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MADRID: Auditorio Nacional

Orquestra Nacional de España, ML: Simone Young

FRANZ SCHUBERT: Sinfonie in h-moll “Unvollendete”, Große Sinfonie in C-dur

Besuchte Aufführung: 14.3.2014

Erlebnis Schubert

Letztes Wochenende stand beim Konzert-Zyklus des Spanischen Nationalorchesters Bruckners Neunte, zusammen mit dessen Te Deum auf dem Programm. Dass an diesem Wochenende die „Unvollendete“ und die „Große“ von Schubert gegeben werden, ist nicht willkürlich geschehen. Wie der Musikwissenschaftler Enrique Franco (zitiert im Programmheft von seinem Kollegen Jose Luis Garcìa del Busto Arregui) ausführt, sind die Schubert-Sinfonie in h-moll („Unvollendete“), sogar mehr noch dessen „Große“ Sinfonie in C-dur, begreifbar als „Apoteose“ der romantischen Musik und verweisen vor allem auf Bruckner und Mahler. 

Simone Young dirigierte auch dieses Konzert auswendig.

Foto: Berthold Fabricius

Die beiden Schubert-Sinfonien sind sehr populär – insofern sollte man denken, dass ein Konzertbesuch kein außergewöhnliches Erlebnis bietet. Es war dennoch eines – vollkommen unerwartet. Denn den Musikern und Musikerinnen des Spanischen Nationalorchesters gelang gewissermaßen die Quadratur des Kreises: Sie spielen feinsten, nuancenreichsten Schubert – und zugleich gelang, gleichermaßen diskret und deutlich, an entscheidenden Stellen ein frappierender Anklang an die beiden „Titanen“ der Romantik. 

Bei der „Unvollendeten“ schwingt schon im ersten Satz ein Verweis auf Mahler mit: das „Geheimnisvolle Motiv“ enthält charakteristische Elemente aus dessen Siebter. Die allerersten Takte der „Großen“ Sinfonie sind wiederum Bruckner-tpypisch. Der „Marsch“ des zweiten Satzes zeigt hinsichtlich Klangfarbe und Themenführung geistige Verwandschaft zu Mahler, der Ländler des Scherzos schließlich könnte gleichermaßen Inspirationsquelle für Bruckner und Mahler gewesen sein.  

Das außergewöhnlichste Erlebnis des Abends war jedoch das Orchester selbst. Beide Kompositionen Schuberts fordern den Ausführenden extreme Wandlungsfähigkeit und Fingerspitzengefühl ab: rascheste Wechsel der Stimmungen, Tempi, Rhythmen, ein Hin- und Herpendeln zwischen emotionalen Extremen – oder aber lange lyrische Passagen, deren leise Dramatik sorgsam herausgearbeitet werden muss. So verharrt der zweite Satz der „Unvollendeten“  in seiner Ruhe und Abgeklärtheit überwiegend in feinsten Nuancierungen des Pianissimo – und dennoch gilt es, einen subtilen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Diese schwierige Synthese gelang derart überzeugend, dass schon nach diesem ersten Programmteil Bravo-Rufe kamen.  

Im zweiten Teil steigert sich dies noch: Die sonst recht mitteilungsfreudigen und eher ungeduldigen Madrilenen sind mucksmäuschenstill, kaum jemand hustet, alle lauschen atemlos gebannt, und dennoch ist eine wunderbare Leichtigkeit und Entspanntheit im Raum. Das, was im ersten Satz der „Unvollendeten“ oder im Seitensatz des Andante der „Großen“ Sinfonie geschieht, ist in diesem Orchester tatsächlich schönstes musikalisches Frage- und Antwort-Spiel zwischen den Streichern und Posaunen. Hier ist, durch jeden einzelnen Instrumentalisten, ein Aufeinandereingehen in kaum überbietbarer Perfektion zu erleben, und dennoch ist jede Instrumentengruppe, fast jedes einzelne Instrument, wunderbar transparent hörbar. Das ganze Orchester ist ein lebendiger Organismus. Dass Musik eine andere Form der Kommunikation ist – dafür ist das Spanische Nationalorchester anschaulicher und –hörbarer Beweis. 

Fast ist es unerheblich, dass dieses Orchester, auch an diesem Abend, unter Leitung eines Dirigenten stand. Die „Sala Sinfonica“ des Auditorio Nacional ist terassenförmig angelegt, und bei diesem Konzert habe ich auf der Tribüne, also hinter dem Orchester gesessen. Wer dort sitzt, sieht auch, wie der Dirigent mit dem Orchester kommuniziert. Simone Young dirigierte auch dieses Konzert auswendig – jede Sekunde war sie daher mit dem Orchester in Kontakt. Es reagierte auf kleinste Gesten und Blicke, abermals waren die Musiker und Musikerinnen mit ihrer Dirigentin eins. Wie sehr, zeigte sich in der „Großen“ Sinfonie: vor Beginn des zweiten Satzes blickt die Dirigentin fast schelmisch lächelnd in die Runde – legt den Taktstock beiseite und dirigiert nur mit den Händen, obwohl dieser, über weite Passagen an die „Winterreise“ gemahnende, „liedhaft“-lyrische Satz auch expressive Tutti-Momente enthält. Hier wird denn auch ganz besonders deutlich: alle – Orchester, Dirigentin und Publikum – haben große Freude an der Musik und dem Weltklasse-Niveau, das spielerisch erreicht wird. Die Aufführung wurde entsprechend belohnt mit frenetischem Applaus und Bravorufen. Nach Hause (oder ins Hotel) trug man einen wunderbaren Nachklang dessen, was es bedeutet, Musik nicht nur zu hören, sondern zu erleben. 

Samstag und Sonntag (15. und 16.03.14)  wird das Konzert wiederholt, die Samstag-Aufführung wird im Radio übertragen.  

14.3.2014  Christa Habicht

 

 

 

MADRID: Auditorio Nacional

Orquestra y Coro Nacionales de España, ML: Simone Young

ANTON BRUCKNER: 9. SINFONIE UND TE DEUM

Besuchte Aufführungen: 7. und 8. 3.2014

Im höchsten Sinne gelungen

Wie atemberaubend intensiv Simone Young das Werk Anton Bruckners den von ihr dirigierten Orchestern und den Zuhörern nahezubringen vermag, wurde ihr von der Musikkritik erst kürzlich anlässlich der relativ selten gespielten 6. Sinfonie des Komponisten, aufgeführt durch die Philharmoniker Hamburg unter ihrer Leitung, bescheinigt: „Simone Young schickt Feuer und Seele ins Orchester“, so Tom R. Schulz in Überschrift und Text seines Artikels im Hamburger Abendblatt am 16.12.2013. Dass ihr dies nicht nur gelingt bei einem Orchester, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet – demnächst ist sie zehn Jahre in Personalunion Generalmusikdirektorin und Intendantin der Staatsoper Hamburg und hat auch aufgrund dieser Konstellation eine herausragende Stellung im Musikleben inne – , bewies schon eine hervorragende Aufführung der gleichen Sinfonie durch die Dresdner Philharmoniker unter Youngs Dirigat in einem, von mir ebenfalls besuchten Konzert am 6.10.2013 in dortigen Kreuzkirche. 

Jetzt also Bruckners Neunte mit dem traditionsreichen Spanischen Nationalorchester – eines der anspruchsvollsten Werke des Komponisten, wahrscheinlich sein schwierigstes überhaupt, das bis heute zahlreiche ungelöste Fragen aufwirft, obendrein erarbeitet in vergleichsweise kurzer Zeit und fern der „musikalischen Heimat“ Bruckners. Eine Herkules-Aufgabe sowohl aus Sicht eines Dirigenten als auch aus Sicht eines Musikwissenschaftlers. Simone Young verfügt auf beiden Gebieten über profunde Expertise.

