erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Geschwister. Sie sind kleine Kinder. Und um dies zu verdeutlichen, lässt er sie im ersten Bild auf überdimensionalen, den ganzen Abend über auf der Bühne bleibenden Stühlen sitzen. Diese sind so hoch, dass ihre Beine den Boden nicht erreichen. Den Eltern, die aus der Sicht der Kinder Riesen sind, hat er Kothurne verpasst. Der Bühnenraum mutet abstrakt an. Die Rück- wand ist von einer trapezartigen Öffnung durchbro- chen. Das Waldbild wird von stilisierten Bäumen geprägt. In diesem Ambiente wartet Widder mit ästhetischen Licht- und Schattenspielen auf, was hübsche visuelle Impressionen ergibt.

Das Knusperhäuschen mit seinem integrierten Backofen hat die Form eines Pilzes. Die braun geschminkten, in goldenem Outfit erscheinenden Leb- kuchenkinder sind gleichsam lebende Schokoladenpralinen. Die äußere Handlung wird im letzten Bild durch eine innere ergänzt, mit der der Regisseur gekonnt in Freud’sche Gefilde vordringt. So erkennt der dem Kobold Pumuckl nachempfundene rothaarige Hänsel ihm bisher verborgen gebliebene Seiten seiner Anima und Gretel entdeckt, dass ihr auch eine männliche Seite zu eigen ist. Die köstlich gezeichnete kurzsichtige, eine Sonnenbrille tragende Hexe bewirkt zwischen den Kindern eine Annäherung, die ihnen zunächst nicht sonderlich geheuer ist, die sie aber letztlich die böse Zauberin besiegen lässt. Gemeinsam ist man stark. Zusammen lernen die Geschwister auch, die Welt ihrer Eltern besser zu verstehen. Auf diesem Weg zu sich selbst werden Hänsel und Gretel von einem Märchenbuch begleitet, dem sie ihre ganze Geschichte entnehmen. Das Ganze spielt sich nur in ihrer Vorstellung ab. Damit betont Widder nachhaltig die Notwendigkeit von Märchen für die Kinderseele.

Eine grundsolide Leistung erbrachte Diethard Stephan Haupt am Pult. Ihm gelang ein eindrucksvoller Spagat zwischen volksliedhafter Leichtigkeit des Klangbildes und Wagner’scher Fulminanz. Unter seiner versierten Leitung spielte die schon oft bewährte Badische Philharmonie Pforz- heim beherzt und intensiv auf.

Nach der Babypause in das Pforzheimer Ensemble zurückgekehrt war Marie-Kristin Schäfer, die einen nicht gerade auf den Mund gefallenen, reichlich burschikosen Hänsel gab, den sie auch vorzüglich sang. Inzwischen ist ihr prachtvoller italienisch fundierter Mezzosopran noch fülliger gewor- den, was gleichzeitig mit einer Steigerung der Ausdrucksstärke verbunden war. Das hohe ‚a’ bei „Der Morgen ist gekommen“, um das andere Rollen-vertreterinnen oft einen Bogen machen, kam bei ihr voll und rund und bereitete ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten. Ihr ebenbürtig war die hübsch anzusehende, quicklebendige und ebenfalls trefflich focussiert sowie frisch singende Gretel von Franziska Tiedtke, die ihre Arie zu Beginn des dritten Aktes mit einem imposanten hohen ‚c’ krönte.

Einen bestens gestützten Mezzosopran brachte Gabriela Zamfirescu für die Gertrud mit. Die Tessitura des Besenbinders lag für Axel Humbert etwas zu hoch. Er schlug sich zwar wacker, indes verlor sein angenehm klingender Bass zur Höhe hin an Volumen. Prächtig entwickelt hat sich Kim Leah Reibnitz als Sand- und Taumännchen. Sie hat ihren bei der Premiere letztes Jahr noch ziemlich dünn klingenden Sopran inzwischen herrlich in den Körper bekommen und damit auch einiges an Klangfülle dazu gewonnen, was ihren beherzten Vortrag zu einem Genuss werden ließ. Letzteres kann man von dem immer noch ausgesprochen flachstimmig und nur mit einem Hauch von körperloser Stimme singenden Benjamin-Edouard Savoie nicht gerade behaupten. Seine manchmal kaum zu hörende Knusperhexe war rein sängerisch der ausgemachte Schwachpunkt des Abends. Den Gesang der Lebkuchenkinder habe ich schon poetischer gehört als vom Kinderchor des Theaters Pforzheim.

Ludwig Steinbach

 

 

