Così fan tutte
Vorstellung am 24.04.2011
Premiere am 8.4.2011
Vielschichtige Produktion hinter der Buffa-Fassade
Die Aufführungszahlen von„Così
fan tutte“ befinden sich derzeit auf der Überholspur und das zu Recht, wie
gerade die grandiose Interpretation dieses (inhaltlich nicht ganz einfachen)
Werks am Staatstheater in Schwerin beweist. Die Aufführung findet in deutscher
Sprache statt. Die Übersetzung von Kurt Honolka liegt sehr nahe am Original, so
dass es ihr hier und da an Poesie abging und sie sich auch schon mal an der
Musik reibt. Da bei den Rezitativen eine 100 %ige Textverständlichkeit gegeben
war und auch große Teile der Arien, Ensembles und Chöre gut verständlich waren,
konnte dem Publikum die Ablenkung durch Übertitelung erspart werden. Zudem war das
Geschehen so zuschauerfreundlich in Szene gesetzt, dass man jederzeit wusste,
wer gerade wer ist und der Blick in die Abgründe dieser Oper weit geöffnet
wurde.
Mathias Rümmler hat für die
Inszenierung ein geniales Bühnenbild gebaut. Man sieht zuerst in einem Garten
mit einigen Zypressen (Sperrholz) die Fassade eines zweistöckigen Hauses aus
dem Beginn der neuen Sachlichkeit. Hinten rechts wird ein Anbau aus der
Jetztzeit sichtbar mit Balkon, unter dem eine DIN-Mülltonne steht. Die
Drehbühne zeigt alsbald die Rückseite des Gebäudes wie ein offenes Puppenhaus:
Im Stil der Gegenwart Keller, Küche und kleiner Salon, gerade bezugsfertig; die
Umzugskartons stehen noch herum. Mit dieser Anordnung werden für die
verschiedenen Szenen jeweils in wenigen Augenblicken die geeigneten Räume
geschaffen.
Ferrando und Guglielmo in
Freizeitkleidung spielen im Keller Pfeilewerfen und trinken dazu Bier aus der
Flasche – entnommen einem Kasten einer bekannten Marke aus MeckPomm. Don
Alfonso in schön gestiltem hellen Anzug mit Weste und hellem Hut, in der
Übersetzung als „Zyniker“ (hier ist „vecchio filosofo“ sehr frei übersetzt)
bezeichnet, zeigt hier etwas mehr Stil und trinkt Rotwein aus einem richtigen
Weinglas. Fiordiligi (in Blau) und Dorabella (in Rot) tragen jeweils geblümte
Röcke und Uni-Blusen; Despina kommt als freche ewig kaugummikauende Göre in
sehr knappem Jeans-Rock und einem ebenso knappen Top und gelben
Plastik-Stiefeln daher. So wird die Handlung in einem modernen Kontext folgerichtig
entwickelt. Die beiden Damen „gehobenen Standes“ (d.h. sie nehmen am
Wertschöpfungsprozess nicht teil) zwischen Langeweile und Liebelei; Despina etwas
überzeichnet in der Weise, wie sie die Situationen arrangiert. Zur Abreise
kleiden sich die beiden Herren in Uniformhose, weißes Hemd und
Marineoffizier-Mütze. Das Chorvolk wird von Despina im Auftrage Alfonsos
bestochen. Um das In-See-Stechen zu persiflieren, wird hinten ein Schiffsmodell
hochgehalten. Keiner hat was gemerkt! Die beiden Helden kehren alsbald ziemlich
prollig zwischen Bauarbeiter und Hippie (Doris Dörrie lässt grüßen!) zurück und
trampeln mit ihren Schuhen auch auf die hübsche lindgrüne Couch im Salon.
(Kostüme: Mathias Rümmler)
Die Regie verzichtet auf
vordergründig Komödiantisches und jeglichen Klamauk.