Simone Young hat Kompositionslehre studiert, ist selbst Komponistin – und als Dirigentin engagierte, fachkundige und leidenschaftlich-liebevolle musikalische „Anwältin“ des Komponisten                 Foto: Klaus Lefebre / Staatsoper Hamburg

Die Absicht des Komponisten hat für sie oberste Priorität, und aus diesem Verständnis einer „musikalischen Anwältin“ heraus hat sie die jetzt in Madrid realisierte Aufführungsform der 9. Sinfonie von Bruckner gewählt, wie auch im Programmheft dargelegt. Die Nutzung von Material, das nicht tatsächlich vom Komponisten selbst stammt, verbietet sich für ihre Auffassung der Dirigenten-Aufgabe. Die Darbietung eines Fragments des 4. Satzes oder die Aufführung als dreisätzige Sinfonie, mithin quasi als Bruckners „Unvollendete“, verbietet sich ebenso, da der Komponist ganz offensichtlich eine viersätzige Sinfonie konzipiert hat. Die Aufführung der 9. Sinfonie zusammen mit Bruckners Te Deum ist naheliegend aus zwei Gründen: Zum einen hat diese Lösung dem Komponisten selbst vorgeschwebt, und zum anderen gab es Hinweise, dass er im vierten Satz der Neunten eine Aussage zu Gehör bringen wollte, die der des Te Deum nahekommt. 

Simone Young dirigiert das gesamte Konzert aus dem Gedächtnis heraus. Bereits der erste Satz schlägt die Zuhörer komplett in den Bann der ebenso gewaltigen wie gewagten Gegensätzlichkeit der Themen, deren Zartheit und Wucht sie bis in die letzte Nuance herausarbeitet und zugleich mit müheloser Souveränität zu spannungsgeladenen Bögen zusammenfügt. Die Musiker und Musikerinnen des Spanischen Nationalorchesters folgen ihr von Anfang an mit der gleichen geschmeidigen Eleganz, die Simone Youngs Dirigierstil ausmacht und Bewegung und Ausdruck der Dirigentin eine hinreißend schöne Ästhetik verleiht. Das Scherzo leitet sie mit geradezu verführerischer Verve und Verschmitztheit – Dirigentin und Orchester agieren vollkommen auf der gleichen Linie.

Die Besonderheit des Konzerts kündigt sich an in der Pause vor dem dritten Satz: sie wird zur „Konzertpause“, während der Spanische Nationalchor und die vier Gesangssolisten leise auf die Bühne kommen. Spätestens in diesem Moment, der keinesfalls irritiert oder der hochkonzentrierten Spannung von Publikum und Musikern abträglich ist, erschließt sich dem gesamten Publikum die dahinter verborgene Idee: Das Adagio der Neunten und das Te Deum sind in dieser Konzert-Konzeption so ungewöhnlich eng zusammengerückt, so dass sie einen formalen Block gegen die ersten beiden Sätze bilden. Doch was daraus entsteht, ist erstaunlicherweise eben kein stilistischer oder tonartlicher Bruch, obwohl gerade dies als Einwand gegen die gemeinsame Aufführung beider Werke vielfach ins Feld geführt wird. Hörbar wird stattdessen ein fast kierkegaardscher „Sprung“ von der Verzweiflung in die Hoffnung, vom dunklen Moll-Ton der 9. Sinfonie ins strahlende C-dur des Te Deums mit überwältigender Wirkung.

Zuvor, bereits im 3. Satz, als sich der „Klangteppich“ mit seinen verzweifelten, aufbegehrenden und verklärten Momenten mit fast hypnotisierender Eindringlichkeit entwickelt, vollzieht sich zwischen Dirigentin und Orchester das, was im katholischen Verständnis als „Unio Mystica“ bezeichnet wird. Young braucht niemals, in keiner Sekunde des Konzerts, etwas zu korrigieren. Sie und die Musiker sind eins. Und diese Einheit potentiert sich noch, als nun, im als 4. Satz der Sinfonie behandelten Te Deum, der Spanische Nationalchor und die Gesangssolisten mit atemberaubender Perfektion, quasi wie ein Leib und eine Seele, in die Darbietung einstimmen. Alle, auf absolutem Spitzenniveau agierenden Beteiligten – Orquestra y Coro Nacionales de España, Ricarda Merbeth (Sopran), Claudia Mahnke (Mezzosopran), Andrew Staples (Tenor), Stephen Milling (Bass) – vollziehen hier ein musikalisches Hochamt, das geeignet ist, den künstlerischen Geist des Komponisten herabzurufen. Der Überlieferung zufolge wollte Bruckner seine 9. Sinfonie „dem lieben Gott“ widmen. Das, was hier unter der Leitung von Simone Young geleistet wird, ist im höchsten Sinne gelungen. Die eher zurückhaltenden Madrilenen dankten es am Schluss beider Aufführungstage mit frenetischem Applaus – am zweiten deutlich durchsetzt mit Bravo-Rufen. 

Das Konzert in Madrid wird ein drittes Mal am 9.3. gegeben. Nur eine Woche später bietet Simone Young mit dem Spanischen Nationalorchester -  abermals an drei Abenden - ein „Kontrastprogramm“ zu Bruckner – mit den Sinfonien Nr. 7 und 8 (beziehungsweise 8 und 9) von Schubert, als dessen „musikalische Anwältin“ sie bislang noch nicht auffällig in Erscheinung getreten ist. Wer nicht das Glück hatte, diese Neunte von Bruckner in Madrid zu erleben, kann sie übrigens noch in Hamburg hören – dort bringt Simone Young mit den Philharmonikern Hamburg bis Jahresende 2014 die letzten drei Sinfonien des Komponisten (also Siebte, Achte und Neunte) zur Aufführung.

Christa Habicht, 7.3.2014

 

 

 

Braunschweig 

Neujahrskonzert   in der Stadthalle am 2. 1. 2014

Zum letzten Mal leitete Alexander Joel das traditionelle Neujahrskonzert des Staatstheaters in der Stadthalle. Entsprechend den Vorlieben von Braunschweigs scheidendem GMD gab es unter dem Titel „Ciao, Caro!“ Highlights der italienischen Oper. Neben dem in Hochform aufspielenden Staatsorchester unter der Leitung seines temperamentvollen Chefdirigenten war für mich der Star des Abends die Sopranistin Ekaterina Kudryavtseva. Das Braunschweiger Ensemblemitglied begeisterte in mehreren „Opern-Schlagern“, von „Mercè, dilette amiche“ aus der „Sizilianischen Vesper“ über Musettas „Quando me’n vo“ bis zur großen Szene der Violetta „Sempre libera“ und dem anrührend gestalteten „O mio babbino caro“. Höhen- und koloratursicher präsentierte die zierliche Russin ihre Solo-Nummern wahrlich mit Bravour. Ganz so stark war der Braunschweiger Tenor-Liebling Arthur Shen mit „E lucevan le stelle“ und „La donna è mobile“ nicht. Nach wie vor überzeugt der sympathische Sänger mehr in den lyrischen Teilen der Arien, so auch bei dem gleich zweimal als Zugabe gegebenen „Nessun dorma“. Dagegen hatte man bei den auf den letzten Reserven gesungenen, glanzlosen Höhen stets Angst, ob er ohne Blessuren oben an- und vor allem heil wieder herunterkam. Für den erkrankten Oleksandre Pushniak war Boris Statsenko aus Düsseldorf eingesprungen, der mit seinem kraftvollen Singen als Posa (im Duett mit Arthur Shen) und Rigoletto („Cortigiani, vil razza dannata“) positiven Eindruck hinterließ.