DON GIOVANNI

Besuchte Aufführung: 19. 9. 2012

Die Sehnsucht eines Einsamen

Zu einer grundsoliden Angelegenheit geriet die Neuproduktion des „Don Giovanni“ am Theater Pforzheim. Mozarts großes Menschheitsdrama ist die Lieblingsoper von Operndirektor Wolf Widder, der demzufolge auch selbst die Regie besorgte. Katja Lebelt hat ihm hierzu einen kühl anmutenden, abstrakten, aus mehreren Wänden und einer in den Hintergrund führenden Stufenfolge bestehenden Raum auf die Bühne gestellt, in dem man auch so manch anderes Werk des Musiktheaters hätte spielen können. Indes ist es sehr zu begrüßen, dass Widder und Lebelt das Werk nicht zu einem puren Ausstattungsstück degradierten, sondern ihm diesen neutralen Rahmen zukommen ließen, in dem die verschiedensten Menschen aufeinandertreffen, die durch Don Giovanni nachhaltig aus der Bahn geworfen werden. Die drei Damen sind für ihn lediglich Objekte seiner Begierde. Subjektiven, individuellen Wert kann der Titelheld ihnen nicht zubilligen. Er ist im Grunde seines Herzens einsam und hat durchweg Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Aus seiner Verlassenheit heraus sucht er nach dem Moment der höchsten Erfüllung. Die Sehnsucht von Goethes Faust „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ ist auch ihm eigen, nur  mit dem Unterschied, dass er dieses Verlangen auf das Erotisch-Triebhafte reduziert. Aus dieser seelischen Verirrung heraus setzt er immer wieder von neuem an, Frauen zu verführen und begeht dabei indes Exzesse, die ihn schließlich zur Hölle fahren lassen. Bei Widder versinkt er am Ende in einem riesigen roten Vorhang, der das Inferno symbolisiert. Dieser psychologische Anstrich, den Widder seinem liebsten Opernheld angedeihen ließ, war recht überzeugend und wurde mittels einer ausgefeilten, lebendigen Personenregie auch kurzweilig umgesetzt. Dabei ließ der Regisseur entsprechend dem Charakter des Werkes als Mischform aus Opera seria und Opera buffa neben ernsten auch vielfältige heitere Elemente in seine Deutung mit einfließen. Insgesamt beschränkte er sich darauf, das Stück in einem neutralen Rahmen buchstabengetreu nachzuerzählen und sah davon ab, es kritisch zu hinterfragen und ihm vielleicht eine ganz andere Stoßrichtung zu geben. Die einzelnen Personen bleiben ungeschoren und werden trotz ihrer ebenfalls von Frau Lebelt stammenden modernen Kostüme im Grunde sehr konventionell vorgeführt. Insgesamt eine durchaus gelungene Produktion, die einen Besuch lohnt.

Zum großen Erfolg des Abends trug auch GMD Markus Huber bei, der einmal mehr bewies, dass er zu den ersten Vertretern seines Fachs gehört. Er hat sich Mozarts Oper trefflich zu eigen gemacht und deutete sie zusammen mit der bestens disponierten Badischen Philharmonie Pforzheim intensiv und farbenreich aus. Er animierte die Musiker zu einem differenzierten und nuancenreichen Spiel von großer Frische, bei  dem auch subtile Zwischentöne nicht zu kurz kamen.

Insgesamt zufrieden sein konnte man auch mit den gesanglichen Leistungen. Hans Gröning war ein mit vorbildlich italienisch geschultem und geradlinig geführtem Bariton ein guter Don Giovanni, den er auch überzeugend spielte. Eine köstliche komödiantische Ader und viel Spielfreude brachte Axel Humbert für den Leporello mit, dem er mit seinem immer mehr ausreifenden, sonoren und gut gestützten Bass auch stimmlich voll gerecht wurde. Der Wechsel dieses großartigen jungen Sängers an ein größeres Haus wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein. Dieses hohe Niveau erreichte der Masetto von Cornelius Burger zwar nicht ganz, war aber mit seiner ordentlich sitzenden und markant eingesetzten Stimme ebenfalls passabel. Einen imposanten, stimmkräftigen Commendatore, der von der Regie als Wiedergänger interpretiert wurde, gab Kristof Klorek. Als Don Ottavio wartete Bernhard Hirtreiter mit zahlreichen vorbildlich im Körper verankerten Tönen auf, womit er insbesondere bei „Il mio tesoro intanto“ punkten konnte. Indes gab es auch einige Stellen, an denen ihm sein Tenor in die Maske oder in den Hals rutschte. Das war insbesondere bei Piano- und Pianissimo-Passagen der Fall. Letztere klangen sehr gehaucht. Von den Damen gebührt der Zerlina von Franziska Tiedtke die gesangliche Krone. Schon schauspielerisch quicklebendig und aufgedreht erbrachte sie auch gesanglich eine gute Leistung. Sie hat es seit der letzten Saison geschafft, ihren schönen Sopran in den Körper zu bekommen und ihn auf italienische Art und Weise zu führen, woraus eine satte, volle und ausdrucksstarke Tongebung resultierte. Kein Wunder, dass sie die Herzen des begeisterten Publikums im Sturm eroberte. Evgenia Grekovas Donna Elvira zeichnete sich insbesondere in Mittellage und Passaggio durch einen tiefgründig und gefühlvoll klingenden Mezzosopran aus. Lediglich die etwas harten Spitzentöne hätten noch mehr Körperstütze vertragen können. Einiges mehr davon hätte man sich auch von der vokal spröden Lea-Ann Dunbar als Donna Anna gewünscht. Solide schnitt der von Salome Tendies einstudierte Chor ab.

Ludwig Steinbach

 

 

 

CARMEN

Besuchte Aufführung: 06.03.12    (Premiere am 03.03.12)

Schwestern im Geist

Ohne Zweifel stellt die Neuinszenierung von Bizets „Carmen“ am Theater Pforzheim eine der besten Arbeiten von Bettina Lell dar. Einmal mehr wartete diese hervorragende Regisseurin, die in Pforzheim auch das Amt der stellvertretenden Operndirektorin bekleidet, mit einem wahren Geniestreich auf. Dass sie ihr Handwerk ausgezeichnet versteht, hat man ja schon immer gewusst. Ihre bisherigen Arbeiten sprechen da eine deutliche Sprache. Und auch diesmal wurde man nicht enttäuscht.

