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DER BESUCH DER ALTEN DAME.

DAS MUSICAL

 Der Besuch der alten Dame -sie links Ronacher Besuch der alten Dame Plakat
Alle Fotos: Andreas Haunold

WIEN / Ronacher: 
DER BESUCH DER ALTEN DAME. DAS MUSICAL
Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt
Buch: Christian Struppeck / Musik: Moritz Schneider, Michael Reed
Premiere: 19. Februar 2014 

Musical ist eine Kunstform, die mehr als alle anderen zu dem einzigen Zweck erfunden wurde, viel Geld einzuspielen. Wien hat sich mit vielen Bemühungen zu einer „Musical-Stadt“ gemacht, immer wieder neue Projekte ersonnen (deren Sinnfälligkeit oft nicht unbedingt einzusehen war), und Leute, die Musical machen, schmeicheln sich (wie etwa Uwe Kröger es neulich in einem ORF-Interview kundtat), dass die Touristen der Musicals wegen nach Wien kämen. Da irrt er gewiss, wenn man die Mengen von Japanern in der Staatsoper sieht, ganz zu schweigen von den Touristen-Massen in Schönbrunn. Die haben anderes im Sinn. Und traurige Tatsache ist, dass Musical in Wien entschieden mehr Geld kostet, als es einbringt. Wofür gibt man es nun aus?

Das neueste Kind der „Vereinigte Bühnen“-Laune nennt sich nun „Der Besuch der alten Dame“, und der Hinweis „basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt“ ist etwa auf der Titelseite des Programms so klein gedruckt, dass man es kaum lesen kann. Man weiß vermutlich, warum. Denn wenn es das Wesen des Musicals ausmacht, in Gesang und Tanz auszubrechen, bietet diese düstere Story dazu keine überwältigend guten Voraussetzungen.

Tatsächlich ist die Kapitalismus-Kritik, die der grimmige Schweizer 1955 schrieb, inhaltlich eher dürr. Ein armes Mädel ist in dem Elendskaff Güllen schwanger sitzen gelassen und auch noch verleumdet worden. Jahrzehnte später kehrt sie als sagenhaft reiche Milliardärin zurück und will sich Rache kaufen, die sie Gerechtigkeit nennt. Die Güllener geben sich nicht lange mit dem christlichen Abendland ab, erliegen den Lockungen des Geldes (im Stück bietet sie „eine Milliarde“, Währung wird nicht genannt, ehemalige Lire sicher nicht, im Musical sind es „zwei Milliarden“, das ist viel weniger eindrucksvoll) und erachten es am Ende als ihr gutes Bürgerrecht, das Opfer umzubringen, um ihren eigenen Wohlstand zu sichern… Ja, ja, käuflich sind alle.

Das hat als Lehrstück fast Brecht-Charakter und bietet optisch rein gar nichts – das Dorf, den Laden, den Wald – und auch inhaltlich wenig Spektakuläres. Humor, ohne den ein Musical kaum auskommt, fehlt gänzlich und wird auf geradezu verheerende Weise hineinkatapultiert,  Dramatik wird aufgedreht, Kitsch überbordet. Christian Struppeck, der Musical-Intendant der Vereinigten Bühnen Wien (und damit sein eigener Auftraggeber als Librettist), hat es sich einfach nicht nehmen lassen, die Dame, die so gar nicht fürs Musical ist, mit einer gewaltigen Anstrengung an „Creative Development“ (so steht seine Zusatzfunktion im Internet) auf die Bühne zu schupsen. (Übrigens, ganz so original, wie wir hier in Wien glauben, ist das Unternehmen nicht, die Thuner Seefestspiele haben diese „Alte Dame“ schon 2013 auf dem See gezeigt.)