Ob es für ein Neujahrskonzert so ganz glücklich war, teilweise reichlich lärmende Stücke von Ottorino Respighi (aus „Fontane di Roma“, „Antiche danze“, „Feste Romane“ und „Pini di Roma“) als Programm-Gerüst zu nehmen und auch noch „Salomes Tanz“ als Zugabe (2014 ist R. Strauss-Jubiläumsjahr!) zu servieren, mag man bezweifeln – das Staatsorchester jedenfalls nutzte die günstige Gelegenheit, sein in allen Instrumentengruppen hohes Niveau unter Beweis zu stellen.

Jeweils tosender Beifall belohnte alle Akteure auf dem Podium, die als insgesamt vierte Zugabe auch noch das „Brindisi“ aus Verdis „Traviata“ präsentierten.

Gerhard Eckels 3.1.2014

 

 

 

STUTTGART/Liederhalle, 24.10.13

Das Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR

Dutilleux, Mahler  

EIN STÜRMISCHER ABSCHLUSS

Die Komposition "Tout un monde lontain" des französischen Komponisten Henri Dutilleux entstand in den Jahren 1967 bis 1970 als Auftragswerk des Dirigenten Igor Markevitch. Dutilleux starb dieses Jahr. Baudelaires Gedichtband "Die Blumen des Bösen" haben Dutilleux zu diesem höchst expressiven Werk inspiriert, das jetzt mit dem feinnervigen Cellisten Gautier Capucon sowie dem einfühlsam musizierenden Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter der energischen Leitung von Stephane Deneve zu hören war. Pizzicato- und Tutti-Passagen triumphierten hier mit ausserordentlicher Elektrizität. Ein faszinierendes Klangfarbenspiel stellte sich ein. Anklänge an Debussy, Ravel und Messiaen ließen nicht lange auf sich warten. Im zweiten Satz "Regarde" überraschten die großen melodischen Bögen, die sich dank des Spiels von Gautier Capucon immer weiter ausdehnten. Hier konnte sich der versierte Cellist voll entfalten. Spiegelbildliche harmonische Effekte fügten sich zu einem intensiven Klangkosmos zusammen. Im dritten Satz "Houles" fielen insbesondere die subtilen dynamischen Steigerungen auf, die den stürmischen Wechsel von Ebbe und Flut verdeutlichen. Pulsierende Akkorde und subversive Attacken des Solo-Instruments führten zu einem stürmischen Abschluss in Stretta-Form. Hohe Register des Soloinstruments meldeten sich im vierten Satz "Miroirs", wo ein Doppellicht geheimnisvoll durchzuschimmern schien. Massive Klangblöcke führten im Finalsatz zu einem weiteren großen Spannungsbogen. Der Cellist Gautier Capucon ging dabei ganz aus sich heraus.

Der Höhepunkt dieses Konzertabends war jedoch Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 6 in a-Moll, die so genannte "Tragische". Sie entstand in Mahlers erfolgreichstem Lebensabschnitt als Direktor der Wiener Hofoper. Das strenge viersätzige Prinzip der klassischen Sinfonie arbeitete der impulsive Dirigent Stephane Deneve sehr präzis heraus. Bekker meinte, hier sei der Kampf gegen die Starre vorgezeichnet - ein Aspekt, den Dirigent und Orchester gut verdeutlichten. Und die Staccato-Attacken des ersten Satzes mit den äussert hart und wuchtig musizierten Paukenschlägen gingen unmittelbar unter die Haut. Wieder löste sich das Thema in seiner ganzen Energie aus zahlreichen Kraftproben, schnellte dann chromatisch rasant hoch und prallte unmittelbar auf einen Trompetenakkord, der von Dur nach Moll wechselte. Wie ein Schicksalsspruch wirkte das Klangsymbol, dessen Intensität sich geheimnisvoll verstärkte. Nach dem feierlich betonten Choral setzte sehr schwungvoll das zweite Thema ein. Stephane Deneve gelang es immer wieder, die organische Substanz dieser komplizierten Partitur in einem endlosen Fluss zu halten. Und trotzdem uferte die vielschichtige Harmonik nirgends aus, sondern schien sich zu verfestigen. Die erregenden Klänge der Durchführung hatten es in sich: Alles Lastende und Schmerzliche wurde überwunden. Klangwunder und Entrückungsvisionen meldenten sich mit Abstrichen auch in den übrigen Sätzen. Vor allem die Blechbläser leisteten Ausserordentliches. Das wuchtige Scherzo hatte etwas Unheimliches und Fantastisches. Über Paukenschlägen behauptete sich dabei ein plumper Tanz und prallte wiederum auf das charakteristische Dur-Moll-Motiv im ersten Satz. Tanzmelodien in altväterischer Grazie mündeten in das wahrhaft unerbittliche Schicksalssymbol. Der Schluss drohte wiederum in einer dunklen Frage. Ein weiträumiger Sonatensatz beherrschte das Finale nach dem sehr melodiösen Andante moderato in breitem Tempo. Ungeheure Kräfte wurden bei der Sostenuto-Einleitung aufgeboten, dunkle Energien beherrschten die magisch akzentuierten Choralklänge. Leidenschaftlich begehrten die Marschthemen auf, bestätigten ein energisches Vorwärtsdrängen der gesamten Harmonik. Die wilde Gewalt wäre bei der einen oder anderen Stelle sogar noch steigerungsfähig gewesen. Doch Stephane Deneve stellte das elektrisierende Fieber immer wieder in den unmittelbaren Vordergrund. Und dann hatten die beiden Hammerschläge wirklich etwas Vernichtend-Unerbittliches. Die übermenschlichen Versuche, das Ungeheure zu überwinden, brachten auch das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR bis an die Grenzen der spieltechnischen Leistungsfähigkeit, wobei sich die einzelnen Motive ständig verdichteten. Insgesamt jedoch war es eine hervorragende Interpretation. Nach dem dritten Schlag fiel alles in Resignation, wobei wiederholt die ungewöhnlich raschen Tempi und der breite Duktus des Chorals besonders auffielen.

Alexander Walter, 25.10.2013                                  Foto: SWR

 

 

Münster, Paulus-Dom

Gedenkkonzert am 10. Oktober 2013

WAR REQUIEM

Am 10. Oktober 1943 ab 15.03 Uhr zerstörte ein Bomberangriff weite Teile der historischen Altstadt Münsters, Zielpunkt war das Westportal des Doms, sicherlich kein militärisches Ziel. Im Andenken daran wurde am 10. Oktober 2013 ebenfalls um 15 Uhr im wiederaufgebauten Dom nach Gedenkminuten mit Glockenläuten aufgeführt von Benjamin Britten das „War Requiem“ (Kriegsrequiem) op. 66 für Sopran, Tenor, Bariton, gemischten Chor, Knabenchor, grosses Orchester, Kammerorchester und Orgel, gleichzeitig auch passend zu Brittens 100. Geburtsjahr.. Im Gegensatz zu vielen seiner sonstigen Werke wählte Britten hier eine grosse Besetzung, wohl weil es sich um ein Auftragswerk handelte zur Einweihung der neuen Kathedrale von Coventry, die im Krieg von deutschen Bombern zerstört wurde – auch deshalb passend für diesen Tag in Münster. Hier fand schon zwei Jahre nach der Uraufführung  am 29. November 1964 in der Halle Münsterland die erste Aufführung  unter Leitung des damaligen GMD Reinhard Peters statt, ein grosser Fan von Britten, wie auch die von ihm geleitete deutsche Erstaufführung von „Gloriana“ zeigte.  

