Verdi unter dem Union Jack
Falstaff feiert Premiere – und kaum einer tut mit
Remscheid/Wuppertal. Man muß William Shakespeare gelegentlich seine mitunter völlig hirnverbrannten Komödien nachsehen. „Die lustigen Weiber von Windsor“ ist allerdings eine, in der man neben allem üblichen Unfug gelegentlich beinahe Molieresche Qualitäten erlebt. Sie nun aber zu einer italienischen Oper umzuschreiben kommt einem Hazard gefährlich nahe. Arrigo Boito und Giuseppe Verdi haben es gewagt. Ergebnis: „Falstaff“, die einzige Opera buffa Verdis, die Gnade vor der Kritik fand – und sein letztes Werk.
Wuppertals Opernintendant Johannes Weigand hat sich dieses Sonderfalls angenommen und ihn in Szene gesetzt. Premiere im Rahmen der Zusammenarbeit der Theater Wuppertal und Remscheid am vergangenen Mittwoch im Teo Otto Theater. Auf der Bühne: ein beachtliches Ensemble plus klangvollem Chor (Jens Bingert), im Graben: die hervorragend aufgestellten Bergischen Symphoniker unter Peter Kuhn, im Saal: knapp über 100 Zuschauer, darunter als kulturpolitische Spitzen Remscheids Kulturdezernent Dr. Christian Henkelmann und Enno Schaarwächter, Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen, der für das schöne Haus deutliche Worte fand: „Ein wunderschönes Theater. Eine Perle.“ Nur eben gemessen am großen Anlaß bedrückend leer. Man kann Herrn Schaarwächters Seufzer verstehen, wenn man weiß, was die Renovierung des dortigen Opernhauses gekostet hat und spürt, daß in Wuppertal die goldenen Zeiten des Sprechtheaters vorbei zu sein scheinen. In Sichtweite des einst zu den besten Häusern der Republik zählenden denkmalgeschützten Theaters scharren Abrißunternehmen bereits mit den Füßen, was die Politik natürlich nicht zugeben möchte.
Aber zurück zu Verdi/Boito/Shakespeare. Der englische Edelmann Sir John Falstaff (Kiril Manolov), ein ebenso versoffener wie verfetteter Gourmand plant in grenzenloser Selbstüberschätzung einen Coup, der seinen leeren Beutel wieder füllen soll. Zwei Damen der Gesellschaft will er unter glühenden Liebesschwüren ausnehmen, Alice Ford (Banu Böke mit gehaltvollem Sopran) und Meg Page (Joslyn Rechter), dabei den schrecklich eifersüchtigen Mr. Ford (Thomas Laske) zum Hahnrei machen. Seine Komplizen sollen die Diener Bardolfo (Ralf Rachbauer) und Pistola (Thomas Schobert) sein, die sich aus Gewinnsucht aber lieber auf die Gegenseite schlagen. Man sieht: ein Haufen übler Vertreter des männlichen Geschlechts. Arrigo Boito lässt wirklich kein gutes Haar an der Spezies Mann, sieht man einmal von Fenton (Boris Leisenheimer) ab, der am Ende die süße Nannetta heimführen kann, wodurch wiederum Dr. Cajus (Stephan Boving mit akzentuiertem Tenor) das Nachsehen hat. Die Damen verbünden sich klug und lassen die Kerls zu den Geprellten werden. Das Shakespeare-übliche Durcheinander eben.
Johannes Weigand hat die Handlung ins Jahr 1911 und in einen englischen Badeort mit Boot, Strandcafé und Badehäuschen verlegt, könnte Brighton oder Blackpool sein. Das erschließt sich ebenso wenig wie Falstaffs Aufzug im Boy-Scout-Kostüm mit kurzen Hosen, als er zum heißen Rendezvous aufbricht. Wozu bitte das, außer um seine Lächerlichkeit mit dem Holzhammer zu unterstreichen? Der mitternächtliche Mummenschanz, mit dem Falstaff zum Eingeständnis seiner Betrügereien gebracht werden soll, hat eine Menge vom Auftrieb des Shakespeareschen Sommernachtstraums. Aber entweder - oder: der ansehnlichen Nannetta im Nixen-Kostüm ein hautfarbenes Trikot anzuziehen und täuschend echt wirkende Brüste auf den echten Busen zu malen ist irgendwie halbherzig. Dann lieber gar nicht. Dem wortreichen italienischen Libretto kann man flinken Auges mit Hilfe von Übertiteln folgen, wenn die denn funktionieren. Im 2. und 3. Akt – apropos, wieso braucht man nach jedem Akt eine Pause? – fiel die Technik aus und man lauschte zwangsläufig einfach nur den schönen Stimmen und der Musik.