Der Besuch der alten Dame Szene ahaunold

Um die Geschichte geschmeidiger zu machen, bringt Stuppeck zwecks Kitsch in vielen Rückblenden die junge Kläri Wäscher und den damals noch jungen und verliebten Alfred Ill auf die Bühne, und wenn am Ende ein Toter auf der Bühne liegt, was ja nicht so erheiternd ist, dürfen die beiden samt dem kleinen Mädchen, das sie nie hatten (Kläri hat das Kind verloren), glückliche Familie spielen. Spot auf die Dreisamkeit, Vorhang. So viel zu einem Versuch, die herbe Story musicaltauglich zu machen.

Dass Struppeck – wohl auch um den Abend zu strecken, der sich dann auf  2’50 Stunden Spieldauer zieht – eine Oberammergau-Passionsszene erfindet, in der die verlogenen Güllener auf das schrecklichste „heiligmäßig“ parodiert singen und tanzen und das Jesukind gebären (samt Babygekreisch), nein, keine Angst, niemand regt sich auf, niemand schickt ein Killerkommando, hierzulande darf man alles. Das Thema der religiösen Gefühle existiert nicht und das des Geschmacks schon gar nicht. Spielt es eine Rolle?

Freilich, wenn die Liedtexte allzu schlimm werden, dann kann Struppeck mit dem Zeigefinger weiterzeigen. Nein, Liebe endet nie / nichts ist stark wie sie / Das Weltall mag beben / Sie bleibt am Leben, das hat Liedertexter Wolfgang Hofer geschrieben, der noch anderes haarsträubend formuliert hat, aber nicht allein verantwortlich gemacht werden darf. Nur eine Frage bleibt offen: Wie viel Geld haben die Vereinigten Bühnen in die Hand genommen, um den Dürrenmatt-Erben ein weltberühmtes Stück zwecks Verballhornung abzukaufen?

Die Musik stammt von zwei Herren, Moritz Schneider und Michael Reed, bei dem auch noch „Musical Supervision & Arrangements“ dabei steht, aber für die Orchestrierung (Martin Gellner) haben sie zusätzlich noch jemanden gebraucht. Schneider hat bisher vor allem (Info aus dem Internet) „für die Bereiche Film und Show“ gearbeitet. Abgesehen davon, dass seine Musik klingt wie alle Musicals der Vereinigten Bühnen, nämlich nach gar nichts, ist er doch mit einer Lautstärke und einem Pomp unterwegs, der an (schlechte) Hollywood-Filme erinnert. In einer Szene parodiert er (es muss ja Komik hineingepresst werden) gewissermaßen flotte Filmmusik der fünfziger Jahre. Dass der ganze Abend nicht eine Melodie, eine Phrase beinhaltet, die man sich merken könnte… na, ist ja nicht für die Ewigkeit gedacht. In solchem Lärm kann man eigentlich nur „umrühren“, und das übernimmt Koen Schoots mit dem Orchester der Vereinigten Bühnen Wien.

Da gibt es also die einerseits reduzierte, andererseits mit vielen Ensembleszenen und Duetten aufgeblähte vage Geschichte der „alten Dame“ alias Claire Zachanassian und des auch alt gewordenen Alfred Ill plus einer Handvoll Güllener, aber all das ist doch eher einförmig und szenisch reizlos. Dafür haben Regisseur Andreas Gergen und Bühnenbildner  Peter J. Davison wenigstens etwas geleistet, um das Geschehen in Schwung zu halten, schnelle Verwandlungen, geschickte Übergänge, auch in die getanzten Passagen (Choreografie: Simon Eichenberger), und wenn man schon den Hubschrauber nicht sieht, mit dem Frau Zachanassian kommt, man hört ihn doch eindrucksvoll, und einmal wird – nur frontal und wohl kaum mehr als Attrappe – ein Eisenbahnzug (der Bundesbahn) hineingeschoben. Ob damit das Bedürfnis das Publikums nach Schau- und Show-Elementen ausreichend befriedigt ist?