Der liturgische Text der katholischen Totenmesse wird von Britten  konterkariert durch Ausschnitte aus Gedichten Wilfred Owens, eines englischen Dichters, in denen er  seine grausamen Erlebnisse im I. Weltkrieg verarbeitete, an dessen Ende er mit 25 Jahren fiel. Für die erwähnten Gegensätze seien zwei Beispiele angeführt: Wenn gleich zu Beginn das erste „Requiem aeternam“  p ausklingt, setzt der Tenor ein „What passing-bells for those who die as cattle? “ (Welche Totenglocken für die die wie Vieh sterben?) Wieder nur als Beispiel sang der Chor im „Offertorium“, der heilige Michael solle die  Toten in das Licht geleiten,  dann als für den Chor schwieriges aber im Dom gelungenes Fugato,  in das Licht, das einst Abraham und seinen Nachkommen versprochen wurde. (quam olim Abrahae promisisti) Da hinein besingen Bariton und Tenor die von einem Engel abgewendete Opferung Isaaks durch Vater Abraham, aber der Schluß wird abgeändert, Abraham tötet seinen Sohn und danach „ half the seed of Europe, one by one“ ( die halbe Nachkommenschaft Europas, einen nach dem anderen“ Das „one by one“ wird  wiederholt in den folgenden Knabenchor hinein  und in die Wiederholung der Fuge vom Versprechen an Abraham.

Versöhnliche Töne kommen gegen Ende, wenn der Bariton als Motto singt „I am the enemy you killed my friend“ (Ich bin der Feind den du getötet hast, mein Freund) Diesem versöhnlichen Ansatz folgte schon Britten bei der Besetzung der Uraufführung, in der neben Peter Pears als Tenor der damals noch aus dem als feindlich empfundenen Deutschland stammende Fischer-Dieskau die Bariton-Partie singen durfte – heute noch auf CD erhältlich!

 In Münster verfuhr man  ähnlich. Der englische Tenor James Edwards und der deutsche Bariton  Thomas Laske sangen zunächst  abwechselnd  als feindliche Soldaten,dann zusammen die Texte von Owens, textverständlich, rhythmisch akzentuiert, wenn sie etwa den Tod verlachten, wunderbar legato, wenn  die Hörner auf dem Schlachtfeld beschrieben wurden, und ganz ergreifend p beim versöhnlichen Schluß., ohne jemals auf falsches Vibrato zu setzen  So wirkten der Philharmonische Chor Münster, als Laienchor auch Veranstalter des Konzerts,  der Domchor Münster und eben auch der Chor der York Musical Society aus Münsters englischer Partnerstadt mit, alle zusammen ein mächtiger Chor von fast 200 Sängern. Als Knabenchor sang die am Dom angesiedelte Capella Ludgeriana, begleitet von Domorganist Thomas Schmitz an der Orgel, geleitet von Christiane Alt-Epping.. Das getrennte Kammerorchester leitete Andreas Bollendorf. Der grosse Chor wurde begleitet vom Sinfonieorchester Münster unter Leitung von Martin Henning, der damit über zahlreiche Monitore auch die Gesamtleitung verantwortete.  

Grosser Chor und Sinfonieorchester waren platziert im Westchor des Doms, dem Angriffsziel der alliierten Bomber, getrennt von ihnen seitlich in der Mitte das Kammerorchester mit den beiden Solisten und ganz hinten nahe zur Orgel der Knabenchor, der ganz ätherisch klang, wirklich ein Chorus Angelorum, (Engelschor), wie er einmal singt. Durch diese Aufstellung im sakralen Raum  wurde ein Raumklangerlebnis erreicht, wie es ein Konzertsaal kaum bieten kann.

Größte Wirkung erzielte natürlich der Chor, beginnend fast gehaucht mit dem ersten „Requiem“ rhythmisch  exakt beim fast gesprochenen „Dies irae“, die Damen ganz elegisch beim „Recordare“ oder beim „Lacrimosa“. Zusammen mit ihm glänzte der Sopran  von Susanne Bernhard koloraturensicher bis in höchste Höhen etwa im „Sanctus“ und alle übertönend im „Dies irae“ Im mächtigen „Hosanna“ hatte der Chor allerdings Mühe, sich gegen die eruptive Klanggewalt des Orchesters, besonders des Schlagzeug, zu behaupten. Neben dem „normalen“ Orchester verwendet Britten so exotische Instrumente wie Kastagnetten, Gong, Glockenspiel oder sogar eine Peitsche beim „judicare saeculum per ignem“ (Gerechtigkeit durch Feuer) Beim „dies amara valde“ bebten etwas die Mauern des Doms, so bitter wurde der Tag durch Chor und Orchester dargestellt. Im Gegensatz dazu erklangen aus dem solistisch besetzten Kammerorchester wunderbare Soli, zarte Geigenklänge, weiche Holz- und Blechbläser, die Harfe klang, wenn der Engel Abraham vom Kindesmord zurückhalten will, „ himmlisch“.

Wenn im letzten  „Requiescant in pace“ (Ruhen sie in Frieden) alle Chöre mit den letzten Worten der Solisten „Let us sleep now“ pp verklangen, dabei endlich das das ganze Requiem beherrschende Tritonus-Intervall nach Dur aufgelöst wurde, war man fast zu Tränen gerührt... Nach dem Läuten der größte Domglocke verließen die Zuhörer ergriffen den auch an Stehplätzen überfüllten Dom, wohl auch dankbar für 68 Jahre Frieden nach der Zerstörung nicht nur Münsters. 

Sigi Brockmann

Fotos Stadtmuseum Münster (Trümmerbild), David Wilson (Veranstaltung) 

 

 

 

 

Wuppertal, Historische Stadthalle

Großer russischer Konzertabend

23.9.13 (2. Aufführung)                          

 

1. SINFONIEKONZERT

Klavierkonzert Nr.1 b-Moll op. 23 (Tschaikowski)

Märchen-Poem (Sofia Gubaidulina)

Le Poème de L´extase - 4.Sinfonie (Alexander Skrjabin)

 

Ein großer Abend für TOSHIYUKI KAMIOKA

 

„Der Geist, vom Lebensdurst beflügelt, schwingt sich auf zum kühnen Flug ...

Und es hallte das Weltall vom freudigen Rufe: Ich bin !“ (Alexander Skrjabin, 1906)

Alexander Skrjabins Sinfonie Nr.4 gehört zu den besetzungsmäßig gigantischen Werken des 20. Jahrhunderts. Sie kann trotz der Kürze von nur rund 20 Minuten Mahlers Sinfonie der Tausend, der Strauss´schen Alpensinfonie bzw. George Antheils Werken, den großen Schostakowitsch-Sinfonien und den Monstersinfonien von Havergal Brian bzw. der Vierten von Charles Yves (benötigt immerhin zwei Subdirigenten!) durchaus Paroli bieten. Für so ein seltenes Werk lohnt sich immer auch die weiteste Anreise. Die Aufführung dieser Konzertrarität ist stets ein Ereignis, ein beeindruckendes Erlebnis.

Eine gute Realisierung erfordert aufwendiges Proben - Probenzeit, die dem Piano-Forte-Concerto „Populare“ Nr.1 von Tschaikowski mit dem Jungstar Yevgeni Sudbin im selben Programm-Rahmen hörbar fehlte. Doch Schwamm über das durch allzuviel Mißbrauch in der Werbung leider zum Kurkonzert-Stück degenerierte, jedoch weltweit beim Publikum beliebteste, eigentlich aber doch ganz schöne Klavierkonzert Nr.1 b-Moll Opus 23. Aber muß es wirklich immer diese Geburtstagstorte sein? Immerhin war die Zugabe des jungen Pianisten (Cis-Moll Etude von Alexander Skrjabin) doch sehr eindrucksvoll. Kein Verlust, ein Warmlaufen, denn das Wuppertaler Orchester spielte sich dann im zweiten Teil des Abends regelrecht in einen „Rausch“ (wie eine Kollegin sehr reffend vermerkte) - ich würde sogar von einem "Weltklasse-Rausch" sprechen. Bravi tutti!