Was sie auf die Bühne brachte, war konzeptionell gut durchdacht und mit großem technischem Können umgesetzt, was Frau Lell als wahre Größe im Regiefach ausweist. Ihr Name steht schon längst für Qualität und spannendes Musiktheater vom Feinsten. So auch hier. Bettina Lell entkleidet Bizets Oper jeder altbackenen Folklore, die man sonst mit ihr in Verbindung bringt, und siedelt sie in einem neutralen Ambiente an. Das Geschehen spielt sich in einem von Sibylle Schmalbrock entworfenen, karg anmutenden und dunkel ausgeleuchteten Raum mit Blick auf die Brandwände des Pforzheimer Theaters ab. Das Bühnenbild stellt eine Arena dar. Stierkampf und Toreros werden im Lauf des Abends immer wieder mit filmischen Mitteln auf eine im Hintergrund aufragende riesige Leinwand projiziert. Ausgangspunkt von Frau Lells Konzeption ist eine Spielsituation. Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man die späteren Handlungsträger und den Chor im schwarzen Einheitslook auf rechts und links angebrachten Tribünen sitzen und auf den Beginn des Stücks warten. Die Rollen sind noch nicht verteilt. Diese werden erst vergeben, wenn die Sänger die an Stangen vom Schnürboden herabschwebenden, ebenfalls von Frau Schmalbrock stammenden bunten Kostüme ergreifen und anlegen. Hier stellt Frau Lell bereits wesentliche, für den gesamten weiteren Handlungs-verlauf essentielle Fragen: Wer ist Carmen? Wer ist Micaela? Wer entsche- idet, welche Darstellerin eine Carmen oder eine Micaela ist? Im Vorfeld einer Opern- oder Theaterproduktion kommt es oft zu Auseinandersetzungen bzgl. der Besetzung der Hauptpartie. So auch hier, wo sich zwei Sängerin- nen heftig um die Rolle der Carmen streiten. Die spätere Protagonistin entscheidet die Auseinandersetzung schließlich für sich. Während sich fast sämtliche Gesangssolisten für einen Charakter entscheiden, bleibt die Sängerin der Micaela still und teilnahmslos auf ihrem Platz auf der rechten Tribüne sitzen. Sie weiß nicht so recht, welcher Part für sie bestimmt ist. Schließlich bleibt nur noch die Micaela für sie übrig. Etwas lustlos fügt sie sich in ihre Rolle und beginnt das Gespräch mit Morales in ihrem schwarzen Outfit. Ihr konventionelles blaues Kleid wird ihr erst im Verlauf der Szene von den Soldaten angelegt. Im Folgenden spielt Frau Lell stark mit Klischees, zeigt sie auf, hinterfragt sie, stellt aber auch Fragen fernab von jedem Klischee. Einfühlsam trägt sie mit ihrem Konzept der Tatsache Rechnung, dass jeder Zuschauer seine eigene Vorstellung von Carmen hat. Herkömmliche Darstellungsformen der Titelfigur mit rotem Flamencokleid und Fächer sind heute nicht mehr sonderlich interessant. Dessen ist sich Frau Lell bewusst und stellt demgemäß keine überkommenen Figuren, sondern moderne Menschen auf die Bühne.

Diese betrachtet sie durch die Brille der Psychologin und lässt insbesondere bei ihrer Deutung von Carmen und Micaela in genialer Art und Weise einen gehörigen Schuss von Freud’schem und Jung’schem Gedankengut in ihre Interpretation mit einfließen, was ihre Regiearbeit interessant und ungeheuer spannend erscheinen lässt. Den nach alten Deutungsmustern in diesen beiden Frauen verkörperten Gegensatz von Heilige und Hure pflegt sie nur noch bedingt. Carmen und Micaela haben jeweils auch etwas von der anderen in sich. Beide sehnen sich immer stärker in die Haut der Gegnerin, jede trägt sowohl Züge einer Hure als auch einer Heiligen in sich. Die Regisseurin führt sie sogar immer wieder an Stellen zusammen, an denen Bizet eine Begegnung zwischen ihnen gar nicht vorgesehen hat, und trägt damit gekonnt Tschechow’schen Elementen Rechnung. So beobachtet Carmen Micaelas Gespräch mit Don Jose; Micaela wird später Zeugin von Carmens Flucht und ist dann auch bei der Kartenarie der Zigeunerin präsent. Den stärksten Eindruck der Produktion hinterließ das Bild, in dem sich Carmen innig und liebevoll an Micaela schmiegt, während diese ihr „Je dis que rien m’epouvante“ singt. Auch hierdurch wird deutlich: Obwohl die zwei Mädchen eigentlich entgegengesetzte Pole des Prinzips Frau verkörpern, trägt jede letztlich zwei Seelen in ihrer Brust, was sie befähigt, sich dem Wesen der Kontrahentin anzunähern. Beide streben gleichsam eine harmo-nische Vereinigung der von ihnen dargestellten gegensätzlichen Prinzipien an. Damit sind sie ihrem Wesen nach kein Gegensatzpaar, sondern Schwe- stern im Geist. Zwischen ihnen besteht eine Seelenverwandtschaft. Damit stimmt überein, dass Carmen durchaus nicht nur negative Eigenschaften aufweist. Sie wird von Frau Lell im Gegenteil sehr vielschichtig gezeichnet. Es gibt viele Augenblicke, in denen man ihr Handeln versteht und in denen sie sogar sympathisch wirkt - eine sehr erfrischende Neudeutung.

Und Micaela ist in dieser Produktion nicht nur eine der Femme fatale Carmen entgegengesetzte brave, biedere und gehorsame Femme angelique, die am Ende des ersten Aktes hier sogar zur Heiligen Jungfrau stilisiert wird, sondern eine starke und selbstbewusste junge Frau, die immer stärker gegen die ihr zugedachte konventionelle Rolle aufbegehrt und auf Konfron-tationskurs zu einem System geht, das ihr nicht dieselbe Freiheit wie Carmen zugesteht und nicht nur sie, sondern alle Figuren der Oper allzu einseitig festlegt. Jeder Handlungsträger malt sich ein eigenes Bild von den anderen Figuren, wobei die Impressionen Carmens selbstredend am vielschichtigsten ausfallen. Sie ist letztlich nur ein Mythos.

 Und dieser ist es, den Jose am Ende umbringt. Er tötet nicht den Menschen Carmen, der überlebt, sondern nur seine Wunschvorstellung von ihr - ein stark unter die Haut gehendes, sehr symbolisches Ende, mit dem die Regis-seurin einen letzten großen Höhepunkt in ihrer ungemein gelungenen, span- nenden, tiefschürfenden und sehr berührenden Inszenierung setzt.