Der Besuch der alten Dame die zwei rechts

Pia Douwes und Uwe Kröger sind Wiens Musical-Stars, sie haben zweifellos genug an Persönlichkeit ins Geschehen zu werfen, um ihre Geschichten zu erzählen (wenn auch zwecks Auswalzung der Sache die Nebenfiguren noch und noch herumwieseln). Pia Douwes, unglaublich schlank, mit einer Fülle verschiedener, attraktiver Weißhaar-Perücken, sieht phantastisch aus und wirkt gar nicht so böse, wie sie sein sollte. Dass es weder ihr noch den anderen schwer fällt, das brüllende Orchester zu überschreien, ist dank Kopfmikros (jene, die so hässlich auf den Wangen kleben) und Tonmeistern wohl keine große Kunst. Uwe Kröger, bislang meist der schöne Mann, ist hier mit dem gehetzten Kleinbürger bei der großen Charakterrolle angelangt und spielt sie bemerkenswert uneitel.

Der von seinem Gewissen gebeutelte Lehrer (Ethan Freeman), der aalglatte Bürgermeister (Hans Neblung), der am Ende gar nicht so gemütliche Polizist (Norbert Lamla)  und der verlogene Pfarrer (Gunter Sonneson) erfüllen ihre Rollen ebenso wie Masha Karell als kitschige Ill-Gattin. Die Dürrenmatt’sche Frau Zachnassian wurde ihrer Gatten und ihrer seltsamen Begleiter beraubt, hier hat sie ein Komiker-Trio als Leibwächter, die in eine Lustspielszene ausbrechen dürfen, Ottakringerisch inbegriffen (Jeroen Phaff,  Peter Kratochvil, Dean Welterlen). Lisa Habermann als junge Kläre und Riccardo Greco als junger Alfred dürfen auf die Tränendrüse drücken.

Ein geladenes Publikum kennt seine Pflichten, viele (Begeisterungs-?)Schreie durchdrangen den Beifall, es klang nach Erfolg. Tatsächlich aber lässt sich ein solcher nur mit möglichst täglich ausverkauften Vorstellungen beweisen. Damit sich Musical in Wien auch rechnet. Es geht immer ums Geld, sagt Dürrenmatt. Wie Recht er hat.

Renate Wagner 22.2.14

 

 

TASCHENOPER

http://taschenoper.at/de

 

Karlheinz Stockhausen für Kinder

DER KLEINE HARLEKIN

KOPRODUKTION mit der Oper Graz

 

Premiere in Wien: 22.11.2013

Besuchte Vorstellung Vorstellung auf der Studiobühne der Oper Graz  am 01.12.2013                                

Ambitionierter Versuch

Besprechung unter Graz

 

 

METROPOL

ROSEN IN TIROL von Peter Hofbauer

Rosen in Tirol Ensemble

Premiere: 2. Oktober 2013,
besucht wurde die Generalprobe

Wenn man sich „Rosen in Tirol“ schenkt, kann der „Vogelhändler“ nicht weit sein. Aber das Metropol und sein Chef Peter Hofbauer sind für höchst eigenwillige Adaptionen klassischer Stoffe bekannt. „Sehr frei nach Carl Zeller“ gibt sich folglich das neue Metropol-Musical, aber ein paar der unsterblichen Melodien sind, aufgepeppt von Johnny Bertl & Manfred Schweng, unüberhörbar aus dem Original gerettet worden und haben ihren operettigen Schwung in köstlichen Swing umgesetzt.

Man muss bereit sein, an dergleichen respektlosem Tun Spaß zu finden, aber wenn man’s kann, unterhält man sich königlich. Hofbauer hat bekannt wild gewaltet und aus der einstigen Lieblichkeit eine durchaus witzige Tiroler-Tourismus-Satire gemacht. Da heißt der Wirt vom Nobelhotel Kaspar Hofer und gibt sich auch, mit Bart und Hut fürs Foto, ganz wie der berühmte Namensvetter. Gejodelt wird allerdings nicht viel, und die Berge spielen auch eine untergeordnete Rolle – die Society-Gesellschaft ist alljährlich los, und da braucht es einen Fürsten, eine Klatschtante, Fernsehteams und immer neue Wellness- und Unterhaltungsideen. Die Krönung zur „Rosenkönigin“ ist dann der Höhepunkt. Ehe- und Beziehungskrisen sowie Liebeleien, kurz, das übliche Quid pro Quo zwischen Herrschaft und Personal – und kräftige Masseurhände würzen das Geschehen ungemein.

