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NABUCCO

am Landestheater Schleswig-Holstein
Theater Rendsburg am 06.02.2011

Zeitlos, brandaktuell war diese Inszenierung von Verdis Frühwerk Nabucco. Da gab es ein Nazi-Regime, da gab es ein DDR-Regime und brandaktuell gibt es ein Mubarak-Regime, das heute gerade zusammenzubrechen scheint und es gibt noch so viele weitere Beispiele. Beispiele für Führer, Herrscher, die Völker, Religionsgruppen oder Stämme aus Machtgier unterdrücken und am Ende daran selbst zerbrechen, klanglos untergehen. Vor rund 2500 Jahren gab es ein belegbares Geschichtsereignis, das Verdi vor rund 170 Jahren zu einer noch heute so beliebten Oper voller Freiheitsdrang verarbeitete. In einem Einführungsvortrag zur Aufführung 30 Minuten vor Beginn erwähnte die Dramaturgin Karin Heckermann nicht nur diese Punkte. Der Vater-Tochter-Konflikt ist deutlich erkennbar. Er wird Jahre später bei der Aida nochmals aufgegriffen und abgewandelt als Vater-Sohn-Konflikt in der Traviata fortgeführt. Und jedes Elternpaar kennt den Konflikt mit Kindern aus eigener Erfahrung. Nach Aussage der Dramaturgin (rhetorisch übrigens Note 5-) stand man bei der Planung der Inszenierung vor der Frage: klassisch oder modern? Man entschied sich für eine moderne Variante, ohne den ganz großen Schock. Markus Hertel inszeniert sängerfreundlich, die Konflikte zeigend und doch steht der Freiheitsdrang, der auch im Italien um 1850 herrschte, im Mittelpunkt. Bei einem Theater mit kleinerer Bühne, ohne große Bühnenmaschenerie und dem ständigen Wechsel zwischen drei Häusern kann es kein aufwendiges Bühnenbild geben. So stellt Udo Hesse in den Mittelpunkt seiner Arbeit eine schräg nach hinten ansteigende Fläche, drapiert gelegentlich einige Requisiten darum und schon sind ausreichend Effekte erzielt. So wird zum Beispiel der Baal durch eine offene Flamme dargestellt. Die Kostüme von Martina Lüpke liegen irgendwo in den 1960er Jahren und zeigen deutlich den Unterschied von Macht und Unterdrückung. Der reichhaltig agierende Chor, wunderschön geleitet von Bernd Stepputis, tritt als Hebräer mit den noch heute bei den Juden üblichen Kopfbedeckungen auf. Die Babylonier dagegen tragen rote Schärpen.

Nabucco wird von Predag Stojanovic mit markanten Bariton ausdrucksstark gesungen. Anfangs tritt er mit olivgrüner Uniform auf, erinnert an Fotos von Nazi-Generälen oder die Offiziere der einstigen NVA. Das strahlt Angst und Respekt aus. Der machtgierige König wird im Wahn zum Edelmann, erschient die Krawatte bindend auf der Bühne und trägt dazu einen glänzenden, bronzefarbenen Anzug. Der Untergang eines sich zum Gott ernannten Königs, das Zerbrechen dieser Figur wird vom Sänger stimmlich und darstellerisch überzeugend dargestellt. Seine Tochter Abigaille wird von der Amerikanerin Lydia Easley gesungen. Welch ein Anblick, nicht gerade schlank, eher mollig, und dann diese Uniform. Furchteinflößend, machtbewusst steht sie auf der Bühne. Ach ja, unwillkürlich dachte ich an meine vielen Transitreisen nach Berlin und die „Flintenweiber“ der DDR-Volkspolizei, die uns ihren Stempel in die Pässe drückten. Lieber nichts sagen als verhaftet werden. Im dritten Bild kommt dann aber der wahre optische Genuss: in wallender Abendrobe zeigt sie ihre weiblichen Reize, wandelt sich vom männlich-herben ins feminin-dominante Wesen. Am Schluss bricht sie zusammen. Zuvor hatte sie noch einmal die Uniformjacke übergezogen und Macht demonstriert. Nabucco hatte ebenfalls über den Anzug den Uniformmantel gezogen. Lydia Easley überzeugte aber auch stimmlich mit kräftigem, satten, leicht dunklem Sopran und war so ein starker Kontrast zu ihrer Fenena. Die Ukrainerin Svitlana Slyvia wirkte im eleganten Cocktailkleid fast puppenhaft und hätte gut in die Glitzerwelt der aufkommenden Beatles-Generation gepasst. Der helle Sopran meisterte spielend jede Höhe.