Vorangegangen war ein Kleinod zeitgenössischer Komponierkunst, ein Juwel, nämlich Sofia Gubaidulkinas „Märchen-Poem“ - ein traumhaft schönes ppp Stück, ideal als Konzertintermezzo und so exzellent dirigiert und vom Orchester traumwandlerisch konzentriert, sicher und sensibel umgesetzt, daß selbst der ansonsten immer friedliche sich zurück- und enthaltende Opernfreund-Kritiker P.B. am Ende lauthals bravierte. Sic!

 Natürlich zum erwarteten Entsetzen der vor mir sitzenden älteren Wuppertaler Musikfreunde, die sich mit verachtendem Entsetzen im Blick und kopfschüttelnd innerlich empörten... Ja liebe Wuppertaler Klassikfreunde! Ein Stück aus dem Jahre 1971 klingt halt nicht wie ein Stück von Puccini, Beethoven oder Mozart. Selbstredend hielten sich diese - sich allerdings wirklich in der Minderheit befindenden „Musikkenner“ - dann bei der folgenden skrjabinschen Gewaltorgie demonstrativ die Ohren zu oder schalteten ihre Hörgeräte ab, oder leiser...

Insgesamt muß ich aber eine Lanze für die Mehrheit des gestrigen Abo-Konzert-Publikums brechen, welches sich hoch konzentriert (ganz im Gegenteil zur z.B. hochblasierten Düsseldorfer Huster- und Schwätzer-Operngemeinde) der zugegebenermaßen nicht leichten Materie hingab und aufmerksam lauschte. Viel Beifall.

Doch Orchesterleiter Toshiyuki Kamioka, den ich persönlich für einen der absoluten Spitzendirigenten in Deutschland halte, hatte natürlich noch ein Bonbon für all die Geschädigten quasi als Zugabe und Heimkehrohrwurm parat: eine der wunderschönsten Melodien, die je komponiert wurden, nämlich einen musikalischen Traum, den Grand Pas de deux (Op.71 - Nr.14) aus Tschaikowskis „Nussknacker“. Gespielt im perfekten (natürlich sonst unüblichen) Klangrausch eines annähernd 140 Musiker zählenden Riesenklangkörpers - brillant, himmlisch, geradezu außerirdisch schön mit viel original russischem Rubato - versteht sich...

Was für ein grandioser Konzertabend. Dank an den Chefdirigenten auch für die außerordentlich intelligente und bravouröse Zusammenstellung. Glücklich strahlend, wie auf dem Eingangsphoto, darf er sich zurücklehnen.

Das war wirklich eine tolle, eine superbe Leistung.

Peter Bilsing / 24.9.13                     Orchesterbild (c) Andreas Fischer

 

Stadthalle Wuppertal

CARMINA BURANA 

Klangpracht mit Abstrichen

17.9.13 

Mitwirkende: Elena Fink, Sopran - Andreas Post, Tenor - Kay Stiefermann, Bariton

Wuppertaler Kurrende, Einstudierung: Dietrich Modersohn - Chor der Konzertgesellschaft Wuppertal e.V., Einstudierung: Marieddy Rossetto

Sinfonieorchester Wuppertal, Ltg. Toshiyuki Kamioka

Carl Orffs „Carmina Burana“ stehen für eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Seit der Uraufführung 1937 haben seine Vertonungen mittelalterlicher Gedichte und Lieder die Konzertsäle der ganzen Welt erobert. Dank Film und Fernsehwerbung gehören die „Carmina“ heute zu den populärsten Werken der modernen Klassik. Auf die Zugkraft der farbenprächtigen Melodien und energischen Rhythmen setzt das Wuppertaler Sinfonieorchester gern. 2005 konnte der frischgebackene Orchesterchef Toshiyuki Kamioka mit den „Carmina Burana“ sein Publikum für sich gewinnen. Acht Jahre später eröffnen seine Sinfoniker mit Orffs Erfolgsstück die Saison 2013/14. Wie damals ist die Historische Stadthalle bis auf den letzten Platz besetzt. Doch die Stimmung ist diesmal eine andere. Die Idee des kommenden Opernintendanten Kamioka, das Solistenensemble aufzulösen, hat ihm in den letzten Wochen viel Kritik eingebracht. In seiner Ansprache kann und will Oberbürgermeister Peter Jung die schwelende Diskussion nicht aussparen. Dabei sieht er persönlich die Sache ganz entspannt: „Haben Sie einfach ein wenig Vertrauen.“ Denn Kamioka, so Jung, sei als Intendant genauso kompetent wie als Generalmusikdirektor. Unter ihm habe auch die Theaterpädagogik eine Zukunft. Wie diese Zukunft konkret aussehen soll, verrät Jung allerdings nicht. Lieber wirbt er abschließend noch einmal um Vertrauen. Peter Jungs Ansprache hinterläßt einen faden Beigeschmack. Und den Gedanken, daß einem so zur Schau getragene Sorglosigkeit wirklich Sorgen machen muß.

Allen Bedenken zum Trotz: The show must go on. Die Orchestermusiker treten auf. Die Sängerinnen und Sänger der Konzertgesellschaft füllen die Empore. Begeistert werden die Solisten und Dirigent Kamioka begrüßt. Der Auftakt scheint den großen Applaus zu rechtfertigen. Die Hymne auf die launische Glücksgöttin – „Fortuna imperatrix mundi“ – beeindruckt durch die konzentrierte Interpretation. Punktgenau setzen Bläser und Pauken ein. Bereitwillig folgt der Chor. Selbst im Pianissimo ist die Artikulation tadellos. „Toll!“ murmelt eine Zuschauerin, nachdem die letzten Töne verklungen sind. Leider wird der hohe Energielevel beim folgenden „Fortune plango vulnera“ nicht gehalten. Der Männerchor, der a cappella einsetzt, wirkt unsicher und angestrengt. Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Aufführung. Gelungenes steht direkt neben weniger Gelungenem. Nach der fernöstlichen Einleitung von Flöte und Perkussion zelebriert der Chor in „Veris leta facies“ gekonnt den Frühling. Prächtig klingen die Frauenstimmen in „Floret silva nobilis“. Das Orchester darf sich in den Sätzen „Tanz“ und „Reie“ austoben. Kamioka gelingt es jedoch nicht immer, Chor und Orchester in der nötigen Balance zu halten. Besonders in den Abschnitten „In taberna“ und „Cour d’amours“ ist dies nicht zu überhören. Ohne Rücksicht auf Verluste übertönt hier die Orchesterstreitmacht die raffinierten Gesangslinien. Auch die jungen Sänger der Kurrende weiß der Dirigent nicht immer sicher anzuleiten. Bei „Amor volat undique“ geht manche Stimme eigene Wege. Mißtönend erklingt der Schlußakkord. Ein Lichtblick sind die drei Solisten. In „Omnia sol temperat“ schwingt in Kay Stiefermanns Stimme zwar noch eine gewisse Nervosität mit. Doch bei der italienisch gefärbten Baritonarie „Estuans interius“ ist er in seinem Element. Vergnügt lauscht man, wenn er in die Rolle des „Abts von Schlaraffenland“ schlüpft. Da trägt die jahrelange Erfahrung als Operninterpret Früchte. Gastsänger Andreas Post macht ebenfalls eine gute Figur. Unterstützt vom Männerchor, steigt der Tenor bei der komischen Arie „Olim lacus colueram“ gekonnt bis hinauf in den höchsten Falsett. Die größte stimmliche Palette deckt Sopranistin Elena Fink ab. „Stetit puella“ singt sie mit mädchenhaft zartem Organ. „In trutina“ fehlt es nicht an melodischem Schmelz. Selbst den mörderischen Koloraturen des „Dulcissime“ verleiht sie Kraft und Ausdruck. Spätestens jetzt ist der kritische Hörer halbwegs versöhnt und genießt einmal mehr die großartige Leistung des gesamten Ensembles beim finalen „Fortuna imperatrix mundi“.