Da hatten beide hatten einiges zu bieten, Ensemble wie Orchester. Allen voran gewaltig in Statur und Klangfülle der Bariton Kiril Manolov, eine Idealbesetzung für den Falstaff und seiner auf ungezählten Bühnen im In- und Ausland vielfach erprobte Paraderolle, in der er auch komödiantische Qualitäten zeigen kann. Thomas Laske steht ihm schlank in Figur und kraftvoll an Stimme als sein Gegenspieler Ford nicht nach. Dorothea Brandt glänzt als Nannetta, ihr geschmeidiger Sopran und ihr natürlicher Charme passen in die vom Wechsel der Temperamente und Tempi lebende Oper, die zwar keine großen Arien hat, aber durchgängig schöne Melodien bietet. Die wiederum wurden von den brillanten Bergischen Symphonikern, die den Vergleich mit dem Wuppertaler Opernorchester nicht zu scheuen brauchen, mit dem richtigen Gefühl für Stimmungen und Charaktere ganz ausgezeichnet umgesetzt.
Eine unterhaltsame Inszenierung mit einigen skurrilen Einfällen, die zwar keine Sensationen bot, aber vom überschaubaren Publikum mit freundlichem (Manolov und Laske mit stürmischem) Applaus bedacht wurde. Und Weigand trug nicht seine gelben Schuhe. Eine Botschaft?
Frank Becker
Weitere Termine: 10. November 2011 im Konzerthaus Solingen, 29. November, 4., 8., 17. Dezember im Opernhaus Wuppertal.
Informationen unter: www.wuppertaler-buehnen.de
www.marctoth.com/BioGerman/bio_german.html
Beethoven in Hemdsärmeln
Marc Pierre Toth zeigte sich als Chris Howland der Klavier-Klassik
Vor zwei Jahren war der Kanadier Marc Pierre Toth schon einmal mit einem Beethoven-Programm Gast in Remscheid. Sein damals erworbener Ruf muß ihm über die Jahre bewahrt geblieben sein, denn der Saal der Klosterkirche war zu seinem Konzert mit Werken von Beethoven und Liszt am vergangenen frühen Sonntagabend gut besetzt. „Endlich bin ich wieder in Remscheid!“ Mit diesem Bekenntnis hatte der sympathische Pianist die gut 100 Musikfreunde sogleich auf seiner Seite – und als er der Schwüle im Saal geschuldet salopp sein Sakko ablegte und mit aufgerollten Hemdsärmeln und gelockerter Krawatte am Flügel Platz nahm, wurden die Gäste zu Freunden.
Er ist ein ungewöhnlicher Musiker, der weltweit anerkannte Pianist und Hochschullehrer, der in fließendem Deutsch humorvoll, informativ und keineswegs schulmeisterlich in die beiden Beethoven-Sonaten des ersten Konzertteils einführte. Schon bei den Klangbeispielen zum op. 109, mit denen er Themen-Parallelen zu Beethovens op. 79 nachwies, war berückend, welche Klangfülle Marc Pierre Toth aus dem kleinen Yamaha-Flügel der Klosterkirche hervorzuzaubern wußte. Wer den Rundfunkplauderer Chris Howland kennt, der zur gleichen Stunde im WDR 4 seine sonntäglichen „Spielereien mit Schallplatten“ präsentierte, fühlte sich spontan an dessen sympathische Art erinnert.

Die Ausführung der Sonate op. 109 schließlich zeigte sich in Toths sehr individuellem Stil im Vivace farbig, einfühlsam bewegt, ja temperamentvoll da, wo Beethoven es sich so gewünscht hätte, sensibel und moderat im Prestissimo sowie gefühlvoll, wenn auch nicht gänzlich griffsicher im Andante, das er unprätentiös austrudeln ließ. Des komplexen op. 110, das ebenfalls zuvor allgemeinverständlich und heiter erläutert wurde - doch, das geht bei Beethoven – entledigte sich der Interpret mit Eleganz, akzentuiert, in flüssigen Übergängen, wenn auch hier mit marginalen Fehlgriffen. Hinreißend das das gewaltige Memento mori im mehrteiligen letzten Satz, der mit einer wuchtigen Schluß-Apotheose ausklingt.
Teil zwei widmete Toth einem „Pop-Star“ unter den Komponisten seiner Zeit: Franz Liszt. Dessen perlend brillante Transkription von Niccolo Paganinis Capriccio aus der Konzert-Etüde Nr. 2, ein kleines Meisterstück, wurde zu einer Perle des Abends, ebenso wie die Wagner-Transkription des Pilger-Chors aus „Tannhäuser“, den Toth zunächst im O-Ton Wagner mit Text vortrug. Zart die Melancholie von Liszts „Gondoliera“ mit dem Thema von Antonio Lambertis „La bionda in gondoletta“, dramatisch Liszts „Canzona“ mit dem Thema von „Nessun dorma“ aus Rossinis „Othello“ und volkstümlich die „Tarantella“ auf der Basis neapolitanischer Volksweisen.
Eine schönes Konzert – und Remscheid freut sich gewiß schon auf Marc Pierre Toths drittes Gastspiel.

Gastkritiker Frank Becker (www.Musenblaetter.de)