Ja, der Adam ist natürlich kein Vogelhändler mehr, sondern „der lustige Masseur“, und die Christl „von der Post“ hat ein gleichnamiges altes Familienhotel, das sie ungeachtet von dessen unzeitgemäßer Altvatrigkeit revitalisieren will. Um das zu finanzieren, arbeitet sie beim Nobelwirten… Caroline Vasicek sieht zwar ein bisschen verhärmt drein (die Christl hat ja auch Probleme, nicht nur mit ihrem Hotel, sondern auch mit dem Adam, der der Fürstin zu nahe kommt), ist aber eine Musicalsängerin von großem persönlichen Zauber, den sie hier voll einsetzt, ganz abgesehen von ihren ausgezeichneten Gesang- und Tanzeskünsten. Boris Pfeifer ist die ruppige Lederhosen-Version eines Adam, mit funktionierendem urigem Charme. Als Hofer-Wort bringt Stephan Paryla-Raky jede Menge Präsenz ein.

Rosen in Tirol christl und Adam

Die Nobelgäste kommt das adelig Ehepaar Wertheimstein ins Spiel: Alfred Pfeifer näselt einen wienerischen, sexuell unersättlichen älteren Fürsten mit Selbstironie, aber nicht ohne Würde, und so blond, nobel und Nase in die Luft wie Caroline Frank stellt man sich eine vom Gatten unterforderte und entsprechend sauertöpfische Fürstin vor. Mit Tania Golden hat sie eine in jeder Hinsicht (von Figur bis Humor) prächtig-wuchtige Begleiterin.

Besonders witzig ist die wie punktgenau erscheinende Parodie einer Andrea Bundy durch Susanna Hirschler als Society-Brocken, und an Claudia Rohnefeld und Patrick Lammer als Fernsehmoderatorin und Kameramann amüsiert auch, dass sie so schlumpfig klein und er so überdimensional groß ist. Judith von Orelli darf spielen, was sie ist, nämlich eine Schweizerin, und nicht zuletzt daran sieht man, wie punktgenau Peter Hofbauer auf sein wirklich exzellentes Ensemble hingearbeitet hat.

Die Damen ergeben, egal, welche Rolle sie spielen, auch immer wieder eine Girl-Gruppe, die nach den Anweisungen von Choreographin Sabine Bartosch manch hinreißendes Tänzchen im Dirndl hinlegt (Ausstattung: Claudia Vallant / Sabine Ebner).

Unter dem flotten Titel „die fidelen Kitzdorfer“ agiert eine laute, aber hoch kompetente Band unter der Leitung des auch Gitarre spielenden Johnny Bertl, und im Endeffekt ist es die Leistung von Regisseur Andy Hallwaxx, der alle gelungenen Zutaten dann auch so zusammengekocht hat, dass ein geradezu vorzügliches Tiroler Gröstel daraus geworden ist.

Renate Wagner                                                      Bilder: Metropol

 

 

 

PARLAMENT

WIEN / Parlament / Historischer Sitzungssaal

 

SPIEGELGRUND    Oper von Peter Androsch


Uraufführung anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages.Produktion: Anton Bruckner Privatuniversität des Landes Oberösterreich


