ROBERTO DEVEREUX
Besuchte Premiere am 1.10.10
Die wunderbare, in deutschsprachigen Landen nicht allzuoft
gegebene "Elisabeth und Essex"-Vertonung von Gaetano Donizetti
scheint am Opernhaus in Rom eine Tradition zu bekommen. 1966 mit Leyla Gencer
in der Titelpartie, dann 1987 mit Raina Kabaivanska, fand die letzte Produktion
mit der 87iger Ausstattung vom David Walker zu einer Rückkehr : "Roberto
Devereux". Richtig üppige Oper, wie wir sie in Deutschland nicht mehr
gewohnt sind, mit schnellen Verwandlungen wechseln prächtige Palastbilder mit
brokatenen Thronsälen zu einem romantischen, mondbeschienen Kerkerbild. Nur der
sternenumglitzerte Pavillion für das Tete a tete zwischen Roberto und Sarah
lenkt dann doch in Kitschdimensionen. Die Kostüme in schweren Brokatstoffen und
schillernder Seide sind eine einzige Augenweide. Lediglich mit dem doch recht
hausbackenen Regiestil von Alberto Fassini muß man sich anfreunden, die
Handlung ist zwar immer verständlich, der jeweilige Gestaltungswille hängt
jedoch von der Begabung der Darsteller ab. Der Chor betritt, herrlich
bekleidet, rhythmisch die Bühne und erstarrt singend zum Tableaux. Die
Lebendigkeit der Aufführung schlug also vorwiegend aus dem Musikalischen seine
Funken: das bestens präparierte Orchestra del Teatro dell´Opera brachte die oft
geschmähten, angeblichen simplen Orchesterfarben Donizettis zum Leuchten, denn
Bruno Campanella brachte ein sehr durchdachtes Werkkonzept zum Klingen, wußte
genau wann furiose Italianita angesagt ist, dabei stets auf der Seite der
Sänger. Eines der besten Belcanto-Dirigate, das ich je erleben durfte!
Die Königin des Abends war eindeutig die Königin, denn
Carmela Remigio wartet mit einem wunderbar fokussierten Sopran, einer
brillianten Agilita auf, ihre Elisabetta kommt gestalterisch fast noch mehr aus
dem reinen Belcanto-Spektrum als diejenige der Gruberova, obwohl deren
sensationelle Piano-Acuti wohl von niemandem so gesungen werden. Es wäre schön
Frau Remigio auch nördlich der Alpen öfters zu hören: eine wirklich
sensationelle Belcanto-Diva ! An ihrer Seite einer der sicherlich besten
Baritöne für das italienische Fach: Alberto Gazale singt den Nottingham mit
samtenen Baritontimbre, bestens verblendeten Übergängen, die melodischen Bögen,
die emotionale Gestaltung, alles perfekt, vielleicht klein wenig zum Pathos
neigend, doch wer will da Erbsenzählen. Seine untreue Gattin Sara war mit Sonia
Ganassi fast überbesetzt, denn der großvolumige Mezzosopran deutet schon auf
ein deutlich dramatischeres Fach hin, die warme Stimme überwältigt in ihrer Üppigkeit,
die Sängerin ist zudem eine echte Gestalterin. Gegen diese Trias fiel der doch
etwas steife Tenor Massimiliano Pisapias in der Titelpartie ab, sicherlich eine
gute solide Leistung, doch eher sich im Mezzo-und Fortebereich tummelnd. Die
kleineren Partien waren alle recht rollendeckend mit italienischen Sängern
besetzt. Der Chor im wesentlichen hervorragend, nur die Herren schwächelten
nach der Pause ein wenig.
Richtig große Belcantooper auf hohem Niveau, Respekt vor
dieser gelungenen Aufführung an der Oper Rom.
Martin Freitag