Eine ansprechende Leistung erbrachte Martin Hannus am Pult. Schon im die Quadrille der Toreros versinnbildlichenden fulminanten ersten Teil des Vorspiels legte er sich mächtig ins Zeug und wartete mit viel Feuer und Stringenz auf. Im Folgenden führte er die Badische Philharmonie Pforzheim routiniert, mit Dramatik, aber auch mit viel Gefühl durch Bizets Partitur, deren spanische Elemente er gekonnt herausarbeitete.Anna Agathonos  konnte in der Titelpartiemit gut gestütztem und ausdrucksstarkem Mezzosopran zwar gesanglich überzeugen, war indes als Typ nicht sonderlich gut von der Regie gestaltet.

Übertroffen wurde sie von Katja Bördner, die die Micaela schauspielerisch entsprechend dem Regiekonzept sehr kraftvoll und kämpferisch anlegte und auch gesanglich ihrer Partie voll gerecht wurde. Ihr wunderbarer, italienisch geführter, substanz- und obertonreicher Prachtsopran gewinnt immer mehr an dramatischem Potential, ohne dabei seine phantastischen lyrischen Qualitäten einzubüßen. Legato und Linienführung sind sehr subtil, die Tongebung ist bei aller an den Tag gelegten Stärke auch sehr gefühlvoll und die Ausdruckspalette erstaunlich breit. Hier wächst eine ausgezeichnete Vertreterin des jugendlich dramatischen Faches nach. Bis zu Wagner dürfte es für sie nicht mehr allzu weit sein. Rein stimmlich wirkte Alessandro Rinella als Don Jose noch etwas wie ein ungeschliffener Edelstein. Er nennt einen kräftigen, markanten Tenor sein eigen, sollte diesen indes aber etwas eleganter führen. Zudem verlor er bei Pianostellen oft die nötige Körperstütze, was insbesondere am Ende seiner bis zum hohen ‚b’ reichende und im Pianissimo zu nehmende Arie „La fleur que tu m’avais jetee“ besonders schmerzlich anmutete. Diese zentrale Stelle muss ein guter Jose-Sänger besser bewältigen. Hans Gröning, dessen Germont man noch in trefflicher Erinnerung hatte, sang den Escamillo zwar solide, blieb insgesamt aber etwas blass. Das große Charisma, das von dem Stierkämpfer ausgehen sollte, konnte er nicht vermitteln

. Axel Humbert war ein jugendlich agiler und obendrein mit gefälligem Bass noch tadellos singender Zuniga. Mit bestens focussiertem Bariton wertete Aykan Aydin die kleine Rolle des Morales auf. Von den beiden Zigeunerinnen gefiel die über einen vollen und solide verankerten Mezzosopran verfügende Mercedes von Haruna Yamazaki besser als Franziska Tiedtke, die als Frasquita insbesondere im oberen Stimmbereich oft die nötige Körperstütze verlor, woraus eine ziemlich flache und halsige Tongebung resultierte. Nicht gut war es um Benjamin-Edouard Savoie (Remendado) und Sebastian Haake (Dancairo) bestellt, die zwar unterhaltsam spielten, aber ebenfalls nicht im Körper sangen. Ein vokal unauffälliger Lillas Pastia war Brian Garner. Als Flamencotänzerin gefiel Ines Schmidt. In Topform präsentierte sich der von Salome Tendies gewissenhaft einstudierte und szenisch stark geforderte Chor.

Fazit zum Schluss: Mit dieser grandiosen „Carmen“-Inszenierung, mit der die breite Rezeptionsgeschichte des Werkes um ein erhebliches Stück weitergebracht wurde, hat das kleine, aber künstlerisch sehr beachtliche Theater Pforzheim sein hohes Niveau einmal mehr anschaulich unter Beweis gestellt. Der Besuch der Aufführung ist sehr zu empfehlen!

Ludwig Steinbach

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

Besuchte Aufführung: 06.03.12    (Premiere am 31.12.11)

Fetzig und ausgelassen

Zu einer äußerst heiteren Angelegenheit geriet am Theater Pforzheim Wolf Widders im Bühnenbild von Sibylle Schmalbrock - von ihr stammend auch die gelungenen Kostüme - spielende Neuinszenierung von Johann Strauß’ „Die Fledermaus“. Einmal mehr wurde offenkundig, dass Operndirektor Widder ein ungemein gutes Händchen für komische Situationen hat. Er inszenierte den Operetten-Klassiker mittels einer ausgezeichneten Personenregie sehr fetzig, lustig und ausgelassen, wobei er dem Ganzen gekonnt einen zeitgemäßen Anstrich verpasste. Er verlegt die Handlung in die 1950er Jahre. Der erste Akt spielt in dem etwas nüchtern anmutenden Wohnzimmer des Ehepaars Eisenstein.

Es liegt augenscheinlich in einem der oberen Stockwerke eines Mehrfamilienhauses, das Alfred zu Beginn mehrmals zu erklimmen sucht, dabei aber nicht nur einmal abstürzt, wobei auch Adele mal nachhilft. Dezent verdeckt ein Bild der jungen Audrey Hepburn eine nicht zu knapp gefüllte Hausbar, an deren hochprozentigem Inhalt sich die streng-lehrerinnenhaft wirkende, mit einer Rüschenbluse bekleidete Hausfrau Rosalinde immer wieder schadlos hält und zum Schluss des 1. Aktes sichtlich angeheitert ist. In einem mehr neutralen Ambiente siedelt das Regieteam den zweiten Akt an. Das Fest des androgynen Prinzen Orlowsky findet zwischen mehreren kleinen Bühnen auf der Bühne, in deren Inneres sich die handelnden Personen gelegentlich zurückziehen, und aus Plüsch bestehenden Vorhängen statt. Gekrönt wird der Akt von einem tänzerischen Zwischenspiel, das James Sutherland und Elsa Genova hervorragend choreographiert haben.