25. Jänner 2013

Man kann sich nicht nur eine schöne, glanz- und ehrenvolle Vergangenheit zurecht biegen, man muss sich auch dem eigenen Horror stellen, stellte Nationalrats-Präsidentin Barbara Prammer in ihren Einleitungworten fest. Und so kam es im Historischen Sitzungssaal des Österreichischen Parlaments anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages zu einer Produktion, bei der Oberösterreich federführend war. „Spiegelgrund“ stammt von dem Komponisten Peter Androsch (* 1963 in Wels), der sich dabei auf Texte stützte, die Silke Dörner und Bernhard Doppler zusammen gestellt haben, wobei sie auch (auf Griechisch) den Historiker Plutarch als antiken “Zeugen” ins Spiel bringen. Denn er berichtet, dass die Kindermorde, die während der nationalsozialistischen Ära in der Wiener „Kinderfachabteilung Spiegelgrund“ stattfanden, grauenvolle Tradition haben – schon die Spartaner fanden, dass man alles Schwache und Kränkliche von Staats wegen ausrotten sollte… Es führte ein gerader Weg der Menschheitsgeschichte zur Euthanasie.

„Spiegelgrund“ stellt kein Einzelschicksal in den Mittelpunkt, hier wird das große Ganze gesehen. Ein Sprecher (Karl M. Sibelius), ein Baß (Robert Holzer), zwei Sopranistinnen (Katerina Beranova, Alexandra Diesterhöft als Kinderstimme) geben in dieser einstündigen Oper, die weit eher ein Oratorium ist, den Opfern eine Stimme (wobei das Kinderlied „Kommt ein Vogerl geflogen“ erschüttend für die Welt der so brutal Getöteten steht), aber auch den Tätern – und der Dokumentation des Geschehenen. Material über den „Spiegelgrund“ wird vom Sprecher knapp und klar hingestellt – 789 Kinder hat man für medizinische Experimente „verwendet“, hat ihre Überreste und Leichenteile noch Jahrzehnte über die Nazi-Herrschaft hinaus als „Präparate“ verwahrt und erst 2002 beigesetzt… „Geben Sie einer Mutter ihr Kind zurück“, bat eine verzweifelte Frau in einem vorgelesenen Brief eine Ärztin vom “Spiegelgrund” – zweifellos vergeblich. Der Baß artikuliert die Gesetze der Spartaner. Schmerzliche Impressionen kindlicher Leiden liegen in Frauenkehlen.

So eindrucksvoll die Sänger wirkten, so kam doch der stärkste Eindruck des Abends vom orchestralen Teil der Musik von Peter Androsch, die Dirigent Thomas Kerbl mit dem „Ensemble 09“ in Kammermusik-Besetzung ohne schweres Blech (Streicher, Flöte, Cembalo, eindrucksvoll eingesetztes Schlagzeug) großartig realisierte (wobei der historische Sitzungssaal des Parlaments, im Halbrund eines römischen Theaters gestaltet, exzellente Akustik offenbarte). Obwohl grundsätzlich tonal gehalten, kann diese Musik so schmerzlich in die Seele schneiden, wie es dem Thema entspricht, und intensivste Gefühle der Trauer evozieren. Der Stimmungsgehalt ist bedeutend und hat wohl auch mit der persönlichen Betroffenheit des Komponisten durch das Thema zu tun (sein Großvater wurde von den Nazis verschleppt und ermordet).

Im Parlament konnten sich die Interpreten – das Orchester war in der Mitte vorgelagert – nur zwischen zwei Sitzreihen bewegen, aber es handelt sich ja, wie gesagt, nicht wirklich um eine „Oper“, die man inszenieren könnte. Mit dem Sprecher vorne in der Mitte, hinter ihm (im Ärztemantel) der Baß, der die antiken Tötungs-Gesetze verkündet (die Hitler so billigte), rechts die Stimme des Kinderliedes, links quasi die Stimme der Erinnerung, hat Regisseur Alexander Hauer das Geschehen übersichtlich positioniert. Vielleicht ging das Dargebotene auch deshalb dermaßen unter die Haut, weil es durch keinerlei Mätzchen verbilligt wurde.

Das Publikum im übervollen Saal spendete sicherlich erschütterten, aber nichtsdestoweniger stürmischen Beifall.

Renate Wagner

 

 

 

 

 

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