Den Ismaele sang der Koreaner Jungwhan Choi mit sicherem Tenor als eher unscheinbarer Liebhaber. Fast ein Heimspiel hatte Kai-Moritz von Blanckenburg als Zaccaria. Der Hamburger mit der stattlichen Figur ist mit einer wunderschönen schwarzen Bassstimme ausgestattet und besonders die tiefen Töne strahlten viel Wärme aus. Er war ein wirklich nobler Adliger, auch vom Aussehen her.

Zu erwähnen sei noch Markus Wessick als Oberpriester des Baal mit stattlicher Figur und sonorer Stimme.

Mihkel Kütson leitete das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester und hier gibt es die einzig negative Kritik. Das Theater war für diese Lautstärke zu klein oder besser weniger wäre mehr gewesen. Schon die Ouvertüre dröhnte in den Ohren, der Chor sang eigentlich nur den wohl berühmtesten aller Chöre mit angenehmer Lautstärke. Glücklicherweise waren die Stimmen der Protagonisten stark genug, sodass wenigstens nichts verloren ging, wenn auch sicherlich manche Nuance auf der Strecke blieb.

Diese Aufführung wurde zusätzlich in den Spielplan aufgenommen und war gleichzeitig auch die letzte Wiedergabe einer modernen und doch so überzeugenden Inszenierung. So aktuell kann Oper sein! Einhelliger, lang anhaltender Jubel kam aus dem nicht ganz ausverkauften Zuschauerraum. Und auch der Regisseur Markus Hertel gesellte sich zu den Sängern auf die Bühne und wurde mit starkem Beifall bedacht.

Werner Kittlaus

 


TOSCA

Entschärfte Version

Landestheater Schleswig-Holstein Theater Rendsburg am 14.12.08

Vor zwei Jahren hatten wir diese Tosca-Inszenierung von Jan-Richard Kehl schon einmal gesehen und damals berichtete ich von Folter, Sex und schießwütigen Protagonisten. Hatten wir uns daran gewöhnt oder wurde manche Szene tatsächlich entschärft? Gefallen hat uns dieser Abend auf jeden Fall. Dank defekter Technik entfielen die brutalen Bilder der Folter, die zwischen die Schattenbilder von Cavaradossis Qual geschoben wurden. Der Tod erfolgt durch die Pistole und nicht wie der Komponist es wollte durch den Dolch bzw. den Sprung von der Engelsburg. Auch heute ist Scarpia ein sexbesessener Polizeichef. Doch Mark Morouse gab ihn fast sympathische Züge. Nobles Aussehen und ein warmer Bariton ließen kaum etwas von der Brutalität und Fiesheit ahnen. Das er auf Frauen und Sex aus ist, ist dieser Figur nicht zu verdenken. So geht er seiner Sekretärin, einer Figur, die sonst nicht vorkommt, arg an die Wäsche und genießt den Moment, da sie ihm die Hose öffnen will. Doch Spoletta kommt störend dazu und die Gedanken des Zuschauers sind frei. Auch Tosca entkommt gerade so einer Vergewaltigung, steht er doch schon zwischen ihren Schenkeln und droht mit dem nächsten Schritt. Den angeblichen Passierschein für Tosca versteckt er in der Hosentasche, entledigt sich der Dienstwaffe (sein Fehler) und des Sakkos und der Angriff auf Tosca geht ins Leere, da sie noch ausweichen kann. Spontan kommt ihr die Erkenntnis, ihn mit seiner eigenen Waffe zu töten, ihn hinzurichten. Leider etwas blass wirkt dann Toscas Schwanken zwischen Freude über den Tod des Mannes, vor dem ganz Rom zitterte und ihrer überaus christlichen Gesinnung. Die geschundene, gefolterte Figur Cavaradossi kommt dank der Maskenbildner bestens herüber. Dieser biedere Künstler geht in seiner Liebe zu Tosca auf, weiß um seine ausweglose Situation und so sind die „Victoria-Rufe“, die er auf den Tisch springend singt, nur der letzte Aufschrei seiner Wut über das gehasste Regime. Nachdem „Weichei“ Sciaronne (Ansgar Hüning mit jungenhafter Ausstrahlung) und der harte Kerl Spoletta (Jin-Hak Mok als kleiner Tyrann) endlich entschieden haben, dass Spoletta die Tötung vornimmt, setzt dieser die Waffe an Cavaradossis Schläfe und drückt ab. Kurz darauf fällt auch Tosca dieser Waffe zum Opfer. Zum Ende der Oper liegen beide Getöteten nebeneinander auf der Bühne, vereint im Tod.