Hier verschwimmen die Grenzen von Bühnenspiel und Realität etwas. Die Protagonisten gesellen sich den Tänzern zu, wie diese auch später im dritten Akt die Handlungsträger beobachten. Augenzwinkernd nimmt Widder die Schein- und Doppelmoral eines eigentlich recht oberflächlichen und nur scheinbar gehobenen Bürgertums auf die Schippe. Es ist schon eine sehr heitere Gesellschaftskritik, mit der er hier aufwartet. Und wie er im Gefängnisbild den ständig betrunkenen Gerichtsdiener Frosch recht vergnügliche Anspielungen auf diverse - lebende und verstorbene - Machthaber der Jetztzeit von sich geben lässt, wobei auch ein Seitenhieb auf unseren Bundespräsidenten nicht ausbleibt, ist ein Kapitel für sich. Der Abend verging wahrlich wie im Fluge.

Etwas ungewohnt gingen GMD Markus Huber und die Badische Philharmonie Pforzheim die Sache an. Der Dirigent wartete mit insgesamt recht gemäßigten Tempi auf und setzte an Stellen Ritardandi, an denen man solche nicht gewohnt ist. Dadurch wurde der Fluss der Musik zwar manchmal etwas gebremst, andererseits dirigierte Huber auf diese Weise nicht beiläufig über so manche interessante Stelle hinweg, wie es doch einige seiner Dirigierkollegen öfters tun. Mit seiner Auffassung steht Huber im Übrigen nicht alleine da. Der große Hans Knappertsbusch ging die Strauß-Walzer, die für ihn ein ungewohntes Terrain bildeten, ähnlich an.

Das gut gelaunte, spielfreudige Ensemble wurde von der wunderbaren Katja Bördner angeführt, die mit der Rosalinde der Reihe ihrer Glanzpartien jetzt noch eine weitere hinzufügen durfte. Schon schauspielerisch war sie sehr überzeugend. Sie nennt eine treffliche komödiantische Ader ihr Eigen, die sie voll zur Geltung brachte. Sie hätte ihr Geld wahrlich auch als Schau-spielerin verdienen können. Auch gesanglich erbrachte sie eine Ganzleistung. Mit ihrem phantastisch focussierten, klangvollen, substanzreichen und bereits jetzt deutlich in Richtung jugendlich dramatisches Fach weisenden Sopran, der über strahlende Spitzentöne verfügt, sang sie sich in die Herzen des begeisterten Auditoriums, das am Schluss mit Applaus auch nicht geizte und sie mit vielen verdienten Bravorufen bedachte. Ihr fulminanter, von Feuer und Rasanz getragener Csardas geriet zum Höhepunkt der Auffüh- rung.

Zu Recht hoch in der Publikumsgunst stand auch Elif Aytekin, die der im modernen Jeanslook auftretenden, herrlich quirligen Putzfrau Adele schon rein darstellerisch ein sehr amüsantes Gepräge zu geben wusste und auch gesanglich mit ihrem bestens sitzenden, dunklen, ebenmäßig geführten und über eine gute Höhe verfügenden Sopran nachhaltig für sich einzunehmen wusste. Neben diesen beiden erstklassigen Damen gefielen v. a. die über gute, volltönende Stimmen verfügenden jungen Sänger Aykan Aydin und Axel Humbert in den Rollen der Fledermaus Dr. Falke und des Gefängnis-direktors Frank. Ein köstliches Rollenportrait des von der Regie her sehr heiter angelegten italienischen Gesangslehrers Alfred lieferte Alessandro Rinella. Vokal wirkte er allerdings noch wie ein ungeschliffener Diamant. Er setzte seine kräftige Stimme zeitweilig noch etwas zu ‚deutsch’ ein. Dies und der Akzent des Sängers wirkten sich manchmal etwas nachteilig auf die Linienführung aus, die eleganter hätte sein können. Von dem stark im Hals und dünn singenden Markus Francke als Eisenstein hätte man sich mehr solide Köperstütze gewünscht. Darstellerisch schnitt er um Längen besser ab. Ebenfalls sehr flachstimmig gab Benjamin-Edouard Savoie den stottern- den Dr. Blind. Vokal unauffällig Babett Dörstes Ida. Jenseits von Gut und Böse bewegte sich Lilian Huynen, die bei ihren Chansons hätte bleiben sollen, anstatt sich am Prinzen Orlowsky zu versuchen, dem sie stimmlich in keinster Weise gewachsen war. Von einer stabilen technischen Grundlage kann bei dieser unschön schreienden Sängerin keine Rede sein. Und Passa- gen mit hohen Tönen, die wie das hohe ‚ges’ nicht einmal zu extrem liegen, hat sie einfach um eine Oktave nach unten transponiert, was der Rolle rein vokal alles nahm. Herrlich aufgeweckt und munter präsentierte sich der Schauspieler Fredi Noel in der dankbaren Partie des Frosch.

Ludwig Steinbach


 

 