Im ersten Akt ist alles
Spiel, Naivität, Leichtfertigkeit. Aber er endet schon in einem Gewitter, bei
welchem sogar eine Wandscheibe aus dem Haus fällt; die Idylle ist spürbar
vorüber! Im zweiten Akt geht es zur Sache; es werden glaubwürdig Emotionen
entwickelt: eingeleitet von einer Pantomime: Despina füllt in der Küche einen
großen Picknickkorb, den sie dann hinten am Seil in den Garten hinunterlässt. Aus
einem Küchenradio ertönt „Besame mucho!“ Despina stellt das Radio ab; das
Cembalo spielt eine Überleitung zum ersten Secco. Es kann weitergehen: die Regie entwickelt nun
die stärksten Szenen. Despina als Schlangensymbol verteilt Äpfel, den ersten
verzehrt Dorabella: die paradiesischen Zustände sind spürbar beendet. Die
Liebhaber müssen sich als Verführer beweisen, die Damen weichen, erst die eine,
dann die andere. Verführung, Liebe Eifersucht: die letzte Anstrengung des
Ferrando, es dem Guglielmo und „seiner“ Dorabella“ heimzuzahlen. Die Männer
sind die eigentlich Düpierten. Die Bestrafung durch Hochzeit mit jubelndem
Chorvolk folgt hier ungekürzt. Bei der Hochzeitsszene sind sie alles andere als
glücklich: sie haben sich ja selbst betrogen. Das geht ziemlich unter die Haut!
Despina wird gezeigt, wie sie mit Alfonso alles manipuliert und schließlich selbst
auch eine Betrogene ist. Sie tritt als Pseudo-Notarin auf: eine Karrierefrau mit
schwarzem Kostüm, weißer Bluse und schwarzer Krawatte über hohen Absätzen und
schwarzen Nylons mit hochgesteckten blonden Haaren; dann bibbert sie aber im
Bierkeller vor Angst, dass alles entdeckt werden könnte, was sie selbst noch
nicht ganz verstanden hat. Und ob dann die Versöhnung nachhaltig sein wird,
muss wohl bezweifelt werden.
In dieser Inszenierung mit
perfekter Personenführung und stark musikeinfühlsamen Bewegungen gibt es nicht
eine Sekunde Langeweile. Die Abgründe dieses Werks werden hier auch dem weniger
erfahrenen Così-Zuschauer eröffnet, der vielleicht noch im vorletzten
Opernführer gelesen hat, wie schön die Musik und wie albern die Handlung ist.
Es gibt unendlich viel zu entdecken in dieser Regiearbeit: Hingehen!
Die musikalische Darbietung
blieb dahinter nur in Kleinigkeiten zurück. Judith Kubitz leitete die
Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin mit großer Umsicht bei nicht zu
schnellen Tempi. Sogar den einfachen Begleitungsfiguren wusste sie Inspiration
zu verleihen. Besonders positionierte sie ein ums andere Mal die Holzbläser und
gab der Partitur Farbe. Dazu kamen prägnante Accompagnati und präzise
Ausbrüche. Dass gerade bei Fiordiligis ergreifendem Rondò “Per Pieta“ die
Hörner gleich mehrfach patzten, war dagegen bedauerlich. Der Chor in modernen
volkstümlichen Kostümen war präzise einstudiert und war in allen Szenen
hervorragend geführt.
Das auf hohem homogenem
Niveau agierende junge Sängerensemble rundete die Vorstellung ab. Die
eindringlichste Partie sang Hynju Park als Fiordiligi. Nach anfänglicher
Anspannung kam sie mit der Arie „Come scoglio“ und deren mörderischen
Tonsprüngen ganz groß heraus, sang höhen- und intonationssicher und musste bloß
bei den ganz tiefen Stellen hörbar kämpfen. Katrin Hüber sang die Despina mit
glasklarer, gut geführter Stimme mit sehr hellem Timbre. Ihren „15 Jahren“ nahm
man ihre despektierlichen altklugen Sprüche nicht unbedingt ab. Itziar Lesaka
kam als opulente Dorabella besonders schön in der Mittellage einher. Stefan
Heibach als Ferrando war erkältet angekündigt, was am Anfang aber dann noch
mehr am Ende der Vorstellung deutlich hörbar war, bravourös, wie er durchhielt.
Den Guglielmo gab Markus Vollberg sehr klangschön mit kultiviertem Bariton und
überzeugendem Spiel. Andreas Lettowsky gab den Alfonso mit kühler
Überlegenheit. Die von ihm selbst eingangs besungene Erfahrung der grauen Haare
des alten Philosophen stellte sich mit seiner vollen dunkelbrünetten Frisur
nicht so richtig dar: sehr jugendlich für die Rolle.