Auch an diesem Abend empfanden wir das Aktenschleppen einzelner Darsteller recht albern und die bereits erwähnte Frau/Sekretärin sah zwar reizvoll aus, verdeutlichte drastisch Scarpias Einstellung, er könne Sex mit allen Frauen haben. Doch auch hier wirkten einzelne Momente albern. Na ja, man kann es vertreten.

Das zweckmäßige Bühnenbild schuf Udo Hesse genauso wir die aktuellen Kostüme, Straßenkleidung unserer Tage. Einzig auffallend war da das tolle Kleid der Tosca mit weißem Mantel. Elegant gelöst ist der Übergang nach dem 2. Bild. Da fällt kein Vorhang (deshalb leider auch kein Beifall) und es dauert nur Sekunden, bis die Decke des Büros von Scarpia herabgesenkt nun den Boden für die Engelsburg hergibt. Das ist elegant gelöst, denn der Hirte kriecht über den toten Scarpia durch eine Öffnung auf die Bühne. Und dann folgt halt wieder Akten schleppen verschiedener Leute.

Über die sängerischen Leistungen kann man nur Positives sagen. Bereits erwähnt wurde Mark Morouse als nobler Polizeichef. Den geschundenen Liebhaber sang und spielte Daniel Magdal, kräftige Stimme, leider nicht immer das Puccini-Flair, dennoch ein Bravo. Und Susanna von der Burg war eine überaus elegante Tosca, schlicht eine Augenweide. Ihr leuchtender Sopran war ein Genuss, auch wenn sie in den Duetten zu dominant war. Das “Vissi d`arte“ in dieser Haltung auf dem Rücken liegend, Kopf wesentlich tiefer wie die Beine; so hervorragend zu interpretieren, zeugt von großer Körperbeherrschung. Auch hier gibt es großes Lob und letztlich war das letzte Duett der Liebenden unmittelbar vor deren Tod, wenn sie hoch oben auf der Schräge stehen und langsam dem Orchestergraben entgegen gehen, vielleicht das musikalische Highlight des Abends.

Aber auch die kleineren Partien konnten erfreuen. Bernhard Christian Berger war ein schlichter Angelotti, fast tollpatschig. Und der großgewachsene Peter Schulz gab mit sonorer, wuchtiger Stimme einen würdevollen Mesner.

Das Schleswig-Holsteinische  Sinfonieorchester spielte unter der Leitung von Gerard Oskamp sehr forsch, leider auch sehr laut und war in Sachen Lautstärke im Wettstreit mit den Sängern. Da gingen doch mache Feinheiten dieser genialen Musik verloren.

So war es dank kleinerer Änderungen ein toller Opernabend und das ideale Geburtstagsgeschenk für eine Opernfreundin, die hier mit uns ihren 86. Geburtstag feierte.


Werner Kittlaus

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com