HÄNSEL UND GRETEL

Premiere am 12.11.11

Abstrakter Märchenzauber - Nach dem großen Erfolg der halbszenischen Aufführung von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in der letzten Spielzeit brachte das Theater Pforzheim dieses „Kinderstubenweihfestspiel“, wie es der Komponist scherzhaft mit Blick auf Wagners „Parsifal“ nannte, nun auch in einer beachtlichen Neuinszenierung heraus. Regisseur Wolf Widder und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Katja Lebelt warten mit einer den ursprünglichen Charakter des Stückes wahrenden, kindgerecht und ohne Verfremdungen erzählten Deutung des Stückes auf. Sie setzen dabei weniger auf entmythologisierten, überfrachteten Realismus, sondern mehr auf die märchenhaften Elemente der Handlung. Und das auf recht gefällige Art und Weise. Gekonnt betrachtet der Regisseur die Welt aus der Perspektive Hänsel und Gretels. Um das Kindsein der beiden Geschwister zu verdeutlichen, lässt er sie auf überdimensionalen, den ganzen Abend über auf der Bühne bleibenden Stühlen sitzen und die Eltern sich auf riesigen Kothurnen fortbewegen. Das hat man zwar in Achim Thorwalds Karlsruher Inszenierung ähnlich gesehen, ist aber immer noch ein überzeugender, stimmiger Effekt. Und solcher Theatermittel bedient sich Widder reichlich, um das Stück zu visualisieren. Das Bühnenbild ist eher einfacher Natur, weder modern noch konventionell ausgeführt. Die von einer farbigen, trapezartigen Öffnung durchbrochene Rückwand mutet eher abstrakt an. Dieser Eindruck verstärkt sich bei den stilisierten Bäumen des Waldbildes. Durch vielfältig eingesetzte Licht- und Schattenspiele können sich diese Bäume verfielfältigen - eine hübsche Impression. Das Knusperhäuschen mit integriertem Backofen hat die Form eines Pilzes. Die in goldene Gewänder gekleideten, braun geschminkten Lebkuchenkinder sieht Widder als lebendige Schokoladenpralinen. Neben solchen gelungenen Bildern wartet der Regisseur aber doch auch mit einem gehörigen Schuss Psychologie auf. So entdeckt Gretel, dass ihr auch eine männliche Seite zu Eigen ist, und der mit seinen struppeligen roten Haaren dem Kobold Pumuckl nachempfun- dene Hänsel lernt, ihm bisher verborgen gebliebene Seiten seiner Anima zu erkennen und anzunehmen. Die kurzsichtige, eine Sonnenbrille tragende Hexe bewirkt zwischen den Kindern eine Annäherung, die ihnen nicht so recht geheuer ist, die sie aber letztlich stark macht und gemeinsam das Böse überwinden lässt. Zusammen lernen sie, die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Diesen Selbstfindungsprozess verdanken Hänsel und Gretel letztlich einem Märchenbuch, dem sie die ganze Geschichte entnehmen. Alles spielt sich nur in ihrer Vorstellung ab. Das war alles recht einfühlsam umgesetzt - eben Märchenoper für die ganze Familie.

Am Pult gelang Martin Hannus zusammen mit der Badischen Philharmonie Pforzheim eine eindrucksvolle Gratwanderung zwischen Wagner’scher Fulminanz und volksliedhafter Schlichtheit. Insbesondere in den großen Zwischenspielen, dem Hexenritt und der Pantomime, stellte der junge Dirigent den Einfluss, den der Bayreuther Meister auf seinen jungen Assistenten Humperdinck hatte, mehr als deutlich heraus. Die großen Aus- brüche des Orchesters nahm er sehr feurig und dramatisch, räumte anson- sten aber auch herrlichen Solos der Einzelinstrumente breiten Raum ein. Unter seiner routinierten Leitung machten v. a. die aufblühenden Streicher und die sehr markant spielenden Bläser nachhaltig auf sich aufmerksam. Wieder wurde deutlich, dass es sich bei der Badischen Philharmonie um einen Klangkörper handelt, der mit Blick auf seine durchweg ausgezeich- neten Leistungen höchste Beachtung verdient und der vielleicht auch einmal eine CD aufnehmen sollte.

Von den Sängern ist einmal mehr an erster Stelle die wunderbare Katja Bördner zu nennen, deren Gretel absolut zum Besten gehört. Mit ebenmäßig geführtem, warm und obertonreich klingendem, dabei hervorragend focussiertem und höhensicherem - hervorragend gelangen ihr die hohen c’s im dritten Akt - Sopran vorbildlicher italienischer Schulung, der bereits eindeutig zum jugendlich-dramatischen Fach hin tendiert, sang sich die junge sympathische Sopranistin, deren Abwandern an größere Häuser wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, technisch sehr versiert und nuancen- reich in die Herzen des begeisterten Publikums, das zum Schluss mit Applaus dann auch nicht sparte und sie obendrein verdient mit vielen Bravorufen bedachte. Neben ihr war Alexandra Paulmichl ein burschi- koser, frecher und wahrlich nicht auf den Mund gefallener Hänsel, dem sie mit insgesamt gut sitzendem und fülligem Mezzosopran auch gesanglich gerecht wurde. Ihre Höhe hat sich seit der Premiere verbessert. Insbeson- dere das hohe ‚a’ im dritten Akt war erheblich fundierter als neulich. Hervor- ragend aufeinander eingespielt liefen die beiden Damen Bördner und Paul- michl auch schauspielerisch zu ganz großer Form auf und beeindruckten durch eine ausgesprochen intensive und fetzige Darstellung. Rein darstel- lerisch phantastisch war auch der junge Benjamin-Edouard Savoie, der für die Hexe eine treffliche komödiantische Ader mitbrachte, die er voll auszuleben verstand. Stimmlich schnitt er dagegen weniger gut ab. Im Augenblick klingt sein heller Tenor noch reichlich dünn und ziemlich unfertig. Er sollte daran arbeiten, seine nicht unschöne Stimme in den Körper zu bekommen und sich eine vorbildliche italienische Technik mit solidem appoggiare la voce zuzulegen. Der Ort der richtigen Stütze ist das Brustbein, nicht der Hals oder die Maske. Fundierter italienischer Stimmfluss stellt sich dann durch Angähnen der Töne bei gleichzeitiger - fast unmerk- licher - Gegenbewegung ein. Das sollte auch Kim Leah Reibnitz beher- zigen, die als Sand- und Taumännchen leider ebenfalls sehr dünn und noch entwicklungsfähig klang. Einen schauspielerisch sehr sympathischen Besenbinder gab Axel Humbert, der mit angenehmem Bassmaterial die schwierige Bariton-Tessitura seiner Partie solide bewältigte. Indes wäre er nicht schlecht beraten, wenn er diese ihm etwas zu hoch liegende Rolle nicht allzu oft singen würde. Als Gertrud verbreitete die gastierende Wilja Ernst-Mosuraitis mit dramatischem Mezzo große vokale Autorität. Eine ansprechende Leistung ist auch dem Kinderchor zu bescheinigen.