Daniel Diekhans  

www.musenblaetter.de

(mit freundlicher Genehmigung unserers Kooperationspartner) 

 

 

 

 

Oberfrankenhalle Bayreuth am 26.08.13

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden spielen Wagner

EIN WUNDER DER DYNAMIK

Eindrucksvolles Konzert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in der Oberfrankenhalle/BAYREUTH Mit einem Paukenschlag wurde Richard Wagners "Wunderharfe" am Montagabend wiedererweckt: Christian Thielemann dirigierte die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Werken des Bayreuther Meisters wie aus einem Guss. Das Ensemble debütierte erstmals in Bayreuth. Zusammen mit dem exzellenten Tenor Johan Botha, der in diesem Jahr in Bayreuth erstmals den Siegmund singt, gelang dem Orchester unter Thielemanns Dirigat eine insgesamt großartige Leistung. Dies zeigte sich sogleich bei der Ouvertüre zum "Fliegenden Holländer". Fluch und Erlösung prägten sich hier als überaus vielschichtige Motive stark ein. Den sinnlichen Drang dieser Musik erfasste Thielemann in hervorragender Weise. Auf der anderen Seite war man bei dieser Wiedergabe von der Klarheit im Aufbau der Gedanken beeindruckt. Fahles d-Moll, schrill-hohe Holzbläser und hartes Tremolo der  Streicher wuchsen mit geradezu dämonischer Intensität zusammen. Das war eine wirklich aufwühlende Schilderung des Meeres, die es in sich hatte. Hörner und Fagotte brachten den Holländer-Ruf der leeren Quinte mit überwältigender Klarheit zu Gehör, während die Bässe in wilder Chromatik aufwärts stürmten.  Und die Streicher ergriffen mit fahler Intensität die Sturmfiguren. Ein Hoffnungsstrahl war dann das Aufblitzen der Oboe. Und in wilder Leidenschaft tobte der Sturm los, und über das Fluchmotiv siegte triumphal das Erlösungsmotiv. Eine echte Entdeckung folgte dann mit der "Faust"-Ouvertüre in d-Moll. Thielemann war so klug, hier Querverbindungen zur "Götterdämmerung" mit Alberich- und Hagen-Motiven zu schaffen. Das düstere Schreiten wurde ausgezeichnet getroffen. Das geschah in der Basstuba recht gespenstisch mit Kontrabässen zu dumpfem Paukenwirbel. Die Vorahnung des Faust-Motivs wirkte schemenhaft. Markante Oktavenschritte behaupteten sich hier machtvoll, wobei die Dresdner Staatskapelle die einzelnen Tonschritte mit klangmalerischer Präzision beschwor. Und das kraftvolle Oktavenmotiv begleitete die zarte Melodie des zweiten Themas, das verheißungsvoll in der Oboe aufschimmerte und Licht ins Dunkel brachte. Eine orchestrale Meisterleistung war auch die Ouvertüre zu Richard Wagners früher Oper "Rienzi", wo sich hinreißender Schwung majestätisch durchsetzte. Die dynamischen Steigerungen waren auch hier wirklich atemberaubend. Die intensiv geschwungene Melodie von Rienzis Gebet stieg sphärenhaft in Geigen und Celli auf, steigerte sich machtvoll und wurde im Fortissimo des ganzen Orchesters wiederholt. Der Piano-Trompetenton löste einen hier plötzlich wild hereinbrechenden Kampfestumult aus - und die brillant interpretierte Stretta entfachte einen rasenden Taumel, der das Publikum total begeisterte. Johan Botha hatte zuvor mit klarem, strahlendem und auch weichem Timbre das Gebet "Allmächt'ger Vater" des Rienzi beschworen. Ein absoluter Hörgenuss. Nicht weniger überzeugend gelang Christian Thielemann mit der Dresdner Staatskapelle das Vorspiel zu Wagners Oper "Lohengrin", wo wiederum Beethoven und Weber herauszuhören waren. Aus zartesten Flageolett-Tönen der Geigen entwickelten sich lichte Harmonien in den Streichern. Holzbläser und Hörner übernahmen in ständiger dynamischer Steigerung die präzise thematische Führung. Differenzierte dynamische Gestaltung kennzeichnete Christian Thielemanns Dirigat in der Oberfrankenhalle. Trompeten und Posaunen sorgten dann für einen glanzvollen Höhepunkt. Der Tenor Johan Botha griff die Gralserzählung des Lohengrin "In fernem Land" mit ebenmäßigen und leuchtkräftigen  Kantilenen auf. Es glückten ihm dabei strahlende Spitzentöne. Als Auftragswerk der Osterfestspiele Salzburg und der Sächsischen Staatskapelle Dresden war "Isoldes Tod" für Orchester von Hans Werner Henze aus den Jahren 2012/2013 zu hören. Hier wuchs Thielemann als dramatischer Orchestergestalter über sich selbst hinaus. Qualvolles Aufbegehren verdeutlichte die mit glühender Intensität musizierende Sächsische Staatskapelle Dresden stets mit emotionaler Aufgewühltheit. Kantable Partien  und virtuoser Elan des Passagenwerks wechselten sich atemlos ab. Zwar war entfernt Wagner zu spüren, aber der Komponist Henze sprach hierbei eine ganz eigene Sprache. Bei atonaler Grundhaltung wurden tonale Bindungen häufig aufgegeben. Die Synthese des 12-Töne-Prinzips mit erweiterter Tonalität blieb in geheimnisvoller Weise spürbar. Und vor allem der rhythmische Elan ging dabei unter die Haut. Die beste gesangstechnische Leistung vollbrachte Johan Botha bei der "Rom-Erzählung" des Tannhäuser, denn hier kamen die dramatischen Impulse nie zu kurz. Die Stimme besaß glücklicherweise auch keine klangliche Schärfe, sondern war stets geschmeidig. Das Gefüge der alten Dreiklangharmonik zeigte sich mit erschütternder Chromatik bei der Ouvertüre zu "Tannhäuser", wo man Richard Wagner einmal mehr als absoluten Musiker bewundern konnte.  Die herbe Größe der Pilgerchormusik schuf einen klanglich überaus wirkungsvollen Kontrast zum Aufblühen der Venusbergmusik und ihrem eindringlichen Erlöschen. Weitere Vorzüge dieser Wiedergabe waren die klarste Gliederung der Aufeinanderfolge und Wiederholung der einzelnen Themen und Themengruppen. Rauschhafte chromatische Färbung erinnerte schon an die "Tristan"- Musik. Wildeste rhythmische Bewegung und zarteste Melodik standen dicht beieinander. Bei der Zugabe, dem Vorspiel zum dritten Akt von Richard Wagners "Lohengrin", fesselten wiederum die dynamischen Kapriolen der Blechbläser. So hörte man dieses atemlos dahinbrausende Stück gleichsam völlig neu.