Die Zuschauer im bei weitem
nicht vollen Saal des Staatstheaters bedankten sich für die Vorstellung mit
begeistertem Applaus
Manfred Langer
MARTA
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, am 9.4.09
Martha, eine
romantisch-komische Oper in 4 Akten, war das erfolgreichste Werk des
Komponisten von Flotow, der zwischen1855 und 1863 auch Intendant des
Schwe-riner Hoftheaters war. Flotow komponierte den 3. Akt ursprünglich als
Auftragsarbeit an 3 Komponisten für je einen Akt als Ballett für die Grand
Opera in Paris. Die Handlung von Martha (Text von Friedrich Riese) enthält
Genrebilder der Umgebung wie den Mägdemarkt von Güstrow, die Begegnung des
mittelständischen Adels mit dem stolzen Großbauerntum, das genau in die
gesellschaftliche Wahrnehmung des Biedermeier traf. Musikalisch folgt von
Flotow dem Singspiel, in der sonst von roman-tischer Schwere geprägten
Opernwelt oder von Offenbachschem Esprit nimmt sich seine Musik einfach,
geradlinig, harmonisch glatt und operettenhaft aus. Nach der Uraufführung am
Großherzoglichen Hoftheater 1848 trat die Oper einen weltweiten Siegeszug an
und wurde in mehrere Sprachen übersetzt auf beinahe allen Erdteilen gespielt.
Heute ist sie nahezu aus der Rezeption verschwunden von renommierten Ausnahmen
wie der Inszenierung durch Loriot abgesehen. Wie kann man heute dieses als
altmodisch, naiv und etwas läppisch imponierende Werk mit wenig musikalischer
Differenzierung auf die Bühne bringen ?
Das gelingt Robert Lehmeier
(Regie) und seinem Team (Markus Meyer, Kostüme und Ausstattung) in erstaunlich
spritziger und amüsanter Weise. Der Vorhang öffnet sich auf einen bunten
großblumig pastellfarben dekorierten Raum
mit Innenbühne als Laufsteg. Lady Harriet und ihre Zofe Nancy sitzen
gelangweilt in gleichmustrigen Sesseln vor der Präsentation eines Brautkleides.
Auch die anschließende Gymnastikszene kann das allgemeine Ennui nicht
unterbrechen. Mit Lord Tristans Auftritt (jugendlich schwungvoll mit
geschmeidigem Bariton Roman Grübner) tut
sich nun die Möglichkeit auf, diesen in seinem langweiligen Werben zu
brüskieren und durch einen Konventionsverstoss aus der Langeweile auszubrechen.
Die Gesell-schaft bricht zum Mägdemarkt in Richmond auf und die Damen
verkleiden sich entsprechend. Das ganze wird als Reality-Soap a la „ Bauer
sucht Frau“ auf die Bühne gebracht und ist höchst unterhaltsam. Demonstrativ
tragen die Damen leuchtend gelbe Gummistiefel unterm Kleid, die Herren sitzen
rotbäckig in Cordhosen und mit riesigen Schnupftüchern auf dem Ausguck. Der
schwer zu ertragende gereimte Unsinn, den der vorzügliche Chor zu singen hat
(Einstudierung: Ulrich Barthel) passt genau zum einfachen Unterhaltungsniveau
derartiger Fernsehformate und wird so nicht als Zumutung empfunden. Es kommt
wie es kommen muss, aus Spiel wird ernst, die Damen sind einen Vertrag
eingegangen, deren Einlösung jetzt eingefordert wird. Sie müssen mit aufs Land.
Das Bühnenbild wechselt zu einem überdimensionalen Misthaufen mitten auf der
Bühne vor einem Waldprospekt. Davor lehnt ein gelangweilter Hund mit einer
Mistgabel. Nach dem Herantragen von zahllosen Koffern sollen die beiden zeigen,
was sie handwerklich und haushälterisch so drauf haben. Beide lehnen heftig ab,
geben mal die Dummen, mal die Arroganten und gewinnen schließlich die Männer in
Rollenumkehr, ihnen zu zeigen, wie man spinnt. Dieses Spinn-Quartett, bei dem
die Männer spinnen, in Staccati singen und die Frauen dahinter sich über die
beiden lustig machen gehört zu den witzigsten musikalischen Einfällen der Oper.
Gleichzeitig entstehen zwischen den Paaren zarte Bande. Zur Abendszene wendet
sich die Bühne und offenbart auf der Rückseite des Misthaufens die Schlaf- und
Küchenstube der Bauern.