Ludwig Steinbach

 

 

LA TRAVIATA

Besuchte Aufführung: 27.09.11       (Premiere 24.09.11)

Kindheitstraum einer Kurtisane

Zu einem Ereignis der besonderen Art geriet an dem schon oft bewährten Theater Pforzheim die zweite Aufführung der Neuproduktion von Verdis „La Traviata“, die sogar noch besser gelang als die beachtliche Premiere von letztem Samstag. Sämtliche Beteiligte taten ihr Bestes, um dem zahlreich erschienenen Publikum einen ungetrübten, nachhaltig in Erinnerung bleibenden Operngenuss zu bereiten, und siegten auf der ganzen Linie. Szene, Musik und Gesang fügten sich zu einer hervorragend aufeinander abgestimmten Einheit zusammen, bei der alles stimmte und wo nichts störte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie dieses hochkarätige kleine Theater trotz seiner eher knappen finanziellen Mittel immer wieder aufregendes Musiktheater von höchster Qualität zustande bringt, auf das so manches sog. große Haus neidisch werden könnte. Hier nimmt man die Stücke noch ernst und geht verantwortungsbewusst mit ihnen um. Eine Nominierung zum Opernhaus des Jahres ist längst überfällig. Hoffentlich wissen die Pforzheimer Stadtväter, über was für ein Theaterjuwel sie da verfügen.

Dass Bettina Lell zu den Größen der Regiezunft gehört, hat man ja schon lange gewusst. Sie versteht sie es ganz ausgezeichnet, die Bühne mit Leben zu erfüllen, so dass es nie langweilig wird. Außerdem sind ihre Konzepte immer trefflich durchdacht. Und auch mit der „Traviata“ hat sie die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht enttäuscht. Ihr ist eine äußerst stringente und spannende Inszenierung gelungen, die sich nicht zuletzt durch eine ausgefeilte Führung der Personen auszeichnet. Eine Anhängerin des modernen Regietheaters ist Frau Lell nie gewesen. Vielmehr setzt sie verstärkt auf konventionelle Deutungen. So auch hier. Sie hat dem Stück nicht gewaltsam einen fragwürdigen neuen Anstrich verpasst, sondern es in seiner Entstehungszeit belassen, was das am Ende stark applaudierende und gut gelaunte Auditorium sichtlich erfreut hat. Zusammen mit Bühnenbildnerin Sibylle Schmalbrock, die auch für die prachtvollen Kostüme - Bravo! - verantwortlich zeigte, lässt sie von Anfang an keinen Zweifel daran aufkommen, in welchem Milieu sich das Geschehen abspielt. Zahlreiche Gemälde splitternackter Damen zieren den Raum - diesem Einfall kommt auch insoweit Berechtigung zu, als die Kurtisanen in der Belle Epoque beliebte Motive der Malerei waren. Auf diese Weise lässt die Regisseurin über die stückimmanente erotische Komponente hinaus auch einen gehörigen Schuss Kunsthistorie in ihre Inszenierung einfließen. Im dritten Bild, in dessen Verlauf Alfredo Violetta in ausgesprochen demütigender Weise wütend das Kleid vom Leib reißt und sie in knapper Unterwäsche den übrigen Gästen präsentiert, sind diese Akt-Bildnisse dann verschwunden. Bereits in der vorhergehenden Szene sind die Wände auf einmal auseinander gefahren und haben der an dieser Stelle von Verdi gar nicht vorgesehenen Pariser Männergesellschaft Eintritt in Violettas Landhaus gewährt. Es gehört zu den stimmigsten Momenten der Produktion, wenn die in schwarze Anzüge gekleidete Herrenliga zusammen mit Germont nacheinander zu dem Dreiertakt von „Ah! Dite alla giovine“ langsam mit Traviata zu tanzen beginnt und sie auf diese Weise zur Rückkehr in ihr altes Leben auf dem Pariser Gesellschaftsparkett bestimmen wollen. Im Verlauf des Abends löst sich das Bühnenbild zunehmend ganz in seine Bestandteile auf, bis im letzten Aufzug nur noch ein fast leerer, intim anmutender trister Seelenraum vorhanden ist, in dem die Handlungsträger, teilweise unbeteiligt an der Wand stehend, schicksalsergeben auf den unausweichlichen tragischen Ausgang des Geschehens warten - gleichsam ein gänzlich desillusionierendes, resigniertes Warten auf Godot, dass die Regisseurin hier gekonnt vorführt. Nicht nur in diesem Akt geht es stark psychologisch zu. Anhand der Violetta führt Frau Lell ein intensives, stark unter die Haut gehendes Seelendrama vor. Eindringlich zeichnet sie das Bild einer Frau, die sich ständig auf der Suche nach dem Glück befindet und sich in die Unbeschwertheit ihrer Kindheit zurückträumt. Als Symbol dafür dient der Regisseurin ein Bild, das zu Beginn von einer kleinen Traviata gemalt wird und das im Lauf des Abends immer wieder zu sehen ist. Am Ende erkennt Violetta, dass ihr Heilswunsch Utopie bleiben muss und zieht sich langsam in die Schwärze des Hintergrunds zurück. Sie stirbt einen symbolischen Tod, während ihre Freunde teilnahmslos an der Bühnenrampe verharren und von ihrem Entschwinden überhaupt keine Notiz nehmen. Mit ihr stirbt auch ihr Kindheitstraum - ein sehr beklemmendes Schlussbild von großer Kraft, das einen mächtigen Eindruck hinterließ.

Musikalisch war der Abend ein Hochgenuss. Was da aus dem Orchestergraben tönte war von höchstem Niveau und legte einmal mehr Zeugnis von den herausragenden Qualitäten der Badischen Philharmonie Pforzheim und seines GMD Markus Huber ab. Entsprechend dem Ansatz der Regie lotete Huber Verdis Partitur psychologisch aus, wobei er den wunderbar getragen und ausdrucksstark  aufspielenden Musikern auch betörend warme und gefühlvolle Klänge zu entlocken wusste.