Alexander Walther, 27.08.13

 

 

 

 

Coburg, am 24.06.2013

Premiere für Programm von Weltformat:

Altus Matthias Rexroth

mit Liederabend „Wonne der Wehmut“

„Wonne der Wehmut“ war die Überschrift des Liederabends, den Altus Matthias Rexroth am Montag, dem 24.06.2013 in Coburg gab. Der Sänger, der international zu den besten Barock-Interpreten zählt, stellte in seiner oberfränkischen Heimatstadt ein romantisches Liedprogramm von Weltformat vor, mit dem er 2014 in Wien, Stuttgart, London und anderen prominenten Orten gastieren wird.

Der Verein der Musikfreunde e.V. veranstaltete das Konzert im Kongresshaus am Rosengarten. Unbekannte Perlen des Schumann-Zeitgenossen Robert Franz trafen auf berühmte Lieder von Richard Strauss. Außerdem gab es eine Uraufführung des Coburger Komponisten Gerhard Deutschmann. „Herbstbilder“ heißt das Opus 214 des musikalischen Lokalmatadors, in dem er drei Lieblingsgedichte des Sängers für ihn vertonte. Der Mann für gewisse Töne traf diesmal auf einen kleinen, aber dankbaren Zuhörerkreis. Und typisch für ihn - er begann den Abend mit unbekannten Ausgrabungen.

Josef Haydns „Original Canzonettas“ in englischer Sprache entstanden 1794/95 und stellen an den Sänger Anforderungen einer Miniaturoper, will man ihrem Ausdrucksreichtum gerecht werden. Matthias Rexroth und sein Klavierbegleiter Matteo Pais machten daraus einen fulminanten Beginn, was Prägnanz, Geschwindigkeit und Textverständlichkeit betraf – mit zwei Liebesliedern und einem stürmisch-fröhlichen Seemanns-Lied. In „The spirit´s song“, wo erst in unheimlichen und später versöhnlichen Tönen der Tod und das Danach besungen wird, erlebte man Rexroths Stimme in ihrem ganzen Tonumfang – aufsteigend vom kraftvollen, dunklen Brustregister der kleinen Oktave bis in leuchtende, zweigestrichene Höhen. Das Lied ging einerseits unter die Haut und zeigte andererseits exemplarisch die Gesangstechnik eines Altus, der Brust- und Kopfstimme verbindet, was großes Klangvolumen ermöglicht – im Gegensatz zum spröderen Klang eines klassischen Countertenors, der vibratolos und nur im Falsett singt.

Matthias Rexroth präsentierte eine Stimme, für die das Wort „Helden-Alt“ erfunden werden sollte: Kraftvoll expandierende Lautstärken aus zartem Pianissimo heraus, großzügig fließende Phrasen, wechselnde Farben und Ausdrucksnuancen, schauspielerische Wortbehandlung – und dazu Pathos, das nie gekünstelt wirkt.

Und doch war es weit mehr, als die vokale Show eines Sängers, der in allen Lagen zu absolut allem fähig ist: Speziell bei den Liedern des Schumann-Zeitgenossen Robert Franz (1815-1892) erlebte man Rexroth und seinen Begleiter Matteo Pais als zwei Künstler, die kompromisslos und tiefempfunden miteinander und mit dem Publikum kommunizierten: In einer Perlenkette aus pointierten, ein- bis zweiminütigen Stücken, deren Vortrag riskant ist, weil hier Singstimme und Klavier oft gleichzeitig einsetzen.

Gemeinsam erreichten sie eine bis in die Details perfekte und hochspannende Interpretation, inhaltliche Wendungen und Schockmomente inbegriffen. Der einzige Wehrmutstropfen des Abends war dem Coburger Kongresshaus als Mehrzweckräumlichkeit geschuldet: Zustand und Stimmung des Steinways verursachten einen dumpfen, wummernden Klang, der viele Facetten verschluckte, was Pianist Matteo Pais die Arbeit erschwerte. Als Nothalt für den an Bühnenaktion gewöhnten Sänger leistete der Flügel jedoch gute Dienste, egal ob dieser als tragisch liebender Schwärmer oder süffisanter Schlingel durchs Wechselbad der Gefühle ging ...

Kontemplativ gelangen die Deutschmann-Lieder von 2011 nach Texten von Friedrich Hebbel, Georg Trakl und Rainer Maria Rilke, aus deren nüchterner Klangsprache und Schlichtheit die beiden Interpreten intensive Atmosphären entwickelten, die dem übrigen Programm an innerer Qualität in nichts nachstanden. Sechs Lieder von Richard Strauss, darunter „Die Zeitlose“ und die „Heimliche Aufforderung“ schlossen den leidenschaftlichen Abend ab. Das Publikum reagierte begeistert. 

Neben der Wiederholung eines uraufgeführten „Herbstbildes“ erklangen zwei Klassiker als Zugabe, die Rexroth von einer dicken Schicht Klischees befreite und mit geradezu ursprünglicher Frische vortrug. Es waren die „Zueignung“ von Richard Strauss (die der Notation getreu in andächtigem Piano begann, bevor sie sich zum Hymnus steigerte) und „Guten Abend, gut´ Nacht“ von Johannes Brahms, dass unvergleichlich lieblich und leise erklang.

Weitere Auftritte von Matthias Rexroth und Matteo Pais mit dem Liederabend „Wonne der Wehmut“ sind für 2014 in Stuttgart, Wien und London in Planung.

Rosemarie Frühauf                                  Photo Johannes Ifkovits

 

 

Stadthalle Braunschweig am 13. Mai 2013

Gurre-Lieder

Einfach gigantischer Schönberg!

Zum Themenjahr „1913 – Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne“ gibt es in diesem Jahr eine Vielzahl von Veranstaltungen, die sich mit dem Jahr 1913 beschäftigen; äußerer Anlass ist „Europas letztes Rendezvous“, die Hochzeit des Welfenherzogs Ernst-August und der Kaisertochter Victoria Luise im Mai 1913. Dazu passen Arnold Schönbergs 1913 uraufgeführten „Gurre-Lieder“ perfekt, stand der Komponist doch damals mit seinen Werken an einem Wendepunkt: Nach den schon 1901 komponierten Liedern, die er bis 1911 in üppiger Spätromantik instrumentiert hatte, befand er sich zum Zeitpunkt ihrer Uraufführung längst in seiner atonalen, auf der Zwölftontechnik beruhenden Schaffensweise. Aber hier entwickelte er zur tragisch endenden, dänischen Sage von König Waldemar und dessen Liebe zur schönen Tove durch seine Besetzungswünsche Klänge in bis dahin nicht gekanntem Ausmaß. Mit den gewaltigen Dimensionen kam Braunschweigs GMD Alexander Joel mit dem aufgestockten Staatsorchester, dem Chor des Staatstheaters (Georg Menskes), dem Braunschweiger KonzertChor (Matthias Stanze) sowie den Domchören aus Braunschweig (Gerd-Peter Münden) und Berlin (Tobias Brommann) aufs Beste zurecht. Er sorgte mit temperamentvollem, aber präzisem Dirigat dafür, dass die in allen Gruppen mit den vielen herausragenden Soli ausgezeichneten Instrumentalisten die überaus vielfältigen Klangfarben gleichsam glühend ausmalten. Allerdings ließ er sie teilweise allzu stark schwelgen, sodass die Gesangssolisten trotz dezenter technischer Verstärkung in manchen Passagen ebenso wie die vielschichtigen Männerchöre ihre Mühe hatten, gegen die auch durch die massive Instrumentierung mächtig aufbrausenden Orchesterfluten anzukommen. Mit in allen Lagen heldentenoraler Kraft sang Erik Nelson Werner König Waldemar; dessen Geliebte Tove erfüllte Yamina Maamar mit gut durchgebildetem, höhensicherem Sopran. Dramatische Wucht kennzeichnete die Gestaltung der Stimme der Waldtaube, die Toves Tod zu verkünden hat, durch Dagmar Pecková und ihren volltimbrierten Mezzo. Gewohnt prägnant und klarstimmig porträtierte Tobias Haaks den grotesken Klaus Narr, während Selcuk Hakan Tirasoglu mit sonorem Bass die Angst des Bauern vor den nächtlichen Kriegsgesellen Waldemars verdeutlichte. Anne Schuldt deklamierte als Sprecherin mit ihrer charaktervollen Stimme die friedliche Naturstimmung, bis der Schlusschor das gewaltige Werk mit hymnisch strahlender, den Sonnenaufgang beschreibender Klangentfaltung beendete; tosender Beifall belohnte die über dreihundert Beteiligten.