Lady Harriett ist mit Lyonel
alleine und er fühlt ihr nun auch auf den Zahn, was sie noch kann. Sie äußert,
sie könne singen und beginnt die „ Letzte Rose“ zu einem schmelzenden Oboensolo
anzustimmen. Lyonel verliebt sich unsterblich.
Ulrike Maria Maier gestaltet
die Lady leider mit wenig Innigkeit , sie ist eine Soubrette, die immer wieder
ins Alberne, Lachende, Lächerlichmachende verfällt, der dramatische Ernst der Partie ist ihr
nicht zugänglich, sie übertreibt ihn durch unnötiges Chargieren. Sie singt mit
locker perlendem Sopran, geläufig und akkurat, die lyrischen Bögen bleiben kühl
und farblos. Sarah von der Kemp als Zofe Nancy hat da viel mehr Mittel mit
ihrem schlanken, beweglichen Mezzo und der größeren Stimme zur Verfügung. Sie
beherrscht die Wechsel in die Dramatik und hat auch komisches Talent. Die
Balance entlang dieses Grades ist ohnehin die Herausfor-derung des Abends.
Andreas Hermann als Lyonel ist entweder leicht indisponiert an diesem Abend
oder die stimmlichen Unsicherheiten und Brüche sind der Premieren-aufregung
geschuldet. Im mezzavoce Bereich hat er eine schöne lyrische Stimme, die er
leider zum Aktschluss hin forciert, was schepprig klingt. Frank Blees gibt
einen vollmundigen und vitalen, sehr komischen Plumkett, ein reifes und auch
gediegenes Gutsherrenmannsbild, der sich unsicher ist, wie er das junge Ding
(Nancy) denn ansprechen soll. Sein profunder Bassbuffo grundiert den Abend
wunderbar.
In der Nacht flüchten die
Damen mit Tristans Hilfe. Einige Zeit später begegnet man sich wieder am Rande
einer königlichen Jagd in den Wäldern. Nachdem Lady Harriett Lyonel erst von
sich stößt, will sie dieser, als sich seine wahre Herkunft als der Sohn des
Grafen von Derby herausstellt und damit kein Standesunterschied eine Verbindung
mehr verhindern würde , nicht mehr. Mit Unterstützung des zweiten Buffopaares
Nancy und Plumkett gelingt die große Versöhnung und der Vorhang fällt zur
Kameraeinstellung der verzeihenden Umarmung. Hinreißend komisch ist der
Annäherungsversuch des zweiten Paares, wie Nancy trotzig und spröde und doch in
Plumkett verliebt von diesem mit der Aussicht auf all die Dorfschönen aus der
Reserve gelockt wird. Durch intelligente Regie wird hier auch die Peinlichkeit
des Textheftes wie „ Ja , was nun“ „ Ja, was nun, was nun tun…“ überspielt.
Der Star des Abends ist
jedoch die Queen, die schon während der Ouvertüre als übergroße Videoprojektion
passend zu den unterschiedlichen Melodien
erst mit finsterem Schmollmund, dann mit genervtem Ennui, schließlich
mit huldvollem Lächeln zur Melodie des Mägdereigens geneigt auf das Publikum
blickt. Zu jedem Zwischenspiel kehrt sie wieder, einmal nach der
Jagdgesellschaft sich genussvoll einen Whisky gönnend, dann mit unterdrücktem
Lachen, was sie versucht mit Haltung zu unterdrücken – das Publikum ist sehr
begeistert – und schließlich mit scheltendem Zeigefinger vor dem Schluß. Sie
tritt zur Versöhnung persönlich auf die Bühne und gibt dem Paar ihren Segen.
Eine schauspielerische Meisterleistung von Jan Pawluczuk, dessen Identität sich
erst beim Nachlesen im Programmheft offenbart, so gut ist die Täuschung. Das
Publikum dankt es denn auch mit einem extra Applaus zum Ende.
Der Generalmusikdirektor
Matthias Foremny führt die mit großem romantischen Ton musiziernde Mecklenburgische
Staatskapelle, die auch die Leichtigkeit der Partitur flüssig und leicht zu
musizieren versteht, beschwingt durch den Abend.
Für das Regieteam gibt es
einige Einzelbuhs, sonst durchweg großen Jubel, das Publikum geht gerne mit bei
der Regie und folgt dem Witz des Abends. Dem Regieteam gebührt große
Anerkennung dafür, diesen antiquierten Stoff mit derart leichter Hand zu einem
temporeichen und witzig-bunten Opernabend umgewandelt zu haben.
Gabriele Latzko