Gesanglich herrschte ebenfalls praktisch ungetrübter Sonnenschein. Das Pforzheimer Theater hatte ein bis in die kleinsten Rollen prächtiges Ensemble aufgeboten, das sich hinter dem der größeren Opernhäuser wahrlich nicht zu verstecken braucht. Als Violetta erbrachte Katja Bördner eine regelrechte Glanzleistung. Sie stürzte sich mit einer derartigen Intensität und Inbrunst in ihre Rolle, dass es Freude bereitete, ihr zuzuhören und auch zuzusehen. Es war einfach phänomenal, mit welcher Dramatik sie immer wieder aufwartete. Seit der letzten Saison ist ihr prächtig focussierter Sopran italienischer Schulung, der über ein gutes Differenzierungsvermögen und einen großen Nuancenreichtum verfügt, weiter gewachsen und noch stärker und substanzreicher geworden. Sie hat sich zu einem wunderbaren jugendlich-dramatischen Sopran mit immenser stimmlicher Durchschlagskraft entwickelt. Bei aller an den Tag gelegter Fulminanz wurden aber auch die weiche, emotionale Seite der Traviata von ihr mittels warmer, inniger Tongebung und betörender, bestens gestüzter Piani und herrlicher Diminuendi mehr als glaubhaft vermittelt. Dazu kam eine sehr eindringliche schauspielerische Leistung. Die ganze Gefühlswelt der Violetta wurde von Frau Bördner, die über eine bemerkenswert ausgeprägte schauspielerische Ader verfügt und ihren Stanislawski gut zu kennen scheint, schonungslos vor den Augen der Zuschauer ausgebreitet. Insbesondere in ihrer Verzweiflung im zweiten Akt lief sie zu ganz großer Form auf. Insgesamt gelang ihr ein ungemein packendes, lebendiges Rollenportrait von großer Emotionalität und Eleganz.

Der einzige kleine Wermutstropfen war, dass sie ihre Arie im ersten Akt um einen halben Ton nach unten transponierte. Dadurch wurde der Tonartenzusammenhang gestört, was etwas irritierend war. Für die Es-Spitze des „Sempre libera“ scheint ihre ansonsten phantastische Höhe letztlich doch nicht ganz ausgereicht zu haben. Angesichts ihrer phänomenalen Gesamtleistung fällt dieser Fakt aber nicht sonderlich ins Gewicht. Auch andere, weitaus berühmtere Sänger legen schwierige Arien manchmal etwas tiefer an. So singt z. B. Rolando Villazon „Che gelida manima“ aus „La Boheme“ - jedenfalls auf CD und DVD - ja auch um eine kleine Sekunde nach unten versetzt als von Puccini geschrieben. Und der große Placido Domingo hat bei einer Stuttgarter „Otello“-Aufführung Mitte der 1980er Jahre das Orchester sogar um einen ganzen Ton tiefer stimmen lassen, weil er das hohe ‚c’ nicht hatte. Eines ist klar: In der Violetta dürfte Frau Bördner, die zu den ersten Kräften des Theaters Pforzheim gehört und deren Abwandern an große Opernhäuser wohl nur noch eine Frage der Zeit ist, ihre vorläufig beste Partie gefunden haben, in der sie Phantastisches zu leisten vermag. Neben ihr bewährte sich Alessandro Rinella, der mit dem Alfredo sein umjubeltes Debüt in Pforzheim gab. Mit dem Engagement dieses Tenors hat die Theaterleitung einen Glückstreffer gelandet. Hier haben wir es mit einem vielversprechenden jungen Sänger mit ebenmäßig geführtem, bestens gestütztem und schmelzreichem Material zu tun, auf dessen weitere Entwicklung man gespannt sein kann. Nicht nur stimmlich wurde er dem Landei Alfredo, der gerne auch mal mit einem Diener Karten spielt, voll gerecht. Auch darstellerisch konnte er seinen Part voll ausfüllen. Bei kontinuierlicher Weiterentwicklung seiner Stimme dürften auch ihm in wenigen Jahren die großen Bühnen offen stehen - ebenso wie Hans Gröning, der für den von der Regie her nicht gerade sympathisch angelegten Germont einen überaus wohlklingenden, sonoren und italienisch fundierten Prachtbariton mitbrachte. Er sang mit großer Eleganz und feiner Noblesse und bewältigte auch die Höhenflüge von „Di Provenza“ auf eindrucksvolle Art und Weise. Insgesamt großes Lob gebührt den meisten der Chorsolisten, mit denen die Nebenrollen besetzt waren. I-Chiao Shih (Flora), Manuela Wagner (Annina), Spencer Mason (Dr. Grenvil), Iwan Zlabek (Marquese d’ Obigny) und Aykan Aydin (Barone Douphol) verfügen allesamt über vorbildlich im Körper verankerte Stimmen, mit denen sie ihren Charakteren gutes Profil zu geben wussten. Lediglich dem Gaston von Steffen Fichtner, Holger Peter Wechts Diener sowie dem den Boten gebenden Rigobert Störkle mangelte es an vollen, runden Tönen. Dem übrigen, von Martin Erhard und seiner Nachfolgerin Salome Tendies vorzüglich einstudierten Chor gebührt großes Lob. Süß war das Kind Violetta von Selina Steeg anzusehen.

Fazit zum Schluss: Ein in jeder Beziehung gelungener, ja fast festspielwürdiger Abend, der dem kleinen Pforzheimer Theater alle Ehre macht. Wieder hat sich mein Wahlspruch „Verachtet mir die kleinen Häuser nicht und ehrt mit ihre Aufführungen“ voll und ganz bestätigt. Der Besuch dieser grandiosen Vorstellung sei jedem Opernfreund dringendst ans Herz gelegt. Es lohnt sich!

Ludwig Steinbach                     Copyright aller Bilder: Theater Pforzheim

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