Die „Gurre-Lieder“ sind noch einmal am 15.Mai 2013 im Berliner Dom zu erleben.

Gerhard Eckels     

 

 

 

Im Staatstheater Mainz am 13.04.2013

Festliches Wagner-Verdi-Konzert

Glanzvolle gesangliche Huldigung an die beiden Jubilare

Mit großem Erfolg startete das Staatstheater Mainz in die von ihm veranstaltete Wagner-Verdi-Woche. Das zu Ehren der beiden Jubilare Wagner und Verdi - beider Geburtstag jährt sich heuer zum 200. Male - veranstaltete Gala-Konzert geriet zu einem sensationellen Erfolg für alle Beteiligte und legte wieder einmal Zeugnis von dem hohen gesanglichen Niveau der Mainzer Oper ab. Operndirektorin Tatjana Gürbaca hat schon ein ausgezeichnetes Händchen für gute Stimmen. In Mainz wächst ein ausgezeichnetes junges Ensemble nach, das sich vor dem größerer Häuser wahrlich nicht zu verstecken braucht. Was einem an diesem überaus gelungenen Abend geboten wurde, hatte in sängerischer Hinsicht wirklich Festniveau. Das kann man von Florian Csizmadia am Pult leider nicht in gleicher Weise sagen. Das „Meistersinger“-Vorspiel, mit dem der Wagner-Teil eingeleitet wurde, dirigierte er noch kräftig, pathetisch, tiefgründig und mit breitem Klang, wobei er gemäßigte Tempi anschlug und das bestens disponierte Philharmonische Staatsorchester Mainz zu einem prägnanten, gut akzentuierten Spiel animierte. Dieses Niveau vermochte er im weiteren Verlauf des Abends nicht zu halten. Die am Anfang der Ouvertüre zu Verdis „I Vespri Siciliani“ stehenden weichen Kantilenen gelangen ihm ansprechend. Das große Revolutionspathos des anschließenden gewaltigen Orchesterausbruches hätte indes etwas fulminanter ausfallen können. Dass dieser Dirigent nicht gerade der feurigste ist, kam weiter bei Elisabeths Hallenarie, die nicht gerade spannungsreich geriet, deutlich zum Ausdruck. Bereits die Streicherkaskaden in der Einleitung, bei denen andere Dirigenten das Tempo enorm steigern und die Stelle mit höchster Glut präsentieren, wirkten ziemlich introvertiert und ausdruckslos. Wenn gerade dieses Stück zu Begeisterungsstürmen Anlass gab, dann lag das nur an der phänomenalen Vida Mikneviciute, die diese schwierige Arie mit Bravour bewältigte. Ihr hervorragend italienisch geschulter, sonorer, frischer und farbenreicher Prachtsopran, der zudem über eine sichere Höhe verfügt, wird immer kräftiger und ausdrucksstärker. In nicht allzu ferner Zukunft wird diese famose Sängerin, die zu den ersten Sopranistinnen des Mainzer Opernhauses gehört, im jugendlich dramatischen Fach angelangt sein. Auf ihre Freia in Hamburg Ende Mai kann man schon gespannt sein. Dass sie aber auch für das Verdi-Fach eine erste Wahl darstellt, wurde im zweiten Teil des Konzertes offenkundig, in der sie die erste Traviata-Arie „Ah, fors’ è lui“ mit herrlicher Italianita, einfühlsamer Linienführung, hinreißender Pianokultur und beseeltem Ausdruck zum Besten gab und das abschließende, bis zum hohen ‚es’ hinaufgehende „Sempre libera“ mit umwerfender Intensität meisterte. Die kurzen Einschübe des Alfredo gab mit ebenfalls bestens italienisch geführtem Tenor Thorsten Büttner, dessen große Stunde dann am Ende des Abends schlug, als er Verdis relativ unbekanntes, für die Londoner Weltausstellung 1862 komponiertes und eine echte Rarität darstellendes Werk „Inno delle Nazioni“ derart packend, schönstimmig, mit tollen Legatofähigkeiten und in jeder Lage bestens im Körper sang, dass er damit sogar den berühmten Jan Peerce, von dem eine Film-Aufnahme des Werkes mit Toscanini existiert, übertraf. Es war wahrlich eine Freude, ihm zuzuhören. Leider fand er in Csizmadia dabei nicht gerade einen einfühlsamen Partner. Etwas mehr harmonisches Eingehen auf die Bedürfnisse des Tenors seitens des Dirigenten, der sich nicht immer sängerfreundlich gab, wäre schön gewesen. Das gilt teilweise auch für andere Stücke des Konzerts. Dann gab Büttner noch den Grafen Lerma, der im „Don Carlo“ den Großinquisitor des markant und dämonisch singenden José Gallisa ankündigte, der sich im Folgenden mit dem ebenmäßig singenden Filippo von KS. Hans-Otto Weiß ein regelrecht unter die Haut gehendes Bass-Duell lieferte. Davor gab Weiß noch schön auf Linie singend und die langen Bögen der Arie des Filippo auf einen Atem nehmend ein berührendes „Ella giammai m’amò“. Aus dem „Don Carlo“ war zudem „O don fatale“ zu hören, das von Sanja Anastasia mit pastosem, tiefsinnigem Mezzosopran perfekt vorgetragen wurde und sowohl von dramatischer Attacke als auch von lyrischer Empfindsamkeit geprägt war. Bei Amneris’ Duett mit Aida gesellte sich Ruth Staffa zu ihr, die der Sklavin bis auf eine etwas unruhige Tongebung bei der Pianissimo-Stelle „Numi, pietá“, bei der sie die Luft etwas gegen den Kehlkopf schlug, gut entsprach. Noch besser gefiel sie in dem langen „Walküren“-Ausschnitt als Sieglinde in ihrer langen Szene mit dem einen angenehmen, solide focussierten Heldentenor aufweisenden Siegmund von Alexander Spemann, der die Wälse-Rufe bei „Ein Schwert verhieß mir der Vater“ jeweils neun Sekunden aushielt. Hier gelang ihr eine treffliche Darbietung von großer Eleganz, wobei sie sich bei den Jubelausbrüchen der Wotans-Tochter wohl bewusst etwas zurücknahm, um nicht in ein Tremolo zu verfallen, wie man es früher bei ihr öfters beobachten konnte. Richard Logiewa, Mitglied des Jungen Ensembles, sang als Einspringer für Patrick Pobeschin Wolframs Lied an den Abendstern mit berührender Melancholie, langem Atem und mit solider Körperstütze. Hier wächst ein vielversprechender junger Bariton nach, der es bei pfleglichem Umgang mit seinem kostbaren Material sicher noch weit bringen wird. Bei dem ebenfalls aus dem „Tannhäuser“ stammenden Einzug der Gäste konnte der von Sebastian Hernandez-Laverny vorzüglich einstudierte Chor sein großes Können unter Beweis stellen, ebenso wie bei dem als Zugabe ertönenden Dauerbrenner „Va, pensiero“ aus „Nabucco“.

Ludwig Steinbach, 14. 4. 2013

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