Bellinis Meisterwerk fand nach 72 Jahren wieder auf die Bühne des Nationaltheaters in Prag zurück. Für den auf vier Kontinenten arbeitenden, vielseitigen deutschen Regisseur Bruno Berger-Gorski, der seine Karriere als Assistent an der Wiener Staatsoper begann, ist es ein besonderes Anliegen, einen heutigen Zugang zu Norma zu finden. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine starke Bezugnahme auf das jeweilige Publikum und die historische wie gegenwärtige Situation vor Ort aus. Als Globetrotter in Sachen Regie hat er bereits an mehreren Bühnen in Nord- und Südamerika, in Asien, Afrika und Europa mit großem Erfolg inszeniert. Seine Vorliebe gilt seltenen oder zeitgenössischen Opern. So hat er bereits Gomes’ Condor 2002 in Manaus, Peter von Winters Maometto – Il Fanatismo 2002 in Bad Wildbach, Dirk d’Ases Einstein 2004 in Ulm und Offenbachs Rheinnixen in Trier 2005, die von der Zeitschrift Opernwelt gar als Wiederentdeckung des Jahres gerühmt wurde, mit Erfolg in Szene gesetzt.
Nach der Norma in Manaus im Jahr 2004 ist das nun seine zweite Inszenierung von Bellinis meistgespielter Oper. Gemeinsam mit dem renommierten tschechischen Bühnenbildner und Architekten Daniel Dvořák und dem in Tschechien lebenden kubanischen Modeschöpfer Osmany Laffita wird die bekannte Geschichte in die Zeit nach 1940 transponiert. Die Gallier sind nunmehr eine jüdische Gruppe, deren Gegner sind aber nicht näher spezifizierte militante Invasoren. Schauplatz ist ein abstrakter Raum, der das Seelenleben von Norma widerspiegelt. In diesem Raum darf – wie so oft in den Inszenierungen von Bruno Berger-Gorski – das schon obligate Klavier und ein Bett nicht fehlen. Das Klavier ist hier nicht nur ein Musikinstrument in gutbürgerlichen Familien, sondern ein Ort der Konzentration und Inspiration, der Rückbesinnung und des Nachdenkens. Das Bett wiederum steht als Memento für die verräterische Vereinigung mit dem Todfeind in Gestalt des wankelmütigen Pollione, dem Norma ihre beiden Kinder verdankt. Norma rät dazu, den Eindringlingen keinen Widerstand zu leisten und legt als äußeres Zeichen dafür ein Gewehr in den auf der Bühne befindlichen Opferkreis. Ein starkes Symbol, das man durchaus als Anspielung auf den pazifistischen Roman der 1843 in Prag geborenen Bertha von Suttner „Die Waffen nieder!“ verstehen kann. Doch die Zeit ist noch nicht reif für eine Aussöhnung mit dem Feind, für Norma und Pollione kann es keine gemeinsame Zukunft geben. So betreten beide am Ende der Oper das Innere des von Flammen gesäumten Kreises und werden erschossen.
Die russische Sopranistin Olga Makarina, die in den USA als Gilda, Lucia, Konstanze, Violetta, Desdemona und Mimi große Erfolge feiern konnte, mag als eher lyrischer Sopran auf den ersten Blick keine „ideale“ Norma sein. Dennoch überzeugte sie im forte mit Durchsetzungsvermögen und ließ eindrucksvolle legato-Phrasen, so etwa im Rezitativ „Dormono entrambi“ im zweiten Akt, hören. Spätestens dann wurde einem klar, dass sie auch im dramatischen Fach zu Hause ist. Herrlich anzuhören war sie auch in den Dialogen mit der um das Geheimnis der Herkunft ihrer Kinder wissenden Adalgisa, gesungen von der aus Cluj stammenden Rumänin Carmen Oprisanu. Deren hell timbrierter Mezzosopran wies jene dynamische Vielfalt und erforderliche Virtuosität auf, um auch die über der Notation der Norma stehenden Passagen zu bewältigen. Die Stimme des am St. Petersburger Konservatorium ausgebildeten tschechischen Tenors Valentin Prolat vernahm sich hingegen zu Beginn rau und mit wenig Strahlkraft ausgestattet. Im Verlauf des Abends verbesserte sich seine stimmliche Verfassung und nun erklangen wunderschöne Phrasen voller Leuchtkraft. Und er bewies, von der verschmähten Norma auf das Bett ihrer verräterischen Liebe gefesselt, dass er über eine gute Technik verfügt, um auch in dieser Lage ein leidenschaftliches „Ah! t'appaghi il mio terrore“ auszustoßen. Der routinierte Bass Miloslav Podskalský gab einen würdevollen Oroveso. Václav Lemberk als Flavio und Stanislava Jirkú als Clotilde ergänzten das übrige Ensemble in homogener Weise. Die von Pavel Vanĕk geführten Chöre sangen mit Impetus und wurden von Regisseur Berger-Gorski szenisch mit zahlreichen solistischen Aufgaben betraut. Der 1955 in Trencin (Slowakei) geborene Dirigent Oliver Dohnányi bewies bei der Umsetzung der Partitur Gespür für die reichen Harmonien von Bellinis Musik, ebenso, wie für die Balance zwischen dramatischen und lyrischen Passagen, was zu einer ausgewogenen Interpretation dieses zeitlosen Meisterwerkes führte. Bei dieser letzten Vorstellung, die ihre Premiere bereits am 1.11.2007 hatte, war das Haus allerdings nur zu zwei Dritteln gefüllt. Der Grund dafür mag darin liegen, dass es sich um einen Werktag gehandelt hat oder das durchaus schlüssige Regiekonzept nicht den Geschmack des eher konservativen tschechischen Publikums getroffen hat. Gleichwohl: Theater funktioniert nicht ohne Regie und das oftmals geschmähte so genannte Regietheater kann in dieser Inszenierung keineswegs im pejorativen Sinn verstanden werden, zu sehr merkt man das Bemühen des Regieteams um eine heutige transparente Sichtweise, die dennoch den Inhalt der Oper nicht verfremdet. Das Publikum der Dernière zollte jedenfalls gebührenden, wenn auch nicht enthusiastischen Beifall. Harald Lacina