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Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2010

Le Cinesi

am 11.6. im Schlosstheater

In diesem Jahr stehen die Musikfestspiele unter dem Motto “Sehnsucht nach der Ferne”, was den Veranstaltern ein weites internationales Feld und lokale, geradezu ideale Möglichkeiten der musikalischen Präsentation bietet. Chinoiserien waren in Potsdam seit Jahrhunderten präsent, und Europa schwelgte im 17. und 18. Jahrhundert in orientalischen Phantasien in Mode, Gestaltung und Musik. Realistisch wird die Geschichte nun durch Zusammenführung von Pekingoper und Barockoper, wie sie Kui Sheng und Karsten Gundermann in einem Experiment namens Le Cinesi (Regie Igor Folwill) wagten. Musiker der China National Peking Opera Company und das Ensemble L’ARTE DEL MONDO intonierten gemeinsam und alternierend im Graben Musik von Gluck und klassische chinesische Musik. Das war für europäische Ohren im kleinen Barocktheater schon eine Herausforderung, denn Jia Pengfei als Darstellerin der weiblichen chinesischen Rolle der Ding hätte mit ihrer Stimme und den begleitenden Perkussionsinstrumenten mühelos eine große Halle ausgefüllt.

Die Geschichte ist einfach. Drei Damen des Barock versuchen ihre Langeweile durch Theaterspiel jeweils in dem von ihnen bevorzugten Genre zu vertreiben und machen die anwesenden Chinesen neugierig auf den Fortgang der dargestellten Handlung, was auf Gegenseitigkeit beruht, denn die beiden Chinesen zeigen klassische chinesische Intermezzi der Pekingoper. Ein bisschen Geplänkel und Eifersüchtelei wegen des ebenfalls mitspielenden Beaus Silango (Krystian Adam in einer bewundernswerten borock gekünstelten Darstellung und schöner Stimme) und Uneinigkeit über das auszuwählende Genre münden in ein gemeinsames Ballett, in dem der chinesische Held Yang (Li Yangming) Gelegenheit hat, den legendären Reitergeneral Guan Yu in prächtiger Robe darzustellen, was dem europäischen Publikum sichtlich gefiel. Die drei Barockdarstellerinnen Barbara Emilia Schedel, Kremena Dilcheva und Milena Storti folgten mit viel Spielfreude dem schwungvollen Dirigat Werner Ehrhardts, der auch die beiden Orchester bestens zu verschmelzen verstand.

Montezuma

am 24.6. im Schlosstheater

Eine kleine Sensation gab es mit dieser Oper in Potsdam schon, denn seit der Uraufführung der Oper von Graun 1755 war erstmalig wieder die Originalbesetzung mit VIER männlichen Sopranen zu hören. Und es ließ sich erahnen, wie in der großen Zeit der Kastraten eine Oper geklungen haben mag. Im letzten Jahrzehnt sind viele Countertenöre am Opernhimmel erschienen, doch vier solch exquisite Sopranstimmen und den Mezzosopran der Titelrolle (Florin Cezar Ouatu) zusammenzubringen, die auch entsprechend ihrem Timbre mit der jeweiligen Partie korrespondierten, ist eine hoch zu lobende Leistung des Inszenierungsteams unter Leitung von Geoffrey Layton und seinem musikalischen Leiter Sergio Azzolini, der die Kammerakademie Potsdam mit einer Hand und einem Fagott vom Pult aus führte. Mireille Delunch (Eupaforice) hatte sich wegen einer Indisposition entschuldigen lassen, doch gingen die wenigen Stimmtrübungen in einer Welle nicht enden wollender Rouladen und dramatischer Ausbrüche schier unter. Sie und ihr geliebter Montezuma durchlitten die spanische Eroberung Mexikos unter Cortés (von Paolo Lopez mit aller gebotenen Perfidität, Lüsternheit und Gier gesungen und gespielt) bis zum Tod. Ohne Ethnokitsch kam das sparsame Bühnenbild von Anna Eiermann aus, die auch die phantasievollen Barockkostüme entworfen hatte. Ouato in seiner goldenen Hose mit Überrock auf einer Schaukel sitzend und den Tag genießend, wusste so recht mit geschmeidig schmelzender Stimme und sinnlichen Gebaren den arglosen und edelmütigen Herrscher zu vermitteln, dessen Schicksal anzurühren vermochte. Gerald Thompson als Hauptmann Navès kontrastierte mit schneidend klarem und ungeheuer kraftvollem Sopran. Nicht minder eindrucksvoll waren Spiel und Gesang von Mark Chambers als warnendem Priester Pilpatoè in barockem Vogelkostüm, der letztendlich nicht erhört wurde. Friedrich II. wollte nicht wie Montezuma angegriffen werden, drum griff er lieber selbst an (Sachsen) und erklärte zuvor mit dieser Idee zum Libretto seine Sicht der Dinge. Sehen wir die Oper gerade deshalb jetzt??

Angela Runge

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com